Schock

Lisa begriff mit einem Mal, dass Chris ihre Hand hielt. Ein paar Herzschläge lang verlor alles andere an Bedeutung: Die kreischende Bestie in ihrem Rücken, die ausweglose Flucht, die Todesangst … all das wurde zweitrangig.

Chris hielt ihre Hand. Das war alles, was in diesem Augenblick zählte.

Und dann ließ er sie los, und die rosaroten Wölkchen, die sich um Lisas Gemüt gelegt hatten, faserten auseinander, offenbarten die rabenschwarze Nacht dahinter, die Furcht, die Erschöpfung.

Sie waren noch immer auf der Flucht. Und es sah schlimmer für sie aus als jemals zuvor.

Der schwarze Storch war hinter ihnen. Keine zwanzig Meter mehr.

Erst hatten sie versucht, erneut die Küche zu erreichen. Doch das war ein aussichtsloses Unterfangen gewesen. Der Dämon hatte ihnen in der Eingangshalle den Weg abgeschnitten. Sie hatten nach links ausweichen müssen, fort vom Küchentrakt, durch den verlassenen Speisesaal und durch einen der Konferenzräume.

Jetzt stürmten sie keuchend eine schmale Treppe hinauf, die in die oberen Stockwerke führte. Der Versuch, den Dämon abzuschütteln, war misslungen. Nur die Enge des Treppenschachts hielt die Kreatur davon ab, noch schneller aufzuholen.

Chris hatte Lisas Hand losgelassen, um die Tür am oberen Treppenabsatz zu öffnen. Nachdem sie hindurch waren, warf er sie hinter sich zu. Aber der Dämon hatte dazugelernt; diese Tür würde ihn nicht einmal halb so lange aufhalten wie die vorherigen.

»Die Kommode!«, rief Chris und zeigte auf ein schweres Möbelstück gleich rechts von der Tür.

Lisa verstand. In Windeseile schoben sie die Kommode gegen den Türflügel. Eine bunte Vase, die darauf stand, fiel zu Boden und zerbrach.

Keine Zeit, um nachzudenken, was ihre Eltern sagen würden.

»Weiter«, rief Chris, ergriff Lisas Hand und zog sie mit sich.

Sie stürmten den Korridor hinunter, während hinter ihnen die Schnabelschläge der Kreatur wie ein Gewitter gegen die Tür donnerten.

Hinter der nächsten Biegung erreichten sie eine zerstörte Verbindungstür. Hier waren sie entlanggekommen, als sie vom Dach geflohen waren. Lisa warf Chris einen Seitenblick zu; sie sah ihm an, dass er sich im Irrgarten des Kerkerhofs nicht zurechtfand. Sie waren darauf angewiesen, dass sie selbst einen klaren Kopf behielt.

»Eine der Grundregeln aller Horrorgeschichten ist, dass die Helden immer in die falsche Richtung laufen«, zischte Chris. »Statt ins Freie zu rennen, wo es viele Fluchtwege gibt, laufen sie die Treppe hinauf, verstecken sich in irgendwelchen Sackgassen und warten, dass das Monster sie entdeckt.«

Lisa verstand nicht, auf was er hinauswollte.

»Und weißt du, was das Ungerechte ist?«, fuhr Chris fort. »Wenn wir ins Freie laufen, fängt uns der Storch auf jeden Fall. Draußen ist er viel beweglicher als wir. Das heißt, dass wir im Augenblick genau das Richtige tun – auch wenn alle Horrorfilme das Gegenteil behaupten.«

»Und was soll daran so ungerecht sein?«

»Dass dieses Vieh uns trotzdem fangen wird.«

Chris’ Offenheit erschütterte Lisa. Zugleich aber gab ihr seine Verzweiflung neuen Antrieb. Wenn er sie nicht retten konnte, dann musste eben sie selbst etwas tun. Irgendeine Idee, eine Art Rettungsring in ihrem Kopf …

»Ich hab’s!«, rief sie plötzlich aus. Ehe Chris eine Frage stellen konnte, lief sie an ihm vorbei und übernahm die Führung. Nun war sie es, die ihn an der Hand mitzog. Was für ein … nun, interessantes Gefühl!

Sie schlug den Weg durch die geborstene Verbindungstür zum Haupttreppenhaus ein.

»Wo willst du denn hin?«, fragte Chris und schnappte nach Atem. Trotz all seiner Sportlichkeit raubte auch ihm die Brenzligkeit ihrer Lage alle Reserven.

»Du wirst schon sehen.«

Chris blickte im Treppenhaus nach oben. Plötzlich durchschaute er sie. »Aufs Dach? Lisa, da waren wir schon – und es hat nicht besonders gut für uns ausgesehen.«

Sie passierten den zweiten Stock und nahmen die letzten Stufen, die hinauf zum oberen Absatz führten. Weiter unten im Treppenhaus schepperte etwas. Der Teufelsstorch hatte wieder Witterung aufgenommen.

»Überleg doch!«, fuhr Lisa Chris an, viel schärfer, als sie gewollt hatte. Beinahe erschrak sie über sich selbst. »Dort oben sind seine Eier. Er wird nicht zulassen, dass ihnen etwas zustößt.«

»Ein Grund mehr, einen verdammt großen Bogen darum zu machen!«, gab Chris zurück.

»Nicht, wenn wir eines der Eier in die Finger bekommen. Dann wird er sich dreimal überlegen, ob er uns angreift.«

Chris starrte sie an, halb beeindruckt, halb entsetzt. Aber sie sah ihm an, dass er sich über sie wunderte. Offenbar hatte er einen so wagemutigen Plan nicht von ihr erwartet. Innerlich glühte sie vor Stolz.

»Okay«, knurrte er schließlich. »Ich schätze, das ist der beste Plan, den wir haben.«

Lisa nickte. Gemeinsam bauten sie in Windeseile die Standleiter unter der offenen Dachluke auf. Dann hetzten sie hinauf, kletterten ins Freie. Die Sonne schien ihnen hell ins Gesicht. Dabei wäre doch Mitternacht viel passender gewesen. Und Vollmond. Vielleicht ein Schwarm Fledermäuse am Himmel.

Unten im Treppenhaus erreichte der Storch das zweite Stockwerk. Jagte weiter. Kreischte wutentbrannt, als er sah, wohin es seine Opfer zog.

Lisa und Chris erklommen die erste Schräge, schlitterten auf der anderen Seite wieder nach unten. Trotz Sonnenschein und Trockenheit war das Moos auf den Dachziegeln immer noch rutschig. Lose Schindeln wurden zu tückischen Stolperfallen. Ein scharfer Wind riss an den Kleidern der Freunde.

Vom Kamm der Schräge aus konnten sie die Satellitenschüssel sehen.

Dahinter lag der Dachfirst, der das Dämonennest vor ihren Blicken verbarg.

Lisa ballte die Fäuste. Sie schafften es! Mussten es schaffen! Es war ihre einzige Chance.

Sie hetzten über das Dach, an der Satellitenschüssel vorüber und den nächsten Ziegelhang hinauf.

Nur einmal schaute Lisa sich um. Hinter dem Dach, das sie zuletzt passiert hatten, erhob sich der schwarze Schädel des Dämons. Sein Schnabel sah aus, als sei er vor Zorn dunkel angelaufen; er hatte jetzt die Farbe von geronnenem Blut.

Sie erreichten den Dachfirst. Es war verlockend, einfach darüber hinwegzuspringen und auf der anderen Seite hinunterzurutschen.

Aber sie wussten beide, dass in der nächsten Senke das Nest des Teufelsstorchs lag, aus Dornenzweigen, die nicht von dieser Welt stammten, mit Stacheln, die nur darauf warteten, ungeduldige Eindringlinge aufzuspießen.

Nein, sie würden behutsamer vorgehen müssen.

 

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