Die Bibliothek
Auf den ersten Blick schien die Küche leer zu sein.
Der riesige Raum, fünfzehn mal fünfzehn Meter groß, lag still und verlassen da. Nur einige der Kellen und Töpfe schaukelten leicht in ihren Halterungen. Es war noch nicht lange her, dass jemand an ihnen vorübergegangen war.
Chris schaute über Kyras Schulter durch den Türspalt.
»Sieht gut aus«, flüsterte er den Geschwistern hinter seinem Rücken zu.
»Ja«, meinte Nils verdrießlich, »so wie auf dem Dach.«
Sie schoben sich hintereinander nach draußen. Noch immer griff niemand sie an. Kyra hielt es für unwahrscheinlich, dass sich der Dämon hinter einer der hölzernen Anrichten versteckte. Er war schlichtweg zu groß dafür.
Ihr Blick raste zur hohen Decke.
Ausatmen. Auch dort oben schwebte kein schwarzer Riesenvogel.
Nils ging vor dem Schott in die Hocke. Seine Fingerspitzen strichen über die Marmorfliesen.
»Auf jeden Fall haben wir uns das alles nicht eingebildet«, murmelte er. »Seht euch die Spuren an.«
Tatsächlich war der Boden mit Kratzern übersät. Manche waren so breit und tief wie ein Finger. Die Krallen der Kreatur zerschnitten Stein wie warme Butter.
Geduckt schlichen die vier an den lang gestreckten Anrichten vorbei. Sie schwitzten vor Anspannung und Sorge. Sie alle kannten Augenblicke wie diesen aus dem Fernsehen: Jeden Moment konnte der Dämon aus seinem Versteck hervorschnellen und über sie herfallen. Auf weißen Kacheln war Filmblut besonders dekorativ.
Aber das hier war die Wirklichkeit.
Kyras Herzschlag raste. Es war ihre Idee gewesen, den Kühlraum zu verlassen. Was, wenn sie die anderen geradewegs ins Verderben führte?
Denk nicht an so was!, schalt sie sich. Versuch, klar zu bleiben, dich zu konzentrieren …
Sie erreichten die Küchentür. Der Durchgang stand weit offen. Draußen auf dem Gang war der Teppich von den Krallen des Dämons zerfurcht. Nils hatte Recht: Seine Eltern würden zu viel bekommen, wenn sie sahen, was während ihrer Abwesenheit geschehen war.
Der Flur führte in die Eingangshalle. Die Freunde mussten den riesigen Saal durchqueren. Ihre nervösen Blicke zuckten hierhin und dorthin, streiften über die hohen Balustraden der oberen Stockwerke, durchsuchten angstvoll jeden Schatten. Der Storch war nirgends zu sehen. Kyra konnte kaum glauben, dass sie Recht behalten sollte. War die Bestie tatsächlich zu ihrem Gelege oben auf dem Dach zurückgekehrt?
Der nächste Korridor. Vorbei an einem Dutzend geschlossener Türen.
Allmählich spürte Kyra einen Hauch von Zuversicht. Vielleicht schafften sie es ja tatsächlich heil bis zur Bibliothek.
Hinter ihnen, in der Eingangshalle, ertönte ein lautes Rauschen: das Schlagen mächtiger Schwingen.
Der Storch stieß aus großer Höhe zum Boden herab. Die Kinder sahen ihn, als er kurz über dem Marmorboden der Halle abbremste und auf seinen spindeldürren Beinen aufkam.
»O nein!«, entfuhr es Lisa schrill.
Da rannten die vier auch schon los. Rannten, so schnell sie konnten.
