Vier Monster und ein Toter

»Was ist das?«, flüsterte Nils erschrocken.

Kyra, die den Kerzenleuchter hielt, blieb wie angewurzelt stehen. »Woher soll ich das wissen?«

Die schabenden Laute waren verklungen, und jetzt brach auch das leise Atmen ab. Was immer dort vor ihnen in der Finsternis gewesen war, es lebte. Wartete. Und hatte nach zweihundert Jahren gewiss einen Bärenhunger. Kyra überlegte, ob sie die Kerzen löschen sollte. Im Schein der Flammen gaben sie vortreffliche Zielscheiben ab für alles, was tödlich war: Krallen, Fangzähne, Schnabelhiebe.

»Glaubst du, er ist das?«, fragte Nils mit schwankender Stimme.

»Der Storch? Hier unten?«

Nils gab keine Antwort. Kyra spürte, dass er ebenso wie sie selbst drauf und dran war, sich einfach umzudrehen und davonzulaufen.

Denk an Lisa und Chris, ermahnte sie sich. Sie vertrauen dir.

Aber wenn sie tot war, konnte sie auch nichts mehr für die beiden tun. Angestrengt lauschte sie ins Dunkel. Nichts rührte sich.

»Und wenn es nur der Wind war?«, fragte sie.

Nils wirkte nicht sonderlich beruhigt. »Das klang aber nicht wie Wind.«

»Wie wär’s mit Ratten?«

»Hast du schon mal Ratten atmen hören?«

»Vielleicht eine Ratte mit Schnupfen.« Kyra unterdrückte ihre Furcht und machte einen weiteren Schritt nach vorne. »Komm schon. Wer weiß, wie lange Lisa und Chris ihn hinhalten können.«

Es war sehr kühl hier unten. Trotzdem wischte sich Nils mit dem Ärmel Schweiß von der Stirn.

Der Appell an seine Verantwortung für seine Schwester und Chris zeigte Wirkung. Er schloss zu Kyra auf, und gemeinsam gingen sie weiter.

Der Gang schien kein Ende nehmen zu wollen. Nur ein einziges weiteres Mal hörten sie raschelnde Laute aus der Dunkelheit. Als Kyra blitzschnell die Kerzen in die entsprechende Richtung hielt, sahen sie etwas Kleines, Dunkles in den Schatten verschwinden. Also doch Ratten.

Oder nicht?

Plötzlich brachen die Mauern rechts und links von ihnen ab. Der Korridor weitete sich zu einem Raum. Er war nicht groß, alle vier Wände waren undeutlich am Rande des Lichtkreises zu erkennen. Nicht weit vom Eingang befand sich ein morsches Bücherregal. Die Bände darin sahen aus, als würden sie bei der leichtesten Berührung zu Staub zerfallen.

Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich ein Durchgang, der in einen weiteren Tunnel führte.

Ein schrilles Kreischen ertönte.

»Das ist –«, entfuhr es Nils. Ihm blieb keine Zeit, die Warnung zu beenden.

Kyra duckte sich instinktiv. Etwas sauste über ihren Kopf hinweg, verfing sich in ihren Haaren und riss sie nach hinten. Sie schrie auf vor Schmerz, fiel zu Boden und prallte unglücklich auf ihr Steißbein. Einen Augenblick lang bekam sie keine Luft mehr, bunte Funken tanzten vor ihren Augen.

Nils war in Windeseile bei ihr. Seine Hände schossen über ihr Gesicht hinweg und bekamen das kreischende Ding zu packen, das sich in ihr Haar gekrallt hatte.

Kyra kannte dieses Kreischen. Kannte es genau.

Aber die Kreatur in Nils’ Händen war so klein!

Klein, aber mörderisch. Ein roter Schnabel, nicht länger als ein Brotmesser, hackte nach Nils’ Handrücken, schlitzte die Haut auf wie Pergamentpapier.

Nils schrie auf. Seine Finger öffneten sich im Reflex. Die Kreatur kam frei.

Der Kerzenleuchter war bei Kyras Sturz zu Boden gefallen. Eine Flamme brannte noch, die beiden anderen waren beim Aufprall erloschen. Das schwache Zwielicht reichte dennoch aus zu erkennen, um was es sich bei dem Wesen handelte.

Der kleine Storchendämon reichte Nils höchstens bis zum Knie. Trotzdem war er alles andere als niedlich. Sein ganzer Körper wirkte noch unproportionierter und verschobener als der des großen Dämons. Die Beine sahen im Vergleich zu seinem schwarz gefiederten Leib länger und dünner aus, noch spinnenähnlicher. Die weißen Augen schienen zu glühen, als sie den Kerzenschein reflektierten.

Und er war schnell. Viel flinker als die ausgewachsene Kreatur.

Das Wesen stand in Lauerstellung inmitten des Raums und starrte Kyra und Nils an. Kyra rappelte sich gerade wieder auf die Beine, als ihr klar wurde, warum die Kreatur sie nicht schon im Gang angegriffen hatte: Sie wartete auf ihre Artgenossen.

Im selben Moment lösten sich drei weitere Dämonen aus der Dunkelheit und gesellten sich zu ihrem Bruder.

Das Dämonennest auf dem Dach. Vier Eier.

Und jetzt … vier Junge.

Aber wie, zum Teufel, waren sie hier heruntergekommen?

Auf welchem Weg auch immer, der Riesenstorch musste sie gleich nach dem Schlüpfen hergeschickt haben. Sie waren hier, um den geheimen Keller zu schützen. Das wiederum bedeutete, dass der Dämon den Plan der vier Freunde durchschaut hatte.

Kyra verfluchte sich selbst. Sie musste sich endlich von der Vorstellung lösen, es mit Tieren zu tun zu haben. Ihre Gegner waren intelligent. Sie konnten Pläne schmieden – und die Pläne ihrer Feinde durchkreuzen.

Nils hatte den Kerzenleuchter vom Boden aufgehoben. Wie eine Waffe richtete er ihn gegen die Dämonenbrut. Er und Kyra gingen langsam rückwärts. Schritt um Schritt um Schritt.

Die Kreaturen wippten unmerklich auf ihren spindeldürren Beinen, sprungbereit. Jeden Augenblick konnten sie angreifen.

Kyra fingerte mit bebenden Fingern die Streichholzschachtel aus ihrer Hosentasche. Öffnete sie. Zog ein Hölzchen heraus.

Noch ein Schritt nach hinten, dann spürte sie die harten Ränder des Bücherregals in ihrem Rücken.

Eines der Wesen machte einen drohenden Satz nach vorne, bis auf einen Meter an Kyra und Nils heran. Es legte den Kopf schräg, beobachtete seine Gegner mit listiger Neugier. Das Wesen war eben erst geboren, Menschen waren ihm fremd.

»Ein Buch!«, zischte Kyra.

»Was?« Nils wagte nicht, sie anzusehen, starrte nur stocksteif auf die Kreatur zu seinen Füßen.

»Ein Buch«, flüsterte Kyra noch einmal. »Irgendeines. Mach schnell!«

Die drei übrigen Wesen staksten ebenfalls vorwärts und blieben neben ihrem Artgenossen stehen. Acht leere, weiße Augen musterten die Kinder. Messerscharfe Schnäbel klapperten auf und zu. Säuselndes Atmen ertönte, das Rascheln von schwarzem Gefieder.

Kyra hielt in der einen Hand die Streichholzschachtel mit der Reibfläche, in der anderen das Zündholz. »Nun nimm schon eines von den verdammten Büchern!«

Endlich verstand Nils. Ganz langsam griff er hinter seinen Rücken, zog blind eines der verstaubten Bücher aus dem Regal. Unendlich sachte streckte er es Kyra entgegen. Sie mussten vorsichtig sein, jede hastige Bewegung mochte die Dämonenbrut zum Angriff verleiten.

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