Das Nest

»Ein schwarzer Storch? Drei Meter groß?« Nils schüttelte ungläubig den Kopf. »Das hast du geträumt.«

Lisa funkelte ihren Bruder böse an. Er hatte strohblondes Haar wie sie selbst. »Ich hab nicht geträumt!«, fuhr sie ihn an. »Der Storch war da! Unten im Ballsaal!«

Die Geschwister standen auf dem Flur vor ihren Zimmern. Durch die offenen Türen fiel der Schein der Morgensonne. Lisa hatte gehofft, dass die Erlebnisse der Nacht bei Tageslicht weniger Furcht erregend erscheinen würden. Eben wie Träume. Stattdessen war sie jetzt nur noch überzeugter, dass ihre Begegnung mit dem Storch tatsächlich stattgefunden hatte. Genauso wie der Maskenball.

»Du spinnst«, meinte Nils schulterzuckend. Dafür hätte sie ihm am liebsten eine gescheuert.

Ein Pfiff ertönte vom anderen Ende des Korridors, dann eine Stimme: »Schöner Morgen, was?«

Chris und Kyra kamen den Gang herunter auf die Geschwister zu und gesellten sich zu ihnen.

Chris trug wie immer schwarze Jeans und ein schwarzes Sweatshirt. Auch sein Haar war pechschwarz. Unnötig, seine Lieblingsfarbe zu erwähnen. Er grinste zur Begrüßung und sagte gleich: »Habt ihr auch solchen Hunger? Warum steht ihr dann noch so rum? Kommt, wir gehen frühstücken.«

Kyra warf ihm einen strafenden Blick zu. »Nicht alle sind so verfressen wie du.« Sie hatte sehr wohl bemerkt, dass Lisa und Nils gerade miteinander stritten.

Kyras dunkelrotes Haar hing ihr offen über die Schultern. Manchmal steckte sie es genauso wild hoch wie ihre Tante Kassandra, mit einem Dutzend Spangen und Gummis und Haarnadeln, aber nicht heute. Sie sah verschlafen aus und wirkte keineswegs so gut gelaunt wie Chris.

»Also, was ist los?«, fragte sie ungeduldig.

Lisa druckste noch einen Moment lang herum, aber Nils platzte gleich mit der Wahrheit heraus: »Lisa sagt, sie hat Gespenster gesehen.«

»Ich hab kein Wort von Gespenstern gesagt«, brauste seine Schwester auf.

»’tschuldigung, einen Storch … natürlich.« Er zog eine Grimasse, fletschte die Zähne und krümmte die Finger wie ein Werwolf. »Und er war böööse …«

Lisa streckte ihm die Zunge heraus, obwohl sie ihm insgeheim etwas weitaus Schlimmeres antun wollte. Nils war nicht immer eine solche Nervensäge, aber manchmal, wenn es ihn überkam, konnte er unerträglich sein. Fand zumindest seine Schwester.

»Welche Art von Gespenstern?«, fragte Kyra besorgt.

Alle drei schauten sie verwundert an – sogar Lisa, die eigentlich hätte dankbar sein müssen, dass jemand sie ernst nahm.

Kyra sah von einem zum anderen. »Habt ihr es denn nicht bemerkt?«

»Was bemerkt?«, fragte Nils.

Chris seufzte und ließ sich mit dem Rücken gegen die Wand fallen. »Kyra meint die Siegel. Sie sind heute Nacht sichtbar geworden.« Er schob seinen rechten Ärmel hoch und zeigte den anderen die sieben Male, die auf seiner Haut erschienen waren.

Nils, der offenbar im selben Sweatshirt geschlafen hatte, das er auch jetzt noch trug, fiel aus allen Wolken. Hektisch raffte er seinen Ärmel nach oben und erstarrte.

Auch er trug die Sieben Siegel.

Lisa nickte. »Ich hab meine schon beim Waschen gesehen.« In spitzem Tonfall wandte sie sich an ihren Bruder: »Waschen – sagt dir das Wort was?«

»Ha, ha«, machte Nils mürrisch.

Kyra hielt ihren nackten Unterarm neben Lisas. Auf beiden schimmerten die Male. Sie sahen aus wie uralte Schriftzeichen.

»Wie war das also mit den Gespenstern?«, fragte Kyra noch einmal.

Lisa erzählte alles, was sie in der Nacht erlebt hatte – und diesmal wurde sie nicht mehr von Nils unterbrochen. Schweigend und geduldig lauschte er ihrem Bericht.

Nachdem sie geendet hatte, schob sie schnell ihren Ärmel hinunter. Aber die Kälte, die sie schaudern ließ, kam von innen. Die bloße Erinnerung an den Teufelsstorch verursachte ihr eine heftige Gänsehaut.

Ihren Freunden erging es nicht besser. Sogar Nils kreuzte beide Arme vor der Brust, so als friere er mit einem Mal ganz erbärmlich. »Und nun?«, fragte er.

Kyra dachte nach und wollte etwas sagen, aber Chris kam ihr zuvor und stieß sich mit einem Ruck von der Wand ab: »Nun gehen wir erst mal was essen. Wenn uns dieser Storch schon frühstücken will, soll er wenigstens satt davon werden.«

 

Schon Kyras Mutter war eine Trägerin der Sieben Siegel gewesen. Sie war kurz nach Kyras Geburt gestorben, doch bis dahin hatte man sie als erbittertste Gegnerin aller höllischen Mächte gefürchtet. Einst selbst eine Hexe, hatte sie bald allen, die schwarze Magie und Teufelsspuk praktizierten, den Kampf angesagt. Mithilfe eines Zaubers hatte sie das Mal der Sieben Siegel auf ihre Tochter übertragen – und ungewollt auch auf deren drei Freunde.

Als die Kinder die Wiederauferstehung des Hexenmeisters Abakus verhindert hatten, waren die Siegel auf sie übergegangen. Immer dann, wenn sie in die Nähe schwarzmagischer Kreaturen gerieten, wurden die Male auf ihren Unterarmen sichtbar. Dagegen half keine Seife und keine Scheuermilch.

Die Kleinstadt, in der die vier lebten, war im Mittelalter eine Hochburg der Hexerei gewesen. Noch heute besaß der alte Ort mit seinen Fachwerkhäusern und engen Gässchen eine besondere Anziehungskraft für die Mächte der Finsternis. Mehr noch galt dies jedoch für die Träger der Sieben Siegel: Sie waren wie Magnete, von denen die Kreaturen der Hölle angezogen wurden. Die Siegel waren seit vielen Jahrhunderten das Symbol jener, die sich dem Bösen entgegenstellten, ob sie wollten oder nicht. Und Dämonen machten keinen Unterschied, ob es sich bei ihren Gegnern um ein paar Kinder oder um mächtige Hexen wie Kyras Mutter handelte.

»Wenn ihr nicht zum Teufel geht, kommt der Teufel eben zu euch«, hatte Tante Kassandra bedauernd festgestellt. Sie wusste mehr über Kyras Mutter, als sie zugab, und ihr war anzumerken, wie betroffen sie das Schicksal der Kinder machte.

Doch auch Tante Kassandra hatte keine andere Wahl, als die Sieben Siegel zu akzeptieren – ganz gleich, ob als Fluch oder Segen.

 

»Deine Mutter hat uns das alles eingebrockt«, schimpfte Nils, als sie die Hotelküche verließen.

»Ohne meine Mutter hätte Abakus dein Blut getrunken«, gab Kyra trocken zurück. »Schon vergessen?«

Lisa nickte. »Hätte Kyras Mutter das ›Buch der Namen‹, auf das Abakus so versessen war, nicht mit dem Zauber der Sieben Siegel belegt, wären wir alle umgekommen.«

Als der Hexenmeister das Buch geöffnet hatte, hatte es ihn und seine Getreuen vernichtet – und die Male auf die Arme der Kinder gebrannt.

Nils war viel zu sehr in Fahrt, um nachzugeben. Er pochte mit der Linken auf seinen rechten Unterarm. »Mich hat sie jedenfalls nicht gefragt, ob ich scharf auf diese Dinger bin. Sieben Siegel, pah … zur Hölle damit!«

Chris kaute auf einer Toastscheibe mit Salzbutter. »Das könnte schneller passieren, als dir lieb ist, wenn wir diesen schwarzen Storch nicht loswerden.« Er wandte sich an Lisa. »Und du meinst wirklich, er sei es gewesen, der diesen Geisterball veranstaltet hat?«

»Auf jeden Fall ist er als Einziger übrig geblieben, als sich alle anderen in Luft auflösten«, erwiderte Lisa mit einem Schulterzucken. »Außerdem sahen die meisten von denen aus wie Menschen mit komischen Masken. Nur der Storch hat wirklich ausgesehen wie … na ja, eben wie ein Storch.«

»Drei Meter groß«, fügte Nils spitz hinzu. »Und mit schwarzen Federn.«

»Ganz genau«, gab Lisa verärgert zurück. »Und mit einem Schnabel so lang wie ein Schwert. Ich schätze, den würde er dir verdammt gern in den Hintern rammen.«

Kyra seufzte. »Wenn ihr noch mehr Zeit damit verschwendet, euch zu streiten, wird er das sogar ganz bestimmt tun.«

Nils riss sich zusammen. »Also?«

»Wie wär’s, wenn wir ihn suchen?«, schlug Chris vor.

»Und dann?«, entgegnete Nils. »Willst du ihn bitten, sein Nest woanders zu bauen?«

»Das ist es doch!«, rief Kyra aus. »Ein Nest! Alle Störche haben eins, oder? Und wo bauen sie die?«

»Auf dem Dach«, entfuhr es Lisa.

Kyra nickte. »Also los!«

Sie, Chris und Lisa wollten schon loslaufen, doch Nils blieb stehen. Früher war immer er es gewesen, der die verrücktesten Ideen ausgeheckt hatte – doch seit sie die Sieben Siegel trugen, war er vernünftiger geworden. Beinahe besonnen. Ob auch das eine Nebenwirkung der Male war?

»Wir haben nichts, um ihn zu vertreiben«, sagte er.

»Wir wollen ja auch erst einmal auskundschaften, wo das Vieh sich rumtreibt«, erwiderte Kyra.

Nils schaute ihr in die Augen. »Du nimmst das alles ganz schön leicht, meinst du nicht?«

»Haben wir denn eine andere Wahl?«, fragte sie. »Ich hab mir diese Dinger auf meinem Arm genauso wenig gewünscht wie du. Jetzt müssen wir uns nun mal damit abfinden.«

Chris hatte seine letzte Toastscheibe aufgegessen. »Wir könnten versuchen, ihn mit Futter anzulocken. Ich müsste nur noch mal in die Speisekammer und –«

Strafende Blicke aus drei Augenpaaren brachten ihn zum Schweigen.

»War ja nur ein Vorschlag«, murmelte er grinsend.

Nils zuckte mit den Achseln, dann schloss er sich den anderen an. Kyra hatte Recht: Ihnen blieb keine Wahl. Sie waren den Siegeln auf Gedeih und Verderben ausgeliefert.

Durch die Eingangshalle liefen sie hinaus ins Freie. Der Vorplatz, den der hufeisenförmige Bau des Kerkerhofs umschloss, war mit weißem Kies ausgelegt. Die Steine knirschten unter den Füßen der Kinder. Auf der offenen Seite des Vorplatzes erstreckte sich das Panorama der Hügellandschaft, in die Giebelstein und seine Umgebung eingebettet lagen. Ein kühler Wind wehte von den Weiden und Feldern herüber.

Die Kinder blickten an dem Gebäude hinauf. Die Dächer des Kerkerhofs waren wie ein Labyrinth – zahlreiche Giebel stachen wie umgedrehte Nasen aus den Schrägen, es gab kleine Türme und eine Unzahl von Kaminschloten, manche von gewöhnlicher Größe, andere so breit wie ein Mammutbaum.

»Könnt ihr irgendwas sehen?«, fragte Chris. Ein Windstoß wirbelte ihm schwarze Haarsträhnen ins Gesicht. Lisa fand, dass ihn das ziemlich verwegen aussehen ließ.

Kyras Blick streifte angestrengt über jeden Dachfirst. Auch sie konnte nichts entdecken. »Fehlanzeige«, murmelte sie.

Ausgerechnet Nils war es, der ihr widersprach. »Wartet! Seht mal da drüben.« Er deutete mit ausgestrecktem Arm auf das Dach des Südflügels.

»Was meinst du?«, fragte Lisa.

»Schau ganz genau hin. Da vorne, ungefähr zehn Meter neben der Satellitenschüssel.«

Jetzt sahen sie es alle. Aber keiner konnte ganz genau erkennen, um was es sich handelte.

Über dem Rand eines Dachfirstes schaute etwas hervor, das aus der Entfernung aussah wie ein Haufen schwarzer Wolle. Offenbar gab es dort eine Vertiefung im Gewirr der Dächer, die mit irgendetwas ausgefüllt war – es sah ein wenig aus wie der Kabelsalat hinter Kyras Stereoanlage.

»Glaubt ihr, das ist es?«, fragte Lisa. Ihr wäre es lieber gewesen, sie hätten nichts gefunden. Vielleicht hätte sich dann ja wirklich alles als Traum herausgestellt. Dafür hätte sie sogar die Blamage in Kauf genommen.

»Bestimmt«, meinte Chris. »Oder haben eure Eltern da oben so was wie ’ne illegale Müllhalde angelegt?«

»Natürlich nicht«, gab Nils empört zurück.

Kyra blinzelte, in der Hoffnung, dadurch Genaueres zu erkennen. »Zu weit weg«, murmelte sie.

»An der Stelle treffen mehrere Dächer aufeinander«, sagte Nils. »Es sieht aus wie ein kleiner Innenhof mitten im Dach, nur dass er nicht bis zum Boden hinunterreicht.«

»Einen besseren Nistplatz kann sich das Mistvieh gar nicht wünschen«, folgerte Kyra.

»Hat schon mal einer von euch überlegt, dass es ein echter Storch sein könnte?«, fragte Chris. »Ich meine, schwarze Störche sind selten, aber trotzdem gibt es welche. Ich hab schon Fotos davon gesehen.«

Kyra hob eine Augenbraue. »Waren auf den Fotos auch Geister mit Dämonenmasken, die rund um den Storch einen Reigen tanzten?«

»Vielleicht ist der Storch nur aus Versehen in diesen Ball hineingeraten.«

»So wie du vorletzte Nacht in die Speisekammer?«, fragte Kyra und grinste. »Solltet ihr etwa alle beide Schlafwandler sein?«

Chris verzog das Gesicht und schwieg.

»Hat jemand einen vernünftigen Vorschlag, was wir jetzt unternehmen könnten?«, fragte Nils.

»Hm«, machte Kyra nachdenklich. »Ich würde mir das da oben ganz gern mal aus der Nähe ansehen.«

Chris verdrehte die Augen. »Ich wusste, dass du das sagen würdest.«

»Nicht wahr?« Kyra schenkte ihm ihr strahlendstes Lächeln. »So was nennt man Gedankenübertragung.«

Lisa zögerte. »Ich weiß nicht … Ich meine, ich hab dieses Vieh gesehen, und es sah ziemlich gefährlich aus.«

»Eben«, sagte Kyra. »Und wenn wir nichts dagegen unternehmen, wird es ziemlich gefährlich werden

Nils nickte. »Zum Beispiel, wenn man sich in der Nähe seines Nests herumtreibt. Was, wenn es Eier gelegt hat? Es wird nicht glücklich sein, wenn wir seiner Brut zu nahe kommen.«

»Ich habe noch nie von Dämonen gehört, die Eier legen«, entgegnete Kyra.

»Und ich noch nie von welchen, die wie Störche aussehen und Nester bauen«, gab Nils zurück.

»Eins zu eins«, sagte Chris und beendete die Diskussion. »Wir stimmen ab. Wer ist dafür, aufs Dach zu klettern?«

Er und Kyra hoben die Hände, und kurz darauf, mit sichtlichem Widerwillen, folgte Lisa ihrem Beispiel.

Nils fühlte sich prompt von seiner Schwester hintergangen. »Aber gerade hast du noch gesagt, dass –«

»Dass es gefährlich ist, ja. Und dass ich Angst habe. Aber glaubst du wirklich, ich schlafe noch eine Nacht in diesem Haus, wenn dieses … dieses Ding da oben sitzt?«

Nils seufzte. »Wir sollten ein Fernglas mitnehmen. Und, ähem, vielleicht Messer oder so was in der Art.«

»Schwerter«, sagte Kyra.

»Maschinengewehre«, meinte Chris.

»Dynamit«, ergänzte Lisa.

Nils hob beide Hände und gab sich geschlagen. »Okay, okay … Aber das Fernglas hole ich trotzdem.«

Wenig später, nachdem Nils den Feldstecher seines Vaters aus dessen Arbeitszimmer besorgt hatte, schlichen sie eines der drei Treppenhäuser hinauf, die zum Dachboden führten. Die Stufen endeten auf einer Brüstung mit hölzernem Geländer. Von dort aus zweigten drei Türen in verschiedene Speicherräume ab; die meisten standen leer.

»Wie kommen wir am schnellsten aufs Dach?«, fragte Chris.

Nils deutete über ihre Köpfe zur Decke. Dort befand sich eine quadratische Luke, an deren Verschluss ein faustgroßes Vorhängeschloss baumelte.

»Mist!«, fluchte Kyra.

Nils hielt plötzlich etwas Silbernes in der Hand, das er klimpernd vor Kyras Gesicht baumeln ließ – einen Schlüsselbund.

»Ich hab nicht nur das Fernglas aus dem Zimmer meines Vaters geholt«, sagte er mit listigem Grinsen.

Kyra atmete auf. »Gut gemacht.«

Chris hatte derweil eine hohe Klappleiter herbeigeschafft, die neben einer Tür an der Wand gelehnt hatte. In Windeseile war sie aufgebaut und Chris hinaufgeklettert.

»Welcher ist es?«, fragte er, als Nils ihm den Schlüsselbund reichte.

»Keine Ahnung. Ich schlag vor, du probierst einfach alle aus.«

Chris kletterte zur Spitze der Leiter und musste freihändig auf der oberen Sprosse balancieren, um die Schlüssel der Reihe nach in das Vorhängeschloss zu stecken. Die Leiter stand nur einen Meter von der Brüstung entfernt, hinter deren Geländer der Abgrund des Treppenhauses gähnte. Chris wirkte nach außen hin ruhig, doch wenn man genau hinsah, konnte man die Schweißtropfen auf seiner Stirn sehen. Ihm war keineswegs wohl in seiner Haut.

»Was, wenn der Storch uns hört?«, fragte Lisa plötzlich.

»Tagsüber schläft er«, meinte Nils.

»Wer sagt das?«

Nils hob die Schultern. »Nur ’ne Vermutung.«

»Sehr beruhigend.«

Da zischte Chris von oben: »Ich hab ihn.« Und schon sprang der Stahlbügel des Schlosses auf. Mit einem Blick herab zu seinen Freunden vergewisserte er sich, dass alle seine Entschlossenheit teilten. Dann presste er die Luke mit einem Keuchen nach außen. Die rostigen Scharniere verursachten ein schrilles Kreischen, das bis nach Giebelstein zu hören sein musste.

»Jetzt weiß er, dass wir kommen«, maulte Nils verdrossen.

Lisa lächelte schief. »Ich denke, er schläft? Waren das nicht die Worte des großen Meisters persönlich?«

»Dann ist er jetzt eben aufgewacht«, gab Nils gereizt zurück.

Kyra hatte die Nase voll vom Gezänk der Geschwister. Es war immer dasselbe mit den beiden: Insgeheim ein Herz und eine Seele, aber nach außen hin wie Katz und Maus. Ein wenig war es so wie zwischen ihr und Chris – nur dass sie niemals wirklich böse aufeinander wurden. Keilereien wie bei Lisa und Nils gab es zwischen ihnen nicht. Eher verlegene Blicke, wenn einer von ihnen merkte, dass er im Unrecht war und sich schämte, seine Niederlage einzugestehen.

Tageslicht ergoss sich von oben über Chris. Ein helles Viereck leuchtete über seinem Kopf wie der Rumpf einer fliegenden Untertasse. Die Luke zum Dach stand offen. Ein scharfer Windstoß wehte von außen herein.

»Na dann …«, flüsterte Chris und hangelte sich geschickt durch die Öffnung. Sekunden später kniete er außen am Rand der Luke und streckte den anderen beide Hände entgegen.

»Scheint sicher zu sein hier oben«, rief er mit gedämpfter Stimme.

Lisa atmete tief durch. »Okay, ich geh als Nächste.«

Nils Wut verrauchte auf der Stelle. Er kletterte hinter seiner jüngeren Schwester her und hielt sie fest, bis sie mit Chris’ Hilfe hinaus aufs Dach geschlüpft war.

»Kyra, komm! Jetzt du!«, rief er dann hinunter.

Kyra aber schüttelte den Kopf. »Kletter du zuerst. Ich komme nach.«

»Soll ich dich nicht festhalten?«

»Nur weil wir Mädchen kleiner sind als ihr Jungs, heißt das nicht, dass wir alle unter Höhenangst leiden.«

Lisa kicherte leise über ihren Köpfen.

»Wie du meinst«, knurrte Nils, warf Kyra aber noch einen besorgten Blick zu und zog sich dann ins Freie. Er hatte sich kaum mit dem Rücken zur Luke aufgerichtet, als Kyra schon hinter ihm herkletterte. Schließlich standen alle auf dem Dach des Treppenhauses und schauten sich um.

Die Dächer des Kerkerhofs waren wie eine Landschaft aus künstlichen Hügeln und Tälern. Hier oben wirkte das unübersichtliche Auf und Ab der Dachziegelschrägen noch beeindruckender als vom Boden aus. Der Rand des Daches war von hier aus nicht zu sehen, so weitläufig waren die Giebel, Türmchen und Firste des Hotels. Alles war mit einem Teppich aus dunklem Moos überwuchert, überall klebten Vogelkot und die Überreste kleiner Nester. Für Tauben und ihre Artgenossen mussten diese Dächer ein Paradies sein. Jetzt aber zeigte sich kein einziger Vogel. Auch das Pfeifen und Trillern, das sonst um diese Jahreszeit in der Luft lag, war verstummt.

Die Anwesenheit des schwarzen Storchs hatte alle anderen Vögel in die Flucht geschlagen. Wieder musste Kyra sich ins Gedächtnis rufen, dass es sich bei dem Storch nicht wirklich um ein Tier handelte. Er war ein Dämon aus den Tiefen der Hölle; mit einem Vogel verband ihn so viel wie einen Mörderhai mit einem harmlosen Goldfisch.

»In welcher Richtung liegt das Nest?«, fragte Kyra.

»Wenn es überhaupt ein Nest ist«, gab Nils zu bedenken.

Lisa deutete geradeaus. »Da vorne. Wenn wir diese Schräge hinaufklettern, müssten wir die Satellitenschüssel sehen können. Von dort aus sind es nur noch ein paar Meter.«

Sie erklommen das Dach, auf das Lisa gezeigt hatte, und tatsächlich konnten sie in einiger Entfernung die schimmernde Schüssel erkennen. Das schwarze Knäuel, das sie von unten gesehen hatten, lag jedoch hinter einer weiteren Schräge verborgen. Zum Leidwesen aller mussten sie noch näher heran.

»Jetzt keinen Laut mehr«, wisperte Chris. Als ob ihnen das nicht auch so klar gewesen wäre!

Sie passierten die große Satellitenschüssel. Der runde Metallschirm überragte die Kinder um eine Haupteslänge. Falls sich dahinter jemand versteckte … aber, nein, niemand war da. Kein schwarzer Storch. Kein Dämon.

 

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