Beim Erguß des Samens, der bei einem schlafenden Menschen ohne Mitwirken eines Traumbildes, lediglich aus der Natur des Menschen heraus sich einstellt, wird die Glut im Mark nicht angefacht, weshalb er denn wie Wasser, das durch mäßige Wärme nur lauwarm ist, ausgeschieden wird.
Paul räumte die Hanteln weg und ging in die Küche. In der Kanne stand noch der restliche Tee vom Morgen. Er entsorgte das kalt gewordene Getränk, füllte den Wasserkocher und nahm die Teedose aus dem Schrank. Er hatte immer wieder Griesers Stimme im Ohr, wie sie im Bett lagen und über den Haderer-Cartoon im Stern gelacht hatten. Sie hatten überhaupt viel gelacht, fand Paul.
Er griff nach dem Hefezopf, den er sich von der Bäckerei nebenan mitgenommen hatte. Er schnitt zwei Scheiben ab und legte sie auf einen Teller, stellte Butter und Stachelbeermarmelade daneben und trug es hinüber ins Wohnzimmer. Nachdenklich starrte er aus dem Fenster, bis ihn das leise Klicken aus der Küche an den Tee erinnerte. Er kehrte in die Küche zurück, füllte die Kanne mit kochendem Wasser, versenkte den Teefilter darin und trug sie zusammen mit einer Tasse nach nebenan.
Das Läuten der Türklingel unterbrach seine Gedanken. Paul warf erstaunt einen Blick auf die Uhr. Es war kurz vor siebzehn Uhr, und er erwartete keinen Besuch. Besorgt dachte er an Emma. Sie war gestern Abend so aufgelöst gewesen.
Paul ging zur Wohnungstür und griff zum Hörer der Gegensprechanlage. Dann fiel ihm wieder ein, dass sie seit einer Woche defekt war. Er betätigte den Türöffner und öffnete die Wohnungstür. Das Echo des Summers war bis nach oben zu hören. Paul wohnte im dritten Stock eines Mietshauses in der Schwetzinger Vorstadt Mannheims. Er blieb in der Wohnungstür stehen und lauschte. Emma konnte es eigentlich nicht sein, sie hatte leichtere Schritte und ging meist schneller. Paul war erstaunt, als Grieser um den Treppenabsatz bog.
Erfreut sah Paul ihm entgegen. Dann fiel ihm wieder ein, dass er gestern den Mund nicht hatte halten können. Schuldbewusst zog er die Schultern hoch und hoffte, dass Grieser das nie erfahren würde.
Grieser erreichte keuchend den Treppenabsatz und nickte Paul sprachlos zu. Die drei Stockwerke machten den besten Sportler fertig.
Paul lachte. »Komm rein«, sagte er und stieß die Wohnungstür weiter auf. Grieser trat schwer atmend in seine Diele. Paul schloss die Tür und begrüßte Grieser mit einem Kuss. Dann ging er voran in das Wohnzimmer. Grieser folgte ihm zögernd.
»Tee? Oder Kaffee?«
Er wies mit der Rechten auf sein Sofa. Grieser setzte sich. Neugierig sah er sich um. Paul folgte seinem Blick und betrachtete amüsiert seine Reaktion, als er die Staffelei entdeckte.
»Du malst?« Grieser erhob sich, um näher an die Leinwand heranzutreten. »Darf ich?«, fragte er.
Paul nickte. »Tee?«, wiederholte er.
Grieser stimmte zerstreut zu. Paul ließ ihn im Wohnzimmer zurück und ging in die Küche. Er nahm einen Becher aus dem Schrank, stellte einen Teller dazu und legte Messer und einen Löffel zurecht. Dann schnitt er weitere Scheiben vom Hefezopf ab und ordnete sie auf einem Teller. Das Geschirr stellte er auf ein Tablett und kehrte ins Wohnzimmer zurück.
Grieser stand noch immer vor der Staffelei und betrachtete fasziniert das Bild, an dem Paul seit einigen Tagen arbeitete.
»Du malst mit Kreide?«, fragte er und sah zu dem offenen Holzkasten, in dem Paul eine bunte Mischung aus farbigen Kreidestücken verwahrte.
»Am liebsten mit Ölfarben«, entgegnete Paul. Er trat zu seinem niedrigen Wohnzimmertisch und hob die Sachen vom Tablett hinüber auf den Tisch. »Aber das stinkt bestialisch. Also male ich in der Wohnung lieber mit Kreide und nur ab und zu mit Öl.«
Grieser nickte.
»Das ist eine Studie der Häuserwand gegenüber«, fügte Paul hinzu.
Grieser musterte die Häuser der gegenüberliegenden Straßenseite, vierstöckige Stadthäuser im Jugendstil. Dann kehrte sein Blick zu Paul zurück.
»Du hast richtig gelegen, was Karfreitag betrifft«, sagte er mit rauer Stimme. »Was erwartet uns am Sonntag?«
Paul zog die Augenbrauen hoch, dann schüttelte er den Kopf.
»Ich weiß es nicht. Es war einfach eine Ahnung. Ich weiß nicht mehr als ihr. Ich …« Er starrte Grieser hilflos an und spürte Beklommenheit, die langsam in ihm aufstieg.
»Paul«, begann Grieser mit belegter Stimme.
»Schon gut«, sagte Paul und hob die Hand. Dann ließ er sie wieder sinken. Er lächelte schwach. Grieser räusperte sich und fuhr sich unruhig durch das Haar.
»Ich bin eigentlich nur hier, um eines klarzustellen«, begann Grieser.
Paul atmete tief durch. Unvermittelt klingelte es an der Tür. Grieser runzelte die Stirn.
»Ich habe keine Ahnung, wer das sein könnte«, sagte Paul. An der Wohnungstür betätigte er erneut den Türöffner. Schon zwei Sekunden später war ihm klar, dass Emma auf dem Weg nach oben war. Sie hätte sich keinen schlechteren Moment aussuchen können. Paul wartete ungeduldig, bis Emma auf dem Treppenabsatz unter ihm auftauchte. Sie stöhnte und nahm dennoch leichtfüßig die letzten Stufen.
»Tut mir leid«, sagte Paul leise, »ist gerade ein verdammt schlechter Moment. Ich melde mich später bei dir. Okay?«
Emma zog die Augenbrauen zusammen. Zögernd blieb sie zwei Stufen unter ihm stehen.
»Okay«, antwortete sie mit gedämpfter Stimme. »Ich hab was Neues, was die Morde in Bingerbrück betrifft. Wenn du Zeit hast, dann melde dich.«
Paul nickte.
»Guten Tag, Frau Prinz«, erklang hinter ihm Griesers Stimme. »Ist ja vielleicht eine gute Gelegenheit, miteinander zu sprechen. Außerhalb beruflicher Zusammenhänge.«
Emma sah Hilfe suchend zu Paul. »Guten Tag, Herr Grieser«, erwiderte sie gedehnt. »Ist vielleicht gerade kein guter Moment.«
Grieser trat neben Paul in die Wohnungstür. Paul bemerkte, wie Emma unsicher zwischen ihm und Grieser hin und her blickte.
»Wir hatten ja bisher noch keine Gelegenheit, uns näher kennenzulernen.« Grieser bemühte sich um ein Lächeln. »Paul hat mir erzählt, dass sie gute Freunde sind.«
Emma nickte. »Wir können ja gelegentlich gemeinsam ausgehen«, sagte sie ausweichend, »wenn alles vorbei ist. Das fände ich schön.« Sie ging langsam die Treppe wieder hinunter.
»Möchten Sie sich denn nicht einen Moment zu uns setzen?«, beharrte Grieser und warf Paul einen auffordernden Blick zu.
»Das können wir doch auch ein andermal …«, begann Paul hilflos. Er spürte, wie von Sekunde zu Sekunde Griesers Misstrauen wuchs. »Komm schon herein, Emma«, sagte er dann. »Du könntest mit uns einen Tee trinken.«
Emma gab seinem Wunsch widerstrebend nach. Paul nickte ihr ermunternd zu und schloss hinter ihr die Tür. Vorsichtig sah er Grieser nach, der ins Wohnzimmer voran ging. Paul wandte sich Emma zu und legte den rechten Zeigefinger auf seine Lippen. Emma zuckte mit den Achseln.
Dann sah er, dass Grieser in der Tür stehen geblieben war und sie nachdenklich beobachtete. Paul zuckte zusammen. Schnell ging er an Grieser vorbei in sein Wohnzimmer. Auf einmal hatte er das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen. Er ging zum Fenster und öffnete es. Aufatmend drehte er sich um.
»Bitte«, sagte Paul und bat Emma und Grieser mit erhobener Hand, auf dem Sofa Platz zu nehmen. Doch Grieser schien es sich anders zu überlegen. Er ging auf das Fenster zu, blieb dann unmittelbar vor der Staffelei stehen und blickte Paul finster an. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und beide Hände in den Achseln vergraben, als wäre ihm kalt. Dann wandte er sich Emma zu.
»Paul hat Ihnen vermutlich erzählt, dass Markus Hertl mit seinem eigenen Penis erstickt wurde«, sagte er.
Paul erstarrte. »Ich …«, sagte er hastig.
Grieser brachte ihn mit einer herrischen Handbewegung zum Schweigen.
Emma sah Grieser offen an. »Paul wollte es nicht erzählen. Ich habe ihn gestern Abend so lange genötigt, bis er damit herausgerückt ist. Ich musste es einfach wissen, um besser mit seinem Tod klarzukommen.«
Griesers Brust senkte und hob sich merkbar. Paul rieb sein Gesicht und wagte nicht, ihn anzusehen.
»Ich glaube, es ist besser, wenn ich jetzt gehe«, sagte Grieser schlicht und warf ihm einen finsteren Blick zu. Paul sprang auf.
»Peter«, sagte er lahm, doch Grieser war schon aus der Tür. Paul wandte den Kopf und blickte Emma düster an.
»Das tut mir leid«, sagte Emma zerknirscht.