Denn wie ein Schiff gefährdet ist in den großen Wellen, die in den Flüssen bei starken Winden und Stürmen sich erheben, so daß es zeitweilig nur mit Mühe sich halten und Widerstand leisten kann, so kann auch im Ansturme der Lust die Natur des Mannes nur schwer gebändigt und zurückgehalten werden.
Die Sonne war längst hinter den Häuserfassaden verschwunden und zeichnete lange Schatten auf den Klosterhof. Schwester Lioba wandte sich vom Fenster ab und ordnete die Papiere auf ihrem Schreibtisch. Hinter ihrer Stirn spürte sie einen dumpfen Schmerz, ihre Kehle schmerzte. Schuldgefühle quälten sie. Sie hatte Miriam gedrängt, dem Konvent zu helfen. Sie hatte die anderen zu ihrer Weihe eingeladen, um Miriam zu überzeugen. Sie hatte die Geister von damals gerufen, und nun führten sie ein Eigenleben.
Schwester Lioba ging zu ihrem kleinen Altar hinter der Tür. Dort standen auf einer Kommode das Kreuz, das ihr die ehrwürdige Mutter Mechthild zur ewigen Profess geschenkt hatte, und eine Ikone der geliebten Hildegard von Bingen, ihrem Vorbild, dem sie so wenig gerecht werden kann.
Sie sank auf die Knie und faltete die Hände. Ihre Knöchel traten weiß hervor. Dann hörte sie auf, gegen die Tränen zu kämpfen.
»Es ist Hochmut, die Sünde der Hochmut«, flüsterte sie und spürte die Tränen auf ihren Wangen. »Wie kannst du nur glauben, dass du die Verursacherin bist von all diesem Übel. Du bist nur ein Werkzeug Gottes, hast deinen Willen ihm untergeordnet und hast geschworen, alles zu tun, um dem Konvent zu dienen. Die Gemeinschaft ist dir anvertraut, ihr musst du dienen, und nichts anderes hast du getan. Alles andere ist nicht deine Schuld, es lag nicht in deiner Verantwortung.«
Ein Schluchzen schüttelte sie. Sie spürte, dass sie kurz davor war, die Fassung zu verlieren.
»Nimm dich nicht so wichtig«, flüsterte sie. Die Tränen liefen unaufhörlich über ihre Wangen. In wenigen Minuten fand die Vesper statt, ihre Mitschwestern würden sehen, dass sie geweint hatte. Sie schämte sich für diesen Gedanken. Sie hatte eine langjährige Freundin verloren, und es stand ihr zu, um diesen Menschen zu weinen.
»Ave Maria, gratia plena, Dominus tecum«, flüsterte sie rasch. Sie klammerte sich an die Worte, die ihr halfen, nicht in diesem Sumpf aus Schmerz, Selbstmitleid und Schuld zu versinken. »Benedicta tu in mulieribus, et benedictus fructus ventris tui, Jesus.«
Allmählich versiegten die Tränen. Schwester Lioba betete noch einige Ave Maria. Sie spürte, dass sie ihre Selbstbeherrschung zurückerlangte. Voller Dankbarkeit senkte sie den Kopf tiefer und betete den Schluss des Rosenkranzes. »O clemens, o pia, o dulcis Virgo Maria.«
Es klopfte. Schwester Lioba schreckte hoch. Sie spürte die Nässe auf ihren Wangen.
»Einen Moment bitte«, sagte sie scharf und stützte sich mit beiden Händen auf ihr rechtes Knie. Sie drückte sich hoch, kam stöhnend zum Stehen und brauchte einen Moment, bis der Schwindel nachließ. Dann ging sie rasch zu ihrem Schreibtisch und griff nach den Papiertaschentüchern, die in der obersten Schublade bereitlagen. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, trocknete sich die Nase und ordnete ihren Schleier.
Schwester Lioba setzte sich auf ihren Schreibtischstuhl und betätigte den Schalter der Leselampe. Der Lichtkegel war auf ihre Schreibtischunterlage gerichtet und erfüllte den Raum mit diffusem Licht.
»Ja, bitte«, rief sie. Schwester Lioba räusperte sich und hoffte, dass sie ihrer Stimme die Festigkeit geben konnte, die sie ihrer Meinung nach in diesem Raum immer haben sollte.
Die Tür öffnete sich und Schwester Brigitta schob ihren Kopf durch den Spalt. Dann blieb sie unentschlossen in der halb geöffneten Tür stehen. Sie war eine kräftig gebaute Frau in den Vierzigern, mit Pausbacken und einem leichten Silberblick.
»Ehrwürdige Mutter«, sagte sie zögerlich. Ihre Stimme bebte.
Schwester Lioba betrachtete sie zweifelnd. Wenn Schwester Brigitta in ihrem Büro auftauchte, dann hatte das nichts Gutes zu bedeuten. Sie wusste von ihrer Vorgängerin, dass Schwester Brigitta ihr Seelenheil darin suchte, das vermeintlich gefährdete Seelenheil anderer zu retten. Meist gegen deren Willen.
»Kommen Sie doch bitte herein, Schwester Brigitta, und setzten Sie sich«, sagte Schwester Lioba. Es war das erste Mal, dass Schwester Brigitta mit einem solchen Anliegen zu ihr kam. Sie zweifelte nicht daran, dass es das Übliche war, und nahm sich vor, ein für alle Mal klarzustellen, dass sie in ihrem Konvent keine Denunziationen duldete.
»Ich weiß, es ist nicht meine Aufgabe«, sagte Schwester Brigitta demütig, setzte sich und richtete den Blick entschlossen auf ihre Knie. »Aber ich bin davon überzeugt, dass die ehrwürdige Mutter Oberin wissen möchte, wenn ein Schaf die Herde verlässt und dann nicht mehr den Weg in die Gemeinschaft zurückfindet.«
»Schwester Brigitta«, unterbrach Schwester Lioba die mit Pathos vorgetragenen Worte, »was möchten Sie mir sagen?«
Ein Auto startete im Klosterhof. Schwester Lioba registrierte erleichtert das Knirschen der Reifen im Schotter und das leiser werdende Motorengeräusch. Die Polizei hatte die Klosteranlage verlassen. Zum Abendgebet konnten sie in die Abteikirche zurückkehren, das hatte ihr die Kommissarin fest versprochen.
»Ein Mitglied unserer Gemeinschaft pflegt eine ...« Schwester Brigitta wand sich und suchte nach Worten, »... ein unziemliches Verhältnis zu einem Mann hier im Ort.«
Schwester Lioba atmete tief durch. Dann stand sie auf, umrundete ihren Schreibtisch und blieb vor Schwester Brigitta stehen. Wäre sie in einem anderen Moment gekommen, dann hätte sie Schwester Brigitta zu einem ernsten Gespräch gebeten. Doch heute fehlte ihr die Kraft.
»Ich bin überzeugt davon, Schwester Brigitta«, sagte sie stattdessen knapp, »dass Sie es ernst meinen und um das Seelenheil Ihrer Mitschwester ernstlich besorgt sind. Lassen Sie es nun damit gut sein, und überlassen Sie es mir, mich darum zu kümmern.«
Zum ersten Mal hob Schwester Brigitta den Blick. Sie wirkte verblüfft, ihr linkes Auge schielte nun etwas stärker als zuvor.
»Aber wollen Sie nicht wissen ...«, begann sie.
»Wenn unsere Mitschwester die Zeit für gekommen hält, das Gespräch zu suchen, wird sie den Weg zu mir finden. Dann ist es früh genug«, erwiderte Schwester Lioba streng.
Verunsichert erhob sich Schwester Brigitta. Ebenso zögerlich, wie sie gekommen war, verließ sie das Büro wieder. An der Tür blieb sie ein letztes Mal stehen, drehte sich halb um.
»Aber weil doch die Polizei wissen möchte ...«, wandte sie mit zittriger Stimme ein.
Schwester Lioba musterte sie scharf.
»Gibt es irgendetwas, was Sie über den Mord in unserem Kloster wissen? Etwas, das zur Aufklärung dieses furchtbaren Verbrechens beiträgt?«
Schwester Brigitta erstarrte. Ihr Blick irrte durch das Zimmer. Dann senkte sie demütig den Kopf.
»Nein, ehrwürdige Mutter«, sagte sie mit leiser Stimme.
»Wenn Sie etwas zur Aufklärung des Todes meiner ehemaligen Schulkameradin beizutragen haben, dann wenden Sie sich bitte an die Polizei«, sagte Schwester Lioba eindringlich.
Schwester Brigitta schwieg.
»Andere Vorkommnisse in dieser Gemeinschaft sollten der Privatsphäre unserer Schwestern und unseres Konvents vorbehalten bleiben«, fuhr Schwester Lioba fort.
Schwester Brigitta zwinkerte. Schwester Lioba fürchtete, dass sie jeden Moment in Tränen ausbrechen würde.
»In wenigen Minuten ist Zeit für die Vesper«, sagte sie versöhnlich. »Heute können wir uns wieder zum ersten Mal in der Abteikirche zum Gebet versammeln. Bitte geben Sie unseren Mitschwestern Bescheid, dass wir uns heute nicht in der kleinen Kapelle einfinden, sondern in der Kirche.«
Ein Leuchten ging über das Gesicht der Schwester. Sichtlich erfreut eilte sie davon.
Schwester Lioba seufzte und trat vor ihren Altar. Sie senkte demütig den Kopf und dankte Gott für die Stärke, die er ihr gegeben hatte und die sie in der nächsten Stunde noch brauchen würde. Es war das erste Mal, dass sie seit dem Morgen, an dem sie Miriams Leiche auf dem Altar vorgefunden hatten, wieder in ihrer Abteikirche den Gottesdienst halten konnten. Es war ein schwerer Moment, aber sie war entschlossen, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Die Gemeinschaft sollte so schnell wie möglich zum Alltag zurückkehren, der ihnen allen mit seiner Routine die Kraft geben würde, ein gottgefälliges Leben zu führen.
Wenige Minuten später betrat Schwester Lioba die Kirche. Dankbar sog sie den vertrauten Geruch ein. Einige Schwestern saßen bereits an ihrem angestammten Platz im Chorgestühl und versenkten sich ins Gebet. Andere eilten herbei, beugten das Knie vor dem Kreuz und suchten ihren Platz auf.
Die Glocke läutete seit einigen Minuten zum Gebet. Wenn der letzte Ton verklungen war, würde, wie schon Jahrhunderte zuvor, auch die letzte Schwester auf ihrem Platz sein und sich dem Stundengebet widmen. Dann würde Ruhe einkehren, in ihrer Kirche und auch in ihrem Herzen, zumindest für die Zeit des gemeinsamen Gebets. Eine Ruhe, die kostbarer war als alles andere. Schwester Lioba empfand Liebe, als ihr Blick über die Köpfe der ihr anvertrauten Mitschwestern glitt. Unwillkürlich fragte sie sich, welche der andächtig versammelten Schwestern ein Verhältnis zu einem Mann hatte und zugleich den Schein einer gehorsamen Ordensfrau aufrechthielt.
»Vater hat mir versprochen, dass er mir morgen mehr darüber erzählt, was die Ereignisse im Internat mit Mutters Entscheidung zu tun hatten, wieder nach Hamburg zu gehen«, sagte Emma leise. Sie saß, während sie telefonierte, in ihrem Bus und blickte auf die gegenüberliegenden Weinberge. Die Sonne zog ihre Strahlen ein wie eine Schnecke ihre Fühler und verkroch sich hinter dem Bergkamm.
»Sieh an«, erwiderte Andrea. Emmas Schwester war vorsichtig, wie immer, wenn sie über die Trennung ihrer Eltern sprachen. Sie war älter als Emma und hatte bereits damals die Trennung der Eltern bewusst hinter sich gelassen.
»Ich habe gestern mit ihm telefoniert«, sprach Emma weiter. »Er meinte wie immer, dass es eigentlich nichts zu erzählen gibt. Gleichzeitig hat er gesagt, dass er längst mit uns beiden darüber sprechen wollte.«
»Emma, sei mir nicht böse, für mich ist gerade ein schlechter Moment, die Kinder haben Hunger, und Sven wird bald da sein.«
»Du drückst dich mal wieder«, erwiderte Emma enttäuscht.
»Ach hör doch auf«, sagte Andrea. Ihre Stimme klang nun schriller, wie immer, wenn sie sich ärgerte. »Ich habe das alles hinter mir gelassen. Und das soll auch so bleiben.«
»Die Ereignisse im Internat waren der Auslöser für ihre Trennung, das kann dir doch nicht egal sein«, sagte Emma aufgebracht. Im gleichen Moment ärgerte sie sich, dass sie nicht den Mund halten konnte. Das war nicht der richtige Moment, um einen alten Streit aufzuwärmen.
»Ach, Emma«, erwiderte Andrea resigniert.
»Du, ich habe nicht angerufen, um mit dir zu streiten«, sagte Emma rasch. Sie strich sich über die Stirn. Ihre Augen brannten. »Eigentlich wollte ich nur erzählen, dass ich im Moment eine interessante Geschichte recherchiere. Ich bin in Bingerbrück in einem Kloster, dort ist die Leiche einer Frau auf dem Altar gefunden worden.«
»Ja, hab ich gelesen«, erwiderte Andrea versöhnlich. »Im Fernsehen haben sie auch was darüber gebracht. Klingt schon merkwürdig. Gibt es denn Hinweise, wer das getan hat und warum?«
»Deshalb habe ich gestern Vater angerufen«, sagte Emma zögerlich.
»Ach«, sagte Andrea überrascht. Emma hörte die beiden Kinder im Hintergrund. Lautes Kinderlachen erklang, dann ein helles Kreischen. Andrea blieb von dem Kampfgetümmel ihrer Kinder unbeeindruckt.
»Die tote Frau hatte eine frische Tätowierung in der Leiste«, erklärte Emma. »Die gleiche Tätowierung wie bei dem Mönch damals, der in Vaters Internat Selbstmord begangen hat.«
Emma hörte ihre Nichte im Hintergrund rufen. Ihre Schwester schwieg.
»Andrea?«, fragte Emma zweifelnd. »Bist du noch dran?«
»Ja, ich bin noch da«, erwiderte Andrea. »Davon habe ich bisher nichts mitgekriegt. Ich frage mich gerade, was das zu bedeuten hat. Die Polizei kann doch nicht ernsthaft annehmen, dass es eine Verbindung gibt.«
»Ich habe das aus einer sicheren Quelle«, sagte Emma. »Die Polizei hat das bisher noch nicht offiziell rausgegeben. Die tote Frau war eine Schülerin von Pater Benedikt, ich kann mir nicht vorstellen, dass es keinen Zusammenhang gibt.«
»Und was hat das mit Vater zu tun?«
Die Dämmerung schob sich aus dem Tal die Hänge hinauf. Die Straßenlampen zwischen den Weinbergen glühten im versiegenden Tageslicht wie verlöschende Streichholzköpfe.
»Ich wollte eigentlich nur von ihm wissen, was er von damals noch in Erinnerung hat«, sagte Emma. »Deshalb habe ich ihn angerufen.«
»Und?«, fragte Andrea, und Emma hörte die Anspannung in ihrer Stimme. »Du glaubst jetzt nicht wirklich, dass es damals was gab, womit Vater zu tun hatte?« Andrea schien zwischen Lachen und Ärger hin und her gerissen zu sein.
»Wenn ich das ernsthaft annehmen würde, könnte ich keinen Artikel darüber schreiben«, erwiderte Emma. »Aber ist doch merkwürdig, damals gab es Ärger, weil es hieß, er hätte etwas mit dem Selbstmord des Mönchs zu tun. Und dann trennt sich Mutter von ihm. Vielleicht gab es ja wirklich etwas, was er getan hat?«
»Das hast du ihm nicht ernsthaft vorgeworfen, oder?«, fragte Andrea entsetzt.
»Ich habe nichts in die Richtung zu ihm gesagt«, erwiderte Emma gereizt. »Du denkst immer, ich will da was ausgraben, was es gar nicht gibt.«
»Gott sei Dank«, murmelte Andrea. »Du warte mal einen Moment, da hinten ist es verdächtig ruhig, ich muss eben sehen, was die Kinder machen.«
Ihre Schritte hallten. Emma sah ihre Schwester vor sich, wie sie mit dem Telefon in der Hand nach hinten zum Kinderzimmer ging. Sie glaubte zu hören, wie sich eine Tür leise öffnete und ebenso leise wieder schloss. Dann hörte sie wieder Andreas Stimme.
»Sie spielen Mutter und Kind«, sagte ihre Schwester erleichtert. »Mal sehen, wann Erik sich weigert, mit Maike zusammen Puppen zu spielen.« Dann klang ihre Stimme entschlossen. »Also ich denke nicht, dass Vater mit dem Selbstmord was zu tun hat. Und ich bin davon überzeugt, dass die Geschichte nichts mit der Trennung zu tun hat. Basta.«
Emma lächelte. Sie sah ihre Schwester vor sich, wie sie als kleines Kind die Arme verschränkte und trotzig »basta« rief, wenn sie eine Diskussion beenden wollte.
»Aber trotzdem ist sie damals gegangen«, beharrte Emma. »Wenn nichts dran gewesen wäre, dann hätte sie doch bleiben können.«
»Hör mal, Emma«, sagte Andrea, und nun war sie es, die gereizt klang. »Darüber haben wir schon so oft gesprochen. Da sind wir einfach anderer Meinung.«
»Aber es muss doch einen Grund geben, dass sie ausgerechnet zu dem Zeitpunkt gegangen ist.«
»Na also, dann sind wir endlich da angekommen, worum es dir die ganze Zeit geht«, sagte Andrea. »Du bist überzeugt davon, dass Vater schuld daran ist, dass sie uns verlassen hat. Das ist dein Beweggrund, nicht der Mord im Kloster.«
»Ach, so ein Blödsinn.« Emma stand auf und musste sich bücken, um nicht an die Decke zu stoßen. Mit der freien Hand schob sie die Seitentür des Busses auf und machte einen Schritt nach draußen. Aufatmend streckte sie sich. »Das ist eine rein berufliche Recherche. Ich bin an der Geschichte dran, und es könnte sein, dass ich damit einen Volltreffer lande. Dass Vater Insider-Wissen hat, ist ein echter Heimvorteil, dadurch komme ich an Informationen, die meine Kollegen nicht haben.«
»Mach dir doch nichts vor, du willst mit Vater was klären, darauf wartest du doch schon lange«, erwiderte Andrea. Sie klang wütend.
»Jetzt reg dich doch nicht so auf«, sagte Emma beschwichtigend und rieb sich die Augen. Sie wollte sich jetzt nicht mit ihrer Schwester streiten.
»Du, ich muss Schluss machen, die Kinder, da ist was passiert«, sagte Andrea hastig. Wie zur Bestätigung erklang unvermittelt lautes Geschrei.
Das Gespräch wurde getrennt. Emma drückte die Ende-Taste ihres Handys. Sie atmete einige Mal tief durch, konzentrierte sich auf ihre Füße, machte einen Schritt nach vorne, noch einen, spürte die Steine unter ihren Fußsohlen und den Wind auf ihrer Haut. Ihr erhöhter Puls kam allmählich zur Ruhe. Sie war dankbar, dass sie noch die Kurve gekriegt hatten. Eine Auseinandersetzung würde nur alte Wunden aufreißen und nichts bringen.
Emma kehrte zum Bus zurück und holte sich eine warme Jacke. Dann ging sie hinunter zu dem Spazierweg, auf dem sie noch vor kurzem mit Hertl unterwegs gewesen war. Mit Blick auf den Rhein, der längst in der Dunkelheit versunken war, schritt sie einige hundert Meter nach unten. Ihr Atem beruhigte sich, und auch ihre Gedanken wurden klarer. Sie blieb stehen. Ihr Blick ruhte auf dem gegenüberliegenden Bergkamm, der sich deutlich gegen den Abendhimmel abhob. Sie sah auf das Handy in ihrer Hand. Andrea hatte vor sieben Minuten aufgelegt. Zeit genug, um ein schmerzendes Kinderknie zu verarzten und Tränen zu trocken. Emma drückte die Wahlwiederholtaste. Nach kurzem Klingeln meldete sich ihre Schwester.
»Ja?«, fragte sie, und Emma glaubte eine gewisse Sorge aus ihrer Stimme zu hören.
»Ich wollte nicht mit dir streiten«, sagte Emma versöhnlich. »Es tut mir leid. Ich wollte eigentlich nur erzählen, dass Vater meinte, bei so einem Gespräch sollten wir beide dabei sein. Ist es in Ordnung für dich, wenn wir trotzdem morgen darüber sprechen, auch wenn du nicht dabei sein kannst? Das wäre für meinen Artikel wichtig.«
»Mir ist es nicht so wichtig wie dir«, erklärte Andrea. »Mir wäre es ohnehin zu weit, extra deshalb nach Heidelberg zu kommen.«
Sie wohnte in Bad Wilhelmshöhe, im Westen Kassels, das waren rund vier Stunden Fahrt nach Heidelberg.
»Ich erzähl dir dann, wie’s war«, sagte Emma.
»Aber mach ihm keine Vorwürfe«, bat Andrea. »Er hat unter Mutters Tod genauso gelitten wie wir. Er macht sich schon selber Vorwürfe genug, dass er nicht mitbekommen hat, wie sie da reingerutscht ist.«
»Ist in Ordnung«, sagte Emma versöhnlich. Sie ließ Grüße an Sven und die Kinder ausrichten und beendete das Gespräch. Nachdenklich ging sie einige Schritte weiter. Der Bergrücken hob sich kaum noch vom Himmel ab.
Emma war nicht sicher, ob sie ihr Versprechen halten konnte. Aber sie war froh, dass Andrea nichts gegen das Gespräch morgen hatte. Das machte vieles einfacher.