21. Kapitel

 
 

Die Männer, von denen wir oben gesprochen haben, sind klug und werden von den anderen gefürchtet. Sie haben Neigung zu den Frauen und pflegen andere Männer zu meiden und zu fliehen, weil sie die Frauen mehr lieben wie die Männer.

 

In dieser Nacht hatte Schwester Lioba schlecht geschlafen. Zweimal war sie aufgestanden, um sich einen Tee zu holen. Sie hatte im Gebet Erholung gesucht von den quälenden Gedanken, aber auch das gelang ihr kaum. Am Morgen fühlte sie sich angestrengt und müde.

Beim Morgengebet kurz nach 5.30 Uhr sah Schwester Heidrun besorgt zu ihr herüber. Das Frühstück nahmen sie schweigend ein, anschließend hörten sie gemeinsam eine Lesung und versenkten sich ins Gebet. Dann rief die Glocke der Klosterkirche zum Hochamt, das gegen 8.30 Uhr endete.

Danach zog sich Schwester Lioba in ihr Büro zurück. Sie heftete die Rechnungen der vergangenen Tage ab und brachte den Ordner hinüber in die Bibliothek, wo Schwester Erika und Silvia Neureuther gemeinsam über den Büchern saßen.

Schwester Lioba nickte ihnen zerstreut zu und ging nachdenklich in ihr Büro. Dort wartete bereits Hauptkommissar Grieser auf sie.

»Sie haben noch Fragen an mich«, stellte Schwester Lioba fest und nahm ergeben hinter ihrem Schreibtisch Platz. Der Kommissar sah aus, als hätte er ebenfalls eine schlaflose Nacht hinter sich. Er sank in den Besucherstuhl ihr gegenüber und tastete nach seinem Notizblock. Sein Blick glitt über einige Notizen. Dann räusperte er sich.

»Worum ging es in Ihrem Streit mit Miriam Schürmann?«, fragte er unvermittelt.

Schwester Lioba hob überrascht die Augenbrauen. Grieser betrachtete sie schweigend. Sein Blick ließ nicht erkennen, was er dachte. Die Äbtissin überlegte, wie viel sie erzählen sollte. Dann atmete sie tief durch und legte die gefalteten Hände in ihren Schoß.

»Ich hatte sie um Unterstützung für das Kloster gebeten. Miriam hat vor zwanzig Jahren von Pater Benedikt eine wertvolle Handschrift erhalten. Ich hatte sie gebeten, dem Kloster die Handschrift zu überlassen. Wir haben eine der besten Restauratorinnen hier im Konvent. Mit der Restaurierung der Handschrift hätte Schwester Agnes europaweit Anerkennung bekommen können und so …«

Sie zögerte.

Grieser sah von seinen Notizen auf.

»Wir hätten weitere Aufträge gut gebrauchen können«, schloss Schwester Lioba.

»Sie hofften also, durch die Restaurierung der verschollenen Handschrift Hildegards weitere Aufträge zu bekommen.«

Schwester Lioba kniff die Augen zusammen. »Sie haben bereits von der Handschrift gehört«, stellte sie fest.

Grieser nickte. Er begegnete ihrem Blick und sah sie unverwandt an.

»Wir hätten weitere Aufträge und das Geld gut gebrauchen können«, wiederholte Schwester Lioba leise. »Wir hätten den Fund der Handschrift nie für uns beansprucht. Ich wollte lediglich, dass Schwester Agnes und ihr Team die Gelegenheit erhalten, sie zu restaurieren.«

»Hätten Sie das Buch nicht an die Kirche abgeben müssen, sobald es auftaucht?«, fragte Grieser.

»Ja, vermutlich«, gestand Schwester Lioba resigniert ein. »Aber ich hatte gehofft, wenn wir es in Händen haben, dass unsere Werkstatt den Auftrag für die Restaurierung erhält. Schwester Agnes ist eine der besten Restauratorinnen innerhalb unserer Kirche weltweit«, sagte sie stolz.

»Doch Miriam Schürmann wollte nicht«, sagte Grieser.

Schwester Lioba nickte.

Ihr Gespräch wurde durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen. Schwester Lioba antwortete dann mit einem kurzen Ja. Schwester Beatrix trat im blau gemusterten Arbeitshabit ein, dessen Schürze seitlich verrutscht war. Sie stellte ein Tablett auf den Besuchertisch, auf dem eine Thermoskanne stand, zwei Tassen und Porzellangefäße mit Milch und Zucker.

Schwester Lioba erhob sich und bedeutete Grieser, mit ihr in der Besucherecke Platz zu nehmen. Schwester Beatrix schenkte ein und ging wortlos. Der durchdringende Geruch von Kaffee verdrängte für einen Moment die Müdigkeit. Dankbar griff Schwester Lioba nach ihrer Tasse und trank.

»Nein, sie wollte nicht«, nahm sie ihr Gespräch wieder auf. »Sie warf mir vor, dass ich sie ausnützen wollte. Dabei hatte ich nur das Wohl des Konvents im Auge.«

»Sie konnten Frau Schürmann auch nicht umstimmen?«, fragte der Hauptkommissar.

Schwester Lioba lächelte flüchtig. »Ich habe es versucht. Leider ohne Erfolg.«

»Und auch Gerhard Lehmann hat es nicht geschafft«, fuhr Grieser fort. Er griff nach seiner Tasse.

Schwester Lioba sah ihn überrascht an. Sie spürte, wie sie rot wurde. Verlegen rieb sie sich die Stirn. »Sie haben recht, ich habe es mit allen Mitteln versucht. Ich habe nicht nur unseren alten Konrektor gebeten, mit ihr zu reden. Dass ich unsere ehemaligen Klassenkameraden zu meiner Weihe eingeladen habe, war kein Zufall. Ich hatte gehofft, gemeinsam würden wir es schaffen, Miriam zu überzeugen.«

»Deswegen waren alle an diesem Wochenende hier«, sagte Grieser nachdenklich.

Schwester Lioba nickte.

»Aber sie wollte trotzdem nicht«, fuhr Grieser fort.

Schwester Lioba seufzte. Sie erhob sich, trat an das Fenster und sah hinunter auf den Klosterhof. Ein Mann und eine Frau schlenderten Arm in Arm zum Klosterladen. Hinter ihnen traten zwei Frauen in bunter Freizeitkleidung aus der Abteikirche.

Sie wandte sich um und blickte Grieser fest an.

»Wir haben im Moment einen finanziellen Engpass. Ich hätte alles getan, um den Konvent zu retten«, erklärte die Äbtissin. »Aber Miriam war nicht zu überzeugen.«

»Sie hätten alles getan?«, wiederholte Grieser und ließ sie nicht aus den Augen.

Verärgert zog Schwester Lioba die Augenbrauen zusammen. »Sie glauben nicht ernsthaft …«, begann sie.

Doch Grieser unterbrach sie mit einer Handbewegung.

»Entschuldigen Sie bitte, Mutter Oberin.« Er klappte sein Notizbuch zu. »So war das nicht gemeint. – Wussten Sie, dass Pater Benedikt kastriert war?«, wechselte er unvermittelt das Thema.

Erstaunt hob Schwester Lioba den Blick. »Ja«, gab sie zögernd zu, »das wusste ich.«

»Woher?«

»Er hat es erzählt. Bei einem der Treffen unserer Hildegard-AG hat er es erzählt.«

»Wissen Sie, warum er es getan hat?«, fragte Grieser.

Schwester Lioba zögerte. Dann beschloss sie, dass es keinen Grund mehr gab, zu schweigen.

»Die Handschrift«, begann sie. »Hildegard von Bingen hat sich in ihrer Handschrift sehr ausführlich mit der Natur des Menschen und auch mit der menschlichen Sexualität beschäftigt. Sie beschreibt darin vier verschiedene Menschentypen und ihr Verhältnis zur Sexualität. Pater Benedikt hat sich selber einem der beschriebenen Menschentypen zugeordnet. In ihrem Werk schildert Hildegard von Bingen, dass es Männern von diesem Menschentyp schwerfällt, auf Sexualität zu verzichten. Sie erklärt, dass Männer wie er eine Frau zu Tode bringen können, weil sie ihre Triebe nicht im Griff haben. Pater Benedikt wollte wohl sichergehen, dass ihm sein Trieb nicht zum Verhängnis wird. So zumindest klang es für mich, was er damals erzählte. Also hat er sich für eine Kastration entschieden.«

Grieser zog verblüfft die Augenbrauen hoch. »Er hat sich kastrieren lassen, um nicht über Frauen herzufallen?«

Schwester Lioba musste lächeln. Dann wurde sie wieder ernst. »Nein. Pater Benedikt war wie ich der Überzeugung, dass der Mensch nicht Opfer seiner Triebe ist. Er hat es jederzeit in der Hand, eine Entscheidung zu treffen. Aber er hoffte, durch eine Kastration die Lust zu dämpfen und sich so besser auf das Wesentliche konzentrieren zu können.«

Grieser warf ihr einen zweifelnden Blick zu.

»Wissen Sie«, fuhr Schwester Lioba fort. »Der Zölibat fordert den Menschen. Notker Wolf, Abtprimas und damit oberster Würdenträger der Benediktiner, sagte vor einiger Zeit in einem Interview, die Sexualität ist ein machtvoller Trieb, und der Umgang der Menschen damit ist ein Problem. Und das ist es auch für uns. Der Verzicht fordert uns heraus. Manche mehr und manche weniger. Jeder Priester und jede Ordensschwester muss einen eigenen Weg finden, mit dem Verzicht zu leben. Von Benedikt, unserem Ordensgründer, heißt es, dass er sich unbekleidet in einen Dornenstrauch stürzte, um der Versuchung in Gestalt einer Jungfrau zu widerstehen und die Lust in Schmerz umzuwandeln. Jutta von Sponheim, die Lehrerin Hildegards von Bingen, hat zeitlebens eine eiserne Gürtelkette auf der Haut getragen, damit es ihr nicht an Tugend fehlt. Pater Benedikt hat einen anderen Weg gewählt, aber ebenfalls einen gewaltsamen. Und viele schaffen es nicht, zölibatär zu leben. Im schlimmsten Fall endet es mit riesigen Schlagzeilen, und viele Menschen wundern sich, dass auch Priester und Nonnen sexuelle Gefühle haben. Der große Verdienst Hildegards von Bingen ist es, dass sie die Sexualität des Menschen nicht ausgeklammert hat und auch nicht verurteilt oder dämonisiert. Sie hat sich mit diesem Urtrieb des Menschen ebenso gewissenhaft auseinandergesetzt wie mit seiner Verdauung, seinen Organen und seinen Krankheiten.«

»Was ist mit dem sexuellen Missbrauch von Kindern durch Geistliche?«, fragte Grieser.

»Sexueller Missbrauch hat mit sexuellen Gefühlen nichts zu tun«, sagte Schwester Lioba hart. »Sexuelle Gewalt an Kindern ist schlicht und einfach kriminell. Und Kriminelle dieser Art finden Sie in der katholischen Kirche leider ebenso wie in anderen strikt hierarchisch gegliederten Institutionen, deren Strukturen es leichter machen, diese Verbrechen ungestraft zu verüben.«

Grieser musterte sie nachdenklich. Dann stand er auf und verstaute das schwarzlederne Buch in der Innentasche seines Jacketts. Nachdenklich folgte Schwester Lioba seinen Bewegungen. Der Hauptkommissar hob den Kopf und verabschiedete sich. Schwester Lioba überfiel das unangenehme Gefühl, dass er sie in den Kreis der Verdächtigen aufgenommen hatte.

 

Als Emma aufwachte, schlug ihr Herz viel zu schnell, und Schweiß stand auf ihrer Stirn. Sie strich sich verwirrt über die Stirn. Dann erinnerte sie sich an den Traum, der sie geweckt hatte. Ihr Vater und ihre Mutter hatten sich gestritten. Aus ihren Mündern kamen fremde Laute, die nur vage an eine Sprache erinnerten. Im Traum hatte Emma die beiden verstehen können, doch jetzt erinnerte sie sich nicht mehr daran, worum es ging.

Frustriert zog sie den Vorhang zur Seite. Ein dünner Nieselregen trieb über die Straße und hinterließ nasse Schlieren auf dem Fenster. Emma kletterte aus dem Bett. Sie setzte sich hinter das Steuer, startete den Motor und fuhr auf die Autobahn zurück bis zur nächsten Raststätte. Dort stellte sie ihren Wagen auf dem Parkplatz ab, schnappte sich ihren Waschbeutel und ging in den Toilettenraum. Sie nahm sich nur kurz Zeit für eine Katzenwäsche. Dann kehrte sie zum Bus zurück, baute das Bett um und setzte sich mit einer Tasse Milchkaffee und einem Honigbrot an den Tisch. Die Schiebetür stand einen Spalt offen, sie hörte Motorgeräusche und von weit her menschliche Stimmen.

Sie hatte gerade den letzten Schluck Kaffee getrunken, als sich ihr Handy meldete. Die Nummer auf dem Display kannte sie nicht.

»Prinz?«, meldete sie sich.

»Guten Tag, Frau Prinz. Hier spricht Lydia Reinertz. Sie waren gestern bei mir und haben sich nach Pater Benedikt erkundigt.«

Emma erinnerte sich an die blonde Frau mit den Gartenhandschuhen.

»Ist Ihnen denn noch was eingefallen?«, fragte Emma und lehnte sich über den Tisch, um Stift und Papier zu sich herzuziehen.

»Sie hatten ja nur nach Pater Benedikt gefragt, und an dem ist mir nichts Besonderes aufgefallen. Aber später ist mir eingefallen, dass in der Woche einige meiner Mitschüler irgendwie merkwürdig waren. Sie waren anders als sonst, schweigsamer, sie sind allen aus dem Weg gegangen, wollten mit niemandem reden. Ich hatte damals eigentlich das Gefühl, irgendwas stimmt ganz und gar nicht. Aber durch den Selbstmord von Pater Benedikt habe ich nicht mehr weiter darüber nachgedacht.«

»Wer genau hat sich denn merkwürdig verhalten?«, fragte Emma.

»Miriam Schürmann, Thomas Kern, Josef Windisch, Kerstin Kürschner und Markus Hertl«, erwiderte Lydia Reinertz. »Die waren damals eine Clique und hingen immer zusammen herum. Aber später …« Sie zögerte einen Moment. »Also später hörte das auf. Nach dem Selbstmord von Pater Benedikt war irgendwie alles anders.«

Emma musste einen Seufzer unterdrücken. Für einen Moment hatte sie gehofft, endlich neue Informationen in die Hand zu bekommen. Doch Lydia Reinertz hatte nur die Namen derer aufgezählt, die auch jetzt beteiligt zu sein schienen. Sie wusste längst, dass Kerstin Kürschner der bürgerliche Name von Schwester Lioba war. Emma bedankte sich für die Informationen, beendete das Gespräch und legte das Handy zur Seite. Dann setzte sie sich wieder hinter das Steuer. In der Auffahrt beschleunigte sie und fädelte sich in den fließenden Verkehr ein.

Nur wenige Kilometer später hielt sich ein Audi Quattro, der sie überholt hatte, auffällig lange auf ihrer Höhe. Als Emma zu dem Fahrer hinübersah, hupte er und wedelte heftig mit den Händen. Emma blickte in den Außenspiegel und beobachtete eine hellgraue Dampfwolke hinter sich. Rasch warf sie einen Blick auf die Anzeigen. Sie stöhnte, als sie sah, dass die Temperaturanzeige im roten Bereich stand.

 

Paul packte das Aufnahmegerät in seinen Wagen und kontrollierte die Batterien. Der Ressortleiter seines Senders hatte heute Morgen kurz nach neun Uhr angerufen und ihn nach Feudenheim geschickt, wo in einer Schreinerei Feuer ausgebrochen war.

Paul gab in sein Navigationssystem die Adresse ein, die ihm Winterbauer durchgegeben hatte. Dann startete er den Wagen und steuerte ihn auf die Augustaanlage in der Mannheimer Innenstadt. Sein Navigationsgerät kündigte ihm eine Fahrt von 12 Minuten Länge an.

Paul sah auf die Uhr. 9.45 Uhr. Gestern Abend war Grieser nicht ans Telefon gegangen, vielleicht hatte er ja heute Morgen seine Meinung geändert. Paul stellte sein Handy in die Freisprechanlage und drückte die Wahlwiederholungstaste. Nach zweimaligem Klingeln meldete sich Grieser.

»Guten Morgen, Peter«, sagte Paul munterer, als er sich fühlte.

»Paul …«, sagte Grieser. Seine Stimme klang gequält.

»Ich rufe aus beruflichen Gründen an«, sprach Paul rasch weiter. »Ich habe gestern mit Emma noch einmal über ihre Recherchen gesprochen. Dabei ist mir aufgefallen, dass der Mönch damals an Palmsonntag etwas Verstörendes erlebt haben musste, an Karfreitag erhielt er das Brandmal, und am Ostersonntag brachte er sich um.«

»Und?«, fragte Grieser.

»Ich glaube, die zeitliche Übereinstimmung ist kein Zufall. Miriam Schürmann ist an Palmsonntag umgebracht worden. Morgen ist Karfreitag, ich habe mich gefragt, ob nicht ein zweites Mal etwas geschehen wird.«

»Ein Serienmörder?«, fragte Grieser zweifelnd.

»Ich weiß nicht, ob Serienmord, keine Ahnung«, erwiderte Paul. »Aber der zeitliche Zusammenhang ist doch merkwürdig.«

»Und was sollen wir deiner Meinung nach tun?«

»Verstärkt für heute Nacht die Wachen rund um das Kloster«, sagte Paul. »Nur für alle Fälle.«

»Ich bekomme keine Bewilligung für diesen Personalaufwand nur auf eine vage Ahnung hin«, erwiderte Grieser abweisend.

»Willst du etwa riskieren, dass noch was passiert?«, fragte Paul. Er hatte den Ortsausgang Mannheims erreicht und beschleunigte. Auf der A656 floss der Verkehr nur zäh.

»Hast du irgendwas in der Hand?«, fragte Grieser.

Paul dachte nach. »Nein«, sagte er schließlich.

»Dann bekomm ich keine Genehmigung für einen erhöhten Personaleinsatz«, erwiderte Grieser.

Paul hörte im Hintergrund die Stimme seiner Kollegin.

»Hör mal…«, begann Grieser.

»Ich wollte fragen, ob wir uns in den nächsten Tagen noch mal treffen«, fragte Paul rasch.

Das Schweigen dauerte eine Sekunde zu lang.

»Ich habe im Moment viel zu tun«, erwiderte Grieser ausweichend. »Wenn ich wieder etwas mehr Zeit habe, melde ich mich.«

Obwohl er damit gerechnet hatte, spürte Paul die Enttäuschung. Er beendete das Gespräch und drückte das Gaspedal durch, bis der Motor aufheulte.

 

Grieser klappte sein Handy zusammen. Sein Herzschlag hatte sich beschleunigt, als er Pauls Nummer auf dem Display gesehen hatte. Er hatte überlegt, das Gespräch nicht anzunehmen. Aber das wäre ihm feige vorgekommen. Als er die Enttäuschung in Pauls Stimme hörte, war er kurz davor, nachzugeben. Nur allmählich drang die Stimme seiner Mitarbeiterin in sein Bewusstsein.

»Alles in Ordnung?«, fragte Sabine Baum.

Grieser rang sich ein Lächeln ab und steckte das Handy ein.

»Meine Schwester«, sagte er. »Sie heiratet in zwei Wochen und fragt sich auf einmal, ob sie wirklich mit den Marotten ihres künftigen Mannes leben kann.« Er lachte und ignorierte die Skepsis in ihrem Blick. »Was ist mit Kern?«

»Kommt gleich«, erwiderte Baum und warf einen Blick auf die Turmuhr der Klosterkirche.

»Also los!« Grieser ging ins Gästehaus voran. Nach der Freigabe des Gästehauses für neue Gäste des Klosters hatten sie das Refektorium geräumt. Sie führten nun die Befragungen in einer der Gästeküchen durch. Eine Kommode hatten sie beiseitegeschoben, um genug Platz für Tisch und Stühle zu haben.

Grieser ging zu der altmodischen Kaffeemaschine, füllte Wasser ein und löffelte Kaffeepulver in den Filter. Wenige Minuten später breitete sich ein angenehmer Geruch aus. Sabine Baum blätterte die Notizen der letzten Befragung durch.

»Warum willst du Kern noch mal befragen?«, wollte die Oberkommissarin wissen.

»Ich will herausfinden, ob er wirklich direkt nach Heidelberg gefahren ist«, erwiderte Grieser.

»Zeitlich würde es hinkommen. Er war noch am Kiosk, hat was gegessen und ist dann weitergefahren.«

»Ein Zeuge hat sich bei den Kollegen gemeldet«, sagte Grieser. »Ein alter Mann, der nachts nur schlecht schlafen kann und manchmal spazieren geht. Er hat gegen 3 Uhr morgens in der Nähe des Klosters einen dunklen Audi parken sehen mit Frankfurter Nummer.«

»Der Mietwagen von Kern?«, fragte Baum zweifelnd.

»Vielleicht«, erwiderte Grieser.

»Es gibt mit Sicherheit ziemlich viele dunkle Audis in Frankfurt«, wandte Baum ein. »Hat der Zeuge noch etwas anderes gesehen, was uns weiterhelfen könnte?«

Grieser schüttelte den Kopf. Unzufrieden musterte Sabine Baum die Unterlagen der Befragung. Das Röcheln der Kaffeemaschine erfüllte die Stille.

Grieser ging zum Fenster und öffnete einen Flügel. Die Sonne hatte sich hinter einer undurchdringlichen Wolkenschicht verkrochen. Der Geruch von frühlingshaftem Nieselregen strömte in den Raum.

Es klopfte. Baum antwortete mit einem knappen Ja und ging Kern entgegen. Der großgewachsene Arzt betrat den Raum mit einem kurzen Gruß. Stirnrunzelnd sah er sich um.

»Wir haben noch ein paar Fragen an Sie«, sagte die Oberkommissarin und deutete auf einen der Holzstühle.

»Kaffee?«, fragte sie. Als Kern zustimmte, brachte sie ihm und Grieser eine Tasse schwarzen Kaffee. »Bitte schildern Sie uns nochmals den Ablauf des Vorabends von Palmsonntag, nach dem Abendessen im Gäste-Refektorium des Klosters«, sagte sie dann.

»An dem Abend haben wir gemeinsam im Gästehaus zu Abend gegessen«, begann Kern widerwillig.

Grieser nahm seine Tasse und setzte sich schräg hinter ihn. Kern erzählte dieselbe Geschichte wie beim letzten Mal. Es gab nur wenige Abweichungen. Baum fragte an der einen oder anderen Stelle nach, doch es ergaben sich keine Unstimmigkeiten.

»War’s das?«, fragte Kern schließlich und leerte seine Tasse in einem Zug.

»Es gibt einen Zeugen«, begann Grieser. Seine Kollegin warf ihm einen warnenden Blick zu. »Der hat gegen 3 Uhr morgens einen dunklen Audi mit Frankfurter Nummer in der Nähe des Klosters parken sehen.«

»Ich lag zu dieser Uhrzeit in meinem Bett im Gästehaus des Heidelberger Klosters Altdorf«, erklärte Kern unfreundlich. »Das wissen Sie doch.«

Grieser musterte ihn nachdenklich. »Wir müssen jedem Hinweis nachgehen.«

Kern zuckte die Achseln. »Sie wissen, dass ich allein reise. Ich war allein in meinem Zimmer.« Ein Lächeln schlich sich in seine Augen. »Ich habe keinen Zeugen für meine Aussage, ich kann nur wiederholen, was ich bereits das letzte Mal ausgesagt habe.«

Die Glut des Bösen: Kriminalroman
titlepage.xhtml
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_000.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_001.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_002.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_003.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_004.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_005.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_006.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_007.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_008.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_009.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_010.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_011.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_012.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_013.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_014.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_015.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_016.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_017.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_018.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_019.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_020.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_021.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_022.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_023.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_024.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_025.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_026.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_027.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_028.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_029.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_030.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_031.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_032.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_033.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_034.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_035.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_036.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_037.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_038.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_039.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_040.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_041.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_042.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_043.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_044.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_045.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_046.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_047.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_048.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_049.html