9. Kapitel

 
 

Sie sind deshalb ohne Gatten gesunder, kräftiger und fröhlicher wie mit ihnen, weil sie nach dem ehelichen Verkehr schwach werden. Die Männer aber wenden sich von ihnen ab und meiden sie, weil sie die Männer nicht freundlich anreden, und weil sie die Männer nur wenig lieben.

 

Kloster Altdorf lag im Neckartal, am Südhang des Odenwälder Berges Köpfel. Es war von der im Tal liegenden B37, die sich an der südlichen Neckarseite entlangschlängelte, gut zu erkennen. Der weitläufige Komplex wirkte wie ein Bindeglied zwischen den letzten Häusern Neuenheims und den ersten Gebäuden von Ziegelhausen, beides Heidelberger Stadtteile. Wie Rupertsberg war auch Altdorf ein Benediktinerkloster, das seit einigen Jahrzehnten von Benediktinerinnen bewohnt und bewirtschaftet wurde.

Griesers Ducati hatte mit der Steigung keinerlei Probleme. Er passierte ein Steintor, hinter dem die Kirche und ein langgestrecktes Gebäude lagen, das er für das Hauptgebäude des Klosters hielt. Die schmale Straße machte eine starke S-Kurve und führte weiter oben an einem Gebäudekomplex vorbei, vermutlich das Internat. Grieser bog auf den Parkplatz des Internats und stellte dort sein Motorrad ab.

Die Schule befand sich auf der nach Westen liegenden Seite des Klosters. Grieser wusste, dass dort rund 70 Schülerinnen und Schüler unterrichtet wurden. Sie wohnten in niedrigen, vor kurzem renovierten Gebäuden, die oberhalb des Schulgebäudes dem allmählich ansteigenden Südhang des Köpfels folgten.

Grieser war froh, hier von den Journalisten verschont zu sein. Er verstaute Helm und Handschuhe in der Seitentasche der Ducati und ging auf das Schulgebäude zu. Über den hohen Eingangstüren verriet ein altertümlicher Fries, dass es die Hildegard-von-Bingen-Schule war. Ein breiter geschotterter Weg trennte das Schulhaus von den Wohnhäusern der Internatsschüler. Gerade hatte es zur Mittagspause geläutet, ein Strom von Kindern und Jugendlichen ergoss sich auf den Schulhof. Sie wirkten nicht anders als in jeder anderen Schule auch, aufgedreht nach den ersten zwei Stunden Unterricht, mehr oder minder lässig gekleidet und zu Späßen aufgelegt.

Das Schulhaus war ein gedrungener dreiflügeliger Bau, der nicht sehr alt sein konnte, aber im Stil dem Kloster angepasst war. Grieser strebte zum Eingang, der in einem halbrunden Turm lag und über eine breite Außentreppe zu erreichen war. In der Schule begegnete er vereinzelten Schülerinnen und Schülern, die ihn keines Blickes würdigten. Grieser fragte sich durch und gelangte im ersten Stock schließlich zum Vorzimmer des Rektors, wo ihn ein freundlicher junger Mann empfing. Er trug einen Kurzhaarschnitt, der vage an Elvis Presley erinnerte, und einen altmodisch wirkenden braunen Anzug mit schmaler Lederkrawatte. Grieser erkundigte sich nach dem Schulleiter, Gerhard Lehmann.

»Herr Lehmann ist heute in München auf einer Tagung«, sagte der Sekretär und zuckte bedauernd mit den Achseln.

»Und sein Stellvertreter?«, fragte Grieser.

Der junge Mann wirkte ehrlich betrübt. »Der auch«, sagte er und fuhr fort, »internationale Konferenz.«

»Wer ist denn im Haus und könnte mir ein paar Fragen beantworten?«

Der Sekretär musterte skeptisch Griesers Motorradkleidung.

»Ich bin von der Kriminalpolizei Mainz und benötige einige Auskünfte im Zusammenhang mit dem Mord im Kloster Rupertsberg.« Grieser zückte seinen Dienstausweis.

»Mit Schwester Orlanda könnten Sie sprechen«, beeilte sich der junge Mann zu sagen. »Sie ist die Äbtissin des Klosters und damit auch die oberste Chefin des Internats.«

Grieser bedankte sich. Er ging am Parkplatz vorbei auf die Straße, wo sich zwischen Klostergelände und Straße ein schmaler Fußweg schlängelte. Dann betrat er die Klosteranlage durch das Steintor, das er im Vorüberfahren gesehen hatte. Links neben dem Eingang befand sich ein Häuschen im Schatten der Klostermauer, rechts davon ein langgestrecktes Gebäude, das sich weit nach hinten zog. Grieser schritt an der Längsseite entlang, bis er eine Tür fand. Dahinter lag ein karg wirkender Raum mit einer kleinen Kammer in der linken Ecke, die als Pforte diente. Die Ordensschwester hinter dem Schreibtisch hatte ein wettergegerbtes Gesicht, das nur aus Falten zu bestehen schien. Grieser bat darum, die Äbtissin des Klosters sprechen zu können.

»In welcher Angelegenheit?« Die Ordensfrau blinzelte kurzsichtig.

Grieser erklärte, er habe im Zusammenhang mit dem Mord im Kloster Rupertsberg ein paar Fragen. Die Pfortenschwester griff nach dem Telefonhörer und sprach kurz darauf mit erstaunlich kräftiger Stimme in den Hörer.

»Mutter Orlanda hat in etwa einer Viertelstunde Zeit für Sie«, sagte sie dann vage in Griesers Richtung.

»Ich sehe mich draußen noch ein wenig um«, erwiderte er mit lauter Stimme. »Geben Sie mir bitte Bescheid, wenn Mutter Orlanda so weit ist?«

Die Pfortenschwester nickte. Als Grieser sich abwandte, hörte er sie hinter seinem Rücken murmeln.

»Was schreit der denn so! Warum glauben die Leute nur immer, wer alt ist, hört auch schlecht.«

Grieser verkniff sich ein Lachen. Dann trat er hinaus in die Sonne. Inzwischen war es gegen halb eins, und vom Hang strich ein angenehm nach Wald riechender Wind über den Hof. Er schlenderte weiter und bemerkte erst jetzt, dass es über eine Treppe hinter dem Schulgebäude auch einen Zugang vom Schulgelände gab.

Er sah sich noch ein wenig um und kehrte dann zurück zum Haupthaus, wo ihm die Pfortenschwester bereits entgegenkam.

»Mutter Orlanda bittet Sie herein.« Sie atmete hörbar, machte auf dem Absatz kehrt und ging zurück zur Pforte. Grieser folgte ihr. Vor dem Schreibtisch in der kleinen Kammer wartete eine junge Frau mit blasser Haut und blonden Haaren, die in einem straff geflochtenen Zopf weit über ihren Rücken fielen. Sie trug eine modische schwarze Hose und darüber eine schwarze Bluse mit sportlichem Schnitt.

»Kommen Sie bitte mit«, sagte sie und nickte ihm freundlich zu. Sie ging voran durch eine schwere Metalltür mit kleinen bunten Glasfenstern. Grieser folgte ihr durch mehrere kahle Flure, bis sie vor einer weiß gestrichenen Holztür stehen blieben. Sie klopfte und horchte kurz, dann öffnete sie die Tür und ließ Grieser an sich vorbei den Raum betreten.

Mutter Orlanda war eine kräftige Frau in den Sechzigern. Als Grieser eintrat, erhob sie sich hinter ihrem Schreibtisch und begrüßte ihn mit einem kraftvollen Händedruck. Sie bat ihn in einer Sitzgruppe hinter der Tür Platz zu nehmen. Dann setzte sie sich ihm gegenüber in einen schweren Ledersessel.

»Ich habe soeben mit Schwester Lioba vom Kloster Rupertsberg telefoniert«, sagte sie mit undurchdringlicher Miene. »Ich kenne sie noch aus ihrer Schulzeit, sie war eine Schülerin von mir. Schwester Lioba hat mir ein paar Dinge erzählt, die noch nicht in der Zeitung standen. Allerdings konnte sie mir nicht sagen, was wir hier im Kloster Altdorf mit diesem Mordfall zu tun haben könnten.«

Sie legte ihre Unterarme auf die halbhohen Armlehnen. Ihre Hände waren kräftig, die Fingernägel kurz geschnitten.

»Ich kann Ihnen leider keine Einzelheiten sagen«, erklärte Grieser. »Aber es gibt Hinweise, dass der Mord in Bingerbrück mit einer alten Geschichte zusammenhängt, die hier in ihrem Haus passiert ist.«

Schwester Orlanda zog die rechte Augenbraue hoch.

»Ich meine den Selbstmord von Pater Benedikt«, sagte Grieser.

Schwester Orlanda schwieg. Sie schien darauf zu warten, dass Grieser weitersprach.

»Sie waren schon damals hier im Haus?«, fragte er.

»Ich gehörte zu der Zeit bereits dem Konvent des Klosters Altdorf an«, erwiderte sie nach kurzem Zögern. »Ich war im Internat Lehrerin für Mathematik. Das bin ich auch heute noch.«

»Seit wann sind Sie Äbtissin des Klosters?«

»Seit 1998 – seit 11 Jahren.«

»Haben Sie den Selbstmord von Pater Benedikt mitbekommen?« Grieser griff in die Innentasche seiner Lederjacke und zog sein Notizbuch heraus.

»Das haben alle mitbekommen, die damals an der Schule waren«, erwiderte sie. Ihr Gesicht blieb ausdruckslos, als sie weitersprach. »Alle Personen des Lehrkörpers, auch alle Schülerinnen und Schüler.«

»Auch Schwester Lioba?«, warf Grieser ein.

»Auch Schwester Lioba«, antwortete die Äbtissin. Sie zog sich mit beiden Händen an den Armlehnen des Ledersessels hoch. Sie musterte Grieser nachdenklich. Dann trat sie zur Seite und ging zu dem langgestreckten Fenster, das an der Wand neben ihrem Schreibtisch auf den Schulhof wies. Sie blieb vor dem Fenster stehen und schwieg. Grieser beobachtete sie. Schwester Orlanda verharrte einige Zeit regungslos. Die Stille wurde lediglich in regelmäßigen Abständen vom leisen Piepsen eines Handys unterbrochen. Dann kehrte Schwester Orlanda zu ihrem Sessel zurück.

»Pater Benedikt war damals ein Kollege von mir«, begann sie. »Er war einige Jahre älter als ich, muss etwa um die fünfzig gewesen sein. Bruder Benedikt war sozusagen eine Leihgabe eines befreundeten Männerklosters. Er war ein begnadeter Biologielehrer, den die damalige Rektorin, Schwester Regina, händeringend gesucht hatte. Er war seit zwei Jahren in Altdorf und unterrichtete in der Oberstufe Biologie und Chemie. Pater Benedikt war außerdem ein begeisterter Anhänger Hildegards von Bingen. Die Rektorin war froh, einen so guten Lehrer zu haben, der in seiner Freizeit auch noch eine AG zu Hildegard von Bingen anbot.«

»AG?«, unterbrach Grieser sie.

»Arbeitsgruppe«, erwiderte die Äbtissin. »Er war ein charismatischer Lehrer, die Kinder mochten ihn. Und die Schülerinnen und Schüler dieser AG waren geradezu begeistert von ihm.«

»Kann es sein«, fragte Grieser vorsichtig, »dass Pater Benedikt irgendwann die Grenze überschritten hat?«

»Sie meinen sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen?«, erwiderte Schwester Orlanda mit schneidender Stimme. Ihre Hände ruhten regungslos auf den Armlehnen. Lediglich die gerunzelte Stirn brachte ihr Missfallen zum Ausdruck.

»Nein, das kann ich mir nicht vorstellen«, sagte sie dann mit ausdrucksloser Stimme. »Es muss einen anderen Grund für diese Tat gegeben haben.«

Grieser dachte daran, was Rührig von der Kastration erzählt hatte.

»Was glauben Sie?«, fragte er.

»Keine Ahnung«, sagte sie knapp. »Die Polizei damals konnte nichts ausfindig machen. Warum glauben Sie, dass der Selbstmord etwas mit dem Mord an Miriam Schürmann zu tun hat?«

Grieser fiel ein, dass auch die Tote eine Schülerin der Äbtissin gewesen sein musste. Wie drei weitere Bewohner des Gästehauses im Kloster Rupertsberg.

»Wie war Miriam Schürmann? Sie haben sie doch auch unterrichtet.«

Schwester Orlanda schwieg. Dann machte sie eine schnelle Handbewegung, als wolle sie ein Staubkorn von der Armlehne des Sessels wischen. »Sie war beliebt – bei ihren Mitschülern und auch bei den Lehrern.«

»Auch bei den Frauen?«, fragte Grieser.

»Auch bei den Frauen«, bestätigte Schwester Orlanda. »Fragen Sie Schwester Lioba. Sie war damals eng mit ihr befreundet. Sie nahmen beide an der Hildegard-AG von Pater Benedikt teil.«

»Vermutlich gemeinsam mit Markus Hertl, Thomas Kern und Josef Windisch.«

Schwester Orlanda nickte.

»Pater Benedikt hat sie damals alle begeistert. Schwester Lioba ist deshalb später nach Bingerbrück gegangen, in den Konvent vom Rupertsberg. Markus Hertl ist einer der besten Hildegard-Kenner geworden, die es heute gibt. Josef Windisch könnte in einigen Jahren Bischof werden. Auch Miriam wollte in den Orden eintreten. Allerdings hat sie sich letztlich dagegen entschieden.«

»Wissen Sie warum?«, fragte Grieser.

»Nein. Das Leben als Ordensfrau ist eine schwere Entscheidung. Nicht jeder ist für das Leben in der Gemeinschaft geschaffen.«

Grieser nickte. »Thomas Kern war gestern hier«, sagte er.

»Das war er.« Plötzlich klang Schwester Orlandas Stimme freundlicher. »Wir sammeln das ganze Jahr für ihn und sein Krankenhaus. Er kam hierher, um sich zu bedanken. Er ist schon seit mehr als zehn Jahren nicht mehr in Deutschland gewesen. Umso erfreulicher, dass er sich die Zeit genommen hat, unserem Konvent einen Besuch abzustatten.«

»Er sagte, er hätte hier im Kloster übernachtet.«

»Er hat im Gästehaus geschlafen«, bestätigte Schwester Orlanda.

»Welches Haus ist das?«

Schwester Orlanda wandte den Kopf und sah nach draußen.

»Das kleine Haus rechts neben dem Schulgebäude, mit der grünen Tür.«

Grieser folgte ihrem Blick und nickte. »Ist das Haus nachts abgeschlossen?«

»Unsere Besucher sind unsere Gäste und nicht unsere Gefangenen«, erwiderte Schwester Orlanda.

Grieser notierte sich die Uhrzeiten, die ihm Schwester Orlanda nannte. Kern war gegen 20:00 Uhr am Samstagabend eingetroffen. Er hatte gemeinsam mit Schwester Orlanda und zwei weiteren Schwestern ein Glas Wein getrunken und hatte sich gegen 21 Uhr verabschiedet. Am nächsten Morgen war er nach dem Palmsonntag-Gottesdienst um etwa 10.30 Uhr abgereist.

Grieser fragte, ob sie sicher sei, dass Kern das Gästehaus nachts nicht verlassen habe.

»Wie ich schon sagte«, erwiderte Schwester Orlanda kalt, »es sind unsere Gäste und nicht unsere Gefangenen.«

Grieser machte sich noch einige Notizen und verabschiedete sich dann von der Äbtissin. Einige Minuten irrte er durch die langen Flure des Klosters, bis er zu der Metalltür mit den Glasfenstern zurückfand. Auf dem Weg zum Parkplatz kontrollierte er sein Handy. Sabine Baum hatte versucht, ihn zu erreichen.

Grieser rief sie zurück, und gerade als er sein Motorrad erreichte, nahm Baum das Gespräch entgegen.

»Wir haben den Tatort und auch den Tathergang«, drang es quäkend aus seinem Nokia.

Grieser klemmte das Handy zwischen Kopf und Schulter und öffnete die Seitentasche der Ducati.

»Im Keller des Gästehauses gibt es einen alten Waschkeller, der früher zum Schlachten benutzt wurde. Er ist leer und von oben bis unten gekachelt. Dort hat der Mörder sie mit einem Elektroschocker betäubt, gefesselt und geknebelt. Er hat sie entkleidet, ihr das Brandzeichen verpasst und dann mit einem scharfen Messer schwer verletzt. Danach hat er sie einfach liegenlassen. Im Laufe mehrerer Stunden ist sie verblutet. Anschließend hat der Täter die Leiche und den Raum mit einem Schlauch abgespritzt. Wir haben die Überreste der Blutspuren im ganzen Raum sichtbar machen können, auch im Abfluss.«

»Irgendwelche Spuren vom Täter?«

»Nein, er war sehr gründlich. Auch an der Leiche war nichts zu finden. Durch den Elektroschocker war sie ja sofort außer Gefecht gesetzt. Er hat auf jeden Fall Handschuhe getragen und vermutlich auch einen Overall. Das Wasser hat den Rest erledigt.«

»Und wie hat er das Eisen heiß gemacht?«, fragte Grieser. »Strom«, erklärte Baum. »Wie ein Tauchsieder. Einstecken, einen kurzen Moment warten, und schon glüht das Eisen. Das kriegt jeder Hobbybastler hin.«

»Gibt es Hinweise darauf, wer Zugang zu diesem Raum hatte?«

»Er ist offen und steht seit dem Umbau des Gästehauses vor einem halben Jahr leer. Jeder aus dem Gästehaus und aus dem Kloster hatte Zugang.«

»Was ist mit dem Messer?«, fragte Grieser.

»Bisher Fehlanzeige«, erwiderte seine Kollegin. »Laut Rechtsmedizin ein durchschnittliches Küchenmesser oder etwas Ähnliches.«

»Fessel und Knebel?«

»Bisher nicht aufzufinden. Wir haben nur die Spuren an der Leiche.«

Sie wechselten noch ein paar Sätze, dann beendete Grieser das Gespräch. Grübelnd starrte er auf einen verkrüppelten kleinen Baum, der sich unter die Klostermauer duckte. Er überlegte, was er als Nächstes tun sollte. In Bingerbrück konnte er sich einen eigenen Eindruck vom Tatort verschaffen. Dort lief gerade unter Baums Anleitung eine gut eingespielte Maschinerie ab. Fotos, Spurensicherung und der obligatorische dreidimensionale Scan. Eigentlich brauchten sie ihn nicht.

Die alte Geschichte? Grieser war sich nicht sicher, ob es wirklich einen Zusammenhang gab. Aber es war zweifelsfrei ein Brandeisen mit einem ähnlichen Motiv verwendet worden.

Grieser startete den Motor. Er legte den Gang ein und lenkte das Motorrad auf die Straße. Am Fuß des Berghangs mündete die schmale Straße in die L534, die ihn in wenigen Minuten nach Heidelberg brachte. Ein Lastkahn steuerte auf die alte Brücke zu, die unterhalb des Heidelberger Schlosses die Altstadt mit der nördlichen Neckarseite verband. Wimpel flatterten über dem Steuerhaus, hinter dem ein roter Opel Corsa parkte.

Wenige Minuten später erreichte Grieser die Heidelberger Polizeidirektion. Er versorgte sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite in einer Bäckerei mit einem frischen Cappuccino und einem Mehrkornbrötchen mit Schinken. Dann überquerte er die Straße und betrat die Direktion. Der Kollege von der Pforte führte ihn direkt ins Archiv. Dort wartete schon eine dünne Mappe auf ihn.

Ein müde aussehender Beamter schob ihm wortlos ein Formular über dem Tresen zu. Grieser unterschrieb und setzte sich mit der Akte in einen kleinen Nebenraum, der kärglich ausgestattet war mit einem weißen Resopaltisch und vier Freischwingern aus weißem Kunststoff.

Es war nicht viel, wie Rührig gesagt hatte. Die Ermittlungen waren eingestellt worden, nachdem der Selbstmord des Mönchs von der Rechtsmedizin bestätigt worden war. Grieser biss in sein Brötchen und überflog kauend die kurzen Berichte der Kollegen. Der Tagesablauf des Mönchs war an seinem letzten Tag bis ins Kleinste geklärt worden. Er hatte unterrichtet, zu Mittag gegessen und war dann auf sein Zimmer gegangen. Das einzig Ungewöhnliche war, dass er an diesem Abend die Hildegard-AG ausfallen ließ. Niemand hatte etwas bemerkt. Einzig der damalige stellvertretende Schulleiter, Gerhard Lehmann, hatte zu Protokoll gegeben, dass ihm an Pater Benedikt etwas aufgefallen sei. An dieser Stelle war am Rande des getippten Berichts handschriftlich ein Ausrufungszeichen angefügt worden.

Grieser las die Stelle erneut. Dann suchte er sich das Protokoll von Lehmanns Befragung heraus. Es begann unvermittelt, als hätte schon zuvor das entscheidende Gespräch stattgefunden.

Wann ist Ihnen das zum ersten Mal aufgefallen?

Vor genau einer Woche. Das war letzten Montag, also, ich weiß auch nicht, warum, aber irgendwie war es auffällig.

Haben Sie mit ihm gesprochen?

Ja, ich habe ihn dann am Dienstag, nein, es war Mittwoch, nein, stimmt nicht, es war kurz nach dem Gottesdienst, also Gründonnerstag, also da habe ich ihn darauf angesprochen.

Was hat er geantwortet?

Ja, also, das war schon auch irgendwie komisch. Er hat mich ganz merkwürdig angesehen. Für einen Moment dachte ich, er will mir was sagen. Und dann hat er nur den Kopf geschüttelt. Ganz komisch hat er gewirkt. Also um ehrlich zu sein, ich hatte das Gefühl, er würde gleich in Tränen ausbrechen. Und dann ist er gegangen, hat mich einfach stehenlassen und keinen Ton gesagt. Das fand ich schon komisch, sonst war er eigentlich nicht so. Ich meine, wenn ich gewusst hätte, aber ich konnte ja nicht ahnen, also niemand konnte das ahnen.

Was haben Sie zu ihm gesagt?

An dieser Stelle brach das Protokoll ab. Grieser durchsuchte die gesamte Akte, doch das fehlende Blatt war nirgends aufzufinden.

Er fluchte leise und begann ein zweites Mal, die Akte durchzusehen. Sorgfältig betrachtete er jedes einzelne Blatt von der Vorder- und Rückseite. Das Ende des Gesprächsprotokolls war nicht zu finden.

Grieser klemmte sich die Unterlagen unter den Arm und ging hinüber zu dem Kollegen, der das Archiv betreute. Er legte die natronbraune Mappe vor sich auf den Tresen.

»In der Akte fehlt ein Teil eines Zeugenbefragungsprotokolls. Könnten Sie bitte mal nachsehen, ob das irgendwo zu finden ist?«

Müde hob der Beamte den Kopf. Seinen Augen waren trübe. Tiefe Furchen zogen sich über seine Wangen bis weit in die Schläfen und verloren sich im unordentlichen grauen Haar. Grieser hatte den Eindruck, als wolle er protestieren. Doch selbst dazu schien ihm die Energie zu fehlen. Mühsam stemmte er sich aus seinem Schreibtischstuhl und schleppte sich nach hinten, wo er zwischen raumhohen Regalen verschwand. Minutenlang stand Grieser allein in der Stille, bis der Kollege mit schlurfenden Schritten wieder an seinen Platz zurückkehrte.

»Da ist nichts«, presste er hervor. Er griff nach der Akte, die vor ihm auf dem Tresen lag. Grieser legte seine Hand darauf. Der Beamte hob den Kopf. Seine Augen waren ausdruckslos und leer.

»Haben Sie überall nachgesehen?«, fragte Grieser. »Sind Sie sicher, dass es nicht unter das Regal oder in eine andere Akte gerutscht ist?«

Ein Geräusch war zu hören. Vielleicht war es ein Protest, vielleicht hatte der Beamte auch nur geseufzt. Dann ließ er los und sank wieder auf seinem Stuhl zusammen. Grieser kehrte zurück in den Nebenraum und breitete alle Unterlagen auf dem Tisch aus. Bedächtig ging er alles ein weiteres Mal durch. Doch das fehlende Blatt blieb verschollen.

Grieser griff nach den Fotos, die in einem dünnen Hefter aufgeklebt waren. Zwanzig Jahre waren die Ermittlungen alt, heute gab es kaum noch Fotos in Papierform. Grieser blätterte durch den schmalen Plastikhefter, dem ein muffiger Geruch entströmte. Er stieß auf eine Großaufnahme des Brandmals. Es saß in der linken Leiste und war verschorft. Der Arzt hatte eine Zeichnung gemacht, wie die Narbe vermutlich etwa ausgesehen hätte, wenn die Wunde verheilt wäre. Der Eselskopf war deutlich zu erkennen.

Grieser erinnerte sich, dass das Brandmal der Toten ganz ähnlich ausgesehen hatte. Bei ihr hatte sich noch kein Schorf gebildet, die Haut sah rot und verbrannt aus.

Stirnrunzelnd legte er die Mappe zur Seite. Ein Eselskopf als Brandmal. Bei beiden Toten saß das Mal in der Leiste. Ein Mann, der sich Jahre vor seinem Selbstmord hatte kastrieren lassen. Eine Frau, deren äußere Geschlechtsmerkmale brutal abgeschnitten worden waren und die an ihren Wunden verblutet war.

Unzufrieden griff Grieser nach dem Rest seines Brötchens. Er kaute und nahm einen Schluck aus dem Pappbecher. Kalt schmeckte der Kaffee bitter und aufreizend schal. Er trank ihn leer, zerdrückte den Becher und warf ihn Richtung Papierkorb. Der Becher trudelte oberhalb des schwarzen Plastikeimers gegen die Wand, wo er einen dunklen Fleck hinterließ, bevor er mit einem dumpfen Geräusch nach unten in den Eimer fiel.

Grieser machte auf dem Flur eine Kopie des Gesprächsprotokolls und brachte dann die Akte an den Tresen zurück. Er beobachtete, wie der Kollege sie zu sich heranzog und mit einem klatschenden Geräusch achtlos neben sich auf den Boden fallen ließ.

Beim Hinausgehen sah er auf seine Uhr. Kurz nach fünf, eigentlich früh genug, um zurück nach Bingen zu fahren.

Grieser wählte Rührigs Nummer und hatte kurze Zeit später den ehemaligen Kollegen am Telefon. Rasch erzählte er ihm von dem unvollständigen Protokoll. Doch Rührig konnte sich nicht erinnern, worum es damals gegangen war. Grieser beendete das Telefonat nach einigen höflichen Sätzen.

Ob er für den Rest des Tages freimachen sollte, um sich dann morgen früh wieder frisch ans Werk zu machen? Er konnte eine Verschnaufpause gebrauchen. Nein, es ging ihm in Wahrheit nicht darum, sich zu erholen. Er wollte einfach ein paar Stunden Zeit haben. Er zog sein Handy aus der Tasche und tippte eine kurze SMS. Paul hatte ihm gestern seine Handynummer aufgeschrieben. Bisher das Einzige, was er von sich preisgegeben hatte.

Die Glut des Bösen: Kriminalroman
titlepage.xhtml
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_000.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_001.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_002.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_003.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_004.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_005.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_006.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_007.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_008.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_009.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_010.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_011.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_012.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_013.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_014.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_015.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_016.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_017.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_018.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_019.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_020.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_021.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_022.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_023.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_024.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_025.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_026.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_027.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_028.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_029.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_030.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_031.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_032.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_033.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_034.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_035.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_036.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_037.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_038.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_039.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_040.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_041.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_042.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_043.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_044.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_045.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_046.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_047.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_048.html
CR!P3XPBEW2DH4MNF6VM84TE8EDNS0F_split_049.html