Wenn einmal solcher Wind und solches Feuer in ihre beiden Behälter fallen, so verrichten sie alle ihre Pflichten in Ehrbarkeit und mit besonnener Liebe, so daß ihr Stamm in Ehren blüht und grünt.
Der Himmel hing voller Wolken, als Paul das Funkhaus verließ. Der Parkplatz vor dem Gebäude war wie leergefegt. Es war später Nachmittag und trotzdem schon fast dunkel. Paul öffnete die Tür seines Wagens und ließ sich schwer hinter das Steuer fallen. Dann stellte er sein Handy in die Freisprechanlage und drückte auf den Wahlwiederholungsknopf, bis auf dem Display Griesers Name aufleuchtete. Als der Summton für die freie Leitung zum zweiten Mal ertönte, unterbrach er den Wahlvorgang. Stöhnend rieb er sich das Gesicht.
»Verdammt«, knurrte er und warf das Handy auf den Sitz neben sich. Dann schnallte er sich an und startete den Motor. Der Klingelton seines Handys erklang. Paul warf einen flüchtigen Blick auf das Display. Grieser. Paul murmelte einen Fluch.
»Hast du es gerade bei mir versucht?«, fragte Grieser.
»Ja«, erwiderte Paul gedehnt.
»Ich hatte nicht mehr mit dir gerechnet«, sagte Grieser.
Paul erzählte von der Massenkarambolage, die sich am Nachmittag im Feiertagsverkehr ereignet hatte. Darüber hatte er einen kurzen Einspieler für die Abendnachrichten gemacht.
Grieser erwiderte nichts, er schien zu warten.
»Es hat im Kloster einen weiteren Mord gegeben«, sagte Paul zögernd.
»Ja«, erwiderte Grieser. »Wie du erwartet hast. Ich habe zwar weitere Streifen genehmigt bekommen, aber sie konnten den Mord nicht verhindern.«
Paul sah im Rückspiegel, wie an einem auf dem Parkplatz zurückgebliebenen Fahrzeug die Lichter angingen. Dann stieß es aus der Parklücke. Paul startete seinen Wagen und fuhr einige Meter rückwärts, so dass er die Parkplatzausfahrt frei gab. Steininger, sein Kollege von der Fachredaktion Wissenschaft, nickte ihm im Vorüberfahren zu.
»Du weißt, dass ich nichts weitergeben darf«, fuhr Grieser fort, »schon gar nicht an die Presse.«
»Ja, ich weiß«, erwiderte Paul schnell, »ist schon in Ordnung.«
»Ich habe keine Geheimnisse vor dir. Ich möchte nur sicher sein, dass dir klar ist, das erzähle ich meinem … einem Freund«, korrigierte sich Grieser, »dem ich hundertprozentig vertraue.«
»Brauchst du nicht«, unterbrach ihn Paul.
»Markus Hertl ist in seinem eigenen Bett mit einem Elektroschocker betäubt und dann gefesselt worden«, fuhr Grieser unbeirrt fort. »Dann wurde ihm sein Penis abgeschnitten und in den Mund gestopft. Er ist an seinem eigenen Genital erstickt.«
Paul starrte in die Dunkelheit. Eine Straßenlaterne tauchte die Kastanie vor ihm in unwirkliches Licht. »Ein kastrierter Mönch, eine Frau verblutet, nachdem ihr die Genitalien abgeschnitten wurden, ein Mann erstickt an seinem eigenen Schwanz. – Was sagt uns das?«
Grieser stöhnte auf. »Wenn ich das wüsste, wäre ich einen Schritt weiter.«
»Die erste Kastration war vermutlich freiwillig«, erwiderte Paul, »von einem Mönch vorgenommen. Die zweite Kastration wird an Palmsonntag innerhalb einer Klosteranlage durchgeführt und bringt eine Frau zu Tode. Die dritte Kastration wird ebenfalls in einer Klosteranlage durchgeführt, und zwar ausgerechnet an Karfreitag.«
Statt einer Antwort war von Grieser nur ein Brummen zu hören.
»Ich denke«, fuhr Paul fort, »auch das war noch nicht das Ende. Es wird an Ostersonntag einen weiteren Toten geben.«
»Diesmal werden wir besser vorbereitet sein«, meinte Grieser grimmig. »Aber warum glaubst du das?«
»Der Mönch hat sich an Ostersonntag das Leben genommen.«
»Du hast bereits einmal recht behalten«, sagte Grieser gequält. »Ich hoffe, diesmal ist es anders.«
Paul hörte Stimmen im Hintergrund, Grieser deckte das Mikro seines Handys ab, wechselte ein paar Worte mit jemandem und meldete sich dann zurück, um sich zu verabschieden.
»Aber das bleibt unter uns, was ich dir von den Ermittlungen erzählt habe«, sagte er eindringlich.
»Versprochen«, erwiderte Paul.
Schwester Adelgund schob ihre goldene Nickelbrille bis dicht vor ihre Augen und blickte sie ruhig an.
»Ich hätte es mir nicht ausgesucht, ehrwürdige Mutter, aber nun bleibt mir keine Wahl.«
Schwester Lioba nickte. Sie war froh, dass Schwester Adelgund nach dem Karfreitagsgottesdienst zu ihr gekommen war, um über das Vorgefallene zu sprechen. Ihre Geschichte war denkbar einfach. Vor einigen Monaten hatte Mutter Mechthild sie gebeten, aus Kostengründen von der Großwäscherei in Bingen zu der kleineren Wäscherei in Bingerbrück zu wechseln. Als Gastschwester hatte sie regelmäßig Kontakt mit dem Besitzer der Wäscherei gehabt. Erst war es Sympathie, dann Liebe und dann Leidenschaft.
»Und Sie sind sich sicher?«, fragte Schwester Lioba. Schwester Adelgund nickte. »Ja«, sagte sie. »Ganz sicher.«
»Sie wissen, wie das offizielle Vorgehen aussieht«, erwiderte die Äbtissin. »Ich kann Sie nicht aus dem Dienst der Kirche entlassen. Dafür benötigen Sie ein Austrittsindult, eine vom Papst erteilte Befreiung. Sie müssen ein offizielles Schreiben an den Heiligen Stuhl richten, mit der Bitte, Ihnen Dispens zu erteilen, um Sie von Ihrem Gelübde zu entbinden. Bis Ihrem Wunsch entsprochen wird, könnten Sie weiterhin im Kloster bleiben. Doch …« Schwester Lioba zögerte, »…angesichts der Sachlage halte ich es für besser, wenn Sie noch heute Abend Ihre persönlichen Dinge an sich nehmen und das Kloster verlassen.«
Die Äbtissin faltete die Hände und senkte den Blick auf das Bild des Gekreuzigten auf ihrem Schreibtisch. Schwester Adelgund hatte ihren Weg selbst gewählt. Trotzdem würde es ihr schwerfallen, die Gemeinschaft zu verlassen, der sie mehr als zehn Jahre angehört und die über viele Jahre ihr Leben ausgemacht hatte.
Schwester Lioba sah auf. Schwester Adelgund wirkte gefasst. Ihre Augen glänzten vor Tränen, doch sie bewahrte Haltung.
»Ich habe Hochachtung vor Ihrem Schritt«, sagte Schwester Lioba sanft, »es ist nicht leicht, nach so vielen Jahren in der Gemeinschaft nach draußen zu gehen und ein weltliches Leben zu führen. Es wird schwer sein, aber Sie werden Ihren Weg gehen. Es ist der richtige für Sie.«
»Es tut mir leid, ehrwürdige Mutter, dass ich Sie und die Mitschwestern so lange getäuscht habe«, begann Schwester Adelgund.
Doch Schwester Lioba hob die Hand und unterbrach sie.
»Es war ein schwerer Weg für Sie, und erst mussten Sie ein paar Schritte gehen, um sicher zu sein, dass er der richtige ist. Machen Sie sich keine Gedanken über das, was war. Sie haben niemandem geschadet. Und nun konzentrieren Sie sich auf das, was vor Ihnen liegt, und denken Sie nicht mehr darüber nach, was Sie hinter sich gelassen haben. Es war hoffentlich eine gute Zeit für Sie, die nun zu Ende geht.«
Schwester Adelgund nickte.
»Waren Sie deshalb gegen eine weltliche Beraterin?«, fragte Schwester Lioba sanft. »Waren Sie es, die Silvia Neureuther unter falschem Namen angerufen hat?«
Schwester Adelgund hob überrascht den Kopf. Sie zögerte, doch dann nickte sie. »Ja, ich hatte gefürchtet, eine weltliche Buchprüferin würde schnell erkennen, dass die Rechnungen der Wäscherei deutlich unter ihrem eigenen Angebot lagen. Die Großwäscherei hatte ihn unterboten, doch der Auftrag gab ihm die Möglichkeit, mich regelmäßig zu sehen. Deshalb nahm er viel zu niedrige Preise.«
»Was er vermutlich nur für das Gästehaus des Klosters getan hat«, erwiderte Schwester Lioba. »Ich bin froh, dass Silvia Neureuther Ihren Anruf unter falschem Namen so schnell durchschaut hat. Ihr Besuch bei uns ist ein erster wichtiger Schritt in eine neue Zukunft.«
In die Wangen von Schwester Adelgund stieg sanfte Röte.
»Es tut mir leid«, erwiderte sie. »Am vergangenen Wochenende waren Herr Mittenfelder und ich auf einmal unsicher, ob wir das Richtige tun. Ob ich den Konvent wirklich verlassen soll. Und ob er nicht doch zu seiner Frau zurückkehren soll. Da habe ich Panik bekommen, dass es nach dem Besuch von Silvia Neureuther kein Zurück mehr für mich geben könnte.«
»Manche Dinge lassen sich nicht mehr rückgängig machen«, erwiderte Schwester Lioba.
Schwester Adelgund nickte. »Ehrwürdige Mutter, würden Sie ein letztes Mal mit mir das Vaterunser sprechen?«
Schwester Lioba erhob sich wortlos und ging zu ihrer kleinen Gebetbank hinter der Tür. Dort kniete sie nieder. Schwester Adelgund schob den Stuhl zur Seite und kniete neben ihr auf den Teppich. Gemeinsam senkten sie ihre Köpfe und falteten die Hände. Die Äbtissin sprach mit fester Stimme das Vaterunser, Schwester Adelgund fiel ein. Ihre Stimme hatte an Stärke nicht verloren. Schwester Lioba sprach eindringlich die Worte, die ihr schon oft Halt gegeben hatten. Gemeinsam beendeten sie das Gebet, dann erhoben sie sich.
Schwester Adelgund ging zur Tür und legte die Hand auf die Türklinke. Sie zögerte.
»Ja?«, fragte Schwester Lioba.
»Es gibt noch eine Sache, die ich Ihnen sagen muss.« Schwester Adelgund wandte sich um, die Hände gefaltet, den Kopf erhoben. »Ich habe mich in den vergangenen Wochen einige Male mit Volker, mit Herrn Mittenfelder, getroffen. Nachts. Um unbemerkt das Kloster verlassen zu können, bin ich durch das Gästehaus gegangen.«
Schwester Lioba nickte. Als Gastschwester hatte Schwester Adelgund die Schlüssel zum Gästehaus und konnte von dort in den Ort gelangen.
»Ich war auch in der Nacht von Samstag auf Palmsonntag bei Herrn Mittenfelder. Es gab so viel zu besprechen, weil wir uns nicht sicher waren, was wir tun sollten. Ich war bei ihm von dreiundzwanzig Uhr bis vier Uhr morgens. In dieser Zeit war das Gästehaus unverschlossen. Ebenso in der vergangenen Nacht. Denn wir mussten eine Entscheidung treffen.«
Schwester Lioba blickte Schwester Adelgund fragend an. Dann begann ihr zu dämmern, was die Schwester damit sagen wollte.
»Das heißt, in dieser Zeit konnte unbemerkt jeder von außen über das Gästehaus ins Kloster gelangen.«
Schwester Adelgund nickte. Dieses Eingeständnis schien ihr weitaus schwerer zu fallen als die Beichte zuvor. Nun traten ihr Tränen in die Augen.
»Ehrwürdige Mutter, vielleicht bin ich schuld daran, dass ein Mörder Zugang zum Kloster hatte und diese schrecklichen Taten begehen konnte.«
»Unsinn«, erwiderte Schwester Lioba. »Der Mord an Miriam Schürmann wurde gegen 19.30 Uhr verübt, das hat mir der Hauptkommissar mitgeteilt. Sie haben also keinerlei Schuld daran. Es könnte allerdings sein, dass der Mörder die offene Tür des Gästehauses genutzt hat, um im Laufe der Nacht erneut in das Kloster zu gelangen und die Leiche vom Gästehaus in die Abteikirche zu bringen.«
»Aber in der vergangenen Nacht«, wandte Schwester Adelgund ein.
»Ein Mörder hätte in jedem Fall den Weg ins Gästehaus gefunden«, erwiderte Schwester Lioba entschieden. »Machen Sie sich darüber keine Gedanken.«
Erleichterung breitete sich auf dem Gesicht von Schwester Adelgund aus.
»Aber Sie werden zur Polizei gehen müssen und eine Aussage machen«, sagte Schwester Lioba.
Schwester Adelgund nickte.
»Noch heute«, betonte die Äbtissin.
Schwester Adelgund nickte erneut. »Danke«, sagte sie, und nun trat ein Leuchten in ihr Gesicht, das Schwester Lioba schon lange nicht mehr bei ihr gesehen hatte.
Eigentlich hätte mir das schon früher auffallen können, dachte die Äbtissin. Mit einem tiefen Atemzug nahm sie wieder den Platz hinter ihrem Schreibtisch ein. Sie spürte, wie die Sorge zurückkehrte. Mit Schwester Adelgund hatte eine äußerst erfahrene und tüchtige Gastschwester die Gemeinschaft verlassen. Wie sollten sie es nur ohne sie schaffen, eine neue wirtschaftliche Basis für den Konvent zu finden?
Die Fahrt hatte nicht lange gedauert. Emma war wie betäubt gewesen. Gegen neun Uhr abends erreichte sie Heidelberg. Sie betrat ihre Wohnung, die sich fremd anfühlte. Sie nahm eine Thunfischpizza aus dem Tiefkühlfach und schob sie in den Backofen. Dann stellte sie sich unter die Dusche. Mit noch nassen Haaren nahm sie die Pizza aus dem Ofen und setzte sich aufs Sofa. Sie schaltete den Fernseher an und startete vom DVD-Recorder eine Folge ihrer Lieblingsserie Dr. House. Doch schon nach wenigen Happen war ihr der Appetit vergangen.
Emma schob die kalten Reste der Pizza von sich und starrte auf den flimmernden Bildschirm, ohne die Worte aufzunehmen. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie sie heute den Abend und die Nacht überstehen sollte. Sie konnte nicht richtig trauern, weil sie diesen Mann so wenig gekannt hatte. Und doch hatte sie das Gefühl, einen großen Verlust erlitten zu haben.
Emma zog ihr Handy zu sich her und tippte eine SMS an Paul. Mayday. 22.30 Uhr im Ballroom. Heute muss es sein. E.
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Paul war einverstanden. Erleichtert stand Emma auf und ging ins Bad. Sie brauchte eine halbe Stunde, um sich die Haare zurechtzumachen, zu schminken und sich in eine helle Marlene-Dietrich-Hose mit breitem Schlag zu werfen, darüber ein leichtes Top mit Spaghettiträgern und Strass-Steinen am Ausschnitt. Sie streifte Mokassins über, eigentlich zu kühl für diese Jahreszeit, und griff nach einer warmen Winterjacke, die nicht zum restlichen Outfit passte.
Kurz nach zehn Uhr erreichte sie den Ballroom in einer kleinen Seitengasse der Heidelberger Altstadt. Den Wagen hatte sie in der Tiefgarage abgestellt und war dann über den Kornmarkt geschlendert. Paul kam meistens zu spät, sie hatte also Zeit.
Der Ballroom war eine Tanzbar alten Stils. Tanzfläche, Bar und Bestuhlung sahen aus, als wären sie ohne große Veränderung einem Fünfziger-Jahre-Film entnommen worden. Noch war wenig los, was sich in den nächsten zwei Stunden sicher ändern würde. Emma suchte sich einen Platz in der Nähe der Tanzfläche und schob den Beutel mit ihren Tanzschuhen auf den Stuhl neben sich. Kurze Zeit später kam eine Kellnerin freundlich lächelnd an ihren Tisch. Emma bestellte einen alkoholfreien Mango-Joghurt-Cocktail und eine Schüssel mit gesalzenen Erdnüssen. Sie streifte ihre Mokassins ab und griff nach dem Beutel neben sich. Sie spürte die Vorfreude, als sie ihre Tanzschuhe anzog, hochhackige Pumps mit strassbesetzten Riemchen. Sie musste an Hertl denken und den Kuss, den sie sich gestern Abend gegeben hatten. Dort unter der Laterne hatte sie für einen Moment vergessen, dass sie sich kaum kannten, dass sie nicht wissen konnte, wie sich das Ganze entwickeln würde und ob Markus Hertl wirklich der Mann war, auf den sie seit Jahren wartete.
Emma spürte, wie ihr erneut Tränen in die Augen traten. Da steuerte die Kellnerin auf sie zu und schob ein geschwungenes Glas mit einer hellen, milchigen Flüssigkeit auf den Tisch, daneben eine einfache weiße Porzellanschüssel mit gesalzenen Nüssen. Emma nickte zum Dank und drehte sich unauffällig weg. Sie kramte in ihrer Tasche nach einem Papiertaschentuch, tupfte sich die Wangen und hoffte, dass ihr Augen-Make-up keine dunklen Streifen in ihr Gesicht zeichnete. Plötzlich spürte sie eine warme Hand auf ihrer Schulter. Sie wandte den Kopf. Paul stand neben ihr und sah sie freundlich an.
»Ach Prinzesschen«, sagte er und setzte sich neben sie. Er griff ihre Hand. Emma legte den Kopf an seine Schulter und machte keinen weiteren Versuch, die Tränen zurückzuhalten.
Einige Minuten später fühlte sie sich entschieden besser. Emma blinzelte Paul dankbar zu und verschwand mit ihrer Handtasche in der winzigen Toilette. Sie schminkte sich ab und verzichtete auf weiteres Make-up. Als sie zu Paul zurückkehrte, hatte er sich ein Bier bestellt.
Emma warf ihre Handtasche neben ihn auf den freien Stuhl und blickte auf seine Füße. Er hatte inzwischen seine dunklen Freizeitschuhe gegen Tanzschuhe mit dünnen Sohlen eingetauscht. Emma fing seinen Blick auf und lächelte. Aus den Lautsprechern erklang »Come Away with Me« von Norah Jones, ein langsamer Walzer. Emma reichte ihm die Hand.
Paul ergriff sie, stand auf und ging Emma voraus auf die Tanzfläche. Noch war sie fast leer. Ein bieder wirkendes Paar Ende dreißig in steifer Festtagskleidung übte die Grundschritte des langsamen Walzers und mühte sich mit einer halben Drehung. Ein weiteres Paar, deutlich jünger und glamourös herausgeputzt, kurvte mit weit ausholenden Schritten am äußeren Rand entlang. Paul betrat die Tanzfläche und bot den Arm, in den sich Emma bereitwillig hinein schmiegte.
Paul brauchte nur einen Moment, um den Takt aufzunehmen. Sie tanzten fast zwei Stunden ohne Pause. Emma nahm nur am Rande wahr, dass eine Polizeistreife in die Bar kam und erst nach längeren Diskussionen mit dem Besitzer wieder den Rückzug antrat. Auf Pauls fragenden Blick antwortete Emma nur kurz »Karfreitag«. Später bemerkte sie, dass der Barbesitzer ein handgeschriebenes Schild nach draußen hängte mit der Aufschrift »Private Veranstaltung«.
Kurz nach Mitternacht sank Emma auf ihren Stuhl und bestellte eine große Flasche Wasser und zwei Gläser. Paul orderte noch ein Bier. Ohne ein Wort zu wechseln, saßen sie einträchtig nebeneinander und sahen den anderen Paaren beim Tanzen zu. Die Bar hatte sich gefüllt.
»Was hat Grieser gesagt?« Sie wandte sich an Paul, als die Musik »Bésame mucho« spielte, eine gefühlvolle Rumba.
»Er hat nicht viel verraten.« Paul griff nach seinem Bier, das er mit einem energischen Zug leerte. Dann hob er das Glas und nickte der Kellnerin zu. Emma musterte ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen.
»Das stimmt nicht«, stellte sie gelassen fest.
Paul verzog den Mund zu einem schiefen Lachen. Dann wurde er wieder ernst. Er ließ ein Frauenpaar nicht aus den Augen, beide nicht mehr die Jüngsten, die mit unscheinbarer Straßenkleidung auf die Tanzfläche getreten waren und nun tanzten, als wollten sie jedes Herz im Raum zum Schmelzen bringen.
»Bitte«, sagte Emma.
»Ich habe versprochen, nichts zu sagen«, erwiderte Paul.
»Es würde mir helfen, wenn ich wüsste, was passiert ist.«
Paul schüttelte den Kopf und griff nach seinem Bier. »Ich kann nicht. Grieser wird mir nie wieder vertrauen, wenn er das mitkriegt.«
»Woher sollte er das erfahren? Das bleibt ein Geheimnis zwischen dir und mir. In spätestens zwei oder drei Wochen wird die Polizei ohnehin weitere Details bekanntgeben. Dann weiß ich es auch offiziell.«
Paul seufzte. »Aber das bleibt wirklich unter uns.«
Emma nickte.
»Es ist allerdings ziemlich grausig. Hertl wurde mit einem Elektroschocker betäubt. Dann wurde ihm sein Penis abgeschnitten und in den Mund gestopft. Er ist an seinem eigenen Schwanz erstickt.«
Emma richtete sich entsetzt auf. Ihre Blicke kreuzten sich, und sie sah ihm an, dass er bereits bereute, etwas gesagt zu haben. Hastig stand sie auf und stürzte zur Toilette.