27. Kapitel

 
 

Sie lieben des Weibes Gestalt bei der Vereinigung so sehr, daß sie sich nicht halten können, weil ihr Blut in großer Hitze entbrennt, wenn sie eine Frau sehen oder hören oder in ihren Gedanken sich ihrer erinnern.

 

»Der Journalist glaubt, dass es am Ostersonntag zu einem weiteren Vorfall kommen wird«, sagte Grieser und griff nach seiner Tasse.

Sabine Baum zog skeptisch die Augenbrauen hoch.

Grieser trank einen Schluck. »Er war auch schon sicher, dass an Karfreitag noch etwas passieren würde.«

Baum blinzelte. »Deshalb hast du die Wache verstärkt.« Grieser nickte.

»Aber die Streife konnte es nicht verhindern«, sagte seine Kollegin düster.

»Der Mörder kam nicht von außen. Sonst hätte die Streife was gesehen.«

»Vielleicht.« Die Oberkommissarin stand auf, um sich ebenfalls Kaffee einzuschenken. »Vielleicht hätte sie was gesehen. Es wurde nicht lückenlos patrouilliert. Aber wir wissen von Schwester Adelgund, dass in der Nacht von Samstag auf Palmsonntag die Tür vom Gästehaus offen stand. Jeder hätte Zugang zum Klosterhof gehabt.«

»Aber nicht jeder hätte es gewusst«, wandte Grieser ein. Er griff nach dem Berliner auf seinem Teller und biss zaghaft hinein. Der Teig fühlte sich klebrig und kompakt an.

»Wer ist noch übrig?«, sagte Grieser zu Baum, und beide wussten, dass es eine rhetorische Frage war. »Thomas Kern, der Gynäkologe aus Afrika, und Josef Windisch, der Bischofsanwärter.« Er legte den Berliner auf den Teller zurück und wischte sich die klebrigen Finger.

Sabine Baum nickte. »Wir haben beide überprüft, mehrfach. Nichts, was sie verdächtig macht. Kern war in der Nacht in Heidelberg …«

»Von wo aus er in kürzester Zeit in Bingerbrück hätte sein können«, wandte Grieser ein. »Nachts bei leeren Straßen schafft er das in einer guten halben Stunde.«

»Dann hätte er mit Bleifuß fahren müssen.«

»Und Lehmann, der Leiter des Internats.« Grieser legte beide Arme auf den Tisch. »Und Schwester Lioba nicht zu vergessen. Alle vier könnten es gewesen sein. Sie hatten die Gelegenheit, keiner hat ein Alibi. Also warum kommen wir bei der Sache einfach nicht weiter?«

»Vielleicht weil es keinen Beweis gibt? Gegen keinen von den vieren? Oder vielleicht weil wir kein Motiv finden?« Baum lächelte schief.

»Stimmt«, brummte Grieser. Er war wütend, weil er den zweiten Mord nicht hatte verhindern können. Doch war es jetzt wirklich zu Ende? Paul hatte schon von Ostersonntag gesprochen. Ob er wirklich glaubte, dass ein weiterer Mord stattfinden würde?

 

Der Postbote hatte am Morgen die deutsche Ausgabe der naturwissenschaftlichen Schriften Hildegards von Bingen gebracht. Gegen Mittag setzte Emma sich mit einem Imbiss und einem Glas Milch ins Wohnzimmer und machte es sich auf dem Sofa gemütlich. Sie biss von ihrem Brot, wischte sich die Finger an ihrer Jeans ab und schlug das Buch auf. Es war eine Übersetzung aus den 1930er Jahren von dem deutschen Pharmakologen Hugo Schulz. Emma überflog etliche Seiten, dann blieb sie bei den Passagen hängen, in denen sich die Ordensfrau mit der menschlichen Sexualität auseinandersetzte. Emma war verblüfft, mit welcher Offenheit Hildegard von Bingen selbst kleinste Details beschrieb. Allmählich begriff sie, warum Markus Hertl geglaubt hatte, dass die überlieferten Textstellen für die Kirche bereits genug Sprengstoff boten.

Natürlich drängte sich auch ihr die Frage auf, woher eine zölibatär lebende Ordensfrau solche detailreiche Kenntnis über die menschliche Sexualität hatte. Doch das würde wohl das Geheimnis der Ordensfrau bleiben. Emma legte das Buch zur Seite und griff nach einer Biografie Hildegards von Bingen, die mit der gleichen Post gekommen war. Sie überflog einige Kapitel und stellte fest, dass Hildegard von Bingen in ihrer Autobiografie geschrieben hatte, dass sie im Alter von acht Jahren beim Kloster Disibodenberg zusammen mit Jutta von Sponheim eingemauert worden war. Dagegen gingen viele Wissenschaftler davon aus, dass sie 14 Jahre alt war, als sie auf den Disibodenberg kam. Zuvor wurde sie vermutlich zusammen mit Jutta von Sponheim von einer adeligen Frau religiös erzogen und war bereits für das Kloster bestimmt. Egal, welche Angaben stimmten, beides sprach dagegen, dass die Ordensfrau eigene sexuelle Erfahrungen gesammelt hatte.

Emma überflog ein weiteres Kapitel der Biografie, in dem geschildert wurde, wie sehr Hildegard an einer jungen Ordensfrau hing, die ins Kloster eintrat, als sie bereits Äbtissin des Konvents war. Die junge Frau, Richardis von Stade, verehrte die damals schon berühmte Frau und wurde schnell zur Vertrauten und zu ihrer Freundin. Jahre später verlangte der Mainzer Erzbischof Heinrich gemeinsam mit dem Bremer Erzbischof, dass Richardis als Äbtissin in ein Kloster nach Bassum gehen sollte. Hildegard von Bingen wehrte sich vehement dagegen, ihre engste Vertraute und geliebte Freundin zu verlieren. Richardis von Stade verließ nach längeren Auseinandersetzungen schließlich das Kloster Rupertsberg und ging nach Bassum. Hildegard von Bingen war so sehr vom Schmerz und dem Verlust der Freundin getroffen, dass sie glühende Briefe schrieb über die vollkommene Liebe, die sie zu Richardis empfand. Immer wieder bat sie darum, Richardis möge zu ihr zurückkommen. Sie klagte, sie drohte und wandte sich sogar an den Papst. Doch Richardis kehrte nicht zurück und starb wenig später.

Die Schreiberin der Biografie legte Wert darauf, dass es sich um eine innige Freundschaft gehandelt hatte. Dass es auch eine lesbische Liebe gewesen sein könnte, erwähnte sie dagegen mit keinem Wort. Doch Hildegard von Bingen hatte offensichtlich auf ganz eigene Art an dieser Schwester gehangen. Die Briefe erzählten von einer tiefempfundenen Liebe zu einer anderen Frau, und Emma verstand immer mehr, warum die katholische Kirche zögerte, die berühmte Frau heiligzusprechen.

Emma fragte sich, was in der verschollenen Originalhandschrift sonst noch alles enthalten sein könnte. Sie setzte sich an den Computer und gab die Stichworte »Zölibat« und »Hildegard von Bingen« ein. Schon nach wenigen Minuten war ihr klar, dass Hildegard von Bingen in ihrer theologischen Hauptschrift »Scivias« den Zölibat ausdrücklich begrüßt hatte. Auch die Kombination aus den Suchbegriffen »Homosexualität« und »Hildegard von Bingen« brachte den schnellen Beweis, dass die Ordensfrau wie viele ihrer Zeitgenossen Homosexualität als entartet und verachtenswert empfunden und in ihren theologischen Schriften dagegen Stellung bezogen hatte.

Emma stöhnte und rieb sich die Augen. Die naheliegendsten Spuren führten in eine Sackgasse. Doch was wäre, wenn Hildegard von Bingen in ihrer späteren naturwissenschaftlichen Schrift zu einem anderen Urteil über Zölibat und Homosexualität gekommen war? In den Abschriften ihrer naturwissenschaftlichen Schrift hatte sie ganz vorurteilsfrei homosexuelle Männer und Frauen beschrieben. Auch war da von Männern und Frauen die Rede, die krank wurden, wenn sie enthaltsam lebten.

Emma war klar, dass es reine Spekulationen waren, die sie hier anstellte. Oder ob Hertl recht behalten sollte und der reine Marktwert der Handschrift bereits Grund genug war für einen Mord? Oder sogar zwei Morde?

Konzentriert ging Emma noch einmal durch, was sie bisher gefunden hatte. Für die These mit der Handschrift fehlte ihr jeglicher Hinweis. Sie hatte nur die Aussage der Nachbarin, dass Miriam Schürmann vor ihrem Tod Besuch von einem Priester erhalten hatte. Was nichts bedeuten musste.

Emma dachte darüber nach, dass Paul eher an einen Zusammenhang zwischen den auffälligen Todesarten glaubte. Drei Tote waren kastriert gewesen. Einer vor dem Tod, zwei waren durch die Kastration zu Tode gekommen. Unzufrieden gab Emma bei Wikipedia das Stichwort »Kastration« ein. In dem Online-Lexikon konnte sie nachlesen, dass Kastrationen an Männern in der gesamten Menschheitsgeschichte und in vielen Kulturen durchgeführt worden waren. In zahlreichen religiösen Kulten spielte die ritualisierte Kastration eine Rolle. Den meisten Männern wurde lediglich der Hoden entfernt, andere büßten zusätzlich den Penis ein.

Eine Kastration bei männlichen Kindern verhinderte die Pubertät. Der Stimmbruch entfiel, der Körper blieb weich und die Behaarung kindlich. In Italien wurden noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts regelmäßig Knaben kastriert, um ihre hohe Stimme für den Gesang zu erhalten. Die Kastration eines erwachsenen Mannes machte die Veränderungen der Pubertät nicht mehr rückgängig. Die Stimme blieb tief und der Körper männlich. Doch der Geschlechtstrieb ging deutlich zurück und führte bei manchen bis zur Impotenz.

Im Gegensatz zu den Männern hatte die Kastration von Frauen keine Tradition. Bei ihnen mussten für eine Kastration die Eierstöcke entfernt werden, was einen operativen Eingriff notwendig machte, der früher schlicht nicht möglich war. Zur sexuellen Disziplinierung von Frauen wurden deshalb häufig die äußeren Genitalien wie die Schamlippen und die Klitoris entfernt.

Diese Verstümmelung von Frauen war in Teilen Afrikas sehr weit verbreitet. Auch heute noch werden jedes Jahr bis zu drei Millionen Mädchen die äußeren Genitalien oder Teile davon abgeschnitten und die entstehende Wunde vernäht. Bei sehr vielen Frauen führten diese Verstümmelungen zu lang währenden massiven gesundheitlichen Beeinträchtigungen.

Emma schauderte. Sie musste an Thomas Kern denken. Er arbeitete als Frauenarzt seit vielen Jahren in Burkina Faso und hatte sicher schon viele verstümmelte Frauen behandelt. Sie nahm sich vor, Kern nach den genauen Auswirkungen dieser Gewalttaten zu fragen, die dort bis heute an der Tagesordnung waren.

Es wunderte sie nicht zu lesen, dass die genitale Verstümmelung von Männern eher selten vorkam. In einer russischen Sekte war die genitale Verstümmelung von Frauen und Männern noch im 19. Jahrhundert üblich gewesen, doch ansonsten gab es eher weit zurückliegende Traditionen wie bei den Priestern der Göttin Kybele. Kybele wurde zusammen mit ihrem Geliebten Attis in Kleinasien und später auch in Griechenland und Rom verehrt. Der Kybelekult war vom 7. vorchristlichen Jahrhundert bis zum 5. Jahrhundert nach Christus ein im ganzen römischen Reich verbreiteter Mysterienkult. Die Priester der Kybele waren kastriert. Sie entmannten sich selbst in einem orgiastisch gesteigerten öffentlichen Ritual beim jährlich stattfindenden Märzfest.

Emma fand es lächerlich, dass die genitale Verstümmelung von afrikanischen Frauen mit der Beschneidung von Männern verglichen wurde. Denn das Abschneiden von Schamlippen und Klitoris kam einer Entfernung des kompletten Gliedes gleich. Bei Beschneidungen von Männern zum Beispiel im jüdischen Glauben wurde dagegen lediglich die Vorhaut entfernt.

Emma stand auf und trat an das Fenster. In den Baumwipfeln auf dem Heiligenberg hing Nebel, eine dunkle Regenwolke schob sich in das Neckartal. Sie dachte darüber nach, welche religiöse Bedeutung die Kastration und auch die genitale Verstümmelung haben konnte. Da die Morde in einem Kloster stattgefunden hatten, lag der Zusammenhang einfach nahe.

Weil bei Frauen eine Kastration ohne operativen Eingriff nicht möglich war, wurde sie aus religiösen oder sozialen Gründen praktisch nie durchgeführt. Dagegen war die genitale Verstümmelung weit verbreitet. Bei Männern hingegen galt die Kastration als ein Mittel, um den Sexualtrieb zu unterdrücken. Bei ihnen kam die genitale Verstümmelung praktisch kaum vor. Sie erinnerte sich daran, was Hertl erzählt hatte.

Hertl. Tränen traten ihr in die Augen. Emma zwang sich, nur an seine Worte zu denken. Er hatte erzählt, dass es in den Anfängen des Christentums immer wieder religiöse Eiferer gab, die mit Hilfe der Kastration ihre Lust unterdrücken wollten. Angenommen, sie lag mit ihrer ersten Vermutung falsch und es handelte sich nicht um einen Schatzsucher, der die Handschrift suchte. Angenommen, sie hätten es mit einem religiösen Eiferer zu tun, mit dem Wunsch, zumindest symbolisch den Sexualtrieb zu unterbinden. Er hatte Miriam Schürmann und auch Markus Hertl äußerst brutal die Genitalien abgeschnitten. Das sah nicht nach einem religiösen Beweggrund aus, eher nach einem Racheakt oder einem sexuell motivierten Gewaltakt. Aber wie hingen die Morde in Bingerbrück mit Pater Benedikt zusammen, dem kastrierten Mönch?

Emma zog ein Blatt Papier zu sich her und schrieb die Namen derer darauf, die zur Clique gehört hatten und in der vergangenen Woche im Gästehaus des Klosters untergebracht gewesen waren.

Thomas Kern. Gynäkologe, in Afrika tätig.

Josef Windisch. Priester.

Schwester Lioba. Äbtissin.

Emma zögerte. Paul glaubte an eine Beteiligung ihres Vaters. Widerstrebend schrieb sie den Namen ihres Vaters.

Gerhard Lehmann. Lehrer.

Und noch einen weiteren Namen fügte sie hinzu. Pater Benedikt.

Emma ließ ihren Blick über das Blatt wandern. Ihr fiel kein Grund ein, warum Kern hätte Rache nehmen sollen. Naheliegender schien ihr eine religiös motivierte Tat. Ein Priester und eine Äbtissin. Katholische Kirche. Auch der Mönch. Katholische Kirche. War das die Verbindung? Was hatte die katholische Kirche mit Kastration zu tun? Nichts, dachte Emma.

Sie kehrte zurück zu ihrem Computer und gab in Google das Wort »Kastration« ein und »katholische Kirche«. Verblüfft stellte sie fest, dass Google weit mehr als 8.000 Treffer zeigte. Sie ging die Liste durch und klickte auf den ein oder anderen interessanten Fund. Dabei stieß sie auf viele Belege, dass es über Jahrhunderte in der Kirche Kastraten gegeben hatte, die ihrem Sexualtrieb hatten entfliehen wollen. Der wohl bekannteste war der christliche Gelehrte und Theologe Origenes, der im 3. Jahrhundert nach Christus lebte und sich in wörtlicher Auslegung der Bibel selber entmannt haben sollte. In vielen Texten fand Emma Hinweise, dass freiwillige Kastrationen von Mönchen und Priestern solche Ausmaße annahmen, dass bereits die frühchristliche Kirche sich genötigt sah, diese Form des Asketentums in einem Konzilbeschluss zu verbieten. Im ersten Konzil von Nicäa, 325 nach Christus, wurde per Beschluss festgelegt, dass ein kastrierter Würdenträger sein Amt niederlegen musste und Kastrierte künftig nicht mehr zugelassen werden sollten. Der betreffende Kanon unterschied sorgfältig zwischen Männern, die aus gesundheitlichen Gründen oder von Barbaren kastriert wurden, sowie Männern, die ihre Kastration selbst herbeigeführt hatten. Im Jahr 1587 sprach Papst Sixtus V. per Dekret ein klares Verbot aus. Auf der Internetseite eines Theologen fand Emma den Hinweis, dass in der Moraltheologie Kastration als Versuch gewertet wird, der normalen sittlichen Anstrengung zur Beherrschung des Geschlechtstriebs zu entfliehen. Doch dieses gehöre nun einmal zur gottgewollten Aufgabe des Menschen.

In einem kirchengeschichtlichen Forum stieß Emma auf einen Diskussionsstrang über Kastration, die Papstwahl und einen ungewöhnlichen Stuhl. Viele von den Beiträgen waren mit lachenden, weinenden oder auch wütenden Smileys versehen.

Tiger4711 berichtete von einem Stuhl mit einem hufeisenförmigen Sitz, der nach vorne offen war. Sie behauptete, dass es angeblich im 9. Jahrhundert eine Frau gegeben haben soll, die sich als Mann ausgab und später Päpstin wurde. Danach soll dieser Stuhl eingeführt worden sein. Darauf mussten sich angehende Päpste setzen, und ein Geistlicher kontrollierte, ob sie männlichen Geschlechts waren. Erst wenn der Kontrolleur ausgerufen hatte »Testiculos habet et bene pendentes – Er hat Hoden und sie hängen gut« sei der Papstanwärter akzeptiert worden.

Medusa2010 erklärte, dass die Existenz dieses Stuhls von der Forschung bestätigt sei. Er sei bei Papst Paschalis II. 1099 zum ersten Mal zum Einsatz gekommen, zuletzt bei Leo X. 1513. Der Stuhl sei aus rotem Porphyr gewesen, einem Vulkangestein. Manche Forscher glaubten, es handelte sich um einen Toilettenstuhl. Der zu krönende Kandidat wurde im Laufe eines Rituals hintereinander auf mehrere Stühle gesetzt. Zuerst auf einen ganz tiefen, um die Niedrigkeit der Ausgangslage deutlich zu machen, dann auf den Porphyrstuhl und schließlich auf den Papstthron, um rituell das Erheben aus dem Nichts anzudeuten. Andere Forscher glaubten, dass der Porphyrstuhl als Teil des Rituals den Papst daran erinnern sollte, dass er wie alle Menschen aus Dreck geworden und aufgestiegen sei. Es existierte aber auch die These, der Stuhl sei ein Gebärstuhl und das Ritual würde daran erinnern, dass die Kirche mit jedem neuen Papst gewissermaßen auf dem Felsen Petri neu begründet werde, weshalb der Stuhl auch aus Stein gefertigt sei.

Diesen Thesen widersprach orphan88 entschieden. Er war der Meinung, dass der Stuhl vor allem dazu gedient hatte, um Kastraten als Päpste zu verhindern.

Schließlich stieß Emma auf die Aussage eines Theologen, laut Selbstauskunft theologischer Professor, anonym, dass die Kirche bis heute festschrieb, dass Kastration verboten sei und dass es Kastraten unmöglich sei, in der Kirche ein Amt innezuhaben. Der Verfasser verwies auf »den kleinen Jone«, in dem Kastration als schwere Sünde eingestuft wurde und damit gleichbedeutend mit Mord und Glaubensabfall. Schon deshalb könne ein kastrierter Mann niemals Priester oder Bischof werden, geschweige denn Papst. Der »Kleine Jone« entpuppte sich beim weiteren Googeln als Buch zur katholischen Moraltheologie aus dem Jahre 1930, das bis heute Gültigkeit hatte.

Emma fiel ein, dass Windisch ein karrierebewusster Geistlicher war, dem nachgesagt wurde, dass er bald zum Bischof berufen werden würde. Angenommen, er wäre kastriert. Ob er dann noch Bischof werden könnte? Oder ob er überhaupt im Amt bleiben dürfte? Wenn der Theologe im Forum recht hatte, dann nicht. Allerdings gab es keinen Grund anzunehmen, dass er kastriert war. Aber das hätte auch für Pater Benedikt im Internat ihres Vaters bedeutet, dass er sich nicht hätte kastrieren dürfen. Das heißt, als er seinen Schülern davon erzählte, machte er sich erpressbar.

Emma beschloss, herauszufinden, ob an der Behauptung des anonymen Theologen etwas dran war. Es war kurz nach zehn. Ob die Uni noch geöffnet war? Am Karsamstag? Unwahrscheinlich. Sie ging auf die Internetseite der Heidelberger Universität und landete kurze Zeit später auf der Homepage des Theologischen Seminars. Dort war nachzulesen, dass wegen der anstehenden Prüfungen die Bibliothek auch am Karsamstag zugänglich war.

Eine Stunde später stand Emma in der Heidelberger Altstadt vor dem Theologischen Seminar. Die Bibliothek war noch bis 17 Uhr offen, wie ein handgeschriebenes Schild an der Eingangstür verkündete. Emma betrat das Gebäude und stand direkt der Bibliotheksaufsicht gegenüber, einer jungen Frau mit verwaschenem T-Shirt und gegelten Haaren, darauf eine weit in den Nacken geschobene Schildmütze mit Werder Bremen Logo. Sie saß hinter einem schmalen Tisch, eingeklemmt zwischen einer Wendeltreppe vor sich und einem Regal hinter sich.

Emma hatte sich bereits an ihrem eigenen Computer im Verzeichnis der Bibliothek Signatur und Standort des Buches herausgesucht. Den Zettel hielt sie der Studentin hin, die ihr wortkarg den Weg wies. Emma kletterte über eine metallene Wendeltreppe in den Keller und gelangte in einen weiß gestrichenen fensterlosen Vorraum, von dem mehrere Türen abgingen. Sie betrat einen der Bibliotheksräume, an dessen Tür die Signaturen der dahinter stehenden Bücher verzeichnet waren. Der Raum erhielt von mehreren schmalen und hoch liegenden Fenstern Tageslicht. Er wurde fast zur Gänze eingenommen von einem überdimensionalen begehbaren Schrank aus grün lackiertem Metall. Wie eine Ziehharmonika waren zahlreiche hintereinander liegende Schrankfächer zusammengefaltet, um in dem niedrigen Kellergeschoss mehr Raum zu gewinnen. Emma entdeckte eine große Kurbel, mit der die Fächer auseinandergeschoben werden konnten.

Sie fand rasch das richtige Fach und drehte mit der Kurbel die Bretter des daneben sich befindenden Abteils so weit auseinander, dass sie in den Zwischenraum passte. In der zweiten Reihe von oben fand sie unter der Signatur, die sie sich notiert hatte, ein kleinformatiges Büchlein mit festem Einband in dunkler, undefinierbarer Farbe. Emma zog es heraus und wand sich durch den schmalen Gang wieder nach vorne. Dann setzte sie sich an einen der Tische, die sich an zwei Seiten entlang der Kellerwand zogen.

Laut Vorblatt war der »Kleine Jone« von Pater Dr. Heribert Jone geschrieben worden unter Berücksichtigung des CIC, des Codex Iuris Canonici. Dieses war das Gesetzbuch der katholischen Kirche. Emma fand rasch den Paragraphen, der im Diskussionsforum zur kirchlichen Geschichte genannt worden war. Dort war tatsächlich zu lesen, dass die katholische Kirche Kastration zur Verringerung der Versuchungen als schwere Sünde einstufte und damit als Todsünde.

Emma starrte auf die weiß gestrichene Wand vor sich, auf der jemand mit Bleistift einige Jahreszahlen gekritzelt hatte. Erstaunlich. Das Buch war im Jahr 1930 veröffentlicht worden. Und war bis heute eines der einflussreichsten Lehrbücher der Kirche. Emma war nicht sicher, was das im Zusammenhang mit den beiden Morden zu sagen hatte. Trotzdem schien es ihr bedeutsam zu sein. Sie machte eine Kopie der Buchseite und verließ die Bibliothek.

Inzwischen hatte es angefangen zu regnen. Emma blieb unter dem Vordach des Seminars stehen und überlegte, wie es nun weitergehen sollte. Paul hatte geglaubt, dass die Morde nichts mit dem Vatikan zu tun hatten, sondern mit der Kastration zusammenhingen. Doch nun hatte die Spur der Kastration sie direkt zum Vatikan geführt. Emma sah auf die Uhr. Um diese Zeit musste Paul eigentlich zu Hause sein. Sie war gespannt, was er zu den neuen Ergebnissen ihrer Recherche sagen würde. Vielleicht steckte am Ende doch der Vatikan dahinter.

Die Glut des Bösen: Kriminalroman
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