Solche Männer können bei der Umarmung geliebt werden, weil sie Männern und Frauen beiwohnen können und zuverlässig sind.
Emma brauchte zwei Stunden, um das Leck in der Kühlanlage zu finden und provisorisch zu flicken. Erleichtert schloss sie die Motorhaube und kehrte zurück in den Bus. Sie verstaute den Overall unter dem Beifahrersitz, streifte die Einmalhandschuhe ab und wusch sich die Hände unter dem spärlichen Strahl aus dem Wasserhahn. Sie nahm sich vor, als Erstes den Bus durchchecken zu lassen, wenn sie endlich wieder richtiges Geld verdiente. Das war jetzt das dritte Mal in zwei Monaten, dass sie ihn notdürftig flicken musste.
Emma setzte sich wieder hinter das Steuer und erreichte fünf Minuten später Mainz. Sie steuerte ihren Bus auf den Parkplatz des Instituts für Physik der Atmosphäre, das in einem Hochhaus mit Glasfassade untergebracht war. Die Frau in der Bibliothek beschrieb ihr umständlich den Weg zum Arbeitszimmer von Miriam Schürmann. Die Physikerin hatte sich das Zimmer mit einem Kollegen geteilt, Uwe Zimmermann, ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts.
Als Emma auftauchte, zeigte sich Zimmermann wenig begeistert. Sein altertümlicher Schreibtischstuhl ächzte unter seinem Gewicht. Emma erzählte von ihrer Recherche für einen Hintergrundartikel über den Mord.
»Ich würde mich gern ein wenig umsehen, wenn Sie erlauben«, sagte Emma.
»Die Polizei hat hier schon alles durchwühlt«, erwiderte er und fuhr sich mit der Rechten über seine Halbglatze. An seinem Handgelenk prangte eine goldene Rolex.
»Sie würden mir sehr helfen.«
»Wonach suchen Sie?«, fragte er misstrauisch.
»Eine Telefonnummer, ein Buch, ein Zeitungsartikel. Irgendetwas, das mir zeigt, was passiert sein könnte.«
Zimmermann schnaubte. »Glauben Sie wirklich, Sie finden etwas, was die Polizei übersehen hat?«
»Keine Ahnung«, sagte Emma leichthin. »Aber manchmal entdeckt man mit einem unbefangenen Blick von außen mehr als andere.«
Zimmermann kniff die Augen zusammen. »Ach, machen Sie, was Sie wollen«, knurrte er dann und wandte sich wieder seinem Computer zu. In den ersten Minuten warf er ihr ab und an einen neugierigen Blick zu, doch dann vertiefte er sich in einen Wust zerknüllten Papiers, in dem er etwas zu suchen schien.
Emma ging hinüber zu dem freien Schreibtischplatz und setzte sich auf den Schreibtischstuhl. Nachdenklich sah sie sich um. Der schmal geschnittene Raum war weiß gestrichen. Fotos an den Wänden zeigten Wolkenformationen und aufgewühlte Meeresoberflächen. Die beiden Schreibtische waren aneinander gerückt und vor die Wand geschoben, da sie sonst nicht ausreichend Platz gefunden hätten. Beide waren Massenware mit billiger weißer Beschichtung und schlecht gängigen Kunststoffschubladen. Auf Zimmermanns Schreibtisch stapelten sich Papiere, zwischen Arbeitsblättern und einem Kalender mit Eselsohren standen mehrere verklebte Kaffeetassen, daneben eine Flasche Milch, in der ein unappetitlicher weißer Pfropf in einer gelblichen Flüssigkeit schwamm.
Der zweite Schreibtisch dagegen war penibel sauber. Neben dem Computer standen Ablagekörbe aus schwarzem Metall und ein Drahtkorb mit Stiften. Emma zog die oberste Schreibtischschublade auf. Darin lagen ordentlich gestapelte unbeschriftete Blätter eines einfachen Kopierpapiers, mehrere Umschläge und ein paar lose Briefmarken. Der Inhalt der anderen Schubladen war ähnlich aufregend. Stifte, leere Plastikhefter, Büroklammern, ein Hefter, ein Locher, einige gebrauchte DIN A4-Umschläge. Enttäuscht wandte sich Emma ab und musterte das Regal hinter ihr.
Zimmermann stieß ein triumphierendes »Wusste ich’s doch« aus und verschwand mit einem Stapel Papieren auf dem Gang.
Emma lehnte sich zurück und blickte sich um. An der Wand unmittelbar neben ihr klebte ein vergilbtes Bild. Emma schob den Stuhl zur Seite und kniete sich nieder. Auf einem abgenutzten Blatt Papier war eine mittelalterliche Zeichnung von einem Mönch und einer Nonne zu sehen, die nebeneinander saßen und diskutierten. Das Papier wirkte, als hätte Miriam Schürmann die Zeichnung schon viele Jahre in immer wechselnden Räumen an die Wand geklebt. Emma nahm ihr Handy aus der Tasche und machte ein Foto.
Dann inspizierte sie das Metallregal hinter dem Schreibtisch genauer. Die Bücher waren ähnlich akkurat sortiert wie der gesamte Arbeitsplatz. Fast ausschließlich Fachbücher, einige ältere Exemplare, doch die meisten wirkten ziemlich neu und trugen einen Aufkleber der Universitätsbibliothek. Emma zweifelte nicht daran, dass es die Bücher für das Forschungsprojekt der Toten waren. Sie nahm jedes Buch aus dem Regal, schüttelte es und stellte es wieder zurück. Doch nirgendwo fiel ein Zettel heraus oder eine Quittung, die vielleicht als Lesezeichen gedient hatte.
Emma wandte sich dem obersten Regalbrett zu. Ordentlich aufeinander geschichtet lag dort ein Stapel neuerer Fachzeitschriften. Daneben stand ein Reiseführer über Island, ein Wanderführer für die Pfalz, ein Einführungsbuch in die Fotografie und ein populär aufgemachtes Buch über die Haltung von Hunden.
Emma nahm die wenigen privaten Bücher mit zum Schreibtisch und blätterte sie durch. In dem Buch über Hunde fand sie einige handschriftliche Anmerkungen, die vermuten ließen, dass Miriam Schürmann sich einen Hund zulegen wollte. Der Reiseführer über Island war nagelneu und unberührt. Das Buch über die Fotografie schien uralt zu sein und hatte offenbar dem Vater der Toten gehört. Auf dem Vorsatzblatt stand »Alfons Schürmann« in zittriger Altmännerschrift. Lediglich der Wanderführer für die Pfalz war offenkundig in letzter Zeit benutzt worden. Drei Routen waren angekreuzt, die allesamt nach einer längeren Wanderung in einem Waldstück bei ein und derselben Burgruine endeten.
Emma notierte sich die wichtigsten Stationen der Wanderrouten und stellte die Bücher zurück ins Regal. Enttäuscht, weil sie nichts von Bedeutung gefunden hatte, verließ Emma das Büro und zog die Tür hinter sich ins Schloss. Vor dem Ausgang kam ihr Uwe Zimmermann entgegen. Sein Blick glitt über ihre Hände und blieb an ihrer Handtasche hängen. Seine Prüfung schien zu seiner Zufriedenheit auszufallen. Jedenfalls blickte er hoch und nickte ihr im Vorübergehen flüchtig zu.
Emma kehrte zu ihrem Bus auf dem Parkplatz der Uni zurück und fuhr zur Wohnung der Toten. Doch die war noch immer versiegelt. Auch die Gespräche mit einigen der Nachbarn brachte wenig. Zwei ließen Emma sofort abblitzen, eine Nachbarin erzählte Emma ausführlich von ihrem Gesundheitszustand, und eine Dritte wurde sofort unfreundlich. Nur eine ältere Dame aus dem ersten Stock gab Emma freundlich gelassen Auskunft, als sie erfuhr, dass Emma für eine Zeitung schrieb. Miriam Schürmann sei eine ruhige Mieterin gewesen, erzählte sie, unauffällig und nahezu unsichtbar. Sie habe so gut wie nie Besuch gehabt, nur in der letzten Woche vor ihrem Tod sei ein Mann bei ihr gewesen, ein Priester, da war sich die alte Dame ganz sicher. Er war am Donnerstag so gegen neunzehn Uhr eingetroffen.
Emma bedankte sich bei der alten Dame, die fast enttäuscht wirkte, nicht noch mehr erzählen zu dürfen. Nachdenklich kehrte Emma zu ihrem Auto zurück. Sie fragte sich, was der Priester von der Toten gewollt hatte. Sie zweifelte nicht daran, dass es der Priester Josef Windisch gewesen war, der Miriam Schürmann besucht hatte.
Nach kurzem Zögern nahm Emma ihr Handy und wählte Hertls Nummer. Er klang ruhig, als er sich meldete. Sie wechselte ein paar belanglose Sätze mit ihm und fragte ihn dann, ob er Lust habe, am Abend mit ihr essen zu gehen. Hertl sagte sofort zu.
Schwester Lioba musterte die Unternehmensberaterin skeptisch. Gestern bei ihrer Ankunft wirkte Silvia Neureuther sachlich, fast unterkühlt, im tadellosen Businessdress. Nun saß ihr eine junge Frau in Freizeitkleidung gegenüber. Ihre Wangen waren leicht gerötet, und die kurzgeschnittenen Haare standen nach allen Seiten ab.
»Wir sind so weit durch«, erklärte Silvia Neureuther gut gelaunt. »Es ist Zeit für den nächsten Schritt.«
»Der Workshop«, stellte Schwester Lioba fest. Verblüfft sah sie, wie die Unternehmensberaterin schmunzelte.
»Genau«, wiederholte Neureuther lächelnd, »der Workshop. Was halten Sie davon, wenn wir gleich morgen anfangen?«
»Morgen ist Karfreitag«, entgegnete Schwester Lioba kühl, »der Todestag unseres Herrn und der höchste Feiertag des Jahres.«
Silvia Neureuther errötete. »Tut mir leid. Ich …«
»Schon gut.« Schwester Lioba spürte, dass die Fröhlichkeit Neureuthers sie dazu veranlasst hatte, unpersönlicher zu reagieren, als angemessen war. »Das ist Teil unseres Lebens und muss nicht Teil Ihres Lebens sein. Wir können den Workshop auf den Ostersamstag legen.«
Auch das war kein guter Termin, wie Schwester Lioba fand, doch die Zeit drängte. Und wer weiß, vielleicht würden die Festtage ihnen die nötige Zeit und die richtige Stimmung verleihen, um so gewichtige Themen zu diskutieren. Silvia Neureuther nickte, und das Lächeln kehrte wieder in ihre Augen zurück.
»Ich bin etwas überrascht, dass unsere Finanzen Ihnen so viel Freude machen«, meinte Schwester Lioba.
Silvia Neureuther errötete erneut und schlug für einen Moment schuldbewusst die Augen nieder. »Es wirkt vielleicht etwas merkwürdig auf Sie, aber zum einen haben ich und Nicole, ich meine Schwester Erika, wir haben uns seit zwei Jahren nicht gesehen, und es war einfach schön, die alten Geschichten vom Studium wieder aufzuwärmen. Und zum anderen ist mir heute Nacht eine Idee gekommen, wie Sie beides haben können: Das Hotel bewirtschaften und weiterhin ein kontemplativer Orden bleiben.«
Schwester Lioba musste lächeln. Die Freude der Unternehmensberaterin war ansteckend. »Ich freue mich auf den Workshop«, sagte sie. »Und am besten erzählen Sie jetzt nicht weiter. Dann bringen alle das gleiche Wissen in den Workshop mit, und wir können uns mit den Ideen von uns und Ihnen gleichermaßen beschäftigen.«
Schwester Lioba spürte, wie die Zuversicht und die Freude ihres Gegenübers die Sorgen der letzten Tage ein wenig von ihren Schultern nahm. Sie wünschte so sehr, dass Silvia Neureuthers Vorschlag ein gangbarer Weg sein könnte.
Sie nickte der Unternehmensberaterin freundlich zu, die sich vergnügt verabschiedete. Kaum hatte sich die Tür geschlossen, klopfte es erneut.
Schwester Lioba sah auf die Uhr neben ihrem Schreibtisch. Es war kurz vor 18 Uhr, in wenigen Minuten würde sich der Konvent in der Klosterkirche versammeln, um gemeinsam den Gründonnerstag-Gottesdienst zu feiern.
»Ja«, sagte sie zögernd. Erstaunt musterte sie ihre Stellvertreterin, die mit hochrotem Kopf das Büro betrat. Ihr Habit wirkte verdreht und verströmte einen strengen Schweißgeruch. Stirnrunzelnd sah Schwester Lioba sie an. Schwester Heidrun schien ihren Blick nicht zu bemerken.
»Schwester Adelgund«, sagte sie aufgebracht und faltete erregt die Hände, »es ist Schwester Adelgund.«
»Was ist mit Schwester Adelgund?«, fragte Schwester Lioba verblüfft. Die Gastschwester betreute seit einigen Jahren nahezu vorbildlich das Gästehaus.
»Das abtrünnige Schaf«, fuhr Schwester Heidrun entrüstet fort. »Sie trifft sich anscheinend bereits seit einiger Zeit regelmäßig mit einem Mann aus der Nachbarschaft.«
Erschüttert musterte Schwester Lioba ihre Stellvertreterin. Diese ließ sich ohne Aufforderung auf den Besucherstuhl sinken und rieb sich mit einem Papiertaschentuch die Stirn.
»Die Gastschwester?«, erwiderte Schwester Lioba entsetzt. Sie konnte nicht verhindern, dass sie als Erstes daran dachte, dass das ihre Pläne für das Hotel empfindlich erschütterte. Sie hatte bei ihren Überlegungen, wie man das Hotel als erweitertes Gästehaus nutzen könnte, immer fest auf die Fähigkeiten und Erfahrungen von Schwester Adelgund gebaut. Zugleich schämte sie sich für diesen rein materiellen Gedanken.
Schwester Heidrun schien ihr Entsetzen anders zu deuten.
»Ja, ehrwürdige Mutter, die junge Mutter vom Kiosk an der Ecke weiß anscheinend schon seit zwei oder drei Wochen davon und sieht keinen Anlass, das für sich zu behalten.«
Entsetzt musterte Schwester Lioba ihre Stellvertreterin.
»Es gibt bereits Gerede im Ort?«, fragte sie und wurde blass.
»Also ich weiß nicht, wem und wie vielen Menschen die Frau vom Kiosk bereits davon erzählt hat«, erwiderte Schwester Heidrun und steckte seufzend das zerknitterte Taschentuch ein. »Aber sie ist gewissermaßen persönlich betroffen.«
Fragend blickte Schwester Lioba die Priorin an. Diese richtete sich auf, als draußen die Kirchenglocken ertönten. In wenigen Minuten begann der Gründonnerstag-Gottesdienst, einer der wichtigsten Gottesdienste des Jahres. Sie würden Jesus symbolisch bei seiner letzten Mahlzeit Gesellschaft leisten und mit ihm wachen, während Judas seinen Herrn verriet und Petrus ihn dreimal verleugnete.
Schwester Heidrun erhob sich und ordnete ihren Habit. Sie sah an sich herunter, sammelte sich und schob die Hände in ihre Ärmel. Die Röte in ihrem Gesicht war abgeklungen.
»Ja?«, fragte Schwester Lioba drängend. Sie war noch nicht bereit, sich der Messe zu widmen. Erst wollte sie das ganze Ausmaß des Fehltritts wissen.
»Schwester Adelgund nutzt anscheinend schon seit einiger Zeit die Möglichkeit, über das Gästehaus nachts das Kloster zu verlassen. Da sie Schlüssel für die Tür vom Kloster ins Gästehaus hat, ist sie natürlich auch im Besitz der Schlüssel nach draußen. Über diesen Weg trifft sie seit einiger Zeit auch nachts diesen Mann.«
»Und was hat die Frau vom Kiosk damit zu tun?«, fragte Schwester Lioba.
»Schwester Adelgund trifft sich mit ihrem Mann, der sich vor kurzem von der jungen Mutter getrennt hat. Es ist der Vater ihrer Kinder«, sagte Schwester Heidrun entrüstet und presste die Lippen zusammen. Dann senkte sie den Kopf und eilte davon.
Die Rückfahrt nach Bingerbrück war mühsam. Der Osterreiseverkehr hatte eingesetzt, und Emma kam nur mühsam vorwärts. Sie nutzte die Gelegenheit, sich noch mal alle Informationen durch den Kopf gehen zu lassen. Immer wieder landete sie an demselben Punkt: die Handschrift. Die hatte damals schon bei dem Selbstmord des Mönchs eine Rolle gespielt, davon war sie überzeugt, und nun hatte sie wieder ein Menschenleben gekostet. Aber warum?
Emma beschloss, das Nachdenken über das Warum zu verschieben. Hertl war ein bekannter Hildegard-Forscher. Wenn er die Frage nicht beantworten konnte, wer dann?
Vor Emma scherte ein überladener VW-Golf nach rechts auf die Standspur. Eine Schar Kinder ergoss sich auf den Seitenstreifen, gefolgt von einem gestressten Vater. Die Sonne war mittlerweile einem leichten Nieselregen gewichen, und das monotone Geräusch des Scheibenwischers erfüllte in regelmäßigen Abständen den Bus. Emma zog die Freisprechanlage zu sich und drückte den Kurzwahlknopf für Pauls Nummer. Es klingelte einige Male, denn meldete sich Paul mit einem knappen »Hallo, Prinzessin«.
Emma erzählte ihm von ihren Recherche-Ergebnissen in Mainz.
»Und du?«, beendete sie ihren Bericht.
»Ich war in Feudenheim und habe einen Einsatzleiter der Feuerwehr interviewt, der jeden Satz mit einem ›Nicht wahr?‹ beendet hat«, erwiderte Paul und schnaubte.
»Was ist mit dem Mord im Kloster, bist du da noch dran?«
»Ich weiß nicht«, erwiderte Paul zögernd.
»Was ist los?«, fragte Emma. »Gibt’s Stunk mit Winterbauer? Will er nicht, dass du noch mal was darüber machst?«
»Nein«, antwortete Paul, »ich bin mir nur nicht sicher, ob sich das Ganze lohnt.«
»Was ist mit Grieser? Was sagt er zu deiner Karfreitag-These?«
»Er meinte, wegen einer vagen Ahnung bekommt er keinen höheren Personaleinsatz genehmigt«, knurrte Paul.
»Besser vorher als nachher«, murmelte Emma.
»Ich hab ihn gewarnt. Mehr kann ich nicht tun.«
»Und was ist mit euch beiden?«, fragte Emma.
»Was ist mit deinem Vater?«, fragte Paul zurück. »Bist du sicher, dass er dir alles erzählt hat, was er weiß?«
»Was willst du damit sagen?«
In die entstehende Stille drang das rasch lauter werdende Martinshorn eines Rettungswagens. Emma warf einen Blick in den Rückspiegel. Hinter ihr wichen die Fahrzeuge nach links und rechts aus, um in der Mitte eine Gasse frei zu machen. Emma lenkte den Bus nach rechts auf die Standspur und warf einen Blick auf die altmodische Uhr im Armaturenbrett. Es war bereits 18 Uhr 15. Hoffentlich schaffte sie es bis 19 Uhr nach Bingerbrück.
»Was ist los bei dir?«, fragte Paul.
»Stau«, sagte Emma. »Gerade kam ein Sanka vorbei. Das könnte noch eine Weile dauern.«
»Ich bin jetzt bei der Redaktion angekommen«, sagte Paul. »Muss noch die O-Töne einspielen.«
»Was ist mit meinem Vater?« Emma hörte, wie Paul den Motor abstellte. Entferntes Kinderlachen füllte die entstandene Stille.
»Er war damals im Internat, und er war am Abend vor Palmsonntag im Kloster«, sagte Paul.
»Was soll das?«, brauste Emma auf. »Du willst doch nicht ernsthaft meinem Vater was anhängen.«
»Er hatte die Gelegenheit«, sagte Paul ruhig.
»Und das Motiv?«
»Keine Ahnung«, erwiderte Paul.
»Das ist doch totaler Quatsch!«, rief Emma und konnte trotzdem nicht verhindern, dass sie an das Modell der Tagesschule denken musste. Die Fahrzeuge vor ihr kehrten auf die Fahrbahn zurück. Emma umklammerte das Lenkrad, ihre Hände zitterten.
»Sicher?«, fragte Paul zurück.
»Es geht um die Handschrift, das ist das Einzige, was wir wirklich wissen«, erwiderte Emma eindringlich. »Es gibt einige, die die Handschrift gerne hätten. Und einige, die wollen, dass sie nie auftaucht.«
»Ach komm, diese Verschwörungstheorie ist doch albern«, brummte Paul.
»Aber dass du meinen Vater verdächtigst, das ist in Ordnung«, rief Emma.
»Komm, beruhig dich wieder«, knurrte Paul.
»Verdammt, es geht um meinen Vater.«
»Okay, Prinzessin«, erwiderte Paul und seufzte, »ich kann verstehen, dass dich das ärgert.«
Er verabschiedete sich und legte auf, ohne die Antwort abzuwarten. Emma starrte auf die stehende Autokolonne vor ihr. Sie glaubte nicht, dass ihr Vater etwas mit dem Mord zu tun hatte. Trotzdem spürte sie, wie ein Rest Zweifel an ihr nagte.
Es war 18.47 Uhr, als der Bus auf dem Parkplatz unterhalb des Klosters ausrollte. Emma war müde, doch nun war es zu spät, sich noch einen Moment hinzulegen. Sie goss sich Wasser in eine flache Schüssel und wusch sich notdürftig. Dann zog sie eine helle Hose und eine grüne Baumwollbluse an. Sie bürstete ihre widerspenstigen Locken und schlüpfte in weiche hellbraune Mokassins. Zum Schluss puderte sie sich die Wangen und legte einen hellen Lippenstift auf. Zufrieden musterte sie sich im Spiegel. Dann griff sie nach ihrer Handtasche, legte zu Geldbeutel und Puderdose noch das Aufnahmegerät und die flache Kamera. Sie warf sich einen Trenchcoat über und kletterte aus dem Bus.
Hertl hatte es sich beim Italiener auf einem Fensterplatz mit Blick auf den Rhein bequem gemacht. Emma begrüßte ihn mit einem Lächeln, das Hertl nachdenklich erwiderte.
Ein Mann mit kahlrasiertem Schädel und den impulsiven Gesten eines Italieners brachte die Speisekarten. Emma studierte die Karte und bestellte dann hausgemachte Pasta mit Krebsfleisch und Lauch. Hertl ließ sich Antipasti mit Zucchini und Auberginen bringen, gefolgt von Lammkrone auf Steinpilzen.
Im Laufe des Essens wurde Hertl lockerer. Dazu trug auch eine Flasche halbtrockener Valpolicella bei, den sie gemeinsam bestellt hatten und von dem sich Hertl deutlich häufiger einschenkte als Emma.
Sie spürte, wie die Müdigkeit allmählich wich und wie sie begann, das Gespräch mit Hertl zu genießen. Sie mochte ihn. Er brachte sie zum Lachen, als er von seinen Vorlesungen an der Uni erzählte und den Gegenständen, die Studenten mit in den Hörsaal schleppten – angefangen von einem Laptop mit Internetzugang, der auch benutzt wurde, über ein komplettes Frühstück bis hin zu einer Transportbox mit Katze, die unaufhörlich jammerte.
Emma hatte sich seit Tagen nicht mehr so unbeschwert gefühlt. Hertl warf ihr einen freundlichen Blick zu. Er wirkte alkoholisiert, und Emma hoffte, dass dies seine Zunge lockerte.
»Haben Sie Familie?«, fragte sie spontan und hätte sich im nächsten Moment am liebsten auf die Zunge gebissen.
»Zwei Kinder«, sagte Hertl und schmunzelte. »Hagen, sieben Jahre, und Brunhild, vier Jahre alt.«
»Also Nibelungenfan.« Emma lächelte gequält und versuchte, ihre Enttäuschung zu verbergen.
»Meine Frau«, erwiderte Hertl. »Oder vielmehr Ex-Frau. Seit fünf Wochen. Ich muss mich noch dran gewöhnen.«
Emma wagte nicht aufzusehen. Sie griff nach ihrem Weinglas und leerte es.
»Wie weit sind Sie mit Ihren Recherchen?«, fragte Hertl.
Emma nahm sich ein Stück Brot aus dem Korb und tunkte die Reste der Weißweinsoße von ihrem Teller. »Ich denke eigentlich immer noch, dass in der Handschrift etwas drin stehen könnte, das nicht öffentlich werden soll.«
Hertl musterte sie nachdenklich. »Was könnte das sein?«, fragte er.
Emma lächelte. »Das wollte ich eigentlich Sie fragen.«
Sie sah den Widerhall ihres Lächelns in seinen Augen aufblitzen.
»Sexualität«, erwiderte er. »Es passt vielen nicht, was die Ordensfrau vor 800 Jahren über Sexualität geschrieben hat. Es gab damals auch andere Kleriker, die sich über die menschliche Sexualität ausgelassen haben. Kaum einer jedoch hat den körperlichen Aspekt so detailliert geschildert.«
»Aber das ist bekannt«, wandte Emma ein. »In den Abschriften ist doch alles nachzulesen, was Hildegard geschrieben hat.«
Hertl zögerte. Emma musterte aufmerksam sein Gesicht, dessen Ausdruck sie nicht deuten konnte.
»Es sind Abschriften, wie gesagt.« Hertl griff nach seinem Glas und leerte es mit einem Zug. »Im Original könnte alles Mögliche drin gestanden haben, wer weiß das schon.«
Enttäuscht griff Emma ebenfalls nach ihrem Glas.
»Wollen wir uns noch ein wenig die Füße vertreten?«, fragte er und sah sie fragend an.
Emma nickte. Sie zahlten ihre Zeche und erhoben sich. Emma griff nach ihrem Mantel. Die Nachtluft war kalt und trug den Geruch von nasser Erde mit sich.
»Wie wäre es mit dem Garten?«, fragte Emma und deutete zum Klostergarten auf der anderen Straßenseite.
Ein nachdenklicher Blick Hertls streifte ihr Gesicht. Dann willigte er ein. Sie überquerten die Straße und bogen in die schmalen Kieswege des Klostergartens.
»Kennen Sie dieses Bild?«, fragte Emma. Sie holte ihr Handy aus der Tasche und zeigte ihm das Foto, das sie in Miriam Schürmanns Büro gemacht hatte. Hertl nickte. Emma steckte das Handy wieder ein und stopfte beide Hände in die Taschen ihres Trenchcoats, der für die kalte Abendluft nicht warm genug war. Sie sah zu Hertl, der noch immer schwieg. Motorengeräusch wehte von der Straße bis zu ihnen, dann wurde es wieder ruhig. Der Kies knirschte unter ihren Schritten. Emma kämpfte gegen den Impuls, die Stille mit einem leicht dahin geworfenen Satz zu unterbrechen. Sie hörte, wie Hertl tief durchatmete. Rasch wandte sie den Kopf. Er rieb sich das Gesicht und warf schließlich den Kopf in den Nacken.
»Dieses Bild zeigt Abaelard und Heloise. Abaelard war ein französischer Philosoph und wurde Anfang des 12. Jahrhunderts zum Hauslehrer von Heloise, einer begabten jungen Frau aus gutem Hause. Abaelard begann ein Verhältnis mit seiner Schülerin. Ihr Onkel und Beschützer, ein Kleriker, bemerkte es erst, als sie schwanger wurde. Abaelard wollte sie heimlich heiraten, doch Heloise war dagegen, weil sie um seinen Ruf als Gelehrten fürchtete. Als ihr Onkel sie unter Druck setzte, wurde Heloise auf Anordnung Abaelards ins Kloster gebracht. Ihr Onkel ließ daraufhin Abaelard überfallen und kastrieren. Heloise wurde später zu einer starken Äbtissin, die keinen männlichen geistlichen Vorgesetzten über sich duldete. Sie war für Hildegard von Bingen das Vorbild einer starken, erfolgreichen Klosterleiterin.«
Emma kniff die Augen zusammen.
»Wussten Sie, dass Pater Benedikt kastriert war?«, fragte er unvermittelt.
»Ja, davon habe ich gehört«, erwiderte Emma gedehnt.
»Das hat er machen lassen, kurz nachdem er die verschollene Handschrift gefunden hatte«, fuhr Hertl fort. »Er machte in der Abtei Königsmünster in Meschede Urlaub und hat die Gelegenheit genutzt, einige ehemalige Studienkollegen zu besuchen. Einer von ihnen lebte in einem uralten Pfarrhaus in der Nähe von Holzminden. Dort fand er in der Pfarrbibliothek einige alte Schriften, wahrscheinlich aus den Beständen der Bibliothek des Klosters Corvey. Dabei ist ihm die Handschrift in die Hände gefallen. Eigentlich hätte er den Fund melden müssen, aber er hatte auf einmal Sorge, dass die Schrift dann ganz verschwinden würde. Also hat er sie mitgenommen und beschloss, sie zu übersetzen, bevor er sie abgab.«
»Hat Pater Benedikt erzählt, warum er sich hat kastrieren lassen?«, fragte Emma. Der Nachtwind strich über ihr Gesicht. Fröstelnd zog sie die Schultern hoch.
»Nein«, erwiderte Hertl. Dann blieb er stehen und starrte hinunter auf den Fluss, wo schwankende Lichter träge in die eine oder andere Richtung drifteten. Emma trat neben ihn und musterte ihn von der Seite. Auf einmal war die Ausgelassenheit, die er noch vor kurzem ausgestrahlt hatte, verschwunden. Sein Gesicht wirkte finster und angespannt.
»Die Kastration hatte bereits im Mittelalter eine lange Tradition«, sagte er.
Emma nickte. Er wandte den Kopf, erwiderte ihren Blick und verzog den Mund zu einem gequälten Lächeln.
»Der frühchristliche Theologe Origenes soll sich selbst entmannt haben«, sprach Hertl weiter. »Das war seine Interpretation einer umstrittenen Bibelstelle, Matthäus 19,12: Denn es gibt Verschnittene, die von Mutterleib so geboren sind; und es gibt Verschnittene, die von den Menschen verschnitten worden sind; und es gibt Verschnittene, die sich selbst verschnitten haben um des Reiches der Himmel willen. Wer es fassen kann, der fasse es.«
Ein feiner Nieselregen setzte ein. Emma hob den Kopf und blickte zum Himmel, wo im Licht des Vollmonds schwarze Wolken zu sehen waren.
»Auf diese Bibelstelle bezieht sich zum Beispiel das Buch der Theologin Uta Ranke-Heinemann mit dem Titel ›Eunuchen für das Himmelreich‹«, fuhr Hertl fort. »Darin setzt sie sich mit der Sexualmoral in der Geschichte des römischen Katholizismus auseinander und übt massive Kritik.«
»Hm«, brummte Emma nachdenklich. Sie warf Hertl einen Blick zu, der den Regen nicht zu bemerken schien. Er wirkte abwesend und sprach gedankenverloren weiter.
»In den Frühzeiten der christlichen Kirche kam es nicht selten vor, dass Mönche sich selbst entmannt haben. Die Enthaltsamkeit war immer wieder ein erstrebenswertes Ziel verschiedener religiöser Richtungen, nicht nur der christlichen Kirche. Der sexuelle Trieb ist mit einer der stärksten Triebe der Menschheit. Ihn zu beherrschen bedeutet, sich in allen Untiefen der Seele zu beherrschen.«
»Koste es, was es wolle«, erwiderte Emma.
Hertl sah sie mit zusammengezogenen Augenbrauen an und starrte dann wieder hinunter auf den Rhein.
»Die Kirche hat das später verboten. Nur der Kampf gegen die Versuchung erbringe den Verdienst, so die vorherrschende Meinung.«
Überrascht musterte Emma ihn. »Das wusste ich nicht«, erwiderte sie. Der Nieselregen wurde kräftiger. Sie spürte, wie ihr Trenchcoat die Nässe förmlich aufsaugte.
Hertl machte einen fahrigen Eindruck und benetzte immer wieder seine Lippen. Emma fragte sich, ob diese Veränderung nur auf den Alkohol zurückzuführen war.
»Die Sexualität ist der Trieb des Menschen, mit dem die Kirche ihre größten Probleme hat«, fuhr Hertl fort. »Bis heute hat sie es nicht geschafft, einen menschenfreundlichen Umgang mit diesem Thema zu finden. Und wenn man sich die gesellschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Jahre ansieht, dann wird die Kirche daran untergehen, dass sie diese Seite des Menschen bis heute dämonisiert, verdrängt und verteufelt.«
Seine Stimme klang rau. Der Regen hatte zugenommen. Emma spürte, wie die Nässe durch ihren Mantel drang. Sie schob die feuchten Locken aus ihrer Stirn und warf einen skeptischen Blick zu Hertl, der noch immer keine Notiz vom Regen nahm.
»Aber nicht nur das Christentum hat ein Problem mit der menschlichen Sexualität«, erklärte Hertl weiter. »Alle Weltreligionen tun sich damit schwer. Der Dalai Lama sagte vor kurzem in einem Interview einer Boulevardzeitung, als er auf den Zölibat angesprochen wurde, dass Sex den Menschen gemein mache mit allen anderen Tieren. Er sei ein Mensch, der für gewisse moralische Prinzipien stehe. Der Zölibat sei etwas, das ihn vom gewöhnlichen Tier unterscheide.«
»Das hieße ja, alle Menschen, die nicht zölibatär leben, sieht er auf einer Stufe mit Tieren«, sagte Emma.
Hertl zog fragend die Schultern hoch.
»Sie glauben, dass die Kastration des Mönchs etwas mit Hildegard von Bingen zu tun hatte?«, fragte Emma.
Überrascht kniff Hertl die Augen zusammen und musterte sie. Diese Frage schien ihn in die Gegenwart zurückzuholen.
»Nein«, sagte er und zog fröstelnd die Schultern hoch. »Das glaube ich nicht.«
»Aber er hat sich doch kastrieren lassen, kurz nachdem er die Handschrift gefunden hatte«, beharrte Emma. Eine Windböe peitschte den Regen in ihr Gesicht. Erst jetzt nahm Hertl Notiz von der Nässe. Er strich das nasse Haar nach hinten. Emma setzte sich in Bewegung und blickte zurück zu Hertl, der ihr folgte. Hinter ihm erlosch in einem der Fenster im Gästehaus des Klosters das Licht. Wolken schoben sich vor den Mond, und die Dunkelheit im Klostergarten verstärkte sich.
»Sie werden nass«, bemerkte Hertl überflüssigerweise. »Lassen Sie uns für heute unser Gespräch beenden. Ich erzähle Ihnen morgen mehr darüber. Es wird sie interessieren. Es gibt Dinge, die viel zu lange totgeschwiegen wurden.«
Auf einmal spürte Emma eine Angst, die tief aus ihrem Inneren zu kommen schien. Hektisch blickte sie sich um, doch außer Hertl war niemand zu sehen. Das Brausen des Windes schluckte die Geräusche ihrer Schritte auf dem Kies. Die Zeit schien stillzustehen.
Dann erreichten sie die Straße mit den vertrauenserweckenden Lichtinseln der Straßenlampen. Emma spürte, wie Erleichterung ihren Körper wie eine warme Welle durchströmte. Sie atmete tief durch und blieb unter einer Laterne stehen. Der Regen hatte nachgelassen.
»Was könnte Hildegard von Bingen in ihrer Handschrift geschrieben haben, das wichtig genug wäre, die Handschrift verschwinden zu lassen?«, fragte Emma.
Hertl, der etwas langsamer gefolgt war, blieb ebenfalls stehen.
»Sie hat sich ernsthaft, offen und ehrlich mit der Sexualität des Menschen auseinandergesetzt«, erwiderte er. »Außerdem hält sie sich in ihren naturwissenschaftlichen Schriften mit Urteilen und Wertungen sehr zurück. Das gelingt bis heute kaum einem Mitglied einer christlichen Kirche. Schon deshalb gebührt ihr meine Hochachtung.«
Er schwieg. Seine Gestalt strahlte eine Energie aus, die Emma verblüffte.
»Wissen Sie, was mich wundert?«, sagte er unvermittelt.
Emma schüttelte den Kopf.
»Kein Mensch scheint sich dafür zu interessieren, was die Handschrift eigentlich wert ist«, sagte er und schüttelte bedächtig den Kopf, »Geld, meine ich.«
»Wie viel denn?«, fragte sie.
»Mehrere Millionen Euro«, erwiderte Hertl und schnaubte. Emma starrte ihn an. Erneut beschlich sie ein ungutes Gefühl. Sie musste an das Modell im Arbeitszimmer ihres Vaters denken.
»Sie haben gesagt, wir sprechen morgen weiter«, fuhr sie rasch fort und versuchte den unangenehmen Gedanken abzuschütteln. »Wie wäre es mit Frühstück beim Italiener? Neun Uhr?«
Hertl zögerte. Dann nickte er ihr wortlos zu und wandte sich ab.
»Markus«, rief Emma ihm nach. Sein Vorname fühlte sich noch fremd an. Hertl blieb stehen und musterte sie erstaunt. Emma bereute es bereits, ihrem Impuls gefolgt zu sein. Es fiel ihr schwer, seinem Blick standzuhalten, und sie spürte, wie Röte in ihre Wangen stieg.
Dann sah sie, wie ein Lächeln in seinen Augen aufblitzte. Das gab ihr den Mut, noch einige Schritte auf ihn zuzugehen. Emma erwiderte sein Lächeln und blickte ihn herausfordernd an. Als sie ihren Kopf dicht an sein Gesicht brachte, kam er ihr entgegen.
Der Kuss schmeckte süß und innig. Emma spürte, wie ihr Herz weit wurde und die Beklemmung der vergangenen Tage von ihr wich. Für einen Moment erwog sie, ihn zu fragen, ob er mit ihr die Nacht verbringen wolle. Doch der Gedanke an den hellhörigen Bus und das Gästehaus eines Klosters hielt sie davon ab. Behutsam löste sie sich von ihm und trat einen Schritt zurück.
»Gute Nacht«, flüsterte sie, »schlaf gut. Wir sehen uns morgen.«
Hertl erwiderte ihr Lächeln. Für einen Moment schien die Anspannung auch von ihm abzufallen.
»Schlaf gut«, hörte sie ihn leise rufen. Emma wandte kurz den Kopf und winkte der Gestalt zu, die jenseits der Lichtkegel mit der Dunkelheit verschmolz.
Emma schritt rasch auf die Klostermauer zu, in dessen Schatten der Fußweg zum Parkplatz verlief. Leichtfüßig lief sie durch die Nacht, ohne sich umzusehen. Sie hatte die halbe Klosteranlage umrundet, als vor ihr aus der Dunkelheit unvermittelt eine dunkle Gestalt auftauchte. Abrupt blieb sie stehen und sah sich hastig um. Ihre Gedanken überschlugen sich, und sie überlegte fieberhaft, wie lange sie brauchen würde, um zur Straße zurückzukehren. Dann hörte sie ein kaum wahrnehmbares Klicken, begleitet von einem dumpfen Vibrieren. Sie sah, wie der Mann etwas an seine Lippen hob und zu flüstern begann. Erst da erkannte sie, dass ihr ein Beamter in Zivil gegenüberstand, der Meldung machte. Erleichtert ging sie an ihm vorüber und erwiderte seinen prüfenden Blick mit einem freundlichen Nicken.
Grieser war offenbar doch Pauls Vorschlag gefolgt und hatte die Streifen rund um das Kloster verstärkt. Emma war erleichtert, als sie ihren Bus erreichte. Sie startete den Motor und steuerte ihren Bus auf die Straße. Wenige Minuten später hatte sie auf der anderen Seite der Nahe ein ruhiges Wohngebiet in den Randbezirken von Bingen erreicht.