6. Kapitel

 
 

Für die Manneskraft, die in den Lenden der Männer liegt oder vielmehr für den Wind, der aus dem Mark hervorgeht, sind zwei untereinander verbundene Kräfte wie zwei Behälter da, welche die Glut, die im Manne ist, erweisen und außerdem das Feuer für den Stamm mächtig in sich enthalten. Sie sind von einer dünnen Haut umgeben, damit ihre Leistungsfähigkeit keine Einbuße erleidet, die ihnen behilflich ist, den Stamm aufrichten zu können. Fehlen einem Manne zufällig diese beiden Kräfte infolge angeborenen Mangels oder weil er kastriert wurde, so hat er keine männliche Kraft und auch nicht den männlichen Wind, der den Stamm zu seiner Kraft erhebt.

 

Zu ihrer Überraschung schmeckte die Suppe ausgezeichnet. Schwester Lioba aß mit Genuss weiter. Als sie hörte, dass es heute Fischsuppe geben sollte, hatte sie schon das Schlimmste befürchtet. Süddeutsche Hausmannskost konnte die Küchenschwester wirklich gut, aber die wenigen Ausflüge in die internationale Küche waren bisher grauenhaft gewesen. Diesmal hatte Schwester Angelika sich selber übertroffen. Schwester Lioba warf einen kurzen Blick in die Runde. Das Refektorium war gut gefüllt. Bis auf Schwester Angelika waren alle der 37 Schwestern des Konvents beim Essen. Schweigend, wie die Regel es vorsah. Auf einem kleinen Podest saß Schwester Bettina, eine schüchterne Mittdreißigerin mit unstetem Blick. Sie war diese Woche dran mit der Lesung und sollte dafür nach eigener Einschätzung die wichtigsten Meldungen aus der Tageszeitung wählen. Da sie sich meist schwer entscheiden konnte, lagen zwischen den einzelnen Meldungen oft mehrere Minuten Pause.

»Mit einem beispiellosen Aufgebot hat die Polizei versucht, Randale beim Nato-Gipfel zu verhindern – gelungen ist das nur auf der deutschen Seite. In Straßburg brannten Häuser, Demonstranten lieferten sich …«

Die Stimme von Schwester Bettina wurde leiser und verstummte schließlich. Schwester Lioba hob erstaunt den Kopf. Es war seit Jahren nicht mehr vorgekommen, dass die Lesung während der Mahlzeit unterbrochen wurde.

Erst jetzt nahm sie die Geräusche wahr. Aus dem Gang zum Refektorium waren aufgeregte Stimmen zu hören. Eine davon gehörte Schwester Angelika. Selten hatte die Stimme der Küchenschwester so hysterisch geklungen.

Durch die jahrhundertealte Tür zum Speisesaal drang unüberhörbar eine Männerstimme. Ärgerlich runzelte Schwester Lioba die Stirn. Dieser Teil des Klosters gehörte zur Klausur, dem Bereich, der ausschließlich den Schwestern vorbehalten war. Er blieb selbst dem Beichtvater verschlossen. Die Blicke aller Schwestern waren auf die Tür gerichtet, die sich unvermittelt öffnete.

Schwester Angelika erschien im Türrahmen, ihr Gesicht war sichtlich gerötet. Hinter ihr tauchte der Kommissar auf, der Schwester Lioba am Morgen befragt hatte. Sie brauchte einen Moment, bis ihr sein Name wieder einfiel. Hauptkommissar Grieser, so hatte er sich vorgestellt. Schwester Lioba spürte, wie sich die Aufmerksamkeit der Mitschwestern auf sie richtete. Ein Blick in die Gesichter verriet ihr, dass die Schwestern teils neugierig, teils angespannt darauf warteten, dass sie etwas unternahm. Ihr Blick kreuzte sich mit dem von Schwester Raphaela, ihrer alten Rivalin. In ihren Augen blitzte Neugier.

Bedächtig legte Schwester Lioba den Löffel beiseite. Dann erhob sie sich. Hauptkommissar Grieser hatte sie bereits unter den Schwestern entdeckt und steuerte auf sie zu. Die Anspannung im Raum stieg. Schwester Lioba ging Hauptkommissar Grieser entgegen, der zu reden anfing, noch bevor sie ihn erreicht hatte.

»Ich muss Sie dringend sprechen«, sagte er. »Es tut mir leid, dass ich Sie und Ihre Mitschwestern beim Essen störe, aber es ist wirklich wichtig.«

»Es wäre nicht nötig gewesen, dafür in die Klausur einzudringen, dem Rückzugsraum des Konvents«, sagte Schwester Lioba ruhig. Sie erreichte Grieser und beschleunigte ihren Schritt, sodass er gezwungen war, ihr nachzueilen.

Sie führte Grieser auf den Gang, schloss hinter ihm die Tür zum Refektorium und ging direkt nach unten in ihr Büro. Schweigend folgte er ihr und wartete, bis sie sich gesetzt hatte.

»Entschuldigen Sie«, sagte er zerknirscht und ließ seinen Worten eine angedeutete Verbeugung folgen.

Ärgerlich musterte Schwester Lioba den Hauptkommissar, der ihr gegenüber auf dem Besucherstuhl Platz nahm. Er nestelte in seiner Jackentasche und förderte sein Notizbuch zutage. Er wirkte angespannter als am Morgen. »Miriam Schürmann ist nicht in ihrem Zimmer im Gästehaus umgebracht worden. Wenn sie außerhalb vom Rupertsberg ermordet wurde, so muss ihre Leiche gegen Morgen ins Kloster gebracht worden sein.«

»Wir feiern jeden Abend die Vigilien, das Nachtgebet. In der Abteikirche. Die Vigilien enden gegen 20.45 Uhr. Manchmal kommen Touristen und Einheimische in die Kirche, die unserem Nachtgebet beiwohnen. Wenn die letzten Besucher nach Ende des Gebets das Kloster verlassen haben, schließen wir alle Türen ab. Dann haben nur noch die Schwestern Zugang zur Klosteranlage. Am nächsten Morgen nach dem Morgengebet öffnen wir wieder das Kloster für Außenstehende.«

»Das heißt, es gibt die ganze Nacht keine Möglichkeit, auf das Klostergelände zu kommen?«, fragte der Hauptkommissar. Schwester Lioba schüttelte den Kopf.

»Dann müsste es jemand gewesen sein, der Zugang zum Kloster hatte«, erklärte Grieser gedehnt.

Schwester Lioba spürte, wie sich Schweißperlen auf ihrer Stirn bildeten. »Sie denken, eine der Schwestern hat Miriam im Kloster ermordet?« Sie stand auf. Ein Ordner mit Rechnungen rutschte über die Kante des Schreibtischs und landete vor ihren Füßen. Reflexartig bückte sie sich und angelte nach dem grauen Pappordner, der unter dem Schreibtisch verschwunden war. Auch Grieser war aufgestanden. Er kniete sich neben sie und zog einige der weißen Papierstücke zu sich her.

Schwester Lioba richtete sich auf und legte behutsam den Ordner auf ihren Schreibtisch zurück. Stumm schickte sie ein Stoßgebet gen Himmel. O Kraft der Weisheit, / du zogst deine Bahn / umfingst das All / auf dem einzigen Weg, / der zum Leben führt. / Drei Kräfte hast du, Flügeln gleich: / Zur Höhe empor schwingt sich kraftvoll der eine, / von der Erde her müht sich der zweite, / und allüberall schwingt der dritte. / Lob sei dir, Weisheit, / würdig bist du allen Lobes!

Grieser hielt ihr einen Packen Rechnungen hin. Schwester Lioba murmelte einen Dank und nahm ihm die Papiere ab. Dann schob sie das ganze Bündel zur Seite.

»Könnten Sie sich denn vorstellen, dass es eine der Schwestern war?«, fragte Grieser.

»Ordensschwestern sind Menschen wie andere auch«, erwiderte Schwester Lioba. »Sie können auch fehlen. Allerdings könnte ich mir nicht vorstellen, dass eine Schwester, die zu solch einer Tat fähig ist, danach ihr Leben als Ordensfrau einfach fortsetzt. Deshalb würde ich sagen, nein, das kann ich mir nicht vorstellen.«

»Das hätte mich auch gewundert«, sagte er zögernd.

»Welche Möglichkeiten gibt es noch?«, fragte sie. Der Schweißfilm auf ihrer Stirn trocknete allmählich und hinterließ ein kühles Gefühl.

»Haben die Gäste nachts Zugang zu allen Räumlichkeiten des Klosters?«

»Nein«, sagte Schwester Lioba. »Mit ihrer Codekarte können sie von außen ins Gästehaus gelangen. Alle anderen Gebäude und der Klosterhof bleiben ihnen nachts verschlossen.«

»Auch die Kirche?«, vergewisserte sich Grieser.

»Nachts bleibt eine kleine Seitentür der Kirche geöffnet. Doch um dorthin zu gelangen, muss man Zugang zum Klosterhof haben. Das ist nur mit einem Generalschlüssel möglich.«

»Bleiben also nur die Schwestern.«

Schwester Lioba sah ihn sprachlos an.

»Könnte jemand an einen Generalschlüssel herangekommen sein?«, fragte Grieser.

Schwester Lioba zog die Augenbrauen zusammen. »Nicht unmöglich, aber unwahrscheinlich. Einen Satz Schlüssel habe ich, einen zweiten Schwester Heidrun. Sie ist Priorin und damit meine Stellvertreterin. Die Ersatzschlüssel werden hier in meinem Büro aufbewahrt.«

Er sah sie schweigend an. Schwester Lioba erwiderte seinen Blick. Sie ging rasch die verschiedenen Möglichkeiten durch, die ihr blieben. Sie konnte ihn hinauswerfen. Das machte sie und den Konvent verdächtig und würde bedeuten, dass die Polizei erst recht versuchen würde, hier einzudringen und alles zu durchsuchen. Sie konnte passiven Widerstand leisten. Doch das würde er merken und ebenfalls dazu führen, dass er versuchen würde, ihr zu beweisen, dass sie ihn nicht aufhalten konnte. Sie konnte aber auch kooperieren, um zu versuchen, den Schaden so gering wie möglich zu halten. Sie musterte ihn. Grieser hatte ruhig abgewartet, als wüsste er, dass sie eine Entscheidung treffen musste.

Schwester Lioba erhob sich und ging zu dem Büroschrank, der neben der Tür die Wand füllte. Es war ein moderner Schrank aus Spanplatten mit dunklem Eichenfurnier. Sie drückte die Tür auf und prüfte die Unversehrtheit des kleinen Tresors, der darin untergebracht war. Dann nahm sie den Schlüsselbund aus ihrer Tasche und öffnete ihn. Neben den Einnahmen des Klosterladens aus den vergangenen Tagen lag in der Schublade der schwere eiserne Ring mit den glänzenden Ersatzschlüsseln. Schwester Lioba prüfte den Schlüsselbund und sagte: »Alle Schlüssel sind da, es fehlt keiner.« Sie verschloss den Tresor und zog sich mit der Linken am Schrank hoch. Sie war müde und hatte das Gefühl, im Laufe des Tages um Jahre gealtert zu sein. Sie senkte den Kopf für ein kurzes Stoßgebet. Dann wandte sie sich um.

»Könnte jemand den Leichnam auf anderem Weg ins Kloster gebracht haben?«, fragte sie und kehrte zum Schreibtisch zurück.

»Die Klostermauern sind sehr hoch. Da hätte man eine lange Leiter gebraucht. Mit der wiederum wäre es schwierig gewesen, den Leichnam sozusagen huckepack mitzunehmen. Das ist eher unwahrscheinlich.«

Auf einmal fror sie. Sie mochte sich nicht ernsthaft ausmalen, wie jemand auf einer Leiter über die Klostermauern kletterte und dabei Miriams Leichnam auf der Schulter balancierte.

»Sind alle Schlösser unversehrt?«, fragte sie.

»Das prüfen meine Leute gerade.« Grieser nickte.

Schwester Lioba fühlte sich schlecht. Sie hätte ihm einige Gründe nennen können, warum Miriam sterben musste. Doch nach dem Gespräch mit Windisch am Morgen musste sie schweigen. Miriam würde davon auch nicht wieder lebendig, hatte er gesagt, und sie hatte ihr Geheimnis vermutlich mit ins Grab genommen. Also gab es keinen Grund mehr, der Polizei alles zu sagen.

»Ich habe noch eine Frage an Sie«, unterbrach Grieser ihre Gedanken.

Schwester Lioba sah ihn nachdenklich an. Für Windisch hing viel davon ab, dass sie den Mund hielt. Doch sie riskierte damit, sich und den ganzen Konvent in diese Geschichte mit hineinzuziehen. Mal ganz davon abgesehen, dass ein Mörder frei herumlief. Aber sie war sicher, dass er es nur auf Miriam abgesehen hatte.

Besorgt musterte sie den Hauptkommissar und versuchte zu deuten, was sie in seinen Augen las. Die Ungeheuerlichkeit der Vermutung, dass die Mörderin eine der Schwestern des Konvents gewesen sein könnte, war eigentlich nicht zu überbieten. Sie nickte.

»Ihre Vorgängerin ist vor etwa acht Wochen gestorben«, sagte er bedächtig. »Was war die Todesursache?«

»Herzversagen«, erwiderte Schwester Lioba ohne Zögern. »Ihr Herz war müde und ist eines Nachts einfach stehengeblieben. Wir haben sie am anderen Morgen tot in ihrem Bett gefunden.«

»Wie heißt der Arzt, der den Totenschein ausgestellt hat?«, fragte Grieser.

»Ertelt«, erwiderte Schwester Lioba und beobachtete, wie Grieser den Namen in sein Notizbuch eintrug. »Doktor Ertelt. Er hat seine Praxis hier in Bingerbrück, nur zwei Straßen weiter.«

Erst dann dämmerte ihr, warum Grieser danach fragte.

»Sie wollen nicht ernsthaft behaupten...«, begann Schwester Lioba. Ihre Stimme klang in ihren eigenen Ohren ungewohnt tief.

»Ich behaupte gar nichts«, sagte Grieser ruhig und schob den Kugelschreiber zurück in die Brusttasche. Dann verstaute er sein Notizbuch in einer Innentasche seiner Jacke. »Ich prüfe lediglich, ob sich ein Zusammenhang finden lässt zwischen dem Mord und der Umgebung, in der die Leiche aufgefunden wurde.«

»Unsere verehrte Äbtissin, Mutter Mechthild, ist an Herzversagen gestorben«, sagte Schwester Lioba fest. »Sie hat sich schon in den Monaten davor nicht mehr gut gefühlt und sich um eine Nachfolgerin für ihr Amt bemüht. Es gibt keinerlei Zusammenhang zwischen dem Mord an meiner armen Schulfreundin und dem Tod meiner Vorgängerin.«

»Es bleibt mir nichts anderes übrig, Schwester Lioba, als jedem Hinweis nachzugehen«, sagte Grieser bedauernd. »Wir müssen zumindest die Möglichkeit prüfen, ob es einen Zusammenhang gibt. Das Wichtigste im Moment ist auszuschließen, dass Miriam Schürmann hier im Kloster ermordet wurde. Wir werden die privaten Räume der Ordensschwestern untersuchen müssen.«

Schwester Lioba erstarrte. »Das heißt?«, fragte sie, und zum ersten Mal verließ sie das Bedürfnis, ein Mindestmaß an Höflichkeit aufzubringen.

»Meine Kollegen von der Spurensicherung werden jeden Raum in diesem Kloster überprüfen. Jetzt.«

Diesmal fiel ihr kein Gebet ein, um ihre hektisch ausschlagenden Gedanken in ruhige Bahnen zu lenken.

»Wenn Sie uns freiwillig keinen Zugang gewähren, dann kann ich ihn erzwingen. Die deutsche Gerichtsbarkeit gilt auch für katholische Klöster.« Grieser stand auf.

Schwester Lioba erhob sich ebenfalls. Grieser war neben der Tür stehen geblieben und sah sie nachdenklich an. Am liebsten hätte sie ihn hinausgeworfen mitsamt seinen Leuten.

»Es gibt keinen Grund, mir zu drohen«, sagte sie ruhig und blieb vor ihm stehen. »Selbstverständlich können Sie Ihre Arbeit tun. Ich möchte Sie nur bitten, nicht mehr ohne Vorankündigung in die Klausur einzudringen.«

Grieser runzelte die Stirn.

»Im Anschluss an das Abendessen haben wir Rekreation und sind gemeinsam im Aufenthaltsraum. Danach gehen wir zum Nachtgebet in die Klosterkapelle. Sie und Ihre Leute haben also etwa drei Stunden Zeit, einen Blick in alle Zimmer zu werfen, ohne unsere Privatsphäre zu stören. Speisesaal und Aufenthaltsraum können Sie untersuchen, während wir in der Kapelle sind. Genügt Ihnen das?«

Griesers Falten glätteten sich, und ganz unvermittelt zog ein Lächeln über sein Gesicht.

»Drei Stunden sind nicht viel«, sagte er freundlich. Zum ersten Mal seit Beginn des Gesprächs hatte Schwester Lioba das Gefühl, dass er sich in ihrer Gegenwart wohl fühlte. »Doch für eine erste flüchtige Untersuchung wird es genügen. Nur wenn wir irgendwelche Hinweise finden, müssen wir diesen nachgehen, egal wie lange es dauert.«

Schwester Lioba verabschiedete Grieser mit einem kurzen Nicken.

 

Grieser gab seine Anweisungen an die Kollegen der Spurensicherung weiter. Sie hatten im Gästehaus des Klosters einen Tagungsraum zur Einsatzzentrale gemacht. Mit den Gerätschaften der Spurensicherung, etlichen Computern und einem 3-D-Scanner war es recht eng. Kramer und vier seiner Leute packten ihre Arbeitskoffer und gingen hinüber ins Kloster. Sabine Baum folgte ihnen.

Grieser blieb zurück und schrieb auf einem der Computer seinen Bericht. Er trug alle Informationen zusammen, die sie bisher hatten. Sorgfältig ging er nochmals die Aussagen von Kern und Schwester Lioba durch. Grübelnd starrte er nach draußen. Bisher hatte er noch nicht einmal einen vagen Anfangsverdacht. Nichts.

Er warf einen Blick auf seine Uhr. Es war bereits nach 20 Uhr, draußen war es inzwischen fast dunkel. Grieser beschloss, dem Parkplatz des Klosters einen Besuch abzustatten und die Journalistin aufzuspüren. Er schnappte sich seine Jacke und trat auf den Klosterhof. Der Geruch des Tages war gewichen und hatte einer Mischung aus dunklen Erdtönen und kühler Nachtluft Platz gemacht. Auf dem Rhein waren nur noch dunkle Schatten zu sehen, auf denen Lichter tanzten. Der Hauptkommissar verließ die Klosteranlage durch das untere Torhaus. Auf dem Parkplatz schlenderte er zwischen den kreuz und quer stehenden Fahrzeugen hindurch. Seit dem Morgen waren noch einige hinzugekommen. An einem Campingtisch saß ein junger Mann, der kaum die Schule hinter sich gelassen haben konnte, und bearbeitete fast gewaltsam die Tastatur seines Laptops. Eine Gruppe von Männern und Frauen stand zwischen den Wagen eingekeilt. Sie debattierten heftig. Grieser ging nahe genug heran, bis er die Gesichter erkennen konnte. Wortfetzen drangen zu ihm herüber. Neugierige Blicke streiften sein Gesicht, doch niemand sprach ihn an.

Grieser lief weiter. In den meisten Fahrzeugen lagen technische Geräte, dazwischen leere Kaffeebecher, Schlafsäcke und achtlos in die Ecke geworfene Kleidungsstücke.

Am Rande des Parkplatzes zum Rhein hin stieß er auf einen alten VW-Bus. Darin brannte Licht. Ein Mann und eine Frau saßen sich schweigend an einem Tisch gegenüber. Beide starrten auf den Bildschirm eines Computers.

Grieser erkannte die Journalistin vom Klosterhof. Sie hatte schulterlange dunkle Locken und ein ovales Gesicht mit leichten Grübchen links und rechts. Der Mann ihr gegenüber war gutaussehend, mit kurzgeschnittenen blonden Haaren und wachen, dunklen Augen.

Der Hauptkommissar klopfte an die Scheibe der Schiebetür. Zwei Augenpaare wandten sich ihm zu und versuchten die spiegelnde Fensterscheibe zu durchdringen. Dann erhob sich die Frau und öffnete.

»Ja?«, fragte sie und ließ ihren Blick über sein Gesicht gleiten.

»Sie sind Journalistin?« Grieser tastete in die Tasche nach seinem Dienstausweis.

Die Frau nickte und betrachtete ohne Regung das Dokument, das er ihr hinhielt.

»Ich habe Sie heute Nachmittag im Innenhof der Klosteranlage gesehen. Ich denke, Ihnen ist klar, dass Sie in die innere Absperrung vorgedrungen sind und damit die laufenden Ermittlungen gestört haben«, sagte Grieser.

Die Frau verzog noch immer keine Miene, wich aber seinem Blick nicht aus.

»Ihre Papiere bitte«, sagte Grieser und runzelte die Stirn.

Die Frau zog ihre Handtasche zu sich her und kramte einen Ausweis hervor, der sie als Emma Prinz auswies. Grieser griff in seine Innentasche und nahm sein Notizbuch heraus, um sich Name und Adresse aufzuschreiben.

»Sollten Sie etwas veröffentlichen, was unsere Ermittlungen behindert, werde ich Sie dafür belangen«, sagte er und gab ihr den Ausweis zurück.

»Das ist Ihr gutes Recht«, erwiderte Emma Prinz gelassen.

Nun stand der Mann auf und trat hinter sie. Er blickte Grieser von oben herab ins Gesicht.

»Was haben Sie denn Emma Prinz konkret vorzuwerfen?«, fragte er grimmig.

»Paul«, wehrte Emma ab.

»Sie hat aus Versehen die innere Absperrung überwunden«, fuhr der Mann unbeirrt fort, »ohne sich dessen bewusst zu sein, und ist von einem der Gäste des Klosters in sein Zimmer eingeladen worden.«

Grieser erstarrte. Er wandte den Kopf und blickte den Mann an, den sie Paul genannt hatte. Diese Stimme hätte er überall erkannt. Grieser versuchte seine Atmung zu kontrollieren. Die beiden sollten nicht merken, dass er sich kaum noch im Griff hatte.

»Sind wir uns nicht vor kurzem begegnet?«, fragte Grieser. Er veränderte den Ton seiner Stimme ein wenig, nun klang er weniger offiziell. Der andere hatte ihn ebenfalls erkannt, das spürte Grieser sofort. Doch seine Miene änderte sich nur wenig. Grieser war sich nicht sicher, wie er den Gesichtsausdruck deuten sollte.

»Würden Sie bitte einen Moment mitkommen?«, fragte Grieser. Paul sah ihn wortlos an. Die Frau schien unschlüssig, was sie davon halten sollte. Unruhig trat sie von einem Fuß auf den anderen. Paul nickte ihr zu und erhob sich.

»Kein Problem«, sagte er und ließ offen, an wen seine Worte gerichtet waren. Er stieg aus dem Bus.

»Würden Sie bitte einen Moment mitkommen?«, wiederholte Grieser höflich.

Der Mann zog fragend seine Augenbrauen hoch, was seinem Gesicht einen unfreiwillig komischen Ausdruck verlieh. Dann wandte er sich der Journalistin zu.

»Mach dir keine Sorgen«, sagte er leichthin. »Ich bin bald zurück.«

Grieser stapfte los, zurück zur Klosteranlage. Aus den knirschenden Geräuschen hinter sich schloss er, dass Paul ihm folgte. Grieser ließ das Torhaus rechts liegen und strebte Richtung Spazierweg, unterhalb der östlichen Klostermauer. Am liebsten wäre er schneller gegangen, doch er zwang sich, seine Ungeduld zu zügeln. Paul blieb hinter ihm. Kein Wort fiel. Grieser umrundete die Klosteranlage und erreichte seinen Dienstwagen, den er am Morgen neben dem Hotel »Zum Schwanen« abgestellt hatte. Die Lichter blinkten, dann öffnete sich die Verriegelung. Grieser warf einen Blick in die Runde und vergewisserte sich, dass keiner seiner Kollegen in Sichtweite war. Er zog die Fahrertür auf und setzte sich hinters Steuer. Paul stieg auf der Beifahrerseite ein und zog die Tür ins Schloss. Grieser startete den Motor und fuhr los. Nur mit Mühe schaffte er es, das Tempo knapp über der Geschwindigkeitsbegrenzung zu drosseln. Zwischen den Häusern waren kaum noch Menschen zu sehen. Aus vielen Fenstern drang Licht und zerschnitt die rasch hereinfallende Dunkelheit. Grieser ließ den Ortskern hinter sich und steuerte auf der gegenüberliegenden Hangseite eine Aussichtsplattform an. Nur wenige Häuser lagen in Sichtweite. Grieser stellte den Wagen ab und überquerte den verlassenen daliegenden Bolzplatz. Am gegenüberliegenden Ende erreichte er eine Absperrung, die den Grillplatz vom Abgrund trennte. Ein Meer aus Lichtern lag vor ihm, in das der Rhein eine dunkle Schneise schnitt. Der Wind strich über Griesers nass geschwitzten Nacken und ließ ihn frösteln. Paul erreichte ihn und trat neben ihn ans Geländer. Schweigend blickten sie auf das dunkle Wasser hinunter. Winzige Lichter glitten langsam schaukelnd den Flusslauf hinunter.

Grieser wandte sich um und musterte den Mann neben sich. Er hatte ihn sich anders vorgestellt, älter und weniger gutaussehend. Grieser trat näher. Paul drehte den Kopf und sah ihn an. Grieser hielt seinen Blick fest, dann näherte er sich behutsam und küsste ihn ganz sacht auf den Mund. Wie schon vor zwei Monaten im Darkroom überwältigte ihn das Gefühl, endlich angekommen zu sein. Später hatte er sich selbst ausgelacht. Der Zweck eines Darkrooms war es, unkomplizierten Sex mit Unbekannten zu haben. Die Dunkelheit schützte die Identität der Männer, nur Schemen waren zu erkennen. Nicht gerade der ideale Ort, um sich zu verlieben.

Die Glut des Bösen: Kriminalroman
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