20

Ich hielt an einer Telefonzelle und rief bei Lonnie an, der mir den Gefallen tat zu lachen, als er den Bericht von meiner Unterhaltung mit Paul Trasatti hörte. »Vergiß es. Der Typ ist ein Arschloch. Er hat mich gerade am Telefon belabert, herumgejammert und sich über Belästigung beschwert. So ein Idiot.«

»Warum macht er sich solche Sorgen um Jack?«

»Vergiß Jack fürs erste. Um den kümmere ich mich. Sprich lieber mal mit Bennet. Ich habe ihn nicht erreicht. Allerdings habe ich läuten hören, daß er sich mit einem Anwalt berät, für den Fall, daß das scharfe Auge des Gesetzes sich als nächstes auf ihn richten sollte. Soweit ich gehört habe, hat er immer noch kein Alibi.«

»Tja, das ist aber interessant.«

»Ja, langsam werden die Leute nervös. Das ist ein gutes Zeichen«, sagte er. Er gab mir die Adresse von Bennets Restaurant, das in der Innenstadt in einer Seitenstraße der State Street lag. In der Umgebung befand sich ein Reifengeschäft, ein Minimarkt, ein Videoverleih und ein Billardsalon, in dem überhöhter Bierkonsum allein schon genügend Anlaß für Schlägereien bot. Parkplätze schienen nicht gerade reichlich zur Verfügung zu stehen, und man konnte sich nur schwer vorstellen, wo die Kundschaft für ein Restaurant herkommen sollte.

Offensichtlich war das Ladenlokal früher ein Einzelhandelsgeschäft gewesen, Teil einer Kette, die Konkurs angemeldet hatte. Das alte Schild hing noch draußen, aber das Innere war völlig leergeräumt worden. Die Räume waren höhlenartig und finster, und der Fußboden bestand aus nacktem Beton. Heizungsrohre und Strahlträger lagen offen da, ebenso wie sämtliche elektrischen Leitungen. Im hinteren Teil war ein Büro eingerichtet worden: Schreibtisch, Aktenschränke und Büromaschinen, die in einem grob gezimmerten Kabuff standen. Die Rückwand war allerdings massiv, und durch eine schmale Türöffnung konnte ich eine Toilette und ein kleines Waschbecken mit darüberhängendem Medizinschränkchen sehen. Es würde eine Menge Geld kosten, den Ausbau zu vollenden und das Lokal zum Laufen zu bringen. Kein Wunder, daß Bennet so scharf darauf gewesen war, das zweite Testament aufzutreiben. Wenn Guys Anteil zwischen seinen Brüdern aufgeteilt würde, wäre jeder von ihnen um mehr als eine Million reicher, was Bennet eindeutig gebrauchen konnte.

Zur Rechten befand sich ein riesiges Metalltor, das hochgerollt war und den Blick auf ein von Unkraut bewachsenes, unbebautes Grundstück freigab. Draußen herrschte grelles Sonnenlicht, das auf den zerbrochenen Flaschen glitzerte. Es war keine Menschenseele zu sehen, aber das Haus stand nach allen Seiten offen, und ich überlegte, ob wohl bald Bennet oder ein Bauarbeiter auftauchen würde. Während ich wartete, spazierte ich in den Büroraum und setzte mich an Bennets Schreibtisch. Der Schreibtischstuhl war wackelig, und ich malte mir aus, daß er seine Telefonate im Stehen führte, mit einer Pobacke auf dem Tisch, der stabiler aussah. Alles in diesem Büro wirkte, als wäre es geliehen oder billig erstanden worden. Der Papierstreifen, der aus der Rechenmaschine hing, war mit einer langen Reihe von Zahlen bedruckt, die sich zu nichts addierten. Ich hätte die Schubladen durchsuchen können, aber dazu war ich dann doch zu höflich. Außerdem hatte mich mein jüngster Zusammenstoß mit Paul Trasatti ein bißchen gezügelt. Ich wollte nicht, daß Lonnie an einem einzigen Tag gleich zwei Beschwerden bekäme.

Auf einem Rollwagen stand eine mechanische Schreibmaschine. Mein Blick glitt beiläufig über sie hinweg und kehrte dann wieder zu ihr zurück. Es war eine uralte schwarze Underwood mit runden, vergilbten Tasten, die aussahen, als müßten sie mit viel Kraft gedrückt werden. Das Farbband war so abgenutzt, daß es in der Mitte ganz dünn war. Mein Blick schweifte zu dem Metalltor hinüber und dann über die leeren Restauranträume. Immer noch kein Mensch. Meine böse Fee schwebte zu meiner Linken. Sie war es, die mich auf das offene Paket Schreibmaschinenpapier hinwies, das da vor meinen Augen lag.

Ich zog ein Blatt heraus und spannte es in die Maschine, während ich mich auf den wackeligen Schreibtischstuhl setzte. Ich tippte meinen Namen. Dann schrieb ich diesen alten Standardsatz: The quick brown fox jumps over the lazy dog. Ich tippte den Namen Max Outhwaite. Dann schrieb ich Sehr geehrte Miss Milhone. Ich beäugte das Schriftbild. Die Vokale schienen nicht verschmutzt zu sein, was (wie Dietz ausgeführt hatte) nicht viel heißen mußte. Es könnte trotzdem die Maschine sein, die für die Briefe verwendet worden war. Vielleicht hatte Bennet sich mittlerweile eben darum gekümmert, seine Typen zu säubern. Ich zog das Blatt heraus und faltete es zusammen. Dann stand ich auf und schob es in die Tasche meiner Jeans. Wenn ich ins Büro zurückkäme, würde ich sehen, ob an den Typen für a und i mit einem Vergrößerungsglas eine Beschädigung sichtbar wäre. Ich hatte den anonymen Brief zwar immer noch nicht gesehen, den Guy am Montag, bevor er ums Leben kam, erhalten hatte, aber vielleicht würde Betsy Bower ja nachgeben und mich unerlaubterweise eine Kopie machen lassen.

Das Telefon klingelte. Ich starrte es kurz an und hob dann den Kopf, um auf Schritte zu lauschen, die sich näherten. Nichts. Es klingelte noch einmal. Ich war schon versucht, den Hörer abzunehmen, doch das war gar nicht nötig, da sich der Anrufbeantworter einschaltete. Bennets Ansage war kurz und sehr geschäftsmäßig. Genau wie der Anrufer.

»Bennet. Hier ist Paul. Ruf mich so bald wie möglich an.«

Der Apparat schaltete sich ab. Das Anzeigelämpchen begann zu blinken. Meine böse Fee tippte mir auf die Schulter und deutete auf das Gerät. Ich streckte den Finger aus und drückte auf LÖSCHEN. Eine körperlose männliche Stimme teilte mir mit, daß die Nachricht getilgt worden war. Ich ging zur Vordertür und beschleunigte meinen Schritt, als ich die Straße erreicht hatte. Trasatti war ganz schön fleißig; er rief alle an.

Eine Harley-Davidson tauchte röhrend in meinem Blickfeld auf. Mist. Ausgerechnet jetzt kam Bennet zurück, wo ich mich schon in Sicherheit wähnte. Ich ging wieder langsamer, als hätte ich jede Menge Zeit. Bennet steuerte Jacks Motorrad keine drei Meter von mir entfernt an den Randstein. Er stellte den Motor ab und trat den Ständer herunter. Dann nahm er den Helm ab und klemmte ihn sich unter den Arm. Mir fiel auf, daß ihm das Haar in dichten Kringeln am Kopf klebte und schweißnaß war. Trotz der Hitze trug er eine schwarze Lederjacke zum Schutz, falls er das Motorrad ins Schleudern brachte und stürzte. »Wieder am Arbeiten?«

»Ich bin immer am Arbeiten«, erwiderte ich.

»Wollten Sie mich sprechen?« Seine Jacke knarrte beim Gehen. Er betrat das Restaurant.

Ich folgte ihm. »Wie läuft’s mit den Bauarbeiten? Es sieht ziemlich gut aus«, sagte ich. Es sah zwar aus wie ein Bombenkrater, aber ich wollte ihm schöntun. Unsere Schritte hallten wider, als wir über den nackten Betonboden gingen.

»Es geht recht langsam voran.«

»Aha«, sagte ich. »Wann möchten Sie denn aufmachen?«

»Im April, wenn alles gutgeht. Wir haben noch viel zu tun.«

»Was für eine Art von Restaurant?«

»Cajun und karibische Küche. Wir bieten aber auch Salate und Burgers an, alles zu vernünftigen Preisen. Vielleicht zwei Abende die Woche Jazz. Wir peilen vor allem den Singles-Markt an.«

»So was wie ein Abschlepp-Schuppen?«

»Aber mit Klasse«, sagte er. »Hier im Ort gibt es nicht viel Nachtleben. Wir wollen an den Wochenenden Tanzmusik bieten. Ich glaube, damit stoßen wir in eine Marktlücke. Dazu einen Koch aus New Orleans und alle lokalen Bands, die gerade angesagt sind. Wir müßten eigentlich Publikum bis aus San Luis Obispo anziehen.«

»Klingt heiß«, sagte ich. Mittlerweile waren wir am Büro angekommen, und ich bemerkte, wie er einen Blick auf den Anrufbeantworter warf. Ich hörte ihm nur mit halbem Ohr zu, da ich überlegte, wie ich das Gespräch am Laufen halten könnte. »Irgendwelche Probleme mit dem Parken?«

»Überhaupt nicht«, antwortete er. »Wir pflastern das Grundstück nebenan. Momentan stehen wir noch in Verhandlungen. Dort ist Platz für dreißig Autos und auf der Straße für weitere zehn.«

»Klingt gut«, sagte ich. Er wußte auf alles eine Antwort. Glatt wie ein Aal, dachte ich.

»Ich reserviere Ihnen Freikarten für die große Eröffnung. Tanzen Sie gern?«

»Nein, eigentlich nicht.«

»Keine Sorge. Wir bringen Sie in Fahrt, und dann können Sie sich austoben. Ihre ganzen Hemmungen vergessen und richtig loslegen«, sagte er. Er schnippte mit den Fingern und ging in die Knie, was ungemein hip aussehen sollte.

Was ich im Leben am allerwenigsten leiden kann, ist, wenn mich ein Typ dazu auffordert, »mich auszutoben« und »richtig loszulegen«, Das Lächeln, das ich ihm schenkte, war hauchdünn. »Ich hoffe, bis dahin ist diese Geschichte mit Jack geklärt.«

»Allerdings«, sagte er gelassen, und seine Miene wurde entsprechend nüchtern. »Wie sieht es denn inzwischen aus?«

»Er kann nicht nachweisen, wo er sich aufgehalten hat, und das ist ungünstig«, sagte ich. »Die Cops behaupten, sie hätten einen blutigen Abdruck seines Schuhs auf dem Teppich in Guys Zimmer gefunden. Ich will Sie nicht mit Einzelheiten langweilen. Lonnie bat mich, Sie zu fragen, wo Sie waren.«

»An dem Abend, als der Mord geschah? Da bin ich in L. A. durch die Clubs gezogen.«

»Sie sind nach Los Angeles und wieder zurück gefahren?«

»Das mache ich oft. Ist doch keine Affäre. Anderthalb Stunden jede Strecke«, sagt er. »An diesem Abend war ich eine ganze Weile unterwegs.«

»Hatten Sie eine Verabredung?«

»Es war streng geschäftlich. Ich versuche, ein Gefühl dafür zu entwickeln, was ankommt und was nicht, und teste Speisekarten. Und dann höre ich mir natürlich ein paar Bands aus L. A. an.«

»Ich nehme an, Sie haben Kreditkartenquittungen, die das belegen.«

Sein Gesichtsausdruck ließ darauf schließen, daß ich ihn in diesem Punkt unvorbereitet getroffen hatte. »Ein paar vielleicht. Ich muß mal nachsehen, was ich habe. Ich habe hauptsächlich in bar bezahlt. Das ist einfacher.«

»Wann sind Sie nach Hause gekommen?«

»Gegen drei«, antwortete er. »Möchten Sie mit nach hinten kommen? Ich habe Bier kalt gestellt. Wir könnten etwas trinken.«

»Danke. Es ist noch ein bißchen früh.«

»Wo müssen Sie denn hin?«

»Zurück ins Büro. Ich habe einen Termin«, sagte ich.

Auf dem Rückweg ins Büro hielt ich an einem Feinkostgeschäft und besorgte Limonade und Sandwiches. Dietz hatte gesagt, er käme, sobald er mit seinen Recherchen fertig sei. Ich stellte die Getränke in den kleinen Kühlschrank in meinem Büro und warf meine Handtasche auf den Fußboden neben den Stuhl. Dann stellte ich die Tüte mit den Sandwiches auf den Aktenschrank und holte mir den Aktendeckel mit den Zeitungsausschnitten. Ich setzte mich auf meinen Drehstuhl und breitete meine Karteikarten, die maschinengeschriebenen Briefe und das Muster, das ich gerade auf Bennets Schreibmaschine getippt hatte, ordentlich nebeneinander aus. Solange eindeutige Lösungen fehlen, sollte man wenigstens einen systematischen Eindruck machen.

Ich schaltete die Schreibtischlampe an und holte mein Vergrößerungsglas hervor. Der Schrifttyp war nicht der gleiche. Ich war enttäuscht, aber es überraschte mich nicht. Ich nahm Guys letzten Brief aus meiner Tasche und las ihn noch einmal durch. Abgesehen von seiner Einladung nach Disneyland, die ich sofort angenommen hätte, wurde mir klar, daß das, was ich vor mir hatte, im Prinzip ein eigenhändiges Testament war. Der Brief war komplett von Hand geschrieben, und im Postskriptum hatte er ausgeführt, was mit seinem Anteil vom Nachlaß seines Vaters geschehen sollte. Ich kannte zwar nicht sämtliche erforderlichen Voraussetzungen für ein gültiges eigenhändiges Testament, glaubte aber, daß es ihnen genügte. Die Handschrift müßte natürlich überprüft werden, aber das konnte Peter Antle tun, wenn ich ihn das nächste Mal sah. Ich wußte, daß Guy am späten Montag nachmittag einen verstörenden Brief bekommen hatte, und was immer darin stand, mußte ausgereicht haben, ihn so zu beunruhigen, daß er seine Wünsche deutlich machen wollte. Ich stand auf und verließ das Büro, wobei ich seinen Brief mit in den Kopierraum nahm. Ich machte ein Duplikat davon und verschloß das Original zusammen mit den anderen in meiner untersten Schublade. Die Kopie schob ich ins Außenfach meiner Handtasche.

Ich versuchte, mir Guy vorzustellen, doch sein Gesicht war vor meinem geistigen Auge bereits verblaßt. Was geblieben war, war seine Freundlichkeit, der Klang seines »Hey« und das Streicheln seiner Barthaare, als er mit den Lippen meine Wangen berührt hatte. Ich weiß nicht, ob wir eine sehr intensive Beziehung zueinander eingegangen wären, wenn er am Leben geblieben wäre. Kinsey Millhone und ein Wiedergeborener war vermutlich keine Kombination, die viel Zukunft gehabt hätte. Aber wir hätten Freunde sein können. Wir hätten einmal im Jahr nach Disneyland fahren und uns amüsieren können.

Ich wandte mich wieder meinen Karteikarten zu und fing an, mir Notizen zu machen. Jede Ermittlung hat ihren eigenen Charakter, aber es gibt gewisse Gemeinsamkeiten wie zum Beispiel das mühevolle Ansammeln von Informationen und die dazu erforderliche Geduld. Auf folgendes hofft man: eine beiläufige Bemerkung des früheren Nachbarn bei der Suche nach einem Vermißten, eine gekritzelte Bemerkung am Rand eines Dokuments, einen geschiedenen Ehepartner voller Groll, eine Kontonummer, einen am Tatort übersehenen Gegenstand. Auf folgendes muß man sich gefaßt machen: Sackgassen, bürokratische Sturheit, falsche Fährten, Spuren, die nirgendwohin führen oder sich einfach in Luft auflösen, Leugnen, Ausflüchte und die ausdruckslosen Blicke all der feindlich gesinnten Zeugen. Und auf folgendes kann man sich verlassen: daß man es zuvor schon mal geschafft hat und die Härte und Entschlossenheit besitzt, es wieder zu schaffen.

Ich sah auf meinen Schreibtisch herab, wobei mir das Etikett auf dem Aktendeckel ins Auge fiel. Es war säuberlich getippt: Guy Malek, Ausschnitte aus dem Dispatch. Die beiden Briefe von Outhwaite lagen auf gleicher Höhe mit dem Etikett, wodurch ich zum ersten Mal bemerkte, daß das kleine a und das kleine i auf allen drei Schriftstücken schadhaft war. Stimmte das? Ich sah genauer hin, nahm noch einmal mein Vergrößerungsglas zu Hand und studierte die betreffenden Buchstaben. Man brauchte einen Fachmann für Schriftstücke, um es zu beweisen, aber mir kam es so vor, als wären die Briefe auf derselben Maschine geschrieben worden wie das Etikett.

Ich griff nach dem Telefon und rief die Maleks an. In der winzigen Zeitspanne zwischen dem Wählen und dem Moment, in dem es zu klingeln begann, durchkämmte ich angestrengt meine Phantasie, um mir einen Grund für diesen Anruf einfallen zu lassen. Mist, Mist, Mist. Christie nahm am anderen Ende den Hörer ab und begrüßte mich kühl, nachdem ich mich gemeldet hatte. Ich nahm an, daß sie mit Paul Trasatti gesprochen hatte, wagte aber nicht, danach zu fragen.

Ich sagte: »Ich bin auf der Suche nach Bennet. Ist er vielleicht zufällig zu Hause? Ich bin am Restaurant vorbeigefahren, aber dort war er nicht.«

»Er müßte gleich kommen. Ich glaube, er hat gesagt, er wolle zum Mittagessen kommen. Soll er Sie zurückrufen?«

»Ich weiß nicht, ob er mich erreichen kann. Ich bin jetzt zwar im Büro, muß aber noch ein paar Dinge erledigen. Ich rufe später wieder an.«

»Ich werde es ausrichten«, sagte sie, und es klang wie eine Verabschiedung.

Ich mußte mit irgend etwas Neuem anfangen, um das Gespräch am Laufen zu halten. »Ich habe heute morgen mit Paul gesprochen. Er ist schon ein seltsamer Vogel. Nimmt er immer noch Medikamente?«

Ich merkte ihr an, wie sie sich zu konzentrieren versuchte. »Paul nimmt Medikamente? Wer hat Ihnen denn das erzählt? Davon habe ich noch nie gehört«, sagte sie.

Ich ließ einen Moment verstreichen. »Ähh, tut mir leid. Ich wollte nichts ausplaudern, was mir jemand anvertraut hat. Ich dachte nur, Sie wüßten es.«

»Warum kommen Sie überhaupt darauf zu sprechen? Gibt es ein Problem?«

»Tja, nichts Größeres. Er ist nur so komisch wegen Jack. Er hat es allen Ernstes fertiggebracht, mir vorzuwerfen, ich würde Jacks Glaubwürdigkeit untergraben, was meilenweit von der Wahrheit entfernt ist. Lonnie und ich reißen uns für ihn ein Bein raus.«

»Tatsächlich.«

»Und dann hat er auf einmal Lonnie angerufen. Ich nehme an, er führt jetzt einen telefonischen Feldzug und überfällt jeden, den er kennt, mit seinen wilden Geschichten. Ach, was soll’s. Es spielt keine Rolle. Er meint es sicher nur gut, aber er tut niemandem einen Gefallen damit.«

»Wollten Sie darüber mit Bennet sprechen?«

»Nein, das war etwas anderes. Lonnie bat mich zu überprüfen, wo Bennet am Dienstag abend war.«

»Bennet wird sich bestimmt gern mit Ihnen unterhalten. Ich weiß, daß er bei der Polizei schon ausgesagt hat, und dort schien man zufrieden zu sein. Ich kann ihm einen Zettel schreiben.«

»Wunderbar. Da bin ich Ihnen dankbar. Darf ich Sie noch etwas fragen? Können Sie sich an die Akte erinnern, die ich mir ausgeliehen habe?«

»Die mit den Zeitungsausschnitten?«

»Genau. Ich interessiere mich für das Etikett. Haben Sie das selbst getippt?«

»Ich doch nicht. Ich habe nie Maschinenschreiben gelernt. Davor hat mich meine Mutter gewarnt. Vermutlich hat Bader das Etikett selbst getippt oder es seine Sekretärin machen lassen. Er hielt tippen für erholsam. Da sieht man mal, wie wenig Ahnung er hatte.«

»Das muß aber schon eine Weile her sein. Ich kann mich nicht erinnern, daß ich eine Schreibmaschine in seinem Arbeitszimmer gesehen hätte, als ich dort war.«

»Er hat sich vor ein paar Jahren einen PC zugelegt.«

»Und was ist mit der Schreibmaschine passiert?«

»Die hat er Bennet vermacht, glaube ich.«

Ich schloß die Augen und bemühte mich, ruhig zu atmen. Christies Gebaren hatte sich verändert, und sie klang nun wieder freundlich. Ich wollte sie nicht darauf aufmerksam machen, wie wichtig diese Information war. »Was hat Bennet damit gemacht? Das ist nicht die Maschine, die er im Restaurant benutzt, oder?«

»Wohl nicht. Sie steht vermutlich in seinem Zimmer. Worum geht es eigentlich?«

»Nichts Großartiges. Keine bedeutende Sache. Nur eine kleine Theorie von mir. Aber ich würde die Maschine gern mal sehen. Ist es Ihnen recht, wenn ich vorbeikomme und einen Blick darauf werfe?«

»Tja, mir ist es schon recht, aber Bennet könnte etwas dagegen haben, natürlich außer, wenn er selbst hier ist. Sein Zimmer ist wie sein Heiligtum. Es betritt niemand außer ihm. Außerdem sind wir gerade am Gehen. Wir haben um elf einen Termin. Warum fragen Sie Bennet nicht selbst, wenn Sie mit ihm sprechen?«

»Das kann ich machen. Kein Problem. Das ist eine gute Idee«, sagte ich. »Noch eine kurze Frage. Haben Sie an dem Abend, als der Mord geschah, Donovan wirklich gesehen? Oder haben Sie nur angenommen, daß er fernsah, weil im Nebenzimmer das Gerät lief?«

Christie brach wortlos das Gespräch ab.

Sowie ich aufgelegt hatte, schrieb ich Dietz eilig einen Zettel, schob ein paar leere Blätter in den Aktendeckel und stopfte ihn in meine Handtasche. Ich ging zur Seitentür hinaus und jagte die Treppe zur Straße hinunter, wobei ich zwei Stufen auf einmal nahm. Ich wußte nicht genau, welches »wir« um elf einen Termin hatte, aber ich hoffte, daß es sich um Christie und Donovan handelte. Wenn ich es, bevor Bennet nach Hause kam, zu den Maleks schaffte, konnte ich mir vermutlich den Weg nach oben irgendwie freischwindeln und einen Blick auf die Maschine werfen. Schon mehr als einmal hatte ich daran gedacht, daß Jack oder Bennet hinter den Briefen und der Mitteilung an die Presse stecken könnten. Ich konnte zwar kein Motiv erkennen, aber die Schreibmaschine in die Hände zu bekommen würde uns auf dem Weg zu einer Klärung des Zusammenhangs wesentlich weiter bringen. Außerdem lachte ich innerlich Dietz ein bißchen aus, weil ich ihm gleich gesagt hatte, daß derjenige, der die Briefe geschrieben hatte, die Maschine nicht wegwerfen würde. Bei Schußwaffen ist es das gleiche. Jemand begeht mit einer Pistole ein Verbrechen, und anstatt sich der Waffe zu entledigen, bewahrt er sie zu Hause im Schrank auf oder schiebt sie unters Bett. Besser wirft man sie ins Meer.

Ich raste die Strecke entlang, die ich schon so viele Male gefahren war, und kam in Rekordzeit bei den Maleks an. Als ich mich dem Anwesen näherte, sah ich, wie die Tore aufschwangen und die Schnauze eines Autos gerade um die Kurve in der Auffahrt gebogen kam. Ich trat mit aller Kraft auf die Bremse und steuerte den Wagen schlitternd in die nächste Einfahrt, während ich kurz in den Rückspiegel schaute, wo ich den BMW vorbeijagen sah. Donovan fuhr, den Blick auf die Straße vor sich gerichtet. Ich dachte, ich hätte Christie gesehen, war mir aber nicht sicher. Ich hörte eine Hupe lostönen und sah zur Windschutzscheibe hinaus. Der Nachbar der Maleks wartete in einem dunkelblauen Kombi geduldig darauf, daß ich mich von seiner Einfahrt entfernte. Unter zahlreichen verlegenen Gesten legte ich den Rückwärtsgang ein. Ich setzte aus der Einfahrt zurück und fuhr zur Seite, um ihn vorbeizulassen. Mit lautlosen Lippenbewegungen formulierte ich das Wort »Entschuldigung«, als er sich zur Seite drehte, um mich anzusehen. Er lächelte und winkte, und ich winkte zurück. Als er nicht mehr zu sehen war, fuhr ich ganz heraus und überquerte die Straße, bis ich vor dem Eingangstor der Maleks stand.

Der Wachmann war von seinem Posten abgezogen worden. Ich lehnte mich zur Sprechanlage hinaus und tippte den Code ein, den mir Tasha genannt hatte. Ein fröhliches Piepen erklang. Die Tore wackelten ein bißchen und schwangen dann auf, um mich einzulassen. Langsam fuhr ich die Einfahrt hinauf und um die Kurve. Beiläufig mußte ich daran denken, daß Christie zu Hause geblieben sein könnte. Ich müßte mir einen Knüller einfallen lassen, um mein Auftauchen zu erklären. Na gut. Oft sind die besten Lügen die, die man sich in einer Notlage ausdenkt.

Auf dem Vorplatz parkten keine Autos, was ich für ein gutes Zeichen hielt. Zwei der drei Garagen standen offen, und beide waren leer. Ich mußte mein Auto draußen stehen lassen, doch es schien keine andere Möglichkeit zu geben. Falls mein Vorhaben gerechtfertigt war, warum sollte ich mir dann die Mühe machen, mein Auto zu verstecken? Wenn die Maleks zurückkamen, würde mir schon irgendein Märchen einfallen. Ich ging an der Vordertür vorbei und marschierte ums Haus herum zur Küche, wobei ich den Aktendeckel aus der Tasche nahm. Durch das Erkerfenster konnte ich Enid sehen, die am Spülbecken stand. Sie erblickte mich und winkte, dann ging sie an die Hintertür, um mir aufzumachen. Sie trocknete sich die Hände an einem Geschirrtuch ab, trat zur Seite und ließ mich ein.

»Hi, Enid«, sagte ich. »Wie geht’s?«

»Gut«, antwortete sie. »Warum kommen Sie denn zur Hintertür? Christie und Donovan haben gerade erst durch die Vordertür das Haus verlassen.« Sie trug eine große weiße Schürze über Jeans und einem T-Shirt, und ihr Haar war ordentlich unter einer Häkelmütze verborgen.

»Tatsächlich? Ich habe sie nicht gesehen. Ich habe zweimal vorne geläutet. Sie haben mich wohl nicht gehört, daher bin ich nach hinten gekommen. Nicht zu fassen, daß ich die beiden verpaßt habe. Mein Timing ist verheerend.«

Auf der Arbeitsfläche lagen diverse Backzutaten; zwei Riegel Butter ohne Papier, ein Meßbecher voller Kristallzucker, ein Päckchen Backpulver und eine große Tüte Vollmilch. Der Backofen heizte bereits vor, und eine große Springform stand gebuttert und mit Mehl bestäubt bereit.

Sie ging wieder an die Arbeitsfläche, wo sie ein Sieb zur Hand nahm und Mehl zu einem Hügel siebte, der oben in einer makellosen Spitze auslief. Ich sah ihr zu, wie sie mit einem Spatel mehr Mehl dazuschaufelte. Ich backe selten, und wenn, dann stelle ich die Zutaten meist erst dann bereit, wenn sie gebraucht werden, ohne mir darüber im klaren zu sein, daß mir ein unerläßlicher Bestandteil fehlt, bis ich zur entscheidenden Stelle des Rezepts komme: »Rasch den Eischnee und den feingehackten frischen Ingwer unterheben...« Enid ging methodisch vor und spülte nebenbei das benutzte Geschirr. Ich wußte, sie würde nie eine fertige Backmischung verwenden, und ihre Kuchen würden nie zusammenfallen.

»Wo sind denn alle? Ich habe kein einziges Auto in der Garage gesehen«, sagte ich.

»Myrna hat sich hingelegt. Ich nehme an, daß sie bald wieder aufstehen wird.«

»Was fehlt ihr denn? Ist sie krank?«

»Ich weiß es nicht. Sie macht einen bekümmerten Eindruck, und ich glaube, sie hat in letzter Zeit nicht gut geschlafen.«

»Vielleicht sollte ich mal mit ihr sprechen. Und wo sind die anderen?«

»Christie hat gesagt, Bennet käme zum Mittagessen nach Hause. Sie und Donovan sind zum Bestattungsinstitut gefahren. Jemand aus dem Büro des Gerichtsmediziners hat angerufen. Die Leiche wird heute nachmittag freigegeben, und sie wollten einen Sarg aussuchen.«

»Wann findet die Beerdigung statt? Hat das schon jemand gesagt?«

»Es ist die Rede von Montag, aber nur für die Familie und enge Freunde. Die Öffentlichkeit ist nicht zugelassen.«

»Verständlich. Sie haben bestimmt genug von dem ganzen Medienrummel.«

»Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«

»Eigentlich nicht. Ich habe vor einer Weile mit Christie gesprochen und ihr gesagt, daß ich diese Unterlagen zurückbringen würde. Sie sagte, ich solle sie in Baders Arbeitszimmer legen. Ich kann dann allein zur Vordertür hinausgehen, wenn ich das erledigt habe.«

»Wie Sie wünschen«, sagte sie. »Gehen Sie über die Hintertreppe. Wissen Sie, wie man zum Arbeitszimmer kommt?«

»Klar. Ich bin schon einmal dort gewesen. Was backen Sie eigentlich?«

»Zitronen-Pfundkuchen.«

»Klingt gut«, sagte ich.

Ich eilte mit dem Aktendeckel in der Hand die Hintertreppe hinauf und verlangsamte meinen Schritt, als ich den oberen Treppenabsatz erreicht hatte. Dieser rückwärtige Flur war auf reine Zweckmäßigkeit beschränkt, und so lagen weder Teppiche auf dem Fußboden, noch hingen Vorhänge an den Fenstern. Dieses Herrenhaus war in einer Epoche gebaut worden, als die Reichen noch Dienstboten hatten, die im Haus lebten und winzige Stuben und Kammern bewohnten, in abgelegene Flügel des Hauses gedrängt oder in Dachgeschosse gequetscht, die man in mehrere kleine Zimmer unterteilt hatte. Vorsichtig öffnete ich eine Tür zu meiner Linken. Eine schmale Treppe führte weiter nach oben und verlor sich in der Finsternis. Leise schloß ich die Tür wieder und ging weiter, wobei ich in einen großen Wäscheschrank und eine Kammer mit einer antiken Kommode spähte. Der Korridor machte einen Neunzig-Grad-Knick nach rechts und mündete durch einen von schweren Damastvorhängen verborgenen Bogendurchgang in den Hauptflur.

In der Mitte des Korridors erkannte ich das polierte Geländer der Haupttreppe. Jenseits des Treppenabsatzes lag ein weiterer Flügel des Hauses, der ein Spiegelbild dessen darstellte, in dem ich mich soeben befand. Ein breiter orientalischer Läufer bedeckte die gesamte Länge des düsteren Flurs. Am anderen Ende ließen Damastvorhänge einen Bogendurchgang und eine zweite Treppe vermuten. Die Tapete war in gedämpften Farben gehalten, ein dezentes Blumenmuster, das sich endlos wiederholte. In regelmäßigen Abständen hingen tulpenförmige Kristalleuchten an der Wand. Vermutlich hatte man sie installiert, als das Haus gebaut wurde, und sie irgendwann von Gas auf Strom umgerüstet.

Zu meiner Linken befanden sich drei Türen, die alle mit einem riesigen X aus Plastikband zur Tatortabsperrung versiegelt waren. Ich mußte vermuten, daß eine dieser Türen in Guys Zimmer führte, eine in Jacks und eine in das Badezimmer, das die beiden verband. Auf der rechten Seite waren noch zwei Türen. Ich wußte, daß die zweite in Baders Suite führte: Schlafzimmer, Bad und Arbeitszimmer. Die mir am nächsten gelegene Tür war verschlossen. Ich warf rasch einen Blick hinter mich, um mich zu vergewissern, daß Enid mir nicht gefolgt war. Im ganzen Haus herrschte Stille. Ich legte meine Hand auf den Türknauf und drehte vorsichtig daran. Abgesperrt.

Tja, was nun? Das Schloß war ein einfaches, altmodisches Modell, das nur einen ganz gewöhnlichen Schlüssel erforderte, wie er vermutlich an jeder Tür hier oben paßte. Ich spähte in beiden Richtungen den Flur hinab. Ich durfte keine Zeit verlieren. Baders Suite lag am nächsten. Im Eilschritt ging ich zu seinem Schlafzimmer hinüber und probierte den Türknauf. Dieses Zimmer war unverschlossen. Ich spähte um die Tür herum. Auf der anderen Seite ragte unübersehbar ein Schlüssel aus dem Schlüsselloch. Ich zog ihn heraus und eilte wieder zu Bennets Zimmer. Dort steckte ich den Schlüssel ins Schloß und versuchte ihn umzudrehen. Ich spürte, wie er hängenblieb, doch das Schloß hatte ein gewisses Spiel. Mit gleichmäßigem Druck rüttelte ich sachte an der Tür. Es dauerte fast eine halbe Minute, doch auf einmal gab der Schlüssel nach, und ich war drinnen.