Flashback

A. D. R. Forte

Jemand beobachtete sie. Wie bei einer wütenden Katze stellten sich die Härchen auf ihren Unterarmen und im Nacken auf, und sie spürte nicht mehr die heiße Mittagssonne, die auf sie niederbrannte, sondern eine Kälte, als stünde sie in tiefem Schatten. Sie schaute nach links und rechts, sah einzelne Menschen in der Menge, die zur Mittagszeit auf den Gehwegen unterwegs waren. Dann drehte sie sich abrupt um und schaute hinter sich. Ihre Nervenenden prickelten.

Aber sie sah nur Anwälte und Broker in Anzügen. Technikfreaks in Businesshemden, Penner, ein paar Schlägertypen. Ein Mädchen mit pinkfarbenen, stacheligen Haaren. Ein paar alte Männer, die der üppigen Blondine nachschauten, die unablässig in ihr Handy quatschte. Ein Typ in einem schrecklichen Anzug, der mit offenem Mund der Blondine hinterherstarrte. Viele, viele Menschen, die alle mit sich selbst beschäftigt waren. Für sie interessierte sich niemand.

Aber sie hatte das Gewicht dieses Blicks geradezu körperlich gespürt. Wie eine Berührung, eine eiskalte Hand, die sich auf ihren Rücken legte. Sie schüttelte den Kopf. Da ist niemand. Entweder sie verlor endgültig den Verstand, oder sie war am Rand eines Herzinfarkts. Sie musste unbedingt mehr schlafen. Vielleicht würde auch eine Massage helfen. Dienstags gab es doch immer Gratismassagen im Büro. Sie würde daran denken, sich anzumelden. Dann konnte sie sich einfach hinsetzen, ihr Sandwich essen und entspannen.

Aber ihr wunderbarer Latte macchiato schmeckte heute wie Pappe, und in dem Moment, als sie sich auf einer niedrigen Mauer neben zwei Brokern niederließ, die Tofu aßen und über Aktienkurse debattierten, sprang sie wieder auf. Da war wieder dieses unerklärliche Prickeln, dem sie nicht entkommen konnte. Jemand beobachtete sie, maß sie geradezu mit Blicken. Ihr Latte schwappte über ihr Handgelenk. Sie schaute nach unten. Ihre Hand zitterte.

Na toll. Sie wurde tatsächlich verrückt!

In der anderen Hand hatte sie inzwischen nur noch einen unappetitlichen Haufen zerquetschtes Sandwich. Sie warf einen letzten prüfenden Blick auf die offenbar von ihrem inneren Aufruhr gänzlich unberührte Menge und nippte ein letztes Mal am Latte, der nach nichts schmeckte. Das tat sie, um sich den Anschein von Normalität zu geben, falls sie tatsächlich jemand beobachtete und dachte, sie sei eindeutig verrückt. Dann atmete sie tief durch und machte sich wieder auf den Weg zurück ins Büro. Dort war sie sicher, konnte sich hinter ihrem Schreibtisch verschanzen, den man nur mit Hilfe von Sicherheitskarten und durch Metalltüren erreichte. Sie lief so schnell, wie es ihre Slipper erlaubten, ohne dass sie über die eigenen Füße fiel.

Aber sie lief nicht vor irgendwas davon. Oh nein. Auf keinen Fall. So verrückt war sie nicht. Noch nicht ...

Am Nachmittag irrten ihre Gedanken ziellos umher. Wörter und Zahlen verschwammen vor ihren Augen, und die Bedeutung verschloss sich ihr. Sie ertappte sich mehrmals dabei, wie sie aus dem Fenster starrte. Draußen herrschte brütende Hitze.

Sie war keine Frau, die leicht in Panik geriet.

Als sie neun Jahre alt gewesen war, gelang es dem Pitbull eines Nachbarn, sich von der Leine loszureißen und hinter ihr herzujagen. Sie blieb stocksteif stehen und drückte die Hände gegen ihre Oberschenkel. Mitten auf der Straße hatte sie gestanden, und der Hund kam direkt vor ihr zum Stehen und bellte. Aber dann hatte er sich zu ihrer Überraschung hingelegt und den Kopf auf die Pfoten gelegt. Er hatte leise geknurrt, bis der Nachbar kam und den Köter an der Leine wegzog. Nein, sie ließ sich nicht so leicht ängstigen ...

»... geht’s dir gut?«

Ihr Herz machte einen schmerzhaft heftigen Satz. Sie schluckte schwer und blickte auf. Neben ihrem Stuhl stand eine Frau. Sie kannte diese Frau. Sie sahen sich jeden Tag. Wie war bloß ihr Name?

Egal. Sie lächelte die Frau an. »Mir geht’s gut.«

»Bist du sicher?« Die Frau runzelte die Stirn. »Du siehst ziemlich fiebrig aus. Die Sommergrippe geht gerade um ... Meine Kinder haben sie auch bekommen, es war echt heftig.«

Sah sie fiebrig aus? Wieso? Der Ventilator über ihrem Kopf kreiselte und blies kühle Luft über den Schreibtisch. Sie schüttelte den Kopf. »Mir geht’s gut, wirklich. Ich fühle mich nicht krank.«

Janine, genau. Wie konnte sie bloß den Namen vergessen? Sie kannte Janine, sie arbeiteten seit fünf Jahren zusammen.

»Na ja, ich ...« Janine verstummte.

»Schöner Nachmittag, was, die Damen? Wie geht’s?« Er lächelte sie an. Ein Grübchen zeichnete sich für einen winzigen Moment in der perfekten, mahagonidunklen Oberfläche seines Gesichts ab. Marc? Nein, Marcus. Seinen Namen kannte sie, obwohl sie ihn erst vor knapp anderthalb Monaten kennengelernt hatte, als er in die kleine, bienenstocklebhafte Welt im 27. Stock eingetreten war.

Janine schaute nur kurz zu ihm auf, dann wandte sie sich ihr mit gerunzelter Stirn wieder zu.

»Ich glaube, Kat bekommt eine Grippe. Aber sie behauptet, ihr geht’s gut.«

Ein besorgter Blick, der dem von Janine glich, ersetzte das charmante Lächeln. »Bist du sicher?«, fragte er und blickte sie an. Sein Blick schien sie zu durchdringen. »Wir können das Meeting heute Nachmittag auch verschieben, wenn’s dir nicht gut geht.«

Ach, verdammt! Ihr ging’s doch gut. Um ihnen zu beweisen, wie unbegründet die Sorge war, stand sie auf und strich ihren Rock glatt. Sie zwang sich zu lächeln. Die beiden mussten ja nicht wissen, dass ihr Kopf in dem Moment zu schmerzen begann, als sie sich erhob. Oder dass sie sich irgendwie schrecklich heiß anfühlte.

»Ich kann das Meeting heute Nachmittag bewältigen, keine Sorge. Und danach ... ach, ich geh einfach danach, wenn das in Ordnung ist.«

Sie blickte von einem zum anderen. Sahen sie es? Bemerkten sie, wie sie in sich zusammenfiel wie ein Wollknäuel, das auf den Boden fällt?

Marcus lächelte, aber das Lächeln erreichte seine Augen nicht, die falkengleich und von einem goldenen Braun waren. Er beobachtete sie. Diese Augen standen im Widerspruch zu seinem lockeren Tonfall.

»Na klar. Ich will ja nicht, dass du dich meinetwegen zu Tode arbeitest, Kat.« Er tätschelte kurz ihren Arm, nickte Janine ein letztes Mal zu und ging weg. Seine Bewegungen waren so fließend, dass sie eher ein Gleiten statt ein Gehen waren. Oder sie hatte einfach viel zu viel Koffein im Blut.

In dem Augenblick, als er verschwunden war, grinste Janine. »Muss nett sein, wenn man ihn um den kleinen Finger wickeln kann.«

»Findest du? Warum?« Abwesend griff sie nach dem Pappbecher mit den Latte-macchiato-Resten. Das schmeckte jetzt noch ekliger, weil der Becher seit zwei Stunden unberührt auf ihrem Schreibtisch gestanden hatte. Aber sie brauchte jetzt was Flüssiges. Ihre Kehle fühlte sich an wie mit Sandpapier ausgelegt.

»Ach, komm schon. Dieser Mann ist doch einfach ein schöner Anblick.«

Sie zuckte mit den Schultern. Es stimmte schon, Marcus war, soweit sie das beurteilen konnte, ein schöner Anblick. Der Anzug passte zu ihm, und ihr gefiel sein Elan und seine Intelligenz. Aber sie musste unwillkürlich an den Blick denken, den er ihr keine zwei Minuten zuvor zugeworfen hatte. Erneut verschüttete sie etwas Latte.

Es passierte ihr nicht oft, dass gutaussehende Männer mit ihr redeten und dabei etwas Besitzergreifendes mitschwang. Aber bei Marcus war es vom ersten Tag an so gewesen. Und sie fragte sich insgeheim, warum das so war.

Nachdenklich betrachtete sie morgens ihr Spiegelbild, aber das verriet ihr auch nichts. Spiegelbilder zeigen einem nur so einfache Dinge wie Augen, Zähne und nackte Haut. Das andere, was das Gegenüber bemerkt und für jemanden einnimmt, die Dinge, die sie nicht mal ahnen konnte: Diese blieben im Spiegel verborgen.

Es war tatsächlich so, dass es ihr lieber war, wenn der Spiegel vom Wasserdampf nach der Dusche beschlug und ihr Spiegelbild verschwommen wirkte, wie in einem Quarz eingeschlossen. Sie war ein blasser, verschwommener Schatten in einer Welt aus verschwommenen Schatten, mit denen sie verschmolz.

Während des Meetings sprach sie nicht, und schließlich schickte Marcus sie nach Hause und sagte ihr, sie solle sich ausruhen. Aber sie brauchte keine Ruhe. Irgendwie war sie aufgekratzt. Auf dem Heimweg zappelte sie ständig herum, jedes Geräusch und jede Bewegung ließ sie herumfahren. Ihr Körper war angespannt, aber wohin sie sich auch drehte – da war nichts. Nur eine Stadt, die die für eine Stadt typischen Gefahren mit sich brachte. Und sie wusste nicht mal, ob sie das, was sie spürte, Angst nennen sollte.

Sie hatte keine Ahnung, wie sie es nennen sollte.

Sie stieg aus dem Bus. Ihre Straße lag in der Nachmittagssonne still da. Die Luft war schwer vom Duft der Magnolien. Ein Penner schlurfte über den Bürgersteig. Er hielt den Kopf gesenkt, seine Finger hielten eine Plastiktüte fest, die im Wind raschelte. Es war merkwürdig, einen Obdachlosen in dieser Gegend zu sehen. Normalerweise hielten sie sich von den besseren Gegenden fern, weil die Polizisten sie meist wieder verscheuchten, wenn sie sich in den sauberen Vorstadtreihenhaussiedlungen herumtrieben.

Aber was machte das schon? Ihr war heute alles egal.

Sie ging die Straße entlang und kramte in ihrer Handtasche nach einem Dollar. Man sollte solche Leute ja nicht ermuntern, und was war, wenn er sich mit dem Geld Schnaps kaufte und ...

Eine Bewegung, die sie nur aus dem Augenwinkel wahrnahm, zog ihre Aufmerksamkeit an. Die Plastiktüte, die vom Wind gepackt wurde und davontrieb. Sie beobachtete, wie die Tüte über das Pflaster tanzte. Sie war leer.

Das war nur ein Teil seiner Verkleidung. So konnte er mit der Menschenmenge um sich verschmelzen und ihr folgen, ohne aufzufallen. Er konnte sie beobachten, ohne dass sie es bemerkte.

Sie bleib stehen.

Er hob die Krempe seines abgewetzten Huts und richtete sich zu voller Größe auf. Die abgetragenen Sneakers trugen ihn lautlos über den Bürgersteig, als er auf sie zukam. Jetzt war da nicht mehr die stolpernde Gangart eines Penners. Seine Bewegungen waren zackig wie die eines Soldats. Eines Kämpfers.

Er ragte über ihr auf. Seine Augen blitzten golden, dann jadegrün und wieder golden. Sie änderten ihre Farbe wie ein Kaleidoskop und strahlten hell im Vergleich zu seiner dunklen Haut. Augen, die sie in ihren Bann zogen. Und der Blick war ihr vertraut. Diese Augen hatten sie während ihrer Mittagspause aus der Fassung gebracht und ihren Verstand seitdem nicht mehr in Ruhe gelassen.

Sie hatte das Gefühl, er zerrte an ihr, neckte sie, gab ihr ein Versprechen. Er überflutete ihre Sinne mit Erinnerungen an Hitze, die Sonne und den Geruch von Wasser. Grüne Bäume, die inmitten der Wüste auftauchten, und blaues Wasser, das in der Sonne glitzerte.

Sie schüttelte den Kopf und machte einen halben Schritt nach hinten. Das laute Jaulen eines Hunds drang an ihr Ohr. Eine Frau mit ihrem kleinen Sohn war gerade um die Ecke gekommen, und vor ihnen lief ein kleiner Hund und bellte. Wie eine Geräuschspur, die über den Gehweg dahinzog. Woher wusste sie das alles, wenn sie gar nicht den Kopf drehte?

Er lächelte und nahm ihr die zerknüllte Dollarnote aus der Hand. Seine Finger strichen über ihre, und sie spürte eine Hitze, die ihre Sinne flutete und ihr Blut zum Tanzen brachte. Sie biss sich auf die Lippe, um nicht aufzuschreien. Denn wenn sie schrie, hätte es sich verdammt lustvoll angehört.

Verrückt.

Weil vor ihr bloß ein Penner stand, der den Kopf gesenkt hielt und in seiner Plastiktüte herumwühlte, die er zusammen mit einer fünf-Dollar-Note umklammert hielt. Er trat vom Bürgersteig und überquerte schlurfend die Straße und verschwand um die nächste Straßenecke. Der kleine Junge rief seinen Hund. Sie sah das Tier jetzt leibhaftig vor sich, das den Schwanz erhoben hatte und bellend an seiner Leine zerrte.

Der Hund bellte sie an.

Sie drehte sich um und schaute hinter sich. Die Straße war verlassen. Da ist niemand.

Der Junge rief etwas und zerrte an der Leine. Endlich hielt der Köter die Schnauze, sein Schwanz hing herunter. Er jaulte ein letztes Mal, dann drehte er sich um und lief mit seinem Herrchen weiter. Wieder kehrte Ruhe ein.

Sie war so müde, als ob sie stundenlang gerannt wäre. So erreichte sie ihr Haus. Vom Bürgersteig führten Gehwegplatten zur Eingangstür, die ein kleines Milchglasfenster hatte. Ein vertrauter Anblick. Sie stieg die Stufen hoch und schloss die Tür auf. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Zittrig betrat sie das Haus, schloss die Tür hinter sich und machte im nächsten Augenblick einen Satz, weil ihr Telefon in der Stille schrillte. Der Schmerz, der zu einem schwachen Pochen verblasst war, erwachte zu neuem Leben, als sie sich den Kopf heftig am Türrahmen stieß.

Sie wimmerte und blickte zum Telefon hinüber, das jetzt zwar verstummt war, aber hektisch blinkte. Marcus. Warum rief er an? Sie nahm den Anruf an, obwohl sie wusste, dass sie atemlos und zittrig klang.

»Ich wollte nur hören, ob alles in Ordnung ist«, sagte er.

»Das brauchst du nicht.«

»Was ist los?« Seine Stimme klang tiefer. So vibrierend wie ... ja, wie das Schnurren einer Katze. »Ist was passiert?«

Sie schloss die Augen; eigentlich wollte sie darauf nicht antworten. Trotzdem tat sie es. Ihr Kopf schien in Flammen zu stehen, ebenso wie ihre Haut brannte. Vielleicht hatte sie sich ja doch was eingefangen ...

»Ich weiß nicht«, sagte sie so leise, dass sie nicht wusste, ob er sie verstand. Sie redete mehr mit sich selbst als mit ihm. »Ich habe keine Ahnung, was hier passiert.«

»Warte auf mich.« Warte einfach. Warte.

Es klickte in der Leitung, und sie starrte das Telefon in ihrer Hand mit gerunzelter Stirn an. Dann schaute sie sich in der kühlen, dämmrigen Diele um. Warum war sie so früh nach Hause gekommen? Was hatte sie gemacht, ehe sie heimging? Jemand hatte ihr gesagt, sie solle nach Hause gehen.

Sie erinnerte sich an Janine, die sie fragte, ob sie eine Sommergrippe habe. Und an noch etwas ... jemanden ... Sie hatte den Bus genommen, genau, und dann war da dieser Junge mit seinem lärmenden Hund gewesen. Draußen war es so verdammt heiß ...

Sie stolperte, als sie zur Couch lief und in der Weichheit der Polster versank. Ihre Kleidung war zu warm, aber ihr fehlte die Kraft, sich auszuziehen. Sie hatte überhaupt keine Kraft. Sie legte nur noch die Arme um ein Zierkissen und schloss die Augen.

Ja, sie würde einfach abwarten.

Als sie aufwachte, war es dunkel. Lethargie drückte sie nieder und presste sie in die stickige, heiße Dunkelheit der Polster. Sie hatte das Gefühl, in ihren Klamotten zu ersticken. Betäubt richtete sie sich auf und zog sich im Schein der Straßenlaternen, deren Licht durch die Vorhänge gedämpft wurde, aus. Zitter, zitter, zitter. Gott, war ihr heiß. Das war besorgniserregend, wie heiß ihr war.

Das Licht bereitete ihr Kopfschmerzen, aber das eisige Wasser, das unter der Dusche auf sie niederprasselte, fühlte sich göttlich an. Die Eiseskälte wusch die Hitze und die Verwirrung weg. Als sie die Dusche verließ, konnte sie fast wieder klar denken. Es war ihr sogar möglich, einfache Aufgaben zu bewältigen, ohne dass ihre Gedanken umherwanderten wie verwirrte Kühe.

Es läutete an der Tür. Sie stand im düsteren Flur und starrte zum Eingang. Wer kam denn so spät noch vorbei? Aber halt, wie spät war es überhaupt? Seit dem Aufwachen hatte sie an die Uhrzeit keinen Gedanken verschwendet. Und wenn sie das getan hätte, wäre ihr diese Information sofort wieder entglitten. Als sie den Kopf nach rechts drehte, konnte sie die grüne LCD-Anzeige der Mikrowelle sehen. Es war eine Minute nach Mitternacht. Die Türglocke ging erneut, und sie biss sich auf die Lippe.

Ach, das war doch Unsinn! Wovor sollte sie denn Angst haben, außer vor Sonnenlicht und Umweltverschmutzung? Statistisch gesehen war die Wahrscheinlichkeit, dass sie an einer Herzerkrankung starb, nur unwesentlich höher als die, bei einem Autounfall oder einem bewaffneten Raubüberfall ums Leben zu kommen. Unsichtbare Phantombedrohungen waren da ihre geringste Sorge.

Stimmt. Aber es war kein Phantom, das sie fürchtete. Es war die Wahrheit, die auf sie wartete. Eine Wahrheit, die sie bisher zu ignorieren versucht hatte.

Funktionierte die Klimaanlage nicht mehr? Sie hatte das Gefühl, sich durch Hitzewellen zur Tür vorzuarbeiten. Sie erwartete, der Türknauf müsse sich in ihre Haut brennen, aber das Metall blieb kalt. Sie öffnete die Tür und blickte in die leere Nacht. Sie schnüffelte. Die Luft war süß und feucht, der Geruch nach Nachtblumen und feuchter Erde hing schwer darin. Sie hörte den Motor seines Wagens.

Marcus lehnte an der Beifahrertür und hatte das Handy in der Hand. Er blickte sie an. Seine Arme, die er verschränkt hatte, sanken nieder. Sie ging den Gehweg hinunter; die Platten fühlten sich nach der Hitze des Tages noch warm an. Sie ging auf ihn zu.

Du bist barfuß und trägst nur einen Pyjama, du dummes Kind!

Aber was zählte das jetzt noch? Zählte überhaupt noch etwas?

Er steckte das Telefon in die Tasche. Im Licht der Straßenlaternen war sein Hemd geradezu blendend weiß, wie der Mittelpunkt eines sehr heißen Feuers.

»Komm mit«, sagte Marcus bloß, als sie direkt vor ihm stand. Sie war ihm so nah, dass sie die Ungeduld sehen konnte, die in seinen braunen Augen funkelte und die zu verbergen er sich keine Mühe gab.

Sie errötete. »Wieso? Warum bist du überhaupt so spät noch hier?«

Aber als sie die rebellischen Worte aussprach, stieß er sich katzengleich von der Tür ab. Es war wirklich unmenschlich, wenn ein Mann sich so bewegte. Sie blickte zu ihm auf. Ihr Herzschlag beschleunigte sich.

Seine Finger fuhren über ihr Kinn.

»Perfekt.« Die Finger waren zu warm, nein, sie waren geradezu heiß. Sie brannten auf ihrem Hals, und ihr Blut geriet unter der Haut in Wallung. Sie musste sich zwingen, tief durchzuatmen. Da war es wieder, dieses herrliche Gefühl, gefangen zu sein. Sie machte keine Anstalten, sich aus diesem Zauber zu befreien.

Sein Daumen strich über die Haut an ihrem Halsausschnitt. Empfindungen durchströmten sie bis hinab zu ihrem Schoß, und mit jeder seiner Liebkosungen verstärkte er ihr Verlangen. Sie atmete mit leicht geöffnetem Mund. Irgendwann musste sie sich einfach abstützen, und erst im nächsten Moment wurde ihr bewusst, dass sie sich in sein Hemd krallte. Sie vergrub die Finger in dem gestärkten Stoff und bemerkte sein Lächeln. Ein abruptes, bezauberndes Lächeln, das ihr heiße Kälteschauer über den Rücken rinnen ließ und das Verlangen anfachte, das in ihr wütete. Ein Verlangen, das sie stillen würde, wenn sie sich bloß bewegen könnte. Wenn sie ihn zwingen könnte, sich ihr sofort hier, auf dem Bürgersteig, hinzugeben. Dann könnte sie Vergeltung finden für eine Lust, die er in ihr geweckt hatte.

Marcus lachte und ließ sie los. Keuchend stolperte sie ein paar Schritte zurück. Er fing sie auf, ehe ihre Beine nachgaben. Erneut erwachte das Feuer in ihr, doch diesmal war es schlimmer als zuvor. Sie zitterte vor unbefriedigter Lust.

Sie konnte etwas Würziges an ihm riechen, das sich mit seinem Rasierwasser vermischte. Sie spürte die Hitze seiner Hände auf ihrer Taille. Er ähnelte so sehr ... jemandem, an den sie sich einfach nicht erinnern konnte.

»Also. Kommst du mit?«

Sie konnte nur nicken.

Aus dem Fenster seines Lofts konnte sie die ganze Stadt überblicken, die unter einer dünnen Schicht Licht schlief, das von tief hängenden Wolken reflektiert wurde. Auf dem Weg hierher hatte sie kein Wort gesagt. Er war für ihren Geschmack zu schnell gefahren, und ihr feuchtes Haar war im Fahrtwind zu einer wilden Lockenmähne getrocknet. Sie hatte ihn nicht gefragt, wohin er sie brachte, wie sie sich auch jetzt nicht zu ihm umdrehte, obwohl sie seine Hitze wieder spürte. Seinen massigen Körper, der hinter ihr stand. Seine Hände, die sich um ihre Schultern schlossen.

»Du bist’s, Marcus. Was hat das alles hier zu bedeuten?«, wollte sie wissen. Sie schleuderte ihm die Worte entgegen, obwohl sie vor allem gegen das Feuer in ihrem Blut und das Summen in ihrem Schädel ankämpfte.

Er zog sie enger an sich. Seine Lippen legten sich seidig und heiß auf ihr Ohr.

»Nichts«, flüsterte er. Obwohl es ihr widerstrebte und sie mit aller Macht gegen ihn ankämpfte, spürte sie ihren Widerstand dahinschmelzen. Sie ließ sich fallen. »Ich will nichts, außer dich zu verführen.« Er lachte. »Du wirst mein.«

Sie schloss die Augen. Das Pulsieren ihres Bluts steigerte sich zu einer ohrenbetäubenden Kakophonie, und sie spürte den Schweiß, der eisig über ihren Rücken rann. Sie öffnete den ersten Knopf ihrer Pyjamajacke, dann den zweiten. Aber sie verspürte keine Erleichterung. Die Hitze blieb unerträglich.

Einzelne Haarsträhnen klebten schweißnass in ihrem Nacken. Seine heißen Finger streichelten die Haare weg. Er liebkoste ihren Hals, als machte er es nicht zum ersten Mal. Nässe flutete ihren Schoß, als Marcus eine Hand zwischen ihre Beine schob. Seine Finger rieben die nasse Baumwolle, die Naht rieb sich an ihrer Spalte. Die wachsende Erregung pochte in ihrer Klitoris.

Rubinrote Wolken schoben sich über einen dunklen Himmel, den sie nicht kannte. Schwüler Wind streichelte ihre Haut. Er liebkoste, verführte sie. Ihr Blut sehnte sich nach seiner Berührung.

Gib dich ihm hin.

Ja, das klang nach einer guten Idee. Allerdings ... An diesem Nachmittag hatte sie schon einmal erlebt, wie jemand sie berührte und seine Berührung sich ihr einbrannte. Ein anderer hatte an ihrem Verstand gezupft und ihr das Versprechen unvorstellbarer Lust gegeben. Sie musste sich an diesen Gedanken klammern, ehe er ihr wieder entschlüpfen konnte, zumal Marcus’ Finger immer schneller über ihr erregtes Knöpfchen kreisten. In ihrem Verstand ging alles durcheinander.

Denk nach. Erinner dich ...

Von den Stufen, die zur Dachterrasse führten, hörte sie plötzlich eine Stimme, die so honigsüß und zugleich scharf wie ein Dolch war.

»Nicht so schnell, Marcus«, sagte er.

Dieses Mal hörte sie tatsächlich ein Knurren, als Marcus ihren Rücken an seine Brust zog. Mit einem Arm umschloss er sie eisern. Das war eine hübsche, beschützende Geste, die ihr aber nicht die geringste Sicherheit schenkte. Das Knurren war kein Geräusch, das ein Mensch oder ein Tier von sich geben konnte. Sie musste unwillkürlich an die Soundeffekte in einem Science-Fiction-Film denken. Nur dass diese Geräusche real waren.

Zu jeder anderen Zeit, an jedem anderen Ort hätte dieses Knurren sie zu Tode geängstigt. In dieser Nacht war sie gefangen zwischen zwei übernatürlichen Rivalen um ihre Gunst. Ihre Gunst! Angst war da fehl am Platz.

Der andere kam auf die beiden zu. Der auffrischende Wind zerrte an seiner Jacke. So viel zur Verkleidung als Penner. Der elegant geschnittene Anzug ließ ihn größer wirken. Seine Schultern waren breiter, als sie sie in Erinnerung hatte. Zwischen den beiden Männern fühlte sie sich winzig, wie ein zerbrechliches Spielzeug. Der Eindruck verstärkte sich, weil sie Marcus nur bis ans Kinn reichte. Adrenalin schoss in ihre Muskeln. Sie verkrampfte sich. Ihre Nippel zeichneten sich deutlich unter der Baumwolle ihres Oberteils ab.

»Damar.« Marcus’ Stimme grollte in seiner Brust. »Für dich ist hier kein Platz.«

Sie hörte den Spott in Marcus’ Stimme und sah, wie Damars Haltung sich leicht veränderte. Er hob eine Braue, und sein Mundwinkel ging leicht nach oben.

»Ach, tatsächlich?«

Jetzt schaute er sie an, und seine Lippen verzogen sich zu einem breiten Grinsen. Sie dachte wieder an die heiße Straße, an die knittrige Dollarnote zwischen ihren Fingern, seine Haut auf ihrer. Ihr Körper reagierte auf ihn und wollte zu ihm.

Etwas klackerte auf den Fußboden. Ein Plastikknopf von ihrem Pyjamaoberteil. Sie schaute nach unten, wo der gerissene Faden lose herabhing. Lange, gebogene Fingernägel gruben sich in die Haut ihrer Brust. Sie schaute erneut Damar an. Im rötlichen Schein der Lichter der Stadt waren seine Augen farblos. Aber sie konnte ein Funkeln darin sehen.

Er war älter. Klüger. Ebenso ungezähmt und genauso gefährlich.

Sie erbebte.

»Ich glaube, es ist ihre Entscheidung, wen von uns beiden sie will, oder?« Seine Stimme streichelte sie. Wie Wind, der über eine Sandwüste streift und sich im Nichts verliert. Sie sah, wie er die Oberlippe hochzog, seine Reißzähne funkelten im schwachen Licht. Ein leiser Schmerz verriet ihr, dass Marcus’ Fingernägel ihre Haut durchstoßen hatten. Sie roch den Hunger der beiden. Ihr Verlangen.

»Nun, Katherine? Sag schon. Wen von uns beiden willst du haben?«

Zunächst mal muss man darüber logisch nachdenken. Vampire existieren nicht. Am Grund dieses Arguments lag die Lösung all ihrer Probleme. Das erklärte, warum sie hier war, in Gegenwart dieser zwei Männer. Die schwül-heiße Nacht, die sie umschloss, der Verkehr, der als leises Rauschen zu ihnen heraufdrang ... Nichts von alledem musste tatsächlich existieren. Und wenn das so war ... Ja, dann hätte ihre Entscheidung keine Konsequenzen, oder?

Das wiederum hieß, dass sie machen konnte, was sie wollte. Egal, was sie wollte.

Sie legte ihre Hand auf die von Marcus. War ihre Berührung für ihn ebenso heiß wie seine auf ihrer nackten Haut? Verbrannte sie ihn so wie er sie, als sie seine Hand nach unten schob? Sie spürte, wie sein Daumen den Stoff strapazierte und weitere Knöpfe in alle Richtungen flogen.

Die Luft flüsterte, als er ihr aus dem Oberteil half. Damar beobachtete die beiden schweigend. Einen halben Atemzug lang fürchtete sie, er könne die Situation missverstehen und sich abwenden, aber sein Blick wich nicht von ihr. Sie hielt den Atem an, ehe sie die Hände unter den Gummizug ihrer Hose schob. Sie sank leise hinab.

Nackt war sie mutiger. Sie stand zwischen den beiden Männern wie auf einer Insel und spürte die harte, männliche Gegenwart der beiden Körper vor und hinter sich. Ihr Blut strömte warm durch ihren Körper und entspannte ihre Glieder. In Gedanken konnte sie dem Blut folgen, wie es von ihrem Herz hinauf und in die Arme bis in die Fingerspitzen strömte, wie es durch ihren Leib rann und sich zwischen ihren Beinen sammelte.

Sie biss sich auf die Unterlippe. Biss hart zu. Das Blut zwischen ihren Beinen pulsierte, und ihre kleine, hungrige Öffnung zerrte an ihrer Geduld. Das Blut antwortete auf die zögernden Finger, die über ihre Brüste wanderten und sich tief in ihre Haut gruben. Ihr Blut verlangte nach mehr, als sie mit ihren Händen ihre Nippel reizte, und es zuckte gierig, sobald Haut auf Haut traf.

Bilder trieben am Rand ihrer Erinnerung hinauf. Irgendwo in ihr lagen Erinnerungen vergraben, die durch diese Männer geweckt wurden und mit jedem Pochen erwachten. Wenn sie wollte, so müsste sie bloß die Augen schließen und könnte sich die offenen Steinbögen eines Palasts vorstellen, die in Dunkelheit getaucht waren. Schwül-warme Luft stieg vom Fluss auf, der in der Nacht rauschte.

Vielleicht kamen diese Bilder, weil sie sich an Gemälde oder Filme erinnerte. Vielleicht war es nur ein Werk ihrer eigenen Vorstellungskraft. Aber die Steine des Palasts machten auf sie nicht den Eindruck einer Kulisse und waren nicht von einem staubigen Film überzogen, wie man es von alten Gemälden gewohnt war. Der Fluss roch nach grünen Algen. Diese Erinnerungen waren sehr lebhaft.

Sie versuchte nicht, tiefer in diese Bilder einzutauchen, sondern fuhr mit den Fingern über die Aufschläge von Damars Anzugjacke, die aus Leinen war und nicht aus Seide, an die sie sich zu erinnern glaubte. Sie lächelte, zog ihn näher zu sich und wich zugleich einen Schritt zurück. Sie fiel gegen Marcus. Beide Männer hielten sie fest, damit sie das Gleichgewicht nicht verlor, und sie lachte. Marcus’ Hände legten sich auf ihre Hüften.

Damar umfasste ihre Arme. Sie lachte noch immer, legte den Kopf in den Nacken und bot ihm ihren Hals dar, während Marcus’ Hände über ihren nackten Bauch wanderten und er seine Finger in ihre Haut grub. Er rieb ihren Arsch an seinem Unterleib. Sie presste sich an ihn, ließ sich von Männerhänden verwöhnen, ließ zu, dass Fingernägel sich tief in ihre Haut gruben und über die nackten Spitzen ihrer Brüste kratzten. Ihr Unterleib zog sich schmerzlich zusammen, und sie versuchte, das Verlangen zwischen ihren Beinen zu zügeln. Irgendwo in den Erinnerungen, die nur bruchstückhaft in ihr aufstiegen, sah sie sich drehende Räder und wachsende Staubwolken. Weißer Staub auf weißen Säulen.

Damars Lippen wanderten an ihrem Hals nach unten. Feucht fuhr seine Zunge über ihre Haut, ehe sich sein Mund um einen ihrer Nippel schloss. Sie schrie auf. Sie wollte ihn in sich spüren, nein, sie wollte beide Männer in sich spüren. Damars Mund bewegte sich weiter hinab, und dort, wo seine Zunge die Stellen berührte, die Marcus’ Fingernägel versehrt hatten, spürte sie Schmerz. Sie wand sich unter ihm, aber Marcus hielt sie zugleich fest, sein Mund verbiss sich an der Stelle, wo Schulter und Hals zusammentrafen. Ihr Schoß pochte geradezu schmerzlich.

Er hob den Kopf und blickte über ihre Schulter an ihr vorbei. Sie wusste nicht, was genau dieser Gesichtsausdruck und diese blassen, funkelnden Augen bedeuteten, aber sie spürte das Schlagen übernatürlich schneller Herzen, schneller als ein menschliches Herz. Die Herzschläge vereinigten sich in ihr.

Damar wandte den Blick ab.

Marcus’ Hand ließ sie los und glitt zu ihrem Schoß. Sie schloss die Augen und klammerte sich an Damars Arme, der sie festhielt. Sie spürte das Gewicht von Marcus’ Körper, der sich jetzt von hinten gegen sie drückte. Sie fühlte sich hochgehoben, und ihre Zehen berührten kaum mehr den Boden.

O Gott. Nur dass das hier überhaupt nichts mit Gott zu tun hatte. Oder zumindest nicht mit dem, was sie in ihrem bisherigen Leben über Gott gelernt hatte. Das hier war viel, viel älter und weitaus mächtiger.

Marcus’ erigierter Schwanz drückte sich in sie hinein. Er teilte ihre Schamlippen, die vor Erregung nass waren. Sie blickte zu Damar auf. Wie sich sein Gesicht veränderte und vor Verlangen dunkel wurde, als sie von Marcus aufgespießt wurde. Wie er ihre Qual und ihre Lust trank, weil Marcus sich tief in sie rammte. Beide Hände auf ihre Hüften gelegt, zog Marcus sie zu sich, stieß tief in sie hinein. Er zog sich nur aus ihr zurück, um noch härter zuzustoßen. Ihre Nässe rann an ihren Oberschenkeln hinab, während sich ihr Geschlecht immer wieder zusammenzog. Sie schnappte nach Luft und kämpfte gegen die bruchstückhaften Bilder, die ihren Verstand überschwemmten.

Es ging zu schnell; da waren Plätze, Menschen, exotisch oder ganz gewöhnlich. Ihr Kopf schmerzte, weil er von so vielen Empfindungen und Erlebnissen überflutet wurde. Sie wimmerte und schloss die Augen.

Es war zu viel, zu viel ...

Ein brennender Schmerz ließ die Last leichter werden.

Scharfe Zähne durchstießen ihre Haut am Hals. Ihr Herz stockte, es hämmerte, und das Blut rauschte wild in ihren Adern. Schließlich ließ die Flut der Erinnerungen langsam nach, einzelne Bilder fielen an ihren Platz, wie Fotos in einem Album. Sie sah einen kreidig blauen Himmel hinter den weißen Säulen. Ein dunkelblauer Ozean erstreckte sich hinter Klippen. Die Morgensonne ging über einem Olivenhain auf und funkelte im frühlingsfrischen Blätterdach.

Ein Teil ihres Verstands war noch bei ihren Händen, die Damars Arme umklammert hielten, aber der Rest ihres Bewusstseins verlor sich und schien einzuschlafen. Nur ein winziger Teil von ihr blieb in der Realität und spürte, wie Damar sich bewegte und zurücktrat.

Dieser Teil von ihr geriet in Panik. Sie wusste, ihre Finger krallten sich in seine Arme, weil sie den Kontakt zu ihm nicht verlieren wollte. Er wollte mit den Schatten verschmelzen.

Aber sie hatte doch gewählt. Sie wollte nicht nur einen, sondern beide.

Er widerstand ihr. Ihre Gedanken wirbelten, doch ihr Verlangen hielt weiter eisern an ihm fest. Sie verführte ihn.

Ich will dich.

Seine Lippen brannten auf ihrem Handgelenk. Seine Zunge leckte über die zarten Venen, die sich unter der Haut abzeichneten. Ihre Klitoris zuckte. Ihr war schwindelig, sie fühlte sich geschwächt. Fast wäre sie bewusstlos geworden, aber nichts dergleichen passierte. Ihre betäubten Fingerspitzen spürten Bartstoppeln und darunter Haut, die wie Seide war.

Die Welt blieb stehen. Marcus hielt sie noch immer fest, er ruhte tief in ihr, doch bewegte er sich nicht. Sie spürte, wie etwas Nasses über ihre Schulter hinabrann, dort, wo vor wenigen Augenblicken noch sein Mund gewesen war. In der Stille nahm sie plötzlich den Duft der Stadt war, nach Erschöpfung und heißem Asphalt. Ein leiser Windhauch, der den Duft der Bäume und Nachtblumen zu ihnen hinauftrug.

Sie erbebte. Ich brauche dich.

Es tat weh; der Druck von zwei Schwänzen, die sich in ihr schmerzendes Geschlecht zwängten, war fast zu viel. Sie schwankte und verlor das Gleichgewicht. Jetzt wusste sie nicht mehr, wo oben oder unten war, aber die beiden Männer hielten sie fest, und ihre Körper waren so massiv wie Stein. Sie brachten sie zum Schreien.

Der Höhepunkt kam näher. Das war unmöglich, denn schon jetzt schlug ihr Herz unnatürlich schnell. Das Blut raste durch ihre Venen und überflutete ihren Unterleib mit Hitze. Es war das vertraute Gefühl, im freien Fall in einem Fahrstuhl zu stehen. Sie wollte schreien. Doch dann zogen sich ihre Muskeln zusammen, immer und immer wieder. Die Zuckungen ihrer Möse, die sie immer so zittrig und verwirrt zurückließen. Nur dass es diesmal ungefähr hundertmal intensiver war als sonst.

Bunte Farben explodierten hinter ihren geschlossenen Lidern und blendeten sie. Der scharfe Schmerz an ihrem Handgelenk wurde von einem neuen Schmerz am Hals begleitet. Wenn sie noch Luft gehabt hätte, dann hätte sie geschrien.

Zwielicht und Sand. Blut, Sex und Schmerzen. Damals wie jetzt.

Männerhände, Männerkörper. Sie sah beide Männer, sie waren zusammen. Liebhaber, der eine dunkler als der andere, beide Körper verschwitzt und glitschig von Öl und innigen Küssen. Die Insignien zweier Krieger lagen im Zelt auf dem Boden: Rüstungen, Tuniken, Waffen und Umhänge, die blutrot gefärbt waren. Für nichts davon hatten sie in diesem Moment einen Blick.

Das waren nicht ihre Erinnerungen, sondern die der Männer, Bruchstücke eines Lebens als Sterbliche, das sie vergessen hatten. Schmerzen, die sie lange unter dem Gewicht der Jahre vergraben hatten, die sie als Unsterbliche gelebt hatten. Irgendwo in ihrer Seele waren diese Teile verborgen gewesen, die sie im Laufe der Zeit verloren hatten. Sie fügte die winzigen Scherben wieder zusammen. Mit ihrem Körper und ihrem Blut brachte sie diese beiden Männer wieder zusammen.

Jetzt ging ihr ein Licht auf – denn das erklärte alles. Ihre Rivalität, ihr Verlangen nach Kat. Es erklärte den verborgenen Schmerz in Damars Augen und Marcus’ Wut. Sie lächelte, weil sie jetzt verstand: Ja, sie war schon immer der Schlüssel gewesen.

Das war der Augenblick, in dem ihr müder, sterblicher Körper aufgab.

Verdammt. Zum ersten Mal in ihrem Leben verlor sie das Bewusstsein.

Aber wenigstens bekam sie keine Grippe.

Das war doch schon mal was.