Paso Doble

Rhiannon Leith

Als Erstes bemerkte sie seinen Geruch. Elena ging auf der Straße an ihm vorbei, als sie den wilden Duft bemerkte, der sie lockte, sich zu ihm zu gesellen und zu spielen. Der Duft verfolgte sie bis nach Hause und ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Am nächsten Abend folgte sie ihm, fand seinen Namen heraus und wusste, dass nichts mehr so sein würde wie vorher. Sein Gesicht verfolgte sie. Auch jetzt, zwei Nächte später, umfing sie sein Aroma.

Elena öffnete die Augen, als die Sonne gerade unterging. Ein Beben lief über ihre Haut, zwischen ihren Schultern hinab folgte es den Schatten seiner Liebkosungen. Sie verzehrte sich nach dem verblassenden Gefühl seiner Berührung.

Er ist nah, so nah ...

Ob er sich nun erinnerte oder nicht – sie kannte die wahre Identität von Alex Vernon. Ihr Körper irrte sich selten, wenn es darum ging.

Mein Meister. Mein Geliebter.

Sie wickelte sich in ein cremeweißes Seidenlaken und stand auf. Elena zog die dicken Vorhänge zurück und blickte auf die Lichter der Stadt, die sich in der Scheibe spiegelten wie auf einem vom Wind aufgepeitschten See. Sie lebte allein hier oben in ihrem Adlernest und genoss jede nur mögliche moderne Annehmlichkeit. Jeder erdenkliche Luxus stand ihr offen. Ein Luxus, den sie mit den Reichtümern finanzierte, die ihr Meister ihr hinterlassen hatte.

Aber wenn er zurückgekehrt war, würde er diese Reichtümer für sich beanspruchen? Würde er auch auf sie Anspruch erheben?

Bei dem Gedanken erbebte sie und stellte sich seine Hände vor, die rau über ihre glatte Haut glitten. Seine olivdunklen Hände auf ihrer porzellanhellen Haut. Sie erinnerte sich, wie sie tief in seinem Blick versank und sich vor so langer Zeit in ihm verloren hatte. In seinem Körper, seinen Küssen, der beglückenden Qual, als er sie biss und zu seinesgleichen machte, und dann ... dann das Feuer, das in ihr wuchs. Ein Inferno, das ihr jede Menschlichkeit nahm und nur ein Wesen zurückließ, das aus purer Leidenschaft und Verlangen bestand.

Die Seide flüsterte auf dem Teppich und bauschte sich um ihre Füße. Elena fuhr mit der Hand über ihre Brust und reizte den harten Nippel. War er wegen der Kälte so hart? Oder wegen der Erinnerung an ihn?

Die Erinnerung an Alejandro – oder Alex, wie er sich jetzt nannte. An den Vampirlord, der tot sein müsste, aber als Mensch über die Erde wandelte. Ein Vampir, der sich selbst als Beute darbot.

Die Spitze ihres Reißzahns grub sich in ihre volle Unterlippe und schnitt ihr in die Haut. Sie schmeckte Blut so süß wie Nektar. Ihre Fingernägel fuhren durch ihr Schamhaar, ein Finger schlüpfte in ihre Spalte. Sie schloss sich wie warme, nasse Seide um den Finger, die Muskeln in ihrem Unterleib zogen sich zusammen, während sie nur einen einzigen Gedanken denken konnte.

Alejandro.

Ihr Daumen kreiste über ihre Klitoris. Sie schnappte nach Luft. Etwas Elektrisierendes erfasste sie. Es war wie damals, als er sie das erste Mal genommen hatte. Er hatte sie in einer dunklen Gasse in Sevilla einfach gegen die Wand gedrückt, ihre beiden Beine angehoben und sie um seine Lenden geschlungen, ehe er mit einem einzigen, herrlichen Stoß in sie eindrang. Seine Berührungen, sein Duft, die Spur, die seine Zähne an ihrem Hals hinterlassen hatten – diese Mischung aus Erotik und Gefahr hatte sie in Sekunden zum Höhepunkt gebracht. Aber damals hatte er nicht von ihrem Blut getrunken. Nicht beim ersten Mal.

Alejandros Lächeln hatte sie verzaubert.

»Gut erzogene, junge Ladys dürfen sich nicht so schamlos hingeben«, hatte er gesagt. Seine Finger drückten gegen ihren rasenden Puls. »Ich werde wohl noch mal wiederkommen, amorcita

Elena sank auf dem Fußboden ihres Apartments zu einem Häuflein Elend zusammen. Blut quoll aus ihrem Mundwinkel. Sie schrie seinen Namen, und ihr Körper brach unter seiner Berührung zusammen, obwohl es nur die Erinnerung war, die ihr blieb.

Alejandro Báez Ortega, Alex Vernon – es war egal, wie er sich jetzt nannte. Sie wollte ihn zurückhaben. Und dann würde sie für seinen Tod sorgen.

»Ihre Aufsätze geben Sie bis nächsten Freitag bei mir ab. Und dieses Mal möchte ich eine Bibliographie und keine Liste mit den ersten zehn Treffern Ihrer Suchmaschine«, rief Alex über den Lärm von dreißig Studenten, die eilig ihre Sachen packten und den Hörsaal verließen. Seine Studenten lachten und strömten in die Halle. In der plötzlich einsetzenden Stille klappte er sein Notebook zu.

Ein diskretes Hüsteln ließ ihn aufblicken. Eine Frau hockte auf einem Pult, die langen Beine in seine Richtung ausgestreckt. Sie hatte den Körper einer Elfe mit erstaunlich schönen Rundungen. Ihr gelocktes, schwarzes Haar umrahmte ein herzförmiges Gesicht und Mandelaugen, die nur aus Pupillen zu bestehen schienen, so unendlich dunkel waren sie.

»Professor Vernon?« Sie lächelte, als sie seinen Namen sagte. Er wusste, sie meinte es nicht als Frage. Ihre Augen fragten nicht, sie verlangten nach Antworten.

»Und Sie sind ...?« Sie konnte keine Studentin sein. Sie sah nicht aus wie eine. Der schwarze Ledermantel reichte bis zu den Knöcheln und fiel unterhalb des Gürtels auseinander, sodass er ihre Beine sehen konnte, die in einer schwarzen Jeans steckten. Er konnte sich nicht erinnern, schon mal einer Frau begegnet zu sein, die in ihm so rasch die Leidenschaft erwachen ließ. Er wagte nicht, hinter seinem Pult hervorzutreten. Obwohl das Pult kaum sein großes Interesse an ihr verdecken konnte.

Der Blick der Frau glitt zu seinem Schritt. Sie lächelte wissend. »Nennen Sie mich Elena, Professor Vernon. Ich habe Ihr Buch gelesen – Vampire im Wandel der Zeiten. Es war recht ... aufschlussreich.«

Ach so, sie war eine von denen. Wenn er ehrlich war, brauchte er kein Möchtegernvampir-Groupie, das sich an seine Fersen heftete. Auch wenn sie wirklich attraktiv war.

»Ich bin Professor der Anthropologie, Elena. Kein Vampirexperte.«

Sie stolzierte auf ihn zu. Ihre Bewegungen waren geradezu hypnotisierend. »Nein, Sie sind kein Experte. Erinnerst du dich an mich, Alex?«

»Nein, tut mir leid.« Es war besser, wenn er sie so schnell wie möglich loswurde. Er schaute auf die Uhr. »Ich habe gleich noch eine Verabredung, wenn Sie mich also entschuldigen ...« Er wollte sein Notebook nehmen und drehte sich um. Sie stand direkt vor ihm. Das Pult war nur noch eine dünne Barriere. Sie legte ihre Hände links und rechts neben das Notebook und beugte sich vor. Ihre vollen Lippen öffneten sich, und ihre Zunge hinterließ auf ihnen eine feuchte Spur.

»Sind Sie sicher?«

Alles, was er sich vorgenommen hatte, verblasste und verschwand, als ihre Augen ihn verschlangen.

»Elena«, hauchte er. Er spürte, wie ihr Blick seine Miene erforschte, und ja, er glaubte sogar zu spüren, wie sie sein Bewusstsein durchsuchte. Irgendwie hatte sie sich in seine Gedanken geschlichen, und sie wühlte in seinen Erinnerungen wie in einem Fotoalbum. Elena neigte den Kopf zur Seite.

»Alejandro?« Ihre Stimme klang anders. Der befehlende Tonfall schwand. Doch dann sah er, wie Traurigkeit sich auf ihrem Gesicht abzeichnete. Nein, nicht nur Traurigkeit, es war etwas Tragisches. Alex streckte die Hand nach ihr aus, ehe er darüber nachdenken konnte. Seine Hand berührte ihre Wange, glitt über ihr Kinn. Ihre Haut war kalt. Sie schloss die Augen und schnurrte wie eine Katze, die eine Liebkosung genießt. Sie öffnete den Mund, und für eine kurze Sekunde sah er ihre Zähne.

Alex riss seine Hand zurück. Sie bewegte sich, ihr Körper verschwamm, weil ihre Bewegung zu schnell fürs menschliche Auge war. Sie schnellte über das Pult. Alex spürte, wie sein Gesicht gegen die Weißwandtafel knallte. Sein Arm wurde hinter seinen Rücken verdreht. Ihr Körper presste sich gegen seinen und machte es ihm unmöglich, sich zu rühren. Sie umschloss ihn mit einem Duft nach Zimt und geschmolzener Schokolade.

»Ich weiß nicht, wie es dir gelungen ist, wiedergeboren zu werden, Alejandro. Aber wenn du mir zu nahe kommst, werde ich deinem erbärmlichen, menschlichen Leben ein Ende machen, dass du glaubst, Marika sei zärtlich zu dir gewesen. Verstehst du, was ich meine?«

»Ja, aber ich bin nicht ...«

Ihr Mund legte sich auf seinen und brachte ihn zum Schweigen. Der Kuss verführte ihn, er war gleichermaßen fordernd und verführerisch. Alex’ Herz hämmerte gegen seine Rippen, die zu zerbrechlich schienen, um es aufzuhalten. In seiner Kehle stockte der Atem und flatterte wie ein Vogel in der Falle. Zähne glitten über seine Lippen, Zähne, die schärfer als Nadeln waren. Ohne ihn loszulassen, gestattete Elena ihm, sich zu ihr umzudrehen. Ihre eisigen Hände schlüpften unter sein Hemd. Seine Erektion wurde stahlhart und pulsierte im Gegentakt zu seinem Herzschlag. Alex stöhnte in ihren Mund. Er wollte sie, und er wollte ihr alles geben, das er ihr bieten konnte. Sie riss an seinem Hemdkragen, ihre Lippen wanderten an seinem Hals nach unten.

»Ich bin nicht ...«, versuchte er, ihr zu erklären. Doch seine Erektion drückte sich fordernd an ihren festen Oberschenkel, sein Körper war verzweifelt vor Lust. »Ich bin nicht der, den du ...«

Ihr Mund legte sich auf seine Halsschlagader. Zwei Reißzähne gruben sich in seine Haut. Ihr Atem fühlte sich eiskalt an und betäubte die Stelle, während er zugleich alles intensiver empfand. Seine Härchen stellten sich auf, und sämtliche Nervenenden bebten vor Begierde. Es verlangte ihn nach ihr. Er wollte alles, was sie ihm bot, was auch immer das heißen mochte. Er wartete, er sehnte sich danach, dass sie ihn biss und ihn nahm.

Plötzlich ließ sie ihn los. Es schmerzte ihn, sie nicht mehr zu spüren.

»Ich sollte dich umbringen«, zischte sie. »Gott allein weiß, warum ich es nicht tue.« Sie drückte ihre Hand an der Stelle auf seine Brust, wo sein Herz schlug. Mit geschlossenen Augen hob sie ihr Kinn und atmete tief ein. »Du bist nicht ... nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe.«

»Elena.« Sie faszinierte ihn. Die Gier ließ ihn schwindelig werden. »Bitte.«

Ihr Gesicht wurde weich, ihre Stimme war nur ein Flüstern, wie die Stimme einer anderen Frau. »Ich weiß. Ich erinnere mich. Aber glaub mir, so ist es besser. Ich mache niemand zu meinem Leibeigenen, und ebenso wenig trinke ich das Blut der Lebenden. Ich werde niemanden verwandeln, schließlich bin ich kein Ungeheuer.«

Alex starrte stumm auf die blitzenden Spitzen ihrer Reißzähne, die gegen ihre Lippen drückten. Lippen so rot wie das Blut, nach dem sie sich verzehrte. Dann blickte er in ihre Augen, die für ihn wie Fenster in die Leere jenseits seiner Existenz waren. Das Verlangen schwand nicht, es wurde nicht mal weniger.

»Aber was genau bist du?«

»Ich glaube, das weißt du, Alex.«

Elena lief nicht weg. Vampire flüchten nie. Sie verließ den Hörsaal, trat in das zunehmende Zwielicht und schritt so schnell wie möglich aus, ohne würdelos zu wirken.

»Warte!«

Verdammt, der Mann war wirklich stur! Sie schlüpfte durch die Zeit und bewegte sich schneller, als er sehen konnte. Rasch bog sie um die Ecke des Gebäudes. Alex rannte weiter. Als er merkte, dass er sie verloren hatte, blieb er stehen. Elena zog die Schatten an ihren Körper und umhüllte sich damit wie mit einem Umhang, in dessen Umarmung sie sich schmiegte. Er drehte sich im Kreis und fuhr mit einer Hand durch sein dichtes, schwarzes Haar. Seine Augen – die die Farbe von dunklem Espresso hatten – suchten die Wege ab, die über den Campus führten. Seine Brust hob und senkte sich unter dem Baumwollhemd, weil er versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Sie sah die ausgeprägten Muskeln unter dem Hemd. Alejandro war es immer gleichgültig gewesen, wie er aussah. Aber Alex schien auf sein Aussehen zu achten und sich körperlich fit zu halten. Noch so ein Nachteil, wenn man sterblich war.

»Elena?«, rief er, und ihr Körper reagierte auf den Klang seiner Stimme und darauf, wie er ihren Namen aussprach. In ihrem Leib erwachte wieder pochendes Verlangen. Sie wollte zu ihm gehen. Aber das war unmöglich. Es war verrückt. Dieser Mann war nicht ihr Alejandro, egal, welche Geister sich in den Schatten ihrer Erinnerung herumtrieben. Das Blut sang in ihren Adern, es sang ein Lied von Verführung. Sein Herzschlag verzauberte sie und lockte sie, dass sie ihre Zähne in seinen Hals rammen und sein Leben beenden sollte. Er sollte ihr auf ewig gehören.

Aber er war nicht Alejandro, das wusste sie jetzt. Mit diesem Wissen aber konnte sie ihn nicht töten, egal, für wie gefährlich sie ihn hielt.

Und Alex Vernon war gefährlich.

Viel zu gefährlich.

»Scheiße!« Alex warf die Arme hoch und wandte ihr den Rücken zu, um zurück zum Gebäude zu gehen. Seine Schultern sackten niedergeschlagen nach unten.

Elena seufzte erleichtert. Sie hatte ihn nicht küssen wollen, und doch war sie ihm zu nahe gekommen. Aber ihn festzuhalten und ihn zu beherrschen, zu spüren, wie er sich ihr instinktiv ergab, hatte ihren Instinkt beinahe überhand nehmen lassen. Sein Kuss brannte noch auf ihren geschwollenen Lippen. Sie konnte ihn noch in ihrem Mund schmecken. Der salzige Schweiß auf seiner Haut, der Puls, der darunter pochte ... Das war mehr, als sie ertragen konnte. Es war fast zu viel.

Manchmal wünschte sich Elena, sie wäre kein Vampir, sondern ein Werwolf. Wenn sie Schmerzen hatten, konnten sie sie wenigstens herausheulen.

Sie wartete, bis er ging. Nicht, weil sie ihn noch einmal sehen wollte. Sie musste einfach wissen, dass er verschwunden war. Er bummelte über den Campus zum Parkplatz. Sie folgte ihm und hielt sich in den Schatten. Immer wieder schaute er über die Schulter. Aber er konnte ihre Gegenwart nicht spüren, er war schließlich nur ein Mensch. Hatte sie das nicht bewiesen? Dennoch beschlich sie das ungute Gefühl, dass er mehr wusste. Als er schließlich in seinen Wagen stieg und wegfuhr, fragte sie sich, warum es sich wie ein Verlust anfühlte. Mehr als das. Wie ein schwerer Verlust, den sie ein zweites Mal erlitten hatte.

Er war nicht Alejandro. Es gab keinen Grund, sich so zu fühlen. Er bedeutete ihr nichts.

Elena lief unruhig im Aufzug hin und her, während er sie nach oben zu ihrem Apartment trug. Sobald sie in der Wohnung war, schloss sie die Tür hinter sich ab und legte die Sicherheitskette vor. Ihre geballten Fäuste lösten sich endlich. Blut quoll aus den halbmondförmigen Furchen, die sie mit den Fingernägeln in ihre Handflächen gegraben hatte. Sie leckte das Blut auf, und die Wunden schlossen sich. Elena schloss die Augen. Sie müsste die Stadt verlassen und sich eine neue Heimat suchen. Vielleicht ging sie zurück in die Alte Welt und ließ diese neue weit hinter sich. Sie konnte nicht länger bleiben, solange sie wusste, dass Alex da draußen war. Nicht, wenn sie ihren Schwur halten wollte.

Drei Nächte später klopfte Marius an ihre Tür. Er brachte ihr wie gewohnt den Behälter von der Blutbank. Während er ihre Bestellung auspackte, musterte er Elena von Kopf bis Fuß.

»Geht’s dir gut?« Weil Elena ihn bloß stumm anstarrte, zuckte Marius mit den Schultern. »Hab einfach noch nie erlebt, dass du dich vor irgendwas versteckt hast, El.«

Jeder Muskel in ihrem Körper spannte sich an. »Ich verstecke mich nicht.«

»Trotzdem bist du seit drei Nächten nicht vor die Tür gegangen. Und irgendjemand treibt sich in der Innenstadt herum und fragt nach dir.«

In ihr keimte ein schrecklicher Verdacht auf. »Wer denn?«

»Nur so ein Typ. Aber nicht so einer wie die üblichen Typen. Adrettes Kerlchen, wenn du verstehst, was ich meine. Hab ihn letzte Nacht in einigen Bars getroffen. Und heute habe ich ihn kurz nach Sonnenuntergang im Vitruvian’s gesehen.«

Elenas Kehle wurde eng. Nein. Er durfte dort nicht hingehen. Alex hätte dort keine Chance. »Das Vitruvian’s ist die Bar, in der Marika Hof hält, stimmt’s?«

Sie starrte Marius an, ohne sein Gesicht zu sehen. Stattdessen erblickte sie Alex, der sie mit geweiteten, unendlich dunklen Augen anschaute. Es waren nicht Alejandros Augen, nein, sein eigener unschuldiger Blick war verlangend auf sie gerichtet. Er suchte nach ihr. Und wenn er ihren Namen nannte, würde das ungewollt die Aufmerksamkeit auf ihn ziehen. Verantwortung war eine schreckliche Bürde, die Alejandro nie verstanden hatte. Aber Elena wusste, was sie tun musste.

»Ach, stimmt ja.« Marius grinste. Seine Reißzähne schimmerten im gedämpften Licht unnatürlich weiß. »Marika und du, ihr versteht euch nicht mehr so besonders gut.«

»Das haben wir noch nie.« Weil Elena sich nicht noch mehr in das Gespräch ziehen lassen wollte, verließ sie einfach die Küche. Sie griff nach ihrem Ledermantel, der um ihren Körper flatterte wie die Flügel einer Fledermaus. Das Schwert eines Konquistadors hing dekorativ an der Wand; der Schwertgriff war vergoldet, und ein Drachen wand sich darum. Die Stahlschneide spiegelte die Welt so wie damals, als Alejandro ihr das Schwert geschenkt und sie darin unterwiesen hatte, es zu führen. Er war in so vielen Belangen ihr Lehrer gewesen.

Sie nahm das Schwert von der Wand, befestigte den Schwertgurt und die Scheide quer über ihrem Körper und schob das Schwert auf ihrem Rücken in die Scheide.

»El.« In Marius’ Stimme schwang Sorge mit. Mehr als sie gedacht hätte. »Marika wird es nicht gefallen, wenn du einfach so hereinspazierst. Zwischen euch herrscht nur brüchige Waffenruhe. Seit Alejandro ...«

Elena blickte über ihre Schulter. Ihr Lächeln hätte unschuldig gewirkt, wenn nicht ihre Reißzähne hervorgeblitzt hätten. »Ich gehe nur vorbei, um ein bisschen zu plaudern, Marius. Und jetzt raus mit dir. Ich vertraue dir nicht genug, dass ich dich mit meinen Sachen alleine lassen würde.«

Alex wachte mit schmerzhaft pochendem Kopf auf. In seinem Mund haftete ein widerlicher Geschmack, als wäre ein Tier hineingekrochen, in der Mundhöhle verendet und dann wieder verschwunden. Er versuchte sich zu bewegen, aber seine Handgelenke waren mit einem dünnen Lederband vor seinem Bauch gefesselt.

Was um alles in der Welt ...

Dann kam die Erinnerung plötzlich zurück: Der Nachtclub, die hämmernden Beats und zuckenden Lichter. Er hatte versucht, zwischen dem zwielichtigen Gesindel, das diesen Ort bevölkerte, Elena zu finden. Eine Frau mit einem teuflischen Lächeln hatte ihn gebeten, sich zu ihr zu setzen, und ihm einen Drink angeboten. Sie nannte sich Marika und hatte ein Gefolge, das dem eines Hollywoodstars ebenbürtig war.

»Elena?« Marika hatte seine Schulter liebkost wie ein Schlachter, der das Schlachtvieh abschätzte. »Ja, Elena wird schon bald kommen.«

Also hatte er Marikas schweren Rotwein getrunken und war in der Schwärze versunken.

Du verdammter, blöder Idiot!

Das Leder schnitt in seine Haut. Er hob die Hände zum Mund und versuchte, die Knoten mit den Zähnen zu lösen. Ein leises Lachen ließ ihn mitten in der Bewegung erstarren. Er schaute sich hektisch um, sah aber niemanden. Der Raum, in dem er sich befand, war stockdunkel.

»Auch noch menschliche Augen?«, hörte er Marika. »Also wirklich, Alejandro. Diese Wiedergeburt war echter Pfusch, wenn du mich fragst.«

»Wissen Sie, ich bin nicht der, für den Sie mich halten«, sagte er. »Mein Name ist Alex Vernon, und ich arbeite als Anthropologe.«

Marika lachte erneut. Für seinen Geschmack war sie ihm zu nahe. Seine Haut zog sich zusammen. Er hatte das Gefühl, sie verfolgte jede seiner Bewegungen.

Ein Streichholz wurde entzündet, das kleine Licht blendete ihn. Marika hielt das Streichholz an den Docht einer Kerze, die so dick wie sein Arm war.

»In Sarajevo bin ich mal einem Anthropologen begegnet«, sagte Marika. Ihr schmales Gesicht wirkte im gedämpften Licht wie eine Madonnenstatue. »Er war süß.« Sie entzündete noch eine Kerze und beleuchtete mehr von dem überladenen Raum. Schwere Gobelins hingen an den Wänden, ein Kerzenhalter aus gepunztem Eisen dominierte die Gewölbedecke. Alex kniete in der Mitte des Raums auf einem blutroten Teppich vor einem thronartigen Stuhl. Um ihn herum waren zwanzig Männer und Frauen versammelt, die ebenso blass und perfekt waren wie Marika und ihn mit katzengleicher Neugier beobachteten.

Er atmete tief ein. Vampire. Es waren echte Vampire! Sein Herzschlag klang unnatürlich laut in seinen Ohren. Er fragte sich, ob das daran lag, dass sein Herz das einzige in diesem Raum war, das noch schlug.

Marika blieb vor ihm stehen. Das Streichholz brannte bis zu ihren Fingern ab, und die kleine Flamme leckte an ihrer Haut, ehe sie es einfach fallen ließ. Es schwelte auf dem Teppich. Sie trat die Glut mit einem nackten Fuß aus. Ihre Zehennägel waren genauso blutrot lackiert wie ihre Fingernägel.

Alex atmete ein und zwang sich, zu ihr aufzublicken. Ihr Gesicht wurde von unmenschlichen Augen beherrscht. »Wie schön, dass er Ihnen gefiel.«

»Jetzt frage ich mich natürlich, ob du genauso süß schmecken wirst, wenn du stirbst?«

Um ihn lachten alle Vampire. Alex blieb starr hocken.

»Ich würde es lieber nicht herausfinden«, sagte er.

Sie kniete sich vor ihn und nahm seine Hände in ihre. Ihre Finger streichelten die empfindliche Haut unterhalb seines Daumens. Sie wirkte auf ihn fremder als Elena, mit ihrem goldenen Haar, das sie hochgesteckt trug, und dem langen, eleganten Kleid, das ihn unwillkürlich an eine präraffaelitische Darstellung von Titania, Morgan le Fay oder La Belle Dame Sans Merci denken ließ.

»Alejandro schmeckte nicht so süß«, erzählte sie. »Ich musste ihn fesseln, um ihm das Blut auszusaugen. Er war alt und schmeckte bitter, weil er zu lange gelebt hatte.« Ihre Zunge glitt über ihre Lippen. »Weißt du, wo du bist?«

»Nein«, antwortete er, ohne den Blick von ihr wenden zu können. »Sie haben mich unter Drogen gesetzt.«

Ein Lächeln huschte über ihre Lippen. »Ich glaube nicht, dass du freiwillig mitgekommen wärst. Nicht, wenn du weißt, was wir wirklich sind. Du weißt es doch, oder?«

Marika zog ihn auf die Füße und drehte ihn um.

»Setz dich«, flüsterte sie und drückte Alex in den Sessel. Sie stand hinter ihm. Ihre Hände glitten durch sein Haar, und die blutroten Fingernägel kratzten leicht über seinen Hals. Dann ruhten ihre Hände auf seinen Schultern und kneteten seine Muskeln.

Hinter den wartenden Vampiren durchbrach ein irres, hohes Kichern die erdrückende Stille. Die anderen Vampire wichen zurück. Sie verschwanden nicht vollständig, aber sie verschmolzen mit den Schatten. Man konnte sie jetzt einfach übersehen. Eine junge Frau lief in die Mitte des Raums. Sie hielt eine Flasche Champagner in der Hand.

»Wow! Guckt euch das mal an!«, rief sie. Zwei Männer folgten ihr. Der eine war blond und hatte goldene Haut. Er war der perfekte Quarterback, wohingegen der andere eher zu einer Gothband gepasst hätte. Der Quarterback grinste und zog das Partygirl an sich. Er hielt ihr die Champagnerflasche an den Mund und ermutigte sie, zu trinken. Der Goth blickte Alex direkt an, ehe sich sein fragender Blick auf Marika heftete.

»Es ist in Ordnung«, flüsterte sie. Ihre Stimme zitterte. »Macht weiter. Stellt euch vor, es wäre eine Vorstellung.« Das leise Nicken, mit dem er sie bedachte, wirkte wie eine Verbeugung. »Sie haben weise gewählt.« Marikas Atem strich über Alex’ Ohr. »Keine Sorge, du kannst mir antworten. Niemand hört, was du sagst. Wir sind in den Schatten verborgen. Es ist eine unserer Gaben.«

»Werden sie sie umbringen?«

»Vielleicht. Ob sie das tun, liegt allein in deiner Hand. Du darfst wählen.«

»Was zum ...« Er wollte aufstehen, aber Marika drückte ihn wieder in den Sessel. Die Kraft, mit der sie seine Schultern packte, war beeindruckend.

Quarterback und Partygirl küssten sich mit Champagnermündern. Goth schaute eine Weile zu, während seine Hand in seinem Schritt beschäftigt war. Die Frau lachte kehlig und kippte den letzten Champagner in ihren Ausschnitt. Der Quarterback grinste und begann, ihre Brüste zu lecken. Er zog ihre Chiffonbluse hoch und fuhr mit beiden Händen über ihre nasse Haut. Der Goth zog sie zu sich, damit sie sich an ihn lehnte, dann schnupperte er an ihrem Hals. Seine Hände umfassten ihre Hüften und bewegten sie in einem verführerischen Tanz, bei dem er sie immer wieder gegen die Erektion seines Gefährten drückte. Das Partygirl keuchte, und ihr Kopf fiel gegen die Schulter des Goths und kippte zur Seite wie bei einer Puppe. Der Quarterback riss ihre Bluse auf. Er zog ihr den BH aus und nahm ihren erregten Nippel in den Mund. Den anderen bearbeitete er mit seiner Hand.

»Himmel«, zischte Alex. »Das ist nicht ...« Er spürte, wie Marika den Kopf senkte. Ihre Lippen fuhren über seinen Hals. Sein Schwanz wehrte sich vergebens gegen den engen Stoff seiner Hose. Sein Atem stockte. Er durfte keine Erregung verspüren. Es entsprach nicht seiner Natur.

»Doch, das ist es«, sagte Marika. Langsam öffnete sie die Knöpfe seines Hemds.

Alex wand die Hände in den Fesseln und hoffte, so die Lederbänder zu lockern. Aber die Fesseln gruben sich noch tiefer in seine Haut, und das erfüllte ihn mit einem intensiven Gefühl, das die unterschiedlichen Empfindungen, die sein Blut zum Kochen brachten, weiter verstärkte. Marika öffnete seine Hose und hockte sich auf die Stuhllehne. Ihr Arsch drückte sich mit einer Intimität an seine Seite, die ihm unangenehm war.

Der Goth schob den Rock und das Höschen vom Partygirl nach unten und hob sie kurz hoch, um beide Kleidungsstücke um ihre Knöchel wegzutreten. Jetzt stand sie nackt zwischen den beiden Liebhabern und wand sich in ihren Armen. Sie flehte die Männer an, sie endlich zu nehmen, sie zu ficken und zum Orgasmus zu bringen.

Marikas Hand schloss sich um Alex’ pulsierenden Schwanz. Ihre Fingerspitzen fuhren über die Eichel, und in seinem Kopf erwachte ein leises Blitzen. Sie liebkoste ihn zur Gänze, aber ihr Blick war starr auf das gerichtet, was sich vor ihren Augen abspielte. Ringsum wandten sich die Vampire einander zu und küssten und streichelten sich. Münder, Zungen und Finger widmeten sich der puren Lust. Jemand stöhnte laut. Partygirl.

Alex blickte wieder auf. Der Goth war inzwischen nackt und vergrub seine Zunge in ihrem Anus. Der Quarterback wechselte zwischen ihren Brüsten hin und her, während seine Finger in ihrer Vagina versenkt waren.

Bald würde sie kommen. Ihr Unterleib zuckte. Die beiden Vampire richteten sich gleichzeitig auf. Der Quarterback hob sie vom Boden hoch und schlang ihre Beine um seine Hüften. Seine Hände vergruben sich in ihren Arschbacken und teilten sie. Mühelos glitt er in ihre Möse. Sie schrie auf, aber kein Wort kam über ihre Lippen, sondern nur unartikulierte Laute. Goth drückte seinen harten Schwanz gegen ihre andere Öffnung und bahnte sich bewusst langsam seinen Weg in ihr Inneres. Das Partygirl schrie lustvoll auf. Sie schüttelte den Kopf, ihre Haare flogen, und die Titten hüpften auf und ab, während die beiden Männer sie gleichzeitig vögelten. Ihr Mund klaffte auf, sie stöhnte ihre Lust heraus. Ihre Augen zuckten heftig.

Erneut schaute Goth zu Marika herüber. Alex sah den Hunger in seinem Blick und wusste instinktiv, worum er bat. Seine Zähne drückten unsterblich und tödlich gegen die pochende Ader am Hals der jungen Frau und gruben sich leicht in die empfindliche Haut.

»Nein«, flüsterte Alex. Marikas Hand schloss sich fester um seinen Schwanz, und er pochte bei dieser Berührung. Er sehnte sich nach Erlösung.

Das Partygirl kam erneut. Ihr Heulen hallte von der Gewölbedecke wider. Der Goth grub seine Zähne in ihre Halsschlagader. Das Partygirl schrie. Es war ein Schrei, der irgendwo zwischen Schmerz und Lust schwebte.

»Stirbt sie, Alex?«, fragte Marika und bearbeitete seinen Schwanz mit der Hand so schnell, dass sein Verstand ihre Worte nicht erfassen konnte. »Es ist deine Entscheidung. Soll sie sterben oder leben?«

»Lass sie gehen«, keuchte er. »Lass sie leben.«

»Und was gibst du mir im Gegenzug?«

»Was?« Er konnte nicht klar denken. Nebel hatte sich über seinen Verstand gelegt. Er wusste nur noch, dass sein Blut darauf drängte, endlich das verfluchte Sperma abzuspritzen, das sich in seinen Hoden ballte. Das Mädchen kreischte und schrie, als sie kam. Als sie starb. »Halt sie auf. Sie sollen aufhören.«

»Du schuldest mir was, Alex«, sagte Marika. Sie ließ ihn kommen.

Der Quarterback biss in die Brust der Frau. Sein Mund schloss sich um die Wunde. Gemeinsam nahmen sie die Frau, tranken gemeinsam das funkelnde Blut, das aus ihr herausströmte, und vergruben sich in ihr, bis sie in ihren Armen schlaff wurde. Schließlich hing sie zwischen den beiden Männern wie eine alte Flickenpuppe. Die Männer ließen sie los und legten sie auf den Boden. Sie leckten das Blut von ihrem Hals und der Brust, den Samen von ihren Schamlippen.

Marika trat vor die beiden Männer und verstellte ihm den Blick, sodass er nicht sah, was die Männer als Nächstes machten.

»Steh auf«, befahl sie ihm. Alex spürte, wie sein Körper ohne sein Zutun gehorchte. In seinem Innern war ein wimmerndes Beben erwacht, aber nach außen hatte er sich gewappnet und zeigte eine undurchdringliche, gefühlskalte Maske. Marikas Blick glitt über ihn hinweg. Sie schien in sein Inneres blicken zu können, und ihr Blick war unangenehmer als jede Berührung. Seine Haut kribbelte und bebte. Er konnte sich nicht rühren.

Er war hergekommen, um Elena zu finden. Wie ein Dummkopf war er blind in etwas geraten, das viel schlimmer war. Elena hatte ihm Angst eingejagt, ihn aber zugleich mit einem so großen Verlangen erfüllt, dass er dachte, er werde nie wieder etwas Vergleichbares erleben. Das hier aber war anders. Nie war er sich seiner Sterblichkeit so bewusst gewesen wie in diesem Moment, und nie hätte er gedacht, dass er diese Sterblichkeit so willkommen heißen könnte. Marika nahm seine gefesselten Hände und hob sie an ihren Mund. Ihre Zähne versanken tief in seinem Handgelenk. Alex zuckte zurück, aber ihr Griff war wie ein Schraubstock. Er spürte keinen Schmerz, nur ein Gefühl, als werde alle Kraft aus ihm herausgesaugt. Seine Knie wurden weich, und ihm war schwindelig.

Marika unterbrach sich und lächelte ihn an. Sein Blut klebte an ihren Lippen, aber ihre Zähne waren so weiß wie vorher.

»Süß«, schnurrte sie zufrieden. »Ich wusste es, dein Blut schmeckt süß.« Sie drückte ihn wieder in den Stuhl. »Einer meiner Hofschranzen hat dein Buch über Vampire gelesen«, sagte sie und umkreiste den Stuhl. »Wir fanden es sehr ... amüsant. Du hast geschrieben ... Wie war das noch? Ach ja, genau. Der Vampirmythos beruhe auf einem tief verwurzelten Wunsch, sich den Urinstinkten hinzugeben, als man keine Verantwortung übernehmen musste, außer für die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse, dem Hunger nach Sex und Nahrung. Ist das richtig?«

Alex gab keine Antwort. Der Biss in seinem Handgelenk brannte. Blut quoll aus den kleinen Wunden und tropfte von seinen Fingern.

»Dann lass mich dir etwas erklären, Alex. Wenn ein Vampir geboren wird und das erste Mal erwacht, muss er Blut trinken. In diesem Augenblick sind sie sehr verletzlich. Diese ersten Momente sind die gefährlichsten. Ein neugeborener Vampir muss auf die Jagd gehen, selbst wenn er einen anderen Vampir erlegt. Darum sorgen wir immer dafür, dass noch ein Opfer zur Hand ist. Nahrung und Sex, Alex. Es geht nur um Nahrung und Sex.«

Ein leises Stöhnen erfüllte den Raum. Marika trat hinter ihn und hob seinen Kopf. Das Partygirl erhob sich vom Boden. Sie war nackt und so wunderschön ... In ihren Augen jedoch war Leere. Sie schnupperte und witterte den Duft seines Bluts. Ihr Kopf zuckte in seine Richtung. Sie öffnete den Mund und zeigte ihm ihre Reißzähne, ehe sie auf ihn zuschritt. Alex wich zurück, aber Marika hielt ihn fest. Ihre Fingernägel gruben sich durch die Kleidung schmerzhaft in seine Schultern.

»Alex!«, rief Elena. Sie sprang aus der Menge der anzüglich grinsenden Vampire hervor, die um den Eingang standen. Ein Schwert blitzte auf und zeichnete einen silbrigen Bogen durch die Luft. Sie landete auf dem Boden, rollte sich herum und stellte sich behände der Vampirin in den Weg. Das Partygirl stürzte sich jetzt auf Elena, die ihr geschickt auswich. Ihr Schwert verschwamm, weil sie es so schnell schwang, dass das menschliche Auge nicht folgen konnte. Partygirls Kopf fiel von ihren Schultern und schlug dumpf auf dem polierten Steinfußboden auf. Außer sich vor Wut griff der Goth Elena an, aber sie drehte sich. Ihr Schwert hinterließ eine funkelnde Lichtspur. Er sank in die Knie und umklammerte seine hervorquellenden Eingeweide. Der Quarterback zog sich zurück und hob beschwichtigend beide Hände.

Elena erstarrte. Marikas Hand schloss sich um Alex’ Kehle. Sie hob ihn vom Stuhl hoch. Ihre Reißzähne fuhren mühelos in seine Halsschlagader, wie ein heißes Messer, das durch Butter schneidet. Alex versuchte, nach Luft zu schnappen, aber es gelang ihm nicht. Sein Körper zuckte, und eine Welle aus Dunkelheit umschloss ihn. Unendliche Dunkelheit, so tief wie Elenas Augen, die sich ihm näherten, um ihn zu beruhigen. Er hörte, wie Elena seinen Namen rief. Ihre schöne Stimme durchschnitt die Leere seines Verstands. Alex wünschte, ihm bliebe wenigstens ein Augenblick mit ihr allein.

Marika ließ ihn los. Alex fiel zu Boden. Elena schüttelte sich ungläubig. Sie spürte, wie sich ihr Körper wütend anspannte, doch auf ihrem Gesicht zeigte sich all ihr Entsetzen. Es war schlimm genug, wenn sie ihn einmal verlor. Aber ihn ein zweites Mal an dieselbe Schlampe zu verlieren ...

»Du warst zu langsam, Elena«, bemerkte Marika und wischte sich mit dem Ärmel über den Mund. Alex’ Blut verschmierte ihre Wange. »Schon wieder. Der menschliche Körper kann einen Blutverlust von bis zu vierzig Prozent ertragen. Aber ich weiß nicht, ob ich mich unter Kontrolle hatte.«

Alex’ Brust hob sich schwach. Elena hörte sein Herz flattern, das um jeden Schlag kämpfte und ihn am Leben erhalten wollte. Er war so schwach ...

»Was willst du, Marika?«, fragte Elena mühsam beherrscht. Sie umfasste ihr Schwert und spürte das Brennen in ihren Muskeln.

»Ich kann dich nicht umbringen, Elena, das wissen wir beide. Nicht, ohne dabei die Hälfte meines Hofstaats zu verlieren. Mein Stamm ist nicht so mächtig wie deiner, und das akzeptiere ich.«

»Ich hatte keinen Streit mit dir.«

»Ich habe Alejandro getötet. Und jetzt habe ich ihn erneut getötet.« Sie lächelte. Dieses abscheuliche Lächeln, mit dem sie sagte, dass sie alle Trümpfe in der Hand hielt und noch ein paar mehr in ihren gebauschten Ärmeln steckten. »Aber dieses Mal kannst du ihn retten, Elena.«

»Er stirbt.«

»Und? Was bedeutet das für uns? Nimm ihn. Er gehört dir.«

»Und was willst du im Gegenzug von mir?«

»Verschwinde. Geh fort, so weit und so schnell du kannst. Und komm nie wieder in diese Stadt. Sie gehört von heute an mir.«

Elena neigte den Kopf zur Seite. Marika hatte Angst vor ihr und wurde mit jeder Sekunde, die sie zögerte, verzweifelter.

Und Alex starb.

Wahl? Welche Wahl hatte sie denn?

»Also gut. Geh von ihm weg, und macht mir einen Weg zur Tür frei. Wenn irgendwer versucht, mich aufzuhalten ...« Sie senkte das Schwert und blickte Marika an. »Wenn auch nur einer zuckt, sterben sie alle.«

Marikas Hofstaat wich zurück. Elena durchschritt die Zeit und war sofort an Alex’ Seite. Sie warf ihn sich über die Schulter. Der Duft seines Bluts trieb sie schier in den Wahnsinn. Ihre Nasenflügel blähten sich. Sein schwindender Herzschlag hallte in ihrem Körper wider.

Elena lief aus dem Kellergewölbe und hinauf zu den unterirdischen Tunneln, die wieder hinauf in die Welt führten. Hinter ihr blieb nur Schweigen zurück.

Elena trug Alex bis zum Dach des Gebäudes, das sich über Marikas Domäne befand. Der Mond grinste wie ein Totenschädel auf sie herab und leuchtete ihr den Weg. Sein Licht strahlte für ihre Vampiraugen so hell wie Tageslicht. Sie legte ihn auf das Flachdach, entledigte sich des Schwertes und des Mantels und kniete sich neben ihn.

»Alex?« Sie suchte in seinem Gesicht nach einer Reaktion. »Alex, kannst du mich hören?« Seine Lider flatterten, die Brust hob sich kurz, dann lag er wieder bewegungslos vor ihr. »Alex, ich kann dich retten, aber ...« Sie verstummte, weil die Tränen, die ihr in die Augen stiegen, sie überraschten. »Willst du leben, Alex? Willst du für immer leben?«

Er gab ihr keine Antwort. Elena schloss die Augen so fest, dass schwarze und weiße Punkte hinter ihren Lidern tanzten. Sie hatte sich geschworen, das hier nie zu tun. Sie hatte sich geschworen, nie denselben Fehler zu begehen wie Alejandro.

Dennoch lag er jetzt leblos vor ihr, und alles, was noch von Alejandro blieb, rann ihr immer schneller durch die Finger.

Elena schloss die Hand um die Schneide ihres Schwerts und drückte zu. Die rasiermesserscharfe Klinge schnitt in ihre Handfläche. Sie ballte die Hand zur Faust und hielt sie über seinen Mund. Blut tropfte auf seine Lippen.

»Bitte, Alex. Bitte, verlass mich nicht. Noch nicht, hörst du? Ich darf dich nicht schon wieder verlieren.«

Tränen rannen aus ihren Augenwinkeln über ihr Gesicht und vermischten sich mit ihrem Blut. Alex öffnete die Lippen und trank ihr Blut und ihre Tränen. Sein Atem ging leichter, sein Herzschlag flatterte ein letztes Mal und hörte dann auf. Stille breitete sich aus.

Er öffnete die Augen. Das üppige Braun wurde vom endlosen Schwarz der Augen eines Vampirs überstrahlt.

»Lauf«, flüsterte er. Seine Stimme war heiser und hungrig.

»Nein.« Sie legte ihre unversehrte Hand auf seine Wange. Seine Haut fühlte sich eiskalt und makellos an.

»Ein neugeborener Vampir muss auf die Jagd gehen, Elena. Das verstehe ich jetzt. Also lauf lieber weg. Vor mir.«

Feuer erwachte unter ihrer Haut. Wenn Elenas Herz noch schlagen würde, dann hätte sie es jetzt dröhnen gehört. Wenn ihr Körper noch atmen müsste, würde ihr die Luft stocken und sie wäre zu keinem Atemzug mehr fähig, weil ihr Puls ihre Kehle verengte. Sie wich zurück, als er sich langsam aufrichtete. Seine Finger krümmten sich zu Klauen. Er war ihr so vertraut, glich ihrem Meister so sehr, und doch ... er war nicht wie er.

»Alejandro?«

Alex zeigte seine Reißzähne. In seinen Augen funkelte die Gier.

Elena lief los. Sie warf sich in den Abgrund zwischen den Gebäuden und sprang auf das nächste Dach. Alex setzte ihr nach. Ein neugeborener Vampir war die reinste Form, die es gab, und ein Vampir aus ihrer Linie, von Los Vampiros del Andalusia, stammte in direkter Linie von Lilith ab, die die reinste aller Vampire war. Alejandro Báez Ortega war einst für unzählige Jahre der mächtigste Vampir gewesen. Er hatte nur Elena erschaffen, und seine Macht war zur Gänze auf sie übergegangen. Und bis zum heutigen Tag hatte Elena keinen Vampir erschaffen.

Der Nervenkitzel der Jagd erfasste sie und belebte sowohl Jäger als auch Gejagte. Vor sich sah sie die Tür, die vom Dach ins Innere des Gebäudes führte. Elena warf sich dagegen. Sie packte den Türgriff, ihre Hand war vom eigenen Blut glitschig. Als sie die Klinke herunterdrückte, packte Alex sie. Er riss ihr die Bluse herunter und zerfetzte sie in seiner Wildheit. Elena widersetzte sich ihm kämpferisch, obwohl sie ihn nicht abwehren wollte. Es gehörte zum Spiel, war Teil des Rituals. Niedere Vampire wie Marika und ihre zahllosen, verwässerten und schwächlichen Speichellecker würden das nie verstehen. Der Rhythmus ihres gemeinsamen Paso Doble zerriss sie. Alex zog ihre Hose herunter, und sie trat die Jeans beiseite. Er war schneller, drängte sie in die Ecke und sprang auf sie zu, ehe sie ihre neugewonnene Freiheit nutzen konnte. Sie versuchte, das Blatt zu ihren Gunsten zu wenden, sie wollte ihn kratzen und beißen. Aber er knallte ihren Körper gegen die Tür und verdrehte ihren Arm hinter ihren Schulterblättern. Er zerrte ihr die letzten Kleidungsfetzen vom Leib, seine Zunge glitt die Linie ihres Rückgrats entlang. Seine Zähne fuhren über die kleinen Erhebungen jedes einzelnen Wirbels. Dort, wo sich ihr Rücken zu den Hüften und den Rundungen ihres Arschs verbreiterte, zögerte er. Seine Finger fuhren über ihr Spitzenhöschen.

Elena drückte ihre nackten Brüste gegen die glatte, kalte Metalltür. Er hielt sie fest, während seine Hand über ihre schlanken Schenkel nach unten und wieder hinauf wanderte, wo seine Finger durch das fast durchsichtige Material ihres Höschens mit ihren Schamlippen spielten.

»Sag meinen Namen«, knurrte er. Sie blieb stocksteif stehen und trotzte ihm mit den letzten Mitteln, die ihr blieben. Ihr Körper sehnte sich danach, sie zu betrügen. Verlangen breitete sich glühend heiß in ihrem Unterleib aus, und ihre Hüften rieben sich unbewusst an seinem Mund. Verlangen, Lust, Leidenschaft ...

Alex richtete sich auf. Er drückte seinen Körper an ihren, sie spürte ihn von Kopf bis Fuß. Sein Mund strich über ihre Schulter. Seine Hände umschlossen ihre Brüste. Sie passten in seine Hände, als wären sie dafür gemacht. Sie spürte seinen Schaft, der gegen ihren Arsch drückte. Er fühlte sich wie in Samt gehüllter Stahl an, der sich in ihre Haut presste.

»Sag meinen Namen, Elena.«

»Alex.«

»Nicht Alejandro?«, verhöhnte er sie.

Ihre Fingernägel gruben sich in das Metall der Tür. Ihre Hüften kamen ihm entgegen. »Alex!«

Seine rechte Hand glitt an ihrer Hüfte abwärts, die Finger glitten unter den dünnen Stoff. Er arbeitete sich zu jenem Ort vor, den sie seit einhundert Jahren nicht mehr zu berühren gewagt hatte.

Elenas Reißzähne schossen vor, weil ihr Verlangen nicht befriedigt wurde. Er stieß von hinten in sie und hielt sie zwischen seinem Körper und seiner Hand gefangen, während ebendiese Hand zwischen ihrem Körper und der Tür klemmte.

»Sag es nochmal.«

»Alex.«

Er zog die Finger aus ihr heraus, riss das Spitzenhöschen herunter und hob sie hoch. Sie wurde gegen die Tür gedrückt.

»Sag mir, was du willst, Elena. Jetzt hast du noch Gelegenheit dazu.«

»Ich will dich, Alex. Ich will dich in mir spüren. Für immer.«

Mit einer fließenden Bewegung drang Alex in sie ein. Sein Schwanz füllte sie gänzlich aus und drang tief in ihre Wärme ein, die ihn willkommen hieß. Elena schrie seinen Namen. Er stieß zu, zog sich beinahe vollständig aus ihr zurück, ehe er sich wieder in ihr vergrub. Der Orgasmus in ihr baute sich zu ungeahnter Höhe auf, er entzog sich ihrer Kontrolle und war schier wahnsinnig. Alex stöhnte, seine Stimme brach, als er sich verlangend in ihren Körper rammte und sie im selben Moment über den Gipfel trug, als seine Zähne sich in ihren Hals gruben. Elena legte den Kopf in den Nacken und heulte ekstatisch auf. Es war kein Schmerz. Das hier tat niemals weh.

Es war ihre Erfüllung.

Sie sank in sich zusammen und war nur noch ein Durcheinander aus schlaffen Gliedmaßen. Sein Gewicht ruhte auf ihrem Körper, sie spürte seine Tränen, die ihr Gesicht benetzten.

»Habe ich dir wehgetan?«, fragte er.

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht und verstärkte die Wärme, die ihren Leib durchströmte. »Schmerz ist relativ, Alex.«

»Ich hab zu schnell gemacht. Das nächste Mal wird unsere Jagd länger dauern.«

Sie spürte, wie ihr Lächeln gegen ihren Willen noch breiter wurde. »Alex, Geliebter ... Du und ich, wir können uns jetzt bis in alle Ewigkeit jagen.«