Zweite Besetzung

Angela Caperton

Die Strahler tauchten die gemauerte Decke der Gruft in blaues Licht. Der alte Holländer kniete, sein Schatten wurde an die geschwungene Wand geworfen. Er wischte sich über die Stirn, ehe er sich über die lange, hölzerne Kiste beugte. Dann hob er den Arm, der Schatten wirkte auf dem blassblauen Stein riesig und schwarz. In der Hand hielt er einen Hammer. Der Arm fuhr herab, wie ein Baum, der langsam fällt, und der Hammer trieb den hölzernen Pfahl in die Tiefe.

Das Krachen hallte im ganzen Theater wider, während alle Zuschauer die Luft anhielten.

Auf der Seitenbühne stand Mauzy Lyman. Ein Geruch nach feuchter Wolle und Parfüm umgab ihn, und er hörte das Rascheln und Grunzen von draußen, dann das leise Keuchen und kleine Schreie.

Hinter der Bühne schrie Graf Dracula wie ein Ungeheuer mit großen Schmerzen oder ein Mann, der einen Orgasmus hatte. Seine Stimme war selbst im Tod noch befehlend und hallte nach. Sogar in der pantomimischen Absurdität seines Sterbens war er noch majestätisch.

Das Theater bebte vom Applaus der Zuschauer, und die Bühnenmitarbeiter liefen hinter dem gefallenen Vorhang nach vorne, um die Särge beiseitezuschaffen, ehe die Schauspieler noch einmal auf die Bühne traten und sich feiern ließen. Graf Dracula schritt mit steifen Bewegungen auf die Seitenbühne. Er blickte niemanden an und lebte ganz in seiner Rolle – als ob er wirklich ein wandelnder Toter wäre.

Mauzy lockerte seine Krawatte und sah zu, wie der Vorhang fiel.

Also wieder ein Abend, an dem es keine Arbeit für ihn gab. Der Star wurde nie krank. In den vergangenen zwei Monaten war Mauzy die Zweitbesetzung gewesen, aber er hatte bloß bei zwei Nachmittagsvorstellungen einspringen dürfen, als der Ungar Termine hatte, die er nicht verschieben wollte. Vermutlich traf er sich mit irgendwelchen Schauspielagenten aus Hollywood.

Dieser Ungar – Lugosi hieß er – war zurzeit der berühmteste Mann New Yorks, und Dracula war immer ausverkauft. Wer das Stück am Broadway sehen wollte, musste sich Monate vorher um Karten kümmern. Bald ging das Stück sogar auf eine landesweite Tournee. Mauzy glaubte, er könne auf jeden Fall als Zweitbesetzung mitgehen, aber wenn das Stück zugleich weiter am Broadway aufgeführt wurde, wollte er selbst den Dracula spielen. Wer wäre dafür besser geeignet als Lugosis Zweitbesetzung? Kannte er nicht jede Bewegung und jede Geste dieser Rolle so gut wie der Ungar – wenn nicht sogar besser?

Mauzy zündete sich eine Zigarette an und bahnte sich einen Weg durch den Bereich hinter der Bühne zu der Garderobe, die er sich mit den anderen männlichen Zweitbesetzungen teilte. Er wechselte seine förmliche Abendkleidung und zog stattdessen seine Hose aus schwerem Stoff und das Flanellhemd an. Ein vertrautes Klopfen an der dünnen Tür ließ ihn aufblicken.

»Komm herein, Lia«, sagte er.

Lia tanzte in die Garderobe. Ihre langen, roten Haare umschmiegten sie wie ein herrlicher Samtumhang, der ihr Gesicht umrahmte. Ihre großen, braunen Augen glänzten. »Sie haben mich gefragt, ob ich mit auf die Tournee komme!«

»Haben sie wirklich?« Mauzy lächelte, obwohl die Eifersucht ihn zugleich schmerzlich traf. »Das ist großartig, Lia. Natürlich wollen sie dich dabeihaben!«

»Ich werde die Lucy spielen!« Sie wirbelte erneut in dem kleinen Raum herum. Der letzte von Mauzys zweitrangigen Kollegen murmelte einen Glückwunsch, ehe er aus der Tür schlüpfte und die beiden alleine ließ.

»Lia, dazz izzt wunderrrr-barrr. Ich kann’s nicht errrwarrrten, dich zu beizzen.« Mauzy umarmte sie und lachte.

Sie erwiderte die Umarmung. In seinen Armen war sie weich und warm. »Du klingst genauso wie er«, kicherte sie.

Mauzy schüttelte den Kopf. »Ach nein«, sagte er müde. »Ich habe nicht seinen Charme.«

»Vielleicht ja doch.« Sie küsste ihn auf die Wange und umarmte ihn nochmal.

»Darf ich dich heute Abend zu einem Drink einladen?«, fragte er. »Wollen wir gemeinsam feiern?«

»Ich kann nicht. Colin und Helen haben mich schon gefragt. Wie wär’s mit morgen?«

»Natürlich.« Er lächelte das vollendete Lächeln eines Schauspielers.

Wo war bloß die Gerechtigkeit? Mauzy Lyman hatte bei großen Männern das Schauspielhandwerk gelernt. Er war der Star von Die Möwe in Kansas City gewesen und hatte in Sehnsucht unter Ulmen in New Haven brilliert. Aber jetzt war er nur die Zweitbesetzung für diesen Lugosi.

Die Mitarbeiter machten Witze über die zahlreichen Frauen, die sich vor der Tür zur Garderobe des Ungarn drängten, weil sie ihm Briefe und Päckchen übergeben wollten. Briefe mit scharlachroter Tinte und violettem Papier, die an Graf Dracula adressiert waren. Diese Rolle birgt einen gewissen Zauber, dachte Mauzy, obwohl das Stück kaum mehr als eine romantische Schmierenkomödie war.

»Hey, Lia. Sei klug, hörst du? Lass dich nicht auch von ihm bezirzen, ja?«

Sie lachte und küsste ihn auf den Mund. »Ich muss los, Mauzy. Bleib brav!«

»Ich begleite dich nach draußen.« Mauzy warf sich das Jackett über und begleitete sie aus dem Gebäude auf den Broadway. Lia wandte sich Richtung Times Square, wo sie in ein Taxi einstieg, das in der Winterkälte verschwand. Er beobachtete, wie die Lichter sich langsam entfernten.

Vielleicht ging er trotzdem mit auf die Tournee, wenn das Stück nicht weiter auf dem Broadway gezeigt wurde. Wenn Lugosi nicht mehr da war, käme vielleicht eh niemand mehr.

Mauzy zog den Kragen seines Mantels hoch, ehe er sich wieder eine Zigarette anzündete. Die Wolken hingen tief über der Stadt und ließen die Straßenlichter diesig wirken. Die kalte Dezemberluft schmeckte nach Regen.

Er ging ein paar Blocks in Richtung Westen, dick eingepackt gegen die Kälte. Dann wandte er sich nach rechts und betrat eine Gasse. Außerhalb des Lichtscheins stieg er hinter einem Zaun hölzerne Stufen hinab zu einer Holztür. Er lauschte kurz, dann versuchte er den Türknauf.

Es überraschte Mauzy nicht, dass sich die Tür ohne Probleme öffnen ließ. Selmo vergaß gewöhnlich, die Tür abzuschließen. Jeder Streifenpolizist wusste, dass der alte Sizilianer eine illegale Bar betrieb. In etwa einer Stunde, gegen Mitternacht, platzte der kleine Laden aus allen Nähten, weil Garderobieren und Revuetänzerinnen sich hier ebenso drängten wie Schriftsteller oder Choreographen.

Im Moment war das Selmo’s fast leer. Nur der dunkle, schwere Barkeeper namens Benny war da, an einem Tisch saß einsam ein Mädchen. Mauzy würdigte sie nur eines knappen Blickes. Wieder eine Fremde, die in die Stadt gekommen war, vermutlich, weil sie gern Schauspielerin werden wollte. Noch ein Mädchen, das durch die Mühle gedreht wurde. Er nahm an der Bar Platz.

Benny schenkte ihm ein Glas aus dem schwindenden Vorrat herrlichen Woodford’s ein, und Mauzy legte eine Dollarnote auf die Bar.

»Sag schon«, drängte Benny ihn.

Mauzy beugte sich vor. »Ich trrrrrinke nie ... Bourrrbon.«

Bennys Kichern grollte in seinem riesenhaften Körper. »Das ist echt gut, Mann. Du klingst wie er.«

Mauzy kippte den Schnaps hinunter und genoss das rauchige Brennen. »Ich wünschte, ich wäre an seiner Stelle«, sagte er und tippte stumm auf den Glasrand, damit Benny nachschenkte.

»Ach was, Mauzy. Er ist ein Spinner, oder? Ich meine, was man sich so erzählt ...«

Mauzy zuckte mit den Achseln. »Wer ist kein Spinner? Es ist halt so, dass er in seiner Rolle aufgeht. Als wäre er Dracula.« Er schüttelte den Kopf. »Und die ganze Welt dreht sich nur um ihn.«

»Ein Spinner.« Benny füllte sein Glas und stellte einen Krug mit Wasser daneben.

In der Stille spürte Mauzy, wie ihm ein Schauer über den Rücken rann. Er drehte sich um und sah das Mädchen, das ihn anblickte. Im Dämmerlicht sah sie nicht besonders interessant aus. Sie war nicht besonders groß, und ihre Haare hatte sie unter eine schwarze Kappe gestopft. Ihr Gesicht war in Schatten getaucht, und dennoch: Die Intensität ihrer Aufmerksamkeit traf ihn wie ein Schlag in die Magengrube.

Benny blinzelte ihm verschwörerisch zu, als Mauzy aufstand, sein Wasserglas nahm und zu dem Tisch ging, an dem die Frau saß.

Er fragte sie, ob es ihr etwas ausmachte, wenn er sich zu ihr setzte. Im selben Moment wusste er, wie absurd es war, dass er fragte. Ihr Blick hielt seinen fest, wie scharfe Zähne, die eine Traube umfassten.

Die Luft im Raum kam zur Ruhe.

»Ich habe Ihr Gespräch belauscht«, sagte sie mit einem fremd anmutenden Akzent. Französisch? Belgisch? »Es klang faszinierend.«

Er setzte sich ihr gegenüber. Plötzlich war er verlegen, denn jetzt sah er ihre wahre Schönheit. Ihr Gesicht war ein Wunder an Gleichmäßigkeit, und es strahlte eine merkwürdige Intensität aus. Sie hatte hohe Wangenknochen, und ihre dunklen, großen Augen glühten, dass das wenige Licht in der Bar darin funkelte. Sie hatte eine gerade, schmale Nase und Lippen, die sie leicht geöffnet hielt. Ihr geradezu strahlendes Lächeln ließ Mauzys Mund trocken werden. Er stellte sich vor, wie es sich wohl anfühlte, sie zu küssen. Die Vorstellung war überraschend lebendig. Sie hatte Haut, die dunkel wie die einer Polynesierin war, und die Haare, die unter ihrer Kappe hervorlugten, waren von einem blassen Silber wie das Mondlicht. Sie trug ihren Mantel, der wie ein Umschlagtuch geschnitten war, locker um die Schultern und darunter eine Bluse aus tiefroter Seide.

Ihr Lächeln zog ihn am meisten an. Aber die dunkle Tiefe ihrer Augen hielt ihn gefangen. Mit ihrem Lächeln wickelte sie ihn ein, seine Knie wurden zu Wasser, während sein Schwanz zugleich hart wurde. Er erinnerte sich an den ersten Akt des Theaterstücks, in dem die Frauen in Draculas Schloss zusammenkommen und das Trio in einem erotischen Tanz den Reisenden zur Strecke bringt. Es war wie ein Fingerzeig am Rande der Vernunft, dass er in ihren vom Feuer berührten, tiefschwarzen Augen versank und plötzlich an Vampire glauben konnte.

Lange Wimpern strichen über die dunkle Haut ihrer Wange. Ein unendlicher Schmerz erfüllte Mauzys Herz, als sie ihn mit einem sinnlichen Lachen aus ihrem Griff befreite, den er zu spüren glaubte, als ob sie ihn tatsächlich berührt hätte. Er wurde aus ihrem Bann geworfen, und die Luft war wieder leicht wie ehedem. »Das ist faszinierend, was Sie machen. Die Schauspielerei.« Sie fuhr mit einem schlanken Finger über den Rand ihres Weinglases. Mauzy konnte sie förmlich schmecken. Er konnte sich genau vorstellen, welch fremdartiges Aroma ihrem Geschlecht entströmte, wenn er sie mit kreisenden Zungenbewegungen massierte.

»Das mache ich, stimmt. Aber es ist nicht so leicht, wie es aussieht.« Seine Stimme klang hoch und beinahe schrill in seinen Ohren.

»Was ist mit dem anderen Mann, der den Dracula spielt? Ist er ein guter Schauspieler?« Sie lächelte nicht, sondern hob ihr Glas an die Lippen und nahm einen kleinen Schluck.

»Natürlich ist er das, wenn er eine richtige Rolle in einem echten Theaterstück spielt. Ich wette, dann könnte er seine Klasse zeigen.« Mauzy drehte den Wasserkrug mit der Rechten. Seine Stimmung war dahin. Immer ging es nur um Lugosi.

»Dieser Dracula ist also keine richtige Rolle?«, fragte sie. Ihre Stimme klang mitfühlend, aber er hörte auch etwas Neckendes heraus.

Mauzy winkte Benny heran und lud die Frau mit einer Handbewegung ein, sich etwas zu bestellen.

»Ich trinke nur Wein«, erklärte sie Benny. Ihr fremder Akzent klang verführerisch und leise spöttelnd. Der Barkeeper grinste wie ein Schuljunge.

Mauzy bestellte. Als Benny davoneilte, wandte er sich wieder an sie. »Wie lautet Ihr Name?«

Sie blickte ihn an. Ihre Augen waren abgrundtief, und ein geheimnisvolles Lachen schimmerte darin. »Anastasia«, sagte sie mit einem leisen Lächeln, das ihre Worte als Lüge entlarvte und ihn zugleich daran hinderte, weiter nachzufragen. Für sie war das Thema erledigt.

Benny brachte die Getränke, stellte Mauzys Schnaps ab und goss Anas Wein mit einer leichten Verbeugung ein. Er wäre noch länger geblieben, wenn Mauzy ihn nicht mit einer Handbewegung verscheucht hätte.

»Nein«, widersprach er und blickte sie direkt an. »Dieser Dracula ist keine richtige Rolle. Es ist eine Farce, ein Witz.«

»Das sagen Sie.« Sie nippte am Wein. Die rote Flüssigkeit schimmerte auf ihren Lippen. »Aber viele Leute mögen das Stück, oder?«

Er zuckte mit den Schultern. »Ich denke schon. Es gibt aber so viele bessere Theaterstücke.«

»Aber dieses hier ... Etwas daran regt die Träume der Menschen an, finden Sie nicht?« Ihre Stimme umschmeichelte ihn.

»Träume? Alpträume würde es besser treffen«, erwiderte Mauzy und hob sein Schnapsglas.

»Kennen Sie den Unterschied?« Sie neigte den Kopf und beobachtete ihn. Die Spitze ihrer Zunge schnellte leicht hervor, als sie an ihrem Wein nippte.

Mauzy dachte kurz nach. »Wenn ich einen Albtraum habe, will ich aufwachen«, sagte er. Dann legte er den Kopf in den Nacken und kippte den Whiskey hinunter. Er hieß die Wärme willkommen, die sich auf seine Zunge und seinen Hals legte.

»Ja.« Sie lächelte. Ihr Blick war intensiv, in ihren Augen war ein schwarzes Leuchten. »Und wenn Sie träumen, also richtig träumen, dann wissen Sie nicht mal, dass Sie träumen, egal wie schrecklich oder schön der Traum ist. Darum können sie bis zum Sonnenaufgang nicht aufwachen.«

Ein Auto fuhr draußen vorbei und wirbelte Wasser auf. Endlich fiel der versprochene Regen.

»Theaterstücke allerdings ... Sie sollten sich um etwas Greifbares, Reales drehen und nicht um irgendeinen Traum.« Die Wendungen dieses Gesprächs verwirrten ihn zunehmend.

»Nein, damit bin ich nicht einverstanden.« Sie schmollte ein wenig, und Mauzy hörte, wie der Regen in resigniertes Rauschen überging. »Ich habe Theaterstücke gesehen, die wie Träume sind, und sie gehören zu den besten, die ich kenne. Und warum? Weil sie uns zeigen, was sein könnte. Nichts ist ehrlicher als unsere eigenen Träume. Sie sind unsere Seele. Und Sie sollten Ihren Träumen auch zuhören, Mauzy Lyman.«

Donner erschütterte das Haus und rüttelte an der Tür.

»Haben Sie Angst vor mir?«, schnurrte sie.

Mauzys Herzschlag beschleunigte sich, und für einen Augenblick drang keine Luft in seine Lungen. »Ja«, gab er schließlich zu. »Ich habe Angst.«

Ihr Lachen vermischte sich mit dem Regenrauschen, und ihre Augen funkelten. Die dunklen Flammen im Innern waren wie Sterne, die am Nachthimmel dahinschmolzen. »Das brauchen Sie nicht. Ich füge Ihnen keinen Schaden zu. Kommen Sie mit?«

Die Einladung ließ in ihm die Spannung erwachen. In seinem Unterleib, vor allem aber um seinen Schwanz. Das Ziehen ging bis in seine Beine und war wie eine federleichte Liebkosung, die bis zu seinen Füßen reichte. Dann spürte er, wie er hochgezogen wurde, wie eine Marionette an ihren Fäden. Er folgte ihr hinaus in die Nacht.

Mauzy fragte sich, ob Benny überhaupt bemerkte, dass sie gingen.

Der Regen fiel dicht und war wie kalte Messer, die ihn mit ihrer winterlichen Kälte küssten. Der Sturm wurde heftiger. Ihr Taxi war eine Limousine, die knochenhell lackiert war und mit dem Verkehr und dem wilden Muster aus Lichtern verschmolz. Wassertropfen funkelten wie Diamantenstaub und blendeten ihn. Auf der Rückbank roch es nach Öl und Parfüm.

Sie nannte eine Adresse. Ihre Stimme war so warm wie guter Brandy. Der Taxifahrer lachte bellend auf, schüttelte den Kopf und fuhr schnell los. Er lenkte den Wagen durch nasse Straßen schnell fort vom vertrauten Theaterviertel und in dunklere Gegenden, in denen Mauzy sich sonst nie herumtrieb. Schon bald gab es nur noch vereinzelt Straßenlampen, und dann war es vollständig dunkel. Das Taxi raste über lange Straßen, die von dunklen, verrammelten Häusern gesäumt wurden. Dunkle Riesen am Rand der Insel, die im peitschenden Sturm merkwürdig fremd wirkten.

Sie hielten vor einem alten Reihenhaus. Die oberen Stockwerke waren kaum zu erkennen. Ein einzelnes Licht über der Tür hieß Mauzy willkommen.

Anastasia küsste den Taxifahrer, und er lachte fröhlich. Er klang geradezu verrückt. Mauzy blickte ihm nach, als er wegfuhr.

Sie hakte sich bei Mauzy unter und führte ihn durch den Regen über den Bürgersteig und die Treppe hinauf zur Eingangstür, die nicht verschlossen war.

Die Eingangshalle duftete nach Sandelholz und einer ihm unbekannten, süßen Blume. Als sie die Tür hinter sich schloss, blieb vom lauten Rauschen des Regens nur ein leises, rhythmisches Wispern wie von einer Dreschmaschine.

»Mein Haus«, sagte sie nur, ohne den Blick von ihm abzuwenden. »Du darfst kommen und gehen, wie es dir gefällt.«

»Du klingst wie er«, sagte Mauzy und versuchte, zu lächeln.

Sie lachte leichthin auf. Ein glockenhelles, lustvolles Lachen, das Mauzys Unterleib erfasste und ein verführerisches Flattern auf seiner Haut erwachen ließ. »Das war nur ein Scherz, armer Mauzy. Du kannst dich wirklich entspannen.«

Ihre Hand war so heiß wie die Sommersonne. Sie nahm seine Hand und führte ihn durch die Eingangshalle in ihren Salon. Mit überraschender Stärke schob sie ihn auf ein mit weinrotem Samt bezogenes Sofa und blickte auf ihn hinunter, während sie noch vor ihm stand. Ihr Blick hielt seinen fest. Er musste an Theda Bara denken.

»Willst du mit mir trinken?« Ihre Stimme war wie ein zärtlicher Kuss.

Er nickte. Sein Herz raste. Sie glitt davon, ihr Duft umschloss ihn und zog ihn in die Tiefe. Es kostete ihn viel Kraft, den Blick von ihr zu lösen und auf die Decke zu richten, die im Dunkel jedoch nicht zu erkennen war. In der Ecke brannte eine einzelne Lampe. Das rotgoldene Licht vom Kamin ließ tanzende Schatten umeinanderjagen.

Anastasia blieb vor dem Feuer stehen und legte ihre Jacke ab, die sie achtlos auf den Boden warf. Die dunkelrote Bluse umschmiegte ihre Brüste und die flache Linie ihres Bauchs über einem Rock, der so schwarz war wie Druckerschwärze. Das Feuer glomm hinter ihr auf und ließ den Rock zu grauem Nebel verblassen. Mauzys Schwengel begann zu pochen. Unter der schwarzen Seide war sie nackt, und er konnte im Gegenlicht allzu deutlich ihre dunklen Schenkel sehen, die Form ihrer Hüften und das blasse Dreieck Schamhaar, das ihr Geschlecht umgab.

Sie warf ihre Kappe auf die Jacke und schüttelte ihr Haar aus, das glänzend um sie fiel. Das Haar umrahmte ihr Gesicht und bedeckte die weinroten Schultern wie Mondlicht auf einem See aus Blut. Sie trat vom Feuer zurück und goss ihnen einen Drink ein. Mauzys Mut sank.

Als sie erneut vor dem Kamin entlangging, erwachten seine Lebensgeister, diesmal mit doppelter Kraft. Die weinrote Bluse war so dünn und durchsichtig wie ihr schwarzer Rock, und kurz konnte er ihre Brüste sehen. Ihre Nippel waren hart und standen vor. Ein nackter Schatten, umgeben von einer feurigen Aura. Er atmete kaum, als sie sich zu ihm setzte. Ihre Hüfte drückte sich leicht gegen seine, und er spürte trotz seiner wollenen Anzughose, wie heiß und weich sie war.

Sie reichte ihm ein Glas, das mit einem dicken, goldfarbenen Likör gefüllt war. Als er das Glas nahm, lichtete sich der Glanz, den sie um ihn gewoben hatte, für einen Moment. Er konnte für einen kurzen Augenblick wieder klar denken. Mauzy schnupperte an dem Likör. Der Geruch kam ihm vertraut vor, er war erdig, süß und strahlte eine Hitze aus, die er nicht so recht benennen konnte.

»Trink«, befahl sie ihm.

Mauzy hob das Glas an die Lippen. Der goldene Likör brannte auf seiner Zunge, floss durch seine Brust und zog bis hinauf hinter seine Ohren. Ohne Zögern gab er sich diesen Empfindungen hin, weil er genau wusste, dass er keine andere Wahl hatte.

Überhaupt nicht.

Ana öffnete ihre Bluse. Darunter war nur Ana. Ihre dunkle Haut schimmerte im Feuerschein, ihre Brüste waren klein und von den steilen Nippeln gekrönt, die die Farbe von Blutergüssen hatten. Mauzy sehnte sich schmerzlich danach, sie zu schmecken und seine Zähne um ihre Brust zu schließen. Aber er starrte sie bloß abwartend an. Ein leises, verdorbenes Lächeln umspielte ihren vollen Mund, und ihre Hände wanderten zu den Knöpfen seines Hemds. Als die Hitze ihrer Liebkosung seine Brust entflammte, beugte sie sich vor. Ihre Lippen strichen heiß und feucht über seinen Hals, und sie vergrub ihre Zähne in dem empfindlichen Fleisch seiner Kehle. Sie trank, und mit jedem ihrer Schlucke versank er tiefer in der Dunkelheit.

Er öffnete die Augen. Über ihm hatte die Nacht den Himmel zugedeckt, jenseits des Lagerfeuers war es dunkel. Er lebte in den Schatten zwischen den Wagen. Dort hungerte er und lauschte der munteren Musik, die aus dem Lager zu ihm drang. Er hörte eine Flöte und ein Tamburin, und jetzt erinnerte er sich wieder an die Musik, wie er sich ans Sonnenlicht erinnerte. Wertvolle Dinge, die aus seinem Leben verschwunden waren.

Ein heißer Südwind blies die mediterrane Luft von den Bergen hinab und brachte den Geruch von Leben und Tod. Er selbst stank nach der Erde, in der er jeden Tag lag. Er war Bruder der Würmer, obwohl er in feinen Zwirn gekleidet war – dieser begann inzwischen an Ärmeln und Saum auszufransen. Die Uhr, die er jeden Tag seines Lebens bei sich getragen hatte, lag schwer in seiner Tasche und tickte längst nicht mehr.

Er war die rumänische Nacht, er war die vielen düsteren Meilen, die diese Menschen zurücklegten. Er war aus der Grausamkeit geboren, die sie aushielten, und der Schuld und dem Leid der unendlichen Flucht. Er war der Tod, der still im Schatten lauerte.

Ein Mädchen verließ das Feuer und ging zum Wagen. Der Wind trieb ihn zu ihr. Seine zerfetzte Kleidung flatterte wie ein Mantel, der ihn umschmiegte. Er hungerte wie Feuer, das gierig trockenes Laub fraß. Der Hunger trieb ihn zu ihr.

Er beherrschte den Tod und war das fiebrige Verlangen. Sie konnte ihm nicht widerstehen, sie schrie nicht mal oder kämpfte gegen ihn an, als seine Zähne in das feste Fleisch an ihrem Hals glitten. Ihr Wimmern, das zwischen Angst und Lust schwebte, erregte ihn nicht, denn die Laute ihrer Ergebung waren seinen Ohren so vertraut, dass er kaum mehr hinhörte. Er kannte nur den reichen Lebenssaft, der aus ihr herausfloss und in ihn strömte. Die Erinnerung an verlorene Leidenschaften wie die Musik und das Sonnenlicht.

»Das ist die Saat der Träume«, flüsterte Ana. Ihre Worte waren ebenso erregend wie ihr Körper, der sich an seinen presste.

Mauzy öffnete die Augen und sah sie durch einen goldenen Nebel. Nackt lag sie vor dem Kamin. Jetzt setzte sie sich auf, umfasste seine nackten Oberschenkel mit ihren Händen, die sich zu Krallen krümmten, und beugte sich vor. Ihr Haar strich kitzelnd wie Mondlicht über seine Beine, und ihr warmer Atem liebkoste seinen Schwanz. Sie verharrte einen Moment über der pflaumenfarbenen Eichel, dann leckte sie sich über den Mund und umschloss sie mit ihren seidig weichen Lippen.

Mauzy atmete den Duft von Kerzen und Lampenöl ein. Sein Blick verschwamm, als er die Augen schloss. Der Raum verlor seine Konturen.

Er hörte die anderen im Halbdunkel des Salons reden. Sie erzählten Geschichten über Geister und Monster. Er lag nackt in seinem Schlafzimmer und schwitzte. Sein muskulöser Oberschenkel drückte sich heiß gegen das blasse, dünne Bein des jungen Arztes.

»Und du bist tot? – So schön und zart, so selt’ne Lieblichkeit«, flüsterte er heiser und gedehnt. Er lachte den Arzt an und wischte sich über die feuchten Lippen, an denen noch der leicht salzige Geschmack haftete. Das Kribbeln auf seiner Zunge befeuerte seine Gier und sein Bedauern gleichermaßen.

»Oh nein, Mylord. Ich bin überhaupt nicht tot. Seht Ihr?« Polidori schnurrte wie ein Kätzchen und streckte seinen herrlichen Körper. Ein schlanker, junger, perfekter Körper. Ein lebendiger Körper.

Sein Blick glitt zu der Taille des Arztes, wo sich der beschnittene Penis bereits wieder regte. Er war ebenso lebhaft und bereit für ihn.

»Darum bin ich schließlich Euer Leibarzt«, witzelte er übermütig lebendig und selbstbewusst.

Er berührte den Stab des Arztes und genoss das seidig warme Gefühl unter seinen Fingern. »Ich werde ein Gedicht schreiben, dir zu Ehren«, versprach er und wusste tief in seinem Herzen, dass er dieses Versprechen halten würde. »Eine Ode an die Erhabenheit des Fleisches.« Er widmete sich seinem Festmahl und nahm den Schwanz wieder in den Mund. Er genoss, wie Zoll um Zoll das erhitzte, junge Fleisch in seinen Mund glitt und gegen seine Zunge pulsierte.

Der Arzt schnappte nach Luft, als seine Zähne sich in die Haut gruben. Der heftige Schmerz kam unerwartet, war ihm aber offenbar nicht unwillkommen, denn er schrie seine Lust so laut heraus, dass die Kerze neben dem Bett heftig flackerte.

Anschließend wischte er sich befriedigt über den Mund. Diesmal waren seine Lippen blutrot. Er erhob sich vom Lager, auf dem er sein Festmahl gehalten hatte.

Er stand vor dem Bett und blickte ein letztes Mal auf den schönen Körper des jungen Mannes nieder. Er war sein Liebhaber gewesen, sein Freund. Er spürte das Gewicht seiner eigenen Jahre selbst jetzt, da die zerbrechliche Hülle seiner Erneuerung sich vom Hals aus in seinem ganzen Körper ausbreitete. Große Traurigkeit legte sich um ihn wie ein wollener Mantel.

»Ich weiß nicht, ob ich es ertragen hätte, diese Schönheit schwinden zu sehen«, raunte er in die Dunkelheit. Ein letztes Mal küsste er den Schwengel des Doktors. Dann verließ er das Bett, zog sich an und kehrte in den Salon zurück, wo die anderen einander noch immer Geistergeschichten erzählten.

Anas Mund hielt ihn umfasst. Ihre Zähne drückten hart gegen seine empfindlich zarte Haut, ihre Zunge badete die geschwollene Eichel seines Schwanzes, während sie sich auf ihm auf und ab bewegte und ihn in einem gnadenlosen Rhythmus in sich zog. Lust durchströmte seine Adern, der schmerzende Abgrund seiner Lust eine steile Klippe, auf die er haltlos zuraste. Seine Finger verfingen sich in ihrem Haar, seine Hüften kamen ihrem Mund entgegen. Das Geräusch ihres saugenden, beißenden Munds war Musik in seinen Ohren, der Geruch nach Sex und Rauch, ihr unnachgiebiger Rhythmus, ihre wilde Zunge und – o Gott! – ihre Zähne trieben ihn schließlich über den Abgrund. Er kam, sein Samen schoss heiß aus ihm heraus und überflutete sie schier endlos. Er drückte das Kreuz durch. Er sah nichts mehr außer das Feuer seiner Ekstase.

»Blut und Samen.« Ihre Stimme liebkoste seinen nassen Schwengel. Sie ließ von ihm ab und blickte zu ihm auf. Ihre Augen waren so unergründlich wie der nächtliche Winterhimmel. »Das ist der Zauber.«

Der Wind frischte auf, wehte das Licht fort und verwandelte Ana in Rauch. Er taumelte durch eine Kluft und fiel atemlos, verlor jede Hoffnung auf ein Morgen. Aber ihre letzten Worte hallten in ihm nach, und er wusste, dass sie die Wahrheit sagte. Die Welt öffnete Türen in seinem schwindligen Verstand, ihr Mund umschloss weiterhin eng seinen Schwanz. Der Traum pulsierte in dem Rhythmus, mit dem Blut durch seine Adern gepumpt wurde. Flügelschlag durchbrach die Nacht, er sah das Licht des goldenen Monds. Ein Bühnenlicht.

Nur ein Traum, dachte er. Es war alles ein Traum. Bis zu dem Augenblick, als er auf die Bühne trat.

Es hatte einen Zwischenfall gegeben, mit dem Ungarn und einer Frau. Jetzt war Mauzy der Star des Stücks.

Er war der Vampir.

Lucy wartete im silbrigen Mondlicht auf ihn und spähte suchend in den Nebel. Sie war ihm zu Willen. Er hatte ihr gezeigt, was ein ewiges Leben für sie verhieß, und jetzt würde er sie über diese Schwelle tragen und sie mit der Erhabenheit der Untoten vertraut machen. Sie würde für immer jung sein und in ewiger Dunkelheit leben.

Er erinnerte sich an die Jahrhunderte, die er daheim in Transsylvanien verbracht hatte. An den Krieg gegen die Türken, als das Land vom Blut Unschuldiger getränkt wurde. An Tod und Wiedergeburt und anschließend an die langen Jahrzehnte, als die Felder verdorrten und das Vieh seiner Zigeuner hungerte.

Im Osten stieg die Dunkelheit auf, und Plünderungen und Zerstörung krochen wie Staub über sein Land. Er war der Einzige, der sich dem Feind entgegenstellte. Er war der Diener und sein Bote, der Prinz der Wölfe, Herr der Fledermäuse, der Schwarze Tod und der Blutfluss. Im Leben und im Tod.

Der Glaube war lediglich ein Schatten seiner Macht.

Er war aus der Dunkelheit gekommen, war nach London gelangt, und hier erwarteten sie ihn jetzt. Hier im Theater warteten die Menschen auf ihn.

»New York«, flüsterte er, weil er sich in Zeit und Raum verlor.

Hitzig umschlossen Anas Schenkel seine Beine, als sie sich rittlings auf ihn setzte. Sie drückte ihn nieder. Sein Schwanz richtete sich hart und angriffslustig auf. Sie hielt ihn umfasst. Ihre schlanken Finger fühlten sich kühl an auf seiner geschwollenen Hitze. Sie drückte seinen Schwanz gegen die glitzernde Spalte ihres Geschlechts. Atemlos packte er ihre Hüften. Ja, er war bereit für sie. Seine Daumen spielten mit den mondlichtfarbenen Schamlocken.

»Keine Sorge.« Ihre warme Stimme erfüllte ihn mit Hitze, gerade so, wie es ein Schluck guter Brandy vermochte. »Es ist nur ein Traum.«

Mit einem Ruck setzte sie sich auf ihn. Ihr dunkler Blick verschwand hinter geschlossenen Lidern. Sie legte den Kopf in den Nacken. Ihr weißes Haar umfing beide wie ein Umhang, der ihrem wunderschönen Körper schmeichelte.

Lucy wandte sich ihm zu. Sie hatte den Mund zu einem stummen, überraschten ›O‹ geformt.

Er war das personifizierte Versprechen, Wunder und Schrecken, er versprach ihr Empfindungen, die tief unter die Haut gingen. Er versprach ihr, sie von den Toten zu erwecken. Er war ihre Hoffnung und ihre Heilung.

Und sie war seine Nahrung.

Das Schlagen ihres Herzens hieß ihn willkommen. Wie das Blut im Schwengel des Doktors, wie sein eigener Leib, der einst von den Toten erweckt worden war. Wasser, das bereits im alten Land geflossen war. Das Auf und Ab von Erschaffen und Zerstören. Der Lebensodem der ganzen Welt.

Dann schmeckte er das Meer – Süße und Salz, die sich miteinander vermischten. Er sah das Licht jenseits der Morgendämmerung. Lucy war sein, in diesem Augenblick war sie seine Göttin. Aber sie war dem Untergang geweiht, sie würde durch die Nächte Londons wandeln und Kinder erbeuten, weil auf der anderen Seite des Lichts nichts als Dunkelheit auf sie wartete.

»Nicht im Theater«, protestierte er mit schwerer Zunge. Er lallte beinahe. Ana packte seinen Schwengel mit heftiger, nasser Beharrlichkeit, die keinen Widerstand duldete. Sie war ein samtener Schraubstock, der ihm Erlösung versprach. Hart ritt sie ihn, warf den Kopf nach hinten. Ihr Haar aus Mondlicht fiel verführerisch um ihre Schultern. Die Hitze ihres Körpers drückte gegen seinen und umschloss ihn. Seine Wirklichkeit bebte und taumelte. Sie nahm ihn in Besitz, und sie war überwältigend und bedingungslos.

»Nein«, keuchte sie. Ihre Stimme war vor Erregung und Selbstbeherrschung gepresst. »Im Traum.«

Der unnachgiebige Rhythmus seines Orgasmus erwachte in ihm. Sein Glied wurde von nassem Feuer umschlossen, ihre Schenkel umklammerten seine. Sie beugte sich über ihn und presste ihre kleinen, heißen Brüste gegen seine Brust. Seine Finger gruben sich in ihre Hüften. Er presste sich verzweifelt an sie und zog sie zu sich herunter, während er zugleich nach oben stieß. Sie keuchte, zuckte um seinen Penis und glitt am Schaft nach oben, wand die Lenden und rammte ihn sich wieder tief in die Möse. Er spürte, wie ihm die Sinne schwanden. Er lebte nur in diesem Augenblick, und dann spürte er, wie ihr Gewicht sich von ihm löste, als sie sich hob. Sie schrie auf und erbebte, ihre Muskeln zogen sich um seinen Schwanz zusammen. Mit einem letzten Stoß vergrub er sich in ihr. Er kam, und um ihn wurde alles hell und wunderbar.

Blass und silbrig kroch er aus dem Innern des Schiffs. Er wandelte unter denen, die abgeschlachtet worden waren. Der Kapitän hing über das Steuerrad, seine Silberkette hatte sich darin verfangen. Jeder von ihnen war ein Festmahl gewesen, ein Spielzeug. Jeder der Männer konnte froh sein, tot zu sein, da mit ihnen auf dem Schiff die Pest reiste.

Die Erinnerung wand sich wie ein dicker Wurm in seinem toten Verstand. Weich und weiß wie das Fleisch eines hübschen Matrosen, die Haut vom Schweiß überzogen, den er schmeckte, ebenso wie das drahtige Haar auf der blassen Brust des Mannes. Er spürte jetzt noch, wie die Adern unter ihm leer wurden, wie das Pulsieren verstummte.

Sein Leben hatte bereits vor langer Zeit ein Ende gefunden. Aber er sah, wie sich die Unendlichkeit vor ihm ausdehnte, die ebenso groß war wie die Zeit selbst. Für einen vom Opium berauschten Träumer musste diese Unendlichkeit verlockend schön sein. Aber er stillte seinen unstillbaren Hunger mit diesen blassen Leibern, die vor ihm aufwehten wie trockene Blätter im Herbst. Nach so vielen Jahrhunderten war ein Körper wie jeder andere. Vieh, Schafe. Manchmal ein faszinierendes Tier.

Ratten liefen um seine Füße über die Deckplanken. Eine Armee des Todes, die den Hafen eroberte und in die Stadt ausschwärmte. Sie suchten nach den warmen Häusern der Menschen, in die sie ungebeten eindrangen, um drei von fünf Menschen rasch um ihr Leben zu bringen.

Über der Schulter trug er die lange Kiste, in der er die Erde seiner Heimat aufbewahrte, die inzwischen trocken und unfruchtbar war. Nichts wuchs mehr zwischen den hohen Bergen und den wilden Auen. Niemand wagte sich dort noch hin, und kein Wesen konnte dort leben. Aber hier in der Stadt gab es viel Leben. Schöne Frauen, deren Unschuld sich wie die Sonne, an die er kaum noch eine Erinnerung besaß, in seine Haut grub. Sie opferten sich dem Gott, der er geworden war.

Als er eine Frau fand, die über eine angemessene Unschuld verfügte, nahm er sie und hielt sie fest. Er teilte das Feuer mit ihr, und dann begrüßte er in ihren Armen die Morgendämmerung. Er erwachte und starb mit dem ersten Kuss bei Sonnenaufgang.

»Dieser Traum ist ein Ritual«, keuchte Ana, den Mund an seine Schulter gedrückt. Ihre Lippen fühlten sich nass und kalt an. »Der Traum ist die Wahrheit.«

Sie lagen jetzt vor dem Kamin. Sie melkte ihn zwischen ihren Schenkeln, und er drehte sie auf den Rücken, spießte sie mit seinem Schwanz auf, der noch immer steinhart war. Es fühlte sich an, als ob Licht durch ihn hindurchströmte.

Schneller Flügelschlag flatterte in der Mittagssonne gegen das Fenster. Er war schneller: zuerst Fliegen, dann Spinnen, später erlegte er auch dicke Spatzen, die sich auf dem Fenstersims niederließen.

»Pass auf, dass du nicht von ihrem Blut trinkst«, flüsterten ihm die flinken, kleinen Gesellen mit der Stimme seines Vaters zu. »Denn das Blut ist Leben.«

Ana schlang ihre Beine um seine Lenden und hielt ihn in sich fest.

Was bedeutete Leben für eine Abscheulichkeit wie ihn? Er war aus dem Tageslicht verdammt, nur der Meister durfte ihn besitzen, nur er liebte ihn. Nicht die Sperlinge, nicht die Katze. Und bestimmt nicht die Fliegen.

Jetzt war da diese Krankenschwester. Ein hübsches Mädchen mit Haaren, die dunkel wie reife Pflaumen waren, Lippen, die blutrot wie das heilige Sakrament auf blasser, cremeweißer Haut schimmerten. Er kroch auf Händen und Knien zu ihr, wo sie im Kreis ihrer eigenen Röcke lag.

Die Krankenschwester fürchtete und hasste ihn. Er konnte es riechen, schmeckte es, wenn sie zu ihm kam, um ihm sein Stärkungsmittel zu verabreichen. Bei ihrem Anblick wurde er hart.

Der Meister kam in der Nacht. Er nahm Mina mit, brachte sie nach Carfax und machte sie zu seiner Braut. Die Krankenschwester verlor das Bewusstsein. Die anderen liefen weg, nur sie blieb bewusstlos auf dem kalten Stein liegen. Ihre Schenkel waren weiß und rund. Endlich gehörte sie ihm.

Sie lag auf dem Rücken, das Blutrot ihrer Lippen leicht geöffnet. Mit jedem Atemzug hoben und senkten sich ihre herrlichen Brüste.

Das Pulsieren in ihrem Oberschenkel, direkt über dem Strumpfhalter, fesselte ihn. Seine Kopfhaut wurde heiß, Schweiß rann über seine Wange. Mit zittriger Hand wischte er den Tropfen weg und beugte sich über sie, um von ihr zu kosten.

»Kein Blut«, sagte Ana. »Träume sind unser Leben.«

Sie lag unter ihm und kam ihm entgegen. Ihre Beine umschlossen ihn wie Ketten aus Samt. Mauzy war noch immer tief in ihr, rammte seinen Schwengel in sie hinein. Ihre Fingernägel gruben sich schmerzhaft in seinen Rücken. Sein Orgasmus dauerte unendlich lange.

Das Bild veränderte sich. Zwei Gestalten standen einander gegenüber.

Die Augen des Holländers blitzten heftig. Mit einer Hand hielt er den Holzpfahl fest umschlossen. Das Ende seiner Hoffnung und Erlösung.

Er öffnete den Mund zu einem Zischen. Der Wolf in seinem Herzen wütete gegen den dummen, alten Mann, der sich ihm entgegenstellte. Der Ältere hatte ihn zur Strecke gebracht. Und hier, in seinem eigenen Schloss, standen sie einander allein gegenüber.

Er gestattete dem Wolf in ihm, die Kontrolle zu übernehmen. Brüllend erwachte er zum Leben, schnappte wie ein Tier nach dem alten Mann. Er stürzte sich auf seinen Feind, warf ihn zu Boden und versuchte, seine Knochen zu brechen. Speichel rann aus seinem Mund und tropfte auf van Helsings Hals, während er ihn niederdrückte. Es kostete ihn nicht viel, nur ein einziges Zubeißen, und das Spiel war für immer vorbei.

Aber van Helsing streckte seine vertrocknete Hand aus und zog an einem Seil. Mit dem Ziehen öffnete sich ein Fenster, und das Licht der Morgendämmerung drang leuchtend und grell in den Raum. Auf seiner Haut brachen feurige Wellen aus, wo die Morgensonne ihn küsste.

Der Holländer rang ihn zu Boden, während er sich schmerzvoll wand. Der alte Mann kniete über ihm wie so viele Liebhaber vorher, und jetzt drückte er den Pfahl, eine schreckliche Leere, in seine Brust.

Er drang in ihn ein. Die Jahrhunderte der Qual wurden in einem Moment gebündelt.

Er war erlöst.

Mauzy lag auf ihr. Ihre Hände ruhten zärtlich auf seinem Rücken, und sie streichelte ihn. Ihre Finger fuhren jeden Muskel nach. Ihre Muschi umfasste ihn, und sie küsste seinen Hals.

»Schlaf jetzt«, bat sie ihn zärtlich und erschöpft.

»Werde ich wieder aufwachen?« Er hob den Kopf und blickte in ihr ernstes Gesicht. Er dachte an etwas Bestimmtes. An etwas Erhabenes und daran, in eine andere Welt zu wechseln.

»Das wirst du«, hauchte sie. »Wenn der richtige Zeitpunkt kommt.«

»Dann bist du kein ...«

»Nein, ich bin nicht das, wofür du mich hältst.« Sie erhob sich gerade so weit, um ihn zu küssen. Ihre Zärtlichkeit und ihr Vergnügen ließen ihre Lippen honigsüß schmecken. »Ich bin viel, viel älter.«

Er fiel in tiefen Schlaf, in dem er erneut Visionen hatte. Verlangen und Ängste vermischten sich, Schuld und Hoffnung auf Ewigkeit erfassten ihn. Fantasien und Zweifel stiegen auf. Armeen der Nacht marschierten als dunkle Schatten einer dunkleren Welt vor ihm auf. Er hatte lebhafte Visionen von Festmählern aus Körpern. Von Dynastien, deren Blutlinie bis nach Babylon zurückreichte.

Er sah Frauen, die schöner waren als die Ewigkeit. Männer, so stark und dunkel wie der Tod. Ein Stamm, der so gewaltig war wie die ganze Welt. Begehrenswert, unwiderstehlich und großartig. Reicher, als man es sich vorstellen konnte. Sie waren beinahe göttlich, aber sie hatten die Seelen jagender Bestien und unsterblicher Poeten.

»Der Samen, den sie dir genommen hat«, flüsterten die Schattenwesen. »Er erschafft neue Wunder.«

Dann war da ein Traum von Leere und Stille. Wenn Mauzy überhaupt träumte.

Blaues Licht erfüllte den Raum, als er aufwachte. Sein Kopf schmerzte, die Hände zitterten. Er war allein, was ihn nicht überraschte. Der Raum war nicht so, wie er ihn in Erinnerung hatte, und die Feuerstelle war leer und bar selbst der Asche. Die Möbel und Bezüge waren von Holzwürmern und Motten zerfressen.

Von Ana keine Spur. Er hatte nichts anderes erwartet, aber er glaubte nicht einen Moment daran, dass sie ein Traum gewesen war.

Ein warmer Wind fegte von Westen durch die Straßen und trug den Geruch des nächtlichen Meers mit sich. Auf dem Balkon in seiner Wohnung im siebten Stock betrachtete Mauzy den nebligen Himmel und lauschte den Autos, die unten vorbeifuhren.

Die Stadt der Engel.

Die Tournee hatte den Kontinent per Zug durchquert. Sie hatten in Chicago, Kansas City, Denver und einem halben Dutzend anderen Städten Halt gemacht. Jede Nacht beobachtete er den Ungarn, der zum Traum wurde. Aber Mauzy verstand jetzt, dass es sich nicht um eine Rolle handelte.

Anastasia hatte ihm gezeigt, wie viel Kraft in dieser Geschichte lauerte. Er kannte nun die dunkle Hoffnung, die darin steckte, den Glauben ...

Vielleicht hatte auch der Ungar sie getroffen. Vielleicht brachte Mauzy eines Tages den Mut auf, ihn zu fragen.

»Mauzy?« Lia trat auf den Balkon. Ihr Kleid wurde vom Wind gegen ihren Körper gedrückt und umspielte ihre Hüften und die Spitzen ihrer Brüste. »Kommst du wieder ins Bett?«

»Ja«, sagte er, ohne sich zu rühren.

Sie setzte sich neben ihn, und er zog sie an sich. Er genoss, wie süß ihr verschlafener Kuss schmeckte, und schwelgte im Duft ihres Körpers. Er lächelte sie an. »Es ist, als ertrinke ich in einer Blume, wenn ich bei dir bin.«

Sie blickte zu ihm auf. Ihre Augen waren so lebhaft und strahlend. Verlangen regte sich in ihm, ein blindes, ziehendes Verlangen. Mit seinem nächsten Kuss und seinen Händen beanspruchte er ihren Körper. Er war gnadenlos und grob, riss ihr Kleid von den Schultern und entblößte sie bis zur Taille. Schwach wehrte sie sich, aber ihr Atem kam in kleinen, keuchenden Stößen, als er ihre Brüste fand und seine Hände über ihre kleinen, harten Nippel kreisten.

»Lucy«, flüsterte er und biss sie heftig in den Hals.

Sie war ihm zu Willen. Er hatte ihr das Versprechen eines ewigen Lebens gezeigt. Jetzt würde er sie über die Schwelle tragen und ihr zeigen, welche Erhabenheit sie in diesem endlosen Traum erwartete. Der warme Pazifikwind blies über sie hinweg. Er zog Lia aus und vögelte sie gegen die Balkonbrüstung gelehnt.

Schatten und Trümmer krochen wie Staub über das Land. Er stellte sich ihnen entgegen, denn er war der Prinz der Wölfe, Herr der Fledermäuse. Er genoss die rote Leidenschaft und den salzigen Wein, mit denen er den Tod stets auf Abstand hielt. Die Empfindungen, das Verlangen und das Wunder waren stets neu für ihn.

Er lebte und er fürchtete das Sonnenlicht.