Janine Ashbless
Der Heilige schien nicht größer als vier Fuß zu sein. Aber ich vermutete, das hatte damit zu tun, wie er da ausgestreckt in dem Glaskasten lag, und nicht mit seiner tatsächlichen Körpergröße zu Lebzeiten. Unter einem Ölgemälde, das ihn zeigte, wie er Fischern predigte, lag er umgeben von weißen Plastikrosen. Die Glaswände seines Sarkophags waren schmutzig, und das Leichenhemd aus Leinen und der Mantel waren inzwischen braun. Im merkwürdig gedämpften Licht der Kirche von Santi Angeli Custodi schien sein blanker Schädel ein unangemessenes Grinsen zur Schau zu stellen.
Da ich aus einer Familie stamme, die sich allenfalls zu Hochzeiten und Taufen ihrer anglikanischen Wurzeln erinnert, empfand ich den italienischen Katholizismus als ebenso schockierend wie jeden buddhistischen oder hinduistischen Tempel. Die künstlichen Votivkerzen, die man sich für ein paar Münzen anzünden durfte, die Gemälde aus der Hochzeit der Renaissance, die eigentlich in ein Museum gehörten, und der Kreuzweg, der in entsetzlich lebensnahen Details gezeigt wurde, sowie die Statuen mit ihren blutenden, glühenden Herzen – die Mischung aus imposanter Schönheit und vulgärem Kitsch war fremdartig und berauschend. Vor allem konnte ich nicht verstehen, warum die Katholiken so viel Wert auf die sterblichen Überreste ihrer Heiligen legten. Von kleinen Glaskästchen, die heilige Blutstropfen enthielten, bis zu vertrockneten Armen, die in Gold gefasst wurden. Es gab sogar ganze Skelette, wie diesen Heiligen, der vor mir lag. In England werden wichtige Tote auch in den Kirchen aufgebahrt. Wir stellen sie aber nicht so zur Schau.
»Emily?«
Die Stimme meines Professors hallte in der leeren Kirche wider. Ich richtete mich auf und löste meinen Blick von dem Glassarkophag. »Guten Morgen, Paolo.«
Er kam zu mir herüber, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Im Oktober, so hatte ich bisher gedacht, war Venedig angenehm warm, aber er trug einen Hut und einen langen Mantel über dem Jackett. Natürlich keine Krawatte, sondern ein schlichtes Hemd, und er nahm den Hut sogleich ab, als er sich den sterblichen Überresten des Heiligen näherte. Er bekreuzigte sich. »Guten Morgen, Emily. Hast du dir schon ein Bild von den Schäden machen können?«
»Ich habe lieber auf dich gewartet.«
Er nickte und lächelte zufrieden. Ich war nur seine Doktorandin, die ihm assistierte. Außerdem war ich neu in Venedig. Mein Italienisch war nicht besonders gut, weshalb wir englisch miteinander sprachen. Inzwischen wusste ich doppelt so viel über Kirchenarchitektur als noch letzte Woche, aber ich ahnte, dass sich mein Wissen mit Ablauf dieser Woche erneut verdoppeln würde. Darum wäre es auch anmaßend gewesen, wenn ich mich an der Absperrung vor den Bankreihen vorbeigeschoben und mich schon genauer mit dem Heiligen beschäftigt hätte, ehe mein Mentor eintraf.
Mein Spezialgebiet ist die Konservierung. Um meine Kenntnisse zu vertiefen, bin ich in diese Stadt gekommen, die im wahrsten Sinne des Wortes im Meer versinkt.
»Ich habe mir die Sache schon letzte Woche angesehen, als der Anruf kam«, sagte Paolo jetzt.
Paolo Rossini war ein ergrauender Akademiker mit dunklen Augen, der eine natürliche Eleganz ausstrahlte. Nur die groben Stiefel, in die er seine Hose gestopft hatte, zeigten mir, dass er durchaus auch praktisch veranlagt war. »Das hier ist ein sehr besorgniserregender Fall, weil hier wirklich alles absackt. Das wird eine teure Angelegenheit. Komm, wir schauen es uns näher an.« Er hob das Seil, sodass ich ihm folgen konnte. Wir betraten den düsteren Bereich rund um den Altar, der einst für den Heiligen errichtet worden war. Es gab noch einen zweiten, größeren Altar, der aus Holz statt aus Stein gefertigt war und sich an der hinteren Wand erstreckte. Sofort wurde sichtbar, welche Probleme uns hier erwarteten. Der Boden war ein gutes Stück abgesackt, und der dunkle Marmor war so unsicher wie Treibsand. In der Ecke, dicht über dem Boden, war ein Loch in der Wand, durch das ich das Wasser eines Kanals schwappen hören konnte. Ich blieb abrupt stehen, weil es mir widerstrebte, noch näher zu treten. »Wir sind hier ungefähr sechzig Zentimeter über dem durchschnittlichen Wasserstand«, bemerkte Paolo hinter mir. Er legte seine Hände auf meinen Hintern und drückte ihn vorsichtig. »Wenn die Flut zu hoch steigt ...«
Mein Herz begann zu rasen. »Die Pfahlkonstruktion ist zusammengebrochen?«, fragte ich und versuchte, mich auf unsere Aufgabe zu konzentrieren. Gewöhnlich bin ich sehr vorsichtig. Ich würde jetzt nicht behaupten, dass ich zu den Frauen gehöre, die sich wenige Tage nach dem Kennenlernen auf eine Affäre mit ihrem Professor einlassen. Besonders dann nicht, wenn der Mann glücklich verheiratet ist und kein Geheimnis daraus macht. Und wenn er dann auch noch in einem Land lebt, in dem ich nur zu Gast bin ...
Aber irgendwie war es trotzdem passiert. Allein seine Nähe genügte, um mich schier verrückt vor Verlangen zu machen. Ich versuchte, nur an die Pfahlkonstruktion zu denken, auf der Venedig erbaut war, aber es misslang natürlich.
Paolos Hände glitten über meine Pobacken hinauf und hinunter, seine Finger streiften meine Arschfalte. Er hatte die Angewohnheit, beim Sex meinen Arsch zu umfassen und mich fest an sich zu drücken. Ich habe bisher noch keinen Mann getroffen, der sowas macht, aber etwas daran, wie er mich drückt und knetet, macht mich direkt unglaublich heiß auf ihn, sodass ich dann immer unwillkürlich die Beine spreize und aufkeuche.
In diesem Augenblick neckte er mich bloß, aber der Effekt war derselbe. Ich spürte eine heiße Nässe, die zwischen meinen Schenkeln erblühte.
»Es ist zumindest wahrscheinlich.« Er legte die andere Hand auf meine Hüfte. »Emily, warum hast du heute früh diesen Rock angezogen? Ist er denn überhaupt angemessen, um einen Ort wie diesen aufzusuchen? Oder versuchst du, mich abzulenken?«
Eigentlich war ich ziemlich stolz auf diesen Rock. Er war knielang und elegant geschnitten und machte einen sehr professionellen, fast italienischen Eindruck. Aber er war nun mal aus Leder. Ein leises Seufzen entfuhr meinen Lippen, während seine Finger über die glatte Tierhaut glitten. »Ja, Professor«, gab ich zu.
»Dann werde ich heute Nachmittag in meinem Büro deine Garderobe durchsehen und dir genau erklären, was du tragen darfst und was nicht.« Er tätschelte warnend meinen Hintern. Ich wusste genau, was er meinte. Der Professor glaubte trotz meiner Versuche, ihn darüber aufzuklären, dass er sich irrte, alle englischen Mädchen bekämen gerne den Hintern versohlt. Er würde mich wieder übers Knie legen und den engen Rock über meinen Hintern nach oben schieben, ehe er meine Hinterbacken ordentlich mit der bloßen Hand bearbeitete. Danach würde er mich auf seinen großen, antiken Schreibtisch legen und ordentlich durchficken.
Allein die Vorstellung, wie er’s mir so besorgte, machte mein Höschen nass.
»In der Zwischenzeit«, fuhr er mit beherrschter, sanfter Stimme fort, »musst du mich natürlich dafür entschädigen, weil du meine Aufmerksamkeit von dem Grund unseres Besuchs abgelenkt hast. Runter auf die Knie mit dir, Emily.«
»Was denn, hier?«, zischte ich und schaute über die Schulter. Aber offenbar hatten wir die Kirche an diesem Morgen ganz für uns. Dennoch war ich etwas schockiert. Paolo war schließlich ein guter Katholik, oder nicht?
Er blickte mich mitleidig an. »Ich werde ohnehin schon beichten müssen, weil ich im Haus Gottes nach deiner Verdorbenheit gelüstet habe. Dann ist es doch besser, wenn es sich wenigstens lohnt.« Mit diesen Worten zog er mich in die Schatten hinter einer Altarsäule und drückte mich nieder. Ich ging auf dem kalten Stein bereitwillig in die Knie. Das, was wir hatten, würde niemand eine ernsthafte Beziehung nennen. Trotzdem war ich wie gebannt von der Anziehungskraft, die wir aufeinander ausübten. Es gab nichts, das mir lieber war, als seinen Schwengel zu berühren. Immer und überall. Und obwohl wir für jeden gut sichtbar waren, der um die Ecke schaute, nahm ich seinen heißen, feuchten Schwanz in meinen Mund, sobald er seine Hose öffnete. Ich lutschte die letzten Spuren von Weichheit weg und schmeckte sein salziges Aroma. Ich wünschte nur, ich könnte zugleich auch seinen Mund auf meiner Möse spüren. Paolo legte seine Hände auf meinen Kopf, der auf und ab wippte. Als wollte er mich segnen.
Ich kann nicht besonders gut italienisch. Aber ich hätte schwören können, dass er ein Ave Maria flüsterte, als er immer härter wurde und tief in meinen Mund stieß. Er flüsterte es immer und immer wieder.
Katholiken sind halt etwas merkwürdig.
Danach brannten meine Lippen, und ich schmeckte seinen Saft. Er zog mich auf die Füße und strich über meine wilden Haare. »Du würdest einen Heiligen dazu bringen, zu sündigen«, murmelte er.
»Warum hören wir dann damit auf?« Mir war schwindelig, weil mein eigenes Verlangen mich erfasst hatte. Ich schmiegte mich an ihn, aber Paolo tätschelte nur meinen Hintern und lachte.
»Warte, Emily. Es ist doch viel besser, wenn man die Vorfreude auskostet.«
Ich hyperventilierte beinahe, so sehr hatte er mich erregt. Aber ich biss mir bloß auf die Lippe und widersprach ihm nicht. Ich wusste, wie unnachgiebig er sein konnte. Er war derjenige, der sagte, wo es langging. Und er genoss es, mich warten zu lassen. Meine frustrierte Abhängigkeit von seinen Launen erregte uns beide noch mehr.
Der Professor ließ mich allein und marschierte wieder zu den abgesackten Platten. Er steuerte das Loch in der Wand an.
»Ist das eine gute Idee?«, fragte ich. Bei mir zu Hause hätte man die Kirche für die Öffentlichkeit gesperrt und alles eingerüstet, wenn die Anzeichen des Verfalls nur halb so schlimm gewesen wären. Der Professor warf mir einen amüsierten Blick zu.
»Hunderte Tonnen Stein haben hier seit mehr als sieben Jahrhunderten aufeinandergestanden. Glaubst du wirklich, mein Gewicht macht da jetzt einen Unterschied?« Mit einem Spachtel, den er aus der Manteltasche zog, kratzte er an einem der Steine herum. Kleine Brocken Mörtel rieselten herunter. »Hm. Der Mörtel ist weiter unten schon sehr weich. Komm mal her, Emily. Was ist jetzt am wichtigsten, um diese Kirche zu restaurieren?«
Ich kam zögernd näher und setzte jeden Schritt ganz bewusst. Aber die Platten unter meinen Füßen gaben nicht nach. »Der Altar?«, fragte ich. »Wenn man die Fundamente stützen will, muss man die ganzen Holzarbeiten entfernen, solange hier gearbeitet wird. Das Altarbild zum Beispiel ...«
»Es entstammt der Schule von Bellini«, bemerkte Paolo und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Keine besonders große Arbeit. Der Altar selbst ist, historisch betrachtet, von größerem Interesse.«
Das fragliche Ölgemälde war recht dunkel gehalten und zeigte die Kreuzigung Christi. Ich hatte bis zu diesem Tag schon viele ähnliche Bilder mit den gespielt altertümlichen Kostümen und den übergewichtigen Heiligen, die sich gestenreich verbeugten, gesehen. Inzwischen war ich dieser Bilder etwas überdrüssig. Aber dieses hier war allein deshalb bemerkenswert, weil im Vordergrund ein merkwürdig blasser Mann abgebildet war, der gegenüber der Heiligen Jungfrau und dem heiligen Johannes stand. Der Altar war aus dunklem Holz, das an einigen Stellen reichhaltig vergoldet und mit geschnitzten lateinischen Inschriften verziert war. Der Altar ragte über unseren Köpfen auf. Die Bodenbewegungen hatten einige Holznägel herausgeschoben, und es sah aus, als hinge der Altar etwas schief.
»Man wird ihn sorgfältig restaurieren müssen«, sagte ich und trat näher, um ihn mir genauer ansehen zu können. »Welche Bedeutung hat dieser Altar?«
»Er ist dem heiligen Aronne gewidmet. Du siehst ihn auf dem Altarbild.«
»Von diesem Heiligen habe ich noch nie gehört.« Die Gestalt sah merkwürdig aus. Er trug eine seltsame Mischung aus Pelzen und östlich anmutenden Kleidern, dazu auf dem Kopf einen Turban. Zudem war er leichenblass, und aus der Handfläche der ausgestreckten Hand tropfte Blut. »War er ein Aussätziger?«
»Man sagt, er war ein Albino.« Paolo verschränkte die Arme vor der Brust. Es gefiel ihm, mir einen Vortrag halten zu können. »Der heilige Aronne ist ein lokaler Heiliger, einer von vielen, die nie in den Kanon der Heiligen aufgenommen wurden. 1969 wurde er vom Vatikan aus dem Kalender gestrichen. Diese Kirche wurde St. Aronne genannt, ehe sie als die Kirche der Heiligen Engelshüter bekannt wurde.«
»Ich verstehe.« Die Stadt würde also diesen Altar als Teil ihres Vermächtnisses begreifen. Das könnte wichtig sein, wenn wir Gelder für die Restaurierung sammeln mussten.
Paolo zeigte mit dem Spachtel auf das Gemälde. »Man erzählt sich, Aronne war ein Fremder, der im 12. Jahrhundert zum Christentum konvertierte. Er lebte bis zu seinem Tod in Venedig. Er soll angeblich Stigmata gehabt haben – obwohl das natürlich umstritten ist, denn dann wäre ihm dies noch vor dem heiligen Franziskus widerfahren. Und jene, die seine Wunden berührten, hatten angeblich Visionen von Gott. Weil er wünschte, als lebender Märtyrer zu enden, ließ er sich in einer Zelle einmauern und wurde bis zu seinem Tod nur durch eine kleine Luke in der Wand mit Essen versorgt.«
»Klingt ja hübsch.« Ich unterdrückte ein Schaudern und bückte mich, um ein Brett aufzuheben, das vom Altar heruntergefallen war. Die eine Seite war zersplittert, deshalb kniete ich mich hin und untersuchte den Altar, weil ich feststellen wollte, wo das Brett abgebrochen war. Jetzt erst bemerkte ich, dass hinter dem Altar noch ein Loch in der Wand war. Es war kaum zu sehen, weil das alte Holz genauso dunkel war wie das Loch.
»Paolo?«
»Was ist?« Er kam gemächlich herüber, seufzte und suchte in seiner Hosentasche nach einer Taschenlampe. Im ersten Lichtstrahl konnte man hinter dem Loch nur Schwärze ahnen.
»Das Loch scheint zur Kapelle des heiligen Bartholomäus zu führen, die sich hinter der Wand befindet«, bemerkte ich und blickte mich um. Ich wollte abschätzen, ob ich mit meiner Vermutung richtig lag. »Die Kapelle liegt jedenfalls über dem Grundwasserspiegel.« Zum ersten Mal bemerkte ich den muffigen, feuchten Geruch, von dem ich bisher geglaubt hatte, er stiege vom Kanal draußen auf.
Paolo schob sich näher. Er drückte seine Schulter gegen das Holz und streckte den Arm mit der Taschenlampe so weit wie möglich vor. Ich konnte nicht an ihm vorbeisehen, aber schon bald zuckte er zurück und riss entsetzt die Augen auf.
»Heilige Mutter Gottes!«
»Was ist?«
»Ähm, ja.« Er rang sichtlich um seine professorale Haltung. »Sieh dir das an, Emily.« Er reichte mir die Taschenlampe. Beklommen riskierte ich einen Blick.
In dem Loch hinter dem Altar befand sich eine tiefliegende, niedrige Kammer, die in den Stein gehauen war. Ich habe noch nie davon gehört, dass jemand in Venedig einen Keller gegraben hätte, und darum überraschte es mich auch nicht, dass diese Kammer mit Schlick überflutet war. An der gegenüberliegenden Wand entdeckte ich einen sitzenden Leichnam, der bis zu den Hüften im Schlamm steckte. Mir wäre fast die Taschenlampe aus der Hand gefallen.
»O mein Gott!«
Zumindest glaubte ich kurz, es müsse sich um Gott handeln. Der Leichnam war ein nackter Mann. Was konnte hier unten so lange unversehrt liegen, wenn nicht Gott?
»Unglaublich, findest du nicht auch? Heilige Mutter Gottes ... Er ist unberührt!« Der Professor bekreuzigte sich.
Sein plötzlicher Anflug von Frömmigkeit ließ mich erschauern. »Sie haben Aronne hier unten eingemauert? In der Kirche?«, piepste ich entsetzt.
»Anscheinend haben sie die Kirche über seiner Zelle erbaut.« Ungeduldig schob Paolo sich wieder neben mich. »Das ist einfach wunderbar. Sieh doch nur, wie gut sein Leichnam erhalten ist!«
Ich riskierte einen zweiten Blick. Es handelte sich um den Leichnam eines hageren, muskulösen Mannes. Man konnte jede Rippe und jeden Muskel erkennen. Sein Kopf war nach vorne auf die Brust gesunken, und langes, weißes Haar hing über sein Gesicht. Sogar das Haar in seinen Achselhöhlen war flachsblond. Schwarze Spinnweben um seine Schultern waren vielleicht in Wahrheit die Überreste seiner Kleidung. Seine Haut aber war makellos weiß wie Schnee. »Liegt hier eine Verseifung des Gewebes vor?«, fragte ich heiser. Das feuchte Raumklima im Keller ließ das als wahrscheinlichste Möglichkeit erscheinen. Ständig tropfte Wasser von der Decke. Ich bemerkte noch etwas anderes.
»Er ist angekettet.«
»Wie bitte?«
»Sieh doch nur.« Die Arme des Leichnams waren über den Kopf erhoben und wurden auf beiden Seiten von schwarzen Eisenarmbändern hochgehalten, die an Ketten mit der Wand verbunden waren. »Warum hat man ihn gefesselt?«, fragte ich mich.
Paolo schüttelte den Kopf. Dann begann er, an den alten Brettern zu zerren und sie zu lösen. Ich öffnete den Mund, weil ich ihn aufhalten wollte. Doch ich sagte nichts. Was mein Professor tun wollte, ging mich nichts an.
»Sollten wir nicht lieber einen Priester holen?«, machte ich einen halbherzigen Versuch, ihn aufzuhalten.
»Gleich. Ich will mir das erst genauer ansehen.«
Ich zuckte zusammen, als er die Verkleidung Brett für Brett herausriss und achtlos beiseitewarf. »Du willst da doch nicht reingehen, oder?«
»Ich will ihn dort fotografieren, wo er jetzt liegt.« Sobald die Öffnung groß genug war, drehte er sich herum und schob die Füße in das Loch. Ein großer Tropfen Wasser fiel auf seinen Stiefel. »Gib mir meinen Hut, Emily.«
Ich gehorchte. Dann nahm er die Taschenlampe und schob sich in die Zelle. Der Schlamm, der den Boden bedeckte, war fest genug, dass er darauf stehen konnte. Er warf mir ein triumphierendes Grinsen zu. Dann ging er in die Knie und bewegte sich hockend vorwärts, bis er den Leichnam erreichte. Ich konnte hören, wie er etwas auf italienisch murmelte. Als er nur noch einen Meter entfernt war, zog er sein Handy aus der Jackentasche und begann, Fotos zu machen. Die Haut des Leichnams war so bleich, dass es aussah, als würde sie im Blitzlicht aufleuchten. Er kroch noch näher.
Was als Nächstes passierte, begriff ich nicht sofort.
Der Leichnam riss den Kopf nach oben. Im schwachen Licht glommen seine Augen rot. Er riss seine Arme aus den zerfressenen Handfesseln, die einfach zerbrachen und herunterfielen. Der Professor öffnete entsetzt den Mund. Auch der Leichnam öffnete den Mund, aber er schnellte vor, als wollte er Paolo einen Kuss geben. Seine Zähne waren lang und spitz wie die einer Schlange. Ich schrie, sprang von dem Loch in der Mauer zurück, versuchte auf die Füße zu kommen und stieß mir den Kopf heftig an der Ecke des Altars. Dann wurde alles schwarz um mich.
Ich wachte im Krankenhaus auf. Neben meinem Bett saß ein Polizist. Als sie eine Krankenschwester fanden, die mein Gestammel übersetzen konnte, erzählte ich ihnen, was ich wusste. Aber das half ihnen kaum weiter, weil ich behauptete, ich könne mich an kaum etwas erinnern. Ich erfuhr, dass ein Priester mich neben dem Altar des heiligen Aronne gefunden hatte, wo ich bewusstlos und alleine neben einer Öffnung in der Wand lag, die zu einer leeren Kammer unter der Kirche führte. Professor Rossini war nirgends zu finden, sagten sie mir, obwohl sein Handy in der Kammer gelegen hatte und ein Teil der Bodenplatten zerstört worden war.
Was konnten sie auch tun? Ich erinnerte mich an keinen Angreifer, und alles deutete darauf hin, dass ich mir einfach nur den Kopf gestoßen hatte. Wir waren dort wegen unseres Auftrags gewesen. Wenn jemand ein Verbrechen begangen hatte, dann gab es keine Anzeichen dafür. Das Verschwinden des Professors war das einzig Geheimnisvolle.
Nachdem man mich aus dem Krankenhaus entlassen hatte, ließ ich mich zu meiner Wohnung bringen und verbrachte zwei Tage im Bett. Ich traute mich nicht, bei Paolo zu Hause anzurufen. Aber ich versuchte an beiden Tagen, ihn in der Universität zu erreichen.
Seine Frau. Der Gedanke an sie bereitete mir Übelkeit. Ich fühle mich schuldig, und ich trug eine entsetzliche Bürde, da ich mit niemandem darüber reden konnte. Die flüchtigen Blicke, die ich auf das Geschehen hatte erhaschen können, waren so kurz gewesen, dass ich zweifelte, ob das, woran ich mich erinnerte, überhaupt real war.
Dann hörte ich in der zweiten Nacht daheim ein Klackern wie von Kieselsteinen, die gegen mein Fenster geworfen wurden. Ich schaute hinaus und entdeckte Paolo, der im Schatten auf der anderen Seite des kleinen Campo stand. Ich erkannte ihn an dem dunklen Hut und dem Mantel sowie an den Stiefeln. Er hob eine Hand und winkte mir, ich solle zu ihm herunterkommen. Ich versuchte, das Fenster zu öffnen, aber der Riegel klemmte. Als ich wieder aufblickte, war Paolo fort.
Ich warf eine Stola über meinen Baumwollpyjama und eilte nach unten auf den Platz. Der Professor stand in einer Ecke. Dunkel hob sich seine Gestalt von den Schatten ab. Er nickte mir zu und verschwand, als ich ihn erblickte. Ich folgte
ihm. Die Straßen von Venedig sind bei Nacht kaum beleuchtet, und es sind kaum Menschen unterwegs. Trotzdem ist es recht sicher, nachts herumzulaufen, jedenfalls sicherer als in anderen Städten, in denen ich bisher gelebt habe. Für mich waren die kleinen, engen Gassen und die dunklen, stillen Kanäle nie bedrohlich gewesen. Dennoch wäre ich ihm nicht lange so gefolgt, ohne zu zweifeln, weil er mich anschwieg und den Unerreichbaren spielte.
Aber wir liefen nicht lange. Schon bald erreichten wir eine Kirche: San Pantalon. Meine Erfahrung war, dass Kirchen in Venedig nach Einbruch der Dunkelheit abgeschlossen wurden. Aber die Tür zu dieser Kirche öffnete sich für ihn, und er schlüpfte hinein. Schwacher Lichtschein drang durch den Türspalt nach draußen. Ich folgte ihm.
Das Innere der Kirche war nur von wenigen Glühbirnen in den Seitenschiffen beleuchtet. Tageslicht würde eine höchst beeindruckende Illusionsmalerei an der Decke enthüllen. Aber jetzt war das Hauptschiff in dunkle Schatten getaucht. Ich konnte die einzelnen Bankreihen ausmachen. In einer saß eine dunkle Gestalt.
»Paolo? Was tun wir hier?«
»Ich bin hergekommen, um dir ein Geständnis zu machen, Emily.«
In dem Augenblick, als er das erste Mal sprach, wusste ich, dass er nicht der Professor war. Er hatte seinen Akzent, und er sprach meinen Namen genauso aus wie Paolo. Aber es war nicht seine Stimme. Ich drehte mich um und stolperte zur Tür. In der kurzen Zeit, die ich für zehn Schritte brauchte, war er aus der Bankreihe hervorgeschossen und stellte sich mir in den Weg. Seine Hand schloss sich um meine Kehle und erstickte jeden Schrei, indem er mir die Kehle zudrückte.
Ich hätte erwartet, eine eiskalte Hand zu spüren. Doch das Gegenteil war der Fall: Sie war fiebrig heiß und trocken. Ich hätte erwartet, dass er nach Verwesung stank, aber ihn umgab ein Geruch nach Salzwasser und Erde.
»Emily«, sagte er leise. Seine Stimme klang tiefer als die von Paolo. Ich hing in seinem Griff wie ein Kaninchen in der Falle. Ich verdrehte die Augen. Sein blasses Gesicht schimmerte unter dem weißen Haar, das ihm in die Stirn fiel. Der Hut fiel von seinem Kopf. Ohne Warnung lockerte er seinen Griff und ließ mich los. Ich rang schluchzend nach Luft, drehte mich um und rannte den Gang zurück, direkt auf den Altar zu. Er war schneller als ich. Sein Mantel flatterte. Ich sprang zwischen zwei Bänke, und wieder hielt er mich auf, ehe er mich gegen das geschlossene Gitter einer Altarnische drängte. Er beugte sich über mich, und seine Hände schlossen sich um die Gitterstäbe, sodass ich ihm nicht mehr entkommen konnte. »Du brauchst nicht vor mir weglaufen«, knurrte er.
Meine Beine gaben beinahe unter mir nach. Verschwommen sah ich sein Gesicht, das meinem so gefährlich nahe war. Es war kantig und auf eine düstere Art hübsch. Die Augenbrauen hoben sich so hell von seiner fahlen Haut ab, dass es fast aussah, als hätte er keine. Seine Augen glommen rot auf, als sich das Licht darin fing. Also erwies sich die Vermutung als richtig, dass er ein Albino gewesen war. Sein Haar war noch immer lang und zerzaust, aber inzwischen sah ich, wie dicht und glänzend es war. Er hatte an Gewicht zugelegt und wirkte beinahe gesund.
»Weißt du, wer ich bin, Emily?«
»Aronne«, flüsterte ich.
Er neigte den Kopf zu einem leichten, gefälligen Lächeln. Jetzt war sein Gesicht nur mehr einen Zoll von meinem entfernt.
»Wir sind in einer Kirche«, plapperte ich drauflos. »Was bist du ... Du kannst doch nicht ...«
Sein Gesicht fuhr von meinem rechten Ohr zum linken. Ich zuckte zurück, weil ich mich vor seiner Berührung fürchtete. Seine Nasenlöcher blähten sich, als er den Geruch meiner Panik witterte. Es war eine schrecklich animalische Bewegung. Aber seine nächsten Worte straften seine Handlung Lügen. »Ja. Aber ich bin ein guter Christ, der durch das Blut des Lamms Christi erlöst wurde.«
Ich schluchzte auf. Das Merkwürdige war, dass es nicht so klang, als würde er einen Scherz machen. Er klang, als meinte er es ernst. Aber dennoch verhielt er sich wie ein Jäger. Und er sprach so.
»Dann lass mich bitte ... Bitte, lass mich gehen.«
Er schüttelte den Kopf. »Ich bin hergekommen, weil ich dir ein Geständnis machen will, Emily. Bist du bereit, es dir anzuhören?«
Mühsam brachte ich ein Nicken zustande. Es war besser, ihn reden zu lassen, wenn er dann die Finger von mir ließ. Und im Moment war alles besser, solange er nicht wieder diese Zähne entblößte, die ich schon einmal gesehen hatte.
»Ich bitte dich um Vergebung, Emily. Ich habe einen Mann getötet, weil ich hungrig war.«
Plötzlich war es ganz still, nicht nur um uns herum, sondern auch in meinem Kopf. Ich kämpfte nicht länger gegen ihn an. Einen Moment lang stockte mir der Atem, und dann setzte das Hämmern meines Herzschlags ein und rauschte in meinen Ohren. »Du meinst Paolo?«
»Ja.« In dieser einzelnen Silbe schwang all seine Reue mit. »Ich wachte ausgehungert auf. Ich habe mich vergessen und verlor meine Seele in dieser Gier.«
»Wo ist er?«, hauchte ich.
»Er ruht auf dem Grund der Lagune.«
»O Gott.«
»Ich musste sein Genick brechen. Ich habe so viel von seinem Blut getrunken, verstehst du? Andernfalls wäre er wieder zum Leben erwacht, und dann hätte er sich auf die Suche nach dir gemacht. Das durfte ich nicht zulassen. Ich habe Gott einen Eid geschworen, nie wieder ein neues Ungeheuer zu erschaffen.«
Bei der Vorstellung erschauerte ich entsetzt.
»Er starb, ohne sich mit der Welt versöhnen zu dürfen, und diese Schuld lastet nun auf meiner Seele. Aber mit seinem Blut hinterließ er mir auch seine Worte, seine Erinnerungen ... und dich.« Seine roten Augen flammten im Licht auf und brannten sich mir ein. »Seine Geliebte.«
Ein Schrei blieb mir in der Kehle stecken.
»Das ist merkwürdig, findest du nicht? Zu meiner Zeit hätte man dich als Ketzerin verbrannt.« Er verzog den Mund.
»Was? Nein ...«
»Keine Sorge. Ich verstehe, dass die Dinge sich nun mal ändern. Als ich das letzte Mal lebte, war Grausamkeit kein Laster, und jetzt erwache ich in einer Zeit, in der weder Mut noch Ehre als Tugend angesehen werden.« Er klang verbittert. »Aber die Kirche besteht fort. Und Gott hielt es für angemessen, meinen Stolz zu bestrafen, weil ich glaubte, ich könne als Märtyrer sterben und meinem Leben so ein Ende machen. Er wünscht, dass ich lebe und für all meine Verbrechen leide. Darum erbitte ich Vergebung von der ketzerischen Geliebten des Mannes, den ich abgeschlachtet habe. Und ich werde es wiedergutmachen.«
Mit diesen Worten löste er eine Hand von dem Gitter und zeigte mir seine Handfläche. Ein schwarzer Fleck erschien in der Mitte der weißen Haut. Der Fleck öffnete sich wie ein kleiner Mund. Dunkle Flüssigkeit quoll aus der Öffnung und rann zu seinem Handgelenk hinab.
»Trink«, flüsterte er.
Ich schrak zurück und stieß mir schmerzhaft den Rücken an den Metallstreben. Heftig schüttelte ich den Kopf. Aronne verzog den Mund und knurrte. Ich erhaschte einen Blick auf diese beängstigenden Zähne, ehe er die andere Hand in meinen Haaren vergrub und meinen Kopf nach hinten riss, um meine Kehle zu entblößen.
»Verweigere dich nicht der Gnade, die ich dir gewähre«, grollte er. Seine Stimme klang jetzt nicht mehr menschlich. Einen Augenblick lang schwebte sein Mund über meinem Hals. Ich wimmerte. Schließlich lockerte er den Griff, und sein Gesichtsausdruck wurde weicher, obwohl er mich nicht weniger finster anstarrte. »Ich erinnere mich. Paolo kannte dich gut. Du bist eine gehorsame Frau, Emily. Es schenkt dir Lust, stimmt’s? Trink das Blut. Darum hat Gott mich zurück zur Erde geschickt. Darum lebe ich noch immer. Gehorche mir und trink.«
Er drückte mein Gesicht in seine Handfläche. Ich schloss die Augen, als ich die heiße Flüssigkeit spürte, die über meine Lippen rann. Es schmeckte klar und kupfrig. Ich glaubte, gleich in Ohnmacht zu fallen.
Dann wuchs das Licht in mir zu einem Brüllen an, und ich sah es. Hinter meinen geschlossenen Lidern entstanden Bilder. Ich sah Aronne und mich, wie wir eng aneinandergeschmiegt im Hauptschiff der Kirche standen und von innen heraus glühten, während sein Blut wie flüssiges Gold in meinen Mund floss. Ich sah die Szene durch Aronnes Augen, und dann entspannen sich vor seinen und meinen Augen erstaunliche Szenen. Ich sah ihn in Rüstung, wie er eine Horde Reiter beobachtete, die sich vor seinem Banner sammelte. Er sprang in einer brennenden Stadt von einem Dach zum nächsten und jagte die Männer, die zu seinen Füßen in den Gassen vor ihm flohen. Er badete in einem römisch anmutenden Bad, aber das Wasser war rot. Seine Kraft wurde durch die brennende Sonne gedämpft, und er beobachtete eine Kirchenprozession; Menschen, die mit Kreuzen und Heiligenbildern auf ihn zukamen und zu seinen Füßen niederknieten. Andere Bilder huschten so schnell vorüber, dass ich nichts anderes sah als Blut. Dann sah ich ihn, wie er sich über einen Mann in einer schmutzigen, braunen Kutte beugte und die Zähne in seinem Hals vergrub. Der Mann war ein Mönch. Er starb, und Aronne trank seine Erinnerungen, sein Wissen – und seinen tiefen Glauben.
Dann veränderten sich die Visionen. Das Licht wurde greller. Die Bilder zerbrachen in winzige Splitter, die sich in Spiralen umeinander drehten und zu geometrischen Formen zerfielen. Aus Ordnung wurde Chaos, das wieder zu einer komplizierten Ordnung fand, wodurch meine Sinne vollends verwirrt wurden. Aber all das führte direkt in das grelle Licht. Heftige, große Freude erfasste mich; sie war überwältigend und erfasste jede Zelle meines Körpers. Das Gefühl, erkannt zu werden und zugleich zur großen Erkenntnis zu gelangen, sich winzig klein zu fühlen und zugleich zu etwas Großem anzuwachsen, ließ mich lachen und weinen. Ich streckte die Arme aus und berührte das Gesicht mitten im Licht.
Dann war ich wieder in meinem Körper und spürte, wie ich gegen Aronne gedrückt wurde. Mein Herz hämmerte, mein Mund war trocken, und in meinem Körper wütete ein Feuer, das meine verwirrten Gedanken nicht erfassen konnten.
»Hast du Ihn gesehen?«, flüsterte er und ließ meinen Kopf los, den er an seinen Hals gepresst hatte. Sein Körper war unter Paolos Kleidung muskulös und kräftig. Jeder Zoll seiner Haut fühlte sich hart und erhitzt an. Unwillkürlich hatte ich während meiner Vision die Zähne in seinen Hals gegraben. Auf der fahlen Haut entdeckte ich jetzt winzige, blutige Halbkreise. »Hast du in das Antlitz Gottes geblickt?«
Ich räusperte mich. Sehr deutlich spürte ich seine sexuelle Erregung. Es hatte ihn erregt, mich mit seinem Blut zu nähren. Ein verletzlicher Körper, der sich an seinen drückte, die Beute, die sich willig an ihren Jäger schmiegte und ihn nahezu anflehte, sie zu töten.
»Ja?«, drang er in mich, und ich nickte. Weil ich es jetzt verstand, wie sein verdorbenes Blut, das eine chemische Mischung aus psychoaktiven Substanzen sein musste, einen mittelalterlichen Gläubigen überzeugen konnte, in das Antlitz Gottes zu blicken. Welche andere Erklärung konnte es für diese Visionen geben?
»Ich kann es nicht sehen«, stöhnte er. »Mein Blut ist ein Geschenk für die Menschheit, aber nicht für mich. Du bist gesegnet, Emily.«
Ich fragte mich, was wohl schlimmer war: einen Heiligen zu belügen oder einen Vampir zu belügen? Die Visionen hatten mich erschüttert, mich bewegt und mit Hitze und Sehnsucht erfüllt. Aber sie hatten mich nicht überzeugt. Heutzutage glaubt man nicht mehr, dass man spirituelle Erleuchtung findet, indem man Halluzinogene zu sich nimmt.
»Aber dein Blut ...« Seine Finger wanderten zärtlich über meinen Hals. Er streichelte meinen Puls und lächelte. Seine Zähne zeigten sich. »Gib mir etwas davon, Emily. Ich habe neun Jahrhunderte gehungert.«
Meine Augen wurden groß.
»Ich werde dir nicht wehtun.«
Genau, dachte ich, wie ein Alkoholiker, der nach nur einem Glas aufhört. Aber ich konnte seinem Verlangen nicht widerstehen. Und das lag nicht nur daran, dass seine Kraft meiner überlegen war. Die Visionen durchströmten mich noch immer wie geladene Teilchen. Meine Glieder fühlten sich schwer an, mein Herz schlug in einem beständig lauten, schnellen Rhythmus, und meine Haut kribbelte. Er hielt mich noch immer an sich gedrückt. Mein verstörter Verstand konnte etwas so Überwältigendem nichts entgegensetzen, und mein Körper reagierte ohnehin nur instinktiv: Angst und Unterwerfung. Ich hob mein Kinn.
In seinem Blick las ich Dankbarkeit, und im selben Augenblick flammte der mühsam bezähmte Hunger in seinen Augen auf. Er schüttelte den Kopf. »Nicht dort.« Statt mein Blut einfach zu nehmen, öffnete er die Knöpfe meines Pyjamaoberteils. Einen nach dem nächsten, wie ein Liebhaber. Er entblößte meine Schulter. »Hier.«
Ich nickte, obwohl ich mir sicher war, dass er meine Erlaubnis nicht brauchte. Er beugte sich über meine Schulter. Sein Mund fühlte sich heiß an.
Zuerst schlug der Schmerz heftig über mir zusammen. Doch dann folgte die Euphorie. Wie damals, wenn der Professor mich übers Knie legte und meine nackten Arschbacken so fest wie möglich schlug, bis Hintern und Hand gleichermaßen brannten. Es war ein Schmerz, aber ... ein guter Schmerz. Mein Herz raste. Ich stieg in die höheren Sphären der Lust auf und öffnete mich ihm wie eine Blüte. Plötzlich bemerkte ich, wie tropfnass mein Höschen war, seit ich aus den Visionen zurückgekehrt war. Mein Geschlecht fühlte sich schwer und heiß an, und meine Brüste prickelten verlangend. Ich stöhnte laut.
Aronnes Hände umschlossen meine Hüften. Ich rieb mich an ihm. Erneut konnte ich seine Erektion spüren.
Langsam löste er seinen Mund von mir und blickte mich an. Seine Lippen waren dunkelrot von meinem Blut. Ich hielt seinem Blick stand, öffnete die letzten Knöpfe und schob mein Pyjamaoberteil herunter. Meine Brüste waren von einem rosigen Hauch überzogen, die Nippel hart und geschwollen. Paolo hatte es immer gemocht, die Nippel mit Büroklammern einzuklemmen, bis ich ihn um Gnade anflehte.
»Beiß die beiden«, flüsterte ich. Meine Stimme zitterte.
Aronnes Augen wurden groß. »Ich erinnere mich daran ...« Er schüttelte leicht den Kopf. »Seine Erinnerungen an dich sind sehr stark. Er war von dir besessen.« Sein Blick brannte. »Deine Brüste. Sie sind so jung und ... perfekt.« Er berührte sie mit den Fingerspitzen. Ich erbebte unter dieser Berührung, nicht nur aus Lust, sondern auch aus Angst. Dann drehte er mich um, sodass mein Gesicht zu den verzierten Gitterstäben zeigte. Er zog meine Pyjamahose herunter. Ich spürte die kalte Luft, die über meine Haut strich. Seine Stimme klang beinahe verträumt, während er mich liebkoste. »Dein süßer, runder Hintern, der sich so verführerisch wiegt, wenn du gehst.« Seine heißen Hände umschlossen meine Hinterbacken und streichelten sie. Schmerzend schoss die Lust in meine Klit und meinen Unterleib. »Deine heiße, nasse fica, die fremden Blicken verborgen ist, aber immer darauf wartete, dass er sie berührte«, knurrte er. Seine Finger fanden meine Spalte und gruben sich tief hinein. »Der Duft deiner Lust, der an seinen Händen und seinem Gesicht haftete und den er heimlich genoss, während er eine Vorlesung hielt, sich Notizen machte oder an Besprechungen teilnahm.«
Meine Muschi war saftig und schwer, sie bestand nur aus pulsierendem, geschwollenem Fleisch. Er verteilte meine Nässe über meine Spalte bis hinauf zur Gesäßfalte und meinem pochenden Arschloch, und ich klammerte mich an die Metallstreben, bis meine Knöchel weiß wurden. Aber er drehte mich wieder zu sich um. Seine Fingernägel gruben sich leicht in meine Haut und fuhren über meine Flanken hinab, wobei sie rosige Striemen hinterließen. Ich spürte, wie sehr er sich nach dem Blut verzehrte, das unter der Haut pulsierte. Er konnte sich kaum zurückhalten.
»Dieser Blick in deinen Augen, wenn er dir einen Befehl erteilte und du ihm geradezu dankbar gehorchtest ... Oh, das hat er geliebt. Er hat es gebraucht.« Er erschauerte. Sein Blick war verschleiert. »Worum er dich auch gebeten hat, du hast es für ihn getan. Du hast dich jedem seiner innigsten und teilweise undenkbaren Wünsche gebeugt. Du hast in der Kirche vor ihm gekniet, Emily, und du hast seinen Schwanz gelutscht wie ein Engel, der zu Gott betet. So erinnerte er sich daran.«
Meine Zunge fuhr über meine Lippen. Er hielt den Atem an.
»Lass mich am Leben, damit ich mich an ihn erinnern kann«, flüsterte ich. »Bitte.« Durch seine Kleidung drückte ich seinen Schwengel. Aronne erstarrte. Der Stoff spannte sich über seiner Erektion, und ich rieb meine Hand auf und ab und ertastete seinen Schwanz, der fast zu hart war, um aus Fleisch zu sein. Meine Hände machten sich an seinem Gürtel und am Reißverschluss zu schaffen. Paolos Hose war meinen Fingern vertraut. Zuletzt hatte ich sie in einer anderen Kirche geöffnet, aber damals hatte ich dieselbe Absicht wie jetzt.
»Ahhh«, stöhnte er. Sein Atem fühlte sich auf meinen Lippen heiß an. »Das ist Sünde.«
»Er wird uns vergeben«, wisperte ich.
Er starrte mich an. Wir zitterten nun beide, und in diesem Augenblick schnellte sein Schwanz vor und schmiegte sich in meine Hand. Ich spürte die seidige, heiße Haut unter den Fingern, während ich versuchte, seine Länge mit beiden Händen zu umfassen. Ich riskierte einen Blick nach unten. Sein Schwengel war riesig und bewegte sich ruhelos in meiner Hand. Er schien Aronnes Bedenken nicht zu teilen. Ein Tropfen Feuchtigkeit glänzte rubinrot auf der Spitze, nicht milchig-weiß, wie ich es gewohnt war.
Ich wollte seinen Körper. Sein Blut in meinem Mund schmecken.
Tue dies im Gedenken an mich.
Er hatte Paolo die Erinnerungen und die Kleidung genommen. Das war zu viel für ihn. Dieser Heilige hatte den Hunger eines Raubtiers, und dieser Hunger war nach Jahren des Darbens in der Dunkelheit ins Unerträgliche gewachsen. Seine Augen waren rote, reflektierende Scheiben, als er sich bückte und mich hochhob. Dann drückte er mich gegen das Kapellgitter, und sein Arm legte sich unter meinen Hintern, um mich hochzuhalten. Er hielt mich genauso, wie Paolo es einst gern getan hatte. Und dann schob er meine Pyjamajacke auf, die mich bisher noch vor seinen Zähnen geschützt hatte. Mit großer Vorsicht biss er mich in die Brüste. Seine Zähne waren so scharf, dass die Bisse erstaunlich wenig wehtaten. Aber jeder Biss ließ das himmlische Licht in mir erneut aufflammen. Seine Zunge brannte auf meiner Haut und besänftigte den Schmerz zugleich. Er leckte mich hingebungsvoll. Ich schlang meine Beine um seinen Leib und verschränkte die Hände in seinem weißen Haar. Ich ritt auf den Wellen aus Entsetzen und Euphorie, die mich erfasst hatten. Ich ergab mich seiner Stärke und seinem Verlangen.
Jäger und Gejagte sind doch gleichermaßen nur Kreaturen, die sich vom Instinkt überwältigen lassen.
Seine andere Hand war derweil nicht untätig. Er ließ meine Brüste los und senkte mich hinab, sodass ich von seinem riesigen Schwanz gepfählt wurde, der sich enorm anfühlte. Er gab ein Geräusch von sich, das erleichtert klang. Ich schrie auf und klammerte mich an die Gitterstäbe hinter meinem Kopf, während er begann, in mich zu stoßen. Er drückte seinen Mund auf meinen, und ich schmeckte mein eigenes Blut. Ich hatte erst gedacht, er würde mich jetzt ins Gesicht beißen, aber er hielt sich zurück und starrte mich aus gequälten, hungrigen Augen an, während er sich ohne Unterlass in mich rammte.
Ich kam, ich schrie und zitterte und weinte, weil ich Angst hatte, dass es jetzt zu Ende war. Weil das hier die letzte Bastion der Leidenschaft war, die zwischen mir und meinem Tod stand.
Als mein Höhepunkt verebbte, hob er mich mühelos hoch und trug mich zu der Kirchenbank. Er drückte mich nieder, sodass ich mich auf die Rückenlehne stützte, und dann drang er von hinten in mich ein. Ich umfasste die Rückenlehne und kam ihm entgegen. Ich genoss seine heftigen Stöße. Er riss mir den Pyjama herunter und biss mich in die Schulter, er stöhnte, leckte mein Blut. Jetzt sprach er mit mir, aber ich verstand kein Wort, weil es eine Sprache war, die ich noch nie gehört hatte – ganz bestimmt kein Italienisch. Er rammte seinen Schwanz tief in mich, keuchte und spie auf meinen Rücken. Es kostete ihn unglaublich viel Kraft. Als er endlich seinen Höhepunkt erreichte, brach er beinahe über mir zusammen.
Für mich fühlte es sich an, als wäre ich in Stücke gerissen worden. Ich glitt zu Boden. Meine Beine waren zu schwach, um meinen Körper noch länger zu tragen. Ich war schweißgebadet, und mein Rücken und meine Brüste brannten von seinen brutalen Küssen.
»Emily.«
Sein Gesicht war wieder in Schatten getaucht. Die Tränen, die über sein Gesicht rannen, wirkten im Dämmerlicht fast schwarz, aber ich wusste, dass sogar sie aus Blut waren. Er zog meinen nackten Körper in seine Arme, und mein Kopf ruhte an seiner Brust. Lange saßen wir in der Dunkelheit und der Kälte auf dem kühlen Steinboden. Eine Leere erfüllte uns, die uns von Gott und den Menschen trennte.
Er fühlte sich so warm an.
Und dann ließ er mich allein.
Es war unser Pech, dass wir den Vampir freiließen. Es war aber Venedigs Glück, dass Paolo war, was er war: ein Universitätsprofessor, der zugleich ein guter, praktizierender Katholik war.
Jetzt starrte ich aus dem kleinen Fenster des Flugzeugs und blickte ein letztes Mal auf die Küstenlinie der Inseln, auf denen Venedig erbaut war. Die Stadt schien über der silbernen Lagune zu schweben. Ich hatte die ersten hellen Morgenstunden genutzt und war geflohen. Jetzt schämte ich mich zwar, aber vor allem wollte ich mich in Sicherheit bringen. Das würde jeder andere an meiner Stelle schließlich auch tun.
Der Vampir hat insofern recht: Unsere Zeit ist keine, in der Mut belohnt wird.
Wenn ich geblieben wäre, was wäre dann mit mir passiert? Aronne zügelte seinen Appetit nur aus einem Grund: weil er Gott gehorchte. Aber was passierte, wenn er einen Atheisten tötete, der nur an die Wissenschaft glaubte? Was, wenn er dessen Verständnis von einer Welt verinnerlichte, in der nur der Stärkere gewann?
Das wollte ich mir nicht ausmalen. Aber obwohl ich vor ihm floh, hoffte ich insgeheim, dass er mich früher oder später zur Strecke bringen würde.