Jede Minute wird ein Blutsauger geboren

Sommer Marsden

Tyson glaubte, er sei ein Vampir. Sheila hat mir erzählt, dass er sich am Hals diese kleinen Tattoos stechen lassen hat, die an Bisswunden erinnern sollen.

»Ich schwör’s, die sehen aus, als hätt sich ein Biber an seiner Haut zu schaffen gemacht und seine Zähne reingerammt. Er glaubt echt, er wäre einer von diesen Untoten. Er hält sich an einen genauen Stundenplan und so.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Ja und?«, fragte ich. »Ich meine, natürlich ist es verrückt, aber er tut ja niemandem damit weh.«

»Seinen Kindern schon.« Sheila zündete sich eine Zigarette an, und kurz verspürte ich brennend heißen Neid. Ich hatte vor fünf Monaten aufgehört.

»Seine Kinder hassen ihn sowieso. Er ist geschieden, und seine Kinder wissen, dass er einen an der Waffel hat. Er genießt wieder das Auf und Ab des Singledaseins und macht ständig Party.« Ich schnipste mit den Fingern, um mich von meiner Gier auf die Zigarette abzulenken.

»Hast du mir überhaupt zugehört, Jules? Der Mann glaubt, er ist ein Vampir. Ein Blutsauger! Errrrr will dir das Bluuuut aussaugen.« Sie imitierte einen schaurigen Akzent.

»Blut. Was soll schon mit dem Blut sein? Trinkt er es etwa?« Ich war sicher, jetzt hatte ich sie. Und diesen Sieg wollte ich genießen. Aber sie erschauerte, und ich schwör’s, kurz sah sie aus, als müsse sie würgen.

»Na ja, nach dem, was ich gehört habe, kann man das nur mit einem Wort beschreiben«, zischte Sheila.

»Und mit welchem?«

»Schlachter«, zischte sie. Mein Magen verdrehte sich.

»Ihhh«, machte ich.

»Genau, ihhh.«

»Aber das ist ja nicht unser Problem. Echt, eine traurige Sache, aber nicht unser Problem.«

Sheila stieß den Rauch aus und blickte nach oben. Ihre dunkelroten Dreadlocks verfingen sich in den dicken Ketten, die sie um den Hals trug. Silber und Kristall blitzten auf, Perlen glänzten. Christbaumkugeln und das verflucht größte Kruzifix, das ich je gesehen habe.

»Sheil?«, fragte ich.

»Wie wär’s mit einer Party?« Sie nahm einen letzten Zug und zertrat den Zigarettenstummel unter dem Absatz ihres nuttigen Overknee-Stiefels.

»O mein Gott. Du machst wohl Witze.« Ich war trotzdem neugierig. Eine leise Aufregung breitete sich in meinem Bauch aus. Kurz fummelte ich an meiner blauen Seidenjacke herum. Ich drehte mein Haar hoch und ließ es etwas locker, ehe ich es mit einer Klammer befestigte. »Ich wusste ja, dass du noch wo hinwillst, aber dass du ausgerechnet den Idioten besuchen willst, der sich für den Fürst der Finsternis hält?«

»Komm schon, Jules.«

»Na gut, einverstanden. Aber du fährst, und ich schwöre dir, wenn er mich beißt, schlage ich dich zu Brei.«

»Einverstanden.«

Mein Gott, ich bemühte mich wirklich, nicht auf diese abscheulichen Tätowierungen zu starren, die seinen blassen, mit Sommersprossen gesprenkelten Hals zierten. Lieber ließ ich meinen Blick auf seinem roten Haar ruhen, das zu lang war und das er mit einem Stück Leder nachlässig zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden trug. Aber ganz automatisch kehrten meine Augen direkt zu den grünlich-grauen Pünktchen an seinem Hals zurück. Am liebsten wollte ich meine Finger in die unechten Löcher bohren und einfach mal daran reißen. Ihm einfach das Fleisch vom Hals reißen und es über meine Schulter werfen wie ein benutztes Taschentuch. Es war ein ziemlich morbider und ekelhafter Gedanke, aber ich konnte mich der Faszination einfach nicht entziehen. Und ich konnte den Blick nicht abwenden, sosehr ich es auch versuchte.

»Ich habe Reliquien«, sagte er.

Ich sah Sheila an. Sie riss die grünen Augen auf, und auch ich spürte, wie mir ein Angstschauer über die Haut kroch. Nicht wegen seiner sogenannten Reliquien, sondern weil er eindeutig wirklich verrückt war. So viel stand schon mal fest.

»Das ist ... schön.« Ich suchte nach den richtigen Worten. Dann kippte ich mein Bier runter und wünschte mir, gleich das nächste in die Finger zu bekommen. Alkohol könnte helfen. Dann würde ich zwar Unsinn labern, aber ich bezweifelte, dass Tyson das bemerken würde. Und wenn er es bemerkte, machte es ihm vermutlich nichts aus.

Sheila drückte mir eine Bierflasche in die Hand. Sie war warm, aber es würde schon irgendwie gehen. »Reliquien?«, fragte ich. Ach, verdammt. Hätte ich doch nicht gefragt.

Er nickte. In seinen Augen blitzte Aufregung. Fast hatte ich den Eindruck, mit meiner Frage das naive Kind in ihm geweckt zu haben. »Kommt, ich zeige sie euch.« Sein Grinsen war breit und machte mir Angst. Mein Magen schrumpfte zu einem Nichts zusammen. Trotzdem ging ich mit und schob Sheila vor mir her. Wenn sie glaubte, dass sie so einfach davonkam, war sie genauso verrückt wie Tyson.

Wir folgten ihm auf den Dachboden. Der Raum war so groß wie die Grundfläche des Hauses, aber irgendwie wirkte er größer. Sogar doppelt so groß, wenn ich ehrlich war. »Ich bewahre sie hier oben auf«, wisperte er. In meinem Nacken stellten sich die Härchen auf.

»Der Scheißkerl ist mir unheimlich«, flüsterte Sheila mir ins Ohr. Wir folgten ihm.

»Das hier ist allein deine Schuld«, erinnerte ich sie.

»Ich weiß, ich weiß«, schnaubte sie. Inzwischen tat der Whiskey, den sie vorhin gekippt hatte, seine Wirkung. Sie torkelte voran, und in ihren Stiefeln mit den hohen Absätzen strahlte sie verdorbene Eleganz aus.

»Komm, wir gucken uns seine Rrrrreliquien an«, sagte ich und versuchte, einen Vampirakzent zu imitieren.

»Genau das tun wir, Liebelein«, sagte sie und hakte sich bei mir unter. Wir taumelten weiter, und irgendwie erinnerten wir mich an Dorothy und den ängstlichen Löwen. Nur die Geister, die in Flaschen lebten, gaben uns Mut.

»Hier haben wir meine neuste Errungenschaft«, sagte er. In seinen Augen war ein grünlich-violettes Leuchten. Es war unheimlich, und erneut packte mich die Angst. Er wirbelte zu uns herum und hielt eine Box aus Plexiglas in beiden Händen. Gerade so, als wär’s der Heilige Gral. In der Box lag ein Gebiss aus perfekt weißen Zähnen. Sie waren weißer als weiß. Knochenweiß. Weiß wie frisch gefallener Schnee. Und es waren nicht irgendwelche Zähne. Es waren Vampirzähne. Die Eckzähne waren lang und wie Säbel geformt. Sie wirkten richtig scharf.

»Wow«, hauchte ich. Es war eine eher unwillkürliche Reaktion. Ich wollte bestimmt kein Öl ins Feuer gießen. Aber sie waren wirklich beeindruckend. Der Schöpfer dieser gefälschten »Reliquie« war ein Künstler. Sie sahen richtig echt aus.

Ich berührte die kleine, durchsichtige Box. Tyson verzog das Gesicht. »Sei bitte vorsichtig, die waren sehr teuer.«

Weil jede Minute ein neuer Blutsauger geboren wird. Ich lächelte. »Tut mir leid.«

Er nickte und richtete sich auf. Sheila strich über einen kleinen Handspiegel, der auf dem Tisch lag. Er bekam fast einen Herzinfarkt, als er sie dabei erwischte. »Vorsicht!«

»Sorryyyy!«, blaffte sie. »Ich wollte nur gucken, ob mein Make-up nicht verschmiert ist.«

»Von diesem Spiegel sagt man sich, dass es der erste war, der Vlad, dem Pfähler sein Spiegelbild nicht mehr zeigen konnte.«

»Als ob man sein Spiegelbild verliert, nur weil man Blut trinkt«, erwiderte sie verächtlich. Aber sie legte den Spiegel wieder hin.

»Was ist das?« Ich wies auf einige kleine, gelbliche Steine in einem Weidenkorb. Sie hatten ungefähr die Größe von Kartoffeln.

Er nahm einen dieser Gegenstände und hielt ihn mir hin. »Das sind die Schädel von Babyvampiren.« Er lächelte, als wären diese winzigen Schädel das Beste, was es gab. Ich bemerkte seine Zähne. Sie waren erschreckend spitz und weiß. Entweder hatte er sich eine Brücke einsetzen lassen, oder es waren Implantate. Es war doch immer dasselbe mit diesen Gothic-Anhängern. Wenn sie einen verrückten Zahnarzt fanden, ließen sie sich sofort gefährlich scharfe Eckzähne verpassen.

»Heilige Mutter Gottes, Tyson!«, bellte ich. Er fauchte mich an. Er fauchte! Dieser Mann hatte echt einen Vogel.

»Bitte, Jules. Pass auf, was du sagst.«

Ich untersuchte den kleinen Schädel, der vollständig in seine Handfläche passte. Ich sagte mir, dass es sich zweifellos um die Schädel von Kleintieren handeln musste. Da es keine Vampire gab, konnte es auch keine Vampirbabys geben. Außerdem: Bekamen Vampire überhaupt Babys? Nein. Ich schüttelte den Kopf und schnaubte. Das war doch Unsinn. Vampire verwandelten andere in neue Vampire. Aber das war genauso Unsinn, schließlich gab es keine Vampire. Tysons Irrsinn war ansteckend. Oder ich war betrunken. Ich würde drauf wetten, dass beides zutraf.

Sheila war auf ein schäbiges, braunes Sofa gesunken und schnarchte leise. Tyson schaute zu ihr rüber und runzelte die Stirn. »Hier kann sie nicht bleiben. Wenn sie aufwacht, geht sie an meine Sachen.« Er klang wie ein bockiges Kind.

»Ich bleibe hier, bis sie aufwacht, und ich verspreche, dass sie nichts anfasst.«

Er schien sich nicht sicher zu sein, ob er mir vertrauen konnte. Aber dann hörten wir aus dem Erdgeschoss zersplitterndes Glas. Er war nicht mehr verunsichert, sondern geradezu panisch. »Okay, aber bitte, sie darf nichts kaputt machen, hörst du, Jules? Du hast ja keine Ahnung, wie viel mich das Zeug gekostet hat.«

Ich nickte, und er eilte davon. Nee, ich hatte echt keine Ahnung. Aber ich konnte mir denken, dass er sich den Scheiß eine Menge hatte kosten lassen. So ein Idiot.

Ich setzte mich neben meine beste Freundin. Sie sabberte ein wenig, und ihr schwarzer Lippenstift war verschmiert. »Wo hast du mich da bloß reingezogen, Sheil?«, seufzte ich und ließ den Kopf nach hinten sinken. Dann schrie ich auf. Über meinem Kopf hing ein überlebensgroßer Dracula. Oder sollte ich lieber von einem lebensgroßen Starschnitt von Gary Oldman als Dracula reden? »Idiot«, murmelte ich. Tyson war wirklich ein Idiot. Ich schloss die Augen und wartete, dass Sheila wieder aufwachte.

Ich wusste, dass ich träumte, als die Zähne in ihrem Plastikgefängnis plötzlich anfingen zu klappern. Sie knabberten mit erstaunlicher Wildheit an der durchsichtigen Wand. Ich lachte ein bisschen, weil der Traum total witzig war. Viel zu merkwürdig, um sich auch nur im Geringsten zu fürchten. »Wenn du glaubst, ich lass dich raus, vergiss es«, hörte ich mich zu den Zähnen sagen.

Sie kratzten so heftig an der Plexiglaswand, dass das schreckliche Geräusch sich in meine Gehörgänge grub. Es war ein Geräusch wie das von Fingernägeln, die über eine Tafel gezogen werden. Es schmerzte geradezu in meinen Zähnen, sowas zu hören. Darum stand ich auf und trat an den Tisch, auf dem die Zähne lagen. Ich musterte sie mit geneigtem Kopf. Sie klapperten in meine Richtung, als könnten sie mich sehen. Ich berührte die Box, und ein höchst merkwürdiges Gefühl ergriff von mir Besitz. Meine Haut fühlte sich warm und hell an. Als ob jemand eine heiß glühende Flüssigkeit über meinen Körper tropfte. Etwas Lustvolles rann über meinen Rücken hinab. Ich riss die Hand zurück, und das Gefühl verschwand.

Die Zähne, die sich während meiner Berührung still verhalten hatten, klapperten und bebten jetzt wieder in ihrem Gefängnis. Mein Herz hämmerte in meiner Brust. Aber meinen Puls spürte ich weiter südlich. Ein forderndes Pulsieren erwachte in meiner Möse. Ich seufzte. Dieser Traum nahm wirklich eine überraschende Wendung. Die Zähne vollführten einen verrückten, wilden Tanz in ihrer Box. Ich legte meine Fingerspitzen auf den Deckel.

Sofort verharrte das Gebiss mitten in der Bewegung. Erregung durchfloss meinen Unterleib, und ich spürte, wie mich Nässe zwischen den Schenkeln flutete. »O mein Gott«, hauchte ich wie eine prüde Lehrerin. Ich schaute mich um, aber noch war ich allein. Sheila schnarchte leise auf dem Sofa. Sonst war niemand hier. Das Pochen zwischen meinen Beinen wurde drängender. Die Macht meiner Leidenschaft raubte mir fast den Atem. Ich drückte die freie Hand auf meinen Schamhügel und presste einen Finger an mein Geschlecht. Ich hörte mich stöhnen und schob den Finger weiter nach unten. Meine Fingerspitze fand das geschwollene Knöpfchen meiner Klit sogar durch Rock und Höschen. Das Gebiss machte ein leises Schhhh. Das war unmöglich, ich weiß. Trotzdem hörte ich es.

Ich leckte meine Lippen und versuchte, nicht länger daran zu denken. Aber dann wurde das beständige Pochen in meinem Schoß noch drängender. Ich wollte nur noch kommen. Sofort. Auf der Stelle. Ich schob meine Hand unter den Rock und zerrte das Baumwollhöschen beiseite. Meine Finger tauchten in die Nässe ein und rieben eifrig über meine Klit. Ich atmete zischend ein, als vor meinen Augen Sternchen tanzten.

Schneller. Wie eine Glocke dröhnte dieser Gedanke in meinem Kopf. Aber es war nicht mein Gedanke, den ich da hörte. Doch ich verspürte keine Angst. Schließlich träumte ich, und in einem feuchten Traum brauchte man keine Angst zu haben. Darum machte ich schneller. Ich streichelte mich mit der einen Hand, während die andere über die kleine, warme Plexiglasbox mit dem Gebiss fuhr. Die Zähne hielten still. Es war, als beobachteten sie mich. Ich schob einen Finger in mein heißes Geschlecht und drückte ihn gegen den G-Punkt. Ich stöhnte laut auf. Mein Orgasmus stieg immer schneller in mir auf. Ich betete stumm, dass Sheila nicht aufwachte und mich dabei erwischte. Ich starrte die Zähne an, während ich mich immer schneller streichelte. Im Stillen fragte ich mich, wie es sich wohl anfühlte, wenn sie über meine Haut strichen. Wenn sie in mein Fleisch eindrangen.

Das können wir ausprobieren. Ich lächelte, weil jetzt die wärmende, süße Erlösung meinen Körper durchströmte. Eine Welle nach der anderen strömte so langsam und golden durch mich wie flüssiger Honig. »Das können wir tatsächlich.« Ich kicherte. Mein Körper kam zur Ruhe.

Ich nahm meine Hand von der Box weg und fragte mich, ob ich jetzt wohl wieder aufwachte. Aber nein. Ich wachte nicht auf, und das Gebiss spielte in seiner Kiste schier verrückt. Die Zähne klackerten und hüpften, bis ich ziemlich genervt war. »Jetzt hör schon auf! Du kannst nichts für mich tun. Du bist bloß ein Gebiss. Und ich werde die Box nicht öffnen.«

An der Decke waren Halogenstrahler angebracht, und einige zeigten direkt auf das Gebiss in der Box. Vermutlich versuchte Tyson, sie so als besonders wertvollen Besitz herauszustellen. Mir kam es so vor, als würden sich die Zähne dadurch ziemlich aufheizen. Und das war irgendwie verrückt. Aber ich nahm die Box hoch und legte sie woanders auf den Tisch, wo sie nicht erhitzt wurden. Als ich die Box hinstellte, bemerkte ich, dass ich mir unbewusst mit der freien Hand in meinen Nippel kniff. Da ich nie einen BH trug, gruben sich meine Fingernägel durch den dünnen Blusenstoff tief in meine empfindliche Haut. Das Gefühl war einfach herrlich. Meine Muschi erwachte zu pochendem Leben.

Ich kann dafür sorgen, dass es sich gut anfühlt, Jules. Ich kann dich immer wieder kommen lassen ...

Ich kniff noch heftiger zu und spannte zugleich meine Muskeln an. Die Zähne versuchten, mich aus der Reserve zu locken. Das Gefühl war so intensiv, dass ich die Zähne gar nicht brauchte.

Aber ich wollte sie. Mich interessierte, was sie für mich tun konnten. Schließlich war alles nur ein Traum. Wenn ich im Traum mit einem Gebiss vögeln wollte, konnte ich das einfach tun.

Ich fummelte an dem Deckel der Box herum. Es war ein durchsichtiger Würfel, damit man das Gebiss von allen Seiten betrachten konnte. Schließlich fand ich den versteckten Verschluss und hob den Deckel leicht an. »Na also«, sagte ich leise mehr zu mir selbst. Aber die Zähne schienen voller Vorfreude zu vibrieren.

Beeil dich.

Ich hob den Deckel und steckte meine Hand in die Box. Wartend ließ ich meine Hand darin ruhen, die Handfläche nach oben. Ich glaube, ich wartete darauf, dass das Gebiss auf meine Hand sprang wie diese kleinen, laufenden Gebisse, die man aufzieht und die dann hüpfend und klappernd herumhopsen. Dieses Gebiss tat nichts dergleichen. Die Zähne verharrten reglos. »Wie du willst«, grummelte ich. Aber als ich die Box wieder schließen wollte, wurde das Gebiss wieder wild. »Du musst dich schon entscheiden.« Ich versuchte es erneut, aber wieder verharrten die Zähne reglos. Ich seufzte.

Du musst mich in die Hand nehmen. Ich schwöre, ich hörte etwas Verbittertes heraus. Aber ich wollte mich ganz dem Genuss hingeben, den mir die Zähne versprochen hatten. Also ignorierte ich den beleidigten Tonfall und hob sie aus der Box. Noch ehe ich meine Hand zurückziehen konnte, hatte ein Eckzahn sich schon in meinen Daumen gegraben, und ein perfekter, hellroter Blutstropfen trat aus der Wunde.

Ich verspürte keinen Schmerz, sondern nur eine warme, silbrige Lust, die unter meiner Haut vibrierte. Ein rosiger Hauch breitete sich darauf aus. Mein Körper zog sich zusammen, und ich erlebte plötzlich einen heftigen Orgasmus, der überall zu sein schien. Er pochte in meiner Möse, meinen Oberschenkeln, meinen Fingerspitzen, sogar auf der Kopfhaut kribbelte er. Ich stöhnte leise. Die Kraft dieser Empfindungen raubte mir die Stimme, während der Eckzahn noch immer in meinem Daumen steckte. Ich sank in der Ecke des Raums in einen großen Sessel. Meine Knie fühlten sich nach diesem Orgasmus und vor Angst ganz weich an.

Ich kuschelte mich in den Sessel. Er roch nach altem Damast und Staub. Meine Augen fielen zu, und langsam bewegten sich die Zähne über meinen Körper. Sie gruben sich vorsichtig in mein Handgelenk und leckten an mir wie ein knöcherner Wellengang am Strand. Ich hielt die Augen fest geschlossen, weil sonst sicher mein Fluchtinstinkt eingesetzt hätte. Ich verlor das Gebiss aus den Augen. Ja, ich weiß schon, das klingt verrückt. Aber es war ein Traum, darum brauchte ich mir keine Sorgen zu machen.

Nackt gefällst du mir besser ...

Damit war ich einverstanden. Ich zog die Bluse über den Kopf und schob meinen schlichten, schwarzen Rock nach unten. Beinahe hätte ich den Slip anbehalten, aber dann schob ich ihn runter. Mitgefangen, mitgehangen. Meine Finger streiften meine geschwollene und mitgenommene Klit. Ich seufzte tief auf, als die Zähne den Spalt zwischen meinen Brüsten erkundeten. Meine Nippel wurden sofort hart, und die empfindliche Haut zog sich so heftig zusammen, dass es fast wehtat. Ich rieb wieder meine Klit, und die Zähne schlossen sich um eine rosige Knospe und bissen zu. Sie waren vorsichtig, weshalb ich nicht aufschrie, aber schon so fest, dass ich den Drang verspürte, meine Finger tief in meine Möse zu rammen. Und ich hätte schwören können, dass ich eine Zunge fühlte. Eine Zunge, die zwischen den Zähnen hervorschnellte.

Aber ich hielt die Augen fest geschlossen. Ich wollte es gar nicht wissen, nein! Ich wollte nur spüren, was geschah ...

Die Zähne durchdrangen mit Leichtigkeit meine Haut. Hitze breitete sich an der Stelle aus, und ich musste mich unwillkürlich gegen den Sessel drücken und sog zischend die Luft ein. Etwas rieb sich an meiner Brust. Es fühlte sich wie ein Kinn an. Ein stoppeliges Kinn. Aber ich sah nur das Gebiss. Jetzt rieb ich meine Klit noch heftiger, spreizte meine Schamlippen mit der anderen Hand. Meine Finger lagen auf beiden Seiten der kleinen Hautkapuze, während ich zugleich das kleine Knöpfchen immer heftiger kniff, bis helle, rote und blaue Punkte in der Schwärze hinter meinen geschlossenen Lidern erblühten. »Oh ja!«, rief ich.

Beiß mich noch mal.

Und die Zähne machten, was ich wollte. Sie glitten langsam über meine Brust zum anderen Nippel und durchschnitten mit Leichtigkeit meine rosige Haut. Ich krümmte die Finger, schnippte ein letztes Mal gegen mein Knöpfchen und wurde vom nächsten Orgasmus erfasst. Wie viele kann ich denn noch haben?, fragte ich mich. Aber ich war durchaus bereit, es herausfinden.

Unendlich viele. Wenn du bei mir bleibst.

Ich nickte. Ja, das könnte ich wirklich machen. Die Zähne glitten über meine Haut, und wieder spürte ich ein stoppeliges Kinn. Es glitt hinauf und kratzte über mein Schlüsselbein. Ein bisschen zuckte ich zusammen, weil die Berührung kitzelte. Ich spürte die Gänsehaut, die über meinen Körper kroch. Von unten hörte ich Musik. Ein Song aus dem ursprünglichen Gothic-Genre. Ich glaube, es war Gene Loves Jezebel mit »Jealous«. Ich konnte den Rauch von Zigaretten und anderem riechen, und betrunkenes Gelächter drang zu mir herauf. Sheila schnarchte.

Dann war da wieder das Geräusch der Zähne. Sie klangen wie ein Brieföffner, der unter die Lasche eines Briefs schlüpft und ihn aufreißt.

Und ich war der Briefumschlag.

Zum ersten Mal kam mir in den Sinn, dass es kein Traum sein könnte. Aber anstatt Angst zu empfinden, als die Zähne meinen Hals erreichten, erfasste mich erneut eine Welle der Erregung, die über mir aufschäumte. Es war befreiend. Die Zähne fuhren über die empfindliche Stelle, wo Hals und Schultern zusammentrafen. Meine Nippel pochten, und ich hob mich den Zähnen entgegen wie den starken Armen eines Liebhabers. Die Zähne durchbohrten meine Haut. Ein bittersüßer Schmerz ging von der Stelle aus. Ich seufzte leise. Seidige Haare streiften meine Schulter und kitzelten unter meinem Kinn. Er kam zu mir zurück. Der Gedanke erwachte völlig unerwartet in meinem Verstand, aber er klang hell und klar wie eine Kirchenglocke.

Ja, Geliebte. Für dich komme ich zurück.

Und dann spürte ich sein Lachen in meinem Kopf, das mich wie dunkler Samt einhüllte. Ich kam ihm weiter entgegen, entblößte meinen Hals für ihn und bot mich ihm dar. Ich wollte von ihm verschlungen werden. Seine Zunge strich über meine Haut und beruhigte sie dort, wo die Bartstoppel mich zuvor gekratzt hatten. Ich konnte ihn jetzt sehen, in meinem Verstand war ein Bild von ihm, das so deutlich war wie ein Polaroid. Er hatte kinnlange Haare, dunkel wie Schokolade. Grüne, hungrige Augen, in denen es golden und braun schimmerte. Sein kantiges Kinn war stoppelig und seine Lippen so rot wie reife Beeren im Sommer. Und was seine Zähne betraf – nun, die kannte ich bereits.

Fast, Geliebte. Ich bin fast der Mann, den du in deinem Kopf siehst.

Je mehr er von meinem Blut trank, umso mehr wurde mein Körper von einem erotischen Summen erfasst. Ein herrlicher Rhythmus, der von den Brüsten zum Geschlecht pulsierte und bis in meine Fußsohlen pochte. Ich war ein einziges, nervöses Zucken, das sich nur von seiner Berührung und der feuchten, samtenen Zunge beruhigen ließ, die jetzt über meinen Hals fuhr.

Hände hoben meine Brüste an. Jawohl, Hände. Große, kühle Hände, die meine Brust hielten, als müssten sie das Gewicht abschätzen, ehe er noch mehr von meinem Blut trank, indem er seine Zähne in meine Aureole grub. Seine Zähne waren so scharf, dass ich kaum Schmerz verspürte. Es war wie eine winzige Nadel, die durch meine Haut stach. Aber sobald der spitze Schmerz mich erfasste, wurde er von einer so grellen Leidenschaft übertüncht, dass mir die Kehle eng wurde.

Ich wollte ihn nach seinem Namen fragen. Wenn ich schon sein Abendessen war, sollte ich wenigstens seinen Namen kennen. Mit meiner Lebenskraft hatte ich auch alle Stärke verloren. Plötzlich fühlte ich mich so leblos und ausgestopft wie der Sessel.

Dorian. Ich heiße Dorian. Mach dir keine Sorgen. Du bist nicht mein Abendessen. Vielleicht vernasche ich dich für den Rest deines Lebens als Nachtisch, aber du bist nicht mein Abendessen.

Ich konnte nur nicken. Jetzt biss er mich nicht mehr, sondern küsste mich. Seine Küsse schmerzten. Die geschwungenen, ziemlich scharfen Reißzähne fuhren über meine Lippen, als er meinen Mund in Besitz nahm. Kühl und hart war er, als er zwischen meine Schenkel schlüpfte und ich die Beine für ihn so weit wie möglich öffnete. Ich riss die Augen auf, als er erst ein Bein und dann das andere auf die Sessellehnen legte.

Er war wunderschön.

Du auch. Du bist so schön, dass du mich aus dem tiefsten Schlaf erwecken konntest.

Er sprach in Gedanken mit mir, aber für mich war das okay. Alles war okay, weil er jetzt mit seinen schlanken Fingern mein Geschlecht öffnete. Er lehnte sich zurück und betrachtete mich, als sei ich ein Kunstwerk. Herrlich. Erst dann drückte er die helle, riesige Spitze seines Schwengels gegen meinen Eingang. Er blickte mich an. Obwohl ich mich nicht rühren konnte, erwachte Erregung in meinem Leib. Er grinste und stieß dann in mich hinein.

Mit geschmeidigen Bewegungen begann er, mich zu ficken. Sein Blick ließ die ganze Zeit nicht von mir ab. Ich wusste, dass er meine Gedanken lesen konnte, und das war irgendwie viel intimer als sein kalter, glatter Schwengel, den er tief in mich hineinrammte. Er blieb kalt. Wie Marmor. Als seine Bewegungen mehr an ein Tier als einen Menschen denken ließen, blitzten seine Augen silbrig. Es war geradezu magisch.

Vergib mir, es ist zweihundert Jahre her seit dem letzten Mal.

Ich machte ihm keinen Vorwurf. Schließlich beraubte mich ein herrlicher, süßer Orgasmus des letzten Bisschens an Kraft, das ich noch hatte. Ich wollte aufschreien und ihn umarmen, aber mir fehlte die Energie. Dorian knurrte laut, als er sich in mir verströmte. Aber sein Knurren konnte nur ich hören. Ich hörte es in meinem Verstand und spürte es, wie es in meiner Brust vibrierte.

Meine Geliebte.

Ja. Geliebter.

Als er zufrieden nickte, wusste ich, dass er meine Antwort gehört hatte. Mit einem Fingernagel ritzte er sich das Handgelenk auf und bot es mir dar. Ohne darüber nachzudenken, trank ich.

Durch meinen Kopf zuckten unzählige Bilder. Ein Frachtzug voller Angst und Sorgen. Ich musste mich verwandeln. Die Wandlung würde schmerzvoll sein. Ich musste sterben und würde mit schmerzhaften Zuckungen wieder zu Leben erwachen und mein menschliches Leben wie eine Hülle abstreifen. Aus mir wurde eine Untote. Jetzt erinnerte ich mich wieder an alles, was ich darüber gelesen hatte, und an jeden schlechten Film, den ich gesehen hatte. Um meinen Solarplexus ballte sich die Angst, und mir wurde die Kehle eng.

Was hatte ich bloß getan?!

Sein leises Lachen brachte mich wieder zu ihm zurück. Er musterte mich belustigt, woraufhin ich die Stirn runzelte.

»Nichts von alledem wird passieren«, sagte er. Seine Stimme war warm und weich wie ein richtig guter Kaffee. Du wirst Blut trinken, bis du in der Lage bist, deinen Hunger zu kontrollieren. Es ist ein bisschen unangenehm, wenn die langen Zähne wachsen. Aber es ist ungefähr so wie bei einem Menschenkind, das seine ersten Zähne bekommt. Whiskey wirkt da Wunder, dadurch fallen die alten Zähne schneller raus und machen den neuen Platz.«

Er zog mich an sich und küsste mich. Sein Kuss beruhigte meine Angst. Ich schmeckte mein Blut auf seiner Zunge und konnte plötzlich das Aroma riechen, das wir in diesem Raum hinterlassen hatten: eine Mischung aus Sex, Blut und Erwachen.

Sheila schnarchte gemütlich weiter. Ich konnte Dorians Hunger spüren. Als sein Blick auf ihr ruhte, schüttelte ich den Kopf. »Nein«, sagte ich. »An ihr darfst du dich nie vergreifen.«

Schritte hallten auf der Treppe zum Dachboden. Als Tyson um die Ecke kam, erstarrten wir. Seine blauen Augen huschten von mir – ich war nackt und zerzaust – zu Dorian, der ebenfalls nackt in der Mitte des Raums stand. Dann fiel sein Blick auf die leere Plexiglasbox. »Was ...?« Mehr sagte er nicht.

»Ah, da ist ja mein Gefängniswärter«, sagte Dorian leise. Je leiser seine Stimme war, umso mehr Verführungskraft wohnte ihr inne. »Du kommst gerade rechtzeitig. Ich habe Hunger.«

Auch ich spürte jetzt den Hunger. Eine wachsende Gier, die meinen Verstand ausschaltete. Ich konnte an nichts anderes mehr denken.

Ein bisschen tat es mir ja um Tyson leid.

»Und sieh doch mal, er hat uns sogar schon die richtige Stelle markiert«, bemerkte Dorian. Er packte sein Opfer und riss Tyson herum. Sein Finger zeigte auf die schäbigen Tätowierungen. Ich musste grinsen. Ja, er war wirklich klug.

»Du ...?« Tyson sah mich an. Seine Augen wurden groß. Er sah mich anklagend an. Sicher glaubte er, ich habe ihn um etwas betrogen. »Aber warum? Wie?«

Ich beugte mich vor und schnüffelte an ihm. Mein Magen knurrte, und mein Verstand wurde von einem blutroten Schleier bedeckt. Ich zuckte mit den Schultern. »Ich kann halt nicht anders«, sagte ich. Mehr konnte ich nicht sagen, denn jetzt übernahm mein Hunger die Kontrolle. Ich vergrub meine Zähne in seinem Hals.

Eine elende Sauerei, aber es musste sein.

Ich spürte, wie Dorian in meinem Kopf herumsprang. Sein leises Lachen durchdrang meine Gedanken. Er vollendete meinen Satz. Den Gedanken hatte er mir geklaut: »Jede Minute wird ein Blutsauger geboren.«