Kapitel Dreizehn
Ihr werdet nicht ohne mich gehen«, sagte Sir Rowley, der sich aus dem Bett quälte und prompt hinfiel. »Au, aua, zur Hölle mit Roger aus Acton. Gebt mir ein Beil, und ich hack ihm die Eier ab, ich verfüttere sie an die Fische, ich …«
Adelia und Mansur unterdrückten das Lachen, als sie dem Patienten aufhalfen und ihn zurück ins Bett verfrachteten. Ulf hob die Nachtmütze auf und setzte sie ihm wieder auf den Kopf.
»Mit Mansur und Ulf kann doch gar nichts passieren – und wir sind bei Tag unterwegs«, sagte sie. »Ihr dagegen werdet Euch derweil leichte Bewegung verschaffen. Ein paar Schritte durchs Zimmer, um die Muskeln zu kräftigen, zu mehr seid Ihr noch nicht imstande, wie Ihr gesehen habt.«
Der Steuereintreiber stieß ein frustriertes Knurren aus und schlug mit der Faust auf die Bettdecke, was ein weiteres Stöhnen auslöste, diesmal jedoch vor Schmerz.
»Lasst den Unsinn«, befahl ihm Adelia. »Außerdem hat nicht Acton das Beil geschwungen. Ich weiß nicht genau, wer es war, es ging alles so schnell.«
»Ist mir egal. Ich will ihn hängen sehen, ehe die Assisenrichter einen Blick auf seine blöde Tonsur werfen und ihn laufen lassen.«
»Er gehört bestraft«, sagte sie. Die wilde Meute, die sich Zugang in die Burg verschafft hatte, um Simons Grab zu schänden, war ohne Frage von Acton angestachelt worden. »Aber ich hoffe, er wird nicht gehängt.«
»Er hat eine königliche Burg angegriffen, Frau, er hätte mich um ein Haar kastriert, er sollte über einer kleinen Flamme langsam am Spieß geröstet werden.« Sir Rowley drehte sich ein wenig und sah sie aus den Augenwinkeln an. »Habt Ihr Euch schon einmal gefragt, warum Ihr und ich die Einzigen waren, die bei dem Handgemenge verletzt worden sind? Ich meine abgesehen von den Kerlen, die ich außer Gefecht gesetzt habe.«
Das hatte sie nicht. »Ich hatte bloß eine gebrochene Nase, und das kann man wohl kaum als Verletzung bezeichnen.«
»Es hätte sehr viel schlimmer sein können.«
Richtig, aber es war ein Versehen gewesen, in gewisser Weise ihre eigene Schuld, weil sie sich so unbedacht ins Getümmel gestürzt hatte.
»Außerdem«, sagte Rowley noch immer verschlagen, »ist der Rabbi unverletzt geblieben.«
Sie war verwirrt. »Verdächtigt Ihr die Juden?«
»Natürlich nicht. Ich weise nur darauf hin, dass der gute Rabbi nicht Ziel des Angriffs war. Ich will damit sagen, dass jetzt, da Simon tot ist, nur noch zwei Menschen übrig sind, die Nachforschungen über den Tod der Kinder anstellen. Ihr und ich. Und wir wurden verletzt.«
»Und Mansur«, sagte sie geistesabwesend. »Er ist unverletzt geblieben.«
»Die haben Mansur erst gesehen, als er sich ins Kampfgewühl stürzte. Außerdem hat er nirgendwo irgendwelche Fragen gestellt, sein Englisch ist nicht gut genug.«
Adelia dachte darüber nach. »Ich verstehe nicht ganz, worauf Ihr hinauswollt«, sagte sie. »Wollt Ihr sagen, dass Roger aus Acton der Kindermörder ist? Acton?«
»Ich sage, verdammt noch mal –« Körperliche Schwäche machte Rowley reizbar. »Ich sage, dass er dazu angestiftet wurde. Ihm oder einem aus seiner Bande ist eingeflüstert worden, dass Ihr und ich Judenfreunde sind, die tot sein sollten.«
»Seiner Ansicht nach sollten alle Judenfreunde tot sein.«
»Irgendwer«, sagte der Steuereintreiber zähneknirschend, »irgendwer hat es auf uns abgesehen. Auf uns, Euch und mich.« Auf dich, o Gott, dachte sie. Nicht auf uns; auf dich. Du bist rumgelaufen und hast Fragen gestellt, du und Simon. Auf dem Fest hat Simon dich angesprochen. »Wir haben ihn, Sir Rowley.«
Sie tastete nach der Bettkante und setzte sich hin.
»Aha«, sagte Rowley, »endlich dämmert’s Euch. Adelia, ich will nicht, dass Ihr im Haus des alten Benjamin bleibt. Ihr könnt doch eine Zeit lang hier bei den Juden wohnen.«
Adelia dachte an die nächtliche Gestalt unter den Bäumen. Sie hatte Rowley nicht erzählt, was sie und Matilda B gesehen hatten. Er konnte nichts dagegen unternehmen, und es wäre sinnlos gewesen, ihn noch mehr zu frustrieren, als er es aufgrund seiner Schwäche ohnehin schon war.
Das Wesen hatte Ulf bedroht; es wollte ein weiteres Kind und hatte sich dieses besondere ausgesucht. Sie hatte es gleich gewusst, und sie wusste es noch immer. Deshalb musste der Junge jetzt die Nächte hinter Burgmauern verbringen und tagsüber stets in Mansurs Nähe bleiben.
Aber, großer Gott, falls das Wesen Rowley als Bedrohung empfand; es war so schlau, es hatte Mittel und Wege … zwei Menschen, die sie liebte, waren in Gefahr.
Dann dachte sie: Verdammt, Rakshasa erreicht auf unsere Kosten genau das, was er will, wenn er uns alle in dieser verdammten Burg einsperrt. So finden wir ihn doch nie. Wenigstens ich muss mich ungehindert bewegen können.
Sie sagte: »Ulf, erzähl Sir Rowley deine Theorie über den Fluss.«
»Nee. Der sagt doch nur, das ist Mist.«
Adelia seufzte angesichts der latenten Eifersucht zwischen den beiden Männern in ihrem Leben. »Erzähl’s ihm.«
Der Junge tat es, aber mürrisch und ohne Überzeugungskraft. Und Rowley reagierte abschätzig darauf. »In dieser Stadt ist doch jeder in Flussnähe.« Und von Bruder Gilbert als Verdächtigem hielt er ebenso wenig. »Ihr denkt, er wäre Rakshasa? Ein klappriger Mönch wie der käme ja nicht einmal über die Heide von Cambridge, geschweige denn durch die Wüste.«
Die Argumente gingen hin und her. Gyltha kam mit Rowleys Frühstückstablett herein und beteiligte sich an der Debatte.
Das Gespräch wirkte sich beruhigend auf Adelia aus, obwohl es sich um entsetzliche Dinge und Verdächtigungen drehte. Sie waren ihr ans Herz gewachsen, diese Menschen. Das Wortgeplänkel mit ihnen, selbst über Leben und Tod, war für sie, die dergleichen nie erlebt hatte, so wohltuend, dass sie ein jähes Glücksgefühl empfand. Hic habitat felicitas.
Und was den großen, unvollkommenen, wunderbaren Mann in dem Bett anging, der sich gerade Schinken in den Mund stopfte, so hatte er ihr gehört; sein Leben hatte ihr gehört, nicht so sehr wegen ihres Sachverstandes, sondern wegen der Kraft, die aus ihr in ihn hineingeflossen war, eine erflehte und gewährte Gnade.
So betörend diese Liebe auch für sie war, sie war leider vollkommen einseitig, und sie würde sich für den Rest ihres Lebens damit begnügen müssen. Jeder Augenblick in seiner Gegenwart bestätigte nur, wie verderblich es wäre, ihm ihre Anfälligkeit zu zeigen. Er würde sie entweder zurückweisen oder versuchen, sie auszunutzen, was noch schlimmer wäre. Seine und ihre Absichten hoben sich gegenseitig auf.
Und es ging bereits zu Ende. Jetzt, da die Wunde gut verheilte, wollte er sie nicht mehr von ihr verbinden lassen, sondern nahm lieber Gylthas oder Lady Baldwins Pflege in Anspruch. »Es schickt sich nicht für eine unverheiratete Frau, sich bei einem Mann in dieser Körpergegend zu schaffen zu machen«, hatte er schroff gesagt.
Sie hatte sich die Frage verkniffen, wo er denn jetzt wohl wäre, wenn sie sich nicht vor kurzem noch dort zu schaffen gemacht hätte. Er brauchte sie nicht mehr. Sie musste sich zurückziehen.
»Wie dem auch sei«, sagte sie jetzt. »Wir müssen den Fluss erkunden.«
»Im Namen Gottes, warum seid Ihr nur so entsetzlich dumm!«, sagte Rowley.
Adelia stand auf. Sie war bereit, für dieses Schwein zu sterben, nicht jedoch, sich von ihm beleidigen zu lassen. Als sie die Bettdecke enger um ihn zog, umhüllte ihn ihr Duft, eine Mischung aus dem Fieberkleeaufguss, den sie ihm dreimal täglich verabreichte, und der Kamille, mit der sie sich die Haare wusch – ein Geruch, der sogleich vom Gestank des Hundes überdeckt wurde, der an seinem Bett vorbeilief, um ihr aus dem Zimmer zu folgen.
In der Stille, die sie zurückließ, schaute Rowley sich um. »Ich hab doch Recht, oder?«, sagte er auf Arabisch zu Mansur, und dann fügte er mürrisch hinzu, weil er sich matt fühlte: »Ich will nicht, dass sie auf diesem versifften Fluss rumgondelt.«
»Wo wäre sie Euch denn lieber, Effendi?«
»Flach auf dem Rücken, wo sie hingehört.« Wenn er nicht so schwach und gereizt gewesen wäre, hätte er das nicht gesagt – zumindest nicht laut. Er sah nervös zu dem Araber hinüber, der jetzt auf ihn zukam. Er war nicht in der Verfassung, sich mit dem Kerl anzulegen. »Ich hab’s nicht so gemeint«, beteuerte er hastig.
»Das ist auch besser so, Effendi«, sagte Mansur, »sonst müsste ich Eure Wunde nämlich wieder öffnen und ein wenig erweitern.«
Jetzt wurde Rowley von einem Geruch umhüllt, der ihn in die Souks zurückversetzte, eine Mischung aus Schweiß, glimmendem Weihrauch und Sandelholz.
Der Araber beugte sich über ihn, legte Fingerspitzen und Daumen der linken Hand dicht vor Rowleys Gesicht aneinander und berührte sie mit dem rechten Zeigefinger, eine zarte, aber unmissverständliche Geste, die Sir Rowleys Abstammung in Frage stellte, indem sie ihm fünf Väter unterstellte.
Dann trat er zurück, verneigte sich und verließ den Raum, gefolgt von dem gnomenhaften Kind, dessen eigene Geste schlichter war, plumper, aber ebenso deutlich.
Gyltha hob das Tablett mit den Frühstücksresten auf, ehe sie hinter ihnen herging. »Weiß ja nich, was du gesagt hast, mein Junge, aber du hättest es lieber anders ausdrücken sollen.«
O Gott, dachte er und sank zurück, ich werde kindisch. Aber, Herr, steh mir bei, es ist wahr. Genau da will ich sie haben, im Bett, unter mir.
Und er hatte ein so starkes Verlangen nach ihr, dass er sie hatte bitten müssen, seine Wunde nicht mehr mit dieser grünen Pampe zu bestreichen, was war das noch mal? … Beinwell? …, weil sein benachbartes Körperteil wieder zu Kräften gekommen war und dazu neigte, sich jedes Mal aufzurichten, wenn sie ihn berührte.
Er haderte mit seinem Gott und mit sich selbst, dass er ihn in eine solche Klemme gebracht hatte; sie war doch überhaupt nicht sein Typ. Außergewöhnlich? Wie keine andere Frau vor ihr. Er verdankte ihr sein Leben. Und er konnte noch dazu mit ihr reden wie mit niemandem sonst, Mann oder Frau. Er hatte ihr von seiner Jagd nach Rakshasa erzählt und dabei mehr von sich offenbart als seinem König gegenüber, als er ihm Bericht erstattete – und er fürchtete, dass er ihr in seinem verdammten Fieberwahn noch etliche Einblicke mehr gewährt hatte. Er konnte in ihrer Gegenwart fluchen – obwohl ihr abrupter Abschied vorhin gezeigt hatte, dass sie sich nicht von ihm beleidigen ließ –, und das machte ihre Gesellschaft angenehm und begehrenswert.
Konnte sie verführt werden? Sehr wahrscheinlich. Sie mochte sich ja mit allen Funktionen des Körpers auskennen, aber sie war zweifellos naiv, wenn es um die Dinge ging, die das Herz schneller schlagen ließen – und Rowley hatte gelernt, dass auf seine erhebliche, wenn auch kaum erklärliche Anziehungskraft auf Frauen Verlass war.
Aber verführe sie, und du entledigst sie mit einem Schlag nicht nur ihrer Kleidung, sondern auch ihrer Ehre und natürlich ihrer Besonderheit, denn dann wäre sie nur noch irgendeine Frau in irgendeinem Bett.
Und er wollte sie so, wie sie war: Er wollte ihre »Hmms«, wenn sie sich konzentrierte, ihren schauerlichen Geschmack bei der Wahl ihrer Kleidung – obwohl sie auf dem Fest im Grantchester Manor wahrhaftig hinreißend ausgesehen hatte –, er wollte die Wichtigkeit, die sie allen Menschen zusprach, selbst den Ärmsten, besonders den Ärmsten, er wollte ihren Ernst, der sich in einem erstaunlichen Lachen verlieren konnte, die Art, wie sie die Schultern straffte, wenn sie sich herausgefordert fühlte, die Art, wie sie diese scheußlichen Arzneien anrührte, und die Sanftheit ihrer Hände, wenn sie ihm den Becher an die Lippen hielt, die Art, wie sie ging, die Art, wie sie einfach alles machte. Sie hatte eine Qualität, die ihm völlig neu war. Sie war Qualität.
»Ach, zum Teufel damit«, sagte Sir Rowley in den leeren Raum hinein, »ich werde die Frau heiraten müssen.«
Die Fahrt den Fluss hinauf war schön, aber fruchtlos. Angesichts des Ziels, das sie verfolgte, schämte Adelia sich, dass sie es so genoss, durch Tunnel aus überhängenden Ästen von Bäumen zu gleiten, um dann wieder in strahlendes Sonnenlicht zu tauchen, wo Frauen vom Wäschewaschen aufblickten, um zu rufen und zu winken, wo ein Otter gewitzt neben ihrem Kahn herschwamm, während auf der gegenüberliegenden Seite Männer und Hunde nach ihm suchten, wo Vogelfänger ihre Netze ausbreiteten, wo Kinder Forellen fingen, wo meilenweit keine Menschenseele am Ufer zu sehen war und sich zwitschernde Grasmücken wagemutig auf Schilfhalmen wiegten. Aufpasser hatte sich in irgendetwas gewälzt, das seine Anwesenheit im Kahn unzumutbar machte, und trabte nun trübselig am Ufer entlang, während Mansur und Ulf sich beim Staken abwechselten und versuchten, sich gegenseitig an Geschicklichkeit zu überbieten. Das sah so einfach aus, dass Adelia es auch einmal versuchen wollte, mit dem Ergebnis, dass sie sich wie ein Affe an die Stakstange klammerte, während der Kahn ohne sie weiterfuhr und sie von Mansur gerettet werden musste, weil Ulf sich vor Lachen nicht mehr rühren konnte.
Zahllose Hütten, Klausen, Unterstände von Vogelfängern säumten den Fluss. Bei allen war davon auszugehen, dass sie nachts verlassen waren, und alle lagen so einsam, dass Schreie, die darin ausgestoßen wurden, nur von Tieren gehört werden würden. Es waren so viele, dass es einen Monat gedauert hätte, um sie alle zu untersuchen, und ein Jahr, um den vielen ausgetretenen Pfaden und Stegen zu folgen, die durch das Schilfgras zu weiteren Hütten führten.
Nebenläufe flossen in die Cam, manche waren bloß Bäche, andere recht groß und schiffbar. Dieses weite flache Land, so erkannte Adelia, war von Gewässern wie von Adern durchzogen. Dammwege, Brücken, Straßen waren in schlechtem Zustand und häufig unpassierbar, aber mit einem Boot konnte jeder überallhin gelangen.
Während Aufpasser Vögel jagte, rasteten die anderen drei Auskundschafter auf einer Bank neben dem Bootshaus von Grantchester, wo Sir Joscelin seine Stechkähne lagerte, aßen Brot und Käse und tranken die Hälfte von dem Apfelmost, den Gyltha ihnen als Wegzehrung mitgegeben hatte.
Das Wasser malte stille, flirrende Spiegelungen auf Wände, an denen Ruder, Stakstangen und Angelzeug hingen. Nichts kündete von Tod. Zudem bestätigte ein Blick auf den Herrensitz in der Ferne, dass Sir Joscelins Haus wie alle hochherrschaftlichen Häuser viel zu belebt war, als dass das Grauen hier hätte unbemerkt bleiben können. Die Milchmägde, Kuhhirten, Reitknechte, Feldarbeiter und Hausdiener, die in der Halle schliefen, sie alle hätten an der Entführung der Kinder beteiligt sein müssen, damit der Kreuzfahrer in seinem eigenen Haus hätte morden können.
Auf der Fahrt flussabwärts zurück zur Stadt spuckte Ulf ins Wasser. »Verdammte Zeitverschwendung war das.«
»Nicht ganz«, widersprach Adelia. Der Ausflug hatte ihr etwas bewusst gemacht, was ihr zuvor nicht klar gewesen war. Ob die Kinder nun freiwillig mit ihrem Entführer mitgekommen waren oder nicht, sie hätten gesehen werden müssen. Jedes Boot auf dieser Strecke unterhalb der Großen Brücke hatte einen flachen Boden und niedrige Bordwände, es wäre daher unmöglich, jemanden an Bord zu verstecken, der größer als ein Neugeborenes war, es sei denn, er oder sie läge flach ausgestreckt unter den Ruderbänken. Also hatten die Kinder sich entweder selbst versteckt oder aber sie waren irgendwie bewusstlos gemacht worden und dann mit einem Umhang, einem Sack, irgendetwas bedeckt worden, um sie an den Ort zu bringen, wo sie sterben sollten.
Das erklärte sie Mansur und Ulf.
»Dann benutzt er vielleicht gar kein Boot«, sagte Mansur. »Der Teufel wirft sie sich über den Sattel. Nimmt irgendeine abgelegene Route über Land.«
Es war möglich. Die meisten Behausungen in diesem Teil von Cambridgeshire lagen an einem Wasserweg, und das Landesinnere war praktisch nur von Weidetieren bevölkert, aber Adelia glaubte es nicht. Dass der Fluss beim Verschwinden der Kinder eine so beherrschende Rolle gespielt hatte, sprach dagegen.
»Dann ist es das Thebaicum«, vermutete Mansur.
»Opium?« Schon eher. Adelia war überrascht und froh gewesen, dass die östliche Mohnpflanze so üppig in dieser Gegend von England gedieh und sie deren Eigenschaften nutzen konnte, aber es hatte sie auch beunruhigt. James, der Apotheker, der nachts seine Geliebte besuchte, destillierte daraus ein alkoholisches Gebräu, das er St.-Gregory-Likör getauft hatte und nur unter der Ladentheke verkaufte, damit die Geistlichen nichts davon mitbekamen. Sie verdammten die Mixtur als gottlos, weil sie die Fähigkeit besaß, Schmerzen zu lindern, und das sollte doch ausschließlich dem Herrn überlassen bleiben.
»Genau«, sagte Ulf. »Der gibt ihnen ’nen Schluck St. Gregory.« Er kniff die Augen zusammen und bleckte die Zähne. »Nimm mal ein Schlückchen, mein Süßer, und komm mit mir ins Paradies.«
Seine Parodie des schmeichelnden Bösen ließ die Wärme des Frühlings erkalten.
Adelia überlief es erneut kalt, als sie am nächsten Morgen im Heiligtum des mit Bleifenstern versehenen Kontors auf dem Burgberg saß. Der Raum war vollgestopft mit Dokumenten und Truhen, an denen schwere Schlösser hingen, ein kantiger, männlicher Raum, der Bittsteller in Geldnot einschüchtern sollte und für den Empfang von Frauen offenbar gar nicht gedacht war. Master De Barque von den Brüdern De Barque ließ sie nur widerwillig eintreten und lehnte ihre Bitte rundweg ab.
»Aber der Kreditbrief war auf Simon aus Neapel und meinen Namen ausgestellt«, protestierte Adelia und hörte, wie ihre Stimme von den Wänden verschluckt wurde.
De Barque streckte einen Finger aus und schob ihr quer über den Tisch eine Pergamentrolle mit Siegel zu. »Lest selbst, Mistress, falls Ihr des Lateinischen mächtig seid.«
Sie las. Zwischen all den »vordem« und »wodurch« und »entsprechend« garantierten die Bankiers aus Lucca, die Aussteller des Kreditbriefes, den Brüdern De Barque aus Cambridge im Namen des Königs von Sizilien jede Summe zu erstatten, die sie an Simon aus Neapel, den Nutznießer, auszahlten. Ein weiterer Name wurde nicht erwähnt.
Sie hob den Kopf und blickte in das fette, ungeduldige, gleichgültige Gesicht. Wie leicht man doch beleidigt werden konnte, wenn man kein Geld hatte. »Aber es war vereinbart«, sagte sie, »dass ich Master Simon bei diesem Unternehmen gleichgestellt sein sollte. Ich bin dafür auserwählt worden.«
»Das glaube ich Ihnen gerne, Mistress«, sagte Master De Barque.
Der denkt, ich bin als Simons Dirne mitgereist. Adelia setzte sich auf und straffte die Schultern. »Eine Anfrage bei der Bank in Lucca oder bei König William in Sizilien wird mir Recht geben.«
»Dann stellt sie, Mistress. Derweil …« Master De Barque griff nach einer Glocke auf dem Tisch und läutete, um seinen Schreiber zu rufen. Er war ein viel beschäftigter Mann.
Adelia rührte sich nicht vom Fleck. »Das dauert Monate.« Sie hatte nicht einmal genug Geld, um den Brief zu schicken. In Simons Zimmer hatte sie bloß ein paar Pennys gefunden; entweder er hatte gerade vorgehabt, sich Nachschub zu holen, oder er hatte alles Geld in der Börse gehabt, die sein Mörder ihm abgenommen hatte. »Ich möchte mir etwas borgen, bis die Antwort …«
»Wir verleihen nicht an Frauen.«
Sie widerstand dem Griff des Schreibers, der ihren Arm gefasst hatte, um sie hinauszuführen. »Und was soll ich jetzt tun?« Sie musste die Apothekerrechnung bezahlen, Simons Grabstein von einem Steinmetz beschriften lassen, Mansur brauchte neue Schuhe, sie brauchte neue Schuhe …
»Mistress, wir sind ein christliches Haus. Wendet Euch doch an die Juden. Das sind des Königs liebste Wucherer, und wie ich höre, steht Ihr ihnen nahe.«
Da war es, in seinen Augen. Sie war eine Frau und ein Judenliebchen.
»Ihr wisst um die Lage der Juden«, sagte sie verzweifelt. »Sie haben derzeit keinen Zugang zu Geld.«
Einen Moment lang nahm Master De Barques fleischiges Gesicht einen Ausdruck von Wärme an. »Ach nein?«, sagte er.
Als sie den Hügel hinaufgingen, wurden Adelia und Aufpasser von einem Häftlingskarren mit Bettlern überholt; der Büttel des Sheriffs schaffte sie herbei, weil sie auf der bevorstehenden Assise verurteilt werden sollten. Eine Frau rüttelte mit dürren Händen an den Gitterstäben.
Adelia starrte ihr nach. Wie machtlos wir doch sind, wenn wir in Not geraten.
Sie war noch nie in ihrem Leben ohne Geld gewesen. Ich muss nach Hause. Aber ich kann nicht, solange der Mörder nicht gefunden ist, und selbst dann, wie könnte ich von hier fortgehen, von …? Sie schlug sich den Namen aus dem Kopf. Früher oder später würde sie ihn verlassen müssen … Außerdem, ich kann ohnehin nicht reisen. Ich habe kein Geld.
Was tun? Sie war eine Ruth zwischen fremden Ähren. Ruth hatte sich durch Heirat aus ihrer Notlage befreit, eine Möglichkeit, die Adelia nicht zur Verfügung stand.
Konnte sie überhaupt existieren? Seit sie sich in der Burg aufgehalten hatte, um Rowley zu pflegen, waren die Patienten dorthin geschickt worden, und Mansur und sie hatten sie behandelt. Aber fast alle waren zu arm, um mit Geld zu bezahlen.
Ihre innere Anspannung legte sich auch nicht, als sie zusammen mit Aufpasser das Turmzimmer betrat und sah, dass Sir Rowley vollständig angezogen auf dem Bett saß und mit Sir Joscelin von Grantchester und Sir Gervase von Coton plauderte. Während sie auf ihn zueilte, fauchte sie Gyltha an, die wie ein Wachposten in einer Ecke stand: »Ich habe doch gesagt, er soll ruhen.« Sie achtete nicht auf die beiden Ritter, die sich bei ihrem Erscheinen erhoben hatten – Gervase zögernd und nur auf ein Zeichen seines Gefährten hin. Sie fühlte dem Patienten den Puls. Er war ruhiger als bei ihr.
»Nehmt es uns nicht übel, Mistress«, sagte Sir Joscelin. »Wir wollten Sir Rowley unser Mitgefühl überbringen. Es war göttliche Vorsehung, dass Ihr und der Doktor in der Nähe wart. Dieser vermaledeite Acton … wir können nur hoffen, dass die Assise ihn an den Galgen bringt. Wir sind uns einig, dass der Strick fast noch zu gut für ihn ist.«
»Ach wirklich?«, zischte sie.
»Mistress Adelia schätzt den Galgen nicht. Sie kennt grausamere Methoden«, sagte Rowley. »Sie würde alle Verbrecher mit einer kräftigen Dosis Ysop behandeln.«
Sir Joscelin schmunzelte. »Das ist wirklich grausam.«
»Und Eure Methoden sind besser, ja?«, fragte Adelia. »Menschen blenden und aufhängen und ihnen die Hände abhacken, damit wir alle sicherer in unseren Betten schlafen, ja? Tötet Roger aus Acton, und es wird kein Verbrechen mehr geben?«
»Er hat einen Aufstand provoziert«, sagte Rowley. »Er ist in eine Burg des Königs eingedrungen, er hätte mich fast entmannt. Ich persönlich sähe den Kerl gerne mit einem Spieß im Hintern, wie er sich schön langsam über einem kleinen Feuerchen dreht«, betonte er erneut.
»Und der Mörder der Kinder, Mistress«, fragte Sir Joscelin sanft. »Was würdet Ihr mit ihm machen?«
Adelia antwortete nicht sofort.
»Sie zögert«, sagte Sir Gervase angewidert. »Was ist das bloß für eine Frau?«
Sie war eine Frau, die den gesetzlich verordneten Tod für eine Unverschämtheit derjenigen hielt, die ihn so leichtfertig und mitunter aus viel zu geringem Anlass verhängten. Weil das Leben für sie, die es erhalten wollte, das einzige wahre Wunder war. Sie war eine Frau, die nie neben dem Richter saß oder neben dem Henker stand, sondern immer gemeinsam mit dem Angeklagten die Gitterstäbe umklammerte. Wäre ich an seiner/ihrer Stelle auch hier gelandet? Wäre ich in die Umstände hineingeboren worden, in denen er/sie aufgewachsen ist, hätte ich anders gehandelt? Wenn nicht die beiden Ärzte aus Salerno den Säugling auf dem Vesuv gefunden hätten, sondern jemand anderer, würde ich jetzt dort kauern, wo dieser Mann/diese Frau kauert?
Für sie sollte das Gesetz die Schranke sein, wo Grausamkeit endete, weil sich ihr die Zivilisation in den Weg stellte. Wir töten nicht, weil wir an Besserung glauben. Sie vermutete, dass der Mörder sterben musste und wahrscheinlich auch sterben würde, ein tollwütiges Tier, das zum Schutz anderer getötet wurde, aber die Ärztin in ihr würde sich immer fragen, warum es tollwütig geworden war, und sie würde es bedauern, keine Antwort auf die Frage zu haben.
Sie wandte sich von ihnen ab, um zum Arzneitisch zu gehen, und bemerkte zum ersten Mal, wie stocksteif Gyltha in der Ecke stand. »Was hast du?«
Die Haushälterin sah ausgelaugt aus, plötzlich gealtert. Sie hatte die Hände geöffnet und hielt einen kleinen Weidenkorb, fast so wie die Gläubigen das geweihte Brot vom Priester entgegennahmen, ehe sie es in den Mund steckten.
Rowley rief vom Bett aus: »Sir Joscelin hat mir was Süßes mitgebracht, Adelia, aber Gyltha will mich nicht kosten lassen.« »Ich war das nicht«, sagte Joscelin, »ich bin nur der Überbringer. Lady Baldwin hat mich gebeten, den Korb mit nach oben zu nehmen.«
Gylthas Blick hielt den von Adelia fest, wanderte dann nach unten zu dem Korb. Sie hielt ihn weiter mit einer Hand und hob den Deckel sacht mit der anderen an.
Auf hübschen Blättern, wie Eier in einem Nest, lag eine Ansammlung von bunten, duftenden rautenförmigen Jujuben.
Die beiden Frauen starrten einander an. Adelia wurde schlecht. Mit dem Rücken zu den Männern formte sie lautlos das Wort:
»Gift?«
Gyltha zuckte die Achseln.
»Wo ist Ulf?«
»Mansur«, hauchte Gyltha zurück. »In Sicherheit.«
Adelia sagte langsam: »Der Arzt hat Sir Rowley Süßes verboten.«
»Dann bietet sie unserem Besuch an«, rief Rowley.
Wir können uns nicht vor Rakshasa verstecken, dachte Adelia. Wir sind Ziele. Wo immer wir sind, wir stehen ungeschützt da wie Strohpuppen, die er mit einem Angriff treffen kann.
Sie nickte Richtung Tür, wandte sich zu den Männern um und wünschte ihnen einen guten Morgen, während Gyltha hinter ihr mit dem Korb den Raum verließ.
Die Arzneien. Hastig überprüfte Adelia sie. Sämtliche Fläschchen waren fest verschlossen, die Kästchen so akkurat gestapelt, wie sie und Gyltha das immer taten.
Du benimmst dich lächerlich, dachte sie. Er ist irgendwo da draußen. Er kann sich an nichts zu schaffen gemacht haben. Aber das nächtliche Entsetzen vor einem geflügelten Rakshasa hatte sie erneut erfasst, und sie wusste, dass sie jedes Kraut, jeden Sirup auf dem Tisch austauschen würde.
Ist er wirklich draußen? War er hier? Ist er jetzt hier?
Hinter ihr drehte sich das Gespräch inzwischen um Pferde, wie immer, wenn Ritter unter sich waren.
Sie war sich bewusst, wie lässig Gervase auf seinem Stuhl saß, weil sie spürte, dass er sich ihrer Anwesenheit bewusst war. Seine Äußerungen waren brummig und zerstreut. Als sie zu ihm hinüberschaute, wurde sein Blick betont höhnisch.
Mörder oder nicht, dachte sie, du bist ein Scheusal, und allein deine Anwesenheit ist schon eine Beleidigung. Sie schritt forsch zur Tür und hielt sie auf. »Der Patient ist müde, Gentlemen.« Sir Joscelin stand auf. »Es tut uns leid, dass wir Doktor Mansur nicht angetroffen haben, nicht wahr, Gervase? Richtet ihm bitte unsere Empfehlung aus.«
»Wo ist er?«, wollte Sir Gervase wissen.
»Er frischt Rabbi Gotsces Arabischkenntnisse auf«, erwiderte Rowley.
Als er auf dem Weg nach draußen an ihr vorbeiging, sagte Gervase halblaut wie zu seinem Gefährten: »Das ist ja wohl ein Witz, ein Jude und ein Sarazene in einer königlichen Burg. Warum zum Teufel haben wir eigentlich einen Kreuzzug unternommen?«
Adelia schlug die Tür hinter ihnen zu.
Rowley sagte barsch: »Verdammt, Frau, ich war gerade dabei, das Gespräch auf Outremer zu bringen, um herauszufinden, wer wo wann war. Vielleicht hätte einer unabsichtlich was über den anderen verraten.«
»Und?«, fragte sie.
»Ihr habt sie zu schnell rausgeschmissen, verdammt noch mal.« Adelia erkannte die Reizbarkeit eines Genesenden. »Aber interessanterweise hat Bruder Gilbert zugegeben, dass er auf Zypern war, und die Zeit würde ungefähr passen.«
»Bruder Gilbert war hier?«
»Und Prior Geoffrey und Sheriff Baldwin und der Apotheker – mit einem Gebräu, das meine Wunde binnen Minuten heilen wird, wie er mir versichert – und Rabbi Gotsce. Ich bin ein beliebter Mann. Was habt Ihr denn?« Adelia hatte ein Kästchen mit zerstoßenen Klettenwurzeln so fest auf den Tisch geknallt, dass der Deckel absprang und eine grünliche Staubwolke aufstieg.
»Ihr seid nicht beliebt«, sagte sie zähneknirschend. »Ihr seid so gut wie tot. Rakshasa wollte Euch vergiften.«
Sie ging zurück zur Tür und rief nach Gyltha, aber die Haushälterin kam bereits mit dem Korb die Treppe herauf. Adelia riss ihn ihr aus der Hand, öffnete ihn und hielt ihn Rowley unter die Nase. »Was sagt Ihr dazu?«
»Gütiger Gott«, sagte er. »Jujuben.«
»Ich hab mich erkundigt«, sagte Gyltha. »Ein kleines Mädchen hat sie einem der Wachmänner gegeben und gesagt, die wären von ihrer Mistress für den armen kranken Gentleman im Turm. Lady Baldwin wollte sie hochtragen, aber Sir Joscelin hat ihr den Gang abgenommen. Der ist immer ein höflicher Gentleman, jawohl, nich wie der andere.«
Gyltha hielt nichts von Sir Gervase.
»Und das kleine Mädchen?«
»Der Wachmann ist einer von denen, die der König aus London geschickt hat, damit sie bei der Bewachung der Juden helfen. Barney heißt er. Kennt die Kleine nich, sagt er.«
Mansur und Ulf wurden hergeholt, so dass die Sache von allen gemeinsam durchgesprochen werden konnte.
»Es könnten auch einfach nur Jujuben sein, völlig harmlos«, sagte Rowley.
»Dann lutsch doch mal dran, dann sehen wir’s ja«, sagte Ulf trocken zu ihm. »Was denkst du, Missus?«
Adelia hatte eine mit ihrer Pinzette hochgenommen und schnupperte daran. »Ich kann’s nicht sagen.«
»Wir sollten sie testen«, sagte Rowley. »Wir schicken sie einfach runter in den Kerker zum guten Roger aus Acton, mit den besten Grüßen.«
Der Gedanke war verführerisch, aber Mansur trug sie dann hinunter in den Hof und warf sie ins Schmiedefeuer.
»Es darf kein Besucher mehr in dieses Zimmer«, wies Adelia an, »und keiner von Euch, vor allem Ulf, verlässt auf eigene Faust die Burg oder läuft hier allein herum.«
»Gottverdammt, Frau, so finden wir ihn doch nie.«
Rowley hatte anscheinend vom Bett aus seine eigene Ermittlung weiter geführt und seine Rolle als Steuereintreiber benutzt, um seine Besucher zu befragen.
Von den Juden hatte er in Erfahrung gebracht, dass Chaim aus Gründen des Anstandes nie über seine Kunden oder deren Schulden gesprochen hatte. Seine einzigen Unterlagen waren diejenigen, die verbrannt waren beziehungsweise der Leiche Simons geraubt worden waren.
»Falls das Schatzamt in Winchester keine Liste der Schuldner hat – obwohl das durchaus der Fall sein könnte, ich habe meinen Knappen hingeschickt, um das herauszufinden –, wird der König nicht sonderlich begeistert sein. Den Juden verdankt dieses Land einen Großteil seiner Einnahmen. Und wenn Henry nicht begeistert ist …«
Bruder Gilbert hatte verkündet, dass er lieber auf den Scheiterhaufen steigen würde, als Juden um Geld zu bitten. Der kreuzfahrende Apotheker sowie Sir Joscelin und Sir Gervase hatten das Gleiche behauptet, wenn auch weniger leidenschaftlich. »Natürlich würden sie es mir nicht unbedingt auf die Nase binden, wenn sie es doch getan hätten, aber alle drei scheinen aus eigener Kraft zu Wohlstand gelangt zu sein.«
Gyltha nickte. »Die haben im Heiligen Land ihr Vermögen gemacht. John konnte seine Apotheke aufmachen, als er zurückkam. Gervase, der war schon als Junge ein fieser kleiner Saukerl und hat sich seitdem nicht gebessert, aber er hat noch mehr Land dazubekommen. Und der junge Joscelin, der war dank seines Pas arm wie ’ne Kirchenmaus, aber er hat aus Grantchester ’nen richtigen Palast gemacht. Bruder Gilbert, der ist und bleibt Bruder Gilbert.«
Sie hörten keuchendes Atmen auf der Treppe, und Lady Baldwin kam herein, eine Hand in die Seite gedrückt und in der anderen einen Brief.
»Eine Krankheit. Im Nonnenkloster. Gott steh uns bei. Wenn es die Pest ist …«
Matilda W kam hinter ihr die Treppe herauf.
Der Brief war für Adelia und war zuerst im Haus des alten Benjamin abgegeben worden, von wo aus Matilda W ihn hergebracht hatte. Es war ein Fetzen Pergament, den man wohl aus einer Handschrift herausgerissen hatte, was die schreckliche Dringlichkeit des Anliegens erkennen ließ, doch die Schrift darauf war energisch und klar.
»Priorin Joan grüßt Mistress Adelia, die Helferin von Doktor Mansur, von dem sie Gutes gehört hat. Unter uns ist eine Pestilenz ausgebrochen, und ich bitte Mistress Adelia im Namen Jesu und Seiner gütigen Mutter, uns hier im Kloster der gesegneten St. Radegund aufzusuchen, damit sie dem guten Doktor dann berichten und seinen Rat einholen kann, wie das Leiden der Schwestern gelindert werden möge, denn die Lage ist wahrlich ernst, und manche sind dem Tod nahe.«
Ein Postskriptum lautete: »Um das Honorar muss nicht geschachert werden. Es soll alles möglichst heimlich geschehen, damit sich keine Unruhe ausbreitet.«
Ein Reitknecht und ein Pferd warteten im Hof auf Adelia.
»Ich gebe Euch etwas von meiner Fleischbrühe mit«, sagte Lady Baldwin zu Adelia. »Joan verliert nicht leicht die Fassung. Es muss schlimm sein.«
Das muss es wohl, dachte Adelia, wenn eine christliche Priorin einen Sarazenenarzt um Hilfe bittet.
»Die Krankenpflegerin ist auch erkrankt«, sagte Matilda W – sie hatte es von dem Reitknecht erfahren. »Alle speien und scheißen sie zum Erbarmen. Gott steh uns bei, wenn’s die Pest ist. Hat die Stadt denn nich schon genug gelitten? Was nützt denn der Kleine St. Peter, wenn nich mal die heiligen Schwestern verschont werden?«
»Ihr geht nicht, Adelia«, sagte Rowley. Er stand schwerfällig vom Bett auf.
»Ich muss.«
»Ich fürchte auch«, sagte Lady Baldwin. »Entgegen aller bösen Gerüchte erlaubt die Priorin keinem Mann Zutritt in das Allerheiligste der Nonnen, außer natürlich einem Priester, der ihnen die Beichte abnimmt. Wenn ihre Krankenpflegerin außer Gefecht ist, wäre Mistress Adelia die zweitbeste Lösung, eine ausgezeichnete Lösung. Sie muss sich Knoblauchzehen in die Nasenlöcher stecken, dann kann sie sich nicht anstecken.« Sie eilte davon, um ihre Fleischbrühe zuzubereiten.
Adelia war schon dabei, Mansur alles zu erklären und ihm Anweisungen zu geben. »Ach, mein alter Freund, pass auf diesen Mann und diese Frau und diesen Jungen auf, während ich fort bin. Lass sie nirgendwo allein hingehen. Der Teufel ist überall. Wache über sie im Namen Allahs.«
»Und wer wird über dich wachen, Kleine? Die frommen Frauen werden nichts gegen die Anwesenheit eines Eunuchen haben.« Adelia lächelte. »Es ist zwar kein Harem, aber die Frauen schirmen ihren Tempel gegen Männer ab, ich bin dort sicher.«
Ulf zog sie am Arm. »Ich kann doch mitkommen. Ich bin noch nich erwachsen, und die kennen mich da. Und ich fang mir nie Krankheiten ein.«
»Die wirst du dir auch nicht einfangen«, sagte sie.
»Ihr werdet nicht gehen«, sagte Rowley. Mit schmerzverzerrtem Gesicht zog er Adelia zum Fenster, weg von den anderen. »Das ist eine verdammte Finte, um Euch schutzlos zu machen. Ich bin sicher, Rakshasa steckt dahinter.«
Jetzt, da er wie schon lange nicht mehr in voller Größe vor ihr stand, wurde sie daran erinnert, wie es für einen mächtigen Mann sein musste, machtlos zu sein. Außerdem begriff sie, dass er fürchtete, sie könnte nach Simons Ermordung das nächste Opfer sein. Er hatte ebenso Angst um sie wie sie um ihn. Sie war gerührt, froh, aber sie hatte noch vieles zu erledigen – Gyltha musste angewiesen werden, die Arzneien auf dem Tisch auszutauschen, sie musste neue aus dem Haus des alten Benjamin holen … sie hatte jetzt keine Zeit für ihn.
»Ihr seid es, der überall Fragen gestellt hat«, sagte sie sanft. »Ich bitte Euch, passt auf Euch auf, und auf meine Leute. Ihr braucht jetzt nur noch etwas Pflege, keine Ärztin mehr. Gyltha wird sich um Euch kümmern.« Sie versuchte, sich von ihm zu lösen. »Versteht doch, dass ich zu ihnen muss.«
»Herrgott noch mal«, brüllte er, »hör doch endlich damit auf, die Ärztin zu spielen!«
Die Ärztin zu spielen. Die Ärztin zu spielen?
Obwohl er noch immer ihren Arm festhielt, starrte sie ihn an, als hätte sich der Boden zwischen ihnen geöffnet, und als sie in seine Augen blickte, war es, als sähe sie sich selbst über einen Abgrund hinweg – eine recht liebenswerte kleine Kreatur, aber eine, die sich etwas vormachte, sich nur irgendwie beschäftigte, eine Jungfer, die sich die Zeit vertrieb, bis sie dem zugeführt wurde, was für eine Frau doch unabdingbar war.
Aber was war dann die lange Schlange von Leidenden, die jeden Tag auf sie wartete? Was war Gil der Dachdecker, der wieder auf Leitern steigen konnte?
Und was bist du, dachte sie verwundert, während sie ihm in die Augen sah, der du verblutet wärst?
Auf einmal wusste sie mit absoluter Gewissheit, dass sie ihn niemals heiraten würde. Sie war Vesuvia Adelia Rachel Ortese Aguilar, die sehr sehr einsam sein würde, aber immer eine Ärztin.
Sie riss sich von ihm los. »Der Patient kann wieder auf feste Nahrung gesetzt werden, Gyltha, aber tausch all diese Arzneien gegen frische aus«, sagte sie und ging hinaus.
Außerdem, dachte sie, kann ich das Honorar gebrauchen, das die Priorin versprochen hat.
Die Kirche von St. Radegund und ihre Nebengebäude am Fluss waren nach den Eroberungszügen der Dänen erbaut worden und bevor dem Kloster das Geld ausging. Das eigentliche Kloster mit der Kapelle und den Wohnquartieren war größer und einsamer und hatte schon zur Zeit von Edward dem Bekenner gestanden.
Es lag abseits vom Fluss versteckt hinter Bäumen, um von den Wikingern nicht entdeckt zu werden, die mit ihren Langbooten über die flachen kleinen Nebenflüsse der Cam glitten. Als die Mönche, die es ursprünglich bewohnt hatten, ausstarben, war das Anwesen den frommen Frauen geschenkt worden.
All das erfuhr Adelia von Edric, hinter dem sie auf dem Pferd saß, das sie jetzt, gefolgt von Aufpasser, durch ein Seitentor in der Klostermauer trug, weil das Haupttor abgesperrt worden war.
Der Reitknecht war ebenso wie Matilda W verstimmt darüber, dass der Kleine St. Peter schlechte Arbeit geleistet hatte. »Das sieht gar nich gut aus, einfach so dichtzumachen, wo die Pilgersaison doch gerade erst losgeht«, sagte er. »Mutter Joan ist richtig sauer.« Er setzte Adelia bei den Stallungen und Zwingern ab, die einzigen gut gepflegten Gebäude des Klosters, die sie bislang gesehen hatte, und deutete auf einen Pfad, der an einer Koppel entlang verlief. »Gott gehe mit Euch, Missus.« Er selbst hatte das offensichtlich nicht vor.
Um jedoch nicht gänzlich von der Außenwelt abgeschnitten zu sein, befahl Adelia dem Mann, jeden Morgen zur Burg zu reiten, sowohl um Nachrichten von ihr zu überbringen als auch um sich zu erkundigen, wie es ihren Leuten ging.
Sie machte sich mit Aufpasser auf den Weg. Der Lärm der Stadt jenseits des Flusses verklang. Lerchen flogen auf, und ihr Gesang war wie eine jähe Befreiung. Hinter ihr begannen die Hunde der Priorin zu heulen, und irgendwo im Wald vor ihr blaffte ein Rehbock.
Derselbe Wald, so fiel ihr ein, in dem sich das Herrenhaus von Sir Gervase befand.
»Könnt Ihr was tun?«, wollte Priorin Joan wissen. Sie wirkte sorgenvoll und schlanker, als Adelia sie in Erinnerung hatte.
»Nun, es ist nicht die Pest«, antwortete Adelia, »und auch nicht Typhus, dem Herrn sei Dank. Keine der Schwestern hat den Ausschlag. Ich glaube, es ist die Cholera.«
Die Priorin erbleichte, und Adelia fügte hinzu: »Eine mildere Form als die im Osten verbreitete, aber immer noch schlimm genug. Ich mache mir vor allem Sorgen um Eure Krankenpflegerin und um Schwester Veronica.« Die Älteste und die Jüngste. Schwester Veronica war die Nonne, die am Reliquiar des Kleinen St. Peter gebetet und Adelia mit einem Bild ewiger Gnade beschenkt hatte.
»Veronica.« Die Priorin wirkte bekümmert – was Adelia für sie erwärmte. »Die Sanftmütigste von allen, möge Gott ihr beistehen. Was muss getan werden?«
Ja, was? Adelia blickte sorgenvoll auf die andere Seite des Kreuzgangs, wo sich jenseits der Säulen ein übergroßer Taubenschlag erhob, so sah es zumindest aus: zwei Reihen türloser Rundbögen, die jeweils in eine kaum vier Fuß breite Zelle führten, in der eine Nonne daniederlag.
Es gab keine Krankenstube – die Bezeichnung »Krankenpflegerin« war offenbar ein Ehrentitel, den die alte Schwester Odilia nur deshalb trug, weil sie sich mit Kräutern auskannte. Es gab auch kein Dormitorium, überhaupt keinen Raum, wo die Nonnen gemeinsam hätten gepflegt werden können.
»Die ursprünglichen Mönche waren Asketen, die Wert auf eigene Zellen legten«, sagte die Priorin, als sie Adelias Blick sah. »Wir benutzen sie noch, weil wir bis jetzt kein Geld hatten, um etwas Neues zu bauen. Könnt Ihr was tun?«
»Ich werde Hilfe brauchen.« Es wäre schon schwierig genug, in einem Krankensaal für zwanzig Frauen zu sorgen, die alle an schwerem Durchfall und Erbrechen litten, aber von Zelle zu Zelle laufen zu müssen, die gefährlich enge und geländerlose Treppe, die zu den oberen Zellen führte, hinauf und hinunter, das würde die Pflegerin selbst niederstrecken.
Sie sagte: »Darf ich fragen, ob Ihr mit Euren Nonnen gemeinsam esst?«
»Und wieso wollt Ihr das wissen, Mistress?« Die Priorin war beleidigt, als hätte Adelia ihr irgendein Versäumnis vorgeworfen.
Was sie in gewisser Weise auch tat. Sie musste daran denken, wie gewissenhaft Mutter Ambrosia auf die körperliche und seelische Nahrung ihrer Nonnen geachtet hatte, wenn sie am Kopf der Tafel im peinlich sauberen Refektorium von San Giorgio saß, wo zu gesunden Mahlzeiten aus der Bibel gelesen wurde und es gleich auffiel, wenn eine Nonne auf das eine oder andere keinen Appetit hatte, und entsprechend gehandelt werden konnte. Aber sie wollte nicht gleich zu Anfang einen Streit heraufbeschwören, daher sagte sie: »Es könnte etwas mit der Vergiftung zu tun haben.«
»Vergiftung? Wollt Ihr damit sagen, dass jemand uns ermorden will?«
»Absichtlich, nein. Unabsichtlich, ja. Cholera ist eine Form von Vergiftung. Da Ihr selbst offenbar verschont geblieben seid …«
Die Miene der Priorin ließ ahnen, dass sie es schon fast bedauerte, Adelia gerufen zu haben. »Zufällig habe ich eine eigene Unterkunft, und die Leitung des Klosters nimmt mich zu sehr in Anspruch, um gemeinsam mit den Schwestern zu speisen. Erst letzte Woche war ich in Ely und habe mit dem Abt … religiöse Fragen erörtert.«
Sie hatte von dem Abt ein Pferd gekauft, wie Edric der Reitknecht Adelia erzählt hatte.
Priorin Joan sprach weiter: »Ich schlage vor, Ihr beschränkt Euer Interesse auf die gegenwärtige Situation. Berichtet Eurem Arzt, dass hier keine Giftmörder ihr Unwesen treiben, und fragt ihn im Namen Gottes, was getan werden muss.«
Getan werden musste vor allem eines, nämlich Hilfe herbeiholen. Nachdem Adelia sich vergewissert hatte, dass es nicht die Luft im Kloster war, die die Nonnen krank gemacht hatte – obwohl es überall feucht und faulig roch –, ging sie zurück zu den Zwingern und schickte Edric den Reitknecht los, die Matildas zu holen.
Sie kamen zusammen mit Gyltha. »Der Junge ist in der Burg bei Sir Rowley und Mansur gut aufgehoben«, sagte sie, als Adelia ihr Vorwürfe machte. »Schätze, du brauchst mich mehr als er.«
Das stand außer Frage, aber es war für sie alle gefährlich.
»Ich bin dankbar, wenn ihr mir tagsüber helft«, erklärte Adelia den drei Frauen, »aber ihr werdet nicht über Nacht bleiben, denn solange diese Pestilenz währt, dürft ihr hier im Kloster nichts essen und nichts trinken. Darauf bestehe ich. Außerdem werden wir Eimer mit Weinbrand im Kreuzgang aufstellen, und wenn ihr die Nonnen berührt habt oder ihre Nachttöpfe oder irgendetwas, was ihnen gehört, dann müsst ihr eure Hände darin waschen.«
»Weinbrand?«
»Weinbrand.«
Adelia hatte ihre eigene Theorie über Krankheiten wie die, von der die Nonnen geplagt wurden. Und wie so viele ihrer Theorien entsprach sie nicht der Lehre Galens oder irgendeiner anderen derzeit verbreiteten medizinischen Meinung. Sie glaubte, dass der Brechdurchfall in solchen Fällen der Versuch des Körpers war, eine Substanz abzustoßen, die er nicht vertrug. In irgendeiner Form war ihm Gift zugeführt worden und, ergo, trat auch wieder Gift aus. Wasser war allzu häufig kontaminiert – wie in den Armenvierteln von Salerno, wo Krankheit allgegenwärtig war – und musste bis zum Beweis des Gegenteils als Quelle des ursprünglichen Giftes behandelt werden. Da alles Destillierte, in diesem Fall Weinbrand, häufig bei eiternden Wunden half, mochte es auch bei dem Gift wirken, das von den Nonnen ausgestoßen wurde, und die Helferinnen davor schützen, es selbst aufzunehmen.
Das waren Adelias Überlegungen, und sie handelte entsprechend.
»Mein Weinbrand?« Die Priorin äußerte ihren Unwillen, als sie sah, wie ein Fässchen aus ihrem Keller in zwei Eimer geleert wurde.
»Der Doktor besteht darauf«, erwiderte Adelia, als ob die Botschaften, die Edric aus der Burg brachte, Anweisungen von Mansur enthielten.
»Ihr solltet wissen, dass das der beste spanische ist«, sagte Joan. »Ein Grund mehr.«
Da sie alle gerade in der Küche waren, befand sich Adelia der Priorin gegenüber im Vorteil. Sie hatte die Frau im Verdacht, noch nie einen Fuß in den Raum gesetzt zu haben. Er war dunkel und von Ungeziefer befallen; und sie hatten, als sie eintraten, etliche Ratten aufgeschreckt, denen der Aufpasser kläffend nachgesetzt hatte, mit einer Begeisterung, die Adelia ihm gar nicht zugetraut hätte. Die Steinmauern waren mit altem Fett verkrustet. Der Kiefernholztisch war mit Abfall übersät, und die Furchen darunter starrten vor Dreck. Ein süßlicher Fäulnisgeruch hing in der Luft. In an Haken hängenden Töpfen klebten verschimmelte Essensreste, Mehlbehälter standen offen, und ihr Inhalt schien sich zu bewegen, dasselbe galt für die offenen Bottiche mit Wasser zum Kochen – Adelia fragte sich, ob die Nonnen in einem davon den Leichnam des Kleinen St. Peter gekocht hatten und ob sie ihn anschließend gereinigt hatten. An der Klinge eines Hackbeils klebten Fleischfasern, die nach Eiter stanken.
Adelia schnupperte daran und blickte dann auf. »Keine Giftmörder hier, sagtet Ihr? Eure Köchinnen gehören eingesperrt.«
»Unsinn«, sagte die Priorin, »ein bisschen Schmutz hat noch keinem geschadet.« Aber sie zog ihren Lieblingsjagdhund, der an irgendeiner unidentifizierbaren klebrigen Masse auf dem Boden leckte, am Halsband zurück. Sie nahm Haltung an und sagte: »Ich bezahle Doktor Mansur dafür, dass er meine Nonnen heilt, nicht dass seine Untergebene die Räumlichkeiten ausspioniert.«
»Doktor Mansur sagt, um einen Patienten zu behandeln, muss man die Räume behandeln.«
Adelia war nicht bereit nachzugeben. Sie hatten den schwersten Fällen in den Zellen etwas Opium verabreicht, um die Krämpfe zu lindern, und für die übrigen Kranken konnte jetzt nur noch wenig getan werden – außer sie zu waschen und ihnen abgekochtes Wasser einzuflößen, womit Gyltha und Matilda W bereits beschäftigt waren –, solange die Küche nicht so weit hergerichtet wurde, dass sie sie für ihre Zwecke nutzen konnten.
Adelia drehte sich zu Matilda B um, der diese Herkulesarbeit zufiel. »Schaffst du das, Kleine? Kannst du diesen Augiasstall ausmisten?«
»Haben die hier auch Pferde gehalten?« Matilda krempelte die Ärmel hoch und sah sich um.
»Würde mich nicht wundern.«
Mit einer ungehaltenen Priorin im Schlepptau machte sich Adelia auf einen Besichtigungsrundgang. Ein Wandschrank im Refektorium enthielt etikettierte Gläser, die einiges über Schwester Odilias Wissen in Kräuterkunde verrieten, aber auch einen reichlichen Vorrat an Opium – zu reichlich, wie Adelia fand. Sie wusste um die Wirkung der Droge und hielt ihren eigenen Vorrat aus Angst vor Diebstahl stets auf ein Minimum beschränkt.
Das Wasser des Klosters erwies sich als gesund. Eine zwar torfig verfärbte, aber reine Quelle entsprang aus der Erde und floss in eine Leitung, die durch die Gebäude führte: Zuerst durch die Küche, bevor sie den Fischteich des Konvents versorgte, dann weiter in die Waschküche der Nonnen, das Lavatorium, und schließlich aufgrund eines hilfreichen Gefälles unter der langen, mit zahlreichen Löchern versehenen Bank im Abort her. Die Bank war recht sauber, doch die Rinne, die darunter verlief, war schon seit Monaten nicht mehr ausgebürstet worden – eine Aufgabe, für die Adelia die Priorin ins Auge fasste, weil sie keinen Grund sah, Gyltha oder die Matildas damit zu betrauen.
Aber das hatte noch Zeit. Nachdem sie zunächst dafür gesorgt hatte, dass sich der Zustand ihrer Patientinnen nicht noch weiter verschlimmerte, richtete Adelia nun all ihre Energie darauf, das Leben der Frauen zu retten.
Prior Geoffrey kam, um ihre Seelen zu retten. Angesichts der Fehde zwischen ihm und der Priorin war das eine hochherzige Geste. Und noch dazu mutig. Der Priester, der den Schwestern sonst die Beichte abnahm, war aus Angst vor der Pest nicht gekommen, sondern hatte stattdessen einen Brief mit einer Generalabsolution für jede etwaige Sünde geschickt.
Es regnete. Wasserspeier auf dem Dach des Kreuzganges spuckten Kaskaden in den ungepflegten Garten im Zentrum des Ganges. Priorin Joan empfing den Prior und dankte ihm mit reservierter Höflichkeit. Adelia brachte seinen nassen Umhang zum Trocknen in die Küche.
Als sie zurückkehrte, war Prior Geoffrey allein. »Zum Kuckuck mit der Frau«, sagte er. »Ich glaube, sie verdächtigt mich, dass ich ihre ungünstige Lage ausnutzen und die Gebeine des Kleinen St. Peter stehlen will.«
Adelia freute sich, ihn zu sehen. »Wie geht es Euch, Prior?«
»Recht gut.« Er zwinkerte ihr zu. »Bis jetzt funktioniert alles tadellos.«
Er war schlanker als früher und sah gesünder aus. Sie war froh darüber und auch über seine Mission. »Ihre Sünden kommen mir so unbedeutend vor, nur ihnen selbst nicht«, sagte sie über die Nonnen. In besonders schlimmen Augenblicken, wenn sie sich dem Tode nahe glaubten, hatten einige der Patientinnen ihr anvertraut, aus welchen Gründen sie das Höllenfeuer fürchteten. »Schwester Walburga hat etwas von der Wurst gegessen, die sie den Fluss hinauf zu den Einsiedlern bringen sollte, aber wenn man hört, wie verzweifelt sie darüber ist, könnte man meinen, sie sei ein apokalyptischer Reiter und die Hure von Babylon in einer Person.«
Tatsächlich war Adelia zu der Überzeugung gelangt, dass die Anschuldigungen, die Bruder Gilbert gegen die Nonnen erhoben hatte, aus der Luft gegriffen waren. Ein Arzt erfuhr von akut erkrankten Patienten so manches Geheimnis, und Adelia hatte festgestellt, dass diese Frauen schludrig sein mochten, undiszipliniert, größtenteils ungebildet – alles Fehler, für die sie die Nachlässigkeit ihrer Priorin verantwortlich machte –, aber nicht unzüchtig.
»Christus wird ihr die Wurst verzeihen«, sagte Prior Geoffrey ernst.
Als er allen Schwestern im Erdgeschoss die Beichte abgenommen hatte, war es bereits dunkel geworden. Adelia erwartete ihn am Ende der Reihe vor Schwester Veronicas Zelle, um ihm den Weg zu den oberen Zellen zu leuchten.
Er blieb stehen. »Ich habe Schwester Odilia die Sterbesakramente gegeben.«
»Prior, ich hoffe noch, sie zu retten.«
Er klopfte ihr auf die Schulter. »Selbst Ihr könnt keine Wunder vollbringen, meine Tochter.« Er schaute zurück in die Zelle, die er gerade verlassen hatte. »Ich sorge mich um Schwester Veronica.«
»Ich auch.« Der jungen Nonne ging es unerklärlich schlecht.
»Die Beichte hat dem Kind nicht die Last seiner Sünden nehmen können«, sagte Prior Geoffrey. »Mitunter tragen besonders fromme Menschen, wie sie einer ist, das Kreuz allzu großer Gottesfurcht. Für Veronica ist das Blut unseres Herrn noch immer feucht.«
Adelia führte ihn die vom Regen schlüpfrige Treppe hinauf, über die er sich heftig beschwerte, und ging wieder hinunter zu Odilias Zelle. Die Krankenpflegerin lag so da wie schon seit Tagen. Ihre dürren, von Erde verfärbten Hände zupften an der Decke, um sie abzuwerfen.
Adelia deckte sie wieder richtig zu, wischte etwas von dem Öl ab, das ihr von der Stirn tropfte, und versuchte, sie mit Gylthas Kalbsfußsülze zu füttern. Die alte Frau presste die Lippen zusammen. »Das gibt Euch Kraft«, flehte Adelia sie an. Es half nichts. Odilias Seele wollte sich des hohlen, ausgebrannten Körpers entledigen.
Adelia hatte das Gefühl, sie im Stich zu lassen, aber Gyltha und die beiden Matildas waren, wenn auch widerstrebend, gegangen, so dass nur noch sie und die Priorin da waren, um den anderen Schwestern etwas zu essen zu verabreichen.
Walburga, ehemals Ulfs »Schwester Speckgesicht«, war jetzt wesentlich dünner. Sie sagte: »Der Herr hat mir vergeben, der Herr sei gelobt.«
»Das habe ich mir schon gedacht. Hier, macht den Mund auf.« Aber nach ein paar Löffeln wurde die Schwester von einer neuen Sorge erfasst: »Wer bringt denn jetzt den Einsiedlern das Essen? Wir dürfen doch nicht essen, wenn sie darben.«
»Ich werde mit Prior Geoffrey sprechen. Mund auf. Einen für den Vater. So ist’s brav. Einen für den Heiligen Geist …«
Schwester Agatha gleich nebenan musste sich nach drei Löffeln gleich wieder übergeben. »Sorgt Euch nicht«, sagte sie und wischte sich den Mund ab. »Morgen geht’s mir besser. Wie geht es den anderen? Ich will die Wahrheit hören.«
Adelia mochte Agatha, die Nonne, die so mutig oder so betrunken gewesen war, sich während des Festes auf Grantchester mit Bruder Gilbert anzulegen. »Den meisten geht’s schon wieder besser«, sagte sie, und als Agatha sie fragend anschaute, fuhr sie fort: »Aber Schwester Odilia und Schwester Veronica bereiten mir noch immer Sorgen.«
»Oh nein, nicht Odilia«, sagte Agatha beschwörend. »Sie ist so eine gute alte Seele. Maria, Mutter Gottes, bitte für sie.«
Und Veronica? Für sie keine Fürbitte? Die Auslassung war eigenartig; sie war Adelia auch bei anderen Nonnen aufgefallen, wenn sie sich nach dem Befinden ihrer Schwestern in Christo erkundigten. Nur Walburga, die etwa im selben Alter war, hatte nach Veronica gefragt.
Vielleicht wurde die junge Nonne beneidet, weil sie schön und jung war oder weil sie ganz offensichtlich der Liebling der Priorin war.
Eindeutig der Liebling, dachte Adelia. Auf Joans Gesicht hatte sich ein großer Schmerz gezeigt, als sie die leidende Veronica sah, ein Schmerz, der von großer Liebe zeugte. Adelia, die jetzt für Liebe in all ihren Formen empfänglich war, merkte, dass sie die Frau aus tiefstem Herzen bemitleidete, und sie fragte sich, ob die Energie, die Joan in die Jagd steckte, nicht vielleicht Ablenkung von einer Leidenschaft war, für die sie als Nonne, und vor allem als Nonne mit Autorität, von Schuldgefühlen gemartert werden musste.
War sich Schwester Veronica bewusst gewesen, dass sie ein Objekt der Begierde war? Wahrscheinlich nicht. Wie Prior Geoffrey gesagt hatte, besaß das Mädchen eine Weltfremdheit, die von einem spirituellen Leben kündete, das dem Rest des Klosters fremd war.
Als der Prior auch in den oberen Zellen fertig war, wies Adelia ihn an, sich die Hände im Weinbrand zu waschen. Das erstaunte ihn. »Ich wende ihn sonst innerlich an. Gleichwohl, ich stelle nichts mehr in Frage, was Ihr von mir verlangt.«
Sie leuchtete ihm zum Tor, wo ein Reitknecht mit zwei Pferden auf ihn wartete. »Ein heidnischer Ort ist das«, sagte er zögernd. »Vielleicht liegt es an der Architektur oder an den barbarischen Mönchen, die das Kloster erbaut haben, aber wenn ich dort bin, spüre ich stets eher die Anwesenheit eines gehörnten Wesens denn Heiligkeit, und diesmal meine ich nicht Priorin Joan. Allein schon die Anordnung dieser Zellen …« Er verzog das Gesicht. »Ich lasse Euch nur ungern hier – noch dazu mit so wenig Hilfe.«
»Ich habe Gyltha und die Matildas«, erwiderte Adelia. »Und natürlich den Aufpasser.«
»Gyltha ist bei Euch? Wieso habe ich sie nicht gesehen? Dann besteht kein Grund zur Sorge; diese Frau schlägt die Kräfte der Finsternis im Alleingang zurück.«
Er gab ihr seinen Segen. Der Reitknecht nahm das Kästchen mit dem geweihten Öl in Empfang und steckte es in eine Satteltasche, dann half er ihm aufs Pferd, und sie ritten davon.
Es hatte aufgehört zu regnen, doch der Mond, der jetzt voll sein musste, war hinter dichten Wolken verborgen. Adelia blieb noch eine Weile stehen, nachdem die beiden Reiter verschwunden waren, und lauschte dem Hufgetrappel, das sich in der Finsternis verlor.
Sie hatte dem Prior verschwiegen, dass Gyltha nicht über Nacht blieb und dass sie sich vor allem nachts fürchtete. »Heidnisch«, sagte sie laut. »Selbst der Prior spürt es.« Sie ging zurück zum Kreuzgang, ließ das Tor jedoch offen. Nicht etwas, was außerhalb des Klosters war, jagte ihr Angst ein, es war das Kloster selbst. Hier war keine Luft, nichts von Gottes Licht, selbst die Kapelle hatte keine Fenster, nur schmale Schießscharten in den dicken, schmucklosen Steinmauern, die die Grausamkeit widerspiegelten, zu deren Abwehr sie erbaut worden waren.
Aber die Grausamkeit war eingedrungen, dachte Adelia. In das schreckliche alte Steingrab in der Kapelle waren Wölfe und Drachen gemeißelt, die sich zwischen einem Gewirr von männlichen Gestalten gegenseitig zerfleischten. Die verschnörkelte Umrandung am Altar umgab eine Figur mit hochgereckten Armen, vielleicht Lazarus, doch das Kerzenlicht verlieh ihr etwas Dämonisches. Die Blattverzierungen um die Bogeneingänge der Zellen ließen den vorrückenden Wald erahnen, der Arme aus Efeu und Kriechpflanzen miteinander verschlang.
Adelia, die nicht an den Teufel glaubte, ertappte sich dabei, dass sie nachts, wenn sie an der Pritsche einer Nonne saß, auf ihn lauschte und den Schrei einer Nachteule als Antwort nahm. Für sie ebenso wie für Prior Geoffrey waren die zwanzig gähnenden Löcher, zehn unten, zehn oben, in denen die Nonnen hausten, ein Monument der Barbarei. Wenn sie zu einer anderen Zelle gerufen wurde, musste sie sich zwingen, über die tückische, dunkle Treppe und den schmalen Sims zu gehen, der dorthin führte.
Tagsüber, wenn Gyltha und die Matildas wiederkamen und Trubel und gesunden Menschenverstand mit sich brachten, gönnte sie sich ein paar Stunden Ruhe in den Räumen der Priorin, doch selbst dann drängten sich die beiden Zellenreihen vorwurfsvoll in ihren Schlaf der Erschöpfung, wie die Gräber toter Höhlenbewohner.
Als sie nun dem Kreuzgang folgte, um nach Schwester Veronica zu sehen, erweckte das flackernde Licht ihrer Laterne die hässlichen Köpfe der Säulenkapitelle zum Leben. Sie schnitten Fratzen, und Adelia war froh, dass der Hund an ihrer Seite war.
Veronica warf sich auf ihrer Pritsche hin und her, entschuldigte sich bei Gott dafür, dass sie nicht starb. »Vergib mir, Herr, dass ich nicht bei Dir bin. Gütiger Meister, zürne nicht ob meiner Missetaten, denn ich würde zu Dir kommen, wenn ich könnte …«
»Unsinn«, wies Adelia sie zurecht, »Gott ist ganz zufrieden mit Euch, und Er will, dass Ihr lebt. Öffnet den Mund und esst ein bisschen feine Kalbsfußsülze.«
Doch wie Odilia wollte auch Veronica nicht essen. Schließlich gab ihr Adelia eine halbe Opiumpille und wartete ab, bis sie wirkte. Die Zelle war von den zwanzig die kargste, nur geschmückt mit einem Kreuz, das wie alle Wandkruzifixe der Nonnen aus Weidenruten geflochten war.
Irgendwo draußen im Marschland schlug eine Rohrdommel. Im Kreuzgang tropfte Wasser mit einer Regelmäßigkeit, die Adelias Nerven strapazierte, auf die Steine. Sie hörte Würgen aus Schwester Agathas Zelle und eilte zu ihr.
Den Nachttopf zu leeren bedeutete, den Kreuzgang verlassen zu müssen. Als sie zurückkam, ließ ein Riss in den Wolken etwas Mondlicht hindurch, und Adelia sah die Gestalt eines Mannes neben einer Säule.
Sie schloss die Augen, öffnete sie dann wieder und ging weiter. Es war nur ein täuschender Schatten gewesen, das Glänzen des Regens. Da war niemand. Sie legte eine Hand an die Säule und lehnte sich kurz dagegen. Die Gestalt hatte Hörner getragen. Aufpasser schien nichts bemerkt zu haben, aber das tat er ja ohnehin fast nie.
Ich bin sehr müde, dachte sie.
In Odilias Zelle schrie Priorin Joan laut auf …
Nachdem sie die Gebete gesprochen hatten, hüllten Adelia und die Priorin den Leichnam der Krankenpflegerin in ein Tuch und trugen ihn gemeinsam zur Kapelle. Sie legten ihn auf einen behelfsmäßigen Katafalk aus zwei Tischen, über die ein Tuch gebreitet war, entzündeten Kerzen und stellten sie ans Fußund ans Kopfende.
Die Priorin blieb, um ein Requiem zu singen. Adelia ging zurück zu den Zellen und setzte sich an Agathas Bett. Alle Nonnen schliefen, wofür sie dankbar war. Es war besser, wenn sie erst morgen von dem Tod erfuhren, dann wären sie kräftiger. Das heißt, wenn es an diesem furchtbaren Ort je Morgen wird, dachte sie. Heidnisch, hatte der Prior gesagt. Die starke, einsame Altstimme, die fern in der Kapelle erklang, schien kein christliches Requiem zu singen, sondern einen gefallenen Krieger zu beklagen. War es Odilias Tod gewesen oder irgendetwas in den Steinen selbst, das die gehörnte Gestalt im Kreuzgang heraufbeschworen hatte?
Erschöpfung, sagte Adelia sich erneut. Du bist müde.
Aber das Bild ließ sie nicht los, und um es abzuschütteln, ersetzte sie es in ihrer Fantasie durch eine andere Gestalt, eine rundlichere, fröhlichere, über alles geliebte, bis nicht mehr das Grauen da stand, sondern Rowley. In dem Gefühl, von seiner tröstlichen Präsenz behütet zu werden, schlief sie ein.
Schwester Agatha starb in der Nacht darauf. »Ihr Herz hat einfach aufgehört zu schlagen«, schrieb Adelia in einer Nachricht an Prior Geoffrey. »Es war ihr schon wieder besser gegangen. Ich hatte es nicht erwartet.« Und sie hatte geweint.
Mit Ruhe und Gylthas gutem Essen erholten sich die übrigen Nonnen rasch. Veronica und Walburga, die beiden Jüngsten, waren schneller wieder auf den Beinen, als Adelia lieb war, obwohl der Hochstimmung der beiden nur schwer zu widerstehen war. Dennoch, es war unvernünftig von ihnen, dass sie sogleich flussaufwärts fahren wollten, um die vernachlässigten Einsiedler zu versorgen, zumal die beiden Schwestern in Gott zwei Kähne würde staken müssen, um die notwendige Menge an Nahrung und Brennstoff transportieren zu können.
Adelia wandte sich an Priorin Joan und bat sie, die beiden daran zu hindern, sich zu überanstrengen.
Sie war selbst am Ende ihrer Kraft und nahm kein Blatt vor den Mund. »Sie sind noch immer meine Patienten. Ich kann es nicht zulassen.«
»Sie sind noch immer meine Nonnen. Und die Einsiedler meine Verantwortung. Von Zeit zu Zeit braucht vor allem Schwester Veronica die Freiheit und Einsamkeit, die sie bei ihnen findet. Sie hat darum gebeten, und ich habe es immer gewährt.« »Prior Geoffrey hat versprochen, die Einsiedler zu versorgen.« »Ich habe keine hohe Meinung von Prior Geoffreys Versprechungen.«
Es war nicht das erste Mal, auch nicht das zweite oder dritte Mal, dass Joan und Adelia aneinandergerieten. Die Priorin, die einsah, dass sie mit ihrer häufigen Abwesenheit das Kloster und die Nonnen an den Rand des Ruins getrieben hatte, versuchte unwillkürlich, ihre Autorität wiederherzustellen, indem sie sich Adelia widersetzte.
Sie hatten sich wegen Aufpasser gestritten, von dem die Priorin zu Recht behauptete, er stinke – aber nicht mehr als die Zellen der Nonnen. Sie hatten sich wegen der Verabreichung von Opium gestritten, weil die Priorin beschlossen hatte, sich auf die Seite der Kirche zu schlagen. »Schmerz ist von Gott gesandt – nur Gott sollte ihn lindern.«
»Wer sagt das? Wo in der Bibel steht das?«, hatte Adelia gefragt.
»Ich habe gehört, die Pflanze macht süchtig. Sie werden es weiter nehmen wollen.«
»Nein. Sie wissen gar nicht, was sie da einnehmen. Es wirkt vorübergehend, es ist ein Schlafmittel, damit sie keine Schmerzen spüren.«
Vielleicht weil sie den einen Streit gewonnen hatte, verlor sie den anderen. Die beiden Nonnen erhielten die Erlaubnis der Priorin, den Einsiedlern Vorräte zu bringen – und Adelia, die wusste, dass sie nichts mehr für das Kloster tun konnte, verließ es zwei Tage später.
Genau zur selben Zeit, als die Assise in Cambridge eintraf.
Der Lärm war ohnehin schon überwältigend, aber für Adelia, deren Ohren sich an Stille gewöhnt hatten, war es, als prügelte man auf sie ein. Mit ihrem schweren Arzneikasten war der Weg vom Kloster zur Stadt mühsam gewesen, und jetzt, wo sie nur noch zurück zum Haus des alten Benjamin und schlafen wollte, stand sie auf der falschen Seite der Bridge Street in einer Menschenmenge, während die Parade vorüberzog.
Zuerst erkannte sie gar nicht, dass das die Assise war. Der Reiterzug mit livrierten Musikern, die Hörner bliesen und Tamburine schlugen, versetzte sie zurück nach Salerno, wo in der Woche vor Aschermittwoch der carnevale die Stadt eroberte, obwohl die Kirche alles tat, um das zu verhindern.
Jetzt kamen Trommeln – und Büttel in reich verzierter Amtstracht, mit prächtigen, goldenen Keulen über der Schulter. Und, du liebe Güte, mitratragende Bischöfe und Äbte auf herausgeputzten Pferden, und manche von ihnen winkten sogar. Und ein lustiger Henker mit Kapuze und Axt …
Doch dann begriff sie, dass der Henker nicht lustig war. Es würde keine Gaukler und Tanzbären geben. Die drei Leoparden der Plantagenets waren allgegenwärtig, und die schönen Sänften, die jetzt auf den Schultern wappenrocktragender Männer vorbeischwebten, bargen die Richter des Königs, die gekommen waren, um Cambridge mit ihren Waagen zu wiegen, und, falls Rowley Recht behielt, es in vielen Belangen zu leicht zu finden.
Doch die Menschen um sie herum jubelten, als wären sie ausgehungert nach Unterhaltung, als würden ihnen die bevorstehenden Gerichtsverfahren und Bußen und Todesurteile genau das liefern.
Adelia war ganz verwirrt von dem Tumult, und plötzlich sah sie Gyltha, die sich auf der anderen Straßenseite durch die Menge nach vorne drängte, den Mund weit geöffnet, als jubelte auch sie. Aber sie jubelte nicht.
Allerliebster Gott, mach, dass sie es nicht sagt. Es ist unsagbar, unerträglich. Schau nicht so aus.
Gyltha rannte auf die Straße, ein Reiter zügelte fluchend sein Pferd, das zur Seite scheute, um sie nicht niederzutrampeln. Sie sprach, stierte, reckte die Hände. Sie kam näher, und Adelia trat zurück, um ihr auszuweichen, aber ihr Schrei durchdrang alles. »Hat einer von euch meinen kleinen Jungen gesehen?«
Sie war wie eine Blinde. Sie packte Adelias Ärmel, ohne sie zu erkennen. »Hast du meinen kleinen Jungen gesehen? Er heißt Ulf. Ich kann ihn nich finden.«