Kapitel Vier

Als sie sich dem großen Tor der Abtei Barnwell näherten, sahen sie in der Ferne auf der weit und breit einzigen Erhebung die Burg Cambridge, deren Umrisse durch die Überreste des im Vorjahr niedergebrannten Turms und durch das drum herum aufgestellte Gerüst zerklüftet und stachelig wirkten. Im Vergleich zu den mächtigen Zitadellen, die Adelia an den Hängen des Apennin hatte kleben sehen, war das da eine Zwergenfestung, aber sie verlieh der Aussicht dennoch einen gewissen robusten Charme.

»Von den Römern errichtet«, erklärte Prior Geoffrey, »sollte den Fluss bewachen, hat es aber wie so manch andere Befestigung auch nicht geschafft, die Wikinger oder Dänen abzuwehren, ebenso wenig wie William den Normannen, nebenbei bemerkt. Nachdem er sie zerstört hatte, musste er sie gleich wieder aufbauen.«

Der Reiterzug war jetzt kleiner geworden. Die Priorin war vorausgeeilt und hatte ihre Nonne, ihren Ritter und ihren Vetter Roger aus Acton mitgenommen. Die Bürger waren Richtung Cherry Hinton abgebogen.

Prior Geoffrey, der nun wieder hoch zu Ross und in alter Pracht die Prozession anführte, musste sich hinabbeugen, um mit seinen Rettern auf dem Bock des Maultierkarrens zu reden. Sein Ritter, Sir Gervase, bildete finsteren Blickes die Nachhut.

»Cambridge wird Euch in Erstaunen versetzen«, sagte der Prior gerade. »Wir haben eine vorzügliche pythagoreische Schule, die von Schülern aus dem ganzen Land besucht wird. Obwohl die Stadt im Landesinnern liegt, hat sie einen florierenden Hafen, fast so wie Dover – aber gottlob nicht so stark von Franzosen heimgesucht. Die Cam ist zwar ein recht träger Fluss, aber sie ist bis zur Mündung in die Ouse schiffbar, und die wiederum mündet in die Nordsee. Ich glaube, es ist nicht übertrieben zu sagen, dass von den Ländern der östlichen Welt nur wenige ihre Güter nicht an unseren Kais entladen. Von dort werden sie mit Maultiergespannen über die römischen Straßen, die die Stadt durchschneiden, in alle Teile Englands verschickt.«

»Und was verschickt ihr dafür, Mylord?«, fragte Simon.

»Wolle. Feinste Wolle aus East Anglia.« Prior Geoffrey schmunzelte mit der Zufriedenheit eines hohen Prälaten, dessen saftige Weiden einen Großteil der Ware hervorbrachten. »Räucherfisch, Aale, Austern. O ja, Master Simon, Cambridge darf sich durchaus rühmen, eine florierende Handelsstadt zu sein mit, wenn ich so sagen darf, kosmopolitischem Flair.«

Durfte er das sagen? Mit Blick auf die drei im Wagen schwante ihm nichts Gutes. Konnte dieses seltsame Trio unbemerkt bleiben, selbst hier, in einer Stadt, die an den Anblick bärtiger Skandinavier gewöhnt war, an holzschuhtragende Niederländer und schlitzäugige Russen, an Templer und Hospitaliter aus dem Heiligen Land, an lockige Magyaren und Schlangenbeschwörer? Er warf einen Blick hinter sich, beugte sich dann vor und zischelte: »Wie gedenkt Ihr, Euch vorzustellen?«

Simon sagte arglos: »Da man unserem guten Mansur bereits Eure Heilung zuschreibt, Mylord, dachte ich, wir führen die Täuschung fort, indem wir ihn als Mediziner ausgeben und Dr. Trotula und mich als seine Gehilfen. Vielleicht auf dem Marktplatz? An irgendeinem belebten Punkt, von wo aus wir unsere Nachforschungen in Angriff nehmen können …«

»In diesem verdammten Karren?« Die Empörung, auf die es Simon aus Neapel angelegt hatte, stellte sich prompt ein. »Wollt Ihr etwa, dass Mistress Adelia von den Händlerinnen bespuckt wird? Von hergelaufenen Vagabunden belästigt?« Der Prior beruhigte sich: »Ich halte es für unumgänglich, ihre Profession geheim zu halten, da Ärztinnen in England unbekannt sind. Man würde sie gewiss exotisch finden.« Noch exotischer, als sie ohnehin schon ist, dachte er. »Wir werden nicht zulassen, dass sie als die Hure irgendeines Quacksalbers beschimpft wird. Wir sind eine angesehene Stadt, Master Simon, wir haben Euch Besseres zu bieten.«

»Mylord.« Zum Zeichen der Dankbarkeit hob Simon die Hand an die Stirn. Und insgeheim dachte er: Genau das habe ich auch von dir erwartet.

»Außerdem wäre es nicht ratsam, wenn Ihr Euren Glauben, oder das Fehlen desselben, kundtut«, fuhr der Prior fort.

»Cambridge ist wie eine straff gespannte Armbrust, die bei der kleinsten Unregelmäßigkeit wieder losgehen könnte.« Zumal, so dachte er, diese drei besonderen Unregelmäßigkeiten vorhatten, in Cambridges Wunden zu stochern.

Er verstummte. Der Steuereintreiber hatte zu ihnen aufgeschlossen, zügelte sein Pferd, bis es so gemächlich dahintrottete wie die Maultiere, verbeugte sich artig Richtung Prior, bedachte Simon und Mansur mit einem Nicken und sprach dann Adelia an: »Madam, wir sind die ganze Zeit zusammen auf dieser Reise, doch ohne einander vorgestellt worden zu sein. Sir Roland Picot, zu Ihren Diensten. Ich möchte Euch zur Heilung unseres guten Priors beglückwünschen.«

Simon beugte sich rasch vor: »Die Glückwünsche gebühren diesem Herrn, Mylord.« Er deutete auf Mansur, der die Zügel in der Hand hielt. »Er ist unser Arzt.«

Der Steuereintreiber horchte interessiert auf. »Tatsächlich? Mir wurde gesagt, man habe gehört, wie eine Frauenstimme bei der Operation die Anweisungen erteilte.«

Ach, tatsächlich? Und von wem wohl, fragte sich Simon. Er stupste Mansur an.

»Sag was«, befahl er auf Arabisch.

Mansur reagierte nicht.

Unauffällig trat Simon ihn gegen den Knöchel. »Sprich mit ihm, du grober Klotz.«

»Und was soll ich dem fetten Arschloch sagen?«

»Der Arzt ist froh, dass er dem ehrwürdigen Prior behilflich sein konnte«, erklärte Simon dem Steuereintreiber. »Er sagt, dass er hoffentlich jeden in Cambridge, der sich hilfesuchend an ihn wendet, ebenso erfolgreich behandeln kann.«

»So, so«, sagte Sir Roland Picot und unterließ es, seine eigenen Arabischkenntnisse zu erwähnen. »Er hat eine erstaunlich helle Stimme.«

»Genau, Sir Roland«, sagte Simon. »Seine Stimme könnte durchaus als Frauenstimme durchgehen.« Er wurde vertraulich. »Zur Erklärung: Master Mansur wurde als Kind von Mönchen aufgenommen, und weil sie seine Singstimme so schön fanden, haben sie … ähm, dafür gesorgt, dass sie es auch blieb.«

»Ein castrato, bei Gott«, sagte Sir Roland mit großen Augen.

»Heutzutage widmet er sich natürlich der Medizin«, sagte Simon, »doch wenn er dem Herrn ein Loblied singt, weinen die Engel vor Neid.«

Mansur hatte das Wort »castrato« gehört und fing prompt an zu fluchen, was weitere Engelstränen fließen ließ, während er über die Christen im Allgemeinen und die ungesunde Zuneigung zwischen Kamelen und den Müttern der byzantinischen Mönche im Besonderen schimpfte, die ihn kastriert hatten. Er stieß die Laute mit einem arabischen Tremolo aus, das es mit Vogelgezwitscher aufnehmen konnte und in der Luft zerschmolz wie süße Eiszapfen.

»Hört Ihr, Sir Roland?«, fragte Simon, die Leute übertönend.

»Gewiss war das die Stimme, die man vernommen hat.«

Sir Roland sagte: »Offensichtlich.« Und dann noch einmal mit einem entschuldigenden Lächeln: »Offensichtlich.«

Er versuchte weiter, Adelia in ein Gespräch zu verwickeln, doch sie antwortete einsilbig und mürrisch. Von aufdringlichen Engländern hatte sie genug. Ihre Aufmerksamkeit galt der Landschaft. Sie war Berge gewohnt und hatte erwartet, das flache Land würde sie langweilen. Aber sie hatte nicht mit dem hohen Himmel gerechnet oder mit der Bedeutung, die er einem einsamen Baum verlieh, der Krümmung eines vereinzelten Schornsteins oder Kirchturms, der sich dagegen abhob. Die zahllosen Grünschattierungen ließen vermuten, dass es unbekannte Kräuter zu entdecken gab, und die schmalen Felder malten Schachbretter aus Smaragdgrün und Schwarz.

Und erst die Weidenbäume. Sie waren allgegenwärtig, säumten Bäche, Deiche und Straßen. Bruchweide, um Uferbänke zu stabilisieren, Bunte Weide, Silberweide, Grauweide, Salweide, Weiden, um daraus Knüppel zu machen oder Weidenruten, Lorbeerweide, Mandelweide, schön anzuschauen, wenn das Sonnenlicht durch die Zweige fiel, und noch schöner, weil sich mit einem Sud aus Weidenrinde Schmerzen lindern ließen … Sie fiel fast nach vorn, als Mansur die Maultiere ruckartig zügelte. Die Prozession war abrupt zum Stillstand gekommen, weil Prior Geoffrey eine Hand erhoben hatte und jetzt laut betete. Die Männer rissen sich die Mützen vom Kopf und hielten sie sich vor die Brust.

Ein schlammbespritztes Zugpferd schritt durch das Tor. Über seinen Rücken war ein schmutziges Stück Segeltuch gebreitet, und darunter malten sich drei kleine Bündel ab. Der Mann, der das Pferd führte, ließ den Kopf hängen. Eine Frau folgte ihm, sie schrie und riss an ihren Kleidern.

Die vermissten Kinder waren gefunden worden.



Die Kirche St. Andrew the Less auf dem Grundstück des Klosters St. Augustine in Barnwell war zweihundert Fuß lang, eine gemeißelte und bemalte Lobpreisung Gottes. Heute jedoch missachtete das durch die hohen Fenster gedämpfte Frühlingslicht die Gesichter der liegenden steinernen Prioren entlang der Wände, die Statue des heiligen Augustinus, die reich verzierte Kanzel, die Pracht von Altar und Triptychon.

Stattdessen fiel es in breiten Streifen auf die drei kleinen Katafalke im Kirchenschiff, die mit violetten Tüchern zugedeckt waren, und auf die Köpfe der Männer und Frauen, die in Arbeitskleidung drum herum knieten.

Die sterblichen Überreste der drei Kinder waren am Morgen auf einer Schafweide am Fleam Dyke gefunden worden. Ein Schäfer war im Morgengrauen über sie gestolpert und zitterte noch immer. »Letzte Nacht lagen die noch nich da, das schwöre ich, Prior. Kann doch auch gar nich, oder? Die Füchse waren noch nich dran. Alle drei schön ordentlich nebeneinander, jawohl, Gott segne sie. Das heißt, wenn man da von ordentlich reden kann …« Er verstummte und musste würgen.

Auf jeden Leichnam war ein Gegenstand gelegt worden, der an die Zeichen erinnerte, die man an den Orten gefunden hatte, wo die Kinder zuletzt gesehen worden waren. Aus Binsen geflochten und geformt wie ein Davidstern.

Prior Geoffrey hatte die drei Bündel in die Kirche bringen lassen und eine verzweifelte Mutter daran gehindert, sie zu enthüllen. Er hatte den Sheriff in der Burg durch einen Boten vor der Möglichkeit eines erneuten Aufruhrs gewarnt und ihn gebeten, den Vogt in seiner Eigenschaft als Leichenbeschauer herzuschicken, der die sterblichen Überreste umgehend sichten und eine öffentliche Untersuchung anordnen solle. Er hatte für Ruhe gesorgt, obwohl Verzweiflung und Empörung allenthalben rumorten.

Jetzt las er mit einer Stimme voller Heilsgewissheit die tröstenden Worte, dass der Tod von Herrlichkeit überwunden werde, woraufhin die schrillen Schreie der Mutter verstummten und sie nur noch leise schluchzte. »Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden, plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune.«

Der Duft der Glockenblumen, der durch das offene Tor hereindrang, und der im Innenraum verschwenderisch eingesetzte Weihrauch überdeckten beinahe den Verwesungsgestank.

Der helle Gesang der Kanoniker übertönte fast das Summen der unter den violetten Überwürfen gefangenen Fliegen.

Die Worte des heiligen Paulus linderten ein wenig den Kummer des Priors, als er sich die Seelen der Kinder vorstellte, wie sie über Gottes Auen tollten, nicht jedoch seinen Zorn darüber, dass sie viel zu früh dorthin katapultiert worden waren. Zwei von den Kindern hatte er nicht gekannt, aber einer der Jungen war Harold, der Sohn des Aalhändlers, der die zu St. Augustine gehörende Schule besucht hatte. Sechs Jahre alt und ein aufgewecktes Kind, das einmal die Woche kam, um Lesen und Schreiben zu lernen. Auffallend rotes Haar. Und ein richtiger kleiner Sachse; im letzten Herbst hatte er Äpfel aus dem Klostergarten geklaut.

Und ich habe ihm dafür das Fell gegerbt, dachte der Prior.

Adelia stand im Schatten einer Säule und beobachtete, wie sich auf den Gesichtern um die Katafalke ein wenig Trost zeigte. Die Nähe zwischen Kloster und Stadt mutete sie seltsam an. In Salerno bewahrten selbst die Mönche, die in die Welt hinauszogen, um ihre Pflichten zu erfüllen, stets eine gewisse Distanz zum Laienstand.

»Aber wir sind keine Mönche«, hatte Prior Geoffrey ihr erklärt, »wir sind Kanoniker.« Der Unterschied erschien ihr unerheblich, schließlich lebten sowohl Mönche als auch Kanoniker in klösterlicher Gemeinschaft, gelobten Ehelosigkeit und dienten dem christlichen Gott, doch hier in Cambridge war die Unterscheidung bedeutsam. Als die Kirchenglocke das Auffinden der Kinder verkündet hatte, waren die Menschen aus der Stadt herbeigeeilt – um Trost zu suchen und zugleich Trost zu spenden.

»Unsere Regel ist weniger streng als die der Benediktiner oder Zisterzienser«, hatte der Prior gesagt. »Wir verbringen weniger Zeit mit Gebeten und Gesängen und widmen sie dafür eher der Erziehung, der Hilfe für die Armen und Kranken, der Arbeit im Beichtstuhl und allgemeiner Seelsorge.« Er versuchte zu lächeln. »Das wird Euch gefallen, meine liebe Mistress Ärztin. Mäßigung in allen Dingen.«

Jetzt beobachtete sie ihn, wie er die Eltern nach der Verabschiedung vom Chorraum nach draußen ins Sonnenlicht führte und ihnen versprach, dass er selbst die Trauergottesdienste leiten würde. »… und den Teufel aufspüren, der das getan hat.«

»Wir wissen, wer es war, Prior«, sagte einer der Väter. Zustimmung ertönte wie das Knurren von Hunden.

»Die Juden können es nicht gewesen sein, mein Sohn. Sie sind in der Burg noch immer in sicherem Gewahrsam.«

»Irgendwie kommen sie aber raus.«

Die Leichname unter den violetten Tüchern wurden ehrfürchtig auf Tragen durch eine Seitentür hinausgebracht, begleitet vom Vogt des Sheriffs, der seinen Leichenbeschauerhut aufgesetzt hatte.

Die Kirche leerte sich. Simon und Mansur waren klugerweise erst gar nicht gekommen. Ein Jude und ein Sarazene innerhalb dieser geweihten Mauern? Zu dieser Zeit?

Die Ziegenledertasche zu ihren Füßen, wartete Adelia im Schatten einer der Nischen neben dem Grab von Paulus, Prior von St. Augustine in Barnwell, der im Jahre Unseres Herrn 1151 zu Gott gerufen worden war. Sie wappnete sich für das, was nun kommen würde.

Sie hatte sich noch nie vor einer Leichenöffnung gedrückt, und sie würde sich auch vor dieser nicht drücken. Dafür war sie schließlich hier. Gordinus hatte gesagt: »Ich schicke dich mit Simon aus Neapel auf diese Mission, und zwar nicht nur, weil du die einzige Ärztin der Toten bist, die Englisch spricht, sondern weil du die Beste bist.«

»Ich weiß«, hatte sie gesagt, »aber ich will nicht.«

Doch sie hatte keine Wahl gehabt, da es sich um den ausdrücklichen Befehl des Königs von Sizilien gehandelt hatte.

In der kühlen Steinhalle der Medizinschule von Salerno, wo die Leichen seziert wurden, hatte sie stets die erforderlichen Gerätschaften zur Verfügung gehabt, und Mansur hatte ihr assistiert. Ihr Ziehvater, der Leiter der Abteilung, hatte ihre Erkenntnisse dann an die Obrigkeit weitergegeben. Denn obwohl Adelia den Tod besser lesen konnte als ihr Ziehvater, besser als jeder andere, musste die Täuschung aufrechterhalten werden, dass Doktor Gerschom bin Aguilar die Untersuchungen der Leichen vornahm, die ihnen von der Stadtregierung, der Signoria, geschickt wurden. Selbst in Salerno, wo Medizinerinnen praktizieren durften, wurde das Sezieren, wodurch sich feststellen ließ, woran ein Mensch gestorben war – und oftmals auch durch wessen Hand –, von der Kirche mit Ablehnung betrachtet.

Bislang hatte die Wissenschaft sich gegen die Religion durchgesetzt. Andere Ärzte wussten, wie nützlich Adelias Arbeit war, und bei der nicht kirchlichen Obrigkeit war sie ein offenes Geheimnis. Aber sollte je eine offizielle Beschwerde beim Papst eingehen, würde Adelia aus der Leichenhalle verbannt werden und höchstwahrscheinlich auch aus der Medizinschule. Daher strich Gerschom, selbst wenn ihm die Heuchelei zuwider war, die Lorbeeren ein, die ihm eigentlich gar nicht gebührten.

Was Adelia allerdings nur recht war. Sich unauffällig im Hintergrund zu halten, kam ihr sehr entgegen; einerseits entging sie so den wachen Augen der Kirche, andererseits ersparte es ihr Situationen, in denen sie über weibliche Themen plaudern müsste, was sie nicht konnte und was sie langweilte. So stachelig wie ein Igel, der sich im Herbstlaub versteckt, reagierte sie, wenn jemand versuchte, sie ans Licht zu holen.

Wenn jemand krank war, sah die Sache dagegen anders aus. Ehe sie sich der Post-mortem-Arbeit verschrieb, hatten die Kranken eine Seite an Adelia kennen gelernt, die nur wenige je zu Gesicht bekamen, und sie erinnerten sich ihrer noch immer als »Engel ohne Flügel«. Viele Patienten, die sie geheilt hatte, verliebten sich in sie, und der Prior hätte gestaunt, wenn er gewusst hätte, dass schon mehr Männer um ihre Hand angehalten hatten als um die so mancher reichen Schönheit in Salerno. Doch alle Bewerber waren abgewiesen worden. In der Leichenhalle der Schule hieß es, Adelia interessiere sich erst für jemanden, wenn er tot war.

Aus ganz Süditalien und Sizilien landeten Leichen jeden Alters auf dem langen Marmortisch in der Schule. Sie wurden von Signoria und Praetori geschickt, wenn man über Todesart und Todesursache Gewissheit haben wollte. Meist konnte Adelia helfen; Leichen waren ihr Metier und für sie so normal wie für den Schuster der Leisten. Bei den Leichen von Kindern ließ sie sich ebenfalls von dem festen Vorsatz leiten, dass die wahre Todesursache nicht gemeinsam mit ihnen beerdigt werden sollte, aber es quälte sie jedesmal; stets empfand sie Mitleid, und wenn sich herausstellte, dass ein Kind ermordet worden war, Entsetzen. Die drei, die jetzt ihrer harrten, waren vermutlich in einem schrecklicheren Zustand als die meisten, die sie gesehen hatte. Und damit nicht genug. Sie musste sie noch dazu heimlich untersuchen, ohne die Geräte, die ihr ansonsten zur Verfügung standen, ohne Mansurs Hilfe und vor allem ohne die Ermutigung ihres Ziehvaters: »Adelia, du darfst nicht verzagen! Du vereitelst die Unmenschlichkeit.«

Er hatte nie gesagt, dass sie das Böse vereitle, zumindest nicht das Böse im teuflischen Sinne, denn Gerschom bin Aguilar war davon überzeugt, dass der Mensch für sein eigenes Böses und Gutes selbst verantwortlich war, nicht Gott oder der Teufel. Nur in der Medizinschule von Salerno konnte er diese Ansicht verbreiten und selbst dort nicht allzu laut.

Das Zugeständnis, dass sie diese besondere Untersuchung hier in einem rückständigen englischen Städtchen durchführen durfte, wo sie dafür gesteinigt werden könnte, war an sich schon ein Wunder, und Simon aus Neapel hatte hart dafür kämpfen müssen. Nur widerstrebend hatte der Prior die Erlaubnis erteilt, entsetzt, dass eine Frau gewillt war, eine derartige Arbeit zu verrichten, und voller Furcht vor den möglichen Folgen, wenn herauskäme, dass eine Fremde die armen Kinderleichen betrachtet und betastet hatte. »Cambridge würde es als Entweihung betrachten. Und ich bin nicht sicher, ob es das nicht auch ist.«

Simon hatte gesagt: »Mylord, lasst uns herausfinden, wie die Kinder gestorben sind, denn es steht außer Frage, dass die festgesetzten Juden nichts damit zu tun haben können. Wir sind moderne Menschen, wir wissen, dass aus menschlichen Schultern keine Flügel sprießen. Irgendwo läuft ein Mörder frei herum. Erlaubt, dass diese traurigen kleinen Leiber uns verraten, wer er ist. Die Toten verraten Dr. Trotula ihre Geheimnisse. Das ist ihre Arbeit. Sie werden zu ihr sprechen.«

Was Prior Geoffrey betraf, so fielen sprechende Tote in dieselbe Kategorie wie geflügelte Menschen. »Es ist gegen die Lehre unserer Mutter Kirche, die Heiligkeit des Leibes zu verletzen.«

Er gab erst nach, als Simon ihm versprach, dass die Toten nicht seziert, sondern nur untersucht werden würden.

Simon beschlich der Verdacht, dass der Prior sich nicht allein deshalb hatte umstimmen lassen, weil er plötzlich von der Mitteilsamkeit der Leichen überzeugt war, sondern vor allem weil er fürchtete, Adelia würde im Falle seiner Weigerung dahin zurückkehren, wo sie hergekommen war, und ihm bei seiner nächsten Blasenattacke nicht beistehen können.

So kam es, dass sie sich hier, in einem Land, in das sie eigentlich gar nicht hatte reisen wollen, mit der schlimmsten Unmenschlichkeit befassen musste, und das ganz allein. »Aber gerade das ist doch deine Aufgabe, Vesuvia Adelia Rachel Ortese Aguilar«, sagte sie sich. In Augenblicken der Unsicherheit zählte sie gerne die Namen auf, mit denen sie von dem Paar, das sie einst aus ihrer mit Lava bedeckten Wiege auf dem Vesuv gehoben und mit nach Hause genommen hatte, genauso verschwenderisch bedacht worden war wie mit der Bildung und den höchst eigentümlichen Ideen, die sie ihr mit auf den Weg gaben. »Nur du bist in der Lage dazu, also tu es.«

In der Hand hielt sie eines der drei Objekte, die auf den toten Kindern gefunden worden waren. Eines war bereits dem Sheriff übergeben worden, eines hatte ein tobender Vater in Stücke gerissen. Das dritte hatte der Prior an sich genommen und es ihr heimlich zugesteckt.

Vorsichtig, um kein Aufsehen zu erregen, hielt sie es in einen Lichtstrahl. Es war ein aus Binsen geflochtener Stern mit fünf Zacken, schön und kunstvoll. Nicht sechs Zacken wie bei einem Davidstern. Eine Botschaft? Ein Versuch, die Juden zu belasten, aber von jemandem, der sich nur unzureichend mit dem Judentum auskannte? Eine Signatur?

In Salerno, so dachte sie, wäre es möglich gewesen, die wenigen Menschen ausfindig zu machen, die überhaupt die Fertigkeit besaßen, so etwas herzustellen, doch hier in Cambridge, wo Binsen an allen Flüssen und Bächen wuchsen, gab es in jedem Haus geschickte Flechter. Schon auf dem Weg hierher hatte sie vor den Türen von etlichen Häusern Frauen sitzen sehen, die eifrig damit beschäftigt waren, Matten und Körbe herzustellen, regelrechte Kunstwerke, während die Männer die Dächer, die sie mit Binsen deckten, geradezu in Skulpturen verwandelten. Nein, der Stern in ihrer Hand verriet ihr im Augenblick noch nichts.

Prior Geoffrey kam zurückgeeilt. »Der Leichenbeschauer hat sich die Kinder angesehen und eine öffentliche Untersuchung angeordnet …«

»Was hat er gesagt?«

»Er hat sie für tot erklärt.« Adelia blinzelte, und der Prior sagte:

»Ja, ja, aber das ist nun einmal Vorschrift. Leichenbeschauer werden nicht aufgrund ihrer medizinischen Kenntnisse ausgewählt. Nun denn, ich habe die sterblichen Überreste in die Klause St. Werbertha bringen lassen. Dort ist es ruhig und kalt, vielleicht ein wenig dunkel für Eure Zwecke, aber ich habe für Lampen gesorgt. Selbstverständlich wird es eine Totenwache geben, doch die beginnt erst, wenn Ihr Eure Untersuchung abgeschlossen habt. Offiziell seid Ihr dort, um die Aufbahrung vorzunehmen.«

Wieder ein Blinzeln.

»Ja, ja, die Leute werden sich wundern, aber ich bin hier der Prior, und über meinem Gesetz steht nur noch das vom allmächtigen Herrgott.« Er bugsierte sie zur Seitentür der Kirche und beschrieb ihr den Weg. Ein Novize, der im Klostergarten Unkraut jätete, blickte neugierig auf, doch ein Fingerschnippen seines Oberen genügte, und er widmete sich wieder seiner Arbeit. »Ich würde ja mit Euch kommen, doch ich muss zur Burg und mit dem Sheriff die prekäre Lage besprechen. Unter uns gesagt, wir müssen einen erneuten Aufstand verhindern.«

Der Prior blickte der kleinen, braun gekleideten Gestalt nach, die mit ihrer Ziegenledertasche davontrottete, und betete, dass in diesem Fall sein Gesetz und das des allmächtigen Herrgotts übereinstimmten.

Er wandte sich ab, um ein kurzes Gebet vor dem Altar zu sprechen, doch da löste sich ein großer Schatten von einem der Pfeiler im Kirchenschiff. Der Prior erschrak, und Wut stieg in ihm hoch. Der Schatten hielt eine Pergamentrolle in der Hand.

»Was macht Ihr hier, Sir Roland?«

»Ich wollte Euch bitten, mir die Leichen anschauen zu dürfen, Mylord«, sagte der Steuereintreiber, »aber da ist mir anscheinend schon jemand zuvorgekommen.«

»Das ist Aufgabe des Leichenbeschauers, und der hat seine Arbeit bereits getan. In ein oder zwei Tagen wird es eine offizielle Untersuchung geben.«

Sir Roland deutete mit dem Kinn Richtung Seitentür. »Und doch hörte ich, wie Ihr diese Dame angewiesen habt, die Körper noch einmal zu examinieren. Hofft Ihr darauf, dass sie Euch mehr sagen kann?«

Prior Geoffrey schaute sich hilfesuchend um, fand aber keine. Der Steuereintreiber fragte mit offenbar echtem Interesse:

»Wie mag sie das wohl anstellen? Beschwörungen? Anrufungen? Ist sie eine Totenbeschwörerin? Eine Hexe?«

Er war zu weit gegangen.

Der Prior sagte leise: »Diese Kinder sind mir heilig, mein Sohn, ebenso wie diese Kirche. Ihr dürft gehen.«

»Ich bitte um Verzeihung, Mylord.« Der Steuereintreiber sah keineswegs zerknirscht aus. »Aber diese Angelegenheit geht auch mich etwas an, und ich habe hier die Vollmacht des Königs, ihr weiter nachzugehen.« Er schwenkte die Rolle so, dass das königliche Siegel hin und her baumelte. »Was macht diese Frau?«

Eine königliche Vollmacht übertrumpfte die Autorität eines Stiftspriors, selbst wenn dessen Wort dem Wort Gottes nahe kam.

Griesgrämig sagte Prior Geoffrey: »Sie ist eine Ärztin, die sich in der Wissenschaft des Todes auskennt.«

»Natürlich! Salerno. Ich hätte es mir denken können.« Der Steuereintreiber stieß einen anerkennenden Pfiff aus. »Ein weiblicher Arzt vom einzigen Ort der Christenheit, wo so etwas nicht ein Widerspruch in sich selbst ist.«

»Ihr kennt Salerno?«

»Ich war einmal dort.«

»Sir Roland.« Der Prior hob beschwörend eine Hand. »Im Interesse der Sicherheit der jungen Frau, im Interesse des Friedens in dieser Gemeinde und der Stadt muss das, was ich Euch erzählt habe, unter uns bleiben.«

»Vir sapit qui pauca loquitur, Mylord. Das Erste, was ein Steuereintreiber zu lernen hat.«

Er ist zwar nicht unbedingt klug, eher durchtrieben, befand der Prior, aber wahrscheinlich imstande, den Mund zu halten. Was hatte der Mann vor? Einer plötzlichen Eingebung folgend, streckte er die Hand aus. »Zeigt mir die Vollmacht.« Er las sie durch und gab sie zurück. »Das ist lediglich die übliche Vollmacht für einen Steuereintreiber. Will der König jetzt die Toten besteuern?«

»Natürlich nicht, Mylord.« Sir Roland schien fast beleidigt. »Oder nicht mehr als sonst. Aber wenn die Dame eine inoffizielle Untersuchung durchführen soll, könnte das für die Stadt und die Priorei Strafabgaben nach sich ziehen – ich sage nicht, dass das so sein muss, aber da könnten durchaus die üblichen Geldstrafen, Konfiszierungen etc. greifen.« Die rundlichen Wangen hoben sich zu einem liebenswerten Lächeln. »Es sei denn, ich bin dabei zugegen und kann mich vergewissern, dass alles mit rechten Dingen zugeht.«

Der Prior gab sich geschlagen. Bislang hatte Henry II sich zurückgehalten, aber es war davon auszugehen, dass Cambridge beim nächsten Assisengericht mit Bußgeldern belegt werden würde, und zwar mit saftigen Bußgeldern, als Strafe für den Tod eines der für den König einträglichsten Juden.

Jede Übertretung seiner Gesetze bot dem König Gelegenheit, seine Schatztruhen auf Kosten der Missetäter zu füllen. Henry hörte auf seine Steuereintreiber, die von allen königlichen Untergebenen am meisten gefürchtet waren. Und wenn der hier dem König irgendeine Unregelmäßigkeit im Zusammenhang mit dem Tod der Kinder meldete, dann könnten die Zähne des raubgierigen Plantagenet-Leoparden dieser Stadt das Herz herausreißen.

»Was verlangt Ihr von uns, Sir Roland?«, fragte Prior Geoffrey müde.

»Ich will die Leichen sehen.« Die Worte wurden leise ausgesprochen, doch sie trafen den Prior wie ein Peitschenhieb.



Die Klause, in der die angelsächsische Einsiedlerin St. Werbertha ihr erwachsenes Leben verbracht hatte, bis es recht jäh von einfallenden Dänen beendet wurde, war mit ihren drei Fuß dicken Wänden zwar kühl und aufgrund ihres Standortes auf einer Lichtung am hinteren Ende des Rotwildparks von Barnwell auch einsam gelegen, doch ansonsten völlig ungeeignet für Adelias Zwecke.

Erstens war sie zu klein. Zweitens war sie mit Sicherheit zu dunkel, obwohl der Prior, wie er gesagt hatte, zwei Lampen hatte herbringen lassen. Ein schmaler Fensterschlitz war mit Holz vernagelt. Wiesenkerbel reckte seine schaumigen Blüten hüfthoch um eine kleine Bogentür.

Zum Teufel mit der Heimlichtuerei, sie würde die Tür offen lassen müssen, um besser sehen zu können – und schon jetzt wimmelte es davor von Fliegen, die hineinwollten. Wie sollte sie bloß unter diesen Bedingungen arbeiten?

Adelia stellte ihre Ziegenledertasche draußen auf dem Gras ab, öffnete sie, um den Inhalt zu überprüfen, überprüfte ihn ein zweites Mal – und wusste, dass sie nur den Augenblick hinauszögerte, in dem sie die Tür öffnen musste.

Das war einfach albern; sie war schließlich keine Amateurin. Rasch kniete sie sich nieder und bat die Toten hinter der Tür um Vergebung, dass sie sich ihren sterblichen Überresten nähern würde. Sie bat darum, immer an den Respekt erinnert zu werden, den sie ihnen schuldete. »Erlaubt eurem Fleisch und euren Knochen, mir das zu sagen, was eure Stimmen nicht mehr sagen können.«

Das tat sie immer. Dabei war sie nicht sicher, ob die Toten sie hörten, aber sie war keine so entschiedene Atheistin wie ihr Ziehvater, wenngleich sie den Verdacht hatte, dass ihr das, was heute Nachmittag vor ihr lag, jeden Glauben nehmen könnte. Sie erhob sich, holte ihre Schürze aus Öltuch aus der Tasche und zog sie an. Dann nahm sie die Kappe ab und band sich die Gazemaske mit den Schutzgläsern für die Augen um den Kopf. Und öffnete die Tür zur Klause …

Sir Roland Picot genoss den Spaziergang, zufrieden mit sich selbst. Es würde einfacher werden, als er gedacht hatte. Ein verrücktes Weib, ein verrücktes ausländisches Weib, wäre immer gezwungen, sich seiner Autorität zu unterwerfen, aber dank eines unerwarteten Glücksfalls hatte er obendrein jemanden von Prior Geoffreys Ansehen aufgrund seiner Verbindung zu ebendiesem Weib praktisch in der Gewalt.

Als er sich der Klause näherte, blieb er stehen. Sie sah aus wie ein zu groß geratener Bienenkorb – Gott, den alten Eremiten konnte es nicht karg genug sein. Und da war sie, eine Gestalt, die sich gleich hinter der geöffneten Tür über einen Tisch beugte.

Um sie auf die Probe zu stellen, rief er: »Doktor.«

»Ja?«

Aha, dachte Sir Roland. Ein Kinderspiel. Als würde er eine Motte mit der Hand fangen.

Sie richtete sich auf und wandte sich zu ihm um. Er sagte: »Erinnert Ihr Euch an mich, Madam? Ich bin Sir Roland Picot, den der Prior …«

»Interessiert mich nicht, wer Ihr seid«, fauchte die Motte. »Kommt her und haltet die Fliegen fern.«

Sie kam heraus, und er sah sich einer beschürzten Menschengestalt mit Insektenkopf gegenüber. Sie riss ein Büschel Wiesenkerbel aus der Erde und hielt ihm die Dolden hin, als er näher kam.

Das war nicht Sir Rolands Ansinnen gewesen, dennoch folgte er ihr, zwängte sich mit einigen Schwierigkeiten durch die Bienenkorbtür.

Und zwängte sich sogleich wieder nach draußen. »Großer Gott.«

»Was ist los?« Sie war gereizt, nervös.

Er lehnte sich gegen den Türbogen und holte tief Luft. »Barmherziger, erbarme Dich unser.« Der Gestank war grauenhaft. Noch schlimmer als das, was da unverhüllt auf dem Tisch lag. Sie schnalzte verärgert mit der Zunge. »Dann bleibt meinetwegen in der Tür stehen. Könnt Ihr schreiben?«

Sir Roland nickte mit geschlossenen Augen. »Das ist das Erste, was ein Steuereintreiber lernt.«

Sie reichte ihm eine Schiefertafel und Kreide. »Notiert, was ich Euch sage. Und wedelt zwischendurch die Fliegen weg.«

Der Zorn in ihrer Stimme verschwand, und sie begann mit monotonem Tonfall zu sprechen. »Die sterblichen Überreste eines kleinen Mädchens. Am Schädel sind noch einige Haare. Demnach ist sie …«, sie unterbrach kurz und schaute auf einer Liste nach, die sie sich auf den Handrücken geschrieben hatte, »… Mary. Tochter eines Vogeljägers. Sechs Jahre alt. Verschwand am Tag von St. Ambrose, also vor etwa einem Jahr. Schreibt Ihr mit?«

»Ja, Madam.« Die Kreide quietschte auf der Tafel, doch Sir Roland hielt das Gesicht der frischen Luft zugewandt.

»Die Knochen sind frei gelegt. Das Fleisch ist fast vollständig verwest; das noch vorhandene hatte Berührung mit Kreide. An der Wirbelsäule befindet sich eine dünne Schicht feiner Sand, der aussieht wie getrockneter Schwemmsand, desgleichen hinten am Becken. Gibt’s hier irgendwo sumpfige Gebiete?«

»Wir befinden uns hier am Rand des Marschlandes, und dort wurden sie auch gefunden.«

»Lagen die Leichen mit dem Gesicht nach oben?«

»Himmel, das weiß ich nicht.«

»Hmm, wenn ja, würde das die Spuren auf dem Rücken erklären. Sie sind leicht; Mary wurde nicht in Schwemmsandboden vergraben, eher in Kreideboden. Hände und Füße mit Streifen aus schwarzem Material gefesselt.« Sie schwieg kurz. Dann: »In meiner Tasche ist eine Pinzette. Gebt sie mir.«

Er kramte in der Tasche herum, reichte ihr eine dünne Holzpinzette und sah zu, wie sie damit einen Streifen von irgendwas löste und ins Licht hielt.

»Heilige Muttergottes.« Er drehte sich wieder zur Tür um und streckte einen Arm nach hinten, um weiter mit dem Wiesenkerbel herumzuwedeln. Irgendwo im Wald rief ein Kuckuck, passend zu dem warmen Tag und dem Duft der Glockenblumen zwischen den Bäumen. Willkommen, dachte Sir Roland, o Gott, willkommen. Du bist dieses Jahr spät dran.

»Wedelt schneller«, befahl sie barsch, dann verfiel sie wieder in ihre monotone Vortragsstimme. »Die Fesseln sind Wollstreifen. Mmm. Reicht mir ein Fläschchen. Schnell. Wo bleibt Ihr denn, zum Donnerwetter?« Er holte ein Fläschchen aus der Tasche, reichte es ihr, wartete und nahm es wieder entgegen, jetzt mit einem grässlichen Streifenstück darin. »Im Haar sind Kreidebröckchen. Außerdem hat sich ein Objekt darin verfangen. Hmm. Rautenförmig, möglicherweise eine Art klebriges Bonbon, das an den Strähnen getrocknet ist. Das muss genauer untersucht werden. Reicht mir noch ein Fläschchen.«

Dann wies sie ihn an, beide Fläschchen mit rotem Ton aus ihrer Tasche zu verschließen. »Rot für Mary, für die beiden anderen jeweils eine andere Farbe. Achtet bitte darauf.«

»Ja, Doktor.«



Normalerweise begab sich Prior Geoffrey mit großem Prunk zur Burg, und Sheriff Baldwin erwiderte seine Besuche ähnlich prunkvoll; eine Stadt sollte sich immer bewusst sein, wer ihre zwei wichtigsten Männer sind. Heute jedoch zeugte die Tatsache, dass der Prior auf Trompeter und Gefolge verzichtete und nur in Begleitung von Bruder Ninian über die Große Brücke zur Burg hinaufritt, von seiner sorgenvollen Seelenlage.

Viele Leute liefen neben ihm her, klebten förmlich an seinen Steigbügeln. All ihre Fragen beantwortete er abschlägig. Nein, es waren nicht die Juden. Wie denn auch? Nein, bleibt ruhig. Nein, der Unhold war noch nicht gefasst, aber er würde dingfest gemacht werden, so Gott wollte. Nein, lasst die Juden in Ruhe, sie haben nichts mit der Sache zu tun.

Er sorgte sich um Juden und Christen. Noch so ein Aufstand, und der Zorn des Königs würde auf die Stadt niederfahren. Und zu allem Übel, dachte der Prior entrüstet, war da auch noch dieser Steuereintreiber, möge Gott ihn und seinesgleichen strafen. Abgesehen davon, dass Sir Roland jetzt seine neugierige Nase in eine Angelegenheit steckte, die der Prior lieber, sehr viel lieber, geheim gehalten hätte, fürchtete er nun zudem um Adelia – und sich selbst.

Der Emporkömmling wird es dem König stecken, dachte er. Das wird ihr und mir zum Verhängnis werden. Er hat den Verdacht geäußert, es ginge um Totenbeschwörung. Dafür wird sie gehängt werden, und ich … mich wird man beim Papst anschwärzen und verstoßen. Und wenn dieser Steuermensch die Leichen unbedingt sehen wollte, wieso hat er dann nicht darauf bestanden, bei der Untersuchung durch den Leichenbeschauer dabei zu sein? Warum die Obrigkeit meiden, wo der Mann doch selbst zur Obrigkeit gehörte?

Ebenso beunruhigend war der Umstand, dass ihm Sir Rolands rundliches Gesicht irgendwie bekannt vorkam – Sir Roland, wahrhaftig. Seit wann schlug der König Steuereintreiber zu Rittern? – und er auf dem ganzen Weg von Canterbury hierher nicht hatte ergründen können, wieso.

Während sein Pferd nun die steile Straße zur Burg hinauftrottete, sah der Prior vor seinem geistigen Auge noch einmal die Szene vor sich, die sich just an diesem Hang vor einem Jahr abgespielt hatte. Wie die Männer des Sheriffs versuchten, die verängstigten Juden vor einem wütenden Mob zu schützen, wie er selbst und der Sheriff sich lauthals bemühten, die Leute zur Räson zu bringen.

Panik und Hass, Ignoranz und Gewalt … an jenem Tag war der Teufel in Cambridge gewesen.

Und auch der Steuereintreiber. Ein Gesicht in der Menge, das er bis jetzt vergessen hatte. Verzerrt wie alle anderen, während der Mann, dem es gehörte, kämpfte … mit wem kämpfte? Gegen die Männer des Sheriffs? Oder für sie? In diesem schauerlichen Wirrwarr aus Lärm und Gliedmaßen war das unmöglich zu erkennen gewesen.

Der Prior trieb sein Pferd weiter an.

Die Anwesenheit des Mannes damals an diesem Ort musste noch nichts Schlimmes bedeuten. Sheriffs und Steuereintreiber gehörten zusammen. Der Sheriff sammelte die Einkünfte des Königs ein, und der königliche Steuereintreiber sorgte dafür, dass der Sheriff nicht zu viel davon in die eigene Tasche steckte. Der Prior zog ruckartig an den Zügeln. Aber ich habe ihn auch sehr viel später auf dem Jahrmarkt von St. Radegund gesehen. Da applaudierte er einem Mann auf Stelzen. Und an dem Tag verschwand die kleine Mary. Gott schütze uns.

Der Prior grub die Fersen in die Flanken seines Pferdes. Eile war geboten. Er musste noch dringender mit dem Sheriff sprechen.



»Mmm. Unten am Becken ist ein kleines Stück vom Knochen abgebrochen, möglicherweise ist die Beschädigung post mortem unabsichtlich erfolgt, doch da die Schnitte offenbar mit erheblicher Wucht ausgeführt wurden und die anderen Knochen unbeschädigt sind, liegt die Vermutung nahe, dass sie von einem Gegenstand stammen, der in die Vagina gestoßen wurde …«

Sir Roland hasste sie, hasste ihre gleichmütige, gemessene Stimme. Sie tat allem Weiblichen schon allein dadurch Gewalt an, dass sie die Worte aussprach. Es stand ihr nicht zu, ihre Frauenlippen zu öffnen und diesen Worten Form zu verleihen, diese Abscheulichkeit hinauszulassen. Sie sprach die Tat aus und machte sich somit zur Komplizin. Zur Täterin, zur Hexe. Ihre Augen sollten das, was sie sahen, nicht betrachten können, ohne zu bluten.

Adelia zwang sich, ein Schwein zu sehen. An Schweinen hatte sie gelernt. Schweine – in der Tierwelt die größtmögliche Annäherung an menschliche Körper und Knochen. Oben in den Bergen hatte Gordinus hinter einer hohen Mauer für seine Studenten tote Schweine aufbewahrt, manche vergraben, manche der Luft ausgesetzt, manche in einer Holzhütte, andere in einem gemauerten Stall.

Die meisten Studenten, die diese Todesfarm das erste Mal betraten, hatten sich von den Fliegen und dem Gestank abschrecken lassen. Nur Adelia sah das Wunder des Vorgangs, der einen Kadaver zu Nichts reduzierte. »Denn selbst ein Skelett ist nicht von Dauer und wird letztendlich zu Staub zerfallen, wenn man es sich selbst überlässt«, hatte Gordinus gesagt. »Ist es nicht fabelhaft eingerichtet, meine Liebe, dass wir nicht unter Leichenbergen ersticken, die sich in Tausenden von Jahren angehäuft haben?«

Es war tatsächlich fabelhaft, ein Mechanismus, der in Gang gesetzt wurde, sobald der letzte Atemzug dem Körper entwich und er sich selbst überlassen war. Verwesung faszinierte sie, weil sie – und Adelia begriff immer noch nicht wie – auch ohne die Hilfe von Fleischfliegen und Schmeißfliegen einsetzte, die sich als Erstes einfanden, wenn der Körper ihnen zugänglich war.

Daher hatte sie, gleich nach bestandener Prüfung zur Ärztin, ihr neues Spezialgebiet an Schweinen erlernt. An Schweinen im Frühling, Schweinen im Sommer, Schweinen im Herbst und im Winter, und in jeder Jahreszeit hatte der Verfall eine andere Geschwindigkeit. Wie sie gestorben waren. Wann. Schweine, die aufrecht saßen, Schweine die kopfüber hingen, liegende Schweine, geschlachtete Schweine, an Krankheiten gestorbene Schweine, vergraben, unvergraben, in Wasser gelagert, alte Schweine, Säue, die geworfen hatten, Eber, Ferkel.

Das Ferkel. Der entscheidende Moment. Gerade erst gestorben, nur wenige Tage alt. Sie hatte es mit zu Gordinus genommen.

»Etwas Neues«, hatte sie gesagt. »Die Substanz da im Anus, die kann ich mir nicht erklären.«

»Etwas Altes«, hatte er erwidert. »So alt wie die Sünde. Das ist menschlicher Samen.«

Er hatte sie auf seinen Balkon mit Blick auf das türkisfarbene Meer geführt, hatte sie Platz nehmen lassen und sie mit einem Glas von seinem besten Rotwein gestärkt, ehe er sie fragte, ob sie weitermachen oder lieber zur normalen medizinischen Arbeit zurückkehren wolle. »Willst du die Wahrheit sehen oder sie meiden?«

Er hatte ihr Vergil vorgelesen, aus einem Buch der Georgica, sie wusste nicht mehr, aus welchem, das sie auf die sonnengetränkten Hügel der Toskana entführte, wo Lämmer, trunken von Milch, aus purer Freude tollten und sprangen, gehütet von Schäfern, die sich zu den Klängen der Panflöte wiegten.

»Und jeder von denen könnte sich ein Schaf packen, die Hinterbeine in seine Stiefel und ihm sein Organ in den After schieben«, hatte Gordinus gesagt.

»Nein«, hatte sie gesagt.

»Oder in ein Kind.«

»Nein.«

»Oder in einen Säugling.«

»Nein.«

»O doch«, hatte er gesagt. »Ich hab’s gesehen. Das verdirbt dir doch hoffentlich nicht die Freude an den Georgica?«

»Es verdirbt alles.« Dann hatte sie gesagt: »Ich kann unmöglich weitermachen.«

»Der Mensch schwebt zwischen dem Paradies und dem Höllenpfuhl«, klärte Gordinus sie heiter auf. »Manchmal schwingt er sich zur einen Seite hoch, manchmal stürzt er die andere hinab. Seinen Hang zum Bösen zu missachten ist ebenso kurzsichtig wie die Blindheit gegenüber den Höhen, die er erreichen kann. Vielleicht ist alles im Tanz der Planeten eins. Du selbst hast die Tiefen des Menschen gesehen, gerade eben habe ich dir Zeilen von seinem himmelstürmenden Flug vorgelesen. Geh also nach Hause, Doktor, und streife die Augenbinde über, ich nehme es dir nicht übel. Aber verstopfe dir zugleich auch die Ohren gegen die Rufe der Toten. Die Wahrheit ist nichts für dich.«

Sie war tatsächlich nach Hause gegangen, zu den Schulen und Krankenhäusern, um sich den Applaus derjenigen abzuholen, die sie unterrichtete und heilte, doch ihre Augen waren jetzt ohne Binde und ihre Ohren nicht verstopft, und die Rufe der Toten hatten ihr keine Ruhe gelassen, und so war sie zum Studium der Schweine zurückgekehrt, um sich dann, als sie bereit war, dem Studium menschlicher Leichname zu widmen.

In Fällen wie dem, den sie jetzt vor sich auf dem Tisch hatte, griff sie jedoch auf eine metaphorische Augenbinde zurück, um überhaupt weiter funktionieren zu können: Sie setzte sich sozusagen selbst Scheuklappen auf, um nicht zu verzweifeln und damit nutzlos zu werden, weil es ihr durch diese notwendige Einengung des Gesichtsfeldes möglich wurde, zwar noch zu sehen, aber nicht den gemarterten, einst makellosen Körper eines Kindes, sondern nur den vertrauten Kadaver eines Schweins.

Die Stichverletzungen am Becken hatten ungewöhnliche Spuren hinterlassen. Adelia hatte schon viele Messerwunden gesehen, aber keine wie diese. Die Klinge der Waffe, die sie verursacht hatte, schien vielfach facettiert zu sein. Sie hätte das Becken gerne entnommen, um es bei besserem Licht eingehender zu untersuchen, aber sie hatte Prior Geoffrey versprochen, keine Sezierung vorzunehmen. Sie streckte die Hand aus und schnippte mit den Fingern, damit ihr der Mann Tafel und Kreide reichte.

Er betrachtete sie, während sie zeichnete. Sonnenlicht fiel in Streifen durch das kleine Fenster von St. Werbertha auf sie, wie auf eine monströse Schmeißfliege, die über dem Ding auf dem Tisch schwebte. Die Gaze glättete ihre Gesichtszüge, verlieh ihr etwas Schmetterlingshaftes und drückte einige Haarsträhnen an den Kopf wie angelegte Fühler. Und »hmmm« summte das Ding mit der gleichen Hartnäckigkeit wie die gefräßige, flirrende, wogende Wolke um sie herum.

Sie war mit der Skizze fertig und hielt dem Mann Tafel und Kreide hin. »Nehmt«, herrschte sie ihn an. Mansur fehlte ihr. Als Sir Roland sich nicht rührte, wandte sie sich um und sah seinen Blick.

Denselben Blick, den sie schon bei anderen gesehen hatte. Müde sagte sie fast zu sich selbst: »Warum wollen sie immer den Boten erschießen?«

Er starrte sie an. War das der Grund für seinen Zorn?

Sie kam heraus und schlug Fliegen weg. »Die Kleine da drin sagt mir, was ihr widerfahren ist. Mit etwas Glück sagt sie mir vielleicht sogar, wo. Mit noch mehr Glück bringt uns das möglicherweise auf die Spur des Täters. Wenn Ihr das alles nicht herausfinden möchtet, dann fahrt zur Hölle. Aber holt mir vorher noch jemanden her, der es möchte.«

Sie zog den Helm vom Kopf, fuhr sich mit gespreizten Fingern durchs Haar, ein dunkelblonder Schimmer, hielt das Gesicht in die Sonne.

Es waren ihre Augen, dachte er. Mit geschlossenen Augen sah sie wieder so alt aus, wie sie in Wirklichkeit war, etwas jünger als er, wie er vermutete, und bekam fast so etwas wie weibliche Züge. Aber sie war nicht nach seinem Geschmack. Er mochte die Frauen lieblicher, rundlicher. Die geöffneten Augen ließen sie älter erscheinen. Sie waren kalt und dunkel, wie Kieselsteine – und mit ebenso wenig Gefühl. Kein Wunder, wenn man bedachte, was sie so alles sehen mussten.

Aber wenn die Frau das Orakel tatsächlich zum Sprechen bringen konnte …

Die Augen richteten sich auf ihn. »Also?«

Er riss ihr Tafel und Kreide aus der Hand. »Euer Diener, Madam.«

»In der Tasche da ist noch mehr Gaze«, sagte sie. »Bedeckt Euch das Gesicht, dann kommt rein und macht Euch nützlich.«

Und Manieren, dachte er, er mochte Frauen mit Manieren. Aber als sie sich wieder die Maske um den Kopf band, die mageren Schultern straffte und zurück in das Leichenhaus marschierte, erkannte er die Tapferkeit eines müden Soldaten, der sich erneut in die Schlacht stürzt.

Das zweite Bündel enthielt Harold, den rothaarigen Sohn des Aalhändlers, Schüler an der Stiftsschule.

»Das Fleisch ist besser erhalten als bei Mary, gleichsam mumifiziert. Die Augenlider wurden abgeschnitten, ebenso die Genitalien.«

Roland Picot legte das Büschel beiseite, um sich zu bekreuzigen.

Die Tafel füllte sich mit unaussprechlichen Wörtern, die jedoch von ihr ausgesprochen wurden. Mit Strick gefesselt. Spitzer Gegenstand. Anale Penetration.

Und wieder, Kreide.

Das interessierte sie. Ihr Summen verriet es ihm. »Kreideland.«

»Der Icknield Way ist nicht weit von hier«, erklärte er. »Die Gog-Magog-Hügel, wo wir wegen des Priors Rast gemacht haben, sind aus Kreide.«

»Die Kinder haben Kreide im Haar. Bei Harold hat sich auch Kreide in die Fersen gedrückt.«

»Was will uns das sagen?«

»Dass er über Kreide geschleift wurde.«

Das dritte Bündel enthielt die sterblichen Überreste von Ulric, acht Jahre alt. Er wurde seit dem diesjährigen Festtag von St. Edward vermisst, und da sein Verschwinden noch nicht so weit zurücklag, entfuhr der Medizinerin häufiger ein »Hmm« als bei den beiden anderen Kindern – für Roland, der allmählich anfing, die Zeichen zu deuten, ein Signal, dass sie hier mehr und besseres Material zu untersuchen hatte.

»Keine Augenlider, keine Genitalien. Der Junge wurde nicht vergraben. Wie war hier im März das Wetter?«

»Ich glaube, es war in ganz East Anglia recht trocken, Madam. Die Bauern haben befürchtet, das frisch gesäte Getreide würde verdorren. Kalt, aber trocken.«

Kalt, aber trocken. Ihr Gedächtnis, für das sie in Salerno berühmt war, durchsuchte die Todesfarm und blieb bei dem Frühjahrsschwein Nummer achtundsiebzig hängen. Ungefähr dasselbe Gewicht. Auch das Schwein war nur etwas über einen Monat tot gewesen, bei kaltem, trockenem Wetter, doch die Verwesung war weiter fortgeschritten gewesen. Sie hätte bei dem Körper des Jungen eigentlich einen ähnlichen Zustand erwartet. »Hat man dich zunächst am Leben gelassen, nachdem du verschwandest?«, fragte sie die Leiche, weil sie vergessen hatte, dass ein Fremder, nicht Mansur, ihr zuhörte.

»Gütiger Gott, warum sagt Ihr das?«

Wie für ihre Studenten zitierte sie auch für ihn den Prediger Salomo: »›Ein jegliches hat seine Zeit … geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit.‹ Auch das Verfaulen hat seine Zeit.«

»Dann hat dieser Teufel ihn am Leben gehalten? Wie lange?«

»Das weiß ich nicht.«

Es gab tausend mögliche Gründe für den Unterschied zwischen diesem Leichnam und Schwein achtundsiebzig. Sie war gereizt, weil sie müde war und bekümmert. Mansur hätte das nicht gefragt, weil er wusste, dass sie auf ihre Bemerkungen keine Reaktion erwartete. »Ich will mich da nicht festlegen.«

Auch bei Ulric hatte sich in die Fersen Kreide eingedrückt.



Die Sonne war fast untergegangen, als alle drei Körper wieder eingehüllt waren, bereit für die Einsargung. Die Frau ging nach draußen, um Schürze und Maske abzunehmen, während Sir Roland die Lampen löschte, so dass die Klause samt Inhalt in gnädiges Dunkel sank.

An der Tür kniete er nieder, wie er das einst vor der Grabeskirche in Jerusalem getan hatte. Jene winzige Kammer war kaum größer gewesen als diese hier. Der Tisch, auf dem die Kinder aus Cambridge lagen, war etwa so groß wie das Grab Christi. Auch dort war es dunkel gewesen. Die zahlreichen Altäre und Kapellen dahinter und rings herum bildeten zusammen die prächtige Basilika, die von den ersten Kreuzfahrern über den heiligen Orten errichtet worden war, und das Raunen der Pilger hallte ebenso wider wie die Gesänge der griechisch-orthodoxen Mönche, die an dem Ort, wo Golgatha gewesen war, ihre endlosen Loblieder sangen.

Hier war nur das Surren der Fliegen zu hören.

Damals hatte er für die Seelen der Verstorbenen gebetet und um Hilfe und Vergebung für sich selbst gefleht.

Jetzt betete er für sie.

Als er herauskam, war die Frau dabei, sich Gesicht und Hände über einer Schüssel zu waschen. Als sie fertig war, tat er es ihr nach – sie hatte Seifenkraut in das Wasser gegeben. Er zerdrückte die Stängel und wusch sich die Hände. Er war müde, Gott, war er müde.

»Wo wohnt Ihr, Doktor?«, fragte er sie.

Sie schaute ihn an, als sähe sie ihn zum ersten Mal. »Wie war noch gleich Euer Name?«

Er versuchte, nicht verärgert zu sein. So wie sie aussah, musste sie noch erschöpfter sein als er. »Sir Roland Picot, Madam. Meine Freunde nennen mich Rowley.«

Zu denen würde sie wohl nie zählen, das sah er ihr an. Sie nickte. »Danke für Eure Hilfe.« Sie packte ihre Tasche, hob sie auf und ging davon.

Er hastete ihr nach. »Darf ich fragen, welche Folgerungen Ihr aus Eurer Untersuchung zieht?«

Sie antwortete nicht.

Zum Teufel mit der Frau. Da er ihre Beobachtungen niedergeschrieben hatte, sollte er jetzt wohl seine eigenen Schlüsse ziehen, aber Sir Roland, der eigentlich kein demütiger Mann war, hatte erkannt, dass er es mit jemandem zu tun hatte, mit dessen Wissen er es nie und nimmer würde aufnehmen können. Er versuchte es erneut: »Wem werdet Ihr Eure Feststellungen mitteilen, Doktor?«

Keine Antwort.

Sie gingen durch die langen Schatten der Eichen, die sich über die Mauer des Rotwildparks reckten. Die Glocke der Stiftskapelle schlug zur Vesper, und weiter vorn zeichneten sich die Silhouetten der Bäckerei und des Brauhauses vor der unterge-henden Sonne ab. Gestalten in violetten Rochetts strömten aus den Gebäuden auf die Wege, wie Blütenblätter, die alle in eine Richtung geweht wurden.

»Sollen wir am Gottesdienst teilnehmen?« Falls Sir Roland je den Balsam der Abendlitanei gebraucht hatte, dann jetzt.

Sie schüttelte den Kopf.

Zornig sagte er: »Wollt Ihr denn nicht für die Kinder beten?« Sie wandte sich um, und er blickte in ein vor Übermüdung verzerrtes Gesicht, dessen Zorn noch größer war als seiner. »Ich bin nicht hier, um für sie zu beten«, sagte sie, »ich bin gekommen, um für sie zu sprechen.«