Kapitel Sieben
Im Laufe des Jahres war von den Bürgern von Cambridge, die für die Bewachung der Juden in der Burg sorgten, nur noch Agnes übrig geblieben, die Frau des Aalhändlers und Mutter jenes Harold, dessen sterbliche Überreste noch der Bestattung harrten. Die kleine Hütte, die sie sich aus Weidenruten geflochten hatte, wirkte vor dem großen Tor wie ein Bienenkorb. Tagsüber saß sie in dem niedrigen Eingang und strickte, neben sich auf einer Seite einen Aalspeer ihres Mannes mit der Spitze im Boden, auf der anderen Seite eine große Handglocke. Nachts schlief sie in der Hütte.
Damals im Winter, als der Sheriff versucht hatte, die Juden nachts aus der Burg zu schmuggeln, weil er glaubte, Agnes schliefe, hatte sie beide Waffen eingesetzt. Der Speer hätte fast einen der Männer des Sheriffs durchbohrt, und die Glocke riss die Stadt aus dem Schlaf. Die Juden wurden rasch zurück in die Burg gescheucht.
Auch die Seitenausgänge der Burg waren bewacht, und zwar von Gänsen, die dort in einem Verschlag gehalten wurden, damit sie losschnatterten, wenn sich irgendwer hinausschleichen wollte, so wie die kapitolinischen Gänse die Römer gewarnt hatten, als die Gallier sich hereinschleichen wollten. Einmal hatten die Männer des Sheriffs versucht, die Gänse oben von den Burgmauern aus zu erschießen, doch das Federvieh hatte einen derart ohrenbetäubenden Lärm veranstaltet, dass erneut die ganze Stadt alarmiert wurde.
Als Adelia mit Simon und Mansur die steile, gewundene, befestigte Straße zur Burg hochstieg, äußerte sie ihr Erstaunen darüber, dass es Bürgern erlaubt war, sich so lange über die Obrigkeit hinwegzusetzen. In Sizilien hätten Soldaten des Königs das Problem im Handumdrehen gelöst.
»Und ein Massaker veranstaltet?«, fragte Simon. »Wo könnte man die Juden hinbringen, ohne eine ähnliche Lage heraufzubeschwören? Das ganze Land glaubt, dass die Juden von Cambridge Kinder kreuzigen.«
Er war heute bedrückt und, so Adelias Verdacht, sehr wütend. »Stimmt.« Sie dachte darüber nach, wie zurückhaltend der König von England in dieser Angelegenheit agierte. Von einem Mann wie ihm, einem Mann von königlichem Geblüt, hätte sie erwartet, dass er schreckliche Rache an den Menschen von Cambridge nimmt, weil sie einen seiner einträglichsten Juden umgebracht hatten.
Immerhin war Henry für den Tod Beckets verantwortlich, im Grunde war er ein ganz normaler Tyrann. Doch bislang hatte er Milde walten lassen.
Auf die Frage, was ihrer Meinung nach geschehen würde, hatte Gyltha geantwortet, die Stadt mache sich auf eine saftige Geldbuße für den Tod von Chaim gefasst, aber sie rechne nicht damit, dass es zu Massenhinrichtungen kommen würde. Der jetzige König war ein duldsamer König, solange man nicht in seinen Jagdrevieren wilderte. Oder ihn unerträglich reizte, wie Erzbischof Thomas das getan hatte.
»Ist nich mehr wie damals, als seine Ma und sein Onkel Stephen sich gegenseitig bekriegt haben«, hatte sie gesagt. »Hinrichtungen? Da konnte irgendein Herr Baron angaloppiert kommen – egal, auf welcher Seite er stand, egal, auf welcher Seite du standst – und dich mir nix, dir nix aufknüpfen, bloß weil du dich am Hintern gekratzt hast.«
»Völlig zu Recht«, hatte Adelia erwidert. »Eine ekelige Angewohnheit.« Die beiden verstanden sich allmählich besser.
Der Krieg zwischen Matilda und Stephen, sagte Gyltha, hatte sich sogar bis in die Sümpfe ausgedehnt. Die Isle of Ely mit ihrer Kathedrale war so oft in neue Hände gefallen, dass niemand mehr wusste, wer nun Bischof war und wer nicht. »Als wären wir armen Leute ein Kadaver, der von Wölfen zerrissen wird. Und als Geoffrey de Mandeville hier sein Unwesen trieb …« An der Stelle schüttelte Gyltha den Kopf und verstummte. Dann sagte sie: »Dreizehn Jahre, dreizehn lange Jahre, und Gott und die Heiligen haben geschlafen und uns unserem Schicksal überlassen.«
»Dreizehn Jahre, als Gott und Seine Heiligen schliefen.« Diesen Satz über den Bürgerkrieg hatte Adelia seit ihrer Ankunft in England schon etliche Male gehört. Die Leute erbleichten auch jetzt noch, wenn sie daran zurückdachten. Doch mit der Thronbesteigung von Henry II war der Krieg zu Ende gewesen. Und seit nunmehr zwanzig Jahren lebte England in Frieden.
Der Plantagenet-König war raffinierter, als sie gedacht hatte. Vielleicht hatte sie ihn ja unterschätzt.
Sie kamen um die letzte Biegung der Straße und sahen sich der Burg gegenüber.
Die einfache Hügelburg, die William der Eroberer zum Schutz der Furt hatte errichten lassen, war längst verschwunden. Die Holzpalisaden waren durch eine wuchtige Außenmauer ersetzt worden, der Hauptturm in die Gesamtanlage eingefasst, Kirche, Vieh- und Pferdeställe, Kaserne, Frauenquartiere, Küche, Wäscherei, Gemüse- und Kräutergarten, Melkhaus, Turnierplatz, Galgen und Kerker, alles, was ein Sheriff brauchte, um die Geschicke einer einigermaßen großen, wohlhabenden Stadt angemessen zu leiten. Auf einer Seite war der wachsende Turm, der den niedergebrannten ersetzen würde, mit Gerüsten und Plattformen verkleidet.
Draußen vor den Toren standen zwei Wachsoldaten auf ihre Speere gelehnt und plauderten mit Agnes, die strickend auf einem Schemel vor ihrem Bienenkorb hockte. Ein Mann saß auf dem Boden, den Kopf gegen die Burgmauer gelegt.
Adelia stöhnte. »Ist der denn allgegenwärtig?«
Beim Anblick der Neuankömmlinge sprang Roger aus Acton auf, hob ein an einen Stock genageltes Holzbrett hoch, das neben ihm gelegen hatte, und begann, lauthals seine Botschaft zu verkünden. Auf dem Brett stand mit Kreide geschrieben: »Betet für den Kleinen St. Peter, der von den Juden gekreuzigt wurde.«
Gestern hatte er die Pilger im Kloster St. Radegund beehrt, heute würde der Bischof den Sheriff besuchen, und Acton wollte ihm anscheinend auflauern.
Wieder schien er Adelia nicht wiederzuerkennen, ebenso wenig wie die beiden Männer in ihrer Begleitung, obwohl Mansur nun wahrhaftig auffällig war. Er sieht keine Menschen, dachte sie, nur Futter für die Hölle. Sie bemerkte, dass die Soutane des Mannes aus Kammgarn war.
Vielleicht war er enttäuscht, dass er den Bischof noch immer nicht piesacken konnte, aber er beschied sich mit dem, was ihm unter die Augen kam. »Sie haben den armen Jungen gequält, bis Blut floss«, brüllte er ihnen zu. »Sie haben mit den Zähnen geknirscht und ihn Jesus den falschen Propheten genannt. Sie haben ihn auf vielerlei Weise gefoltert und dann gekreuzigt …«
Simon ging zu den Soldaten und bat, den Sheriff sprechen zu dürfen. Sie seien aus Salerno, sagte er. Er musste die Stimme erheben, um sich Gehör zu verschaffen.
Der ältere Wachmann war unbeeindruckt. »Wo soll’n das sein?« Er drehte sich zu dem brüllenden Geistlichen um. »Ruhe dahinten!«
»Prior Geoffrey hat uns gebeten, dem Sheriff unsere Aufwartung zu machen.«
»Was? Ich kann Euch nicht verstehen, bei dem Krach, den der Spinner macht.«
Der jüngere Soldat merkte auf. »Moment mal, ist das da der braune Doktor, der den Prior geheilt hat?«
»Just der.«
Roger aus Acton hatte Mansur jetzt auch gesehen und kam näher. Sein Atem war übelriechend. »Sarazene, erkennst du unseren Herrn Jesus Christus an?«
Der ältere Wachsoldat verpasste ihm eine Ohrfeige. »Schnauze.« Er wandte sich wieder an Simon. »Und das Viech?«
»Der Hund von Mylady.«
Ulf hatte trotz seines Widerstandes zu Hause bleiben müssen, doch der Aufpasser, darauf hatte Gyltha bestanden, sollte Adelia überallhin begleiten. »Er ist kein Beschützer«, hatte Adelia protestiert. »Als sich mir diese beiden verdammten Kreuzritter in den Weg gestellt haben, hat er sich hinter mir verdrückt. Er ist ein Drückeberger.«
»Er soll ja auch keinen beschützen«, hatte Gyltha gesagt. »Er soll aufpassen.«
»Ich denke, die können wir reinlassen, was, Rob?« Der Wachmann zwinkerte der Frau vor der Weidenhütte zu. »Einverstanden, Agnes?«
Dennoch riefen sie noch ihren Hauptmann, der sich vergewisserte, dass die drei auch keine Waffen bei sich trugen, bevor sie durch die kleine Pforte im Tor eingelassen wurden. Acton, der sich mit hineinmogeln wollte, musste zurückgehalten werden. »Tötet die Juden!«, rief er. »Tötet die Kreuziger!«
Der Grund für die Vorsicht wurde offensichtlich, als sie den Innenhof betraten. Etwa fünfzig Juden waren dort und genossen die Sonne. Die Männer spazierten umher und unterhielten sich, die meisten Frauen standen in einer Ecke und plauderten oder spielten mit ihren Kindern. So wie alle Juden in einem christlichen Land waren sie normal gekleidet, bis auf den einen oder anderen, der den kegelförmigen Judenhut trug.
Doch was diese Gruppe eindeutig als die Juden kenntlich machte, war ihre ärmliche Erscheinung. Adelia erschrak bei dem Anblick. Auch in Salerno gab es arme Juden, ebenso wie es arme Sizilianer, Griechen, Moslems gab, doch deren Armut war weniger auffällig, weil sie von ihren reicheren Glaubensbrüdern Almosen erhielten. Tatsächlich vernahm man unter den Christen in Salerno den leicht abfälligen Satz »Juden haben keine Bettler«. Wohltätigkeit war bei allen großen Religionen ein Gebot; im Judentum galt: »Gebt Ihm, was Sein ist, denn du und was du hast, sind Sein.« Gnade wurde eher dem Geber zuteil als dem Empfänger.
Adelia erinnerte sich an einen alten Mann, der die Schwester ihrer Ziehmutter fast zur Raserei getrieben hatte, weil er sich nie für die Mahlzeiten bedankte, die er bei ihr in der Küche eingenommen hatte. »Esse ich denn, was Euch gehört?«, fragte er stets. »Ich esse, was Gott gehört.«
Die Wohltätigkeit des Sheriffs gegenüber seinen ungebetenen Gästen war offenbar weniger groß. Die Menschen waren abgemagert. Die Burgküche, so dachte Adelia, hielt sich wahrscheinlich nicht an die jüdischen Speisegesetze, weshalb die Mahlzeiten oftmals unangetastet bleiben mussten. Die Kleidung, in der diese Menschen im Jahr zuvor aus ihren Häusern geflohen waren, fiel schon fast auseinander.
Einige Frauen blickten erwartungsvoll auf, als Adelia und ihre Begleiter den Hof überquerten. Die Männer unterhielten sich zu angeregt, um sie zu bemerken.
Der jüngere Soldat vom Tor führte die drei über eine Zugbrücke, unter dem Fallgitter hindurch und über einen weiteren Hof.
In der kühlen, geräumigen Halle, die sie nun betraten, herrschte hektische Betriebsamkeit. Aufgebockte Tische erstreckten sich über die ganze Länge, bedeckt mit Dokumenten und Schriftstücken und Kerbhölzern. Schreiber, die über den Papieren brüteten, unterbrachen immer wieder ihre Arbeit und eilten zu einem Podium, wo ein dicker Mann in einem wuchtigen Sessel an einem weiteren Tisch mit noch mehr Dokumenten, Schriftrollen und Kerbhölzern saß, die zu bedrohlich schwankenden Stapeln anwuchsen.
Adelia hatte keine Vorstellung von der Bedeutung eines Sheriffs, aber Simon hatte ihr erklärt, dass dem Mann die wichtigste Rolle neben dem König zukam, dessen Stellvertreter im County er war. Gemeinsam mit dem Diözesanbischof übte er einen Großteil der Rechtsprechung aus, und er war allein für die Eintreibung der Steuern verantwortlich. Außerdem hatte er die Aufgabe, den Frieden im County zu sichern, Verbrecher aufzuspüren und auf die Einhaltung des sonntäglichen Handelsverbots zu achten. Er stellte sicher, dass jeder den Kirchenzehnt bezahlte und die Kirche ihre Abgaben an die Krone leistete. Er kümmerte sich um die Hinrichtungen, überstellte das Eigentum der Gehängten an den König, wie auch das von Waisen, flüchtigen Rechtsbrechern und Gesetzlosen, und er sorgte dafür, dass Schatzfunde in der Staatskasse landeten. Zweimal jährlich lieferte er das gesammelte Geld samt der dazugehörigen Buchführung beim Schatzmeister in Winchester ab, wo, wie Simon sagte, ein einziger fehlender Penny ihn die Stellung kosten konnte.
»Bei so viel Arbeit, wieso will denn da überhaupt noch einer das Amt übernehmen?«, fragte Adelia.
»Der Sheriff erhält von allem einen bestimmten Anteil«, sagte Simon.
Gemessen an der edlen Kleidung des Sheriffs von Cambridgeshire und dem Goldschmuck an seinen Fingern musste dieser Anteil beträchtlich sein, doch im Augenblick war zu bezweifeln, ob Sheriff Baldwin ihn für ausreichend hielt. Er sah gelinde gesagt mitgenommen aus, schon beinahe verzweifelt.
Er starrte den Soldaten, der die Besucher ankündigte, mit abwesend leerem Blick an und sagte: »Sehen sie denn nicht, dass ich zu tun habe? Wissen die nicht, dass die Assise bevorsteht?«
Ein großer, massiger Mann, der neben dem Sheriff über einige Papiere gebeugt stand, richtete sich auf. »Ich glaube, Mylord, diese Leute könnten sich in der Angelegenheit der Juden als hilfreich erweisen«, sagte Sir Rowley Picot.
Er zwinkerte Adelia zu. Sie erwiderte seinen Blick ohne Wohlwollen. Noch so einer, der allgegenwärtig war, wie Roger aus Acton. Und vielleicht gefährlicher.
Gestern war Simon in einer Nachricht von Prior Geoffrey vor dem Steuereintreiber des Königs gewarnt worden: »… der Mann war mindestens zweimal zu der Zeit in der Stadt, als ein Kind verschwand. Möge der gütige Herr mir verzeihen, wenn ich zu Unrecht Verdächtigungen erhebe, doch es ist unsere Pflicht, Vorsicht walten zu lassen, bis wir wissen, wem wir trauen können.«
Simon glaubte, dass der Prior Grund für seinen Argwohn hatte. »Aber der Mann ist nicht verdächtiger als irgendwer sonst.« Er sagte, bisher habe der Steuereintreiber auf ihn einen guten Eindruck gemacht. Adelia, die Gelegenheit gehabt hatte, hinter Sir Rowleys freundliche Fassade zu blicken, als er ihr seine Gegenwart bei der Untersuchung der toten Kinder aufgezwungen hatte, konnte das nicht behaupten. Sie fand ihn beunruhigend. Allem Anschein nach hatte er die Burg im Griff. Der Sheriff starrte ihn hilfesuchend an, unfähig, sich mit irgendetwas anderem zu befassen als mit seinen unmittelbaren Problemen.
»Wissen die nicht, dass eine Assise bevorsteht?«
Picot wandte sich an Simon. »Mylord möchte wissen, was Euch hierher führt.«
Simon sagte: »Wenn Mylord es erlaubt, würden wir gerne mit Yehuda Gabirol sprechen.«
»Dagegen ist wohl nichts einzuwenden, was, Mylord? Soll ich sie zu ihm bringen?« Er wandte sich bereits zum Gehen.
Der Sheriff hielt ihn fest. »Lasst mich nicht allein, Picot.«
»Es dauert nicht lange, Mylord, versprochen.«
Er führte das Trio munter plaudernd durch die Halle. »Der Sheriff hat soeben die Nachricht erhalten, dass die reisenden Richter in Cambridge eine Assise abhalten werden. Obendrein muss er persönlich zum königlichen Schatzmeister, was beträchtliche Mehrarbeit bedeutet, und er fühlt sich ein wenig, sagen wir, überfordert. Ich mich natürlich auch.«
Er lächelte die drei mit seinen Pausbacken an; ein weniger überforderter Mann war kaum vorstellbar. »Wir versuchen zu ermitteln, wer den Juden wie viel Geld schuldet und damit auch dem König. Chaim war der größte Geldverleiher in diesem County, und all seine Schuldnerlisten sind bei dem Turmfeuer in Flammen aufgegangen. Es ist äußerst schwierig, sich über etwas einen Überblick zu verschaffen, was nicht mehr da ist. Dennoch …«
Er machte eine seltsame seitliche Verbeugung vor Adelia. »Ich höre, Madam Doktor hat in der Cam geplanscht. Recht befremdlich für eine Ärztin, wenn man bedenkt, was so alles in den Fluss hineinfließt. Ich nehme an, Ihr hattet Eure Gründe, Madam?«
Adelia sagte: »Was ist eine Assise?«
Sie waren durch einen Bogen hindurchgegangen und folgten Sir Rowley jetzt die Wendeltreppe eines Turms hinauf. Aufpasser tappte hinterdrein.
Über die Schulter sagte der Steuereintreiber: »Ah, eine Assise. Das ist ein Gericht unter Vorsitz der reisenden Richter des Königs. Wahrhaftig ein Tag des Gerichts – und für diejenigen, die vor seine Schranken gerufen werden, ebenso schrecklich wie der Tag des göttlichen Gerichts. Verhandelt wird alles Mögliche. Verdünnung von Ale. Falsche Gewichtsangabe bei Brot. Aburteilung oder Freilassung der Häftlinge, die in den Gefängnissen sitzen. Klärung von Grundstücksfragen, Besitzansprüchen, Streitigkeiten und so weiter. Die Geschworenen müssen wir stellen. Findet nicht jedes Jahr statt, aber wenn … Heilige Muttergottes hilf, ist die Treppe steil.«
Er schnaufte, während er die Besucher weiter hinaufführte. Sonnenstrahlen drangen durch die Schießscharten in den dicken Steinmauern und erhellten kleine Treppenabsätze mit je einer Bogentür.
»Ihr solltet abnehmen«, sagte Adelia, die Sir Rowleys Allerwertesten während des Aufstiegs direkt vor Augen hatte.
»Alles Muskeln, Madam.«
»Reines Fett«, sagte sie. Sie blieb kurz stehen, bis er um die nächste Biegung verschwunden war, und zischte Simon hinter ihr zu: »Er wird mithören wollen, was wir zu sagen haben.«
Simon nahm die Hände von dem Geländer, das ihm beim Aufstieg half, und breitete sie aus. »Er weiß offensichtlich … schon Bescheid, warum wir hier sind. Er weiß nämlich … Gott, die Treppe ist wirklich steil … wer Ihr seid. Also, was macht das schon aus?«
Es machte einiges aus. Der Mann würde nämlich seine Schlüsse ziehen aus dem, was sie den Juden zu sagen hatten. Adelia misstraute voreiligen Schlussfolgerungen, solange nicht alle Beweise vorlagen. Und sie misstraute Sir Rowley. »Aber wenn er der Mörder ist?«
»Dann weiß er sowieso schon Bescheid.« Simon schloss die Augen und tastete nach dem Geländer.
Sir Rowley wartete oben an der Treppe, völlig aus der Puste. »Ihr haltet mich für fett, Madam? Bedenkt bitte eines: Als Nur ad-Din hörte, dass ich auf dem Vormarsch war, brach er schleunigst seine Zelte ab und stahl sich in die Wüste davon.«
»Ihr wart Kreuzfahrer?«
»Die Heiligen Stätten hätten auf mich nicht verzichten können.«
Er ließ sie in einem kleinen kreisrunden Raum allein, dessen einzige Annehmlichkeiten aus einigen Schemeln, einem Tisch und zwei verglasten Fenstern mit einem weiten Ausblick bestanden, und versprach ihnen, Master Gabirol umgehend zu holen und seinen Knappen mit Erfrischungen heraufzuschicken.
Während Simon auf und ab schritt und Mansur statuenhaft dastand, wie üblich, trat Adelia erst an das Fenster nach Westen, dann an das nach Osten und studierte das Panaroma, das sich ihr bot.
Im Westen, zwischen den niedrigen Hügeln, sah sie zinnenbewehrte Dächer mit einer wehenden Flagge darauf. So klein es aus der Ferne auch wirkte, das Lehensgut, das Sir Gervase von der Priorei zur Verfügung gestellt bekommen hatte, war größer, als Adelia von einem Ritterlehen erwartet hätte. Wenn das im Südosten liegende und von keinem der Fenster aus zu sehende Gut, das Sir Joscelin bewohnte und das den Nonnen gehörte, genauso groß war, dann hatte sich der Einsatz als Kreuzritter für die beiden reichlich ausgezahlt.
Zwei Männer traten ein. Yehuda Gabirol war jung und seine schwarzen Schläfenlocken ringelten sich an hohlen Wangen, die eine iberische Blässe zeigten.
Der unerwartete Gast war alt, und der Aufstieg hatte ihm sichtlich Mühe bereitet. Er hielt sich am Türpfosten fest, während er sich Simon keuchend vorstellte. »Benjamin ben Rav Moshe. Und wenn Ihr Simon aus Neapel seid, habe ich Euren Vater gekannt. Der alte Eli lebt doch noch, oder?«
Simons Verbeugung war ungewöhnlich kurz, ebenso seine Vorstellung von Adelia und Mansur, denn er nannte lediglich ihre Namen, ohne ihre Anwesenheit zu erklären.
Der alte Mann nickte ihnen zu, noch immer schnaufend. »Seid ihr diejenigen, die in meinem Haus wohnen?«
Da Simon keine Anstalten machte zu antworten, sagte Adelia:
»Ja. Ich hoffe, es stört Euch nicht.«
»Mich stören?«, sagte der alte Benjamin traurig. »Es ist hoffentlich in gutem Zustand?«
»Ja. Und es tut dem Haus gut, wenn es bewohnt wird, glaube ich.«
»Gefallen Euch die Fenster in der Halle?«
»Sehr hübsch. Äußerst ungewöhnlich.«
Simon sprach den jüngeren Mann an. »Yehuda Gabirol, kurz vor dem Pessachfest vor einem Jahr habt Ihr die Tochter von Chaim ben Eliezer hier in Cambridge geheiratet.«
»Die Ursache all meiner Schwierigkeiten«, sagte Yehuda Gabirol düster.
»Der Junge ist dafür den weiten Weg aus Spanien gekommen«, sagte Benjamin. »Ich habe die Heirat vermittelt. Eine gute Verbindung, wenn ich das selbst so sagen darf. Ist es denn die Schuld des Schadchan, dass sie so eine unglückselige Wendung genommen hat?«
Simon überging ihn weiter, hielt den Blick auf Yehuda gerichtet. »Ein Kind aus dieser Stadt ist an dem Tag verschwunden. Vielleicht könnte Master Gabirol Licht in die Sache bringen, was dem Jungen widerfahren ist.«
So hatte Adelia Simon noch nie erlebt. Er war wahrhaftig wütend.
Beide Männer brachen auf Jiddisch in einen Wortschwall aus. Dann hob sich die dünne Stimme des Jüngeren über Benjamins tiefere: »Woher soll ich das wissen? Bin ich der Hüter englischer Kinder?«
Simon schlug ihm ins Gesicht.
Ein Sperber landete vor dem Westfenster und flog gleich wieder davon, aufgeschreckt durch das klatschende Geräusch der Ohrfeige. Auf Yehudas Wange malten sich Fingerspuren ab.
Mansur trat vor, um im Fall einer Vergeltung einschreiten zu können, doch der junge Mann vergrub das Gesicht in den Händen und ließ den Kopf hängen. »Was hätten wir denn machen sollen? Was?«
Adelia blieb unbemerkt am Fenster stehen, während die drei Juden um Fassung rangen und schließlich drei Schemel in die Mitte des Raumes zogen, auf denen sie sich niederließen. Selbst dafür gibt es eine Zeremonie, dachte sie.
Dann ergriff Benjamin das Wort, während der junge Yehuda sich weinend vor und zurück wiegte.
Es war eine gute Hochzeit gewesen, sagte der alte Benjamin, eine Verbindung zwischen Geld und Kultur, zwischen der Tochter eines reichen Mannes und diesem jungen spanischen Gelehrten vorzüglicher Herkunft, den Chaim als eidam af kest, als Schwiegersohn, in sein Haus aufnehmen und ihm eine Mitgift in Höhe von zehn Shilling geben wollte …
»Weiter«, sagte Simon.
»Es war ein schöner Frühlingstag, die Chupa in der Synagoge war mit Schlüsselblumen geschmückt. Ich selbst habe das Glas zertreten …«
»Weiter.«
Dann ging es zurück zur Feier in Chaims Haus, die, so groß war Chaims Reichtum, eine ganze Woche hatte dauern sollen. Pfeifen, Trommeln, Fiedeln, Zimbeln, Tische, die sich unter der Last der Speisen bogen, Weinbecher, die unablässig gefüllt wurden, die Erhebung der Braut unter weißem, golddurchwirktem Seidenstoff, Reden – das alles auf der Wiese am Fluss, denn im Haus wäre kaum für alle Gäste Platz gewesen, von denen einige über tausend Meilen gereist waren, um bei der Hochzeit dabei zu sein.
»Vielleicht wollte Chaim ja auch vor der Stadt ein ganz kleines bisschen protzen«, gab Benjamin zu.
Ganz bestimmt, dache Adelia. Vor Bürgern, die ihn nicht in ihr Haus einladen würden, aber keine Bedenken hatten, sich von ihm Geld zu leihen? Natürlich wollte er das.
»Weiter.« Simon war unerbittlich, doch in dem Augenblick hob Mansur eine Hand und schlich lautlos zur Tür.
Picot. Adelia erstarrte. Der Steuereintreiber lauschte.
Mansur riss die Tür so schwungvoll auf, dass sie halb aus den Angeln flog. Aber nicht Sir Rowley kniete davor, ein Ohr in Schlüssellochhöhe, sondern sein Knappe. Neben ihm auf dem Boden stand ein Tablett mit einem Krug und Bechern.
In einer einzigen fließenden Bewegung hob Mansur das Tablett auf und beförderte den Lauscher gleichzeitig mit einem Tritt die Treppe hinunter. Der Mann, er war sehr jung, purzelte bis zur ersten Biegung, wo er mit den Beinen über dem Kopf liegen blieb. »Au. Aua.« Doch als Mansur so tat, als wolle er ihm nachsetzen und noch einen Tritt verpassen, rappelte der Junge sich auf und hastete die Stufen hinab, eine Hand auf dem schmerzenden Rücken.
Seltsam war, dachte Adelia, dass die drei Juden auf den Schemeln dem Zwischenfall kaum Beachtung schenkten, als wäre er genauso wenig von Belang wie ein Vogel, der auf der Fensterbank landete.
Ist dieser dicke Sir Rowley der Mörder? Wieso interessiert er sich so für die ermordeten Kinder?
Es gab Leute – das wusste sie, weil sie schon welchen begegnet war –, die den Tod faszinierend fanden, die sich mit Bestechungsgeldern Zugang zu der Steinkammer in der Medizinschule zu verschaffen suchten, wenn sie an einer Leiche arbeitete. Gordinus hatte auf seiner Todesfarm eine Wache aufstellen müssen, um Männer, sogar Frauen, zu verscheuchen, die sich die verwesenden Schweinekadaver anschauen wollten.
Diese Neigung hatte sie jedoch nicht bei Sir Rowley festgestellt, als sie in St. Werberthas Klause die Untersuchung durchführte; er hatte entsetzt gewirkt.
Aber er hatte seinen Diener geschickt – Pipin, so hieß der Knappe –, um an der Tür zu lauschen, was darauf schließen ließ, dass Sir Rowley sich über ihre und Simons Ermittlung auf dem Laufenden halten wollte, entweder aus Interesse – »Wieso fragt er uns dann nicht einfach?« – oder aus Angst, dass sie zu ihm führen würde.
Wer oder was bist du?
Nicht der, der du zu sein scheinst, lautete die einzige Antwort. Adelia richtete ihr Augenmerk wieder auf die drei Männer mitten im Raum.
Simon hatte Mansur noch nicht erlaubt, die Erfrischungen auf dem Tablett zu servieren. Er zwang die beiden Juden weiterzureden, die Ereignisse während der Hochzeit von Chaims Tochter zu schildern.
Am Abend war es kühl geworden. Die Gäste hatten sich ins Haus zurückgezogen, um zu tanzen, aber die über den Garten verteilten Lampen brannten noch. »Und die Männer waren vielleicht ein kleines bisschen angeheitert«, sagte Benjamin.
»Jetzt kommt endlich zur Sache!« Nie zuvor hatte Simon eine solche Wut gezeigt.
»Ja doch, ja. Also, die Braut und ihre Mutter, die beiden sind so inniglich vertraut miteinander, wie zwei Menschen nur sein können, gehen nach draußen, um frische Luft zu schnappen, und plaudern …« Benjamin wurde langsamer, zögerte, wollte offenbar nicht zum Punkt kommen.
»Da lag eine Leiche.« Alle blickten Yehuda an; er war vergessen worden. »Mitten auf der Wiese, als hätte jemand sie vom Fluss aus dahin geworfen, von einem Boot aus. Die Frauen haben sie entdeckt. Der Schein einer Lampe fiel darauf.«
»Ein kleiner Junge?«
»Vielleicht.« Wenn Yehuda überhaupt etwas gesehen hatte, dann durch einen Nebel von zu vielen Gläsern Wein. »Chaim hat sie gesehen. Die Frauen haben gekreischt.«
»Habt Ihr die Leiche auch gesehen, Benjamin?« Es war Adelias erster Einwurf.
Benjamin warf ihr nur einen kurzen Blick zu, überging sie und sagte dann zu Simon, als wäre das eine Antwort: »Ich war der Schadchan.« Der Vermittler dieser prächtigen Hochzeit, der von allen Seiten mit Wein bewirtet wurde? Wie sollte der denn wohl in der Lage sein, überhaupt noch irgendwas mitzubekommen?
»Was hat Chaim gemacht?«
Yehuda sagte: »Er hat alle Lampen gelöscht.«
Adelia sah, wie Simon nickte, als wäre das in seinen Augen vernünftig. Wenn man auf der Wiese vor seinem Haus eine Leiche entdeckte, löschte man zuerst einmal die Lampen, damit Nachbarn oder Vorbeigehende nichts mitbekamen.
Das schockierte sie. Aber sie war ja auch keine Jüdin, dachte sie dann. Die Verleumdung, dass Juden zu Pessach die Kinder von Christen opferten, haftete ihnen an wie ein zweiter Schatten, der an ihre Fersen genäht war und ihnen überallhin folgte. »Die Legende ist ein Werkzeug«, hatte ihr Ziehvater ihr er-klärt, »das gegen jede gefürchtete und verhasste Religion eingesetzt wird, von Leuten, die sie fürchten und hassen. Im ersten Jahrhundert, unter Rom, waren die ersten Christen diejenigen, die man beschuldigte, das Blut und Fleisch von Kindern zu rituellen Zwecken zu benutzen.«
Jetzt galten schon seit Jahrhunderten die Juden als Kinderfresser. Der Glaube war in der christlichen Mythologie so tief verwurzelt und die Juden hatten schon so oft darunter gelitten, dass es für sie eine unwillkürliche Reaktion war, den Leichnam eines christlichen Kindes zu verstecken, der auf einer jüdischen Wiese gefunden wurde.
»Was blieb uns denn anderes übrig?«, rief Benjamin. »Sagt mir, was wir hätten tun sollen. Jeder bedeutende Jude in England war an diesem Abend bei uns. Rabbi David war aus Paris gekommen, Rabbi Meir aus Deutschland, große Deuter der Thora, Scholem aus Chester hatte seine Familie mitgebracht. Hätten wir zulassen sollen, dass solche hohen Herren in Stücke gerissen werden? Wir brauchten Zeit, damit sie fliehen konnten.«
Während seine bedeutenden Gäste also mit Pferd und Wagen in die Nacht verschwanden, wickelte Chaim den Leichnam in ein Tischtuch ein und brachte ihn in den Keller.
Wie und warum der kleine Körper überhaupt auf die Wiese gekommen war, wer dem Kind das angetan hatte, was ihm angetan worden war, derlei Fragen kamen den verbliebenen Juden von Cambridge offenbar gar nicht in den Sinn. Ihre Hauptsorge war, wie sie die Leiche wieder loswerden konnten. Es fehlte ihnen nicht an Menschlichkeit, davon war Adelia überzeugt, aber jeder von ihnen hatte nur einen einzigen Gedanken, nämlich sein Leben und das seiner Familie zu retten. Und sie begingen einen verhängnisvollen Fehler.
»Als der Tag dämmerte«, sagte Benjamin, »waren wir immer noch nicht weitergekommen – wie sollten wir auch vernünftig überlegen können? Nach dem vielen Wein, bei unserer Angst. Chaim war es, der schließlich für uns entschied, Gott sei seiner Seele gnädig. ›Geht nach Hause‹, sagte er zu uns, ›geht nach Hause und tut so, als wäre nichts geschehen. Ich kümmere mich um die Sache, zusammen mit meinem Schwiegersohn.‹« Benjamin hob seine Kappe und fuhr sich mit gespreizten Fingern über die Kopfhaut, als hätte er noch Haare darauf. »Jahwe vergib uns, denn genau das haben wir getan.«
»Und wie haben Chaim und sein Schwiegersohn sich um die Sache gekümmert?« Simon beugte sich zu Yehuda vor, der wieder das Gesicht in den Händen verbarg. »Es war inzwischen hell, ihr konntet die Leiche nicht ungesehen aus dem Haus schmuggeln.«
Stille.
»Vielleicht«, fuhr Simon fort, »vielleicht ist Chaim da das Loch in seinem Keller eingefallen.«
Yehuda blickte auf.
»Was ist das für ein Loch?«, fragte Simon fast gleichgültig.
»Ein Abort? Ein Fluchtweg?«
»Ein Abflussloch«, sagte Yehuda widerwillig. »Durch den Keller fließt ein Bach.«
Simon nickte. »Im Keller ist also ein Abflussloch? Ein großes Abflussloch? Das in den Fluss führt?« Sein Blick huschte ganz kurz zu Adelia, die ihm zunickte. »Das Loch mündet unter dem Steg, wo Chaims Boote liegen?«
»Woher wisst Ihr das?«
»Also«, sagte Simon noch immer sanft, »habt ihr den Leichnam in das Loch geschoben.«
Yehuda weinte wieder und pendelte mit dem Oberkörper vor und zurück. »Wir haben gebetet. Wir standen in dem dunklen Keller und haben die Totengebete gesprochen.«
»Ihr habt die Totengebete gesprochen? Gut, das ist gut. Das wird dem Herrn gefallen. Aber ihr habt nicht nachgesehen, ob der Leichnam mit der Strömung abgetrieben ist, sobald er im Fluss war.«
Yehuda hörte vor Verblüffung auf zu weinen. »Ist er das denn nicht?«
Simon stand auf, hob die Arme flehend zum Herrn, der solche Dummköpfe zuließ.
»Der Fluss wurde abgesucht«, warf Adelia nur für Simons und Mansurs Ohren in ihrem Heimatdialekt ein. »Die ganze Stadt hat mitgemacht. Selbst wenn die Leiche an einem Pfahl unter dem Bootssteg hängen geblieben wäre, bei einer so gründlichen Suche wäre sie doch gefunden worden.«
Simon schüttelte den Kopf. »Sie hatten alles besprochen«, erwiderte er müde in derselben Sprache. »Wir sind Juden, Doktor. Wir reden. Wir denken über den Ausgang nach, die Folgen, wir fragen uns, ob etwas für den Herrn annehmbar ist und ob wir es dennoch tun sollten. Ich sage Euch, als sie mit dem ganzen Gerede fertig waren und eine Entscheidung getroffen hatten, waren die Sucher schon wieder weg.« Er seufzte. »Sie sind Esel und schlimmer als Esel, aber sie haben den Jungen nicht umgebracht.«
»Ich weiß.« Obwohl ihnen das kein Gericht glauben würde. Aus berechtigter Angst um ihr eigenes Leben hatten Yehuda und sein Schwiegervater eine verzweifelte Maßnahme ergriffen und sie schlecht ausgeführt. Es hatte ihnen nur ein paar Tage Gnadenfrist eingebracht, während derer die Leiche, die sich am Bootssteg unter Wasser verfangen hatte, allmählich anschwoll, bis sie sich schließlich von allein wieder befreite und an die Oberfläche trieb.
Sie wandte sich an Yehuda, denn sie konnte nicht länger warten. »Habt Ihr Euch den Leichnam näher angesehen, bevor Ihr ihn in den Kanal schobt? In welchem Zustand war er? War er verstümmelt? War er bekleidet?«
Yehuda und Benjamin betrachteten sie angewidert. »Habt Ihr uns einen weiblichen Ghul mitgebracht?«, wollte Benjamin von Simon wissen.
»Ghul? Ghul?« Simon war kurz davor, erneut zuzuschlagen, und Mansur hob eine Hand, um ihn daran zu hindern. »Ihr stopft einen armen kleinen Jungen in ein Abflussloch und nennt sie einen Ghul?«
Adelia verließ den Raum, während Simon weiter wetterte. Es gab einen Menschen hier in der Burg, der ihr sagen konnte, was sie wissen wollte.
Als sie auf dem Weg in den Hof die Halle durchquerte, bemerkte sie der Steuereintreiber. Er ließ den Sheriff einen Moment allein, ging zu seinem Knappen und gab ihm eine Anweisung.
»Dieser Sarazene ist aber nicht bei ihr, oder?«, fragte ein nervöser Pipin, dem noch immer der Rücken schmerzte.
»Beobachte einfach, mit wem sie redet.«
Adelia schritt über den sonnenbeschienenen Hof zu der Ecke, wo die jüdischen Frauen versammelt waren. Sie erkannte diejenige, zu der sie wollte, an ihrer Jugend und daran, dass ihr als Einziger ein Stuhl zum Sitzen gegeben worden war. Und an dem aufgeblähten Bauch. Mindestens im achten Monat, schätzte Adelia.
Sie verbeugte sich vor Chaims Tochter. »Mistress Dina?«
Dunkle Augen, übergroß und argwöhnisch, blickten sie an.
»Ja?«
Die junge Frau war zu mager als in ihrem Zustand gut war. Der gewölbte Bauch hätte auch eine Geschwulst an einer schlanken Pflanze sein können. Tiefe Augenhöhlen und hohle Wangen hoben sich dunkel auf einer papierdünnen Haut ab.
Die Ärztin in Adelia dachte: Du brauchst etwas aus Gylthas Küche, ich werde dafür sorgen.
Sie stellte sich als Adelia vor, Tochter von Gerschom aus Salerno. Ihr Ziehvater war zwar ein vom Glauben abgefallener Jude, aber jetzt war nicht der Zeitpunkt, seine oder ihre eigene Glaubensferne zur Sprache zu bringen. »Kann ich Euch kurz sprechen?« Sie sah die anderen Frauen an, die allmählich näher kamen. »Allein?«
Dina saß einen Augenblick reglos da. Sie war zum Schutz gegen die Sonne in einen fast durchsichtigen Stoff gehüllt, und auch ihr kunstvoller Kopfschmuck war nichts, was man jeden Tag trug. Mit Perlen verzierte Seide lugte unter dem alten Tuch hervor, das sie um die Schultern geschlungen hatte. Adelia dachte mitleidig: Sie trägt die Kleidung, in der sie geheiratet hat.
Schließlich wurden die anderen Frauen mit einem Wink verscheucht; obwohl auf der Flucht, obwohl verwaist, genoss Dina unter ihren Geschlechtsgenossinnen nach wie vor das Ansehen der Tochter des reichsten Juden in ganz Cambridgeshire. Und sie langweilte sich. Nachdem sie nun schon ein Jahr mit den anderen Frauen in der Burg eingepfercht war, hatte sie bestimmt längst alles gehört, was sie zu sagen hatten – und das mehrmals.
»Ja?« Die junge Frau hob den Schleier. Sie war vielleicht sechzehn, höchstens, und hübsch, aber ihr Gesicht hatte einen verbitterten Ausdruck angenommen. Als sie hörte, was Adelia von ihr wollte, wandte sie den Blick ab. »Darüber möchte ich nicht reden.«
»Der wahre Mörder muss gefasst werden.«
»Sie sind alle Mörder.« Sie legte den Kopf schief, als lauschte sie auf etwas, und hob einen Finger, damit Adelia es ihr gleichtat.
Ganz schwach, von der anderen Seite der Burgmauern, waren Rufe zu vernehmen, die darauf schließen ließen, dass Roger aus Acton auf die Ankunft des Bischofs reagierte. »Tötet die Juden«, war deutlich zu verstehen.
Dina sagte: »Wisst Ihr, was sie mit meinem Vater gemacht haben? Mit meiner Mutter?« Das junge Gesicht verzog sich, wurde noch jünger. »Ich vermisse meine Mutter. Ich vermisse sie so.«
Adelia kniete sich neben sie, nahm die Hand des Mädchens und legte sie an ihre Wange. »Sie würde wollen, dass Ihr tapfer seid.«
»Ich kann nicht.« Dina neigte den Kopf nach hinten und ließ den Tränen freien Lauf.
Adelia blickte zu den anderen Frauen hinüber, die nervös etwas abseits standen, und schüttelte den Kopf, damit sie nicht näher kamen. »Doch, Ihr könnt«, sagte sie. Sie legte Dinas Hand und ihre eigene auf den schwangeren Bauch. »Eure Mutter würde wollen, dass Ihr für ihr Enkelkind tapfer seid.«
Doch in Dinas Trauer, die so plötzlich hervorgebrochen war, mischte sich Panik. »Sie werden das Baby auch umbringen.« Sie riss die Augen weit auf. »Hört Ihr sie denn nicht? Sie brechen hier ein. Sie brechen ein.«
Wie grässlich musste es für sie sein. Adelia hatte sich die Isolation vorgestellt, sogar die Langeweile, aber nicht das Warten von Tag zu Tag, wie ein Tier, das mit einem Bein in der Falle steckt und auf die Wölfe wartet. Das Rudel da draußen konnte man nicht vergessen. Roger aus Actons Geheul erinnerte sie unaufhörlich daran.
Ihre Versuche, die junge Frau zu trösten, blieben wirkungslos. »Der König wird das nicht dulden.« Und: »Euer Ehemann wird Euch beschützen.«
»Der!« Die Verachtung in diesem Wort trocknete ihre Tränen.
Galt die Ablehnung dem König? Oder dem Ehemann? Die junge Frau hatte den Mann, den sie ehelichen sollte, wahrscheinlich erst am Tag der Hochzeit zu sehen bekommen. Adelia hatte diesen Brauch nie gutgeheißen. Das jüdische Gesetz erlaubte es nicht, eine junge Frau gegen ihren Willen zu verheiraten, aber das bedeutete in den meisten Fällen nur, dass sie nicht gezwungen werden durfte, einen Mann zu heiraten, den sie nicht ausstehen konnte. Adelia selbst war der Zwangsheirat entgangen, weil ihr freisinniger Ziehvater Verständnis für ihren Wunsch hatte, allein zu bleiben. »Gute Ehefrauen gibt es reichlich, Gott sei Dank«, hatte er gesagt, »aber nur wenige gute Ärzte. Und eine gute Ärztin ist nicht mit Gold aufzuwiegen.«
In Dinas Fall verhießen ein von Grauen gezeichnetes Hochzeitsfest und die anschließende Gefangenschaft in der Burg nicht gerade ungetrübtes Eheglück.
»Hört zu«, sagte Adelia eindringlich, »wenn Ihr nicht wollt, dass Euer Kind den Rest seines Lebens in dieser Burg verbringt und ein Mörder weiter frei herumläuft und noch mehr Kinder umbringt, dann müsst Ihr mir sagen, was ich wissen will.« Aus purer Verzweiflung fügte sie hinzu: »Verzeiht mir, aber in gewissem Sinne hat er auch Eure Eltern umgebracht.«
Schöne Augen mit nassen Wimpern blickten sie an, als wäre sie einfältig. »Aber deshalb haben sie es doch getan. Wisst Ihr das denn nicht?«
»Was?«
»Warum sie den Jungen getötet haben. Wir wissen das. Sie haben ihn nur getötet, damit sie uns dafür die Schuld geben können. Warum hätten sie die Leiche sonst in unseren Garten legen sollen?«
»Nein«, sagte Adelia. »Nein.«
»Aber natürlich.« Dinas Mund verzog sich zu einem hässlichen Hohngrinsen. »Das war alles geplant. Dann haben sie den Pöbel angestachelt: Tötet die Juden. Tötet Chaim den Wucherer. Das haben sie geschrien, und das haben sie getan.«
»Tötet die Juden«, echote es wie von einem Papagei vom Tor her.
»Es sind seitdem noch mehr Kinder gestorben«, sagte Adelia. Zu ihrem Erstaunen war ihr ein neuer Gedanke gekommen.
»Auch die. Auch die wurden getötet, damit der Pöbel einen Vorwand hat, uns Übrige aufzuhängen.« Dina war unerbittlich. Dann war sie es nicht mehr: »Wusstet Ihr, dass meine Mutter sich schützend vor mich gestellt hat? Wusstet Ihr das? Dass sie deshalb in Stücke gerissen wurde und nicht ich?«
Plötzlich bedeckte sie das Gesicht und schaukelte vor und zurück, genau wie ihr Mann es Minuten zuvor getan hatte, nur dass Dina für ihre Toten betete: »Oseh Schalom bimeromaw hu jaaeseh Schalom alejnu weal-kal-Jiserael. Amejn.«
»Amejn.« Er, der Frieden schafft in seinen Höhen, er möge Frieden schaffen über uns und über ganz Israel. Und darauf sprecht: Amen! Wenn es Dich gibt, Gott, betete Adelia, so lass es geschehen.
Natürlich mussten diese Menschen ihr Unglück als gezielt eingefädelt betrachten, als eine Verschwörung von gojim, die Kinder töteten, wenn sie dadurch Juden töten konnten. Dina fragte nicht warum. Die Geschichte war für sie Antwort genug.
Behutsam, aber entschieden zog Adelia Dinas Hände nach unten, so dass sie dem Mädchen ins Gesicht blicken konnte. »Hört mir zu, Mistress. Ein Mann hat diese Kinder getötet, einer. Ich habe ihre Körper gesehen, und er bringt ihnen so grässliche Verletzungen bei, dass ich Euch die Einzelheiten ersparen werde. Er tut das, weil er Gelüste hat, die uns fremd sind, weil er nicht menschlich ist nach unserem Verständnis. Simon aus Neapel ist nach England gekommen, um die Juden von dieser Schuld zu befreien, aber ich bitte Euch nicht, ihm zu helfen, weil Ihr Jüdin seid. Ich bitte Euch, weil es gegen jedes Gesetz Gottes und der Menschen ist, dass Kinder so leiden, wie diese Kinder gelitten haben.«
Der Lärm in der Burg schwoll zu seinem üblichen Crescendo an, bis das Geschrei von Roger aus Acton sich dagegen ausnahm wie Vogelgezwitscher.
Das Brüllen eines Bullen, der darauf wartete, gefüttert und getränkt zu werden, gesellte sich zum Kreischen eines Schleifsteins, an dem Knappen die Messer ihrer Herren wetzten. Soldaten exerzierten. Kinder spielten lachend und rufend im Garten des Sheriffs.
Ein wenig abseits auf dem Turnierplatz übte ein Steuereintreiber, der beschlossen hatte, etwas abzunehmen, gemeinsam mit den Rittern den Kampf mit Holzschwertern.
»Was wollt Ihr wissen?«, fragte Dina.
Adelia tätschelte ihr die Wange. »Ihr seid Eurer tapferen Mutter würdig.« Sie holte tief Luft. »Dina, Ihr habt den Leichnam im Garten liegen sehen, bevor die Lampen gelöscht wurden, bevor er in ein Tischtuch gehüllt wurde, bevor er weggebracht wurde. In welchem Zustand befand er sich?«
»Der arme Junge.« Diesmal weinte Dina nicht um sich, nicht um ihr Kind, nicht um ihre Mutter. »Der arme kleine Junge. Jemand hatte ihm die Augenlider abgeschnitten.«