Kapitel Zehn
Kann sie mich hören?«, erkundigte sich Sir Rowley bei Gyltha.
»Man kann Euch in Peterborough hören«, erwiderte Gyltha. Der Steuereintreiber hatte geschrien. »Sie hört einfach nicht zu.«
Sie hörte zu, aber nicht Sir Rowley Picot. Die Stimme, die sie vernahm, war die von Simon aus Neapel, klar und deutlich, und er sagte nichts Bedeutsames, sondern plauderte einfach, wie es seine Art gewesen war, mit seiner hellen, lebhaften Stimme – und zwar im Augenblick über Wolle und ihre Verarbeitung.
»Könnt Ihr Euch vorstellen, wie schwierig es ist, die Farbe Schwarz hinzubekommen?«
Sie hätte ihm gerne erwidert, wie schwer es ihr gerade fiel, sich vorzustellen, dass er tot war, wollte ihm sagen, dass sie den Augenblick hinauszögerte, weil der Verlust zu groß war und deshalb ignoriert werden musste, dass ein ausgelöschtes Leben einen Abgrund offenbarte, den sie nicht gesehen hatte, weil er ihn ausgefüllt hatte.
Es musste ein Irrtum sein. Simon war nicht die Sorte Mensch, die starb.
Sir Rowley blickte sich hilfesuchend in der Küche des alten Benjamin um. Waren denn hier alle Frauen wie vor den Kopf geschlagen? Und der Junge auch? Wollte sie ewig nur dasitzen und ins Feuer starren?
Er wandte sich an den Eunuchen, der mit verschränkten Armen an der Tür stand und hinaus auf den Fluss starrte.
»Mansur.« Er stellte sich dicht vor ihn, so dass ihre Gesichter auf einer Höhe waren. »Mansur. Der Leichnam ist in der Burg. Die Juden können jeden Augenblick erfahren, dass er dort ist, und ihn begraben. Sie wissen, dass er einer von ihnen ist. Hör zu.« Er packte die Schultern des Mannes und schüttelte ihn. »Sie hat jetzt keine Zeit zu trauern. Sie muss erst den Leichnam untersuchen. Er wurde ermordet, versteht Ihr das denn nicht?«
»Ihr sprecht Arabisch?«
»Was soll das denn sonst sein, was ich gerade spreche, du großes Kamel? Rüttle sie auf, sie muss handeln.«
Adelia legte den Kopf schief und dachte an das harmonische Verhältnis zwischen ihr und Simon, die geschlechtslose Zuneigung und Achtung, Respekt und Humor, eine Freundschaft, wie sie so selten zwischen einem Mann und einer Frau war, dass sie so etwas wohl nie wieder erleben würde. Sie ahnte jetzt, wie es sein würde, wenn sie ihren Ziehvater verlor.
Sie wurde wütend, warf Simon eine Mitschuld vor. Wie konntest du so unvorsichtig sein? Du warst für uns alle wertvoll. Was für ein unsäglicher Verlust. In einem schlammigen englischen Kanal zu sterben ist so dumm.
Die arme Frau, die er so geliebt hatte. Seine Kinder.
Mansurs Hand lag auf ihrer Schulter. »Dieser Mann sagt, Simon wurde ermordet.«
Es dauerte einen Moment, dann sprang sie auf. »Nein.« Sie trat Picot entgegen. »Es war ein Unfall. Dieser Mann, der Flusswart, hat zu Gyltha gesagt, es war ein Unfall.«
»Er hatte die Schuldnerliste gefunden, Frau, er wusste, wer der Mörder ist.« Sir Rowley knirschte vor Wut mit den Zähnen, dann sagte er ganz langsam: »Hört mir zu. Hört Ihr mir zu?«
»Er ist verspätet auf Joscelins Fest gekommen. Versteht Ihr mich?«
»Ja«, sagte sie. »Ich habe ihn gesehen.«
»Er ist zu der oberen Tafel gekommen und hat sich für die Verspätung entschuldigt. Der Zeremonienmeister hat ihn zu seinem Platz geleitet, aber als er an mir vorbeiging, ist er stehen geblieben und hat eine Tasche an seinem Gürtel getätschelt. Und er hat gesagt … hört Ihr mir zu? Er hat gesagt: ›Wir haben ihn, Sir Rowley. Ich habe die Schuldnerliste gefunden.‹ Er sprach leise, aber das waren seine Worte.«
»›Wir haben ihn, Sir Rowley‹«, wiederholte Adelia.
»Das hat er gesagt. Ich habe gerade eben seinen Leichnam gesehen. Die Tasche an seinem Gürtel ist verschwunden. Deshalb wurde er ermordet.«
Adelia hörte, wie Matilda B entsetzt wimmerte, Gyltha aufstöhnte. Sprachen sie und Picot Englisch? Offenbar.
»Warum hätte er Euch das erzählen sollen?«, fragte sie.
»Gütiger Himmel, Frau, wir hatten den ganzen Tag zusammen gesucht. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass die verbrannten Listen die einzigen waren. Die verfluchten Juden hätten sie jederzeit haben können, hätten sie nur gewusst, wo sie waren. Chaim hatte sie bei seinem Bankier hinterlegt.«
»Redet nicht so über sie.« Sie legte ihm eine Hand auf die Brust und stieß ihn zurück. »Redet nicht so. Simon war Jude.«
»Genau.« Er packte ihre Hände. »Und weil er Jude war, müsst Ihr jetzt mitkommen und seinen Leichnam untersuchen, bevor die Juden ihn holen.« Er sah ihren Gesichtsausdruck und blieb unerbittlich. »Was ist ihm zugestoßen? Wann? Und daraus können wir vielleicht, wenn wir Glück haben, schließen, wer es war. Das habe ich von Euch gelernt.«
»Er war mein Freund«, sagte sie, »ich kann nicht.« Ihre Seele rebellierte bei dem Gedanken, und auch Simon würde es ganz und gar nicht behagen, entblößt, befingert, aufgeschnitten zu werden – noch dazu von ihr. Eine Leichenöffnung verstieß auf jeden Fall gegen das jüdische Gesetz. Sie würde sich jederzeit über die christliche Kirche hinwegsetzen, aber um des lieben Simon willen würde sie nicht gegen die Vorschriften des jüdischen Glaubens verstoßen.
Gyltha trat zwischen sie und blickte dem Steuereintreiber forschend ins Gesicht. »Soll das heißen, Master Simon wurde von demselben Mann ermordet, der die Kinder ermordet hat? Ist das richtig?«
»Ja, ja.«
»Und das kann sie herausfinden, wenn sie sich den armen Leichnam ansieht?«
Sir Rowley erkannte in ihr eine Verbündete und nickte. »Möglicherweise.«
Gyltha wies Matilda B an: »Hol ihren Umhang.« Und zu Adelia: »Wir gehen zusammen.« Und zu Ulf: »Du bleibst hier, Junge. Geh den Matildas zur Hand.«
Eingekeilt zwischen Sir Rowley und Gyltha und gefolgt von Mansur und dem Aufpasser wurde Adelia im Eilschritt durch die Straßen Richtung Brücke geschoben. Sie protestierte noch immer wortreich. »Es kann nicht der Mann gewesen sein, den wir suchen. Er greift nur Wehrlose an. Das hier ist anders. Es ist …«, sie verlangsamte ihren Schritt, um zu überlegen, was es war, »… es ist das alltägliche Entsetzen.«
Für den Flussaufseher, der ihnen die traurige Nachricht überbracht hatte, waren Leichen in der Cam nichts Ungewöhnliches. Und sie, die schon so viele vom Wasser aufgedunsene Leichen auf ihrem Marmortisch in Salerno untersucht hatte, hatte sein Urteil auch nicht in Frage gestellt. Die Leute ertranken im eigenen Bad, Seeleute fielen über Bord, und die meisten konnten nicht schwimmen, Riesenwellen rissen Menschen ins Meer. Kinder, Männer und Frauen ertranken in Flüssen, Teichen, Brunnen, in Tümpeln. Die Leute begingen tragische Fehleinschätzungen, machten einen unvorsichtigen Schritt. Es war eine ganz gewöhnliche Art zu sterben.
Sie hörte den Steuereintreiber ungeduldig schnauben, während er sie weiterscheuchte. »Unser Mann ist ein wilder Hund. Wilde Hunde schnappen nach der Kehle, wenn sie bedroht werden. Und Simon war eine Bedrohung geworden.«
»Groß war er auch nicht gerade«, sagte Gyltha. »Ein netter kleiner Mann, aber nicht mehr dran als an einem Kaninchen.« Das stimmte. Aber dass er ermordet worden sein sollte. Adelias Verstand wehrte sich dagegen. Sie und Simon waren hergekommen, um die Menschen einer unbedeutenden Stadt in einem fremden Land aus einer Gefahr zu befreien, in die sie sich selbst gebracht hatten, und nicht, um selbst von dieser Gefahr verschlungen zu werden. Sie hatte geglaubt, sie und er wären dagegen gefeit, weil ihnen als denjenigen, die Nachforschungen anstellten, eine besondere Art von Immunität zustand. Und sie wusste, dass Simon das auch geglaubt hatte.
Sie blieb wie angewurzelt stehen. »Wir waren die ganze Zeit in Gefahr?«
Der Steuereintreiber blieb ebenfalls stehen. »Wie schön, dass Ihr das endlich begreift. Habt Ihr geglaubt, Ihr wärt unantastbar?«
Sir Rowley und Gyltha drängten sie erneut weiter, sprachen über ihren Kopf hinweg miteinander.
»Habt Ihr gesehen, wie er das Fest verließ, Gyltha?«
»Das nich gerade. Er ist kurz in die Küche gekommen, hat dem Koch ein Kompliment gemacht und sich von mir verabschiedet.« Gylthas Stimme bebte einen Moment. »Immer höflich, so war er.«
»War das, bevor der Tanz anfing?«
Gyltha seufzte. In Sir Joscelins Küche war es gestern Abend drunter und drüber gegangen.
»Wenn ich das noch wüsste. Könnte sein. Er hat gesagt, er muss noch was arbeiten, bevor er ins Bett geht, das weiß ich noch. Deshalb ist er auch früher gegangen.«
»Noch was arbeiten.«
»Genau seine Worte.«
»Er wollte die Listen durchsehen.«
Wie gewöhnlich herrschte auf der Brücke reger Betrieb. Sie hatten Mühe, nebeneinanderzugehen, und da Sir Rowley sie fest am Arm hielt, wurde Adelia immer wieder von Leuten angerempelt, in der Mehrzahl Schreiber mit Amtskette um den Hals. Sie hatten es allesamt eilig und waren in Scharen unterwegs. Die Obrigkeit hatte in Cambridge Einzug gehalten, und Adelia fragte sich vage, weshalb.
Das Frage-und-Antwort-Spiel über ihrem Kopf ging weiter.
»Hat er gesagt, wie er nach Hause wollte? Zu Fuß? Oder mit dem Boot?«
»Im Stockdunkeln? Da wär er sicher nich zu Fuß gegangen.« Wie die meisten Menschen in Cambridge betrachtete Gyltha das Boot als einzig wahres Transportmittel. »Irgendwer ist bestimmt gleichzeitig mit ihm aufgebrochen und hat ihm angeboten, ihn zu Hause abzusetzen.«
»Ich fürchte, genau das hat irgendwer getan.«
»O gütiger Gott, steh uns bei.«
Nein, nein, dachte Adelia. Simon war nicht unvorsichtig. Er war kein Kind, das sich von Jujuben anlocken ließ. Aber Stadtmensch, der er war, hatte er sich dummerweise entschlossen, am Flussufer entlangzugehen. Er war im Dunkeln ausgerutscht, es war ein Unfall.
»Wer ist zur selben Zeit wie er aufgebrochen?« Picots Stimme.
Doch Gyltha wusste es nicht. Außerdem hatten sie inzwischen die Burg erreicht. Heute waren im Innenhof keine Juden, sondern noch mehr Amtmänner, Dutzende, wie Ungezieferbefall. Der Steuereintreiber beantwortete gerade Gylthas Frage. »Königliche Bedienstete, sie sind wegen der Assise hier. Es dauert Tage, um alles für die reisenden Richter vorzubereiten. Kommt, hier entlang. Sie haben ihn in die Kapelle gebracht.«
Das hatte man zwar getan, doch als die drei eintraten, war die Kapelle leer, nur der Burggeistliche schritt über den Mittelgang und schwang eifrig ein Weihrauchfässchen, um das Gotteshaus erneut zu weihen. »Habt Ihr gewusst, dass es die Leiche eines Juden war, Sir Rowley? Also so was! Wir dachten, der Verstorbene wäre Christ, als wir ihn aufbahrten …« Father Alcuin nahm den Steuereintreiber am Arm und führte ihn ein Stück weg, damit die Frauen nicht mithören konnten. »Als wir ihn entkleidet haben, sahen wir den Beweis. Er war beschnitten.«
»Was ist mit ihm geschehen?«
»Er konnte ja wohl nicht hierbleiben, gütiger Himmel. Ich habe ihn wegschaffen lassen. Er kann nicht hier bestattet werden, auch wenn die Juden noch so rumkrakeelen. Ich habe den Prior verständigt, obwohl es eigentlich eine Sache des Bischofs ist, aber Prior Geoffrey versteht sich darauf, die Israeliten zu beruhigen.«
Father Alcuin erblickte Mansur und erbleichte: »Bringt Ihr noch einen Heiden in dieses heilige Haus? Raus mit ihm, raus.«
Sir Rowley sah die Verzweiflung in Adelias Gesicht, packte den kleinen Priester vorn an der Robe und hob ihn ein Stück vom Boden. »Wohin ist der Leichnam gebracht worden?«
»Ich weiß es nicht. Lasst mich runter, Ihr Unhold.« Sobald er wieder auf den Füßen stand, sagte er trotzig: »Und es kümmert mich auch nicht.« Er machte sich wieder daran, rasselnd das Weihrauchfässchen zu schwingen, und verschwand in einer Wolke aus Weihrauch und schlechter Laune.
»Sie behandeln ihn nicht mit Respekt«, sagte Adelia. »Ach, Picot, sorgt dafür, dass er eine richtige jüdische Beerdigung bekommt.« Auch wenn er den Eindruck eines kosmopolitischen Humanisten gemacht hatte, im Grunde war Simon aus Neapel ein gläubiger Jude gewesen, und ihre mangelnde Frömmigkeit hatte ihn stets beunruhigt. Die Vorstellung, dass sein Leichnam lediglich verscharrt werden würde, ohne die Bestattungsriten seiner Religion, war ihr unerträglich.
»Das ist nich richtig«, pflichtete Gyltha bei. »Wie in der Bibel steht: ›Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.‹«
Das war vielleicht Blasphemie, aber es wurde mit Entrüstung und Trauer gesagt.
»Ladys«, sagte Sir Rowley Picot, »und wenn ich deshalb bis zum Heiligen Geist muss, Master Simon bekommt eine ehrwürdige Bestattung.« Er eilte davon und kam wieder. »Wie es aussieht, haben die Juden ihn bereits geholt.«
Er ging zum Turm der Juden. Während sie ihm folgten, schob Adelia ihre Hand in die der Haushälterin.
Prior Geoffrey stand an der Tür und sprach mit einem Mann, den Adelia noch nie gesehen hatte, in dem sie aber sogleich einen Rabbi erkannte. Es lag nicht an den Locken oder dem langen Bart, und er war so ähnlich und genauso schäbig gekleidet wie die anderen Juden. Es lag an den Augen: Sie sahen gelehrt aus; strenger als die von Prior Geoffrey, aber in ihnen lag das gleiche, unendliche Wissen und eine müdere Belustigung. Männer mit solchen Augen hatten mit ihrem Ziehvater freundlich über das jüdische Gesetz debattiert. Ein talmudischer Gelehrter, dachte sie, und war erleichtert. Er würde sich um Simons Leichnam kümmern, wie Simon es sich gewünscht hätte. Und da es verboten war, würde er nicht erlauben, dass der Leichnam geöffnet würde, ganz gleich, was Sir Rowley unternahm – und auch das war für Adelia eine Erleichterung.
Prior Geoffrey hatte ihre Hände ergriffen. »Mein gutes Kind, was für ein Schlag, was für ein Schlag für uns alle. Für Euch muss der Verlust unermesslich sein. Bei Gott, und wie ich den Mann gemocht habe. Wir haben uns zwar nur kurz gekannt, aber ich habe gespürt, was für eine gute Seele Master Simon aus Neapel war, und ich trauere um ihn.«
»Prior, er muss nach jüdischem Gesetz bestattet werden, und das bedeutet, noch heute.« Einen Leichnam länger als vierundzwanzig Stunden über der Erde zu behalten, kam einer Demütigung gleich.
»Ah, was das betrifft …« Prior Geoffrey war beklommen. Er wandte sich an den Steuereintreiber, genau wie der Rabbi – das war Männersache. »Es gibt da ein Problem, Sir Rowley. Ehrlich gesagt, ich bin überrascht, dass es nicht schon früher aufgetreten ist, aber offenbar und glücklicherweise, wie ich sagen darf, ist noch niemand von Rabbi Gotsces Volk hier in der Burg in dem ganzen Jahr, das sie hier eingesperrt sind, gestorben …«
»Das muss an der guten Küche liegen«, sagte Rabbi Gotsce mit seiner tiefen Stimme, und wenn er einen Scherz gemacht hatte, so war das seinem Gesicht nicht anzusehen.
»Daher«, fuhr der Prior fort, »und ich gestehe, dass es auch meine Schuld ist, sind bislang keine entsprechenden Vorkehrungen getroffen worden …«
»Die Burg hat keinen Friedhof für Juden«, sagte Rabbi Gotsce. Prior Geoffrey nickte. »Leider nimmt Father Alcuin die gesamte Burg als christlichen Boden in Anspruch.«
Sir Rowley verzog das Gesicht. »Vielleicht können wir ihn heute Abend runter in die Stadt schmuggeln.«
»Cambridge hat keinen Friedhof für Juden«, sagte Rabbi Gotsce.
Sie alle starrten ihn an, mit Ausnahme des Priors, der beschämt zu Boden blickte.
»Wo sind denn dann Chaim und seine Frau beerdigt worden?«, fragte Rowley.
Zögernd sagte der Prior: »In ungeweihter Erde, bei den Selbstmördern. Alles andere hätte einen weiteren Aufruhr entfacht.«
Durch die offene Turmtür, vor der sie standen, war zu sehen, dass dort irgendetwas vor sich ging. Frauen mit Waschschüsseln und Tüchern auf den Armen hasteten die Wendeltreppe hinauf und hinunter, während eine Gruppe Männer in der Eingangshalle stand und sich angespannt unterhielt. Adelia sah Yehuda Gabriol in ihrer Mitte stehen und sich an die Stirn fassen.
Sie tat es ihm nach, denn als wäre nicht schon alles schlimm genug, kam jetzt noch eine weitere Komplikation hinzu: Irgendwer litt große Schmerzen. Das Gespräch zwischen dem Prior, dem Rabbi und dem Steuereintreiber wurde immer wieder von einem lauten und tiefen Geräusch unterbrochen, das aus einem der oberen Turmfenster drang, ein Zwischending aus Stöhnen und Keuchen, wie von einem schadhaften Blasebalg. Die Männer achteten nicht darauf.
»Wer ist das?«, fragte sie, doch niemand antwortete ihr.
»Wo bringt ihr denn für gewöhnlich eure Toten hin?«, fragte Rowley den Rabbi.
»Nach London. Der König ist so gütig und lässt uns einen Friedhof nicht weit vom jüdischen Viertel benutzen. Das war schon immer so.«
»Ist das der einzige?«
»Ja. Wenn wir in York oder an der Grenze zu Schottland sterben, in Devon oder in Cornwall, müssen wir mit dem Sarg nach London. Wir müssen natürlich eine besondere Gebühr bezahlen. Und auch die Hunde kosten Geld, die uns anbellen, wenn wir durch die Städte ziehen.« Er lächelte freudlos. »Eine teure Angelegenheit.«
»Das wusste ich nicht«, sagte Rowley.
Der kleine Rabbi verbeugte sich höflich. »Wie denn auch?«
»Wir stecken in der Klemme«, sagte Prior Geoffrey. »Der arme Leichnam darf auf dem Burggelände nicht bestattet werden, ich bezweifele jedoch, dass wir uns die Leute aus der Stadt lange genug vom Hals halten können, um ihn sicher nach London zu schmuggeln.«
London? Schmuggeln? Adelias Kummer schlug in Wut um, die sie nur mit Mühe zügeln konnte.
Sie trat vor. »Vergebt mir, aber Simon aus Neapel ist keine Unannehmlichkeit, deren man sich entledigen muss. Er wurde vom König von Sizilien hergeschickt, um einen Mörder in eurer Mitte zu entlarven, und wenn der Mann hier Recht hat«, sie zeigte auf den Steuereintreiber, »ist er auch dafür gestorben. Im Namen Gottes, so gebt ihm wenigstens eine würdige Bestattung.«
»Sie hat Recht, Prior«, sagte Gyltha. »Er war ein guter kleiner Mann.«
Die beiden Frauen brachten die Männer in Verlegenheit. Noch unangenehmer wurde es, als aus dem oberen Fenster wieder ein Stöhnen zu vernehmen war, das plötzlich in einen unverkennbar weiblichen Schrei umschlug.
Rabbi Gotsce fühlte sich zu einer Erklärung genötigt. »Mistress Dina.«
»Das Kind?«, fragte Adelia.
»Ein wenig zu früh«, erwiderte der Rabbi, »aber die Frauen haben Hoffnung, es sicher auf die Welt zu holen.«
Sie hörte Gyltha sagen: »Der Herr gibt, und der Herr nimmt.«
Adelia fragte nicht, wie es Dina ging, denn im Augenblick ging es Dina offenbar schlecht, und ihre Schultern sanken ein wenig herab, als ihre Wut sich legte. Irgendetwas würde also geschenkt werden, etwas Neues, Gutes in einer bösen Welt.
Der Rabbi sah es. »Seid Ihr Jüdin, Madam?«
»Ich wurde von einem Juden erzogen. Ich bin nichts anderes als Simons Freundin.«
»Das hat er mir erzählt. Seid unbesorgt, meine Tochter. Denn für unsere kleine Gemeinde ist die Beisetzung Eures Freundes eine heilige Pflicht. Wir haben bereits die Tahara durchgeführt, seinen Leichnam gewaschen und in ein schlichtes weißes Totenhemd, das Tachrichim, gekleidet, damit er seine Reise zur nächsten Stufe antreten kann. Ein Sarg aus Weidenzweigen, wie es der weise Lehrer Rabban Gamliel vorschreibt, ist bereits in Arbeit. Seht hier. Ich zerreiße meine Kleidung für den Verstorbenen.« Der Rabbi riss sein bereits etwas heruntergekommenes Gewand vorne ein, eine rituelle Geste der Trauer.
Sie hätte es wissen müssen. »Danke, Rabbi, danke.« Doch da war noch etwas. »Aber er sollte nicht allein gelassen werden.« »Er ist nicht allein. Der alte Benjamin hat die Aufgabe des Schomer übernommen, er hält die Totenwache und spricht die entsprechenden Psalmen.« Rabbi Gotsce blickte sich um. Der Prior und der Steuereintreiber waren im Gespräch vertieft. Er senkte die Stimme: »Was die Beerdigung angeht: Wir sind ein anpassungsfähiges Volk, das mussten wir werden, und der Herr weiß, was uns unmöglich ist. Er hat Verständnis, wenn wir hier und da ein wenig abweichen.« Seine Stimme war jetzt nur noch ein Flüstern. »Wir haben schon immer festgestellt, dass auch die christlichen Gesetze einen gewissen Spielraum erlauben, vor allem dann, wenn es eine Frage des Geldes ist. Wir sammeln von dem wenigen, das wir haben, um ein Plätzchen in der Erde dieser Burg zu kaufen, wo wir unseren Freund würdevoll zur ewigen Ruhe betten können.«
Adelia lächelte zum ersten Mal an diesem Tag. »Ich habe reichlich Geld.«
Rabbi Gotsce trat zurück. »Dann besteht ja gar kein Grund zur Sorge.« Er nahm ihre Hand, um den Segen zu sprechen, der für die Trauernden vorgeschrieben war: »Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der wahre Richter.«
Einen Augenblick lang empfand Adelia einen dankbaren Frieden. Vielleicht lag es an dem Segen, vielleicht an der Gegenwart von wohlmeinenden Männern, vielleicht an der bevorstehenden Geburt von Dinas Kind.
Dennoch, so dachte sie, wie immer sie ihn auch beerdigen, Simon ist tot. Etwas ungeheuer Wertvolles ist der Welt entrissen worden. Und du, Adelia, bist aufgefordert herauszufinden, ob es ein Unfall war oder Mord – das vermag sonst niemand.
Es widerstrebte ihr nach wie vor, Simons Leichnam zu untersuchen, auch deshalb, wie sie sich eingestand, weil sie vor dem, was er ihr verraten könnte, Angst hatte. Wenn das noch frei herumlaufende Ungeheuer ihn getötet hatte, dann war nicht nur Simon sein Opfer, sondern auch ihre Entschlossenheit, die Mission fortzusetzen. Ohne Simon lag die Verantwortung allein bei ihr, und ohne Simon war sie ein einsames, gebrochenes und sehr ängstliches Schilfrohr.
Doch der Rabbi, auf den Sir Rowley sehr schnell eingeredet hatte, war nicht bereit, sie auch nur in die Nähe von Simons Leiche zu lassen. »Nein«, sagte er jetzt. »Auf gar keinen Fall, und erst recht keine Frau.«
»Dux femina facil«, warf Prior Geoffrey helfend ein.
»Sir, der Prior hat Recht«, flehte Rowley. »In dieser Angelegenheit leitet eine Frau unser Unternehmen. Die Toten sprechen zu ihr. Sie sagen ihr, wie sie gestorben sind, woraus wir möglicherweise schließen können, wer für den Tod verantwortlich ist. Wir schulden es dem Verstorbenen, der Gerechtigkeit, dass wir herausfinden, ob der Mörder der Kinder auch sein Mörder war. Um des Herrn willen, Mann, er hat sich für Euer Volk eingesetzt. Wenn er ermordet wurde, wollt Ihr dann nicht, dass sein Tod gerächt wird?«
»Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor.« Der Prior kam erneut zu Hilfe: »Möge dereinst aus meinen Gebeinen ein Rächer erstehen.«
Der Rabbi verbeugte sich. »Gerechtigkeit ist gut, Mylord«, sagte er, »aber wir haben festgestellt, dass sie erst in der nächsten Welt zu erreichen ist. Ihr sagt, es möge um des Herrn willen geschehen, aber wie können wir dem Herrn gefallen, wenn wir gegen Seine Gesetze verstoßen?«
»So ein sturer Bock«, sagte Gyltha kopfschüttelnd zu Adelia.
»Er ist nun mal Jude.«
Manchmal fragte Adelia sich, wie das jüdische Volk und sein Glaube angesichts einer nahezu universalen und für sie unerklärlichen Feindseligkeit überhaupt hatte überleben können. Heimatlosigkeit, Verfolgung, Erniedrigung, versuchter Völkermord, all das war über das jüdische Volk gekommen – das nur umso hartnäckiger an seiner Religion und seinen Bräuchen festhielt. Während des ersten Kreuzzuges hatten die christlichen Heere, angefüllt mit religiösem Eifer und Alkohol, es als ihre Pflicht gesehen, alle Juden zu bekehren, die ihnen über den Weg liefen, und sie hatten sie vor die Wahl gestellt: Taufe oder Tod. Tausende von toten Juden waren die Antwort gewesen.
Rabbi Gotsce war durchaus ein vernünftiger Mann, aber er würde lieber auf den Stufen dieses Turmes sterben, als einen Grundsatz seines Glaubens zu brechen und einer Frau zu erlauben, den Leichnam eines Mannes zu berühren, ganz gleich, welcher Nutzen sich aus der Berührung ergeben könnte.
Was nur bewies, dachte Adelia, dass die drei großen Religionen, zumindest was die Minderwertigkeit des weiblichen Geschlechts anging, einer Meinung waren. Tatsächlich dankte ein frommer Jude Gott täglich im Gebet dafür, dass er nicht als Frau geboren worden war.
Während sie ihren Gedanken nachhing, hatte das hitzige Gespräch, bei dem vor allem Sir Rowleys Stimme zu hören gewesen war, seinen Fortgang genommen. Jetzt kam er zu ihr herüber. »Ich habe Folgendes erreicht«, sagte er. »Der Prior und ich dürfen uns den Leichnam ansehen. Ihr könnt draußen vor der Tür bleiben und uns sagen, worauf wir achten sollen.«
Absurd, aber da es allen entgegenkam, sie eingeschlossen …
Mit erheblicher Anstrengung hatten die Juden den Toten in das einzige unbewohnte Zimmer oben im Turm getragen, wo sie und Simon und Mansur mit dem alten Benjamin und Yehuda gesprochen hatten.
Aus Angst, sie könnte sich aus übertriebenem Eifer nicht an die Absprache halten, hatte der Rabbi darauf bestanden, dass Adelia einen Treppenabsatz tiefer wartete, im Beisein des Aufpassers. Sie hörte, wie die Tür des Zimmers geöffnet wurde. Ein paar Wortfetzen in der Stimme des alten Benjamin, der aus den Tehillim sang, drangen kurz die Treppe herab an ihr Ohr, bevor die Tür wieder geschlossen wurde.
Picot hat Recht, dachte sie, Simon soll nicht ungehört bestattet werden. Der Geist dieses Mannes würde es als größere Schändung sehen, wenn niemand sich anhörte, was sein toter Körper zu sagen hat.
Sie setzte sich auf eine Steinstufe und sammelte sich, richtete ihre Gedanken auf die Gesetzmäßigkeiten beim Tod durch Ertrinken.
Es war schwierig. Ohne die Lunge öffnen zu können, um nachzusehen, ob sie sich aufgebläht hatte und Schwemmsand oder Algen enthielt, würde sich die Diagnose weitestgehend auf den Ausschluss anderer Todesursachen beschränken müssen. Wahrscheinlich, so dachte sie, würden sich keinerlei Anzeichen dafür finden lassen, ob es sich um Mord handelte. Sie würde höchstens feststellen können, dass Simon tatsächlich ertrunken war, ob er noch am Leben war oder nicht, als er ins Wasser fiel, aber die entscheidende Frage bliebe offen: War er versehentlich ins Wasser gefallen oder gestoßen worden?
Die Stimme des alten Benjamin: »Herr, Du warst unsere Zuflucht, von Geschlecht zu Geschlecht …« Und gleich darauf die wuchtigen Schritte des Steuereintreibers, der schwerfällig die Treppe herunterkam.
»Er sieht friedlich aus. Womit sollen wir anfangen?«
Sie sagte: »Dringt Schaum aus Mund und Nase?«
»Nein. Sie haben ihn gewaschen.«
»Drückt auf die Brust. Wenn dann Schaum kommt, wischt ihn ab und drückt erneut.«
»Ich weiß nicht, ob der Rabbi das zulässt. Nichtjüdische Hände.« Adelia stand auf. »Fragt ihn nicht, tut es einfach.« Sie war wieder die Ärztin der Toten.
Rowley eilte die Treppe hinauf.
»… Nicht fürchtest Du das Grauen der Nacht, den Pfeil, der fliegt bei Tage …«
Sie lehnte sich in die dreieckige Schießscharte neben ihr, streichelte dem Aufpasser gedankenverloren den Kopf und blickte hinaus auf den Fluss und die Bäume und die Hügel dahinter, wie aus einer Vergil’schen Pastorale.
Aber ich fürchte das Grauen der Nacht, dachte sie.
Sir Rowley war wieder neben ihr. »Schaum«, sagte er knapp.
»In beiden Fällen. Rosa.«
Dann hatte er im Wasser noch gelebt. Ein Indiz, aber kein Beweis. Vielleicht hatte sein Herz ausgesetzt, und er war deshalb ins Wasser gefallen. »Hat er Blutergüsse?«, fragte sie.
»Ich kann keine feststellen. Zwischen den Fingern ist die Haut eingerissen. Der alte Benjamin hat gesagt, in den Wunden steckten Pflanzenstängel. Hat das etwas zu bedeuten?«
Auch das bedeutete, dass Simon noch am Leben war, als er in den Fluss fiel. In der schrecklichen kurzen Zeit, die sein Sterben währte, hatte er Schilf und Wasserpflanzen abgerissen, und die waren in seinen Händen geblieben, die sich im Todeskrampf schlossen.
»Seht nach, ob er Prellungen auf dem Rücken hat«, sagte sie.
»Aber legt ihn nicht aufs Gesicht. Das ist gegen das Gesetz.« Diesmal hörte sie, wie er mit Rabbi Gotsce debattierte, beide Stimmen klangen scharf. Der alte Benjamin ließ sich nicht beirren. »Auf grünen Auen lagert er mich, er führt mich zu stillen Wassern.«
Sir Rowley setzte sich durch. Er kam zu Adelia zurück. »Er hat etliche Blutergüsse, von hier bis hier«, sagte er, wobei er seine Hand erst über eine Schulter legte, dann über die andere, um zu zeigen, dass sich quer über den oberen Rücken eine blutunterlaufene Linie erstreckte. »Ist er geschlagen worden?«
»Nein. Das kommt vor. Beim verzweifelten Versuch, an die Oberfläche zu kommen, reißen Muskeln in Schultern und Hals. Er ist ertrunken, Picot. Mehr kann ich Euch nicht sagen, Simon ist ertrunken.«
Rowley sagte: »Ein Bluterguss ist besonders ausgeprägt. Hier.« Diesmal drehte er den gekrümmten Arm auf den Rücken, wandte sich um, damit sie es sehen konnte, und wackelte mit den Fingern. Er zeigte auf eine Stelle zwischen den unteren Enden der Schulterblätter. »Was könnte den verursacht haben?«
Als er sah, dass sie die Stirn runzelte, spuckte er vor seinen Füßen auf eine Stufe, ging in die Knie und malte einen kleinen, nassen Kreis auf den Stein. »So sieht der Fleck aus, rund. Ausgeprägt, wie gesagt. Woher kommt der?«
»Ich weiß es nicht.« Wut stieg in ihr hoch. Mit ihren kleinlichen Gesetzen, mit ihrer Furcht vor der angeblichen Unreinheit der Frauen, mit ihrem Unsinn errichteten sie eine Schranke zwischen Arzt und Patient. Simon rief nach ihr, und sie wollten nicht, dass sie ihn hörte. »Entschuldigt«, sagte sie.
Sie ging die Treppe hoch und marschierte ins Zimmer. Der Körper lag auf der Seite. Gleich darauf marschierte sie wieder hinaus.
»Er wurde ermordet«, sagte sie zu Rowley.
»Eine Stakstange?«, fragte er.
»Vermutlich.«
»Damit haben sie ihn unter Wasser gedrückt?«
»Ja«, sagte sie.