Ein wirklich guter Freund

 

 

»Meine besten Freunde sind Juden«, pflegt der Antisemit zu sagen und will damit andeuten, daß er alle übrigen Juden nicht ausstehen kann. Bei uns, in Anbetracht unseres unverkennbar semitischen Charakters, liegen die Dinge ein wenig anders: Unsere Freunde sind unsere besten Feinde.

 

Im allgemeinen gelte ich als verschlossen, fast schon als mürrisch. Aber das stimmt nicht. Was so mürrisch wirkt, ist in Wahrheit meine Seriosität. Ich plappere kein dummes Zeug, meine Ansichten sind wohlfundiert und gemäßigt, ich grinse nicht vor mich hin – ich bin, kurz gesagt, ein erwachsener Mensch, abhold allen Exzessen.

Trotzdem: an jenem Tag hatte ich das Gefühl, als gehörte mir die Welt. Ich weiß nicht warum. Vielleicht hatte ich infolge eines Irrtums gut geschlafen, oder der Feuchtigkeitsgehalt der Luft hatte nachgelassen, oder mein Blutdruck war plötzlich in Ordnung – jedenfalls fühlte ich mich schon am Morgen ganz großartig. Die Sonne schien, die Bäume blühten, die Vögel zwitscherten nicht, es herrschte angenehme Ruhe, und ich war sowohl mit mir selbst wie mit dem Leben im allgemeinen zufrieden.

Und dann kam der Anruf von Schlomo, meinem besten Freund.

Ich hob den Hörer ab und sagte: »Hallo.«

»Ephraim«, antwortete Schlomo, »was ist los mit dir?«

»Mit mir? Gar nichts. Was soll mit mir los sein?«

»Ephraim«, wiederholte Schlomo, »ich kenne dich. Ich kenne dich in- und auswendig. Ich brauche am Telefon nur deine

Stimme zu hören und weiß sofort, daß irgend etwas bei dir nicht stimmt.

Was ist los?«

»Es ist alles in bester Ordnung.«

»Ephraim!«

»Ich weiß nicht, wovon du sprichst. Was willst du?«

»Du klingst, als ob du schrecklich nervös wärst.«

»Ich bin nicht nervös. Aber wenn du mich noch lange fragst, warum ich nervös bin, dann werde ich’s.«

»Ich dachte, es würde dir guttun, dich mit jemandem über deinen Kummer auszusprechen.«

»Ich habe keinen Kummer, verdammt noch einmal.«

»Gut für dich, daß du deine Stimme nicht hören kannst. Du hast die Stimme eines Hysterikers. Ich hoffe nur, daß es nichts Ernstes ist.«

»Bitte reden wir von etwas anderem.«

»Du glaubst, damit wäre das Problem gelöst?«

»Ja.«

»Also schön. Was machst du heute abend? Willst du auf einen Sprung zu uns kommen?«

»Gerne, Schlomo.«

»Hör zu, Ephraim.« In der Stimme meines Freundes schwang ein Unterton leiser Gekränktheit mit. »Das kann jetzt endlos so weitergehen, dieser Austausch von Platitüden. ›Willst du zu uns kommen gerne – was ist los – nichts ist los –‹. Stundenlang. Ich war immer der Meinung, daß wir das nicht nötig hätten. Und jetzt sag schon endlich, was dir über die Leber gekrochen ist.«

»Wenn du mich noch einmal fragst, wem ich über die Leber gekrochen bin, hänge ich ab.«

»Weißt du, was du jetzt gesagt hast? Habe ich dich gefragt, wem du über die Leber gekrochen bist? Ich habe gefragt, was dir –«

»Das habe ich ja auch gemeint.«

»Gemeint, aber nicht gesagt. Du weißt nicht mehr, was du sprichst. Du bist völlig durcheinander.«

Damit hatte Schlomo nicht ganz unrecht. Er sprach ruhig, gelassen, gesammelt – ich hingegen stotterte herum wie ein verängstigtes Kind.

»Nimm’s nicht zu schwer«, fuhr Schlomo fort. »Glaub mir, solange du gesund bist und atmen kannst, besteht kein Grund zur Verzweiflung. Scher dich nicht drum. Manchmal geht’s hinauf, manchmal hinunter, so ist das Leben. Ich kenne dich. Du wirst schon wieder in Ordnung kommen. Kopf hoch, alter Junge! Keep smiling!«

»Aber ich schwöre dir –«

»Ephraim!«

Außer der Frage »Was ist los mit dir?« macht mich nichts so rasend, wie wenn jemand mit tiefer Stimme und tiefer Anteilnahme meinen Namen ruft. Es macht mich rasend und zugleich lähmt es mich.

Ich schwieg.

»Vor allem«, nahm Schlomo wieder das Wort, »mußt du dir selbst gegenüber ehrlich sein. Du mußt dir sagen: das und das ist geschehen, das und das könnte geschehen, das und das habe ich zu tun.«

»Das und das und das«, hörte ich mich murmeln. Mein Blick fiel in den Spiegel. Ein aschgraues, von Falten durchzogenes Gesicht glotzte mir entgegen. Und da kam abermals Schlomos Stimme:

»Warst du schon beim Arzt?«

»Wieso? Bei welchem Arzt?«

»Ich bitte dich, Ephraim, nimm dich zusammen. Für einen Freund ist es schrecklich, beobachten zu müssen, wie du aus dem Leim gehst.«

»Aber ich hab’ dir doch schon gesagt, daß bei mir alles in

Ordnung ist. Das hab’ ich dir doch schon gesagt. Oder?«

Schlomo antwortete nicht. Wahrscheinlich mußte er seine Tränen niederkämpfen. Wir sind sehr gute Freunde. Endlich sagte er:

»Ephraim, was ist los mit dir?«

Jetzt war es an mir, nicht zu antworten.

»Ephraim, laß dich um Himmels willen zu keinen übereilten Schritten hinreißen. Du bist noch jung, wenigstens geistig, das Leben liegt noch vor dir. Verscheuch die finsteren Gedanken, frag nicht viel warum, wozu, für wen. Das Leben ist schön. Wirf’s nicht von dir, Ephraim…«

Ich erhob mich und überlegte, ob ich mich aufhängen sollte, entschloß mich aber, statt dessen ins Kino zu gehen. Noch an der Türe glaubte ich Schlomos Stimme zu hören:

»Ephraim, Ephraim! Warum antwortest du nicht?

E-p-h-r-a-i-m…!«

 

Dieses Gespräch hat vor ungefähr einer Woche stattgefunden. Gestern abend läutete das Telefon. Ich hob ab und sagte:

»Hallo.«

»Ephraim«, sagte Schlomo, »deine Stimme klingt sehr merkwürdig.«

»Kein Wunder«, antwortete ich. »Unser Haus ist abgebrannt.«

»Wie bitte?«

»Außerdem wurde ich auf der Dizengoff-Straße von einem Dreirad überfahren.«

»Wirklich?«

»Wirklich. Und meine Frau ist mir mit dem Seiltänzer vom japanischen Zirkus davongelaufen.«

»Macht nichts«, sagt Schlomo. »Das geht vorbei. Willst du abends auf einen Sprung zu uns kommen? Wiedersehen.«