Die Russen kommen

 

 

Israel ist das einzige Land der Welt, in dem die armen Einwanderer eine solide Mehrheit bilden. Deshalb halten wir unsere Arme weit offen zum Empfang unserer Brüder, die aus der Zerstreuung zu uns kommen. Und das ist sehr anstrengend: die Arme weit offen zu halten…

 

»Lassen Sie mich der erste sein, der Ihnen die gute Nachricht bringt. Sie kommt direkt aus Regierungskreisen. Eine Sensation.«

»Einwanderung aus Rußland?«

»Ja! Im Rahmen der Zusammenführung der getrennten Familien dürfen ab sofort 200 Personen monatlich nach Israel kommen. Man erwartet den ersten Transport bereits für nächsten Donnerstag.«

»Endlich! Endlich! Ich möchte Sie am liebsten umarmen.«

»Nur zu. Gott segne Sie. Diese Sache lag Ihnen ja schon immer am Herzen.«

»Das kann man wohl sagen. Keine Petition, die ich nicht unterschrieben hätte, keine Versammlung, in der ich nicht aufgestanden wäre, um die Heimkehr unserer in Rußland schmachtenden Brüder zu fordern.«

»Sie sind russischer Herkunft?«

»Nein. Ich bin ein Sympathisierender. Was für ein großartiges Material sind die doch! Groß, stark, gesund, essen gern, trinken gern, leben gern.«

»Ja, es sind wunderbare Menschen.«

»Man muß sie nur tanzen sehen. Oder singen hören. Otschi tschornaja, otschi krasnaja. Und was die Hauptsache ist: jede Familie hat mindestens drei bis vier Kinder.«

»Unsere Zukunft! Ein fleißiger, disziplinierter Menschenschlag. Da sie unter kommunistischem Regime aufgewachsen sind, haben sie gelernt, in aller Herrgottsfrühe aufzustehen und hart zu arbeiten. Es ist eine neue Pioniergeneration. Die Auswirkungen dieses ungeheuerlichen Ereignisses auf die Entwicklung unseres Landes lassen sich noch gar nicht absehen.«

»Drei Millionen neue Menschen!«

»Und was für Menschen!«

»Grüßen Sie sie von mir!«

»Nun, das können Sie persönlich tun.«

»Leider. Mein Wagen ist in Reparatur.«

»Kein Wagen nötig. Sie kommen her.«

»Wer kommt her?«

»Die aus Rußland.«

»Zu wem?«

»Zu Ihnen. Natürlich nicht alle drei Millionen. Nur eine Familie.«

»Ich habe keine Familie in Rußland.«

»So ist es nicht gemeint. Jeder israelische Haushalt wird eine russische Familie aufnehmen. Ich bin gekommen, um Sie davon in Kenntnis zu setzen.«

»Ist das eine gesetzliche Maßnahme?«

»Vorläufig nicht. Wir versuchen es zuerst auf freiwilliger Basis.«

»Also was heißt dann: ›in Kenntnis setzen‹? Da müßten Sie mich doch zuerst fragen.«

»Nach Ihrem Freudenausbruch habe ich das eigentlich für überflüssig gehalten.«

»Freudenausbruch, Freudenausbruch… Natürlich freue ich mich. Das ist ja ganz klar. Mich brauchen Sie nicht zu belehren, worüber ich mich freuen soll. Mein Haus steht dem mächtigen Strom der Sowjetjudenschaft immer offen. Allerdings…«

»Allerdings?«

»Dworahs Musik.«

»Ich verstehe nicht…«

»Das werde ich Ihnen sofort erklären. Der einzige freie Raum in unserem Haus ist das Gastzimmer. Und im Gastzimmer steht der Flügel. Und meine Tochter Dworah nimmt dort dreimal in der Woche Privatstunden bei Frau Pressburger. Frau Pressburger unterrichtet auch am Konservatorium. Wir mußten jahrelang warten, ehe sie sich bereit erklärte, Dworah als Schülerin zu akzeptieren. Ich kann das alles jetzt nicht so einfach über den Haufen werfen.«

»Vielleicht läßt sich der Flügel anderswo unterbringen?«

»Daran haben wir schon gedacht. Aber wo? Mein Arbeitszimmer ist zu klein, das Speisezimmer ist zu voll, und überhaupt ist es keine Kleinigkeit, einen Konzertflügel zu übersiedeln.«

»Nur für eine begrenzte Zeitdauer…«

»Wenn Sie zwei Wochen früher gekommen wären, bevor Dworah mit den Klavierstunden anfing! Ich hätte gerne etwas für unsere russischen Brüder getan. Aber jetzt ist es zu spät. Haben Sie schon in der Nachbarschaft herumgefragt?«

»Ja.«

»Und?«

»Ihre Nachbarn sind sehr musikalische Menschen. Alle. Violine. Trompete. Klarinette. Waldhorn.«

»Ja, so geht’s. Die Leute haben sich eben aus kleinen Anfängen emporgearbeitet. Ich selbst – was hatte ich denn schon, als ich herkam?«

»Eine Dreizimmerwohnung.«

»Nur zweieinhalb Zimmer, bitte. Aber Ihre Russen sind ja an ganz andere Wohnverhältnisse gewöhnt. Sie sind in größter Not und unter ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen, das ist eine allgemein bekannte Tatsache.«

»Also nichts zu machen?«

»Das habe ich nicht gesagt! Ich bin immer zu Opfern bereit, wenn es unbedingt nötig ist. Warten Sie. Ich zahle schon seit Jahren die Bewässerungsabgabe, die von der Regierung teilweise zurückerstattet wird, sobald der regionale Aufteilungsschlüssel feststeht. Damit Sie sehen, wozu ich fähig bin: ich verzichte auf meinen Anteil. Geben Sie ihn den Russen.«

»Und bis dahin?«

»Bis dahin möchte ich in meinem eigenen Hause wenigstens Ruhe haben. Diese Menschen stehen in aller Herrgottsfrühe auf und machen einen fürchterlichen Wirbel. Ich kenne sie. Nichts als tanzen, nichts als singen, otschi tschornaja, otschi krasnaja, es ist zum Verrücktwerden. Und alle haben drei bis vier Kinder. Sie kommen eben aus einer andern Welt, da hilft nichts.«

»Also was soll geschehen?«

»Tja, das ist ein schwieriges Problem. Bekommt man einen Zuschuß, wenn man die Leute aufnimmt?«

»Nein.«

»Dann bin ich ratlos.«

»Sollen wir sie zurückschicken?«

»Ich weiß nicht… ich fürchte… unter den derzeitigen Umständen…«

»Schade. Wirklich schade.«

»Nur für eine begrenzte Zeitdauer. In ein paar Jahren wird meine Tochter mit dem Klavierunterricht hoffentlich fertig sein. Oder Frau Pressburger geht in Pension. Dann sieht alles gleich ganz anders aus. Man muß Geduld haben.«