Aus Neu mach Alt

 

 

Im Lande Israel – und unsere Touristen-Propaganda sorgt dafür, daß man das weiß – erinnert jeder Hügel, jeder Felsen, jeder Fußbreit Boden an unsere große biblische Vergangenheit. Wir stehen auf dem historischen Grund unserer Vorväter. Leider sitzen wir zugleich auf den modernen Rohrmöbeln unserer Nachkommen.

 

Es begann mit Chassia. Chassia ist eine Freundin meiner Frau und jagt nach Antiquitäten. Eines schwarzen Tages gingen sie mitsammen aus, und als sie nach Hause kamen, war es geschehen.

In der Mitte unseres Speisezimmers steht ein wunderschöner, moderner, aus Dänemark, dem Land der geschmackvollsten Möbel, importierter Speisezimmertisch. Nach diesem trat mein kleiner Liebling mit dem Fuße, was unverkennbar eine Regung des Abscheus bedeutete. »Grauenhaft. Von einer nicht zu überbietenden Geschmacklosigkeit. Kein Vergleich mit antiken Möbeln, wie sie bei kultivierten Menschen gang und gäbe sind. Ab heute werden antike Möbel gekauft.«

»Weib«, gab ich zurück, »was ficht dich an? Was fehlt dir in unserer Wohnung?«

»Atmosphäre«, sagte sie.

Am nächsten Tag zog sie mit Chassia los und brachte einen niedrigen Sessel angeschleppt, der statt einer Sitzfläche eine Art Anti-Sitz aus dünnen Stricken aufwies. Es war, Chassia zufolge, ein »ländliches Originalstück« und ein Gelegenheitskauf. Trotzdem wollte ich wissen, wozu es dienen sollte.

»Zu Dekorationszwecken«, belehrte mich meine Ehefrau.

»Ich werde einen Toilettentisch daraus machen.«

Den Gelegenheitskauf verdankte sie Wexler. Es gibt in unserem Land insgesamt drei fachmännisch geschulte Antiquitätenhändler: Wexler, Joseph Azizao und den jungen Bendori in Jaffa, der zugleich ein fachmännischer Restaurator ist, das heißt: er verwandelt neue Möbelstücke fachmännisch in alte. Diese Großen Drei herrschen eisern und unerbittlich über die achtundzwanzig annähernd echten Stücke, die in Israel von Hand zu Hand und von Antiquitätenhändler zu Antiquitätenhändler gehen. Denn Israel ist nicht nur ein sehr junges, sondern auch ein sehr armes Land, und in bezug auf alte Stilmöbel ist es vermutlich das ärmste Land der Welt. Weder die illegalen Einwandererschiffe noch irgendwelche fliegenden Teppiche haben größere Bestände von Louis Quatorzen ins Land gebracht, geschweige denn von Louis Seizen. Wenn da und dort einmal ein Endchen Barock oder ein Eckchen Empire auftaucht, wissen es fünf Minuten später sämtliche Professionals. Man denke nur an das berühmte Florentiner Nähkästchen in Kirjat Bialik.

»Alle meine Freundinnen wollen das Kästchen haben«, flüsterte meine Frau, und ihre Augen funkelten. »Aber die Eigentümer verlangen 1.200 Pfund dafür. Das ist den Händlern zu teuer. Sie warten.«

»Und die Freundinnen?«

»Kennen die Adresse nicht.«

Hier liegt das Geheimnis des Antiquitätenhandels: in der Adresse. Hat man eine Adresse, dann hat man auch Antiquitäten. Ohne Adresse ist man erledigt. Ein echtblütiger Antiquitätenhändler wird sich eher zu Tode foltern lassen, ehe auch nur die Andeutung einer Adresse über seine Lippen kommt.

So werden wir zum Beispiel nie den Namen des ursprünglichen Eigentümers jener neapolitanischen Großvater-Standuhr erfahren (1873), die zugleich die Mondpositionen anzeigt. Während des letzten halben Jahrhunderts hat sie allerdings nur noch Mondfinsternisse angezeigt, weil ein Teil des Räderwerkes mittlerweile verrostet war und nicht ersetzt werden konnte, so daß die ganze Pracht zu überhaupt nichts mehr zu gebrauchen ist, außer vielleicht als Toilettentisch. Sei dem wie immer: die Freundinnen meiner Frau gieren nach dem Stück. Chassia ihrerseits bevorzugt den vergoldeten Vogelkäfig (1900). Dieser Gelegenheitskauf wurde uns von Bendori, dem bewährten »Aus Neu mach Alt«-Restaurator, auf Schleichwegen zugeschanzt. Er hat ihn einem Einwanderer aus Kenya abgenommen, der ihn zuerst an Azizao verkauft hatte, durch Wexler. Azizao hat meiner Frau auch ein original Windsor-Tischbein verschafft. Sehr groß, sehr dick, mit lockigen Intarsien, eine helle Freude, und schwer von Gewicht.

»Wozu brauchst du dieses einmalige Ersatzteil?« hatte ich meine Frau gefragt, nachdem die beiden Möbelpacker gegangen waren.

Ihre Antwort war unbestimmt. Sie hoffe, sagte sie, daß Azizao noch ein paar ähnliche Tischbeine auftreiben würde, und wenn sie genug beisammen hätte, könnte man vielleicht an die Herstellung eines Tisches denken.

Jedenfalls ist unsere Wohnung jetzt voll von Atmosphäre. Man kann kaum noch einen Schritt machen, ohne über Rokoko oder Renaissance zu stolpern. Besucher verlassen unsere Wohnung in gut gefirnißtem Zustand. Von Zeit zu Zeit geht das Telefon, und wenn ich »Hallo!« sage, wird am anderen Ende wortlos aufgelegt. Ich weiß: es ist Wexler. Und von Zeit zu Zeit spricht die beste Ehefrau von allen aus dem Schlaf. Es klingt wie »Kirjat Bialik« und »Nähkästchen«.

Der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte, war ein Biedermeier-Sekretär. Um diese Zeit hatte ich bereits eine schwere Allergie gegen Treppensteigen entwickelt. Immer, wenn ich Schritte auf der Treppe hörte, erlitt ich einen Schweißausbruch. Diesmal waren es besonders schwere Schritte, die besonders mühsam die Treppe emporstapften. Der Nachttisch, den sie transportierten, wog mindestens eine halbe Tonne. Als Draufgabe kam das zusammenklappbare Feldbett des Feldmarschalls Hindenburg (1917).

»Ich bin kein Feldmarschall«, brüllte ich. »Und wozu hast du den Nachttisch gekauft?«

»Um ihn neben mein Bett zu stellen.«

»So. Und was steht neben meinem Bett?« Die beste Ehefrau von allen kauft immer nur Einzelstücke. Einen Stuhl, einen Kerzenhalter, einen Nachttisch. Als ob wir nicht zwei Betten besäßen und jetzt auch noch den zusammenklappbaren Hindenburg.

»Schon gut, schon gut«, tröstete sie mich. »Ich werde mich um Pendants umschauen.«

Am nächsten Morgen ging ich zu Wexler. Mein Entschluß stand fest. Wexler oblag gerade einer Art Innendekoration. Er griff wahllos nach antiken Gegenständen und warf sie durcheinander. Dieses Durcheinander gilt als Kennzeichen eines leistungsfähigen Antiquitätenladens. Je größer und unübersichtlicher es ist, desto größer ist die Chance, daß man lange suchen muß, um etwas zu finden, und desto größer die Freude des Finders. Des weiblichen Finders, versteht sich.

Ich bat Wexler, sich nicht stören zu lassen, und sah mich in seinem Privatgewölbe um. An der einen Wand hing eine Karte von Israel, die mit etwa zehn verschiedenfarbigen Papierfähnchen besteckt war. Die Fähnchen trugen Inschriften wie »Renaissance-Schemel«, »Spanischer Gobelin« (1602) und – natürlich in der Nähe Haifas – »Florentiner Nähkästchen«. Im Norden Tel Avivs steckte eine schwarze Flagge: »Neu installiert. Biedermeier-Sekretär, Louis XIV.-Käfig, Feldbett.« Das Blut gefror mir in den Adern. Es war unsere eigene Wohnung.

Ich stellte mich unter dem Namen Zwi Weisberger vor. Wexler sah mich kurz an, blätterte ein wenig in einem Photoalbum und fragte mit maliziösem Lächeln:

»Wie geht es Ihrem Windsor-Tischbein, Herr Kishon?« Man kann Wexler nicht betrügen. Wexler weiß alles.

»Und wie geht es der gnädigen Frau?« fragte er höflich.

»Herr Wexler«, sagte ich, »es geht ihr gut. Aber sie darf niemals erfahren, daß ich bei Ihnen war. Erwarten Sie ihren Besuch?«

Aus dem Fernschreiber in der Ecke des Raumes tickte eine Nachricht:

»Madame Recamier vor zehn Minuten bei Azizao eingetreten. Jagt hinter Barockharfe her. Schluß.«

Wexler vernichtete das Band und stellte seine Prognose:

»Sie wird wahrscheinlich weiter zu Bendori gehen, weil er eine Barockharfenadresse hat. Das gibt uns noch ungefähr eine halbe Stunde. Was wünschen Sie?«

»Herr Wexler«, sagte ich, »ich verkaufe.«

»Ganz recht. Es hat keinen Sinn, monatelang auf Antiquitäten festzusitzen. Hoffentlich haben Sie noch niemandem etwas gesagt.«

»Nur Ihnen. Aber bitte, schicken Sie Ihren Einkäufer, wenn meine Frau nicht zu Hause ist.«

»Einen Einkäufer zu einer Adresse?! Das wäre Selbstmord! Wir sind sogar davon abgekommen, ihnen die Augen zu verbinden. Es ist zu unsicher. Überlassen Sie den Transport Ihrer Sachen mir.«

Das rote Telefon auf Wexlers Schreibtisch gab ein merkwürdiges Signal. Wexler hob den Hörer ab, lauschte ein paar Sekunden und legte auf. Dann trat er an die Karte heran und steckte das Fähnchen mit der Aufschrift »Barockharfe« nach Tel Aviv-Nord um. Madame Recamier hatte soeben die Harfe gekauft…

Die Organisation klappte hervorragend. Wexler verständigte Bendori von der bevorstehenden Adressen-Liquidation. Bendori gab die Nachricht unverzüglich an Azizao weiter, der soeben in Gestalt einer geistesschwachen Millionärsgattin aus Südamerika einen neuen Kundenfang getätigt hatte. Genau um 12 Uhr mittags begab sich die beste Ehefrau von allen auf ihre tägliche Inspektionstour, genau um 12.30 Uhr erschienen drei taubstumme Möbelpacker, die sich durch ein verabredetes Zeichen als Sendboten Wexlers zu erkennen gaben und mit dem Abtransport unserer Wohnungseinrichtung nach Jaffa begannen, zu Bendori. Punkt 13 Uhr war ich allein in der ausgeräumten Wohnung. Ich streckte mich auf eine verbliebene Couch (1962) und trällerte ein fröhliches Liedchen. Etwa eine halbe Stunde später hörte ich auf der Treppe wieder diese ominösen schweren Schritte. Ich stürzte zur Türe. Himmel, da war es wieder, das ganze Zeug: der Strickleiter-Sessel, das Windsor-Tischbein, der Hindenburg und die Harfe.

»Liebling!« erklang dahinter die jauchzende Stimme meiner Gattin. »Ich hatte phantastisches Glück! Denk dir nur, was ich gefunden habe: den zweiten Sekretär, und – und –«

An dieser Stelle brach sie in wildes Schluchzen aus. Sie hatte die ausgeräumte Wohnung betreten.

»Ihr Schlangen!« schluchzte sie. »Ihr scheinheiligen Betrüger! Azizao hat mir gesagt, daß es sich um die Adresse einer verrückten Millionärsgattin aus Südamerika handelt… Und ich… Und jetzt… Meine ganzen Ersparnisse sind beim Teufel… Oh, ihr Lumpen…«

Es war in der Tat bemerkenswert. Daß dieselben Antiquitäten unter denselben Käufern rotieren, hatte ich gewußt, aber daß meine eigene Frau die Möbel ihres Ehemannes kaufte… Tröstend legte ich meinen Arm um die haltlos Schluchzende.

»Beruhige dich, Liebling. Wir fahren jetzt sofort nach Kirjat Bialik und kaufen das Florentiner Nähkästchen…«

Wie wir die Adresse ausfindig gemacht hatten, gehört nicht hierher. Es wird noch auf Jahre hinaus Gegenstand heftiger Debatten in den Kreisen der Antiquitätenhändler sein. Chassia erzählte uns, daß Wexler meine Frau verdächtigte, sich eines Nachts bei ihm in einem Empire-Schrank versteckt zu haben, von wo aus sie ein Gespräch belauschte, das er mit einem seiner Geschäftspartner über das Nähkästchen geführt hat.

Das Prachtstück trägt jetzt sein Teil zur Atmosphäre unseres Haushalts bei, vorerst nur in der niedrigen Funktion eines Toilettentischchens. Und wir zählen heute zu den führenden Antiquitätenfachleuten des Landes. Alle Radarschirme und Fernschreiber sind auf uns eingestellt. Erst gestern fiel Azizao vor mir auf die Knie und beschwor mich, ihm irgend etwas zu verkaufen, damit er seinen Ruf als Fachmann wiederherstellen könne. Ich wies ihm die Türe. Das Nähkästchen bleibt bei uns. Dieses Wunderwerk florentinischer Möbeltischlerkunst hat die ganzen antiquitären Machtverhältnisse zu unseren Gunsten verschoben. Neun von den insgesamt achtundzwanzig echten Stücken des Landes befinden sich in unserem Besitz. Unsere Weigerung, etwas zu verkaufen, hat den Markt lahmgelegt. Wexler und Azizao stehen vor dem Ruin. Einzig der junge Bendori, der bewährte Restaurator und Alt-Neu-Verwandlungskünstler, macht uns noch ein wenig Konkurrenz.