17.

Im Maschinenraum wurde ich nicht benötigt. Lieutenant Minulescu steckte im stickigen Synchrontunnel zwischen Triebwerk und Bremskranz und war damit beschäftigt, den neuen Hauptsteuermodul einzubauen: eine Arbeit, bei der ich ihm nicht helfen konnte.

Der LI schuftete wie ein Galeerensträfling. Der Sauerstoffgehalt der Luft näherte sich dem Nullpunkt, und der gepeinigte Organismus reagierte darauf mit Schweißausbrüchen und heftigen Schmerzen in den Schläfen; er reagierte mit Benommenheit, Schlappheit und tödlicher Müdigkeit.

Wie es Lieutenant Minulescu unter diesen Umständen fertigbrachte, sich im Kabelgewirr des Synchrontunnels zurechtzufinden, blieb mir ein Rätsel. Sofort nach unserer Rückkehr hatte er sich, nur durch einen Schluck Kaffee gestärkt, ans Werk gemacht – und nun rann die Zeit und rann und rann und zehrte unerbittlich an unseren letzten Luftreserven.

Eine Weile hatte ich damit zu tun, die Ereignisse der letzten Tage und Stunden im Bordbuch festzuhalten: dies für den Fall, daß der Rückstart zur Erde mißlang. Irgendwann mochte eine zum Saturn entsandte Expedition auf die Explorator stoßen – und dann sollte ihr das Bordbuch Auskunft darüber geben, was sich zugetragen hatte.

Das Sprechen fiel mir schwer, und so notierte ich nur das Allerwichtigste: knappe, nüchterne Anmerkungen zu einem alltäglichen Schiffbruch. Die eigentliche Ursache – Captain Millers Verschulden – sparte ich aus. Angesichts des Todes erachtete ich es als unwürdig, mit ihm auf diese Weise abzurechnen: mit der Zerstörung seines Nachrufs. Es kam, so fand ich, nicht mehr darauf an.

Im Anschluß an diese Arbeit ging ich noch einmal einen Kontrollgang durch das Schiff.

Lieutenant Wagner hatte aus der Situation, in der wir uns befanden, das Beste gemacht: Er schlief. 

Ich schlug die Decke zurück. Ein übler Geruch wehte mich an.

Ich betrachtete meine Hände. Sie zitterten. An eine sofortige Operation war nicht zu denken – nicht nur, weil ich noch immer ohne funkärztliche Beratung war. Auf meine Hände war kein Verlaß mehr. Die Schwächeanfälle häuften sich – Schwächeanfälle mit ernsthaften Bewußtseinstrübungen.

Ich ließ die Decke zurückfallen und ging weiter.

In einer Ecke der Gerätekammer kauerte Tschang Li wie ein krankes Tier. Sie litt wie wir alle, doch als ich ihr über das Haar strich, blickte sie zur mir auf, ohne zu klagen.

»Commandel Blandis …«

»Wir haben's gleich überstanden, Tschang Li«, sagte ich, »gleich.«

Ich gab ein Versprechen ab, das jeder auslegen mochte, wie er wollte. Und Tschang Li verstand mich ohnehin nicht.

Auf den Stationen empfingen mich Wortkargheit und Apathie. Die Männer lehnten schlaff und mit blassen Gesichtern in ihren Sesseln – eingehüllt in das kalte Licht eines fremdartigen Tages. Vor Lieutenant Bokwe lag ein nicht zu Ende geschriebener Brief. Mein Blick fiel auf die Anrede: Geliebte Frau – und wanderte dann weiter.

Die Luft zehrte sich auf. Die Energie zehrte sich auf. Der Mut zehrte sich auf.

Der Regler des Bordsprechverbundes stand offen. Das geschaltete Mikrofon übertrug aus dem Synchrontunnel Lieutenant Minulescus qualvolles Atmen und das gedämpfte Klirren von Werkzeug.

Er war folglich noch an der Arbeit.

Vor einer Weile noch war er bereit gewesen, sich auszählen zu lassen; nun stand er wieder und kämpfte.

Captain Miller döste im Cockpit. Auf seinem Gesicht lag das unruhige Licht, das der Saturn durch die Scheiben warf. Er hörte mich eintreten und schlug die Augen auf.

»Sir, ich habe mir erlaubt, Ihre Eintragung in das Bordbuch zu ergänzen. Diese Panne ist meine Schuld.«

Ich ließ mich in meinen Sessel fallen. Mochte er, wenn ihm danach war, mit sich selbst ins Reine kommen. Ich jedenfalls empfand ihm gegenüber keine Feindschaft mehr. Irgendwann raffte ich mich auf und hielt ihm die Hand hin, und er ergriff sie.

Die Anzeige der Borduhr sprang auf 18.00 Uhr. Wir waren am Ende.

Ich lehnte mich zurück und schloß die Augen.

Der Lautsprecher knackte, und eine heisere, erstickte Stimme sagte: »Brücke – TÜ!«

Ich kam zu mir, stellte fest, daß es 18.12 Uhr war, nahm zur Kenntnis, daß der Tod noch immer auf sich warten ließ, und drückte die Taste.

»Ja. Ich höre.«

Der Lautsprecher schwieg eine Weile und meldete sich erneut.

»Es ist so weit, Sir«, sagte Lieutenant Minulescu. »Der Modul ist eingebaut – aber der Himmel allein weiß, ob er funktionieren wird. Ich habe allerhand umpolen müssen.«

Lieutenant Minulescus Stimme war die eines zu Tode Erschöpften. Kein Wunder. In den letzten Stunden hatte er geradezu Übermenschliches geleistet. Während das ganze Schiff in Apathie versank, hatte er im Synchrontunnel gearbeitet, war er Monteur, Elektroniker und Mathematiker, alles in einer Person, gewesen.

Mit sanftem Rauschen kündigte sich ein neuerlicher Schwächeanfall an. Ich fiel in einen schwarzen Abgrund. Irgendwann kam ich zu mir und drückte die Taste.

»Frage: Preßluft?«

Die Antwort ließ auf sich warten. Wahrscheinlich kämpfte der LI mit den gleichen Bewußtseinsausfällen wie ich.

»Knapp unter zweihundert, Sir.«

Es lag jetzt an mir: noch einmal frische, belebende Luft in die Räume strömen zu lassen – Luft, die uns eine zusätzliche Lebensfrist von knapp drei Stunden verschaffte –, oder aber sie für die Vorbereitung zu einem Start zu verbrauchen, von dem keiner wußte, wie er ausfallen würde.

Gesetzt den Fall, der Modul versagte.

Sobald ich den Befehl gab, das eingesackte Landebein zu verlängern, um die Explorator in Startposition zu bringen, warf ich drei Stunden Leben fort.

Drei Stunden Leben – im Angesicht des Todes werden sie zur Ewigkeit.

Drei Stunden, um noch einmal tief durchzuatmen. Um seine Gedanken zu ordnen und um Abschied zu nehmen. Drei Stunden, um die man den Tod überlistete.

Vorwände! dachte ich. Alles das waren nur Vorwände. Allenfalls würde man drei Stunden länger auf ein Wunder warten, von dem man genau wußte, daß es nicht eintreten würde. Keine Rettungsexpedition war zur Explorator unterwegs. Sie war ein verstummtes, ein verschollenes Schiff, ein fünftes Rad am Großen Wagen. Auch diese drei Stunden würden verstreichen – und dann würde unweigerlich alles wieder von vorne anfangen: das stumpfsinnige Siechen, das langsame, lautlose Sterben.

Mein Blick begegnete dem von Captain Miller. Zwei, drei Sekunden lang sahen wir einander an. Captain Miller nickte. Ich drückte die TÜ-Taste.

»Brücke. Ich benötigte Startposition.«

»Startposition. Aye, aye, Sir.«

Und dann, während sich das Schiff mehr und mehr aufrichtete, hörte ich die letzte Preßluft durch die Rohrleitung in das eingebrochene Landebein strömen: mit diesem hohen singenden, unverkennbaren Ton.

Drei Stunden Leben flossen in das Landebein und sorgten dafür, daß die Explorator ihre vertikale Startposition einnahm.

Das Singen in den Rohren verstummte. Der Lautsprecher knackte.

»TÜ. Schiff ist in Startposition, Sir.«

»Roger. BMS zuschalten!«

»BMS zugeschaltet.«

»Danke.«

Irgend etwas, worauf ich keinen Einfluß hatte, geschah mit mir. Mein Wille und mein Körper fielen auseinander. Und ein ferner, fremder Verstand, der mich umkreiste wie ein abgesprengter Mond, ließ mich wissen, daß ich im Begriff war, in die Ewigkeit hinüberzudämmern.

Ich rang nach Luft.

Als ich mich aufrichtete, hatte ich das Gefühl, eine Tonne Blei zu stemmen.

Meine Hand suchte die Taste. 

»Klarmachen zum Start!«

Es war mir nicht klar, ob ich das wirklich sagte. Es war mir nicht klar, ob die Bestätigungen eintrafen. Und ebensowenig war mir klar, ob ich zu Captain Miller sagte, was ein Commander in Fällen, in denen er es vorzieht, sein Schiff mit eigener Hand zu führen, zu sagen pflegt: »Ich übernehme.«

Ich kippte schon wieder weg – zurück in den schwarzen Abgrund. Darin herrschte die Stille des ewigen Friedens. Darin war alles gut. Man musste sich nur tief genug fallen lassen und keinen Widerstand leisten.

Körper und Wille fanden sich noch einmal zum letzten Aufgebot zusammen. Hände, die ich im schwarzen Nebel, in dem ich trieb, mehr ahnte als sah, klinkten die Gurte ein und zogen das Handruder an mich heran. Das letzte Aufgebot entsicherte den Starter und legte einen Finger auf den roten Knopf.

Und wieder lag es am schwarzen Nebel, daß die Instrumente kein Bild ergaben, während doch das Schiff pulsierend zu rütteln begonnen hatte.

Der mich umkreisende Mond ließ mich wissen, daß Lieutenant Minulescu ganze Arbeit geleistet hatte.

Das Triebwerk war angesprungen.

Das Triebwerk lief.

Erneut tat sich vor mir der Abgrund auf: schwarz, still und friedvoll.

Ich ließ mich fallen.

Aber bevor ich fiel, schob ich mit einer letzten, verzweifelten Anstrengung den Geber nach vorn.

Halbtot klammerte ich mich an das Handruder.

Und auf einmal spuckte mich der Abgrund wieder aus in das gewöhnliche, erbärmliche, unvergleichliche, einmalig herrliche Leben.

Ein frischer, belebender Lufthauch wehte mir ins Gesicht und blähte die Lungen.

Ich korrigierte den Kurs.

Die Explorator hatte abgehoben, und das BMS pumpte frischen Sauerstoff in die Räume.

Aus dem Lautsprecher dröhnte das Hurra meiner Crew.