15.
Es gibt Situationen, in denen das Außergewöhnliche als reine Routine erscheint.
Das Begreifen, daß ich, als ich in meinem aluminiumfarbenen Raumanzug ohne Rangabzeichen die Explorator verließ, um sie auf etwaige Schäden zu überprüfen, der erste Mensch war, der den saturnischen Mond Phoebe betrat, kam irgendwann viel später.
Als ich ausstieg, hatte ich einzig und allein die unselige Schräglage des Schiffes im Sinn. Der Rückstart – wenn es überhaupt dazu kommen sollte – war in Frage gestellt.
Bereits die ersten Schritte, die ich rings um das Schiff tat, machten mir zu schaffen. Ich hüpfte über das Gelände wie ein betrunkenes Känguruh. Die geringe Gravitation des Phoebe allerdings hatte auch etwas Gutes: Der Absturz war glimpflich ausgefallen.
Bei allem Unglück war uns das Glück noch einmal gewogen gewesen. Mitten zwischen scharfkantigem Fels und chaotisch anmutendem Geröll steckte die Explorator in einer sandigen Mulde. Der Aufprall hätte wesentlich härter ausfallen können – hart genug immerhin, um das Triebwerk aus seiner Aufhängung zu reißen; und dann hätte uns auch kein neuer Modul mehr genützt. Aber die Aufhängung war unbeschädigt.
Problematisch blieb die Schräglage des Schiffes. Vor einem neuerlichen Start mußte sie unbedingt behoben werden – am einfachsten durch das Verlängern des am tiefsten eingesunkenen Federbeines. Unter normalen Umständen war das überhaupt kein Problem, solange die Hydraulik funktionierte. Zum Problem wurde es einzig und allein durch den Umstand, daß zu diesem Manöver eine stattliche Menge Preßluft benötigt wurde. Und unser Bestand näherte sich der Nullmarke.
Über die Steigleiter hangelte ich mich zurück an Bord. Lieutenant Minulescu half mir über die letzte Klippe, den Süll, hinüber in die Schleuse. Die Verriegelung schnappte ein. Ich nahm den Helm ab. Der tiefe, erlösende Atemzug, zu dem ich ansetzte, geriet zu einem mühsamen Luftschnappen.
Ich sah auf die Uhr. Es war 07.38 Uhr Bordzeit. Das Wettrennen mit der Zeit war in vollem Gange.
»Ich benötige eine neue Computerrechnung, Lieutenant«, sagte ich. »Stellen Sie fest, wie lange wir es noch aushalten können. Und gehen Sie bei der Berechnung davon aus, daß an Bord gearbeitet werden wird. Der Verbrauch an Atemluft wird nicht gering sein.«
»Aye, aye, Sir.«
Ich hielt den LI noch einmal zurück.
»Noch eins, Lieutenant!« sagte ich. »Wir benötigen ebenso Preßluft für das Aussetzen des Dingis als auch für das Verlängern eines Federbeines.«
Lieutenant Minulescu verzog das Gesicht.
»Dann wird nicht viel für uns übrig bleiben, Sir.«
Als nächstes überprüfte ich das Dingi. Die Schräglage erschwerte das Aussetzen. Zwischen dem Katapultstart und dem Zünden des Triebwerkes durfte es keine Verzögerung geben – und zugleich mußte man Höhensteuer geben, um eine Grundberührung zu vermeiden: die reinste Zirkusnummer.
Ich begab mich ins Kartenhaus. Lieutenant Kardorff saß wie eine brütende Eule über einer frisch ausgedruckten Karte. Er war damit beschäftigt, darauf sowohl unseren vermuteten Landeplatz als auch den Standort der Sonde Thor einzutragen.
Durch den Streich, den uns der Hauptsteuermodul gespielt hatte, waren alle alten Berechnungen hinfällig. Der Navigator seufzte.
»Es gibt da einige Schwierigkeiten, Sir«, sagte er. »Der Abstand zur Sonde läßt sich nicht ermitteln. Wir haben nur diese eine Peilung …« Lieutenant Kardorff wies auf die dünne Standlinie, die er in die Karte eingetragen hatte. »Das ist die Richtung. Die Distanz läßt sich nicht einmal schätzen – jedenfalls nicht auf Anhieb. Voraussetzung dazu wäre, unseren eigenen Standort zunächst einmal exakt zu bestimmen, und das kann ich nur mittels astronomischer Beobachtung, das braucht Zeit.« Lieutenant Kardorff legte den Zeigefinger auf das Kreuz, das er auf die Karte gesetzt hatte. »Um überhaupt so etwas wie einen Anhaltspunkt zu haben, benutze ich als Rechnungsfaktor diesen grob geschätzten Punkt x als unsere gegenwärtige Position.«
Lieutenant Kardorffs Ratlosigkeit hatte nichts mit Unvermögen zu tun. Er war, stellte ich fest, ein weitaus tüchtigerer Navigator, als ich je angenommen hatte. Schuld daran, daß wir nicht wußten, wo auf dem Phoebe wir uns befanden, war die verunglückte Landung.
Ich nahm die Karte an mich, faltete sie und steckte sie ein.
»Danke, Lieutenant. Sie haben getan, was Sie tun konnten.«
Ein plötzlicher Impuls bewog mich, ihm die Hand zu reichen – und als er sie ergriff und preßte, war ihm klar, was ich damit zum Ausdruck bringen wollte. Er begriff, daß ich seine Entschuldigung annahm. Er begriff, daß ich, was ihn anging, einen dicken Strich unter das Gewesene zog. Und er begriff auch, daß dies sehr wohl der Abschied sein mochte.
»Viel Glück, Commander!«
»Das gleiche für Sie, Lieutenant Kardorff«, erwiderte ich. »Sollte ich nicht zurückkehren, sorgen Sie dafür, daß zumindest das Kind nicht zu leiden braucht. Ich weiß, das klingt hart.«
Die Augen hinter der Brille blickten gefaßt. »Sie können sich auf mich verlassen, Sir.«
Im Anschluß daran ließ ich mir von Lieutenant Minulescu die jüngsten Preßluftdaten nennen. Sie waren niederschmetternd. Von dreiundzwanzig Stunden, wie gehofft, konnte nicht mehr die Rede sein. Nach Abzug des Bedarfs für den Dingistart und das Verlängern eines Federbeines verblieb uns ein auf zehn Stunden und siebenundvierzig Minuten bemessener Atemvorrat. Der Rechnung lag der Divisor 6,5 zugrunde: Sechs Erwachsene und ein Kind. Die Frage, wie weit sich der Vorrat strecken ließ, weil sich, sobald der LI und ich das Schiff verließen, der Divisor auf 4,5 verringerte, ließ sich nicht verbindlich beantworten: Die Dauer unserer Abwesenheit war eine unbekannte Größe. Die zwei, drei auf diese Weise gewonnenen zusätzlichen Stunden fielen kaum ins Gewicht.
Entweder wir hatten Erfolg: dann verfügten wir noch vor dem Abend über ein funktionierendes BMS; oder aber wir standen vor der totalen Niederlage: und dann konnten wir uns allenfalls wünschen, das Ende kurz zu halten.
Ich überprüfte den Anzug.
»Dann los, Lieutenant!«
Lieutenant Minulescu bekreuzigte sich und stülpte den Helm über. Wir stiegen zum Dingi hinauf, und Lieutenant Bokwe reichte uns den Werkzeugkasten zu.
Ich übernahm das Steuer. Lieutenant Minulescu saß hinter mir. Der Schlag rastete ein.
Die Anzeigen waren in Ordnung. Zumindest auf diesen Teil der Elektronik war noch Verlaß. Ich legte den Daumen auf den Starter und rückte das Mikrofon zurecht.
»Dingi ist klar.«
Im Kopfhörer erklang Captain Millers Stimme.
»Roger, Dingi. Ab geht die Post! Zehn … neun … acht …«
Bei null schoß das Dingi wie eine Granate aus dem Rohr hinaus ins Freie – während ich zugleich das Triebwerk zündete und Höhensteuer gab. Eine Handbreit über dem Boden fing ich das Dingi ab.
Ich hatte mehr Glück als Verstand. Um ein Haar wären wir an einem Geröllhaufen zerschellt.
Ich schwitzte. Die Helmscheibe beschlug. Der Dingistart war der reinste Trapezakt gewesen – ohne Netz.
»Explorator – Dingi. Ich bin unterwegs.«
Die Stimme im Kopfhörer klang rauh.
»Roger, Dingi. Sie sind unterwegs.«
Der Kurs, den ich zu steuern hatte, war mir bekannt; er war festgelegt durch die mittels Peilung ermittelte Standlinie. Ich hielt das Dingi knapp über Grund und ließ die Blicke schweifen.
Kahler Fels, Geröll, Schutt, Sand – und die unvermeidlichen Trichter, die in Milliarden von Jahren durch das von keiner Atmosphäre gefilterte astrale Bombardement gerissen worden waren. Hier und da ein bizarr verformter Erzklumpen, grünlich schimmernd im schrägen Licht einer kalten und fernen Sonne. Und hinter der Krümmung des Horizontes, groß und herrisch, der Saturn mit seinem schillernden Ring.
Das Dingi brachte den Staub in Wallung.
Ein Mond namens Phoebe: unerforscht, nie betreten – eine Anhäufung bracher Materie im All. Mochte sie im großen kosmischen Plan auch ihre geheime Bestimmung erfüllen – mir erschien sie nutzlos und überflüssig und lediglich bedrohlich.
Lieutenant Minulescu stieß mich an.
»Sir!«
Ich zog das Dingi tiefer und beschrieb eine Spirale. Das Blinken, auf das mich Lieutenant Minulescu aufmerksam gemacht hatte, rührte von einem fußballgroßen Quarzklumpen her, der irgendwann einmal vom Himmel gefallen sein mochte: rätselhafte Urmaterie.
Die Standlinie, der ich folgte, war und blieb der einzige Anhaltspunkt.
Die Explorator verschwand hinter der Krümmung des Horizontes und geriet außer Sicht, und die Sonde, die uns die Rettung bringen sollte, war immer noch nicht aufgetaucht: obwohl ich tief und langsam flog und das Dingi über jeder Ansammlung von Fels und Geröll, die den Blick auf das Gelände verstellte, kreisen ließ.
Dann, auf einmal, war es mit dem Tageslicht zu Ende.
Die Nachtlinie verlief schräg über das Gelände: wie mit dem Rasiermesser gezogen. Aus kalter Helligkeit stießen wir in pechschwarze Dunkelheit. Der Suchscheinwerfer, den ich einschaltete, huschte als fahler Lichtfleck über die leere Wüstenei.
Kahler Fels, Geröll, Sand. Trichter und Krater.
Meine Augen begannen zu ermüden. Sechs Kilometer Strecke hatte ich bereits abgesucht – aber keine Thor hatte sich gezeigt. Der Streich, den uns der Hauptsteuermodul gespielt hatte, war einer von der üblen Sorte. Wir zahlten dafür mit dem Verlust der Orientierung.
Ich dachte an die Männer, die auf der Explorator zurückgeblieben waren und auf unsere Rückkehr warteten: mit klopfenden Herzen, stumm. Ich dachte an Tschang Li, die nun schon zum zweitenmal in ihrem kurzen Leben erfuhr, was es hieß, das fünfte Rad am Großen Wagen zu sein.
Wie war das noch gewesen – das mit der Gnade des Himmels?
Und wo, verdammt nochmal, steckte die Thor? Um ein Haar wäre ich über sie hinweggezogen. Der Scheinwerfer erfaßte sie – und mitten auf diesem verlassensten aller Monde konnte ich die vertrauten weißen Buchstaben entziffern, die ihre Herkunft kennzeichneten: VEGA.
Zwanzig Meter neben der Sonde, etwas mehr als sieben Kilometer von der Explorator entfernt, setzte ich das Dingi auf.
Die Thor hatte eine verunglückte Landung hinter sich. Ihr zigarrenförmiger Leib lag auf der Seite, mit geknickten Stelzen. Eine einzige Antenne war ausgefahren.
Ich warf die Gurte ab und öffnete die Luke.
»An die Arbeit, Lieutenant!«
Lieutenant Minulescu sprang hinaus, und ich reichte ihm den plötzlich federleicht gewordenen Werkzeugkasten. Er ergriff ihn und machte sich mit hüpfenden Schritten auf den Weg. Ich folgte ihm. Erneut kam ich mir vor wie ein betrunkenes Känguruh. Was einem zu schaffen machte, war nicht das Gehen; es war das Richtunghalten. Mit jedem Hüpfer, den man tat, vollführte man unwillkürlich einen kleinen Schlenker.
Als ich schließlich neben der Sonde niederkniete, um dem LI beim Öffnen der Haube behilflich zu sein, war mir schwindelig.
Lieutenant Minulescu knipste eine Lampe an und leuchtete in den Schacht. Der Lichtschein wanderte über das Kabelgewirr und richtete sich auf den Hauptsteuermodul.
»Nun?« fragte ich.
Er zögerte.
»Er sieht aus, als sei er intakt, Sir«, erwiderte er dann. »Aber das Fabrikat ist nicht das gleiche wie bei uns.«
Ich sah es selbst: Das feuerzeuggroße Gehäuse gehörte zu einer Serie, die längst ausgelaufen war.
»Und – können Sie es für unsere Zwecke passend machen?«
Lieutenant Minulescu wühlte im Werkzeugkasten.
»Kann ich Ihnen jetzt noch nicht sagen, Sir. Ich werde es versuchen. Aber selbst im günstigsten Fall – es wird ein verdammtes Provisorium sein. Eine kriminelle Angelegenheit.«
Er zwängte sich mit dem Oberkörper in den Schacht. Ich hielt die Lampe und leuchtete. Ich hörte ihn keuchen. Ich sah, wie seine Helmscheibe beschlug.
Er streckte eine Hand aus.
»Schraubenzieher – den kleinen!«
Das Kommando war auf ihn übergegangen. Er war der Meister. Ich war nur der Geselle und assistierte.
Das Arbeiten war qualvoll: mit behandschuhten Händen und behindert durch Anzug, Helm und Atemgerät. Und immer in Gefahr, irgendwo festzuhaken.
»Gleich, Sir! Gleich hab' ich ihn. Wie liegen wir in der Zeit?«
Die Zeit war unser unbestechlicher Feind. Trotzdem durften wir nichts überstürzen. Ein falscher Handgriff – und der empfindliche Modul war nur noch ein Stück Schrott.
»Kein Grund zur Panik, Lieutenant. Es kommt nicht auf die Minute an.«
Lieutenant Minulescu stöhnte.
»Weiß Gott, Sir – ich hätte Schlangenmensch werden sollen, anstatt in den Ring zu steigen. Aus einer Sonde den Hauptsteuermodul ausbauen …«
Er stöhnte. Er fluchte. Er verdammte den Phoebe. Er wünschte den Konstrukteuren der Sonde die Pest an den Hals. Aber er arbeitete besonnen und gewissenhaft. Von der Geschicklichkeit seiner Hände hing alles ab: unser aller Überleben.
In dieser Viertelstunde einer schier übermenschlichen Plackerei auf einem fremden, unerforschten, feindseligen Himmelskörper wurde Lieutenant Minulescu zu einem alten Hasen unter den Sternen.
Als er schließlich aus dem Schacht gekrochen kam und sich ächzend aufrichtete, hatte er alle Niederlagen im Ring wettgemacht. In seiner Hand lag der ausgebaute und unbeschädigte Hauptsteuermodul der Thor. Er hielt ihn, wie ein Diamantenschleifer den Edelstein hält, um ihn zu begutachten: zwischen Daumen und Zeigefinger. Dieser Modul war unbezahlbar.
»Na, so ein Miststück, Sir!« sagte Lieutenant Minulescu. »Wollte und wollte nicht nachgeben!«
Aus seiner Stimme klang der Triumph des Siegers.
Er warf das Werkzeug in den Kasten zurück und reichte mir den Modul.
»Besser ist, Sie nehmen ihn an sich, Sir. Ich fühle mich, als hätte ich die Weltmeisterschaft hinter mir – und dabei immer nur eingesteckt.«
Ich wickelte den Modul in einen Lappen aus dem Werkzeugkasten und verwahrte ihn in meiner Brusttasche. Lieutenant Minulescu lehnte erschöpft an der Sonde.
»Ich bin gleich so weit, Sir.«
»Erholen Sie sich«, sagte ich. »So viel Zeit muß sein.«
Eine Verschnaufpause hatte er redlich verdient – zumal der weitaus schwierigere Teil der Arbeit noch immer vor ihm lag. Den neuen Hauptsteuermodul gegen den verbrauchten einzutauschen, mochte an Bord der Explorator, wo man sich ungehindert bewegen konnte, nicht weiter zeitraubend und anstrengend sein – aber danach würden die Feinarbeiten beginnen: komplizierte Umpolungen. Dazu waren präzise Berechnungen und genaue Messungen erforderlich – und am Ende all dieser Arbeit stand nach wie vor der Zweifel. Würde das Triebwerk den neuen Modul annehmen und sich mit dem Provisorium abfinden?
Jeder gewissenhafte Werftinspektor hätte auf diese Frage mit einem klaren NEIN geantwortet, um sich sodann an die Aufzählung der Risikofaktoren zu machen, die sich mit einer solchen Manipulation verbanden: Explosionsgefahr, Gefahr plötzlichen Versagens, Gefahr unkontrollierter Schubstöße. Und all dem hätte er kategorisch hinzugefügt: Im übrigen könne man Gift darauf nehmen, daß der ganze Fummel von vornherein nicht funktionieren würde.
Allerdings: Der Werftinspektor saß auch nicht mit einem manövrierunfähigen Schiff auf einem saturnischen Mond namens Phoebe in der Klemme. Wenn er vor der Aufgabe stand, einen durchgeschmorten Hauptsteuermodul zu ersetzen, rief er das Ersatzteillager an und ließ sich das fabrikneue passende Ersatzteil kommen. Von der Existenz eines fünften Rades am Großen Wagen erfuhr er allenfalls gelegentlich – wenn wieder einmal ein Schiff nicht zurückkehrte und niemand wußte, wo es geblieben war. Und vom Phoebe hatte er nie etwas gehört. Lieutenant Minulescu richtete sich auf.
»Dann mal los, Sir!« sagte er. »Noch nie ist mir ein Tag so lang und so kurz zugleich vorgekommen. Bringen wir's hinter uns. Danach wissen wir wenigstens, woran wir sind.«
Ich bückte mich, um den Werkzeugkasten aufzuheben. Unter meinen Füßen bebte auf einmal der Boden.
Raketeneinschläge fühlen sich so an.
Ich fuhr herum – und dann sah ich im trüben Licht der Lampe die schmutzigbraunen Fontänen, die aus dem Boden wuchsen und wieder in sich zusammenstürzten, Sand, Schutt, Geröll – alles war in Aufruhr. Von einer Sekunde auf die andere hatte sich die Wüstenei in ein wildbewegtes Schlachtfeld verwandelt.
Ich ließ den Werkzeugkasten fallen, stieß Lieutenant Minulescu unter den Rumpf der Thor und warf mich selbst dazu. Ein gigantischer Schmiedehammer schlug dröhnend gegen das Metall – danach trat Stille ein. Auch der Boden bebte nicht mehr.
»Entwarnung, Lieutenant!« sagte ich. »Um ein Haar hätte es uns erwischt.«
Mit schmerzenden Knochen richtete ich mich auf und leuchtete die Gegend ab.
Der Meteoritenschauer hatte frische Wunden in das Gelände gerissen.
»Sir, sehen Sie …«
Ich sah. Der Schmiedehammer war ein faustgroßer Erzklumpen. Dort, wo er das Eingeweide der Thor zerfetzt hatte, an der gleichen Stelle, hatte sich noch vor wenigen Minuten der Hauptsteuermodul befunden, der nun in meiner Brusttasche steckte.
Eine Fügung, ein Fingerzeig – oder nichts als blinder Zufall?
Der LI schluckte.
»Da legt sich einer doch glatt hin …«
Dann, plötzlich, machte er drei, vier rasche, hüpfende Känguruhschritte an mir vorüber, um gleich darauf wie erstarrt stehenzubleiben.
»Sir, das Dingi!«
Ich brauchte nicht näherzutreten. Der Lampenschein reichte aus, um die Trümmer unseres Dingis zu beleuchten. Das Dingi sah aus wie nach dem Einschlag einer Granate. Es mußte geschehen sein, unmittelbar nachdem wir in Deckung gegangen waren – denn als ich das Schlachtfeld abgeleuchtet hatte, war es unversehrt gewesen.
Das Dingi war nur noch Schrott.
Kosmisches Erz oder kosmisches Gestein, irgendwo in der unendlichen Weite des Raumes geboren, vor undenklicher Zeit, irgendwann freigesetzt und auf die Reise gezwungen, durch Millionen und vielleicht sogar Milliarden von Lichtjahren, unbeseelte Materie aus irgendeiner namenlosen Galaxis, hatte das Dingi in einen Trümmerhaufen verwandelt.
Irgendwann später habe ich einem befreundeten Commander aus Barcelona von diesem Tag erzählt.
Amigo, habe ich ihm gesagt, weißt du, woran ich dachte, als ich so dastand und auf diesen Trümmerhaufen blickte? Ich habe an Ruth O'Hara gedacht.
So war es.
Ich blickte auf das zerstörte Dingi und dachte an die Frau, die ich liebte und die auf mich wartete. Sie wartete auf mich mit der festen Gewißheit, daß es, sollte ich eines Tages von einer Reise nicht zurückkehren, ganz bestimmt nicht an mir liegen würde.
Dann sprangen meine Gedanken plötzlich hinüber auf die Explorator – und ich stellte mir vor, wie auch dort, während die Atemluft knapper und knapper wurde, vertrauensvoll gewartet wurde: darauf, daß Lieutenant Minulescu und ich mit dem Modul zurückkehrten.
Ruth O'Hara wartete. Die Männer auf der Explorator warteten. Tschang Li wartete.
Und dann dachte ich an den Rückmarsch, der vor uns lag: an diesen Marsch über die fremdartige Oberfläche eines feindseligen Mondes, dessen Heimtücke wir soeben kennengelernt hatten, und an die Zeit, die uns dieser Rückmarsch kosten würde.
Falls wir sofort aufbrachen, hatten wir vielleicht eine Chance. Der Werkzeugkasten mußte zurückbleiben.
Ich legte Lieutenant Minulescu eine Hand auf die Schulter.
»Also dann, Lieutenant – gehen wir. Das Wandern ist des Müllers Lust.«
Ich bekam keine Antwort. Lieutenant Minulescu schüttelte meine Hand ab und kauerte sich nieder – und mir war klar, daß für ihn nunmehr die letzte Runde begonnen hatte: jene, in der er das Handtuch warf.
Ich rüttelte ihn.
»Wir kehren zurück, Lieutenant. Vorwärts, vorwärts!«
Er blickte langsam zu mir hoch.
»Wie, Sir?«
»Zu Fuß!« sagte ich. »Oder ziehen Sie es vor, auf ein Taxi zu warten?«
Er schüttelte den Kopf.
»Sir, Sie machen sich da etwas vor. Zu Fuß zur Explorator – unmöglich! Das schafft man nicht.«
Er mochte recht haben. Vielleicht war er der Weisere von uns beiden. Vielleicht war es tatsächlich gnädiger, einfach aufzugeben. Etwas in mir rebellierte. Ich zerrte ihn auf die Beine.
»Wir schaffen's!« sagte ich. »Verdammt nochmal, ich dachte immer, Sie sind ein zäher Hund. Warten Sie doch wenigstens den Schlußgong ab, bevor Sie auf die Bretter gehen!«
Er erwiderte nichts, aber als ich losging, hielt er sich an meiner Seite.