5.

Miss Greenwood, Harris' unermüdliche Sekretärin, brachte Kaffee. Sie stellte die Tassen ab und warf mir einen mitfühlenden Blick zu.

»Wie geht es Ihrer Frau, Sir?«

»Das Schlimmste liegt hinter ihr.«

Miss Greenwood zerdrückte eine Träne.

»Ich bin fast vergangen vor Angst, als ich von diesem Unfall erfuhr. Und ausgerechnet heute wollten Sie Ihren Urlaub antreten …«

Harris' unmißverständliches Räuspern trieb Miss Greenwood in die Flucht, bevor sie allzu gesprächig werden konnte.

Ich rührte in meiner Tasse, wartete auf die Rückkehr des Staatssekretärs, der hinter verschlossenen Türen noch immer mit seinem Minister telefonierte, und dachte daran, wie einfach das Leben in der Wiederaufbauzeit nach dem Bürgerkrieg gewesen war – in jener kurzen Periode des allgemeinen Aufatmens. 

Was war mit uns seitdem geschehen?

Die Verwaltung war ausgewuchert zu einem Dschungel, in dem sich nur noch der Eingeweihte zurechtfand, und an die Stelle von Politikern mit Mut und Phantasie waren verknöcherte Bürokraten vom Schlage Dr. Mildrichs getreten. Und das Schlimmste war, daß die Hoffnung auf ein Ende der unseligen Teilung der Erde in zwei miteinander rivalisierende und einander mißtrauende Machtblöcke von Jahr zu Jahr müder wurde. Eine neue Eiszeit zwischen den VOR und uns war angebrochen, wenngleich es winzige Anzeichen dafür gab, daß die Asiaten nach wie vor an Gesprächen interessiert waren. Der Umstand, daß man den vom Han-Wu-Ti-Unfall betroffenen Angehörigen die Ausreise gestattet hatte, war dafür ein Indiz. Politiker mit Mut und Phantasie hätten eine solche Gelegenheit beim Schopf ergriffen, um das Eis aufzubrechen, ohne daß Peking an Gesicht verlor.

Dr. Mildrich kehrte mit ausdrucksloser Miene zurück, und Harris brach sein Schweigen.

»Wenn es Ihnen recht ist«, sagte er, »wollen wir uns die Bescherung einmal im Detail betrachten, am besten direkt im Lageraum.«

Was Harris unter Lageraum verstand, war der astronomische Simulator der VEGA: ein kuppelförmiger Aufsatz auf dem Dach mit einem computergesteuerten Projektionssystem.

Harris wählte das gewünschte Programm, und auf der gewölbten Projektionsfläche tauchte in Begleitung seiner beiden Monde der Neptun auf.

Der Eindruck, den das Programm täuschend realistisch erweckte, war der einer Ansteuerung an Bord eines langsamen Schiffes. Eingespeiste Symbole in Form von schraffierten Feldern und gekrümmten Pfeilen kennzeichneten die gefährlichen und unpassierbaren Zonen, wie sie von den unbemannten Sonden registriert worden waren: auswuchernde Strahlungen und Räume mit schwankender Gravitation.

Mit einem Knopfdruck speiste Harris ein imitiertes Radarecho ein, das das VOR-Schiff in einer neptunischen Umlaufbahn darstellte.

»Das wäre die Umlaufbahn«, erläuterte er, »die von unseren Sonden gewählt worden ist. Die Umlaufbahn, in der sich die Han Wu Ti befindet, kann völlig anders verlaufen. Es gibt praktisch unbegrenzt viele Varianten. Der Umstand, daß wir die exakte Umlaufbahn nicht kennen, macht die Sache nicht eben leichter.«

Dr. Mildrich zog die Brauen hoch.

»Wieso?«

»Ich will auf einen Versuch hinaus«, sagte Harris, »der ganz gewiß Ihre Billigung findet. Angenommen, es gelänge uns, über die Uranus-Leitkette mit der Han Wu Ti in Verbindung zu treten – dabei setze ich voraus, daß an Bord des VOR-Schiffes zumindest noch der Notsender in Betrieb ist …«

Dr. Mildrich kniff die Unterlippe ein.

Harris markierte die Uranus-Leitkette und ließ ein angenommenes Lichtfunksignal zur angenommenen Han Wu Ti hinüberwandern.

»So«, sagte er. »Weiterhin angenommen, es gelänge der Besatzung noch einmal, das Triebwerk, und sei es nur für zwanzig, dreißig Sekunden in Gang zu setzen …«

Harris ließ das imitierte Radarecho Fahrt aufnehmen, um den Neptun schwingen und es dann im Zenith der Beschleunigung in den freien Raum hinausschießen.

»So sähe es dann aus«, sagte er. »Wenn alle diese Voraussetzungen erfüllt wären, ließe sich die Han Wu Ti auch ohne eigenes navigatorisches Besteck vom Uranus-Tower vielleicht aus der Klemme lotsen. Und wenn sie erst einmal raus wäre, brauchte sie nur dem Uranus-Peilstrahl zu folgen.«

Dr. Mildrich ließ die eingezogene Unterlippe zurückschnellen.

»Ausgezeichnet«, sagte er.

Harris wandte sich an mich.

»Und Ihre Meinung, Commander?«

Harris gegenüber hatte ich nie ein Blatt vor den Mund genommen. Ich sprach aus, was ich von diesem Lotsen-Manöver hielt: »Zu viele Voraussetzungen, Sir! Nennen wir die Dinge doch beim Namen: Die Han Wu Ti sitzt in dieser verdammten Umlaufbahn seit einem vollen Monat fest. Da gibt es keinen Notsender mehr, der funktioniert, und kein Triebwerk, das anspringt. Die Han Wu Ti ist ein rotierender Haufen Schrott.«

Harris seufzte.

»Commander Brandis hat recht«, sagte er. »Mit neunundneunzig Prozent Sicherheit wird ein solcher Versuch als ein Schlag ins Wasser enden.«

Dr. Mildrich maß mich mit einem feindseligen Blick. »Und wie lautet Ihr Vorschlag, Commander?«

Mir wäre es lieber gewesen, aus dem Spiel zu bleiben.

»Die Alternative, Sir«, erwiderte ich, »besteht im Entsenden eines unserer Schiffe. Man muß die Han Wu Ti aufspüren und die Leute abbergen.

»Auf die Gefahr hin, zu spät zu kommen?« Dr. Mildrichs Stimme war die eines tadelnden Schulmeisters. »Ist Ihnen überhaupt klar, was eine solche Expedition kostet?«

Der Staatssekretär hätte sich diese Frage sparen können. Wir hatten es zu tun mit einem Jahr der Abstriche, vor allem zugunsten der Strategischen Raumflotte. Das Astropolis-Projekt zehrte uns auf. Eine bemannte Ersterkundung des Pluto war ebenso vom Programm gestrichen worden wie auch der Bau eines Nachfolgeschiffes für die alternde Kronos.

»Sir«, sagte ich, »uns sind Fälle bekannt, daß Leute in einem wrackgeschlagenen Schiff bis zu einem Vierteljahr überlebt haben.«

Dr. Mildrich machte einen schmalen Mund. »Wieviele Fälle, Commander?«

»Einige.«

»Wieviele genau?«

»Zwei, Sir.«

»Und wie lange überlebt man in der Regel?«

»Das kommt darauf an.«

»Auf die Umstände?«

»Auf die Umstände, Sir.«

»Und wie sind in diesem Fall die Umstände?«

»Leider nicht sehr günstig, Sir.«

Dr. Mildrich warf den Kopf in den Nacken wie ein Staatsanwalt, der soeben den wichtigsten Zeugen der Verteidigung schachmatt gesetzt hatte.

»Sie sagen es selbst, Commander. Das Entsenden eines Bergungsschiffes wäre rein rechnerisch nicht zu rechtfertigen. Dieser Ansicht ist auch mein Minister. Sie müssen das richtig sehen. Es hat nichts zu tun mit mangelnder Hilfsbereitschaft. Aber wenn jemand bereits ertrunken ist, ist es verschwenderisch, ihm einen Rettungsring hinterherzuwerfen – wenn Sie verstehen, was ich meine. Im übrigen zitiere ich lediglich ein Ministerwort. Wir müssen an unseren Etat denken.«

Harris, der sich vorübergehend zurückgehalten hatte, warf plötzlich knarrend ein: »Der einzige Etat, der durch eine solche Expedition belastet werden würde, wäre doch wohl unser eigener, Dr. Mildrich!«

»Ein Etat, der der VEGA von Jahr zu Jahr neu bewilligt wird, Mr. Harris!« Dr. Mildrich war auf diesen Einwand vorbereitet und nahm ihn zum Anlaß, um Grundsätzliches zu klären. »Eine Bergungsexpedition, an deren Ende der Mißerfolg steht, könnte benutzt werden, um eine empfindliche Kürzung des VEGA-Etats zu begründen.« Harris ließ sich nicht einschüchtern.

»Die VEGA, Sir, ist eine autonome Institution mit eigenen Statuten. Und als Direktor der VEGA habe ich mir die Freiheit genommen, der persönlichen Bitte des VOR-Botschafters zu entsprechen …«

Dr. Mildrich starrte hoch zum Neptun, um den herum noch immer das angenommene VOR-Schiff seine gespenstische Bahn zog.

»Alles ist wandelbar«, sagte er. »Auch die Statuten der VEGA sind wandelbar.« Diesmal war die Drohung unverhüllt. »Sogar ein neuer Direktor ließe sich finden. Sie sind nicht unersetzlich, Mr. Harris. Ich will es nicht verhehlen: Es gibt einflußreiche Kreise, die für eine Eingliederung der VEGA in die Strategische Raumflotte sind.« Dr. Mildrich lehnte sich zurück. Er war mit der Wirkung seiner Worte zufrieden. Harris, stellte ich fest, begann allmählich müde zu werden. Er brauste nicht auf. Unter der Last der Jahre fügte sich der Held des Bürgerkrieges ins Unvermeidliche.

»Dann, Sir«, sagte er, »darf ich Sie um eine klare Entscheidung bitten.«

Dr. Mildrich nickte.

»Die Entscheidung, wie sie vom Kabinett getroffen wurde, lautet: Keine Hilfsexpedition.«

Harris deutete auf die gepolsterte Tür.

»Dahinter warten die Reporter. Sie werden sich ihnen stellen müssen. »

Dr. Mildrich machte eine wegwerfende Bewegung.

»Reporter!« sagte er. »Kläffer!« sagte er. »Seit wann wird die EAAU von Reportern regiert? Das Kommunique für die Presse ist bereits in Arbeit. Wir werden den VOR, so heißt es darin, unseren guten Willen beweisen, indem wir eine aufwendige Funk-Leit-Operation anlaufen lassen.«

Dr. Mildrich stand auf.

»Mit der Funk-Leit-Operation«, sagte Harris, »werden wir nichts erreichen. Das weiß ich schon jetzt.«

Dr. Mildrich raffte seine Papiere zusammen und verwahrte sie in seinem flachen Diplomatenkoffer.

»Wir sind unter uns, Mr. Harris, und das erlaubt uns eine offene Sprache. Es liegt nicht in unserer Absicht, den VOR einen Gefallen zu erweisen. Falls also diese Operation fehlschlägt, wird die Welt nicht zugrundegehen. Die Asiaten sind fruchtbar.« Dr. Mildrich neigte ein wenig den Kopf. »Meine Herren, ich werde im Amt erwartet. Bemühen Sie sich nicht. Ich finde den Weg. Guten Tag.« Harris wartete stumm, bis sich hinter dem Staatssekretär die gepolsterte Tür geschlossen hatte, dann sagte er: »Ein reizender Mensch. Nun, Commander, ich danke Ihnen, daß Sie mir Ihre Zeit geopfert haben. Es besteht kein Grund mehr, Sie länger zu behelligen.«

Zum ersten Mal, seitdem ich Harris kannte, erlebte ich es, daß er sich mit einer Niederlage abfand. Die VEGA mit all ihren Projekten und Forschungsstätten, mit allen ihren Niederlassungen im Raum als auch auf Venus und Uranus – die VEGA unter der Kontrolle ehrgeiziger Militärs: die Vorstellung schien ihn wie ein Schlag getroffen und gelähmt zu haben. Ich zögerte den Abschied hinaus. Harris, dieser kühle, nüchterne, grundehrliche Mann, war immer mein Vorbild gewesen. Stets hatte ich seine Tatkraft, seine Treue und seinen unbeugsamen Sinn für Gerechtigkeit bewundert – wie auch die tiefe Menschlichkeit, die hinter seiner spröden Schale steckte.

»Sir«, sagte ich, »Dr. Mildrich ist letztlich nur ein kleiner Knecht.«

Harris' Handwedeln war müde.

»Dr. Mildrich ist die Stimme seines Herrn«, gab er zurück. »Falls Kohn-Felsenstein in der Tat bei der nächsten Wahl Präsident wird, wie er es seit Jahren anstrebt, ist es um die VEGA geschehen. Aber das sind Probleme, mit denen man sich im Urlaub nicht belasten sollte. Kümmern Sie sich um Ihre Frau.«