11.

Vier Tage später.

Die Explorator hatte sich in ein stummes Schiff verwandelt. Starke kosmische Störungen legten ihren Sender lahm. Die Stimme von VEGA-Metropolis ließ sich besorgt vernehmen, aber unsere Antwort schlug nicht durch. Ich sah mich genötigt, meinen Bericht über die Ereignisse im Zusammenhang mit der Han Wu Ti bis auf weiteres zurückzuhalten.

Es war an diesem Tag übrigens, als sich endgültig sagen ließ, daß Tschang Li außer Gefahr war. Sie war ein anmutiges Geschöpf mit leicht schrägen dunklen Mandelaugen und zwei entzückenden Rattenschwänzen als Zöpfe. Und sie war der lebendige Beweis dafür, daß es noch immer Wunder gab. Ein paar Stunden später – und wir hätten auch das hundertste Kreuz auf die Liste setzen müssen.

Ich hatte für sie eine Gerätekammer räumen lassen. Dort war sie gut und bequem untergebracht – und dort war es auch, daß ich den Versuch unternahm, mit ihr ins Gespräch zu kommen.

»Du«, sagte ich, wobei ich sie antippte, »bist Tschang Li.« 

Sie strahlte.

»Tschang Li«, wiederholte sie und nickte eifrig. »Tschang Li.«

Ich legte ihre kleine Hand auf meine Brust.

»Und ich bin Commander Brandis. Verstehst du das? Commander Brandis.«

Sie verstand.

»Commandel Blandis.«

»Na, großartig!« sagte ich. »Und jetzt sag einmal Schokorade – und wenn du das richtig aussprichst, bekommst du sie. Schokorade!«

Tschang Li himmelte mich an.

»Commandel Blandis, Schokolade.« 

Ich drückte ihr die Tafel in die Hand und machte mich auf, um nach Lieutenant Wagner zu sehen, dessen Befinden mich beunruhigte. Der Frost im Fleisch hatte zu wuchern begonnen.

Ich hatte schon Leute an Raumfrost sterben gesehen, deren Erfrierung nicht größer war als ein Kirschkern. 273,15 Minusgrade wirken auf den Organismus ein wie ein unsichtbares Geschoß, das nach und nach weiterexplodiert. Keine Verbrennung kann so verheerend sein.

Lieutenant Wagner lag mit wachsbleichem Gesicht in der Koje. Ich schlug die Decke zurück und betrachtete das Bein. Was ich sah, war nicht angetan, meine Sorgen zu vermindern; im Gegenteil. Ich war mit meinem Latein am Ende. Erste Hilfe zu leisten, war ich wohl imstande; auch einen vereiterten Zahn zu ziehen traute ich mir zu. Hier jedoch war ein erfahrener Arzt vonnöten.

Was unter den obwaltenden Umständen getan werden konnte, war getan. Lieutenant Wagner war vollgestopft mit schmerzstillenden Injektionen und brandhemmenden Medikamenten – aber ungeachtet dessen breitete sich der Frost aus. Ein operativer Eingriff mochte helfen – aber das setzte voraus, daß wir beizeiten die rettende Klinik erreichten.

Ich richtete mich auf und zog die Decke wieder zurück. 

Lieutenant Wagner bewegte die Lippen.

»Werde ich das Bein behalten, Sir?«

Ich wischte ihm den kalten Schweiß von der Stirn. 

»Man wird nichts unversucht lassen, Lieutenant.«

Er schüttelte den Kopf.

»Man wird es mir abnehmen müssen,« sagte er, »oder ich werde sterben. Wahrscheinlich werde ich sowieso sterben.«

Seine Gemütsverfassung gefiel mir ebensowenig wie sein verletztes Bein.

»Sie haben eine reelle Chance«, widersprach ich. »Sie sind jung, gesund und kräftig. Der beste Arzt sind für den Rest dieser Reise Sie selbst, Lieutenant. Sie dürfen sich nicht aufgeben.«

Seine Augen blickten trübe.

»Was mich verrückt macht, Sir, ist der Gedanke, daß es ganz allein meine eigene Schuld ist.«

Ich beschwichtigte ihn.

»Die meisten Unfälle passieren, weil man einmal nicht aufpaßt, Lieutenant. Hören Sie auf, sich selbst zu zerfleischen. Denken Sie lieber daran, daß auch Sie Ihren Teil dazu beigetragen haben, um der kleinen Tschang Li das Leben zu retten.«

In Lieutenant Wagners Augen glomm plötzlich ein fernes Licht.

»Tschang Li!« sagte er. »Und sie ist wirklich wieder ganz in Ordnung?«

»Wie der Fisch im Wasser!« antwortete ich. »Sie sollten sie sehen.«

Auf dem bleichen Antlitz zeigte sich ein Lächeln.

»Würden Sie ihr erlauben, mich zu besuchen, Sir?«

»So oft Sie wollen, Lieutenant.« Auf dem Tisch lag das rote Halstuch, an dem ich einmal Anstoß genommen hatte. Ich warf es ihm zu. »Das können Sie ihr dann gleich zur Erinnerung an die Explorator verehren. Sie werden sich einen entzückenden Namen dafür einhandeln.«

Er blickte verwirrt.

»Lieutenant Wagnel!« sagte ich – und gleich darauf schlug der Lautsprecher an.

»Commander – NC.«

Ich drückte die Taste.

»Ja, NC, was gibt's?«

»Ich weiß nicht so recht, Sir.« Lieutenant Kardorffs Stimme klang unsicher. »Mir wär's lieber, Sie sähen sich das mal an. Es könnte ein Fall von ZG sein.«

»Ich komme.«

Lieutenant Wagner hatte sich aufgerichtet. Ich drückte ihn zurück.

»Beunruhigen Sie sich nicht. Wir kommen zurecht.«

Sobald ich die Kammertür hinter mir geschlossen hatte, eilte ich los.

 

Im Kartenhaus stand Lieutenant Kardorff mit verunsicherter Miene vor dem Gravimeter. Vor ihm lag der vom Bordcomputer ausgedruckte Streifen mit dem vorgeschriebenen Kurs. Eine zusätzliche gestrichelte Linie markierte den tatsächlichen Kurs. Im Normalfall waren beide Linien deckungsgleich. An diesem Tag wichen sie voneinander ab. Die Abweichung betrug – so schätzte ich – etwa zweieinhalb Grad.

Lieutenant Kardorff nahm die beschlagene Brille ab und wandte mir die nackten Augen zu.

»ZG!« sagte er. »Sonst finde ich keine Erklärung. Wir driften über den Backbordbug. Sehen Sie sich auch das an!« Er deutete auf den Gravimeter.

Das Instrument war von merklicher Unruhe befallen. Die Anzeige pulsierte.

Es überlief mich kalt. Eben noch hatte es sich um einen völlig normalen Flug gehandelt – und nun, urplötzlich, tat sich der gespenstische Strudel auf. Zum Glück war Lieutenant Kardorff auf der Hut gewesen. Einstweilen befanden wir uns noch an der äußeren Peripherie der eigentlichen Gefahrenzone, so daß uns Zeit genug blieb, um auf Abhilfe zu sinnen. Allerdings – eine Spur von Wachsamkeit weniger, und die Explorator hätte das Schicksal der verschwundenen Uranus-Sonde geteilt.

»Und die Quelle?«

»Das ist es ja.« Lieutenant Kardorff setzte die Brille auf, blendete die Karte ein und markierte darauf mit einem Leuchtstift unsere gegenwärtige Position. Dann sprang der Leuchtstift nach links und umriß eine imaginäre Zone. »Die Quelle, Sir. Sie sehen selbst: Sie liegt mitten im leeren Raum, dort wo nichts ist.«

Ich starrte auf das schraffierte Feld.

Dort also verbarg es sich, unsichtbar und mit keinem Gerät zu orten, ein bis zum Absoluten verdichteter Klumpen Materie mit den Eigenschaften eines alle Vorstellungskraft übersteigenden Magneten: das Schwarze Loch. Dort also lauerte es, das lautlose Unheil, das schon so vielen Schiffen zum Verhängnis geworden war, eine erloschene Sonne, in sich zusammengestürzt auf einen Durchmesser von drei bis sechs Kilometern. So jedenfalls vermuteten es die Wissenschaftler. Die endgültige Beweisführung stand immer noch aus.

An der Tatsache freilich, daß wir es mit einem ZG-Fall zu tun hatten, war nicht zu rütteln. Die Explorator lag auf falschem Kurs.

»Ich benötige eine exakte Analyse: Intensität und Radius.«

»Aye, aye, Sir. Ich will sehen, was sich tun läßt.«

Lieutenant Kardorff klemmte sich hinter die Geräte.

Auf der Karte ließ ich die Dreiecke und Winkel einspringen. Keinesfalls durfte ich mich damit begnügen, den Kurs lediglich geringfügig zu korrigieren – in der Hoffnung, mich auf diese Weise aus der Gefahrenzone zu mogeln. Falls wir es tatsächlich mit einem Schwarzen Loch zu tun hatten, tat ich gut daran, ihm so rasch wie möglich den Achtersteven zuzuwenden und mit voller Triebwerksleistung auf vertikalen Kurs zu gehen: hinaus aus dem Strudel, bevor sich die Explorator endgültig darin verfing. Mit anderen Worten: Ich mußte den Erdkurs, den wir seit dem Verlassen der neptunischen Umlaufbahn gehalten hatten, verlassen und vorübergehend Richtung nehmen auf den Andromedanebel. Und es war unerläßlich, diesen neuen Kurs ein paar Tage lang einzuhalten, um alle Risiken auszuschalten. Lieutenant Wagners Chancen wurden dadurch nicht besser.

Lieutenant Kardorff schob mir die ausgedruckte Folie zu.

»Die Analyse, Sir. Es sieht aus, als wären wir mitten drin. Genaue Daten könnte ich nur liefern, wenn ich die Beschaffenheit der Quelle wüßte: Durchmesser und Masse.«

Die Analyse war ungenau; ich hatte es auch nicht anders erwartet. Es fehlten die Voraussetzungen. Alles, was man über die Beschaffenheit der Schwarzen Löcher im Weltraum wußte, beruhte auf Annahmen und Vermutungen.

»Danke, Lieutenant«, sagte ich. »Jetzt benötige ich noch den exakten Vertikalkurs. Wir werden die Beine in die Hand nehmen und rennen.«

Im Cockpit hatte es sich Captain Miller, der dort seine einsame Wache ging, bequem gemacht. Seine Füße ruhten auf dem Steuerpult. Als ich eintrat, nahm er sie herab.

»Sir?«

»Kurswechsel, Captain!« sagte ich. »Lieutenant Kardorff gibt Ihnen gleich den Andromeda-Kurs durch. Es sieht aus, als hätten wir es mit einem Fall von ZG zu tun.«

Captain Miller machte ein zweifelndes Gesicht.

»Hier – in dieser Gegend, Sir? Haben wir denn Abdrift?«

»Zweikommadreiundsechzig Grad Backbord.«

Die Abweichung war gering; darüber war ich mir im klaren. Wenn ich nicht durch die Ereignisse, die unserem Start vorausgingen, vorgewarnt gewesen wäre, hätte ich mich vielleicht mit einer ausgleichenden Korrektur begnügt. Was mir nicht aus dem Sinne wollte, war die verschwundene Versorgersonde.

Captain Miller war nicht sonderlich beeindruckt.

»Nicht einmal drei Grad, Sir! Auch der VKS baut gelegentlich Mist. Ich würde darauf pfeifen.«

Ich dachte an das Pulsieren im Gravimeter. Das hatte nichts mit dem VKS zu tun. Dahinter steckte mehr.

Auf dem Bildschirm des Kursweisers erschienen die neuen Koordinaten, wie sie im Kartenhaus von Lieutenant Kardorff errechnet worden waren.

Captain Miller runzelte die Stirn.

»Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst, Sir! Ein Umweg von sechs Tagen, vielleicht sogar sieben – eine volle Woche? Mir scheint, Sir, Sie tun des Guten zu viel.«

Ich befand mich nicht im Cockpit, um mit Captain Miller zu diskutieren. Falls meine Befürchtung zutraf, gab es nichts anderes, als die Beine in die Hand zu nehmen. Jede Minute, die wir noch länger auf dem alten Kurs zubrachten, mußte uns dem Verhängnis näherbringen. Und irgendwann würde es dann zu spät sein, um aus dem Strudel wieder herauszukommen.

»Captain Miller«, sagte ich, »die Entscheidung trifft der Commander. Ich trage die Verantwortung. Und das hier ist ein klarer Befehl.«

Es war eine unerfreuliche Situation, zumal ich diesen Befehl mit gespaltenem Herzen gab. Falls ich mich irrte und eine Gefahr voraussetzte, die in Wirklichkeit nicht bestand, würde ich die Folgen zu tragen bekommen: in Form einer peinlichen und demütigenden Untersuchung. Captain Miller musterte mich mit kalten Augen.

»Sir, mit Rücksicht auf das Befinden von Lieutenant Wagner möchte ich Sie in aller Form ersuchen, diesen Befehl noch einmal zu überdenken.«

Ich blieb kühl.

»Captain, wir wollen nicht feilschen.« 

Er sprang auf.

»Sir, Lieutenant Wagner befindet sich in Lebensgefahr. Ein solcher Umweg kann ihm den Rest geben. Ich protestiere mit allem Nachdruck.«

Ich nickte.

»Vermerken Sie Ihren Protest im Bordbuch, Captain, und vermerken Sie auch, daß ich für diesen Kurswechsel die volle Verantwortung übernehme.«

Captain Miller atmete schwer.

»Hören Sie, Brandis!« sagte er. »Für Sie mag Wagner ein x-beliebiger, austauschbarer RC-Mann sein. Sie geben auf der Explorator ja nur ein Gastspiel. Normalerweise ist ein Schiff wie dieses unter Ihrer Würde. Aber ich habe vor, mit dem Mann noch ein paar Flüge zu unternehmen. Was haben Sie vor – ihn umzubringen wegen einer Abdrift von lächerlichen paar Grad?«

Das war die wunde Stelle. Aber nicht Captain Miller hatte mit ihr zu leben. Ich war der Commander und hatte die Last der Entscheidung zu tragen. Mit der Explorator war ich vorgestoßen bis zum Neptun – und nun war es meine Aufgabe, sie heil und sicher zurückzuführen zur Erde.

Wie weit durfte ich Rücksicht nehmen auf Lieutenant Wagner? An seinem Mißgeschick war er letztlich selber schuld. Auf einem Schiff mit einer disziplinierten Besatzung wäre es zu diesem Unfall gar nicht erst gekommen. Und auch jetzt ging es um die Disziplin. Captain Miller hatte mit seinem Widerspruch die Grenzen des Zulässigen überschritten.

»Sie verweigern die Ausführung? Nur zu, Miller, sprechen Sie sich aus! Sagen Sie schon, was Sie von mir denken. Seien Sie ein Mann und sagen Sie mir klipp und klar ins Gesicht, daß Sie die Ausführung des Befehles verweigern. Was dann geschieht, ist Ihnen klar. Ich werde Sie unter Arrest stellen. Und in Metropolis wird man Ihnen die Lizenz entziehen.«

Captain Miller war von Satz zu Satz bleicher geworden. Immerhin: Er zwängte sich in seinen Sitz zurück und schaltete den VKS ab.

»Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, Brandis!«

Es war mir klar, woran er dachte. Der Erfolg der Expedition war bescheiden. Im Direktorium der VEGA bahnten sich Veränderungen an. Unter Dr. Mildrich mochte Captain Miller durchaus der kommende Mann sein.

»Führen Sie meinen Befehl aus, Captain!« sagte ich hart. »Und befleißigen Sie sich in Zukunft der Anreden, die an Bord üblich sind.«

Captain Miller sah mich nicht an, als er mit zusammengebissenen Zähnen zurückgab: »Aye, aye, Sir.«

Eine halbe Minute später sprang das Triebwerk an, und die Explorator schwenkte ab, um Kurs zu nehmen auf den Andromeda-Nebel.