7.
Nachts schlug das Visiofon an. Ich wälzte mich aus dem Bett und drückte die Taste. Auf dem Bildschirm erschien das übernächtigte Gesicht des VEGA-Direktors.
»Es ist so weit, Brandis. In einer Stunde werden wir Gewißheit haben. Ich könnte mir vorstellen, daß Sie dabei sein möchten.«
Ich sah auf die Uhr.
Es war drei Uhr in der Nacht, und Harris setzte zu viel voraus. Für das Lotsen-Manöver wurde meine Anwesenheit nicht benötigt. Etwas anderes mußte hinter diesem Anruf stecken. Harris wollte mich an seiner Seite haben. Ich schüttelte den Schlaf ab.
»Geben Sie mir eine halbe Stunde Zeit, Sir.«
»Danke, Brandis.«
Zehn Minuten später saß ich hinter dem Steuer meiner Moskito und schaltete die Düsen auf Alarmflug.
Harris war nicht in seinem Büro, aber durch das Audiofon, das bei meinem Eintreten automatisch anlief, ließ er mich wissen, wo ich ihn zu suchen hatte.
Mit dem Aufzug fuhr ich wieder hinab zum Erdgeschoß und ließ mich vom sanft rüttelnden Laufband bis zur Abteilung Astro-Technik im linken Seitenflügel tragen.
Ein Dutzend Techniker war damit beschäftigt, unter Bergers Anleitung die Funkleitkette zum Uranus zu testen und das kosmische Rauschen aus dem Empfänger zu filtern. Berger war unrasiert, sein Schlips hing auf Halbmast, in seinem Mundwinkel glomm eine Zigarette. Er begrüßte mich mit einem gequälten Lächeln.
»Alles fauler Zauber, Mark. Ich weiß es. Der Alte weiß es. Warum zum Teufel schwingt sich keiner von euch Jungs in den Sattel? Wenn ich an diese armen Schweine denke …«
Ich ging nicht darauf ein und setzte mich zu Harris in die verglaste Kabine.
»Guten Morgen, Sir.«
Harris rückte ein wenig.
»Tut mir leid, Sie gestört zu haben, Brandis. Ich hätte sonst Busch hinzugezogen – aber Busch hat sich krank gemeldet.«
»Was Ernstes, Sir?«
Harris erwiderte nichts und machte ein leeres Gesicht. Ich begriff. Busch litt am vorbeugenden Fieber. Er wollte mit der Sache nichts zu tun haben.
Harris sagte: »Maximow auf dem Uranus hat gegen zwanzig Uhr eine unbemannte Versorgersonde mit einem Verstärkerrelais rausgejagt – in Richtung auf die Han Wu Ti. Das gibt uns eine kleine Chance mehr.«
Die Lautsprecher wurden lebendig.
Berger sprach mit Maximow, dessen verwischtes Bild auf dem großen Monitor über dem Schaltpult zu sehen war.
Maximow, ein ruhiger, freundlicher Moskowiter, war der Leiter von Uranus-Kontrolle.
»Eins, zwei, drei, vier …« sagte Berger.
»… fünf, sechs, sieben, acht, neun«, vollendete Maximow die Sprechprobe. »Die Kette ist jetzt durchgeschaltet, die Sonde auf Position. Wenn es Ihnen recht ist, fangen wir an.«
»Roger«, sagte Berger. »Packen wir's! Sie haben völlig freie Hand. Ich beschränke mich auf das Mithören.«
»Die Bedingungen werden nicht besser«, sagte Maximow. »Interplanar XXIII meldet das Aufziehen eines Energiesturmes.« Man konnte sehen, wie Maximow auf seinem Drehstuhl herumschwang, um die Verbindung zur Sonde zu überprüfen. Danach, wobei er uns den Rücken zuwandte, rief er die Han Wu Ti.
»Han Wu Ti, Han Wu Ti – Uranus-Kontrolle.«
Maximow studierte den Ausschlag der Zeiger und drehte an der Feinabstimmung.
»Han Wu Ti – Uranus-Kontrolle. Han Wu Ti – bitte kommen. Ich rufe Sie auf SOS-Lichtfunkfrequenz. Han Wu Ti – Sie werden verlangt von Uranus-Kontrolle. Bitte kommen …«
Neben mir beugte sich Harris über das Mikrofon: »Wie messen Sie die Verbindung, Berger?«
Berger studierte die Anzeigen.
»Sie ist nicht gerade optimal, Sir – aber doch fast achtzig Prozent.«
Achtzig Prozent. Die Technik machte Fortschritte. »Und in Richtung Neptun?«
»Etwa genau so, Sir. Der Ruf schlägt auf jeden Fall durch. Die Sonde ist bereits am Ball. Jetzt übernimmt sie …«
Es war deutlich zu hören: Maximows Stimme, nunmehr von der Sonde reflektiert, bekam den charakteristischen Dopplereffekt mit leichter zeitlicher Verschiebung. Die Signale der Sonde trafen um den hundertsten Bruchteil einer Sekunde früher ein als die vom Uranus.
»Han Wu Ti, Han Wu Ti! Hier ist Uranus-Kontrolle auf der SOS-Lichtfunkfrequenz. Bitte melden. Han Wu Ti, Han Wu Ti – Uranus-Kontrolle …« Maximow auf dem Uranus hob plötzlich die Hand – und Berger vor seinem Schaltpult tat es ihm nach.
»Achtung, Sir!«
In das kosmische Rauschen mischte sich plötzlich in ungelenkem Metro eine sehr ferne, sehr schwache, verzerrte zweite menschliche Stimme.
»Uranus-Kontrolle – Han Wu Ti.«
Harris beugte sich plötzlich vor, und ich sah das Zucken, das über sein Gesicht lief. Angenommen, hatte er gesagt, der Notsender der Han Wu Ti sei noch in Betrieb … Nun, der Notsender war in Betrieb, und es gab noch Leben an Bord. Aus einer Hypothese war ein konkreter Fall geworden. Die Han Wu Ti war kein stummes Schiff mehr; sie verfügte plötzlich wieder über eine Stimme. Und diese Stimme rief um Hilfe.
Auf dem Bildschirm wandte uns Maximow für einen Augenblick sein schweißüberströmtes, triumphierendes Gesicht zu. Dann sprach er weiter.
»Han Wu Ti – hier spricht Uranus-Kontrolle. Können Sie mich lesen?«
Aus dem Rauschen heraus schälte sich die Antwort des VOR-Piloten: »Ich lese Sie laut und deutlich.«
»Roger«, sagte Maximow befriedigt. »Frage: Wie ist Ihre augenblickliche Position?«
»Umlaufbahn Neptun.«
»Umlaufbahn Neptun«, wiederholte Maximow. »Roger. Ich habe verstanden. Jetzt hätten wir gerne von Ihnen die exakten Werte. Kommen!«
Der angekündigte Energiesturm machte sich bemerkbar. Das Rauschen schwoll plötzlich an, und von dem, was der VOR-Pilot antwortete, waren nur die letzten Worte zu hören: »… nicht möglich.«
Maximow fuhr sich mit dem Ärmel über die Stirn.
»Roger, Han Wu Ti. Kein Grund zur Panik. Wir holen Sie jetzt aus der Klemme. Sie brauchen nichts zu tun, als noch einmal das Triebwerk zu zünden und die automatische Steuerung auf die SOS-Lichtfunkfrequenz zu schalten. Frage: Haben Sie das mitbekommen, Han Wu Ti?«
Das Rauschen ebbte ab; die Stimme des VOR-Piloten kam laut und klar.
»Roger, Uranus-Kontrolle. Ich habe alles mitbekommen. Fehlanzeige. Das Triebwerk ist nicht mehr zündfähig. Ich wiederhole: Das Triebwerk ist nicht mehr zündfähig.«
Auf dem Uranus drehte sich Maximow herum und ließ uns sein ratloses Gesicht sehen.
Harris klopfte gegen sein Mikrofon.
»Ist es technisch machbar, daß Sie mich zur Han Wu Ti durchstellen, Berger?«
»Sofort, Sir.«
Bergers Hände bewegten sich rasch und geschickt über die Klaviatur des Pults. Zu Maximow sagte er: »Geben Sie die Frequenz frei! Mr. Harris will selbst mit der Han Wu Ti sprechen.«
Maximows Miene drückte Erleichterung aus.
»Roger, VEGA-Metropolis. Ich gebe Ihnen allen Saft, den ich zur Verfügung habe.«
Berger wandte sich der Kabine zu.
»Die Schaltung steht, Sir. Sie können sprechen.«
Harris’ Stimme klang spröde wie geborstenes Glas.
»Han Wu Ti – hier spricht VEGA-Metropolis. Sie machen uns Kummer, Han Wu Ti. Mit etwas Unterstützung durch Ihr Triebwerk hätten wir Sie vom Himmel gepflückt wie eine reife Pflaume. Frage: Wie ist die Situation an Bord?«
Das Rauschen wurde erneut stärker, und die Antwort des VOR-Piloten kam schwach und verzerrt: »Die Lage ist verzweifelt, VEGA-Metropolis. Die meisten Aggregate stehen auf Null. Wir haben Frost in den Räumen, und darüber hinaus geht die Luft zu Ende.«
Harris überlegte mit gerunzelter Stirn.
»Frage, Han Wu Ti: Wie lange können Sie es noch aushalten?«
Entweder lag es an der kosmischen Störung, oder aber der Notsender der Han Wu Ti verlor an Energie. Die Antwort war kaum zu verstehen: »Schwer zu sagen. Ein paar Tage, eine Woche, zwei Wochen. Das kommt auf die Zahl der Überlebenden an. Bisher haben wir siebzehn Tote.«
Es war eine einfache Rechnung. So und so viele Kubikmeter Preßluft für so und so viele Leute standen zur Verfügung. Je mehr Leute dahinstarben – an Kälte, an Erschöpfung –, desto länger konnten die Überlebenden atmen: Eine einfache Rechnung von unerbittlicher Grausamkeit.
Da war sie: die düstere Kehrseite der Technik, der menschenmordende Moloch, der aus seiner Versenkung kroch, sobald die Zahnräder aufhörten, reibungslos ineinanderzugreifen. Der Mensch hatte sich den Himmel aufgestoßen, der Mensch verleugnete seine Erdenschwere und griff nach den Sternen. Und ab und zu entrichtete er dafür seinen Preis. Wer zählte die Opfer? Wäre die Han Wu Ti nur ein gewöhnlicher Frachter gewesen – kein Hahn hätte danach gekräht.
Harris räusperte sich.
»Roger, Han Wu Ti. Halten Sie aus.« Harris zögerte – und dann sagte er mit jener Kühle in der Stimme, die in Auseinandersetzungen sein letztes Wort kennzeichnete: »Wir holen Sie.«
John Harris, der Direktor der VEGA, sprach es aus, und wer immer um diese Zeit auf diese Frequenz geschaltet war, der Amateurfunker ebenso wie die Beamten der Raumüberwachung, konnte es hören: dieses knappe Versprechen, an dem es nichts zu rütteln gab.
Auf der Han Wu Ti, der das Versprechen galt, war Harris offenbar nicht verstanden worden.
»Wiederholen Sie das!« sagte die schwache, ersterbende Stimme in der leeren, grenzenlosen, unendlichen Weite des Weltraumes.
Harris beugte sich noch einmal über das Mikrofon.
»Han Wu Ti – VEGA-Metropolis. Meine Nachricht an Sie lautet: Halten Sie aus! Wir bergen Sie ab. Ende.«
Harris ließ die Taste los und lehnte sich zurück.
Im Schaltraum wechselte Berger noch ein paar Worte mit Maximow, dann erlosch das Bild auf dem Monitor, und die Techniker begannen mit dem Abbau.
Harris brach sein Schweigen.
»Stimmen Sie mir zu?«
Ich hob die Schultern.
»Im Prinzip ja, Sir. Aber ich weiß bereits, was Dr. Mildrich dazu sagen wird. Er wird sagen: Bis ein Schiff von uns an Ort und Stelle ist, ist an Bord der Han Wu Ti kein Mensch mehr am Leben. Und damit mag er recht haben.«
Harris nickte.
»Man hätte uns früher einschalten sollen – als man noch gut in der Zeit lag.«
»Eine vertrackte Situation, Sir.«
»Schlimmer als vertrackt, Brandis. Und noch vertrackter für die da oben.«
Ich kannte ihn. Bevor ihn der Verlust seines Armes an den Schreibtisch fesselte, war er unter den Sternen zu Hause gewesen. Ebensogut wie ich war er in der Lage, die Verzweiflung nachzuempfinden, die an Bord der Han Wu Ti herrschte – doch über seine karge Andeutung hinaus würde er darüber kein Wort über die Lippen bringen. Und ebensowenig würde er seinen Entschluß kommentieren. Worte wie »Menschlichkeit« oder »moralische Verpflichtung« oder »Solidarität der Astronauten« nahm er nie in den Mund. Aber ein Leben lang hatte er mir und allen meinen Kollegen alles, was diese Worte beinhalteten, vorgelebt: auf seine nüchterne, unpathetische Weise.
Harris, spürte ich, war wieder er selbst. Er hatte seine Entscheidung getroffen – und das Versprechen, das er der Han Wu Ti gegeben hatte, war bindend. Der Direktor der VEGA hatte es ausgesprochen, und der Direktor der VEGA würde es halten: bis zum letzten Atemzug. Hinterher konnte man immer noch die Konsequenzen ziehen und den Hut nehmen – den Platz räumen für den Bürokraten, der darauf wartete.
Harris stand auf.
»Kommen Sie, Brandis. Die Nacht ist sowieso im Eimer. Was wir jetzt brauchen, ist ein starker Kaffee. Und dann wollen wir überlegen, was sich tun läßt.« Er drückte noch einmal auf die Sprechtaste. »Vielen Dank, Mr. Berger. Das war saubere Arbeit.«
Berger zeigte uns seinen abgewinkelten Daumen.
Harris stieß mich an.
»Verdammter Urlaub – was, Brandis?«
»Kann man wohl sagen, Sir.«
»Keine Sorge. Es kommen auch bessere Tage.«
»Darauf warte ich nun schon seit hundert Jahren, Sir.«
»Darauf warten wir alle. Aber niemand hat uns in diesen Beruf hineingeprügelt. Worauf es im Leben ankommt, ist dies: sich nützlich zu machen.«
Das Laufband brachte uns zum Lift. Oben angekommen, führte Harris einen kurzen, verbissenen Kampf mit dem Kaffeespender, bis schließlich zwei Becher gefüllt waren. In seinem Arbeitszimmer ließen wir uns nieder.
»Eine höllische Situation!« sagte Harris. »Selbst wenn wir gleich ein Bergungsschiff zur Han Wu Ti losjagen, haben die Leute an Bord kaum eine Chance.«
»Kaum«, bestätigte ich.
Harris schlürfte seinen Kaffee.
»Wie groß oder wie klein die Chance ist«, sagte er, »wird man nie erfahren, wenn man's nicht versucht.«
»Richtig«, bestätigte ich.
Harris starrte auf die Planetenkarte auf der Wand hinter seinem Schreibtisch.
»Dreiundachtzig Menschen sind zur Zeit noch am Leben. Wieviele noch am Leben sein werden, sobald unser Schiff dort eintrifft, weiß nur der Himmel.«
»Wahrscheinlich keiner«, sagte ich.
»Wahrscheinlich keiner«, pflichtete Harris mir bei. »Aber würden Sie die Hand dafür ins Feuer legen?«
Es war eine Frage auf das Gewissen.
»Nein, Sir. Es kann auch anders ablaufen. Man könnte es mit dem Computer errechnen – falls wir über die Baupläne der Han Wu Ti verfügten.«
»Wir haben sie nicht«, sagte Harris. »Und auch Computer machen Fehler. Wenn man Gewißheit haben will, muß man hin.«
Ich deutete auf das Visiofon.
»Also gut, Sir. Holen Sie Dr. Mildrich aus dem Bett.«
Harris rührte sich nicht.
»Wozu? Um noch einmal das Gleichnis vom Rettungsring zu hören? Zum Teufel mit Dr. Mildrich! Entweder wir lassen's bleiben – oder wir tun, was wir für richtig halten.«
Ich verspürte Unbehagen.
»Das wird Ärger geben, Sir.«
»Natürlich wird das Ärger geben«, sagte Harris. »Aber wir haben die Presse und damit die Öffentlichkeit auf unserer Seite. Wenn unser Mann mit den Geretteten zurückkehrt, kann ihm die ganze Politik den Buckel runterrutschen – um es einmal klipp und klar zu sagen.«
Die Rechnung erschien mir zu optimistisch.
»Wenn …«
Harris' Faust krachte auf den Tisch und brachte die Becher zum Zittern.
»Und wenn nicht, wird mir der betreffende Commander in der Wüste, in die man mich dann schicken wird, Gesellschaft leisten müssen. Sie und ich sind doch immer ganz gut miteinander ausgekommen. »
Ich starrte ihn an.
»Sir, ich dachte, die Rede sei von Busch!« Harris warf mir einen leeren Blick zu.
»Commander Busch steht nicht zur Verfügung. Commander Busch ist krank.«
»Und das, Sir, nehmen Sie ihm ab?«
Harris hob die Schultern.
»Also gut – er ist ebenso gesund wie Sie und ich. Seine Krankheit steht nur auf dem Papier. Sie kennen ihn. Sie kennen seine Einstellung. Für ihn ist jeder VOR ein Mörder seines Sohnes.« Harris seufzte. »Und sonst, verdammt, ist keiner greifbar – keiner außer Ihnen. Und Sie sind nicht einmal im Dienst. Wenn Sie jetzt nein sagen, haben Sie mein volles Verständnis.«
Ich legte mich nicht fest.
»Die Kronos könnte frühestens in einer Woche klar sein – falls man auf der Werft rund um die Uhr arbeitet. Und so lange darf man nicht warten.«
Harris dachte nach.
»Man könnte zumindest Ihre Crew zusammentrommeln – Captain Romen, Lieutenant Stroganow und die anderen. Das wäre doch immerhin was.«
»Das wird nicht gehen, Sir.«
»Warum nicht?«
»Ich hab's bereits versucht. Die Jungs sind untergetaucht – einer wie der andere. Man kann's ihnen nicht einmal verdenken.«
»Daß sie ihren Urlaub genießen?« Harris deutete auf das Visiofon. »Man könnte eine Drei-Kontinent-Fahndung nach ihnen rausjagen.«
Das konnte man in der Tat – und irgendwo würde man sie finden, verstreut über alle Länder der halben Welt: früher oder später. Eher später.
»Das braucht seine Zeit, Sir.«
Harris nickte.
»Das braucht seine Zeit, ich weiß. Und Zeit ist etwas, womit wir geizen müssen. Es ist ein Jammer. Sie, die Kronos und Ihre bewährte Crew – das, Brandis, ist die Karte, die ich am liebsten gespielt hätte. Jetzt haben wir nur noch die Explorator.«
»Buschs Schiff!« wandte ich ein.
»Ein VEGA-Schiff«, stellte Harris richtig. »Busch führt es als Commander. Den Commander kann man austauschen.«
Ich sträubte mich.
»Aber nicht das BMS! Und das steckt in den Kinderschuhen.«
»Sie trauen der Anlage nicht?«
»Ich werde ihr trauen, sobald Sie ihr das Zertifikat geben, Sir. Bis dahin will ich mit ihr nichts zu tun haben.«
»Commander Busch schwört auf sie. Man muß sie nur ordentlich auf Trab halten, sagt er, indem man zweimal täglich das Triebwerk anwirft.« Harris langte in eine Schublade und warf mir einen Stapel Personalkarten zu. »Ich dachte, es könnte nicht schaden, wenn Sie sich schon mal auf alle Fälle mit der Crew vertraut machten.«
Der Umstand, daß Harris die Personalkarten zur Hand hatte, ließ darauf schließen, daß er mit meiner Zusage rechnete. Er war ein gewiefter Taktierer. Von Anfang an war ich sein Mann gewesen. Und der Unfall, der mich in Metropolis festhielt, lieferte mich ihm aus.
»Ich habe nicht gesagt, daß ich den Auftrag annehme, Sir.«
Harris wedelte meinen Einwand hinweg.
»Ausgezeichnet. Hier haben Sie sechs Gründe, um ihn abzulehnen.«
Er stand auf und trat, wie er es gerne tat, um seinem Gesprächspartner Zeit zum Nachdenken zu lassen, ans Fenster. Davor blieb er stehen, den Blick zu den allmählich verblassenden Sternen erhoben.
Harris litt. Ich spürte es. Er litt unter seinem körperlichen Gebrechen, das ihn daran hinderte, selbst ein Schiff zu führen. Wäre dieses Gebrechen nicht gewesen, dieser lächerliche fehlende Arm, dann – ich zweifelte nicht –, wäre die Explorator um diese Stunde bereits unterwegs gewesen: mit ihm als Commander im Cockpit. Nun stand er da, starrte den Himmel an, den er in früheren Jahren so oft bezwungen hatte und der sich nun nicht länger von ihm bezwingen ließ, und litt. Er litt auch darunter, daß ich zu dem, was er von mir erwartete, nicht auf Anhieb Ja und Amen sagte.
Ich konnte nur hoffen, daß er Verständnis dafür aufbrachte, daß ein Mann, dessen Frau nach einer Operation auf Leben und Tod in der Klinik lag, zuerst an seine persönlichen Verpflichtungen dachte.
Der Urlaub … nun gut: der Urlaub ließ sich auf später verschieben. Ohnehin war er bereits verpatzt. Aber was, falls Ruths Befinden sich wider Erwarten verschlechterte? Was, wenn sie nach mir verlangte – und ich war dann nicht da, wie so oft? Bis hin zum Neptun und zurück – das war eine Reise von mehreren Wochen: je nachdem, wie sich das Schiff bewährte, je nachdem, worauf man unterwegs stieß. Man mußte mit Energiestürmen rechnen, mit Meteoritenschlägen, mit außerplanmäßigen Gravitationen, mit tausend Widrigkeiten. Der Neptun war nicht die Venus. Wer sich zu ihm auf die Reise machte, stieß vor ins Ungewisse.
Die Frage war, ob ich Ruth das antun konnte. Was, wenn sie starb, während ich mich auf der Reise befand zu Menschen, die mich nichts angingen?
Harris ließ mir Zeit. Er drängte nicht. Er stand vor dem Fenster, drehte mir den Rücken zu und studierte die Sterne. Er war sich seiner Sache sicher.
Ich nahm mir die Personalkarten vor.
Die von Captain Miller war mir bereits bekannt. Ich legte sie fort, ohne sie zu lesen.
Über den Navigator hieß es: Walter Kardorff (Ltn. VEGA), Hautfarbe weiß, geboren 2058 in Rostock. Ausbildung zum Navigator auf der Fachschule für Astronautik in Danzig und an der Humboldt-Universität Metropolis. Brillenträger.
Kardorff: ein unbeschriebenes Blatt. Keine Expeditionserfahrung, keine wissenschaftlichen Veröffentlichungen – ein Durchschnittsmann.
Die nächste Karte war die des Bordingenieurs.
Miron Minulescu (Ltn. VEGA), Hautfarbe weiß, geboren 2053 in Bukarest. Ausbildung zum Bordingenieur an der TH Chicago. Teilnahme an der Blücher-Expedition zur Erforschung der sonnenkoronalen Einwirkung auf diverse Kunststoffe. Amateurboxer (Halbschwergewicht).
Die Blücher-Expedition war keine große Sache gewesen. Ihre Erwähnung sollte lediglich etwas Farbe in einen ereignislosen Lebenslauf bringen.
Und so ging das weiter. Auch der Funkoffizier war einer von der Gilde ohne besondere Vorzüge:
Thomas Bokwe (Ltn. VEGA), Hautfarbe schwarz, geboren 2043 in Pretoria. Ausbildung zum Funker an der Lehranstalt für interplanetarische Kommunikation in Kapstadt. 2075 einziger Überlebender der Orion-II-Katastrophe.
Die Orion II hatte ursprünglich mein Schiff werden sollen, dann aber war sie von Commander Hetman übernommen worden. Noch auf dem Werftgelände, bei der ersten Inbetriebnahme, war sie explodiert. Ob Lieutenant Bokwe dadurch zu einem guten Funker geworden sein mochte, ließ man besser dahingestellt.
Die letzte Karte, die ich mir vornahm, war die des Radar-Controllers.
Josef Wagner (Ltn. VEGA), Hautfarbe weiß, geboren 2055 in Wien. Ausbildung zum Elektroniker an der TH Wien. Umschulung auf RC an der VEGA-Fachschule für Astronautik in Warschau. 2081 Verwarnung wegen Insubordination.
Ich warf die Personalkarten zurück auf den Tisch.
Alles in allem: ein noch im Teststadium befindliches Schiff und eine lausig mittelmäßige Crew.
Harris wandte sich um.
»Zugegeben, Brandis, das ist nicht gerade Elite. Aber für das, was es bisher zu tun gab …« Harris' Achselzucken drückte aus, was er von der bisherigen Aufgabe der Explorator-Crew hielt. Die Arbeit war sinnvoll, gewiß, und sie mußte getan werden: Die passende Tätigkeit für eine mittelmäßige Crew. Langeweile unter den Sternen. Allenfalls ein Abstecher bis hin zur Venus.
»Die Crew mag angehen, Sir«, sagte ich, »wenn man ihr zeigt, wo's lang geht. Den Lord müßte ich ablehnen. Sie wissen warum.«
Harris Gesicht blieb im Dunkeln.
»Die Crew hat unter Eid ausgesagt, daß Captain Miller stocknüchtern gewesen ist.«
Es war bei einem Werfterprobungsflug passiert: ohne Commander Busch. Captain Miller hatte einen Satelliten gerammt. Angeblich hatte ein Defekt im Lenksystem vorgelegen. Obwohl man das Schiff daraufhin auseinandergenommen hatte, war der Fehler nie gefunden worden.
»Er war stinkbesoffen. Alle Welt weiß, wo und wie er die Nacht zuvor verbracht hatte.«
Harris hob ein wenig die Hand.
»Ich behaupte nie etwas, was ich nicht auch beweisen kann. Und Miller hat sich sonst nie etwas zu schulden kommen lassen. Sein Vorzug wäre, daß er die Explorator in- und auswendig kennt – einschließlich des BMS.«
Ich stand auf.
Harris sagte: »Im übrigen gibt es für Captain Miller zur Zeit keinen Ersatz.«
Ich setzte die Mütze auf.
»Mein Angebot, Sir: Ich lasse mir die Sache durch den Kopf gehen. Nur durch den Kopf gehen. Das ist keine Zusage. Wahrscheinlich werde ich ablehnen.«
Harris nickte.
»Keine Zusage. Ich verstehe. Auf jeden Fall lasse ich die Explorator klarmachen. Überlegen Sie nicht zu lange.«
»Sie werden meine Antwort bekommen, Sir«, sagte ich und verließ den Raum.