9.
Bordmäßig gekleidet betrat ich Harris' Büro, um, nunmehr offiziell, meine Flugorder mit der damit gekoppelten Bestätigung meiner Versetzung als Commander auf die Explorator entgegenzunehmen. Das Büro war leer. Auf dem Schreibtisch lag ein einfacher Aktenordner mit der Aufschrift Han Wu Ti. Ich schlug ihn auf.
Der Ordner enthielt ein Foto des VOR-Schiffes, eine lückenhafte Beschreibung der Bauweise und die vollständige Passagierliste. Letztere war ergänzt durch die Fotos, die das Fernsehen am Abend zuvor bereits veröffentlicht hatte. Der Name des Kommandanten war Liu Kuan Ti – und sein Lebenslauf wies ihn aus als einen Astronauten mit erheblicher Erfahrung.
Harris erschien, als ich noch mit dem Sichten des Materials beschäftigt war, und drückte mir den Umschlag mit der Flugorder in die Hand.
»Entschuldigen Sie, Brandis«, sagte er. »Ich wurde aufgehalten. Es scheint, daß Maximow Ärger hat mit der Sonde.«
Ich prüfte die Papiere.
Meine Bestallung zum Commander der Explorator trug einen handschriftlichen Zusatz: Für die Dauer der in der Flugorder JH 912 bezeichneten Reise. Die Flugorder lautete knapp und bündig:
Metropolis, 4.5.2083
Flugorder JH 912
TK Explorator hat die Aufgabe, die Bergung des VOR-Passagierschiffes Han Wu Ti vorzunehmen.
Dieses befindet sich z.Zt. in einer unbekannten Umlaufbahn um den Neptun.
Über die Einzelheiten der Bergung bestehen keine Absprachen. Der Commander wird sie nach eigenem Ermessen ausführen.
gez. John Harris
Direktor VEGA
Ich faltete die Dokumente und steckte sie in den Umschlag zurück.
»Was für Ärger, Sir?«
Ein kaum wahrnehmbares Vibrieren lief durch den Raum, als auf dem Rampengelände das Triebwerk der Explorator zum üblichen Probelauf anlief.
Durch das Fenster konnte ich das Schiff sehen: als einen silbernen Pfeil vor dem ruhigen Blau des Atlantischen Ozeans. Unter dem Schein der aufgehenden Sonne leuchtete die Cockpitverglasung wie heller Rubin.
»Sie ist außer Kontrolle geraten«, sagte Harris. »Maximow weiß selbst noch nicht, wie und weshalb. Er sagt, sie lag bereits auf Uranus-Kurs, als es passierte«. Harris war beunruhigt.
Ich verwahrte die Flugorder in der Brusttasche und klemmte mir den Aktenordner unter den Arm.
»Weiß man schon, wohin sie driftet?«
Harris machte eine knappe Bewegung.
»Das ist es ja. Sie driftet irgendwohin in den leeren Raum, mit gestopptem Triebwerk, scheinbar ziellos. Maximow hofft allerdings, daß er sie noch einfangen kann.«
Daß eine Versorgersonde außer Kontrolle geriet, passierte immer wieder – aber gewöhnlich ereignete sich das in der kritischen Phase der Beschleunigung. Ein Ausbrechen in der Art, wie es von Maximow gemeldet wurde, war in der Tat besorgniserregend. Mein Blick wanderte über die Planetenkarte über Harris' Schreibtisch. Dort, wo sich die Sonde zu diesem Zeitpunkt befand, war nichts als leerer Raum: ohne nennenswerte Gravitationen.
Harris las meine Gedanken.
»Nun, Sie werden die Augen offenhalten, Brandis. Und vielleicht gelingt es Maximow ja doch noch, den Ausreißer wieder an die Leine zu bekommen, und die ganze Angelegenheit stellt sich als blinder Alarm heraus. Wenn es Ihnen recht ist, begleite ich Sie jetzt an der Start.«
In Harris' letzte Worte hinein klingelte das Visiofon. Harris drückte die Taste.
»Ja.«
Der Kontrollbeamte vom Hauptportal meldete sich.
»Staatssekretär Dr. Mildrich ist hier, Sir, und möchte vorgelassen werden.«
Harris warf mir einen raschen Blick zu.
Was Dr. Mildrich mit diesem Besuch in aller Herrgottsfrühe bezweckte, lag auf der Hand. In seiner Aktentasche steckte wahrscheinlich bereits jenes Rücktrittsgesuch, das Harris nur noch zu unterzeichnen brauchte.
Harris' Stimme knarrte: »Lassen Sie Dr. Mildrich wissen, daß ich ihn nach dem Start der Explorator gern empfangen werde. Im Augenblick bin ich verhindert.« Harris ließ die Taste los und wandte sich an mich. »Gehen wir!«
Der Aufzug brachte uns ins Erdgeschoß. Vor dem Seitenportal stand wartend der bestellte offene Transporter mit dem VEGA-Emblem.
Harris und ich stiegen ein – aber nicht rasch genug, um dem Reporterrudel zu entkommen, das auf diesen Augenblick gelauert hatte. Das Rudel fiel über uns her.
»Eine Frage, Sir …«
»Sie halten uns auf!« sagte ich.
Das Rudel umdrängte den Transporter.
»Trifft es zu, daß der Start der Explorator in Zusammenhang steht mit der Han Wu Til«
Harris übernahm die Beantwortung.
»Die Explorator hat die Aufgabe zu prüfen, ob eine Bergung der auf der Han Wu Ti Eingeschlossenen möglich ist.«
Das Rudel war hartnäckig.
»Trifft es zu, daß Commander Busch den Auftrag abgelehnt hat?«
Harris ließ sich nicht festnageln.
»Es trifft zu, daß ich den Auftrag in die bewährten Hände von Commander Brandis gelegt habe, der hierfür seinen Urlaub opfert. Ich hoffe, Sie sind mit dieser Auskunft zufriedengestellt.«
Das Rudel hatte sich festgebissen und ließ nicht locker.
»Es ist ein offenes Geheimnis, Sir, daß Sie sich mit Ihrer Entscheidung in Widerspruch stellen zu einem geheimen Kabinettsbeschluß. Dr. Mildrich wird Ihnen den Rücktritt nahelegen.«
Harris stieß den Fahrer an.
»Die VEGA ist eine autonome Institution. Und an dieser Tatsache sollte besser nicht gerüttelt werden. Solange diese Aktion läuft, bleibe ich auf meinem Posten.«
Der Transporter schwebte auf und bahnte sich fauchend eine Gasse durch die Blitzlichter und Kameras.
Harris machte ein ausdrucksloses Gesicht.
»Das war«, bemerkte ich, »eine offene Kampfansage. Sie haben dem Staatssekretär den Handschuh direkt vor die Füße geworfen.«
Harris' Daumen zielte himmelwärts.
»Dort oben hat man ganz andere Probleme. Dort heißen sie: Keine Wärme mehr im Schiff, keine Luft zum Atmen. Ein vergrällter Staatssekretär ist kein echtes Problem.«
Der Transporter huschte über das Rampengelände, vorüber an den darauf abgestellten Schiffen aller möglichen Bauarten und Reichweiten, vorüber an dem Platz, an dem vor vierundzwanzig Stunden noch meine gecharterte Diana gestanden hatte: klar zum Start in den Urlaub. Er zog vorüber an dem gelben VOR-Sampan – und nun sah ich, daß dieser doch nicht ganz unbeschädigt davongekommen war. Die Beule, die er sich geholt hatte, war von den Ausmaßen und der Tiefe eines Fußballtores.
Seitdem war viel geschehen. Erneut trug ich die Bordmontur eines Commanders auf Großer Fahrt: die Montur mit den vier goldenen Streifen am Ärmel und dem darüber prangenden Stern. Auf mich wartete ein neues Schiff mit einer neuen Crew und ein neuerlicher Aufbruch in leere, grenzenlose Räume, ein Aufbruch in zuvor nie beflogene Zonen.
Mir wäre es lieber gewesen, die Reise mit der Kronos anzutreten – mit jenem Schiff, das unter Beweis gestellt hatte, wieviel es taugte, als es die Sonne umrundete. Mir wäre es lieber gewesen, mich bei diesem Unternehmen auf die eigene, bewährte Mannschaft stützen zu können, auf diese Mannschaft ohne Fehl und Tadel, an die ich mich gewöhnt hatte.
Der Transporter hielt an vor der Explorator, und davor stand die fremde Crew.
Harris stellte mich vor und sagte dann: »Sie alle wissen, worum es geht. Sie alle sind lange genug unter den Sternen geflogen, um zu ermessen, was das bedeutet: ein Schiff in Raumnot. Ich erwarte keine Wunder von Ihnen, meine Herren, aber ich erwarte, daß Sie auch unter Ihrem neuen Commander Ihr Bestes geben.« Im Anschluß an diese knappe Ansprache – die kürzeste, mit der je ein Schiff auf Expeditionsfahrt entlassen worden war – ging ich die Reihe ab und reichte den Männern, die mir unterstellt worden waren, die Hand.
Captain Miller machte ein verkniffenes Gesicht, und mir war klar, daß er sich übergangen fühlte. Wahrscheinlich hatte er bereits mit seiner Beförderung gerechnet.
»Auf gute Zusammenarbeit, Captain«, sagte ich.
Captain Miller neigte stumm den Kopf.
Lieutenant Kardorff, der bebrillte Navigator, hätte ebenso gut in einer Amtsstube als unauffälliger Beamter sitzen können. Sein Händedruck verriet Beflissenheit.
Die Boxerkarriere des Bordingenieurs konnte nicht sehr erfolgreich gewesen sein. Lieutenant Minulescus Nase war plattgehämmert, sein rechtes Ohr verstümmelt – ein Hinweis, daß er einiges im Ring hatte einstecken müssen. Sein Blick war frostig, fast feindselig.
Auch Lieutenant Bokwe mit aschgrauer Brandnarbe auf der linken Wange – Erinnerung an die Orion II – gab sich reserviert. Nun, Hauptsache, er verstand sein Handwerk. Verbindung halten war auf einer Reise wie der bevorstehenden alles.
Der Radar-Controller strahlte mich an. Lieutenant Wagner, klein und drahtig, sprach das Metro mit unnachahmlichem Wiener Zungenschlag. Als einziger trug er zur vorgeschriebenen Bordmontur ein rotes Halstuch, und sein »Erfreut, Sie kennenzulernen, Commander!« hörte sich an, als hätte er nur versehentlich nicht gesagt: »Küß' die Hand, gnädige Frau.«
Bevor ich mich abwandte, bemerkte ich: »Ach, übrigens, Lieutenant – bevor wir alle in die Versuchung geraten, die Explorator in einen Zirkus zu verwandeln: Das rote Halstuch legen Sie besser ab.«
Lieutenant Wagners Protest kam mit niederträchtiger Höflichkeit.
»Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, Sir, daß Commander Busch bislang daran keinen Anstoß genommen hat?«
Der erste Widerspruch war bereits da, wenn auch verkappt, das erste Aufbegehren gegen den neuen Vorgesetzten, der die Gemütlichkeit störte.
»Möglich«, erwiderte ich kühl, »ich tue es. Und nun möchte ich die Herren bitten, sich auf Ihre Stationen zu begeben.«
Es ging mir nicht um das Halstuch. Was ich von einem Schiff, das ich führte, erwartete, war dies: reibungslose Routine und keine privaten Extravaganzen. Und was zuletzt für die Kronos gegolten hatte, mußte in noch stärkerem Maße für die Explorator gelten – für dieses knapp bemessene Schiff, auf dem es weder einen stellvertretenden Bordingenieur gab noch einen Koch.
Harris hatte sich dem Transporter zugewandt und eine Meldung entgegengenommen. Nun dreht er sich zu mir um.
»Die Funkbereitschaft«, sagte er. »Maximow hat sich gerade noch einmal gemeldet. Die Sonde ist jetzt endgültig futsch.«
Die Nachricht war nicht angetan, mich zu erfreuen, denn immerhin war die Sonde in einem Raumbereich verloren gegangen, den ich, wollte ich nicht kostbare Zeit opfern, nicht vermeiden konnte.
Harris' Überlegungen bewegten sich in gleicher Richtung.
»Nun«, fügte er hinzu, »das muß nicht unbedingt etwas zu bedeuten haben. Es liegt mir fern, den Teufel an die Wand zu malen. Die Funkbereitschaft hat soeben alle in Frage kommenden Raumstationen befragt. Alle Auskünfte sind negativ. Zusätzliche Gravitation wird nirgendwo gemessen.«
Harris sprach es nicht aus, was ihm im Augenblick ebensoviele Sorgen bereitete wie mir. Er sprach es nicht aus, weil es sich um etwas handelte, was zu den Unwägbarkeiten unseres Berufes gehörte.
Immer wieder kam es vor, daß Schiffe verlorengingen, und fast immer gab es dafür eine plausible Erklärung: Meteoritenschlag, Energiestürme, ein technischer Defekt. Aber daneben gab es auch jene anderen Fälle – die Fälle des spurlosen Verschwindens. Die Bezeichnung »zusätzliche Gravitation« war eine vorsichtige Umschreibung für das von allen Raumfahrern gefürchtete, wenngleich nie hundertprozentig wissenschaftlich nachgewiesene Schwarze Loch.
Wer einmal in diesen kosmischen Strudel geriet, fand nur selten wieder heraus. Commander Kipling hatte es einmal geschafft und ebenso Major Sargasso von der Strategischen Raumflotte. Mit überhitztem Triebwerk hatten sie sich aus der Peripherie eines solchen Strudels herauskatapultiert, in dessen Zentrum die zum Absoluten verdichtete Materie lauert wie eine Spinne im Netz: im Durchmesser oft kaum größer als ein Meteor, im Gegensatz zu diesem aber nicht zu sehen und weder mit dem Radar zu orten noch mit dem Funkpeiler.
Harris' Befürchtung, die Sonde könnte in das Gravitationsfeld eines solchen Schwarzen Lochs geraten sein, war offenkundig. Für die Reise zum Neptun, die mir bevorstand, war das ein schlechter Auftakt.
Ich würde auf der Hut sein müssen: wie noch nie zuvor in meinem Leben.
Harris preßte meine Hand.
»Ich weiß, Sie sind kein Anfänger, Brandis«, sagte er. »tun Sie, was getan werden muß, aber tun Sie das mit gebührender Vorsicht. Und nun wünsche ich Ihnen wie in alten Tagen Mast- und Schotbruch.«
Ich ging an Bord, und während draußen Harris den Transporter bestieg, um in die politische Arena zurückzukehren, ließ ich die Gangway einfahren und die Schleuse verriegeln.
Captain Miller warf einen Blick auf den davonstiebenden Transporter.
»Der Alte riskiert seinen Kopf – und wenn seiner fällt, fällt Ihrer gleich mit, Sir.«
Captain Miller, begriff ich, hoffte, daß Dr. Mildrich sich durchsetzte. Vielleicht gab es in Dr. Mildrichs schwarzem Diplomatenkoffer schon eine geheime Beförderungsliste. Es war nicht meine Aufgabe, mich mit Captain Miller darüber auseinanderzusetzen, weshalb ihm bislang der begehrte Commanderstern verwehrt geblieben war. Entweder er begriff es von selbst – dann hatte er auch unter Harris eine reelle Chance; oder aber er begriff es nicht – und dann konnte auch ein erdienerter Stern keinen guten Commander aus ihm machen.
»Machen wir uns an die Arbeit, Captain!« erwiderte ich. »Genug Zeit ist bereits vergeudet worden.«
Captain Miller preßte die Lippen aufeinander. Sein »Aye, aye, Sir!« war kaum zu verstehen.
Das Cockpit der Explorator war eng und unbequem – und eng und unbequem war das ganze Schiff. Ich ging es ab und überlegte, wie man die dreiundachtzig zusätzlichen Menschen unterbringen würde – sollte es uns tatsächlich gelingen, sie abzubergen. Zur gegebenen Zeit mußte ein Plan dafür erstellt werden. Die Verpflegung der Schiffbrüchigen mußte ebenso sichergestellt werden wie ihre sanitäre Versorgung. Alles das würde nicht eben einfach sein. Im Rahmen des Möglichen war vorgesorgt: In der Messe stapelten sich Decken, Luftmatratzen und Kartons mit Geschirr.
Der Start war auf 08.45 Uhr Metropoliszeit festgesetzt, so daß mir eine knappe Stunde verblieb, um mich mit der Explorator vertrautzumachen. In das Cockpit zurückgekehrt, wo Captain Miller in Sprechverbindung mit dem TÜ – dem Technischen Überwachungsstand, wie der Maschinenraum korrekterweise hieß – bereits mit den Vorbereitungen zum Abheben beschäftigt war, nahm ich mir die Inventarliste vor.
Sie entsprach der Norm. Die Explorator war ausgerüstet für maximal 365 Reisetage bei einem Stand von sechs Mann Besatzung. Eine provisorisch eingefügte zusätzliche Liste beinhaltete den darüber hinaus an Bord genommenen Proviant- und Trinkwasservorrat.
Aufgeführt war auch der Bestand an Preßluft. Die eingesetzte Zahl überraschte mich.
»Eine Frage, Captain. Dreiundsechzig Kubikmeter – ist das alles?«
Captain Miller warf einen Blick auf die Liste und nickte. »Mehr läßt sich nicht unterbringen, Sir. Das BMS beansprucht den ganzen Raum. Die Preßluft ist nur für die Hydraulik da.«
Das BMS hatte ich bereits besichtigt. Die Anlage nahm fast ebenso viel Raum ein wie das Triebwerk. Ein computergesteuertes Spiegelsystem versorgte sie mit ungefiltertem Sonnenlicht. Die biomechanischen Reaktoren selbst waren abgedeckt. Daß sie in Betrieb waren, ließ sich lediglich an den Armaturen ablesen, die den von ihnen erzeugten und in den Kreislauf eingespeisten Sauerstoff maßen. Der Kern der Reaktoren bestand aus natürlichen Algen – gekoppelt mit einer Vielzahl von energiebedürftigen Aktivatoren. Diese waren aus Sicherheitsgründen nicht an das Bordnetz angeschlossen, so daß sie in festgelegten Intervallen durch einen kurzen Energiestoß des ausgekuppelten Triebwerkes auf Leistung gehalten werden mußten.
Der Tag mochte kommen, an dem ein ausgereiftes BMS zur selbstverständlichen Grundausrüstung eines jeden Schiffes gehören mochte. Auf dieser Reise freilich würde ich mich kaum mit ihm anfreunden.
»Hat es mit der Anlage in der letzten Zeit irgendwelche Schwierigkeiten gegeben?«
»Überhaupt keine, Sir«, erwiderte Captain Miller. »Man muß sie lediglich auf Trab halten – das ist alles.«
»Und sollte das mal nicht möglich sein?«
Captain Miller hob die Schultern und machte ein leeres Gesicht.
Das BMS herauszureißen und durch ein herkömmliches störunanfälliges System der Aufbereitung auf Preßluftbasis zu ersetzen: dazu war es zu spät. Die Arbeit daran hätte mindestens drei Tage beansprucht.
Den Rest der Inventarliste ging ich ohne weitere Fragen durch. Danach begab ich mich ins Kartenhaus – amtlich Navigations-Center oder kurz NC –, in dem Lieutenant Kardorff gerade damit beschäftigt war, den Bordcomputer mit den eingehenden Meßdaten zu füttern.
»Sir!«
Lieutenant Kardorff sprang auf. Ich winkte ab.
»Lassen Sie sich nicht stören, Lieutenant. Weshalb ich hereinschaue: Es könnte sein, daß wir nach dem Passieren der Interplanar XVI-Linie, vielleicht auch schon früher, auf ZG stoßen. Haben Sie damit schon mal zu tun gehabt?«
Lieutenant Kardorff starrte mich an. »Nein, Sir. Nie.«
»Aber Sie wissen, wovon ich rede?«
»Ja, Sir. Natürlich, Sir. ZG. Zusätzliche Gravitation. Selbstverständlich, Sir. Schwarze Löcher, Sir. Ein höchst selten auftretendes Phänomen – zuletzt beobachtet von Commander Loriot an Bord der Star-Expreß im Jahr …«
Ich schnitt ihm den Faden ab. Der Mann war vollgestopft mit Theorie. Was ich benötigte, war ein Navigator mit Sinn für die Praxis.
»Achten Sie darauf. Sobald Ihnen etwas verdächtig erscheint, geben Sie mir unverzüglich Bescheid – zu jeder Tages- und Nachtzeit.«
Lieutenant Kardorff starrte mich an wie eine verängstigte Eule.
»Aye, aye, Sir. Auf ZG achten. Sie können sich auf mich verlassen, Sir.«
Ich klopfte gegen den Gravimeter.
»Behalten Sie das Ding im Auge. Wenn Sie schlafen gehen oder mal aufs Klo müssen – dann stellen Sie den Kasten auf selbsttätigen Alarm. Ich möchte keine Überraschungen erleben.«
»Aye, aye, Sir. Selbsttätiger Alarm. Sie können sich auf mich …«
Ob ich mich auf ihn verlassen konnte, mußte sich erst noch erweisen. Ich mußte es darauf ankommen lassen. Lieutenant Kardorff war ein aufgeregter junger Mann – und sehr, sehr eifrig. Wahrscheinlich war er ein ebenso eifriger Schüler gewesen. Mit trockenem Wissen zumindest war er vollgestopft bis obenhin. Nun – und Commander Busch war schließlich mit ihm zufrieden gewesen.
Ich nickte.
»Betrachten Sie meine Anweisung lediglich als routinemäßige Vorsichtsmaßnahme«, sagte ich. Und dann, bevor ich ihn verließ, griff ich in das Regal und reichte ihm das mit Diverse Planeten überschriebene Handbuch. »Beschäftigen Sie sich bei Gelegenheit mit der Triton-Passage. Wir werden eine Menge manövrieren müssen.«
Zehn Minuten vor dem Start nahm ich meinen Platz im Cockpit ein und legte die Gurte an.
Man hat mich in späterer Zeit immer wieder gefragt, welcher Art meine Gedanken in diesem Augenblick gewesen sind. Die Wahrheit ist die, daß ich schlagartig aufhörte, an die eingeschlossenen Menschen auf der Han Wu Ti zu denken. Ich wußte, daß es sie gab und vergaß durchaus nicht, daß die Reise nur ihretwegen unternommen wurde – um einen späten und nicht sehr erfolgversprechenden Versuch zu unternehmen, sie dem sicheren Tod in der Leere des Raumes zu entreißen; doch diese ganze Information blieb irgendwo auf Abruf gespeichert.
Ich ging an diesen Start wie an jeden x-beliebigen Start zu den Sternen: nüchtern und ohne Emotionen. Ich ging an ihn wie an die Lösung einer mathematischen Aufgabe.
Um 07.58 bat ich um die Klarschiffmeldung.
Die Stationen meldeten sich in der üblichen Reihenfolge, und im Anschluß daran klinkte Captain Miller das Handsteuer aus und zog es an sich heran. »Schiff und Brücke klar zum Start, Sir.« Er machte keinen Hehl daraus, daß er sich nur ungern meinem Kommando unterstellte. Daran würde sich wohl auch nichts ändern. Solange er gewissenhaft seinen Dienst versah, war ich bereit, ihn zu nehmen, wie er war. Was ich von ihm erwartete, war Disziplin, nicht Freundschaft.
Ich drückte die Mikrofontaste des Senders.
»Explorator – Tower. Ich bin jetzt klar und bitte um Freigabe.«
Bergers Stimme erklang im Lautsprecher.
»Roger, Explorator. Sie werden sofort freigegeben. Augenblick noch, Mark – der Alte will dich noch mal haben. Ich stelle durch.«
Harris' knarrendes Organ ließ sich vernehmen. »Commander …«
»Auf Empfang, Sir.«
»Maximow hat mir gerade den Abschlußbericht durchgegeben – wegen der Sonde. Er schließt jetzt nicht aus, daß es sich um einen ZG-Fall handelt. Wie wär's mit einem kleinen Umweg?«
»Sir, das würde uns mindestens sieben Tage kosten – wenn nicht mehr. Ich denke, wir pirschen uns ran und sehen nach, was los ist.«
»Ich lege das in Ihre Hand, Brandis. Sie haben das Kommando über das Unternehmen, nicht ich. Dann also – mit Gott!«
»Danke, Sir.«
Harris' Stimme wurde abgelöst durch die von Berger. »Tower – Explorator. Steigwinkel 180 auf x.«
Die übliche Freigabe für ein Schiff dieser Klasse. Man katapultierte sich senkrecht den Sternen entgegen, um erst nach dem Durchstoßen der Atmosphäre auf Kurs zu gehen.
»180 auf x. Roger.«
»Mach's gut, Mark. Wir drücken die Daumen.« Bergers Stimme wurde amtlich. »Explorator, der Start ist: FREI.«
Ich ließ die Taste los und lehnte mich zurück. »Captain – abheben!«
Captain Miller ließ die bereits vorgewärmten Triebwerke anspringen und gab Schub.
Einen Atemzug lang schien sich die Explorator rüttelnd und schüttelnd an die Erde zu klammern; – dann, auf einmal, wurde sie ruhig und begann zu steigen, schneller und immer schneller. Sie durchstieß das weiße Gebirge der Kumuluswolken und stieg und stieg, und der blaue Maienhimmel wurde dunkler und verwandelte sich mehr und mehr in den goldgesprenkelten schwarzen Samt des unendlichen Raumes.