6.
Nachdem ich Jackson, den Sicherheitsbeauftragten der VEGA verständigt hatte, er möge den Unfallbericht zu den Akten legen, ohne die Angelegenheit weiter zu verfolgen, fuhr ich hoch zum Flugdeck, wo meine private Moskito abgestellt war.
Oben wurde die VOR-Abordnung von der vereinigten Pressemeute bedrängt. Als ich den Lift verließ, fiel ein Teil der Reporter über mich her. Die Fragen prasselten. »Commander, was wird unternommen werden?«
Ich wich aus ins Unverbindliche.
»Sie erhalten in wenigen Minuten das amtliche Kommunique. Darin werden alle Ihre Fragen zufriedenstellend beantwortet.«
»Haben Sie den Auftrag angenommen?«
»Ich war nur als Berater anwesend.«
Blitzlichter, Kameras, Mikrofone: Es war das reinste Spießrutenlaufen. Und dennoch, so spürte ich, steckte hinter diesem Aufgebot mehr als nur professionelle Wißbegier. Der Fall der Han Wu Ti begann die Öffentlichkeit zu erregen. Dr. Mildrich irrte, wenn er diese hartgesottenen Reporter als Kläffer abtat. Im Augenblick verkörperte sich in ihnen das mitfühlende Gewissen von drei großen Kontinenten. Sie wollten kein amtliches Kommunique, keine gedrechselten Phrasen, keine unverbindlichen Floskeln. Sie wollten ein klares JA. Sie wollten die menschliche Entscheidung, die erlösende Tat.
Ich zwängte mich in die Moskito, startete und hob ab. Selten hatte ich mich erbärmlicher gefühlt. Das Schicksal der Han Wu Ti war besiegelt. Die Funk-Leit-Operation blieb nichts als ein Alibi. Man hielt die Angehörigen hin, wiegte sie in unberechtigter Hoffnung, statt ihnen ins Gesicht zu sagen, daß sie ihre Wallfahrt zur VEGA umsonst unternommen hatten; statt ihnen im gespreizten Beamtenmetro eines Dr. Mildrich die unbarmherzige Wahrheit einzugestehen, daß ihre Männer, Frauen, Väter, Töchter und Söhne keinen hinreichenden Gegenwert darstellten für gutes EAAU-Geld. Und daß Harris, der große alte Mann der VEGA, aus politischen Gründen das Handtuch warf.
Und wie war es um mich bestellt? Auch ich war dem Kampf aus dem Wege gegangen. Ich hatte an Ruth gedacht, an den verpatzten Urlaub – und nicht zuletzt daran, mich mit dem Staatssekretär nicht zu überwerfen, von dem es unter der Hand hieß, daß er im Falle einer Neugliederung der VEGA Harris' Nachfolge anstrebte: ein Bürokrat auf dem Sessel eines gestandenen Astronauten. Nein, ich hatte nicht das Recht, Harris etwas vorzuwerfen.
Ruth streckte eine weiße, kraftlose Hand nach mir aus.
»Mark! Endlich.«
Ich setzte mich zu ihr aufs Bett.
»Hast du noch Schmerzen?«
»Nicht mehr.« Über ihr erschöpftes Gesicht huschte ein Lächeln. »Aber du siehst aus, als sollte man dich in die Waschmaschine stecken. Wie ist das überhaupt passiert? »
Ich strich ihr das verschwitzte Haar aus dem Gesicht, das sie behinderte.
»Ein VOR-Pilot hat Mist gebaut. Dabei hat's geknallt.«
Ruth schwieg. Nach einer Weile fragte sie: »Und was ist mit ihm?«
»Er ist wohlauf, sagte ich, »er und alle seine Leute. Nur uns hat's erwischt.«
Ruth schloß ermattet die Augen.
»Ein VOR-Schiff … wieso? Erzähl mir das morgen. Ich werde jetzt träumen … Ich werde jetzt träumen: Du und ich sind unterwegs, und…«
Mitten im Satz schlief sie ein.
Ich flog nach Hause, riß mir die versengte, stinkende Kombination vom Leib und stopfte sie in den Müllschlucker. Danach stellte ich mich unter die Dusche.
Ein milder Maiabend brach an.
Eine Weile stand ich auf dem Balkon, eingehüllt in das silbrige Seidenlicht der Sterne, unter dem ich, wenn ich all meine Reisen zusammenrechnete, die meiste Zeit meines Lebens zugebracht hatte – doch die Unruhe, die ihr Anblick sonst immer in mir wachzurufen pflegte, diese Sehnsucht, an der Ruth O'Hara, meine Frau, so schwer zu tragen hatte, stellte sich diesmal nicht ein. Zum ersten Mal stieß der Ruf der Sterne bei mir auf taube Ohren. Zu viel Einsamkeit lag bereits hinter mir, zu viel Weite, zu viel Leere …
Irgendwann hob ich das Glas und ließ es sofort wieder sinken.
Es war zu weit.
Es war so weit, daß mich schauderte.
Ein winziges Element der Elektronik hatte versagt – und schon war es geschehen gewesen. Und nun saß die Han Wu Ti dort oben fest und schraubte sich in einer imaginären Spirale dem Neptun entgegen, um irgendwann auf seiner Oberfläche zu zerschellen.
Ich rief noch einmal in der Klinik an. Ruth schlief.
Ich setzte mich vor die TV-Wand und sah mir die Spätnachrichten an.
Wenn man die Welt nach diesen Nachrichten beurteilen wollte, war sie nicht viel wert, oder aber die ganze Menschheit war vom Tollwutbazillus befallen.
Über die Han Wu Ti wurde ganz zum Schluß berichtet. Die Dokumentation war angereichert mit den Fotografien der an Bord Eingeschlossenen. Besonders lange verweilte die Kamera auf dem Foto der fünfjährigen Tschang Li – ein anmutiges Kindergesicht mit großen mandelförmigen Augen.
Die gewohnte weibliche Stimme kommentierte: »Unter den in Metropolis eingetroffenen Angehörigen befindet sich auch die Mutter dieses Mädchens. Frau Li ist die Ehefrau eines Monteurs, der auf dem Kunstplaneten Himmlisches Peking einen Dreijahresvertrag erfüllt. Tschang Li hatte ihm einen Besuch abgestattet.
Eine Männerstimme verlas das amtliche Kommunique. Es war knapp und dürr und gab lediglich bekannt, daß die VEGA in Zusammenarbeit mit den zuständigen Regierungsstellen mit der Ausarbeitung eines Bergungsplanes unter Benutzung der Uranus-Leitstrecke begonnen hätte.
Ich schaltete das Gerät ab und wählte die Nummer von Captain Romen, der als Pilot zu meiner regulären Kronos-Crew gehörte. Auf dem Bildschirm tauchte sein Standfoto auf mit der monoton vorgetragenen Auskunft: Der Teilnehmer sei bis auf weiteres nicht zu erreichen.
Auch Captain Romen war längst im Urlaub – wie meine gesamte Kronos-Crew. Es war zu erwarten gewesen. Im übrigen hätte auch ein Gespräch mit meinem Piloten nichts bewirkt. Die Kronos befand sich in der Werft und stand nicht zur Verfügung.
Wenn überhaupt – dann würde die Explorator starten: mit Busch als Commander.
Mit anderen Worten: Die Han Wu Ti ging mich nichts an.