4.
Aus den Minuten wurden Stunden, und das Problem erwies sich als eines von der vertrackten Sorte. Sein Name war in der Tat Han Wu Ti.
Dr. Mildrich vom Auswärtigen Amt sprach die einleitenden Worte. Er tat dies mit nüchterner, kühler, unbeteiligter Stimme, und obwohl er frei formulierte, konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß er einen gründlich vorbereiteten, mehrfach redigierten und nach allen Seiten hin abgesicherten Text vom Blatt ablas.
Das Auswärtige Amt, erklärte er, hätte sich nach reiflicher Überlegung aus humanitären Gründen bereiterklärt, dem Wunsch der VEGA zu entsprechen und einer aus Peking angereisten Abordnung besorgter Angehöriger der auf der Han Wu Ti in Raumnot befindlichen Besatzungsangehörigen und Passagiere die Einreise in die EAAU zu gestatten. Es bliebe ihm freilich nicht erspart, seinem Befremden darüber Ausdruck zu geben, daß es offenbar geheime Kontakte zwischen den VOR und der VEGA gegeben hätte – ein Umstand, der es dem Außenminister Kohn-Felsenstein aus naheliegenden Gründen unmöglich machte, persönlich an der Sitzung teilzunehmen. Er, Staatssekretär Dr. Mildrich, sei stellvertretend erschienen.
Harris nickte mit finsterem Gesicht und erteilte dem VOR-Botschafter das Wort.
Sen Sung Yang war mir bis zu diesem Tag als ein Mann der vorsichtigen Worte bekannt gewesen, der vor dem Hintergrund der gespannten Situation, die zwischen den beiden großen Machtblöcken, in die die Erde nunmehr schon seit fast einem Menschenalter zerfiel – Vereinigte Orientalische Republiken (VOR) und Europäisch-Amerikanisch-Afrikanische Union (EAAU) –, allenfalls so etwas abgab wie eine dekorative Figur. Der Dialog zwischen den beiden Supermächten war längst zum Versiegen gekommen, und über den Grenzen lag der Frosthauch des Kalten Krieges. Sen Sung Yangs Tätigkeit in Metropolis war darum kaum mehr als ein zähneknirschendes Zugeständnis an längst ausgehöhlte diplomatische Traditionen. Dementsprechend war der Botschafter als ein Mann nichtssagender Worte bekannt. Diesmal jedoch sprach er mit einer Offenheit und Direktheit, die ich von ihm niemals erwartet hatte.
»Ich plaudere kein Geheimnis aus«, sagte er, »wenn ich feststelle, daß es die VOR trotz aller Anstrengungen bisher nicht vermocht haben, den technologischen Vorsprung der EAAU vor allem auf dem Gebiet der Astronautik einzuholen.« Noch immer gäbe es empfindliche Lücken – und mit einer solchen habe man es im Augenblick zu tun. Nach dieser Einleitung kam Sen Sung Yang zur Sache.
Er berichtete von der Indienststellung des künstlichen Planeten Himmlisches Peking, mit dem die VOR in Anlehnung an die Astropolis-Serie der EAAU den ebenso kostspieligen wie gefahrvollen Versuch unternahmen, als Ventil für ihre überschäumenden Menschenmassen neue Heimstätten im Weltraum zu erschließen. Der Kunstplanet Himmlisches Peking sei mittlerweile zur neuen Heimat für annähernd hunderttausend Menschen geworden. Gleichzeitig mit ihm sei zum Zwecke seiner Versorgung als einziges großes ziviles Raumfahrzeug der Kosmokreuzer Han Wu Ti entwickelt worden.
Der Botschafter bat um das entsprechende Bild, und die Projektorenwand leuchtete auf.
Die Han Wu Ti entpuppte sich als zivile Variante des Schweren Kreuzer-Typs Pagode: ein flaches, breites und wenig komfortabel anmutendes Schiff.
Das Unglück, von dem der VOR-Botschafter berichtete, geschah am 27. März: auf der Rückreise vom Kunstplaneten Himmlisches Peking nach Tokio.
»Richtiger gesagt – der 27. März erwies sich als der Tag, an dem man auf der Han Wu Ti erstmals erkannte, daß sich in der komplizierten Elektronik des Navigationssystems ein verhängnisvoller Fehler eingenistet hatte. Die Han Wu Ti war vom Kurs abgekommen und hatte sich dem Neptun auf unzulässige Distanz genähert.« Sen Sung Yang warf einen Blick in seine Aufzeichnungen. »Nun, mit diesem Zwischenfall wäre man an Bord wohl fertig geworden. Aus dem Lichtspruch, der sowohl in Peking als auch in Tokio empfangen wurde, geht eindeutig hervor, daß an der Behebung des Schadens bereits gearbeitet wurde, als sich der zweite Unfall ereignete. Die Han Wu Ti, deren komplettes elektronisches System für die Dauer der Reparaturarbeiten lahmgelegt war, stieß ungewarnt in einen Meteoritenschwarm, wobei sowohl das Triebwerk als auch die Steuerdüsen Schaden nahmen. Als Folge davon geriet sie in manövrierunfähigem Zustand in eine Umlaufbahn um den Neptun – und dort sitzt sie bis auf den Tag fest. So jedenfalls lautete die letzte Botschaft, die uns der Kommandant zukommen ließ, bevor am 7. April die Verbindung vollends abbrach.«
Der VOR-Botschafter legte eine Pause ein.
Ich starrte auf das Bild an der Wand, das noch immer die Han Wu Ti zeigte, und irgend etwas in mir gefror zu Eis. Was dem VOR-Passagierschiff zugestoßen war, zählte zu den Alpträumen eines jeden Astronauten.
Hilflos an die Umlaufbahn um einen fremden, bisher nur höchst oberflächlich erforschten Planeten gefesselt, aller Wahrscheinlichkeit nach auf sinkender Bahn, an deren Ende früher oder später unweigerlich der Aufprall stehen mußte, mit verstummtem Triebwerk, so trieb das Schiff nun schon seit Wochen durch den leeren Raum: preisgegeben allen Magnetstürmen und Meteoritenschlägen. Und da der Bordsender schwieg, war nicht in Erfahrung zu bringen, wie es um die Heizung und um die Luftversorgung stand. Die Heizung bezog ihre Energie wahrscheinlich direkt vom Triebwerk, und die Atemluft stammte aus den Preßlufttanks, deren Kapazität begrenzt war und die nun, falls keine Aufbereitung mehr stattfand, nicht wieder aufgeladen wurden.
Die Situation, in der sich die Han Wu Ti befand, war die eines fünften Rades am Großen Wagen. Nie war dieser bissige Astronautenausdruck zutreffender gewesen, mit denen man alle die belegte, die ausflogen, um nicht wiederzukommen.
Sen Sung Yang nahmen den Faden wieder auf.
»An Bord der Han Wu Ti befinden sich vierzehn Mann Besatzung und sechsundachtzig Passagiere …«
An dieser Stelle wurde er unterbrochen. Die Frau, deren flehentlichen Blick ich zuvor nicht zu deuten gewußt hatte, sprang plötzlich auf.
»Helfen Sie uns!« rief sie. »Unter den Passagieren ist auch mein Kind. Das Mädchen ist gerade fünf Jahre alt, und es hat seinen Vater besucht, der auf Himmlisches Peking als Monteur beschäftigt ist. Helfen Sie uns!«
Die Frau wurde auf ihren Sitz zurückgedrückt und zum Schweigen gebracht. Danach war nur noch ihr verzweifeltes Schluchzen zu hören.
Der VOR-Botschafter fuhr fort: »Helfen Sie uns! Das wollte ich gerade sagen – im Namen all dieser Angehörigen, die hierher nach Metropolis angereist sind, um das Schicksal ihrer Lieben in die Hand der VEGA zu legen. Es trifft mich in meinem nationalen Stolz sehr hart, Ihnen gegenüber, meine Herren, eingestehen zu müssen, daß die VOR über kein geeignetes Bergungsschiff verfügen, um der Han Wu Ti aus eigener Kraft zur Hilfe zu kommen. Ein Versuch ist gescheitert. Der Neptun befindet sich außerhalb der Reichweite unserer Schiffe.«
Das also war es.
Die Han Wu Ti saß im Gravitationsbereich des Neptuns fest, und die VOR konnten nichts unternehmen, um die an Bord Eingeschlossenen aus ihrer bedrohlichen Lage zu befreien. Ihr Schicksal war damit praktisch besiegelt. Am Ende ihres Leidens würde das qualvolle Ersticken stehen oder der Tod durch Erfrieren. Falls nicht ein zu fälliger Meteoritenschlag dem hoffnungslosen Siechtum ein vorzeitiges und gnädiges Ende bereitete …
Ein alter, weißhaariger Asiate, offenbar der Wortführer der Delegation, bat ums Wort.
»Seine Exzellenz der Botschafter hat uns schon wissen lassen, daß er auf eigene Verantwortung handelt und zu keinerlei Kompensationsgeschäften ermächtigt ist. So bleibt uns, den Angehörigen, nur übrig, Sie von Herzen zu bitten: Helfen Sie uns aus freien Stücken in dieser schweren Stunde. Helfen Sie uns, indem Sie eines Ihrer großen und schnellen Schiffe zum Ort der Katastrophe entsenden. Und seien Sie, wenn Sie das tun, gewiß, daß wir es Ihnen nie vergessen werden.«
Die Stimme des alten Mannes war brüchig geworden. Er wankte und setzte sich erschöpft wieder hin.
Eine Weile herrschte Stille im Raum. Ich nutzte die Unterbrechung, um in Harris' angrenzendes Kabinett zu gehen und die Klinik anzurufen. Ruth, so wurde mir mitgeteilt, war wieder bei Bewußtsein. Der Stationsarzt war damit einverstanden, daß ich sie besuchte.
Dr. Mildrich hatte mit seiner Stellungnahme gewartet. Erst nachdem ich wieder Platz genommen hatte, legte er los. Alles wäre leichter und einfacher, sagte er, wenn die VOR sich zu einem offiziellen Hilfeersuchen durchringen würden und zu verstehen gäben, mit welcher Gegenleistung man zu rechnen hätte. Und mit einem Seitenblick auf Harris fügte er hinzu: Zwar sei es richtig, daß die VEGA nominell eine autonome Institution sei, doch unterläge sie in ihren finanziellen Ausgaben der Kontrolle durch den EAAU-Rechnungshof, wodurch die Autonomie eine logische Begrenzung fände.
In diesem Sinne redete Dr. Mildrich noch eine Weile weiter. Es war eine wohlgesetzte Rede, die weder Ablehnung noch Zustimmung zum Ausdruck machte und im übrigen daraufhin abgestimmt war, John Harris spüren zu lassen, daß in den Regierungsetagen der EAAU ein neuer Wind wehte – ein Wind, der der VEGA und ihren nirgendwo verbrieften Rechten direkt ins Gesicht blies.
Kein Wort von Betroffenheit, kein Wort von menschlicher Anteilnahme. Ein bürokratischer Vorgang wurde abgehandelt und mit dem Versprechen ad acta gelegt, demnächst zu einer Entscheidung zu kommen.
Als Dr. Mildrich geendet hatte und demonstrativ auf die Uhr sah, bemerkte Harris mit jenem Knarren in der Stimme, das jedem anderen als Warnung erschienen wäre: »Wenn ich Sie recht verstanden habe, Sir, haben Sie sich persönlich noch nie in Raumnot befunden.«
Dr. Mildrich maß Harris mit eisigem Blick.
»Ich glaube nicht, daß dies etwas zur Sache tut, Mr. Harris. Im übrigen liegt das letzte Wort beim Minister. Ich rufe ihn jetzt an. Danach können wir die Beratung intern fortsetzen.«
Die Versammlung löste sich auf.
Es kam zu einem Zwischenfall, der mich in Verlegenheit versetzte. Die Frau mit den flehenden Augen drängte sich an mich heran, ergriff meine Hand und berührte sie mit den Lippen.
»Sie werden es tun, Commander«, sagte sie in ihrem unbeholfenen Metro. »Ich sehe es an Ihren Augen. Der Himmel segne Sie dafür.«
Die Frau huschte weiter. Meine Hand brannte wie im Fieber.
Harris tat, als hätte er nichts gesehen. Er war ans Fenster getreten, starrte hinaus und trommelte mit den Fingern gegen die Scheiben.