12.

Nachdem ich mich vergewissert hatte, daß die ZG-Werte rückläufig waren, trat ich, erschöpft vom sechsstündigen nervenaufreibenden Törn im Cockpit, die Mittelwache an Captain Miller ab und zog mich zurück. Der Wachwechsel vollzog sich in eisiger Atmosphäre – aber darüber vermochte ich hinwegzusehen, solange ich nur wußte, daß die Explorator auf sicherem Kurs lag.

Die Lage hatte sich geringfügig gebessert.

Das halbe Etmal, das ich mir von Lieutenant Kardorff geben ließ – errechnet aus den Positionsdaten von 12.00 Mittag und Mitternacht –, wies aus, daß die ZG immerhin noch intensiv genug war, um unsere Fahrt voraus mit der Formel minus elf zu belasten. Weniger verklausuliert bedeutete das, daß wir um 11 Prozent hinter einer normalen Halbtagesleistung hinterherhinkten.

Ich ging meinen mitternächtlichen Kontrollgang.

Tschang Li hatte sich auf ihrem Lager zu einer Kugel zusammengerollt, den Daumen in den Mund gesteckt und schlief ruhig und entspannt; und auch Lieutenant Wagner machte nicht die Augen auf, als ich leise bei ihm eintrat.

Was tun?

Ihn an Bord operieren, mit eigenen Händen – unerfahren und ungeübt in diese Kunst, wie ich war? Vergleichbare Fälle gab es genug: Commander, die zum Skalpell griffen; Patienten, die unter dem Messer entweder starben oder durchkamen. Vorerst war daran nicht zu denken. Die Funkverbindung zu VEGA-Metropolis war ebenso schlecht wie die zum Uranus, und ohne funkärztliche Beratung würde ich, falls ich zum Skalpell griff, mehr Schaden als Nutzen anrichten.

Lieutenant Wagners Zustand machte mir zu schaffen – mehr, als Captain Miller in seinem blinden Eifer ahnte. Das Wohl des ganzen Schiffes jedoch ging vor.

Im Gang stieß ich auf Lieutenant Kardorff, der sich gleichfalls anschickte, die Koje aufzusuchen.

»Gute Nacht, Sir.«

»Gute Nacht, Lieutenant. Ist der Alarm geschaltet?«

»Ist geschaltet, Sir.«

»Angenehme Ruhe.«

»Ihnen auch, Sir.«

Hinter mir lag ein anstrengender Tag: ein Tag der Entscheidungen und Zweifel; ein Tag, an dem man es zu spüren bekam, daß man den Stern über den vier goldenen Streifen nicht nur zur Zierde trug. Als Commander war man verantwortlich: vor der Welt und vor seinem Gewissen.

Ich zog mich aus und ließ mich in die Koje fallen. Nach menschlichem Ermessen wurde ich bis zum nächsten Wachwechsel im Cockpit nicht benötigt: bis 06.00 Uhr Bordzeit.

Eine Weile lang noch war ich damit beschäftigt, über die Bordsprechanlage die Tagesereignisse in das Bordbuch zu diktieren. Meine Auseinandersetzung mit Captain Miller ließ ich unerwähnt. Mochte er sich auch ungehörig benommen haben – in gewisser Weise war er zu verstehen. Selbst auf diesem Schiff hielt die Stammbesatzung zusammen wie Pech und Schwefel. Es lag mir fern, ihm Knüppel zwischen die Beine zu werfen.

Ich löschte das Licht und dachte an Ruth. Die letzten Lichtfunksprüche aus Metropolis waren karg gewesen: kein Wort über Ruths Befinden. Wahrscheinlich war die Schlacht um den Direktorensessel der VEGA in vollem Gange. Und so wie die Dinge lagen, konnte Harris die Han Wu Ti kaum als Pluspunkt für sich ins Feld führen. Die VEGA also unter dem Diktat dieses Dr. Mildrich? Ein deprimierender Gedanke …

 

Als ich wach wurde, war es noch nicht einmal drei Uhr. Das Schiff war voller Unruhe.

Ich hörte Stimmen, Gelächter und das Klirren von Gläsern.

Ich zog mich an und machte mich auf den Weg. Nachdem ich an die gegenüberliegende Tür geklopft hatte, zog ich sie auf.

Lieutenant Wagner schlief. Die Koje über ihm war leer – aber es war unverkennbar Lieutenant Kardorffs Stimme im Zustand fortgeschrittener Trunkenheit, die sich in der Messe vernehmen ließ: »Happy birthday to you, happy birthday to you …«

Ein mehrstimmiges Gröhlen schloß sich an.

Ich enterte hoch ins Cockpit. Captain Miller war nicht auf seinem Posten, und ein Blick auf den Kursschreiber ließ mich wissen, daß die Explorator wieder auf Erdkurs lag.

Ich machte auf dem Absatz kehrt.

Auf dem Messetisch stand ein gutes Dutzend teils angebrochener, teils noch voller Reisbranntweinflaschen, wie ich sie zuletzt auf der Han Wu Ti gesehen hatte, und die Lieutenants Kardorff, Minulescu und Bokwe waren damit beschäftigt, auf das Wohl von Captain Miller zu trinken, der, in jeder Hand ein volles Glas, die Krawatte auf Halbmast, die Mütze ins Genick geschoben, mit baumelnden Beinen auf der Anrichte saß.

Lieutenant Kardorff war der erste, der mich bemerkte. Auf seinem Gesicht zeigte sich ein verlegenes Grinsen. Er stellte das Glas ab und rückte die Brille zurecht.

»Oh, Sir. Ich hoffe doch, wir haben Sie nicht gestört. Das war nicht unsere Absicht.«

Das Lärmen brach ab wie abgeschaltet. Auf einmal herrschte in der Messe gespannte Stille.

Es war lange her, daß ich mich vor eine vergleichbare Situation gestellt gesehen hatte: auf einem verkommenen Frachter, über den ich als blutjunger Pilot unüberlegterweise das Kommando übernommen hatte.

Womit ich es zu tun hatte, war ein offener Bruch der Disziplin. Dafür gab es ein einfaches Wort: Meuterei. Auch wenn die Saufköpfe noch nicht daran dachten. Ich faßte mich kurz.

»Meine Herren, wenn Sie Wert darauf legen, daß dieses Intermezzo ohne Nachspiel bleibt, dann nutzen Sie jetzt die Minute Zeit, die ich Ihnen gebe, um diesen Schweinestall hier aufzuräumen, Ihre Stationen zu besetzen und die Explorator wieder auf Andromeda-Kurs zu legen.«

Das hätte genügen müssen, um die Ordnung wiederherzustellen – wäre nicht der unselige Alkohol im Spiel gewesen. Der Lord und seine Tafelrunde: nie zuvor war diese Bezeichnung zutreffender gewesen. Die Explorator-Crew hatte sich zu einem nächtlichen Umtrunk zusammengefunden, wie es an Bord dieses Schiffes offenbar gang und gäbe gewesen war.

Lieutenant Bokwe wollte vermitteln.

»Sir, das ist ja nur, weil Captain Miller gerade Geburtstag hat …«

Ich sah auf die Uhr.

»Eine Minute! Das gilt auch für Sie, Lieutenant Bokwe.« 

Captain Miller stellte plötzlich seine beiden Gläser ab und rutschte von der Anrichte, und ich konnte sehen, wie er mit dem Alkohol rang, um eine halbwegs würdige Figur abzugeben.

»Sparen Sie sich das, Brandis!« sagte er. »Wir sind uns einig. Wir wären auch ohne Sie zurechtgekommen. An Bord dieses Schiffes werden Sie keine Befehle mehr erteilen. Ihr Stern imponiert nicht länger.«

Ich sah mich um. Was ich dabei entdeckte, war wenig erfreulich. Bokwe und Minulescu machten steinerne Gesichter; lediglich Lieutenant Kardorff zog sich hinter seine Brille zurück und wich meinem Blick aus.

Es war eine Machtprobe – und so wie die Dinge lagen, stand ich am kürzeren Hebel.

»Lieutenant Bokwe«, sagte ich, »begeben Sie sich unverzüglich auf Ihre Station.«

Lieutenant Bokwe rührte sich nicht. Ich hatte es nicht anders erwartet. Sein schwarzes Gesicht blieb mir zugewandt: mit dem Ausdruck offener Rebellion.

Mein Blick wanderte weiter.

»Lieutenant Minulescu – die Minute ist gleich um.«

Der LI rührte sich nicht; ich vergeudete nur meinen Atem.

»Lieutenant Kardorff!«

Lieutenant Kardorff machte sein leerstes Beamtengesicht und preßte die Lippen aufeinander.

Captain Miller machte sich erneut zum Wortführer.

»Gehen Sie schlafen, Brandis!« sagte er. »Sie merken selbst, daß keiner mehr auf sie hört. Und wenn Sie sich fragen, weshalb das so ist, dann denken Sie mal an Lieutenant Wagner. Wenn wir wirklich diesen unsinnigen Umweg fliegen, hat er nicht die geringste Chance mehr.« 

Das also war es. Für Captain Miller mochte es ein Vorwand sein, um diese Machtprobe heraufzubeschwören, aber für die anderen Männer war das ein ehrlicher Beweggrund. So jedenfalls schätzte ich sie ein. Von Anfang an hatten sie in mir den Außenseiter gesehen – und nun, unter dem Einfluß von Captain Miller und unter der Einwirkung des reichlich genossenen Reisschnapses, rotteten sie sich zusammen, ohne an die Konsequenzen zu denken. 

Auf diese machte ich sie aufmerksam:

»Meine Herren, es ist Ihnen vielleicht nicht ganz klar, daß Ihr Verhalten, sobald es zur Verhandlung kommt, unter den Meutereiparagraphen fällt. Und dieser Tatbestand wird zusätzlich erschwert dadurch, daß Sie das Schiff mit Wissen und Willen in Gefahr gebracht haben.«

Meine Worte blieben ohne Wirkung. Die Männer hatten ihre Entscheidung getroffen.

Captain Miller wandte sich plötzlich an Lieutenant Kardorff.

»Das mit der Gefahr wollen wir klarstellen. Wie stark war die Abdrift, als Commander Brandis den Kurs ändern ließ?«

Lieutenant Kardorff schluckte.

»Nicht ganze drei Grad, Captain.«

»Nicht ganze drei Grad!« wiederholte Captain Miller. »Haben Sie eine solche Abweichung schon früher einmal erlebt?«

»Ja, Captain.«

»Und woran hat es damals gelegen?«

»Am VKS, Captain. Die Dinger sind nicht immer so astrein, wie sie eigentlich sein sollten.«

Lieutenant Kardorff schwitzte. Seine Brille war beschlagen. Nach wie vor vermied er es, mich anzusehen.

Captain Miller nahm das Verhör wieder auf.

»Und wie war das mit minus 11? Sie wollten das noch einmal überprüfen.«

Die Lippen des Navigators zitterten.

»Es muß sich um einen Rechenfehler gehandelt haben, Captain. Wir befinden uns in einem Raumgebiet, in dem eine exakte Positionsbestimmung höchst schwierig ist. Man kann eigentlich nur schätzen. Ich habe das halbierte Etmal noch einmal überprüft.«

»Und dabei haben Sie festgestellt, daß Sie sich beim erstenmal geirrt haben.«

»So ist es, Captain.«

Ich wartete, ohne einzugreifen, auf das, was nun kommen mußte. Die Meuterei nahm klar umrissene Formen an – und ich mußte mir eingestehen, daß ich nicht über die Machtmittel verfügte, um sie niederzuwerfen. Damals, auf dem verkommenen Frachter, hatte ich es getan: mit der Waffe in der Hand. Diesmal lagen die Verhältnisse anders. Später, vor Gericht, daran zweifelte ich nicht, würde meine Aussage den Ausschlag geben. Für Meuterer brachten die Gerichte nur selten Verständnis auf.

Die Frage war, ob es überhaupt zu einer Verhandlung kommen würde. Lieutenant Kardorff stand sichtlich unter Druck. Der ZG-Fall war damit nicht aus der Welt geschafft.

Captain Miller wandte sich an mich.

»Unter den obwaltenden Umständen, Sir, habe ich mir als wachhabender Offizier erlaubt, mit Rücksicht auf das Befinden von Lieutenant Wagner Ihren Befehl dahingehend abzuändern, daß die Explorator wieder auf den direkten Erdkurs zurückgeht. Ich darf Sie bitten, diese Abänderung nachträglich zu billigen.«

Captain Miller hatte sich seinen Schritt überlegt. Er wußte: Falls ich seiner Eigenmächtigkeit nachträglich zustimmte – und damit schien er zu rechnen –, entfiel der Vorwurf der Meuterei. Die Eintragung im Bordbuch würde dann korrekt lauten:

Schiff um … Uhr auf Erdkurs gelegt.

Um … Uhr Kursabnahme durch Commander.

Allenfalls ließ sich dann gegen Captain Miller der Vorwurf aufrechterhalten, daß er während seiner Wache an einem alkoholischen Gelage teilgenommen hatte – aber diesem Vorwurf würde er, gestützt auf die Aussage von drei Lieutenants, mit dem Argument begegnen, nur einmal ausgetreten zu sein und hernach in der Messe einen symbolischen Schluck genommen zu haben.

Die Absicht war durchsichtig: Ich behielt nominell das Kommando über die Explorator, würde in Zukunft jedoch nichts mehr zu sagen haben.

Captain Miller hatte nicht bedacht, daß ich an meiner Überzeugung, das Schiff sei in Gefahr, festhalten würde. Noch einmal versuchte ich es, die Männer zur Vernunft zu bringen.

»Meine Herren, die Frist, die ich Ihnen gesetzt habe, ist um. Ich erwarte, daß Sie meiner Anordnung Folge leisten. Im anderen Fall werden Sie sich vor der Großen Strafkammer des Raumgerichts zu verantworten haben.«

Ich sprach zu tauben Ohren. Minulescu und Bokwe standen eindeutig hinter Captain Miller. Lieutenant Kardorff wand sich und schwitzte.

Captain Miller langte hinter sich, ergriff das Bordgesetzbuch, das er sich vorsorglich zurechtgelegt hatte, und schlug es auf.

»Ihre Befehle gelten nicht mehr, Brandis«, sagte er. »Ich nehme an, der Paragraph 86 ist Ihnen nicht unbekannt. Ich zitiere ihn trotzdem. Er lautet: Der Commander eines auf astraler Reise befindlichen Schiffes ist gehalten, seine Maßnahmen, Entscheidungen und Anordnungen so zu treffen, daß sie dem Wohl der Besatzung nicht zuwiderlaufen.« Captain Miller klappte das Buch zu. »Sir, mit Rücksicht auf Lieutenant Wagner, der dringend ärztlicher Behandlung bedarf, und im Hinblick auf Ihre unverständliche und grundlose Weigerung, die von mir vorgenommene Kurskorrektur trotz Richtigstellung der Tatsachen zu billigen, enthebe ich Sie für die Dauer dieser Reise Ihres Kommandos.«

Die Frage, ob sich Captain Miller auch dann zu diesem Schritt erkühnt hätte, wenn kein Alkohol im Spiel gewesen wäre, ließ sich auf Anhieb nicht beantworten. Es war nicht auszuschließen, daß die Ernüchterung ihn zu Verstand bringen würde. Bis dahin jedenfalls stand ich auf verlorenem Posten.

»Captain«, sagte ich, »ich schlage vor, wir klären diese Angelegenheit, sobald Sie wieder nüchtern sind. Ich werde Ihnen Gelegenheit geben, sich zu entschuldigen. Tun Sie das nicht, dann haben Sie soeben Ihre Laufbahn als Pilot der VEGA beendet.«

Captain Miller wiegte den Kopf.

»Oh nein, Brandis, o nein! Ihre Rechnung geht nicht auf.« Er griff in die Brusttasche. »Ich habe hier einen Lichtspruch, der Ihnen noch nicht bekannt sein dürfte. Er traf vor zwei Stunden ein. Harris ist weg vom Fenster. Mit dieser Expedition hat er sich das Genick gebrochen. Die offizielle Übergabe der Amtsgeschäfte an Dr. Mildrich ist nur noch eine Frage der Zeit. Und bei Dr. Mildrich habe ich ein Stein im Brett …«

Ich rührte den Lichtspruch nicht an. Es war genug, daß Captain Miller die Katze aus dem Sack ließ. In Metropolis war die Entscheidung gefallen. Ich machte kehrt und kehrte in meine Kammer zurück.