Jahre sind vergangen.
Ich lebe ein unstetes Leben, ziehe von einer Stadt zur anderen. Ich vermeide enge Bindungen und konzentriere mich darauf, meine kämpferischen Fähigkeiten auszubauen und mein Erbe zu entwickeln. Der Unsichtbarkeit folgte Telekinese, und in den letzten Monaten habe ich eine weitere Fähigkeit entdeckt: Ich kann das Wetter beeinflussen.
Ich benutze diese Fähigkeit nur spärlich, da sie schnell unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann.
Das erste Mal erfuhr ich die Gabe vor einigen Monaten, in einem Vorort von Cleveland. Ich hatte gerade eine Spur zu einem der anderen Gardisten verfolgt, die jedoch ins Nichts führte. Entmutigt trottete ich zurück zu meinem Motel und trank dabei einen Eiskaffee. Plötzlich verspürte ich einen rasenden Schmerz im Bein und ließ den Kaffeebecher fallen.
Meine dritte Narbe. Nummer Drei war tot.
Ich wand mich in Verzweiflung und Schmerz. Und bevor ich wusste, wie mir geschah, füllte sich der Himmel über mir mit dichten Wolken. Ein richtiger Sturm mit Blitz und Donner folgte unmittelbar darauf.
Ich bin jetzt in Athens/Georgia. Es ist eine coole kleine Stadt, eine der besten, die ich im Laufe der letzten Jahre besucht habe. Überall Studenten. Mein leicht vagabundenartiges, grobes Aussehen ist normalerweise in rein städtischer Umgebung etwas auffällig, aber in Gesellschaft der ganzen coolen Studenten, Hipsters und Musiknarren sehe ich überhaupt nicht ungewöhnlich aus. Das gibt mir ein Gefühl von Sicherheit.
|80|Alle meine Spuren sind im Sande verlaufen und noch immer bin ich auf der Suche nach einer Person meiner Herkunft.
Aber ich weiß, die Zeit wird kommen. Die Zeit, in der sich die Garde versammelt. Wenn sich mein Erbe in dieser Geschwindigkeit weiterentwickelt, wird das mit Sicherheit auch bei den anderen der Fall sein. Es wird bald Zeichen geben, ich kann es spüren.
Ich bin gespannt, aber geduldig. Zum Kämpfen bereit.
Ich laufe durch die Straßen und genieße die Reste meines Eiskaffees. Mein Lieblingsgetränk. Um meinen Appetit zu finanzieren, bin ich dazu übergegangen, Geld zu stehlen. Das Ganze ist inzwischen so einfach geworden, dass ich niemals irgendwen vollständig ausraube. Ich nehme mir immer nur ein paar Dollar hier und da.
Plötzlich werde ich von einem Windstoß mehr oder weniger von den Füßen gerissen. Eine Sekunde lang denke ich, dass ich die Kontrolle verloren habe, dass meine eigene Kraft die Windböe verursacht hat. Doch der Wind geht so schnell er gekommen ist. Mir wird klar, dass er nichts mit meinen Fähigkeiten zu tun hat. Allerdings hat er die Tür zu einem Café in der Nähe aufgestoßen.
Ich will schon weitergehen, als mein Blick plötzlich auf einen Computer in der hinteren Ecke des Lokals fällt. Ich benutze oft Internetcafés, um die Nachrichten zu verfolgen und nach Hinweisen zu suchen, die sich vielleicht in eine Spur verwandeln können – eine Vorgehensweise, bei der ich mich Katarina nahe fühle. Ich bin meine eigene Cêpan geworden.
Ich werfe meinen leeren Becher in einen Mülleimer und betrete das klimatisierte, kühle Café. Dort nehme ich mir einen Stuhl und beginne, die Nachrichten zu lesen.
Ein Artikel über Paradise/Ohio erregt meine Aufmerksamkeit. Ein Teenager wurde gesehen, der aus einem brennenden Haus entkommen ist. Ein Neuling im Ort. Er heißt John. Der Reporter betont ausdrücklich, wie schwierig es war, verlässliche Informationen über ihn zu erhalten.
|81|Ich springe so schnell auf, dass ich dabei den Tisch umstoße. Ich weiß sofort, dass er einer von uns ist, auch wenn ich nicht weiß, wie ich zu diesem Wissen gekommen bin. Es liegt irgendwie an diesem Windstoß. An den Schmetterlingen, die ich jetzt in meinem Bauch spüre und deren Flügel mich von innen kitzeln.
Vielleicht ist diese Erkenntnis ein Bestandteil des Zaubers. Irgendetwas verrät uns vielleicht, dass eine Ahnung manchmal mehr ist als eine Ahnung. Ich weiß es.
Ich weiß es ganz einfach.
Mein Herz pocht vor Aufregung. Er ist da draußen. Ein Mitglied der Garde.
Ich stürze auf die Straße hinaus. Links, rechts … Ich weiß nicht, wo ich entlanglaufen soll, wie ich am schnellsten nach Paradise komme.
Ich atme tief durch.
Es beginnt, denke ich. Endlich beginnt es.
Angesichts meiner Orientierungslosigkeit fange ich an zu lachen, denn jetzt erinnere ich mich, dass der Busbahnhof zwei Kilometer weiter unten an der Straße liegt. Ich habe es mir zur Gewohnheit werden lassen, alle Routen, die in eine Stadt oder aus ihr hinausführen, im Kopf zu behalten. Und ich erinnere mich genau an die Busroute, die mich aus Athens hinausbringt.
In meinem Kopf formt sich ein Plan, wie ich nach Paradise komme.
Ich drehe um und gehe langsam in Richtung Busbahnhof.