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Wochen werden zu Monaten.

An manchen Tage geben sie mir nichts zu essen. Allein mein Amulett bewahrt mich vor dem Tod durch Verhungern oder Verdursten. Was ich allerdings viel schlimmer finde, ist die ständige Dunkelheit. Sonnenlicht gibt es nicht. Manchmal verliere ich das Gefühl dafür, wo mein Körper endet und die Dunkelheit beginnt. Ich verliere das Gefühl für meine Existenz, für meine Grenzen. Ich bin eine Tintenwolke in der Nacht. Schwarz in schwarz.

Ich komme mir vergessen vor. Ich bin eingesperrt und habe keine Hoffnung auf ein Entkommen. Und da ich ihnen keine Informationen gegeben habe, die sie zu den anderen führen könnten, bin ich nutzlos geworden. Bis zu dem Tag, an dem sie die anderen in der Reihenfolge vor mir getötet haben. Bis zum Tag meiner eigenen Auslöschung.

Der Drang zum Überleben ist in meinem Innern eingeschlummert. Ich lebe nicht, weil ich es will, sondern weil ich nicht sterben kann. Manchmal wünschte ich, ich könnte es.

Nichtsdestotrotz zwinge ich mich dazu, so fit, beweglich und kampfbereit zu bleiben, wie es nur eben geht. Push-ups, Sit-ups, das Schattenspiel.

Bei Letzterem habe ich gelernt, sowohl meine eigene als auch Katarinas Rolle zu spielen. Ich gebe mir selbst Instruktionen und beschreibe mir meine eingebildeten Angreifer, bevor ich mit eigenen Befehlen reagiere.

Früher habe ich dieses Spiel geliebt, jetzt hasse ich es. Aber zu Ehren Katarinas spiele ich es weiter.

|63|Ich habe den Mogadori angelogen, weil ich gehofft hatte, dass er Katarina dann verschonen und sie am Leben lassen würde. Aber in dem Augenblick, als sein Skalpell in ihr Herz drang, wurde mir bewusst, was ich tatsächlich getan hatte: Ich hatte ihr Ende beschleunigt. Ich hatte ihm alles erzählt, was ich wusste, damit er zu einem Ende kommen würde und sie nicht länger leiden musste. Damit ich nicht länger zusehen musste, wie sie litt.

Ich rede mir ein, dass ich richtig gehandelt habe. Dass es genau das war, was Katarina gewollt hat. Sie hat solche Qualen ausgestanden.

Aber jetzt bin ich schon so lange ohne sie hier, dass ich alles geben würde, um sie noch einmal zu sehen. Auch dann, wenn sie dafür unvorstellbare Folter erleiden müsste. Ich will sie zurückhaben.

 

Seit einiger Zeit versuchen die Mogadori, die Grenzen meiner bedingten Unsterblichkeit auszutesten. Die Planung und Durchführung dieser Versuche erfordert viel Zeit. Mindestens einmal pro Woche werde ich aus meiner Zelle gezerrt und einem weiteren Vernichtungsexperiment unterworfen.

In der Woche nach Katarinas Tod wurde ich in eine kleine Kammer gebracht. Ich musste mich auf ein hartkantiges Stahlgitter stellen, das sich ungefähr einen Meter über dem Boden befand. Dann wurde die Tür hinter mir verrammelt. Nach ein paar Minuten füllte der Raum sich mit einem giftig aussehenden Gas, das von unterhalb des Gitters in grünen Wölkchen hervorströmte. Ich bedeckte den Mund mit der Hand und versuchte den Atem anzuhalten, doch das gelang mir nur für kurze Zeit. Ich gab auf und sog das Gift ein, nur um festzustellen, dass es wie die kühlste und frischeste Bergluft duftete, die ich je gerochen hatte. Die wütenden Mogs zogen mich ein paar Minuten später aus der Kammer und brachten mich in meine Zelle zurück. Auf dem Weg dorthin sah ich neben der Tür der Kammer einen Aschehaufen liegen. Der Mog, der den Knopf gedrückt hatte, um das Gas einströmen zu lassen, war an meiner |64|Stelle gestorben.

In der folgenden Woche versuchten sie, mich zu ertränken. In der Woche danach probierten sie, mich bei lebendigem Leib zu verbrennen. Aber natürlich funktionierte nichts davon. In der vergangenen Woche servierten sie mir eine Mahlzeit, die so massiv mit Arsen vergiftet war, dass ich schwören könnte, jedes einzelne Giftkörnchen geschmeckt zu haben. Das Gift war in einen Kuchen eingebacken, den sie mir in die Zelle brachten. Es gab ja gar keinen Grund, mich mit einem Dessert zu verwöhnen, deshalb begriff ich sofort, dass sie versuchten, mich zu überlisten. Sie hatten gehofft, dass der Zauber nicht funktionieren würde, wenn ich nicht wusste, dass mein Leben in Gefahr war. Aber natürlich hatte ich sie sofort unter Verdacht.

Den Kuchen habe ich trotzdem gegessen. Er war köstlich.

Als ich später dann durch den Türschlitz lauschte, erfuhr ich, dass nicht einer, sondern drei Mogadori durch den Giftanschlag ums Leben gekommen waren.

Wie viele Mogadori braucht man, um einen Kuchen zu backen?, habe ich mich später gefragt. Mit boshafter Gehässigkeit konnte ich mir die Frage dann selbst beantworten: drei.

Manchmal stelle ich mir ein glückliches Ende vor, bei dem die Mogadori – die ihr eigenes Leben offenbar nicht besonders wertschätzen – immer weiter versuchen, mich zu töten, dabei selbst sterben und dann so weitermachen, bis keiner mehr von ihnen übrig geblieben ist. Ich weiß, dass es nur eine Fantasie ist. Aber sie ist sehr schön.

 

Ich habe keine Ahnung, wie lange ich jetzt schon hier bin. Aber ich bin mittlerweile von ihren zahlreichen Exekutionsversuchen so abgehärtet, dass ich keine Angst mehr habe, wenn sie mich aus der Zelle zerren und zu einer weiteren Versuchsanordnung bringen.

Dieses Mal werde ich in einen großen, zugigen und spärlich beleuchteten Raum gesperrt, der größer ist als jeder andere, in dem ich bis jetzt gewesen bin. Ich weiß, dass ich durch eine |65|verspiegelte Scheibe oder eine Videokamera beobachtet werde und setze daher ein höhnisches Grinsen auf. Ein Grinsen, das sagen soll: Nun macht schon.

Dann höre ich es. Ein tiefes, kehliges Grunzen. So intensiv, dass ich fast spüren kann, wie es den Boden in Schwingungen versetzt. Ich wirbele herum und entdecke im hintersten Winkel des Raums einen großen Stahlkäfig. Er kommt mir bekannt vor.

Dann höre ich das hungrige Schnappen eines Kiefers, gefolgt vom Geräusch schmatzender Lippen.

Das Biest. Das Biest von unserer Reise hierher.

Jetzt habe ich Angst.

Plötzlich erscheint ein heller Blitz. Dann werde ich von zuckenden roten Lichtern angestrahlt und die Stahlgitter des Käfigs fahren nach oben.

Ohne irgendeine Verteidigungswaffe, völlig hilflos, suche ich Schutz in der entgegengesetzten Ecke des Raums. Clever, denke ich. Bis jetzt haben mich die Mogadori noch nie einer lebenden Kreatur vorgeworfen.

Das Monster kommt aus seinem Käfig. Es ist ein vierbeiniges Ungeheuer und erinnert an eine Bulldogge in der Größe eines Nashorns: Es hat seine Vorderbeine leicht gesenkt, aus seinem Maul tropft Speichel, der Unterkiefer hängt etwas herunter. Fast wie Stoßzähne ragen die Hauer des Monsters aus seinem Maul. Seine Haut ist knorrig und schimmert in einem Verwesungsgrün. Es stinkt nach Tod.

Es brüllt mich an und spuckt dabei so viel Speichel aus, dass ich befürchte, darauf auszurutschen. Dann stürzt es auf mich los.

Ich kann kaum glauben, wie mein Körper reagiert. Von der Einzelhaft bin ich steif geworden und habe seit Monaten nicht mehr richtig für den Kampf trainiert. Aber mein Instinkt setzt ein, Adrenalin schießt durch meine Adern und blitzschnell weiche ich dem Biest aus, stoße mich von den Wänden ab und ducke mich zwischen seine Beine.

Genervt fängt das Monster an zu brüllen, gerät immer mehr in Rage und rammt seinen Kopf gegen die Wand.

|66|Schon seit Jahren habe ich nicht mehr so viel Spaß gehabt, schießt es mir durch den Kopf, als es mir gelingt, dem Monster einen perfekten Roudhouse-Kick zu verpassen.

Ich lande auf dem Boden, lache angesichts meines Schachzugs in mich hinein, bin aber in eine der Speichelpfützen des Monsters geraten und verliere die Kontrolle über Arme und Beine. Ein kleiner Fehler, aber jetzt hat es mich erwischt: Das Biest hat mich zwischen seinen Zähnen.

Mein ganzer Körper wird von Wärme durchflutet. Ich bin sicher, dass mein Ende gekommen ist.

Aber der Schmerz bleibt aus. Die Kreatur stößt ein lang gezogenes Winseln aus und spuckt mich aus. Ich falle fast anderthalb Meter hinunter und lande auf meinen Knien, was weitaus schmerzhafter ist als der Biss des Monsters.

Ich drehe mich um und sehe das Monster mit offenem Maul auf dem Boden liegen. Seine Brust hebt und senkt sich schwerfällig. Der ganze Oberkörper ist von einer halbmondförmigen Spur aus tiefen Wunden übersät. Die Folgen seines eigenen Bisses.

Dann stößt es ein weiteres tiefes, klägliches Grunzen aus.

Natürlich, denke ich. Ein mogadorisches Monster ist eben auch nur mogadorisch. So wie alle anderen unterliegt es dem Zauber.

Ich versuche, die Aufmerksamkeit eines meiner Beobachter zu erregen. Es ist klar, dass das Monster trotz seiner Verletzungen weiterleben wird. Sich selbst überlassen, werden die Mogadori ihr Biest gesund pflegen, damit es irgendwann wieder zum Einsatz kommen kann.

Plötzlich erinnere ich mich an den Hasen, den ich damals in Neuschottland getötet habe. Als ich die Schritte der sich nähernden Wächter höre, weiß ich, dass ich schnell vorgehen muss.

Ein mogadorischer Wachmann stürzt in den Raum. Er schwingt ein langes Schwert und will gerade nach mir ausholen, als ihm bewusst wird, dass er sich dadurch nur selbst umbringen würde.

Ich nutze sein Zögern zu meinem Vorteil aus. Ich springe |67|hoch und verpasse ihm einen schwungvollen Tritt, wodurch sein Schwert auf den Boden knallt. Dann noch ein Tritt, um ihn unten zu halten, und schon schnappe ich mir die Waffe vom Boden.

Noch während weitere Mogadori in den Raum gelaufen kommen, gehe ich zu dem keuchenden, sich windenden Monster und stoße ihm die Klinge senkrecht in den Schädel.

Es ist sofort tot.

Die Wächter scharen sich um mich und schleifen mich aus dem Raum.

Ich bin erschöpft, aber glücklich.

Keine Gnade.