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Nach Training und Unterricht gehe ich am nächsten Tag wieder zur Apfelplantage. Trotz der heißen Sonne ist die Luft heute angenehm und trocken, nicht zu warm und nicht zu kalt. Ich laufe von einem schattigen Baum zum anderen, trete auf weiche, süß-faulig riechende Äpfel und spüre, wie sie unter meinen Füßen zu Brei werden. Ich fühle mich eigenartig glücklich und voller Hoffnung, während ich so durch die Gegend strolche.

Katarina wird uns heute Flugtickets nach Australien buchen. Sie glaubt, das Land ist als Versteck für uns so gut wie jedes andere. Ich freue mich auf die Reise.

Als ich mich gerade umdrehe, um zum Motel zurückzugehen, kommt hinter mir ein Fußball angerollt und hüpft über ein paar heruntergefallene Äpfel. Ohne nachzudenken, mache ich einen Satz nach vorn und stoppe den Ball mit einem Fuß.

»Gibst du ihn mir zurück oder was?«

Überrascht drehe ich mich um. Vom Rande der Plantage starrt mich ein hübsches Mädchen mit kastanienbraunem Pferdeschwanz an. Es trägt Fußballklamotten und lässt eine Kaugummiblase platzen.

Ich hebe den Fuß vom Ball, wirbele um ihn herum und versetze ihm einen kurzen harten Tritt in Richtung des Mädchens. Ich habe mehr Kraft als nötig eingesetzt, denn als das Mädchen den Ball mit den Händen auffängt, haut die Wucht des Aufpralls es fast um. »He, locker bleiben!«, ruft es.

»Tut mir leid«, sage ich und schäme mich sofort ein bisschen.

»Aber ’n guter Pass.« Das Mädchen mustert mich. »Verdammt guter Pass.«

|44|Wenige Augenblicke später bin ich auf dem Spielfeld. Dem Mädchenteam fehlt eine Spielerin und das Kaugummi kauende Mädchen, Tyra, hat die Trainerin irgendwie überredet, mich stattdessen spielen zu lassen.

Ich kenne die Fußballregeln nicht, werde sie aber in kürzester Zeit kapieren. Ich habe es Katarina zu verdanken, dass mein Gehirn daran gewöhnt ist, Regeln und Vorschriften schnell zu verarbeiten.

Die Trainerin, eine missmutige, kompakte Frau mit einer Trillerpfeife zwischen den Lippen, setzt mich als Verteidigerin ein und schnell entwickle ich mich zu einer wichtigen Figur auf dem Spielfeld. Die anderen Mädchen meiner Mannschaft finden bald den Anschluss und bilden in kürzester Zeit eine Mauer, die die gegnerischen Spielerinnen zwingt, auf der rechten Seite des Spielfelds an mir vorbeizustürmen.

Kein einziges Mädchen der anderen Mannschaft schafft es, ohne Ballverlust vorwärts zu kommen.

Nach kürzester Zeit bin ich schweißüberströmt. Dicke Grasbüschel kleben an meinen Waden – glücklicherweise habe ich heute lange Socken angezogen, sodass niemand meine Narben entdeckt. Angesichts der strahlenden Sonne und der aufmunternden Rufe meiner Teamkameradinnen überkommt mich ein glückliches Schwindelgefühl.

Auf der linken Seite gibt es plötzlich einen neuen Gegenangriff. Tyra nimmt den Ball einer voranstürmenden Spielerin ab, wird aber sofort von einer anderen Gegnerin verfolgt. Ich bin die einzige freie Spielerin und Tyra schafft es, mir den Ball genau zuzuspielen.

Plötzlich ist fast die gesamte gegnerische Mannschaft hinter mir her. Mein Team hetzt ihnen nach und versucht, sie von mir abzudrängen, während ich den Ball weiter in Richtung Tor treibe. Ich sehe, wie die Torfrau sich darauf vorbereitet, den Ball zu halten. Meine Gegnerinnen befreien sich aus der Blockade meiner Kameradinnen. Obwohl ich noch die Hälfte des |45|Spielfelds zu überwinden habe, weiß ich, dass es meine einzige Chance ist.

Ich schieße.

Der Ball fliegt in langem hohem Bogen und dreht sich dabei wie der Propeller eines Flugzeugs um die eigene Achse. Ich habe zu schnell und zu unüberlegt reagiert. Der Ball fällt genau auf die Torfrau zu. Ich bin sicher, dass sie ihn fangen wird.

Das tut sie tatsächlich. Aber ich habe den Ball mit einer solchen Kraft abgeschossen, dass sie der Aufprall glatt von den Füßen reißt. Der Ball springt aus ihrer Hand und landet im Netz hinter ihr.

Meine Kameradinnen jubeln und sogar unsere Gegnerinnen stimmen in die Rufe ein. Schließlich war das Ganze ein Freundschaftsspiel, sodass sie meine Fähigkeiten durchaus würdigen können, ohne sich dabei einen Zacken aus der Krone zu brechen.

Tyra klopft mir auf die Schulter. Sie scheint durchaus stolz darauf zu sein, mich aus dem Schatten der Apfelplantage heraus engagiert zu haben.

Die Trainerin nimmt mich beiseite und fragt mich, wo ich zur Schule gehe. Es ist ganz klar, dass sie mich in ihrem Team haben will.

»Ich bin nicht von hier«, murmele ich. »Tut mir leid.«

Sie zuckt mit den Schultern und gratuliert mir zu meinem Spiel.

Ich bedanke mich lächelnd und verlasse das Spielfeld.

Ich kann spüren, dass die Mädchen sich nur zu gern mit mir anfreunden möchten. Sie stehen in kleinen Grüppchen da und sehen mir nach. Ich versuche mir ein anderes Leben vorzustellen, ein Leben wie ihres. Das hätte durchaus seinen Reiz. Aber ich weiß genau, dass mein Platz an Katarinas Seite ist.

Während ich zum Motel zurücklaufe, versuche ich, mir das siegessichere Lächeln aus dem Gesicht zu wischen. Ich habe das kindische Bedürfnis, Katarina von diesem Fußballmatch zu erzählen, auch wenn sie mir verboten hat, mitzuspielen.

|46|Die Zimmertür ist unverschlossen. Noch immer habe ich dieses dämliche Grinsen im Gesicht. Ich öffne die Tür – und das Grinsen vergeht mir augenblicklich.

In unserem Motelzimmer befinden sich zehn Männer. Mogadori. Katarina ist an den Schreibtischstuhl gefesselt. Sie ist geknebelt, ihre Stirn blutet. Als sie mich sieht, füllen sich ihre Augen mit Tränen.

Ich drehe mich um und will wegrennen. Aber dann sehe ich sie. Noch mehr Männer. Einige sitzen in Autos, andere stehen lauernd auf dem Parkplatz herum. Es müssen insgesamt an die dreißig Mogadori sein.

Wir sind in die Falle getappt.