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Ich reagiere, ohne nachzudenken, und stoße ihn vor die Tür. Aber er stürzt sofort wieder auf mich los und drängt mich zum Bett. Als ich mir an die Brust fasse, wird mir plötzlich mit Schrecken klar, dass mein Amulett aus dem Kragen meines T-Shirts hervorlugt und bestens sichtbar ist.

»Hübsches Halsband«, knurrt er, als er es erkennt. Wenn er jemals Zweifel an meiner Identität hatte, dann sind sie spätestens jetzt zerstreut.

Katarina greift ihn an, doch er versetzt ihr einen harten Schlag. Sie kracht gegen den Fernseher, zerschmettert mit ihrem nackten Ellbogen den Bildschirm und fällt hin.

Dann zieht der Mann irgendetwas aus seinem Gürtel heraus – eine lange dünne Klinge. Er reißt sie so schnell nach oben, dass ich nicht einmal die Zeit habe, aufzustehen. Ich nehme nur kurz das Aufblitzen der Klinge wahr, als er sie wieder nach unten stößt. Er hält sie ganz gerade, so als wolle er einen Gleisnagel einschlagen. Dann rammt er sie mir in mein Gehirn.

Mein Kopf wird augenblicklich von Licht und Wärme überschwemmt. So fühlt sich also der Tod an, denke ich. Aber nein, der Schmerz bleibt aus.

Ich schaue auf. Wie kommt es, dass ich sehen kann? Ich bin tot. Aber meine Augen funktionieren und ich stelle fest, dass ich von Kopf bis Fuß von warmem rotem Blut bedeckt bin.

Der Mann mit dem schiefen Schnauzbart hat noch immer seinen Arm ausgestreckt. Sein Mund ist in einem siegesgewissen Ausdruck erstarrt. Doch sein Schädel ist wie mit einer Axt gespalten und sein Blut spritzt auf meine Beine.

|29|Ich höre Katarina aufheulen. Es hört sich wie eine Art Urschrei an und ich weiß nicht, ob sie ihn aus Angst oder aus Erleichterung ausgestoßen hat.

Der Mann, dessen Blutstrom mittlerweile versiegt ist, zerfällt vor unseren Augen zu einem Haufen Asche.

Bevor ich auch nur Luft holen kann, ist Katarina wieder auf den Beinen, reißt sich den Bademantel herunter, zieht sich ein paar Sachen über und schnappt sich unser Gepäck.

»Er ist gestorben«, sage ich. »Im Gegensatz zu mir.«

»Ja«, sagt Katarina. Die weiße Bluse, die sie angezogen hat, ist durch das Blut von ihrem verletzten Ellbogen sofort ruiniert. Sie reißt sich die Bluse herunter, tupft das Blut mit einem Handtuch ab und zieht ein T-Shirt an.

Ich komme mir wie ein kleines Kind vor: unbeweglich und sprachlos stehe ich blutverschmiert da.

Das war er also – der Moment, für den ich fast mein ganzes Leben lang trainiert habe. Doch alles, was mir gelungen ist, war ein halbherziger und leicht abzuwehrender Stoß, bevor ich an die Seite gedrängt und aufgespießt wurde.

»Er wusste es nicht«, sage ich.

»Er wusste es nicht«, wiederholt Katarina.

Jeder gegen mich gerichtete Angriff fällt augenblicklich auf den Angreifer zurück, solange ich noch nicht an erster Stelle in der Reihenfolge der lorienischen Gardisten stehe. Ich war also vor einem direkten Angriff geschützt. Zwar wusste ich das, aber richtig klar war es mir bisher nicht. Als er die Klinge in meinen Kopf stieß, dachte ich, ich sei tot. Ich musste erst sehen, was geschah, um es auch zu begreifen.

Ich berühre meinen Kopf. Er ist völlig unverletzt. Nicht mal eine Schramme ist zu spüren.

Das ist der Beweis. Wir sind durch den Zauber geschützt. Solange wir nicht zusammen sind, können wir nicht außerhalb der Reihenfolge unserer Nummern getötet werden.

Als ich an mir hinunterschaue, sehe ich, dass sich auch sein Blut mittlerweile in Staub verwandelt hat.

|30|»Wir müssen gehen.« Katarina hat mir meinen Kasten in die Hand gedrückt und steht dicht vor mir. Mir wird klar, dass ich eben völlig weggetreten war und mich an einem Ort irgendwo tief in meinem Bewusstsein befunden habe. Mir dröhnt der Schädel und langsam begreife ich, dass Katarina zum wiederholten Mal etwas zu mir sagt, ohne dass ich es bis jetzt gehört habe.

»Sofort«, sagt sie.

 

Katarina hat sich ihre Tasche über die Schulter geworfen und zerrt mich am Handgelenk nach draußen. Während wir auf unseren Wagen zulaufen, brennt der heiße Asphalt des Parkplatzes unter meinen nackten Füßen. Der Kasten fühlt sich in meinen Armen bleischwer an.

Das ganze Leben habe ich mich auf den Kampf vorbereitet. Doch jetzt, da es so weit gekommen ist, möchte ich eigentlich nur noch schlafen. Meine Füße schleppen sich mühsam voran, meine Arme schmerzen.

»Schneller!« Katarina zieht mich weiter. Der Wagen ist nicht abgeschlossen. Ich lasse mich auf den Beifahrersitz fallen, während Katarina unser Gepäck in den Kofferraum wirft und sich danach ans Steuer setzt.

Noch bevor sie die Tür zugezogen hat, stürzt ein Mann auf uns zu.

Einen Augenblick glaube ich, dass es der Hotelmanager ist, der uns nachläuft, weil wir unsere Rechnung noch nicht bezahlt haben. Doch dann erkenne ich in ihm den Cowboy wieder, der mir vorhin so höflich zugenickt hat. Allerdings hat er jetzt gar nichts Höfliches mehr an sich. Er kommt mit erhobenen Fäusten auf uns zu.

Seine Hand zerschmettert die Scheibe der Beifahrertür. Ich bin über und über mit Scherben bedeckt. Seine Finger krallen sich am Kragen meines Hemds fest und plötzlich werde ich von meinem Sitz hochgezerrt.

Katarina schreit.

»Hey!«, dröhnt eine Stimme von draußen.

|31|Meine Hände zittern und suchen verzweifelt nach irgendeinem Halt. Ich bekomme meinen noch unverschlossenen Sicherheitsgurt zu fassen, der jedoch nachgibt, als mich der Mogadori aus dem Wagen zieht. Katarina versucht, mich am Rückenteil meines T-Shirts festzuhalten.

»Das würde ich mir zweimal überlegen!«, höre ich einen Mann brüllen.

Eine Sekunde später bin ich wieder frei und falle auf den Sitz zurück. Ich bin völlig außer Atem, mein Kopf dreht sich.

Draußen vor unserem Wagen hat sich eine Menschenmenge angesammelt: Lastwagenfahrer, Cowboys und andere ganz normale amerikanische Männer. Sie haben den Mogadori eingekreist. Einer von ihnen hat seine Waffe auf ihn gerichtet. Mit einem bitteren, ironischen Grinsen hebt der Mog die Hände und ergibt sich.

»Die Autoschlüssel!« Katarina klingt panisch. Sie ist den Tränen nahe. »Ich hab sie im Zimmer vergessen.«

Ich denke nicht nach, laufe einfach nur los. Ich habe keine Ahnung, wie lange der Mog von der Menge da draußen – unseren Rettern – in Schach gehalten werden kann, aber es ist mir auch egal. Ich stürze in das Motelzimmer, schnappe mir die Schlüssel vom Nachttisch und rase zurück zu dem in der Sonne brütend heißen Parkplatz.

Der von den anderen Männern umringte Mogadori ist mittlerweile auf die Knie gesunken.

»Miss, wir haben die Polizei gerufen«, sagt einer.

Ich nicke, bin aber viel zu aufgeregt, um mich zu bedanken. Es ist gleichermaßen erstaunlich wie fantastisch, dass keiner dieser Männer uns kennt, sie aber trotzdem zu unserer Rettung herbeigeeilt sind. Dennoch ist es erschreckend zu wissen, dass die Männer keine Ahnung von der wahren Macht dieses Mogadori haben. Denn wenn man ihm nicht eingeschärft hätte, sich möglichst unauffällig zu verhalten, hätte er mittlerweile jedem von ihnen die Haut abgezogen.

Ich springe in den Wagen und gebe Katarina die Schlüssel.

|32|Eine Sekunde später rollen wir vom Parkplatz. Ich drehe mich um und blicke den Mogadori direkt an. Seine Augen sind von einer Art reptilienartigem Hass erfüllt.

Er winkt mir zu, während wir schnell davonfahren.