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Heute

 

 
 

  Es war wirklich dumm gewesen, ihn damals anzugreifen, und es ist mindestens genauso dumm, ihn jetzt zu ködern. Aber ich weigere mich, zurückzutreten und Aubrey König sein zu lassen, ohne ihn jemals herausgefordert zu haben.

  Ich kann seine Aura in meinem Zimmer deutlich spüren, aber ich kann ihn nicht sehen, und er sagt auch nichts.

  ›Wo bist du, Aubrey?‹ frage ich im Geiste. ›Warum versteckst du dich vor mir?‹ Seine lachende, spottende Stimme klingt in meinem Kopf, eine Stimme, die ich mit ganzem Verstand, mit ganzer Kraft, mit ganzer Seele zu hassen gelernt habe.

 

  Er sagt nur vier Worte, nicht einmal einen Satz.

  Eine Zeile aus einem Gedicht.

  Tiger! Tiger! Brand, entfacht.

 

  Ich gebe den wortlosen Schrei eines Adlers von mir, den Jagdschrei des herabstürzenden Falken, den wütenden Schrei eines gefangenen Tieres, und ich höre Aubrey in meinem Geist lachen. Ich weiß jetzt, wo er neulich war, als ich in seinem Revier gejagt habe.

  Noch während er lacht, verwandle ich mich in einen goldenen Falken, der von diesem Zimmer und der bestialischen Wut in den Käfig des Tigers im Zoo fliegt. Das Schild Panthern Tigris Tigris ist heruntergefallen, und sein Holzpfosten ist wie ein Zweig durchgebrochen worden. Die Metallstäbe des Tigerkäfigs sind verbogen. Der Wärter liegt bleich und reglos auf dem Boden.

  Der Wärter und das Schild sind mir egal, mir geht es nur um Tora, die einzige Kreatur, die ich seit Alexanders Tod geliebt habe. Tora, die mit gefesselten Pranken auf der Seite liegt und in deren Herz ein Messer steckt. Sie wurde einst frei geboren und verdiente es, auch so zu leben. Statt dessen lebte sie in einem Käfig und wurde getötet, als sie gefesselt und hilflos war. Das gibt mir mehr als alles andere das Gefühl, als hätte man das Messer in mein eigenes Herz gestoßen.

  Ich kehre in meinen eigenen Körper zurück und ziehe das Messer aus dem Tiger, während ich einen weiteren stummen Schrei aus Wut und Trauer ausstoße. Ich zerre die Stricke von ihren Pfoten und weine um jedes goldene Haar, das sich aus ihrem Fell gelöst hat, und um jedes schwarze Haar, das seinen Glanz für immer verloren hat. Ich weine, weine, wie ich nicht einmal geweint habe, als ich meinen Bruder und mein Leben verloren habe. Ich weine, bis meine Gedanken schwarz werden und meine Tränen austrocknen.

  Liebe ist mit Ausnahme von Haß das stärkste Gefühl, das ein Lebewesen empfinden kann, aber Haß kann einen nicht verletzen. Liebe und Vertrauen und Freundschaft und all die anderen Gefühle, die die Menschen so sehr schätzen, sind die einzigen Gefühle, die wirklich weh tun können. Nur Liebe kann ein Herz in kleine Stücke zerbrechen.

  Der größte Schmerz, den ich je gefühlt hatte, war in Liebe begründet. Ich hatte Alexander geliebt, und jede Verletzung, die ihm zugefügt wurde, schien ihr Echo in mir zu finden. Sein Tod riß mir das Herz heraus und blutete es aus, und jetzt hat Aubrey meine Liebe zu Tora benutzt, um die Klinge noch tiefer hineinzustoßen.

  Ich habe im Laufe der Zeit gelernt, daß die stärksten meiner Art deshalb all diese Gefühle auf große Distanz halten: Es sind Schwächen. Und wenn man eine Schwäche hat, kann man wie jede andere Beute getötet werden.

  Kurz vor Morgengrauen hebe ich den Kopf; meine langen goldenen Haare verweben sich mit Toras Fell. Ohne darüber nachzudenken, füge ich ihre schwarzen Strähnen zu meinem eigenen tigergoldenen Haar.

  »Sieh nur, meine Schöne«, flüstere ich. »Ich habe deine Streifen gestohlen. Ich trage sie, damit deine Schönheit nicht in Vergessenheit gerät. Mein Tiger, meine Tora, meine Schöne – ich werde nicht zulassen, daß dieses Verbrechen ungesühnt bleibt.« Meine Augen sind trocken, aber sie funkeln vor Wut und Entschlossenheit.

  »Ich werde dafür sorgen, daß er endgültig stirbt, bevor er noch jemanden töten kann, den ich liebe.«

  Ich bin auf mein Inneres konzentriert, auf Tora, und höre nicht, daß jemand sich nähert. Ich spüre jedoch einen Luftzug auf meinen Haaren und die Aura eines Besuchers. Ich fahre hoch, aber ich sehe niemanden. Wer immer es war, ist wieder verschwunden, ohne mehr als ein Stück Papier neben meiner Hand zu hinterlassen. Ich hebe das Papier auf, weil meine Augen auf den Namen fallen, der in schwarzer Tinte wie eine Überschrift auf dem Zettel steht: Rachel. Ich kann die Worte darunter nicht lesen, weil Wasser darauf gefallen und die Tinte verlaufen ist. Nein, kein Wasser, denke ich, als mir auffällt, wie stark die Aura um sie herum ist Tränen.

  Ich starre einen Augenblick auf den Namen, dann zerknülle ich das Papier in meiner Hand, ich bebe vor Wut auf die Kreatur, die es wagt, mich derart zu verspotten. Ich kann die Aura auf dem Brief nicht erkennen, ich weiß nicht, wer ihn geschickt hat.

  »Rachel ist tot«, sage ich laut. »Ich bin nicht Rachel – sie ist vor dreihundert Jahren gestorben.«

  Die Tränenspuren auf dem Papier – von wem stammen sie wohl? Welcher Mensch erfuhr Rachels Geschichte und war so gerührt davon, daß er mir das hier geschickt hat? Oder ist der Brief nur ein kranker Scherz von Aubrey, ein weiterer Versuch, in mein Herz zu schneiden?

  »Ich will deine Spiele nicht!« rufe ich. Wenn derjenige, der diesen Brief hier hinterlassen hat, noch in der Nähe ist, soll er sich mir stellen.

  Niemand antwortet.