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Heute
Als ich den Zoo verlasse, der schon seit Stunden geschlossen ist, gebe ich meine menschliche Gestalt für die eines Falken auf. Der Nachtwächter ist ziemlich plötzlich eingeschlafen, so wie viele Menschen, die mich erblicken, daher gibt es keine Zeugen für mein Verschwinden.
Ich könnte mich kraft meiner Gedanken auf der Stelle nach Hause bringen, aber ich fliege so gern. Von allen Tieren sind die Vögel vielleicht die freiesten – sie können sich durch die Lüfte schwingen, und fast nichts kann ihren Flug aufhalten.
Ich lande nur einmal, um zu trinken, und komme dann kurz vor Sonnenaufgang in meinem Haus in Massachusetts an.
Während ich wieder meine menschliche Gestalt annehme, werfe ich einen Blick auf mein verschwommenes Bild im Schlafzimmerspiegel. Meine Haare sind lang und golden. Meine Augen wurden schwarz, als ich starb, das ist bei allen von uns so. Meine Haut ist blaß wie Eis, und in dem Spiegel sieht sie eher wie Nebel aus. Heute habe ich ein schwarzes T-Shirt und schwarze Jeans an. Ich trage nicht immer Schwarz, aber heute morgen entsprach es meiner Stimmung.
Ich fühle mich nicht wohl in diesen neuen,
eilig hochgezogenen Städten, die die Menschen so gerne aus Gips und
Farbe zusammenstoppeln, deshalb lebe ich in Concord, Massachusetts,
einer Stadt mit Geschichte. Concord hat eine eigene Aura eine, die
besagt »dieses Land gehört uns, und wir werden dafür kämpfen, daß
es auch so bleibt«. Die Bewohner von Concord haben alles so
belassen, wie es vor langer Zeit war, wenn auch die Pferdekutschen
im Laufe der Zeit durch Autos ersetzt worden sind. Ich lebe allein
in einem der alten Häuser, die noch genauso aussehen wie damals.
Über die Jahre war ich die verloren geglaubte Tochter von diversen
alten, wohlhabenden Ehepaaren. Dadurch habe ich auch das Haus
geerbt, in dem ich jetzt wohne. Obwohl ich, soweit ich weiß, keine
lebenden Verwandten mehr habe, ist es nicht schwer, die
menschlichen Gedanken – und den dazugehörigen Papierkram – zu
beeinflussen. Wenn die Sterblichen zu viele Fragen stellen, kann
ich problemlos an einen anderen Ort ziehen. Da ich auch niemals
Freundschaften schließe, egal wie lange ich an einem Ort lebe,
fallen meine Existenz und mein Verschwinden meist kaum auf. Mein
Haus liegt fast im Zentrum; aus den vorderen Fenstern hat man einen
Blick auf die Unitarierkirche, und aus den hinteren Fenstern sieht
man einen Friedhof. Nichts von beidem stört mich in irgendeiner
Weise. Natürlich gibt es hier Geister, aber abgesehen von einem
leichten Schrecken oder einem kurzen Schaudern manchmal sind sie
völlig harmlos. Normalerweise sind sie zu blaß, als daß man sie im
Tageslicht sehen könnte. Nein, in meinem Haus steht kein Sarg, ich
schlafe wie alle anderen in einem ganz normalen Bett, danke der
Nachfrage. Ich habe zwar schwere schwarze Vorhänge, aber nur
deshalb, weil ich oft tagsüber schlafe. Ich verbrenne nicht in der
Sonne, obwohl das helle Mittagslicht meine Augen brennen läßt. Der
Vampirmythos ist so verworren, daß ihn ganz offensichtlich nur die
Sterblichen erfunden haben können. Manche Einzelheiten sind
allerdings wahr: Mein Spiegelbild ist ziemlich blaß, und einige
meiner Vorfahren hatten gar kein Spiegelbild. Was die anderen
Mythen angeht, so finden sich darin nur wenig Wahrheit und viele
Lügen. Ich mag den Geruch von Knoblauch tatsächlich nicht, aber
wenn eure Nase zwanzigmal besser wäre als die eines
durchschnittlichen Bluthundes, würde es euch dann nicht ähnlich
gehen? Weihwasser und Kreuze machen mir nichts aus – ich bin sogar
seit meinem Tod mehrere Male zur Messe gegangen, obwohl ich in der
Religion schon lange keinen Trost mehr suche. Ich trage einen
Silberring mit einem Granaten, und das Silber verbrennt mich nicht.
Wenn jemand einen Pfahl durch mein Herz triebe, würde ich
vermutlich sterben, aber ich spiele weder mit Menschen noch mit
Pfählen oder Hämmern. Da ich gerade über meine Spezies spreche,
kann ich genausogut etwas über mich erzählen. Ich wurde als Rachel
Weatere im Jahre 1684 geboren, also vor mehr als dreihundert
Jahren. Diejenige, die mich verwandelte, gab mir den Namen Risika,
und so wurde ich Risika, obwohl ich mich nie frage, was es
bedeutet. Ich nenne mich immer noch Risika, auch wenn ich gegen
meinen Willen in das verwandelt wurde, was ich bin. Meine Gedanken
wandern zurück über die Straße der Erinnerung und suchen nach der
Zeit, in der Rachel noch lebte und Risika noch nicht geboren
war.