32. Kapitel

17. Februar 2010

New Orleans

13.45 Uhr

Nachdem sie in Houma gelandet waren, fuhren die drei zusammen mit dem mittlerweile wieder bewusstlosen Mädchen in Ondragons Mustang nach New Orleans zum Haus der Madame in der Ursulines Avenue, das sie abseits ihres Voodoo-Ladens bewohnte. Sie hatte es den beiden Männern freundlicherweise als Quartier für die nächsten Tage angeboten.

Ondragon parkte den Wagen auf der Straße vor dem Haus. Es war Aschermittwoch und so totenstill im French Quarter, als hätte eine Hurrikan-Warnung die Anwohner dazu veranlasst, es fluchtartig zu verlassen. Fehlten nur noch die vernagelten Fenster und Türen.

Bestens, dachte Ondragon, sie hatten den Karneval optimal verpasst. Zum Glück waren auch die Reinigungskarawanen längst durch die Gassen gefahren und hatten die Müllberge vom Fat Tuesday beseitigt. Er stieg aus und sah sich aufmerksam in der geisterhaft leeren Straße um, während Rod die kleine Christine aus dem Wagen hob und sie schnell durch ein Eisentor in einen dicht bewachsenen Innenhof brachte. Am rückwärtigen Ende des schmalen Gartens stiegen sie zu der Veranda eines zweistöckigen Hauses hinauf, das in weiß und altrosa gestrichen war. Hohe Fenster mit hellgrünen Läden und weiße Säulen schmückten die Fassade. Die Madame zückte einen altmodischen Schlüssel und öffnete die zweiflügelige, verzierte Tür, die Einlass in eine große, dämmrige Eingangshalle gab.

„Wow!“, rief Rod aus. „Das ist aber mal eine feudale Hütte.“ Er bestaunte die Freitreppe, die sich vom Salon aus auf eine Galerie hinaufschwang. Möbel aus dunklem Holz flankierten die Wände mit Tapeten aus der französischen Kolonialzeit, und kunstvoll gearbeitete Türen mit eingesetzten Glasfenstern führten in die drei Räume des Untergeschosses. Auf dem Boden lagen dicke orientalische Teppiche, welche die Schritte dämpften. Alles wirkte, als sei die Zeit stehengeblieben. Und nichts wies darauf hin, dass eine Voodoo-Priesterin dieses Haus im großartigen American-Townhouse-Stil bewohnte.

„Ich habe definitiv den falschen Job!“, scherzte Rod und pfiff durch die Zähne, als er den ausladenden Kristallleuchter über sich an der Decke erblickte. Der Lüster war nicht eingeschaltet, aber seine geschliffenen Kristallprismen glitzerten trotzdem im Licht, das durch die offenen Türen des Obergeschosses fiel.

Wahrlich ein prachtvolles Domizil, dachte Ondragon, nachdem er seinen Blick über die Einrichtung hatte schweifen lassen.

„Ihre Zimmer sind oben“, sagte die Madame und schritt, einer kreolischen Königin gleich, die Freitreppe empor. Sie hatte sich im Flugzeug ebenfalls frisch gemacht und trug nun wieder ein elegantes Outfit à la Sex in the City.

Am ersten Zimmer wies sie auf das antike Bett und sagte: „Rod, seien Sie so lieb und bringen Sie das Mädchen dort hinein. Ich werde mich gleich um sie kümmern. Ich kenne einen guten Arzt, der keine Fragen stellt.“

Rod tat, wie ihm geheißen, und legte Christine auf die weichen Decken. Danach führte die Madame die beiden Männer zu ihren Zimmern. „Das Bad befindet sich gegenüber der Treppe, Sie finden dort alles, was Sie brauchen, Messieurs. Zu essen bekommen Sie unten in der Küche. Um vier Uhr nachmittags kommt meine Haushälterin Camille und bereitet Ihnen etwas zu. Falls Sie noch etwas benötigen, teilen Sie es bitte Camille mit. Ich ziehe mich jetzt zurück und versorge die Kleine.“

„Danke, Mari-Jeanne“, sagte Rod artig. „Wir sehen uns später.“

À bientôt“, entgegnete die Madame mit einem Lächeln und verließ die Galerie.

„Nicht schlecht, was?“, meinte Rod, als sie alleine waren und wies auf die offenen Zimmertüren.

Ondragon zuckte mit den Schultern. Ihm war aufgefallen, dass die Madame wieder in ihren frankophonen Modus umgeschaltet hatte. Vielleicht hing das ja mit dieser Stadt zusammen und nicht mit ihm, dachte er und prüfte den Blick aus dem Fenster. Zu sehen war nur die fensterlose Backsteinwand des Nachbargebäudes und ein schmaler Weg, der zwischen den Häusern hindurchführte. Fluchtweg: sechs minus. Aber was soll’s. Im Haus einer Voodoo-Queen sollte man sich vor dem Eindringen übel gesonnener Geister schließlich sicher fühlen können.

„Ich glaube, wir halten erstmal ein kleines Nickerchen ab, bevor wir uns Gedanken darüber machen, wie es weitergeht. Ich bin ganz schön geschafft.“

„Okay.“ Rod gähnte und streckte die Arme über den Kopf. „Weck mich in einer Stunde, ja?“

Ondragon sah auf die Uhr. „In Ordnung“, sagte er, schloss die Tür und zückte sein frisch aufgeladenes Handy. Bevor er sich hinlegte, musste er unbedingt Charlize informieren.

Seine Assistentin hob nach dem zweiten Klingeln ab.

„Chef?“

„Hey Charlize, wir sind jetzt wieder in New Orleans, im Haus von Madame Tombeau.“

„Oh, das ist wunderschön, nicht wahr?“

„Woher weißt du das?“, fragte Ondragon verdutzt.

„Sie hatte mich zu sich eingeladen, als du verschwunden warst, im Sumpf.“

„Ah, verstehe. Nun, es ist tatsächlich ganz nett. Charlize, ich rufe an, weil es wichtige Neuigkeiten gibt! Das Labor in der Mine war sehr aufschlussreich.“ Er berichtete von den Ergebnissen der abgeschlossenen Operation.

Kuso, diese Schweine!“, erwiderte Charlize, nachdem er geendet hatte. „Menschenversuche, das hätte ich nicht gedacht.“

„Ich auch nicht. Aber Darwin Inc. arbeitet offensichtlich mit allen schmutzigen Tricks und geht, wenn es sein muss, auch knallhart über Leichen.“

„Du glaubst also auch, dass sie die Mailmen beseitigt haben?“, fragte Charlize.

„Ja. Deshalb sei bitte vorsichtig, es scheint, als würde Darwin Inc. alle Elemente beseitigen, die eine Gefahr für sie darstellen könnten.“

„Da wir gerade davon sprechen, Paul-san. Seit gestern sind einige Typen hinter mir her. Sie haben mich aber noch nicht bedroht, sie beschatten mich nur. Allerdings sehr auffällig, als ob sie mich warnen wollen. Sie stehen in einem Auto vor der Tür meines Hotels und warten. Ich habe so getan, als hätte ich sie noch nicht bemerkt, was gar nicht so einfach war.“

„Okay, am besten, du wechselt noch heute das Hotel. Und benutze dafür deinen Decknamen.“

„Chef, den benutze ich doch sowieso schon.“

„Und hast du eine Verkleidung?“

Hai, die Rechtsanwalts-Schnüfflerin. Unauffällige, aber praktische Kleidung, etwas füllig, Brille und dunkle Augenringe. Detektivarbeit macht schließlich dick und müde.“

„Perfekt. Wenn du im neuen Hotel bist, verhältst du dich erstmal ruhig. Unternimm keine Nachforschungen mehr, bleib in deinem Zimmer und guck fern oder so, bis ich dir Bescheid gebe. Es ist zu gefährlich, diese Kerle zu provozieren. Die haben drei Mailmen und einen Springer von DeForce auf dem Gewissen. Und das waren keine Anfänger, die sich einfach so hätten überrumpeln lassen!“

„Schon klar, Chef. Ich passe auf.“ Charlize klang genervt, so als hätte er sie in ihrer Profi-Ehre beleidigt. „Und, was habt ihr in New Orleans als nächstes vor?“

„Wir werden uns einen Plan zurechtlegen, wie wir die Schweine, die Rods Mailmen getötet haben, drankriegen. Das Material aus dem Labor wird uns dabei eine Hilfe sein. Aber der Plan muss verdammt gut sein, denn mit einem Konzern wie diesem legt man sich nicht unvorbereitet an! Mit plumper Erpressung kommt man bei denen nicht weit, da braucht es eine ausgeklügelte List. Halte dich bereit. Wenn es so weit ist, kommen wir womöglich nach Portland. Aber bis dahin hältst du die Füße still, versprichst du mir das?“

Am anderen Ende stieß Charlize einen theatralischen Seufzer aus. Das tat sie immer dann, wenn sie etwas versprechen musste, von dem er wusste, dass es ihr schwerfallen würde, es einzuhalten. „Na gut, versprochen!“, klagte sie mit erwartungsgemäßer Niedergeschlagenheit. „Aber ich werde mich zu Tode langweilen!“

Ondragon lächelte. „Ich hoffe nicht!“, sagte er, verabschiedete sich und steckte das Handy in seine Tasche. Dann warf er sich ausgestreckt auf das große Bett mit dem schmiedeeisernen Gestell, und kaum hatte sein Kopf das wundervoll weiche Kissen berührt, war er auch schon eingeschlafen.

Die Weckfunktion seines Handys ließ ihn wach werden. Es war 16.30 Uhr. Mit steifem Rücken setzte Ondragon sich auf und betastete sein Jochbein. Es tat immer noch höllisch weh. Vielleicht würde er irgendwo in diesem Haus eine Schmerztablette finden. Aber zuerst wollte er noch ein paar Anrufe erledigen. Er zog erneut das Handy aus der Tasche und wählte eine Nummer in Los Angeles.

„Ja?“

„Strangelove, schön, dass ich dich erreiche. Hast du mittlerweile Ergebnisse von der Analyse des Pulvers aus den Briefumschlägen?“

„Ah, ja. Warten Sie, Mr. Ondragon.“ Er raschelte am anderen Ende, wahrscheinlich, weil der junge Chemiker sich das Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt hatte und nach den Unterlagen suchte. „Da hab ich’s. War im Übrigen gar nicht so einfach. Aber Ihr Hinweis auf Toxine war recht hilfreich. So habe ich nicht allzu lange im Dunkeln tappen müssen. Das Zeug ist übrigens höllisch gefährlich. Es wirkt hauptsächlich über Hautkontakt, aber auch über die Schleimhäute und die Lunge, wenn man genug davon einatmet. Schneller geht’s allerdings über einen kleinen Ritzer im Finger, zack, und man hat ein Date mit dem Gevatter.“

„Und was war jetzt drin?“

„Ein Bestandteil waren Glassplitter. Genauer gesagt, Spiegelsplitter, feingemahlen.“

„Spiegelsplitter?“

„Ja, ich habe Silberpartikel von der Beschichtung entdeckt. Die Splitter dienen vermutlich dazu, die Aufnahme des Giftgemisches über die Haut zu erleichtern, denn das Glas reizt oder verletzt die Haut. Die Ingredienz, die quantitativ am höchsten in dem Pulver vorhanden war, ist übrigens Tetrodotoxin, das Gift des Kugelfisches. Ein Nervengift, das 500mal wirksamer ist als Zyanid.“

„Das kenne ich. In Japan isst man den Kugelfisch roh als Sashimi. Man nennt ihn Fugu. Der reinste Nervenkitzel, das zu essen, im wahrsten Sinne des Wortes! Jedes Jahr gibt es über hundert Todesfälle wegen Fugu.“ Und es war eine Kunst, ihn zuzubereiten, dachte Ondragon. Nicht immer ging das gut. Manche Gourmets wollten die Grenze der Genießbarkeit immer weiter hochsetzen und immer mehr Gift zu sich nehmen. Das war dann ungefähr so wie Russisch Roulette. War das Quantum Gift zu hoch, das man verzehrt hatte, stellte sich nach relativ kurzer Zeit eine Gefühlstaubheit in den Extremitäten ein, die sich schnell auf den ganzen Körper ausdehnte. Dazu kamen Atembeschwerden, die bis zum Atemstillstand führten. Man war komplett gelähmt und erstickte ganz einfach.

„Ich habe das Zeug mal probiert“, sagte er daraufhin. „Damals war ich achtzehn und auf der Suche nah dem letzten Thrill. In Japan heißt es: ‚Wer Fugu isst, ist dumm. Wer aber keinen Fugu isst, ist auch dumm.’ Zum Glück war ich an einen guten Fugu-Koch geraten. Bei mir hat lediglich die Zunge gekribbelt, und meine Nasenspitze, Lippen und Finger sind taub geworden. Danach habe ich das Zeug nicht mehr angerührt.“

„Alle Achtung! Und ich dachte immer, ich wäre verrückt. Aber ich hätte mich das nicht getraut. Mit dem Zeug ist nämlich nicht zu spaßen. Es gibt Berichte von Leuten, die eine Fugu-Vergiftung hatten und am ganzen Körper gelähmt waren. Ihr Herzschlag und ihr Atem waren so schwach, dass sie für tot erklärt wurden. Nur leider waren diese Personen noch bei vollem Bewusstsein, und sie haben mitbekommen, wie ihre Angehörigen um sie getrauert haben. Einige haben sogar schon im Sarg gelegen, bevor sie sich wieder verständlich machen konnten. Und keiner weiß, wie hoch die Dunkelziffer von denjenigen ist, die tatsächlich lebendig begraben worden sind.“

Tetrodotoxin, dachte Ondragon, gelähmt bei vollem Bewusstsein – eindeutig die Vorstufe zur Zombiekarriere. Das wäre schon mal eine Erklärung für den Scheintot von Bolič und Stern. „Und, was hast du noch gefunden?“, fragte er den Chemiker.

„Bufotenin, ein halluzinogenes Tryptamin-Alkaloid. Wirkt ähnlich wie das Halluzinogen der Magic Mushrooms. Man bekommt optische Wahnvorstellungen und Verwirrungszustände. Bufotenin befindet sich im Hautsekret der Aga-Kröte, Bufo marinus, die auf dem amerikanischen Kontinent und den Antillen beheimatet ist. Desweiteren habe ich noch Spuren von Serotonin, Histamin und Acetylcholin gefunden. Alles Neurotransmitter.“

„Welche vermutlich die Aufnahme beziehungsweise die Weiterleitung der Toxine im Körper beschleunigen sollen.“

„Könnte man so sagen.“

„Sonst noch etwas?“

„Jede Menge organisches Material von Pflanzen oder Tieren. Das zu entschlüsseln, würde jedoch Wochen dauern“, sagte Strangelove entschuldigend.

„Hm, okay.“ Ondragon dachte nach. „Und was hältst du als Wissenschaftler von diesem Pulver?“

„Tja, wenn es sich so verhält, wie ich denke, dann wurden diese Zutaten bewusst zusammengemischt, um einen bestimmten Zweck zu erfüllen. Welchen, das kann ich nur mutmaßen. Zu Beginn, als Sie mir die Probe schickten, sagten Sie, es sei Zombiegift, und haben herzlich darüber gelacht. Nun, das hat mich neugierig gemacht. Ich habe mich mal durch die Informationen gewühlt, welche die Fachliteratur darüber bereithält, und herausgefunden …“

„Es gibt erstzunehmende Fachliteratur über Zombiegift?“

„Aber ja. Anfang der Siebziger hat sich ein amerikanischer Ethnobotaniker namens Wade Davis damit beschäftigt und ein Buch darüber verfasst, das ganz plausibel beschreibt, was es mit dem Zombiephänomen auf sich hat und natürlich auch mit den dafür notwendigen Giften. Ich kann es kurz für Sie zusammenfassen, wenn es Sie interessiert.“

Natürlich interessierte es ihn. Brennend sogar. „Nur zu“, sagte Ondragon, ohne sich seine Ungeduld anmerken zu lassen. Endlich gab es eine rationale Erklärung für diesen mystischen Hokuspokus! Endlich kam Licht in das Geheimnis um die wandelnden Toten!

„Also gut“, sprach Strangelove weiter, „in seinem Buch The Serpent and the Rainbow beschreibt Wade Davis, dass das Zombiegift in Haiti dazu dient, Menschen in einen scheintoten, komaähnlichen Zustand zu versetzen, jedoch bei vollem Bewusstsein. Das ist Teil einer Strafe, die dem Opfer auferlegt wurde, denn zombiefiziert werden vorwiegend Männer und Frauen, die in ihrer Dorfgemeinschaft gegen die sieben Gebote verstoßen haben, die so ähnlich sind wie die christlichen Zehn Gebote. Verurteilt wird das Opfer von der Geheimgesellschaft, die es in jedem Dorf gibt, den Shanpwel.“

Ah, Moment, dachte Ondragon. Das hatte er schon mal aus dem Mund der Madame vernommen. Sie hatte Rod erzählt, dass sie ein Mitglied dieser Shanpwel sei. Sie hatte also die Macht, Menschen zu verurteilen und sie zu Zombies zu machen.

Strangelove erzählte weiter: „Der Vorgang der Zombiefizierung läuft beinahe streng rituell ab. Das Opfer bekommt vorweg eine Warnung, damit es schon mal in Angst und Schrecken gerät. Dann wird ihm das Gift angetragen, zumeist als Pulver, das es durch die Haut aufnimmt. Dazu wird es auf seine Türschwelle gestreut. Die Glassplitter in dem Pulver verletzen seine Fußsohlen und schon ist das Gift im Körper. Von diesem Zeitpunkt an gibt es keine Rettung mehr. Das Opfer spürt, wie ihm langsam unwohl wird, wie seine Gliedmaßen anfangen zu zittern und zu kribbeln. Er gerät in Atemnot und verfällt schließlich in eine Lähmung, die den ganzen Körper ergreift. So liegt es also da, hat kaum einen Herzschlag und keine wahrzunehmende Atmung. Seine Körpertemperatur sinkt. In Haiti haben selbst schon erfahrene Ärzte Opfer des Zombiepulvers für tot erklärt. Natürlich wird der Scheintote anschließend wie alle Verstorbenen gemäß den Regeln der Tradition bestattet und begraben – und das noch immer bei vollem Bewusstsein. Er muss die Hölle durchmachen. Nicht nur, weil er lebendig begraben ist und die Luft im Sarg immer knapper wird, nein, er weiß auch, dass es sein Schicksal sein wird, ein Zombie zu sein, wenn er jemals wieder aus dem Grab herauskommen sollte. Schenkt man dem Buch von Wade Davis Glauben, so ist dies für einen abergläubischen Haitianer eine schrecklichere Strafe als der Tod. Ein willenloser Sklave zu sein und als Arbeitstier verkauft zu werden, ist ihr schlimmster Albtraum. Und dieser Albtraum kann, laut Davis, durchaus wahr werden. Ist das nicht spannend? Unser Opfer liegt also im Grab, zutiefst verängstig und vollkommen von Sinnen. Jetzt betritt die zweite Partei das Spielfeld. Die erste waren die Shanpwel, die das Opfer verurteilt haben. Die zweite sind die Schwarzmagier, die Bo …“

„Die Bokors, die mit Baron Samedi gemeinsame Sache machen“, ergänzte Ondragon.

„Genau!“ Strangelove klang erstaunt. „Der Bokor und seine Gehilfen öffnen nachts das Grab und holen das Opfer aus dem Sarg. Zu diesem Zeitpunkt dürfte der Ärmste geistig schon ziemlich durch sein mit dem Thema. Aber, um sicherzugehen, dass auch wirklich dessen letzter Sinn für die Realität ausgelöscht wird, flößen sie ihm ein zweites Gift ein, das hauptsächlich Datura Stramonium beinhaltet. Die …“

„Die Zombiegurke, Concombre Zombie, Weißer Stechapfel“, vervollständigte Ondragon erneut den Satz des jungen Chemikers, denn er erinnerte sich noch gut daran, wie die Madame dieses Zeug während der Voodoo-Session in ihrem Club bei ihm angewendet hatte und wie ihm davon ganz schummerig geworden war. Diese Kräuterhexe! Sie hatte einen Teil der Zombierezeptur an ihm ausprobiert! Was hatte sie mit ihm vorgehabt? Ondragon schob diesen Gedanken beiseite. Er würde sich später um sie kümmern.

„Auch wieder korrekt“, sagte Strangelove derweil. „Sie wissen ja schon alles.“ Er klang enttäuscht.

„Nein, nein, nicht alles, nur einige Details. Bitte, fahr fort.“

Strangelove räusperte sich. Er schien so richtig in Schwung zu sein. Der Diskurs mit seinem Auftraggeber machte ihm offenkundig Spaß. „Wade Davis behauptet, dass das Scopolamin, das ist das Gift der Datura, welches übrigens eine ganz ähnliche halluzinogene Wirkung wie das Bufotonin hat, den Gehirnzellen des Opfers sozusagen den Rest gibt. Der Betroffene fällt in ein Delirium, eine tiefe geistige Verwirrung, in der er nicht einmal mehr weiß, wie er heißt. Er verliert die Erinnerung an sein vorheriges Leben und jeglichen Sinn für Raum und Zeit. Er wird willenlos. In diesem Zustand schafft der Bokor ihn weg und verkauft ihn als Arbeitskraft an andere skrupellose Menschen. Das ist wie in dem Film White Zombie von 1932. Einer der ersten Zombiefilme überhaupt. Und der Einzige, der die Zombies in etwa so darstellt, wie sie wirklich sind. Als willenlose Sklaven ohne Erinnerung. Kennen Sie den?“

„Nein.“ Ondragon runzelte die Stirn. Was sah Strangelove bloß für Filme?

„Nun, ich bin ein Fan alter Schwarzweißschinken, da ist mir der mal untergekommen. Lohnt sich.“

„Aha. Aber kommen wir doch jetzt zurück zur Realität. Die Zombifizierung geschieht also mehr mit Hilfe von Drogen als mit Hokuspokus.“

„Ja und nein. Die Zombifizierung hat sicherlich jene fatale Auswirkung auf einen Haitianer, weil er sein ganzes Leben daran glaubt, dass es so etwas wie Zombies gibt. Ein Japaner, der zu viel Fugu isst, wird jedoch nicht automatisch zu einem wandelnden Untoten, nur weil er dasselbe Gift intus hat. Es hat also viel mit dem Aberglauben zu tun. Die Schwarzmagier des Voodoo behaupten, dass ein Mann erst durch ihre Magie zum Zombie wird, nicht etwa durch die Zaubermittel, die sie ihm geben. Sicher ist aber, dass man, wenn man erstmal durch die Erde gegangen ist, wie es in Haiti heißt, nicht mehr derselbe ist.“

„Was für ein Voodoo-Mumpitz!“

„Kein Mumpitz, es ist eine Strafe, eine Art gesellschaftliche Ächtung. Als Zombie bist du zwar noch am Leben, für deine Verwandten, für dein Dorf aber bist du gestorben. Sinnbildlicher geht es nicht. Auch das Giftpulver ist alles andere als Hokuspokus. Das ist echt und teuflisch gefährlich, mindestens genauso tödlich wie Anthrax. Das kann nur ein sehr erfahrener Giftmischer zusammenmixen, denn tierische wie pflanzliche Produkte unterliegen stets hohen Schwankungen, was ihre Inhaltsstoffe anbelangt. Sie sind schwer zu dosieren, wie das Beispiel mit dem Fugu zeigt.“

„Ein erfahrener Giftmischer also“, wiederholte Ondragon nachdenklich. Ein erfahrener Giftmischer auf der Lohnliste von Darwin Inc.? Wer konnte das sein? Doch nur ein Voodoo-Priester … oder eine Priesterin.

„Mr. Ondragon, hören Sie mir noch zu?“ Strangeloves Stimme drang in seine Gedanken wie ein Eisbrecher.

„Äh, nein. ‘Tschuldigung. Was hattest du nochmal gesagt?“

„Ob ich die DNA der anderen Bestandteile des Pulvers noch analysieren soll?“

„Nein. Aber vielen Dank für die kleine Zombiekunde. War sehr hilfreich!“

„Gern geschehen, Mr. Ondragon. Sie melden sich, wenn Sie wieder einen Auftrag für mich haben?“

„Klar.“ Ondragon legte auf und saß eine Weile tief in Gedanken versunken da.

Dann wählte er die Nummer von Rudee, seinem thailändischen Computerspezialisten aus Bangkok.

Sabai dee mai, Paul“, meldete dieser sich mit seiner ewig fröhlichen Stimme.

Sabai dee, Rudee. Hast du die Informationen?“

„Noch nicht. In Haiti gerade großes Chaos. Nicht leicht, den richtigen Rechner zu finden. Aber ich dranbleiben. Keine Sorge, ich bekommen Information! Ich Genie!“ Ondragon hörte den kleinen Thai kichern.

„Na klar“, sagte er schmunzelnd, „wenn einer drankommt, dann du, Rudee!“

„Ich dir schicken Mail, wenn ich sie haben.“

Kap khun khrap – vielen Dank.“

„Nichts zu danken, Paul. Bye bye!

Ondragon legte auf und sah auf das Handy. Da war noch immer diese unbekannte Nummer. Er drückte kurzentschlossen auf die Rückruftaste. Es klingelte, aber niemand ging dran, nicht einmal eine Mailbox.

Schulterzuckend steckte er das Telefon weg, erhob sich vom Bett und verließ den Raum. Als er vor der Tür seines Freundes stand, drang von unten ein lautes Lachen an seine Ohren. Es klang nach Rod und der Madame. Dann war er also schon wach. Aber warum hatte er ihn nicht geweckt?

Ondragon ging über die Galerie, blieb aber an der Tür zum Zimmer des Mädchens stehen und warf einen kurzen Blick hinein. Christine lag unter einer dicken Schicht Decken im Bett, von wo aus sich durchsichtige Schläuche zu einem Infusionsständer schlängelten, an denen mit verschiedenen Flüssigkeiten gefüllte Beutel hingen. Offensichtlich hatte der Doktor das Mädchen an den Tropf gelegt. In dem Schatten neben dem Bett gewahrte Ondragon eine Frau auf einem Stuhl. Sie sah ihn an. Es war Nathalie. Ihre Augen leuchteten hell aus ihrem dunklen Gesicht, aber ihr Blick war nicht zu deuten. Ondragon nickte ihr zu und schloss die Tür wieder.

Ohne Eile stieg er die breite Treppe nach unten, durchquerte den Salon und trat durch die Tür, die er für den Zugang zur Küche hielt. Tatsächlich tat sich dahinter ein großer Raum mit hoher Decke und einer Einrichtung wie vor hundert Jahren auf. Ein riesiger gusseiserner Herd stand in der Mitte auf dem rot-weiß gefliesten Boden, und darüber hingen wie in einem Museum Kupferpfannen und andere Küchenutensilien. Und als sei der Südstaaten-Atmosphäre noch nicht Genüge getan, stand eine füllige, schwarze Frau mit weißer Schürze und Kopftuch an der Kochstelle und rührte fröhlich in einem dampfenden Topf.

Gegenüber dem Herd thronte ein wahrer Koloss von einem Eichentisch. Daran saßen, heiter ins Gespräch vertieft, Rod und die Madame, vor sich noch unbenutzte Teller. Sie sahen auf, als sie ihn bemerkten.

„Ah, Ecks. Komm, setz dich zu uns. Camille, die gute Seele, zaubert uns gerade eine Creole Gumbo nach ihrem Spezialrezept!“ Er rieb sich den Bauch. „Hab schon mächtig Hunger.“

Ondragon folgte der Einladung und ließ sich auf einem der massiven Stühle nieder. Dabei konnte er sich der Verführungskraft des vom Herd herüberziehenden Duftes nicht erwehren, der auch ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Betont lässig lehnte er sich zurück, um einen entspannten Eindruck zu erwecken. Während hinter ihm Camille mit den Töpfen klapperte und leise vor sich hinsummte, betrachtete er im Geheimen die Madame.

Die Voodoo-Queen war ihm zunehmend ein Rätsel, auch wenn er sie jetzt eigentlich ein wenig besser kennen müsste. Er hatte das Gefühl, als hüte sie ein Geheimnis. Einen dunkeln Fleck in ihrer Vergangenheit, so wie auch er einen hatte. Er fragte sich, wer sie wirklich war und warum sie so viel Einfluss besaß. Dass er sie noch immer nicht vollends durchschauen konnte, machte ihn unruhig. Hoffentlich beeilte sich Rudee.

Mit einem geheimnisvollen Lächeln schenkte die Madame ihm aus einer Karaffe eisgekühlte Limonade in ein Glas. Sie trug dasselbe heiße Kleid wie schon am Mittag, nur verunstaltete jetzt wieder diese unmögliche Brille mit dem dicken, schwarzen Rand ihr hübsches Gesicht.

Unauffällig roch er an der Flüssigkeit in seinem Glas und sah auf die fast leeren Gläser von Rod und der Madame. Beide schienen schon etwas getrunken zu haben. Sein Blick fokussierte Rod. Er sah zwar müde aus, aber nicht betäubt, und seine blauen Augen glänzten lebhaft über seinen vom Küchendunst geröteten Wangen.

Ondragon nahm einen Schluck von der Limonade, und über den Rand des Glases hinweg schnellte seine Aufmerksamkeit zurück zu der Madame. Er war sich sicher, dass sie es nicht war, die für Darwin Inc. arbeitete. Das sagte ihm sein Instinkt. Aber was war sie dann? Wirklich nur eine Voodoo-Priesterin?

Die Limonade schmeckte erfrischend gut und Ondragon leerte das Glas. Kurz darauf kam Camille an den Tisch, servierte eine große Schüssel Reis und stellte eine Flasche Cajun-Sauce dazu. Der Topf mit der dampfenden Gumbo folgte, und jeder tat sich einen rustikalen Schlag auf seinen Teller. Ondragon sah Garnelen und Fischstückchen in der roten Soße und sog den Duft des für New Orleans typischen Eintopfgerichtes ein. Er nahm den Löffel und wartete, bis die Madame mehrere Happen gegessen hatte. Auch Rod langte genussvoll zu. Keiner von beiden verzog das Gesicht oder fasste sich an den Hals. Ondragon schüttelte den Kopf über seine Bedenken und begann ebenfalls zu essen. Er würde schon noch hinter das Geheimnis der Madame kommen.

Die Gumbo schmeckte vorzüglich und der Topf wurde schnell leer.

„Ich habe vorhin übrigens ein paar ganz interessante Dinge erfahren“, sagte Ondragon, nachdem sie zu Ende gegessen hatten, und wischte sich den Mund mit der Serviette ab.

Rod und die Madame sahen ihn erwartungsvoll an.

„Mein Chemiker hat das Zombiepulver analysiert und herausgefunden, wie es funktioniert. Es ist ganz simpel und nicht etwa Magie, so wie Sie es immer behauptet haben, Madame.“ Er warf ihr einen provozierenden Blick zu. „Kugelfischgift ist keine Zauberzutat, meine Liebe! Es ist ein starkes Neurotoxin, das über die Haut aufgenommen werden kann. Deshalb waren dem Pulver zusätzlich Spiegelglassplitter beigemengt worden. Die sollen die Haut verletzen, damit das Gift leichter eindringen kann. Danach wird der gesamte Körper von einer Lähmung erfasst, und der Kandidat ist scheinbar tot. Ein weiteres Gift, das ihm später eingegeben wird, löscht schließlich auch noch seine Erinnerung, und fertig ist der willenlose Zombie!“ Er blickte die Madame an. Ihr Gesichtsausdruck war zornig, doch sie blieb stumm. Was dachte sie wohl gerade? Dass ihre hübsche Voodoo-Magie durch die Instrumente der Wissenschaft entzaubert worden war? Ondragon spürte eine gewisse Genugtuung. Endlich war er am längeren Hebel.

„Sagten Sie, Spiegelsplitter?“, fragte die Madame plötzlich. Ihre Miene hatte sich wieder etwas aufgehellt.

Ondragon runzelte die Stirn. „Äh, ja. Mein Chemiker hat tatsächlich Spiegelsplitter in dem Pulver gefunden.“

Die Madame sah ihn mit weit geöffneten Augen an. „Ich denke, ich weiß jetzt, wer es hergestellt hat!“

„Sie wissen, wer das Teufelszeug gemischt hat?“, fragte Rod entgeistert. „Aber …“

„Und wie kommen Sie ausgerechnet jetzt darauf?“, wollte Ondragon wissen.

„Die Spiegelsplitter!“, sagte die Madame mit fester Stimme. „Zeigen Sie mir noch einmal die Fotos, die Sie in dem Haus von Tyler Ellys gemacht haben.“

Ondragon holte sein Handy hervor und sah, dass er endlich die Mail von Rudee bekommen hatte, leider konnte er sie jetzt nicht öffnen. Stattdessen lud er die Bilder aus seiner Cloud hoch und gab das Telefon an die Madame weiter.

„Da!“, sagte sie aufgeregt. „Sehen Sie?“ Sie zeigte auf ein Foto.

Ondragon ahnte, welches sie meinte und wappnete sich innerlich.

Die Madame nickte mit stummer Zufriedenheit und drehte das Display schließlich um, so dass Ondragon es sehen konnte.

Obwohl er es geahnt hatte, zuckte er zusammen. Es war das Foto von Ellys‘ Bücherregal in dessen secret room! Nur widerwillig betrachtete er das Bild genauer und las die einzelnen Buchtitel. Dann blickte er die Madame an.

Die Lösung war die ganze Zeit über auf diesem Foto gewesen und er hatte sie nicht gesehen.