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Da wir sowohl über umfassendere Aspekte des Lebens auf planetarischer Ebene wie auch über einige im ersten Band erkundeten Elemente unseres individuellen Lebens sprechen, möchte ich dich gerne zur Umwelt befragen.
WAS MÖCHTEST DU wissen?
Wird sie wirklich zerstört, wie manche Umweltschützer behaupten, oder handelt es sich bei diesen Leuten einfach nur um wild gewordene Radikale, kommunistisch eingefärbte Liberale, die alle in Berkeley studiert haben und Haschisch rauchen?
DIE ANTWORT AUF beide Fragen lautet »ja«.
Waaaas??
ICH HABE NUR einen Witz gemacht. Okay, die Anwort auf die erste Frage lautet »ja«, die Antwort auf die zweite Frage »nein«.
Die Ozonschicht wird abgebaut? Die Regenwälder werden dezimiert?
JA. ABER ES geht nicht nur um so offensichtliche Dinge. Es gibt auch weniger augenscheinliche Probleme, um die ihr euch kümmern solltet.
Hilf mir mal auf die Sprünge.
ZUM BEISPIEL NIMMT das fruchtbare Erdreich auf eurem Planeten rapide ab. Das heißt, ihr habt bald kein gutes Erdreich mehr, auf dem ihr Nahrung anbauen könnt. Der Boden braucht nämlich seine Zeit, um sich zu regenerieren, und eure Agrarindustrie hat keine Zeit. Sie wollen, daß die Erde produziert, produziert, produziert. Die uralte Praxis, die Anbauflächen von Jahr zu Jahr zu wechseln, wird abgeschafft oder zeitlich verkürzt. Um den Zeitverlust wettzumachen, wird der Boden mit Chemikalien versetzt, damit er schneller wieder fruchtbar wird. Doch hier, wie in allen Dingen, könnt ihr keinen künstlichen Ersatz für Mutter Natur schaffen, der euch auch nur annähernd mit dem versorgen könnte, womit sie euch versorgt.
Als Folge wird das zur Verfügung stehende fruchtbare Erdreich ausgelaugt. An manchen Orten bis in seine tiefsten Schichten hinunter. Mit anderen Worten, ihr baut mehr und mehr Nahrung auf einem Ackerboden an, der weniger und weniger Nährstoffe enthält. Kein Eisen, keine Mineralien. Nichts, was euch der Boden liefern sollte. Schlimmer noch, eure Nahrungsmittel sind voller Chemikalien, die ihr in eurem verzweifelten Versuch, den Boden wieder zu regenerieren, in die Erde geschüttet habt. Das schädigt zwar kurzfristig gesehen den Körper nicht sichtbar, doch ihr werdet zu eurem Leidwesen erfahren, daß diese Chemikalien, die im Körper verbleiben, auf Dauer die Gesundheit schädigen. Eure auf raschen Profit abzielenden Landwirtschaftsmethoden führten zur Erosion des Bodens. Die meisten von euch mögen sich dieses Problems nicht bewußt sein, doch ist der rapide Schwund dieser fruchtbaren Erdreichreserven kein Phantasiegebilde irgendwelcher Yuppie-Umweltschützer auf der Suche nach dem nächsten sensationellen Umweltskandal. Fragt irgendeinen kundigen Wissenschaftler, und ihr werdet eine Menge zu hören bekommen. Es handelt sich um ein Problem von epidemischen Ausmaßen. Es ist ein ernstes globales Problem.
Das ist nur ein Beispiel von vielen, wie ihr eure Mutter, die Erde, die euch alles Leben gibt, in völliger Mißachtung ihrer Bedürfnisse und natürlichen Prozesse schädigt und ihre Vorräte und Kräfte erschöpft.
Ihr bekümmert euch um wenig auf eurem Planeten, außer darum, wie ihr euren eigenen Leidenschaften frönen, eure unmittelbaren (und meist aufgeblähten) Bedürfnisse befriedigen und euer endloses menschliches Verlangen nach immer mehr und Größerem und Besserem stillen könnt. Doch ihr tätet gut daran, euch als Spezies zu fragen, wann genug genug ist.
Warum hören wir nicht auf unsere Umweltschützer: Warum beachten wir ihre Warnungen nicht?
HIER, WIE AUCH bei allen wirklich wichtigen Dingen, die die Lebensqualität und den Lebensstil auf eurem Planeten beeinflussen, zeigt sich immer wieder ein leicht erkennbares Muster. Ihr habt einen Spruch, der die perfekte Antwort auf diese beiden wichtigen Fragen liefert: »Folge der Spur des Geldes.«
Wie können wir je hoffen, diese Probleme zu lösen, wenn wir gegen etwas derart Massives und Hinterhältiges ankämpfen müssen?
GANZ EINFACH. SCHAFFT das Geld ab.
Das Geld abschaffen?
JA. ODER SCHAFFT zumindest dessen Unsichtbarkeit ab.
Das verstehe ich nicht.
DIE MEISTEN MENSCHEN verstecken die Dinge, derer sie sich schämen oder von denen andere Leute nichts erfahren sollen. Deshalb verstecken derart viele von euch ihre Sexualität, und deshalb verstecken fast alle von euch ihr Geld. Das heißt, ihr seid nicht offen, wenn es ums Geld geht. Ihr betrachtet euer Geld als eine äußerst private Angelegenheit. Und darin liegt das Problem.
Wenn jeder alles über jedermanns Finanzsituation wüßte, gäbe es einen Aufstand in eurem Land und auf dem Planeten, wie ihr ihn noch nie erlebt habt. Und danach würden alle menschlichen Angelegenheiten nach den Prinzipien von Fairneß, Gleichbehandlung und Ehrlichkeit und unter Berücksichtigung der Priorität des wahren Wohls aller geregelt werden.
Fairneß oder Gleichbehandlung, Ehrlichkeit oder das Gemeinwohl lassen sich derzeit unmöglich auf dem Marktgeschehen einführen, weil sich Geld so leicht verstecken läßt. Ihr könnt es buchstäblich auf physische Weise nehmen und verstecken. Und es gibt auch alle möglichen Methoden, mit deren Hilfe kreative Buchhalter Firmengelder »Verstecken« oder »verschwinden lassen« können.
Da Geld also versteckt werden kann, gibt es keine Möglichkeit zu erfahren, wieviel jeder hat oder was er damit macht.
Das ermöglicht unzählige Ungerechtigkeiten, von Gaunereien und Betrügereien ganz zu schweigen. Firmen können zum Beispiel zwei Personen für dieselbe Arbeitsleistung sehr unterschiedliche Gehälter bezahlen. Sie können zum Beispiel einer Person jährlich ein Gehalt von 100 000 Mark und der anderen, die genau die gleiche Funktion hat, nur 75 000 Mark zahlen, und das nur deshalb, weil die eine etwas hat, was die andere nicht hat.
Und was ist das?
EIN PENIS.
Oh.
JA, OH.
Ach, das verstehst du nicht. Die Tatsache, daß sie einen Penis hat, macht die erste Person wertvoller als die andere; sie ist gewitzter, fast zweimal intelligenter und leistungsfähiger.
HMM. ICH KANN mich nicht entsinnen, euch so konstruiert zu haben. Ich meine, daß ich die Fähigkeiten so ungleich verteilt hätte.
Das hast du aber getan, und ich bin überrascht, daß du das nicht weißt. Jedermann auf dem Planeten weiß das.
WIR HÖREN BESSER damit auf, sonst denken die Leute, daß wir das wirklich ernst meinen.
Willst du etwa sagen, du meinst das nicht ernst? Wir, die Menschen auf diesem Planeten, schon! Deshalb können Frauen keine katholischen Priesterinnen werden, dürfen sich nicht auf die falsche Seite der Klagemauer in Jerusalem stellen, können nicht bis an die Spitze der größten Konzerne aufsteigen oder Pilotinnen …
SCHON GUT, KAPIERT. Ich will ja nur sagen, daß es sehr viel schwieriger wäre, mit einer Diskriminierung hinsichtlich der Arbeitslöhne davonzukommen, wenn alle Geldtransaktionen nicht mehr versteckt, sondern sichtbar gemacht würden.
Kannst du dir vorstellen, was an den Arbeitsplätzen auf dem Globus los wäre, wenn alle Firmen gezwungen wären, die jeweiligen Gehälter aller ihrer Angestellten publik zu machen? Nicht die Gehaltskategorien bestimmter Arbeitsplatzeinstufungen, sondern das tatsächliche Entgelt, das jedes Individuum erhält.
Nun, dann wäre Schluß mit: »Teile und herrsche«.
RICHTIG.
Und dann wäre Schluß mit: »Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.«
RICHTIG.
Und dann wäre Schluß mit: »Mensch, warum sollten wir mehr Geld ausgeben, wenn wir sie für ein Drittel weniger bekommen?«
SO IST ES.
Und dann wäre Schluß mit der Speichelleckerei und Schöntuerei und der Bevorzugung und den »guten Beziehungen«.
UND DIE ARBEITSPLÄTZE und die Welt würden noch von sehr, sehr viel mehr befreit, nur durch die einfache Methode der Offenlegung der Spur des Geldes.
Denk nur mal nach. Glaubst du nicht, die Dinge würden sich ändern, wenn ihr genau wüßtet, wieviel Geld jeder von euch besitzt und wieviel Profit alle eure Industrien und Konzerne machen und wieviel jeder ihrer leitenden Angestellten wirklich verdient – und wie diese Personen und Konzerne ihr Geld verwenden!
Denk mal darüber nach. Welche Veränderungen würden sich deiner Ansicht nach daraus ergeben?
Die simple Tatsache ist die, daß sich die Menschen 90 Prozent von dem, was auf der Welt vor sich geht, nicht gefallen lassen würden, wenn sie wüßten, was da wirklich gespielt wird.
Die Gesellschaft würde diese außerordentlich einseitige und unangemessene Verteilung des Reichtums und noch weniger die Mittel, mit denen er erworben wird, oder die Art und Weise, in der er eingesetzt wird, um noch mehr Gewinn zu machen, nicht sanktionieren, wenn alle Menschen allerorten detaillierte und sofortige Kenntnis von diesen Fakten erhielten.
Nichts führt rascher zu einem angemessenen Verhalten, als wenn die Dinge ans Licht der kritischen Öffentlichkeit gebracht werden. Deshalb waren eure sogenannten Sunshine Laws ein so effektives Mittel beim Ausmisten des Saustalls in euren politischen Systemen und Regierungskreisen. Die Tatsache, daß seitdem öffentliche Ratsversammlungen und Anhörungen abgehalten werden müssen und der Öffentlichkeit Einsicht in Unterlagen und Protokolle gewährt werden muß, hat viel zur Reduzierung der in Hinterzimmern abgesprochenen Mauscheleien und Machenschaften beigetragen, die in den 20er, 30er, 40er und 50er Jahren in euren Rathäusern, Schulgremien, Wahlbezirken – und auch in den Kreisen eurer Bundesregierung – die Regel waren.
Jetzt ist es an der Zeit, etwas »Sonnenschein« in den Umgang mit eurem Entgelt für Waren und Dienstleistungen auf eurem Planeten zu bringen.
Was schlägst du vor?
DAS IST KEIN Vorschlag, sondern eine Herausforderung. Ich fordere euch dazu heraus, endlich den Mut zu haben, all euer Geld, all eure Papiere und Münzen und nationalen Währungen wegzuwerfen und neu anzufangen. Entwickelt ein internationales monetäres System, das weit offen, total einsichtig, sofort nachvollziehbar und völlig durchschaubar ist. Errichtet ein Weltweites Abrechnungssystem (WAS) mit Kreditposten für jeweils geleistete Dienste und hergestellte Produkte und Schuldposten für jeweils in Anspruch genommene Dienstleistungen und konsumierte Produkte.
Alles würde in diesem System verzeichnet werden. Erträge aus Investitionen, Erbschaften, Gewinne aus Wetten, Gehälter und Löhne, Trinkgelder und Gratifikationen, alles.
Und nichts könnte ohne Krediteinheiten gekauft werden.
Es gäbe keine andere Handelswährung, und jedermanns Unterlagen wären für alle einsehbar.
Es gibt den Spruch: Zeig mir das Bankkonto eines Menschen, und ich sag dir, wer er ist. Das ist ein Szenarium, dem dieses System ziemlich nahe käme. Die Leute würden oder könnten zumindest erheblich mehr übereinander wissen, als sie es jetzt tun. Aber sie würden nicht nur mehr übereinander wissen, sie würden auch mehr über alles wissen. Mehr darüber, was die Konzerne zahlen und ausgeben und was ihre Herstellungskosten und ihr geforderter Preis für ein Produkt sind. (Kannst du dir vorstellen, was die Konzerne machen würden, wenn sie auf jedes Preisschild zwei Zahlen setzen müßten – den Preis und ihre Kosten? Würde das nicht die Preise senken, den Wettbewerb anheizen und dem fairen Handel Vorschub leisten? Du kannst dir die Konsequenzen eines solchen Schrittes nicht mal ausmalen.)
Unter dem neuen Weltweiten Abrechnungssystem wäre der Transfer von Schuld- und Kreditposten sofort und total einsehbar. Das heißt, jeder könnte das Konto irgendeiner anderen Person oder Organisation jederzeit inspizieren.
Nichts würde geheimgehalten, nichts wäre »Privatsache«.
Das WAS würde jährlich jenen Personen 10 Prozent von ihren sämtlichen Gewinnen abziehen, die freiwillig um einen solchen Abzug bitten. Es gäbe keine Einkommenssteuer, keine Formulare, keine Abschreibungen, keine »Schlupflöcher«, keine Mogelei und Hinterziehung! Da alle Unterlagen offen einsehbar wären, könnte jeder in der Gesellschaft feststellen, wer sich dafür entscheidet, zehn Prozent für das Gemeinwohl zu stiften, und wer nicht.
Diese freiwillig geleisteten Abzüge würden zur Unterstützung all der staatlichen Programme und Dienstleistungen dienen, für die sich das Volk per Abstimmung entschieden hat.
Das ganze System wäre sehr einfach und durchschaubar.
Die Welt würde sich nie auf so etwas einlassen.
NATÜRLICH NICHT. UND weißt du, warum? Weil ein solches System es jedem unmöglich machen würde, irgend etwas zu tun, von dem er nicht will, daß ein anderer es weiß. Aber warum sollte jemand überhaupt so etwas tun wollen? Ich sag dir, warum. Weil ihr gegenwärtig in einem interaktiven sozialen System lebt, das auf geschickter Manipulation, gegenseitiger Übervorteilung und dem sogenannten »Überleben der Fittesten« basiert.
Wenn das Hauptziel und Anliegen eurer Gesellschaft im Überleben aller bestünde (so wie es in allen wahrhaft aufgeklärten oder erleuchteten Gesellschaften der Fall ist), im gleichen Nutzen für alle, in der Sicherstellung eines guten Lebens für alle, dann würde jede Notwendigkeit der Geheimhaltung, der hinter verschlossenen Türen ausgehandelten Geschäfte und abgekarteten Machenschaften und von Geld, das sich verstecken läßt, entfallen.
Ist dir klar, wieviel an guter alter Korruption, von Unfairneß und Ungerechtigkeiten ganz zu schweigen, durch die Einführung eines solchen Systems ausgeräumt würde?
Das Geheimnis, das Schlüsselwort heißt hier Sichtbarkeit.
Wow. Was für ein Konzept. Was für eine Idee. Absolute Sichtbarkeit und Durchschaubarkeit bei der Durchführung aller monetären Angelegenheiten. Ich versuche, einen Grund zu finden, warum das »falsch«, warum das nicht »okay« wäre, aber ich kann keinen finden.
NATÜRLICH FINDEST DU keinen, weil du nichts zu verstecken hast. Aber kannst du dir vorstellen, was die Menschen, die in dieser Welt über Geld und Macht verfügen, tun würden, wie sie bei dem Gedanken aufschreien würden, daß jeder ihrer Schritte, jeder Kauf und Verkauf, jeder Handel, jede geschäftliche Aktion und Preisfestsetzung, jede Lohnverhandlung und Entscheidung von jedermann begutachtet werden könnte, indem man sich ganz einfach nur anschaut, was dahintersteht?
Ich sage dir dies: Nichts führt schneller zu Fairneß als Sichtbarkeit.
Sichtbarkeit ist einfach ein anderes Wort für Wahrheit.
Bring die Wahrheit in Erfahrung, sie wird dich befreien.
Regierungen, Konzerne und Menschen, die über Macht verfügen, wissen das, weshalb sie niemals zulassen werden, daß die Wahrheit – die schlichte und einfache Wahrheit – die Grundlage eines von ihnen konstruierten politischen, sozialen oder ökonomischen Systems bildet.
In erleuchteten Gesellschaften gibt es keine Geheimnisse.
Jeder weiß, was der andere hat, was er verdient, was er an Gehältern, Steuern und Beihilfen zahlt und was die anderen Unternehmen im einzelnen berechnen und für wieviel sie kaufen und mit wieviel Profit sie verkaufen und alles. Alles.
Weißt du, warum das nur in erleuchteten Gesellschaften möglich ist? Weil in diesen Gesellschaften niemand bereit ist, auf Kosten eines anderen irgend etwas zu bekommen oder zu besitzen.
Das ist eine radikale Lebensweise.
IN PRIMITIVEN GESELLSCHAFTEN erscheint sie radikal, ja. In erleuchteten Gesellschaften ist sie das offensichtlich Angemessene.
Mich fasziniert dieses Konzept der »Sichtbarkeit«. Könnte es auch über die monetären Angelegenheiten hinausreichen? Könnte es auch ein Schlüssel für unsere persönlichen Beziehungen sein?
DAS WÄRE zu hoffen.
Und doch ist es nicht so.
IN DER REGEL nicht. Auf eurem Planeten noch nicht. Die meisten Menschen haben immer noch zuviel zu verbergen.
Warum? Worum geht es hier?
IN DEN PERSÖNLICHEN Beziehungen (und im Grunde in allen Beziehungen) geht es um Verlust. Es geht um die Angst davor, daß man etwas verlieren, daß man scheitern oder versagen könnte. Doch die besten persönlichen und ganz sicher die romantischsten Beziehungen sind die, in denen jeder alles weiß; in denen Sichtbarkeit nicht nur das Schlüsselwort, sondern das einzige Wort ist; in diesen Beziehungen wird nichts zurückgehalten, wird nichts verschleiert oder gefärbt oder versteckt oder maskiert. Nichts bleibt unausgesprochen. Nichts bleibt der Vermutung überlassen, es werden keine Spielchen gespielt; niemand »führt einen Tanz auf«, »zieht eine Schau ab« oder »macht etwas vor«.
Aber wenn jeder alles wüßte, was wir denken –
MOMENT MAL. HIER geht es nicht darum, daß du keine geistige Privatsphäre mehr hast, keinen geschützten Raum für deine persönlichen Prozesse. Das ist es nicht, wovon wir hier reden.
Hier geht es nur um den offenen und ehrlichen Umgang miteinander. Nur darum, daß du die Wahrheit sagst, wenn du sprichst, und keine Wahrheit verschweigst, die deiner Erkenntnis nach ausgesprochen werden sollte. Darum, daß du niemals lügst oder verschleierst oder verbal oder mental manipulierst oder deine Wahrheit verdrehst, sie hinbiegst zu einer der hundertundeins anderen verzerrten Ausformungen, die für den größten Teil der menschlichen Kommunikation so charakteristisch sind.
Hier geht es darum, reinen Tisch zu machen, klipp und klar zu sagen, was Sache ist. Darum, sicherzustellen, daß alle Einzelpersonen über alle Informationen verfügen und alles Nötige wissen, was sie zu einem Punkt oder Thema wissen müssen. Hier geht es um Fairneß und Offenheit und um …
Sichtbarkeit.
Doch das heißt nicht, daß jeder einzelne Gedanke, jede heimliche Befürchtung, jede schwärzeste Erinnerung, jedes flüchtige Urteil, jede flüchtige Meinung oder Reaktion zur Diskussion und Begutachtung auf den Tisch gelegt werden muß. Das ist nicht Sichtbarkeit, das ist Wahnsinn und würde euch verrückt machen.
Wir sprechen hier über einfache, direkte, geradlinige, oftene, ehrliche, vollständige Kommunikation. Das ist alles, und doch ist es ein bemerkenswertes Prinzip, das selten zur Anwendung kommt.
Das kannst du zweimal sagen.
DAS IST ALLES, und doch ist es ein bemerkenswertes Prinzip, das selten zur Anwendung kommt.
Du solltest im Variete auftreten.
MACHST DU WITZE? Tu ich doch.
Aber im Ernst, das ist eine großartige Idee. Stell dir eine ganze Gesellschaft vor, die sich um das Prinzip der Sichtbarkeit aufbaut. Bist du sicher, das würde funktionieren?
ICH SAG DIR etwas. Die Hälfte aller Übel auf der Welt würde morgen verschwinden. Die Hälfte der Sorgen, die Hälfte der Konflikte, die Hälfte der Wut, die Hälfte der Frustration auf der Welt …
Natürlich würde es zunächst Wut und Frustration geben, keine Frage. Wenn endlich herauskäme, wie sehr dem normalen Bürger mitgespielt und auf der Nase rumgetanzt wird, wie er als Wegwerfartikel benutzt, manipuliert, belogen und schlichtweg betrogen wird, gäbe es eine Menge Frust und Wut. Aber »Sichtbarkeit« würde mit all dem innerhalb von 60 Tagen weitgehend aufräumen und es in Luft auflösen.
Laß mich dich noch mal dazu einladen, darüber nachzudenken.
Glaubst du, ihr könntet ein solches Leben führen? Keine Geheimnisse mehr? Absolute Sichtbarkeit und Durchschaubarkeit?
Wenn nicht, warum nicht?
Was verbergt ihr vor anderen, das sie nicht wissen sollen?
Was sagst du zu anderen, das nicht wahr ist?
Was sagst du jemandem nicht, das wahr ist?
Hat das Lügen durch Sagen oder Verschweigen eure Welt dahin gebracht, wo ihr eigentlich sein wollt? Hat euch die Manipulation (der Wirtschaft, einer Situation oder einfach einer Person) durch Stillschweigen oder Heimlichtuerei wirklich genützt? Ist »Diskretion« wirklich das, was euren Staat, eure Konzerne und euer persönliches Leben funktionieren läßt?
Was würde geschehen, wenn für jedermann alles sichtbar wäre?
Es liegt allerdings eine gewisse Ironie in der Sache. Seht ihr nicht, daß dies genau das ist, wovor ihr euch bei eurer ersten Begegnung mit Gott fürchtet? Kapiert ihr nicht, daß ihr genau davor Angst habt: Daß das Stück aus ist, das Spiel vorbei, der Steptanz zu Ende, das Schattenboxen vorüber und daß die lange, lange Kette der großen und kleinen Täuschungsmanöver und Betrügereien – ganz buchstäblich an einem toten Punkt angelangt ist?
Doch die gute Nachricht ist die, daß es keinen Grund gibt, Angst zu haben, sich zu fürchten. Niemand wird euch verurteilen, niemand wird euch der »Missetat« bezichtigen, niemand wird euch in ein ewiges Höllenfeuer werfen.
(Und was euch Angehörige der römisch-katholischen Kirche angeht, ihr werdet auch nicht ins Fegefeuer kommen.) Nun, ihr versteht, was ich meine. Jeder von euch hat sich im Kontext eurer jeweiligen Theologie irgendein Bild, irgendeine Vorstellung von Gottes schlimmstem Strafgericht zurechtgebastelt. Und ich hasse es, es euch sagen zu müssen, da ich sehe, was für einen Spaß euch das ganze Drama macht, aber, nun ja … so etwas gibt es einfach nicht.
Vielleicht könnt ihr, wenn ihr die Angst davor verliert, daß eurer Leben im Augenblick eures Todes total sichtbar offengelegt wird, auch eure Angst davor überwinden, daß euer Leben total sichtbar wird, während ihr es lebt.
Wäre das nicht was …
JA, DAS WÄRE was, oder? Hier ist also das Rezept, um dir zu einem Start zu verhelfen. Kehre zum ersten Kapitel dieses Buches zurück, und schau dir noch mal die fünf Ebenen des Sprechens der Wahrheit an. Sei entschlossen, dir dieses Modell einzuprägen und es umzusetzen. Strebe nach der Wahrheit, sag die Wahrheit, lebe die Wahrheit jeden Tag.
Tu das für dich selbst und jeder anderen Person gegenüber, mit deren Leben du in Berührung kommst.
Dann sei bereit, nackt zu sein. Sei ein Vorbild für Sichtbarkeit.
Das ist mir unheimlich. Wirklich unheimlich.
DANN SCHAU, WOVOR du dich fürchtest.
Ich befürchte, daß alle den Raum verlassen werden. Ich habe Angst, daß mich niemand mehr mögen wird.
ICH VERSTEHE. Du hast das Gefühl, du mußt lügen, damit die Leute dich mögen?
Nicht gerade lügen. Nur ihnen nicht alles sagen.
DENK AN DAS, was ich vorhin sagte. Es geht nicht darum, daß du mit jedem kleinen Gefühl, Gedanken, mit jeder Idee, Befürchtung, Erinnerung, mit jedem Bekenntnis oder was auch immer herausplatzt. Es geht einfach darum, daß du immer die Wahrheit sagst, dich vollständig zeigst.
Vor der Person, die du am meisten liebst, kannst du dich körperlich nackt zeigen, oder?
Ja.
WARUM DANN NICHT auch emotional nackt sein?
Das zweite ist viel schwieriger als das erste.
DAS VERSTEHE ICH. Dennoch empfiehlt es sich, denn es bringt großen Lohn ein.
Du hast ganz sicher einige sehr interessante Gedanken zur Sprache gebracht. Schafft die versteckten Motive ab, baut eine Gesellschaft auf dem Prinzip der Sichtbarkeit auf, sagt immer zu jedem die Wahrheit über alles. Wow!
AUF DER GRUNDLAGE dieser wenigen Prinzipien wurden ganze Gesellschaften aufgebaut. Erleuchtete Gesellschaften.
Ich habe noch keine entdeckt.
ICH SPRACH NICHT von eurem Planeten.
Oh.
UND AUCH NICHT von eurem Sonnensystem.
Oh.
ABER UM ANSATZWEISE zu erleben, was ein solches neues Denksystem beinhaltet, müßt ihr weder den Planeten noch euer Haus verlassen. Fangt in eurer eigenen Familie, in eurem eigenen Heim an. Wenn ihr ein Unternehmen besitzt, fangt in eurer eigenen Firma an. Sagt jedem dort, was ihr selbst verdient, was die Firma einnimmt und ausgibt und was jeder eurer Angestellten verdient. Ihr werdet sie höllisch schockieren. Oder besser: Ihr werdet die Hölle aus ihnen herausschockieren. Wenn jeder Unternehmensbesitzer dasselbe täte, wäre die Arbeit für viele nicht mehr die leibhaftige Hölle, weil am Arbeitsplatz ein größeres Gefühl von Gerechtigkeit, Fairneß und angemessenem Entgelt einkehren würde.
Sagt euren Kunden genau, was euch euer Produkt oder die angebotene Dienstleistung kostet. Schreibt auf eure Preisschilder eure eigenen Kosten und euren Preis. Könnt ihr immer noch auf euren geforderten Preis stolz sein? Habt ihr irgendwelche Ängste, daß sich jemand von euch »übers Ohr gehauen« fühlen könnte, sollte er über euer Preis-Leistungs-Verhältnis Bescheid wissen? Wenn ja, dann seht zu, was ihr unternehmen könnt, um eure Preise in den Bereich der Fairneß zu bringen, statt daß ihr »rausholt, was geht und solange es geht».
Dazu fordere ich euch heraus.
Das verlangt eine komplette Änderung eurer Denkweise.
Euch muß an euren Kunden oder Klienten ebensosehr gelegen sein wie an euch selbst.
Ja, ihr könnt mit dem Aufbau dieser neuen Gesellschaft gleich hier und jetzt, gleich heute anfangen. Es ist eure Wahl. Ihr könnt weiterhin das alte System unterstützen, die gegenwärtigen Paradigmen, oder ihr könnt vorangehen und eurer Welt einen neuen Weg aufzeigen.
Ihr könnt dieser neue Weg sein. In allem. Nicht nur im Geschäftsleben, nicht nur in der Politik oder Wirtschaft oder Religion oder in diesem oder jenem Aspekt allgemeiner Lebenserfahrung, sondern in allem.
Seid der neue Weg. Seid der höhere Weg. Seid der beste Weg. Dann könnt ihr wahrhaft sagen: Ich bin der Weg und das Leben. Folgt mir.
Wärt ihr, wenn die ganze Welt euch folgte, erfreut zu sehen, wohin ihr sie geführt habt?
Stellt euch heute einmal diese Frage.