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Okay, ich bin jetzt bereit, zu anderem überzugehen. Du hast versprochen, über einige umfassendere Aspekte des Lebens auf Erden zu sprechen, und seit du deine Bemerkungen über das Leben in den Vereinigten Staaten gemacht hast, wollte ich mit dir noch mehr über all das reden.
JA, GUT. ICH möchte, daß wir auf einige der wichtigsten Probleme eures Planeten eingehen. Und es gibt kein wichtigeres Thema als die Erziehung eurer Nachkommenschaft.
Wir machen das nicht gut, nicht wahr … Ich kann es schon daran ablesen, wie du das zur Sprache bringst.
ALLES IST NATÜRLICH relativ. Nein, in Relation gesehen zu dem, was ihr deiner Aussage nach zu tun versucht, macht ihr es nicht gut. Alles, was ich hier sage, alles, was ich bislang in diese Diskussion eingebracht habe und Bestandteil dieser Aufzeichnungen ist, muß in diesen Kontext gestellt werden. Ich fälle keine Urteile über »richtig« oder »falsch«, »gut« oder »schlecht«. Ich stellte nur einfach Beobachtungen über eure Effektivität im Verhältnis zu dem an, was ihr deiner Aussage nach zu tun versucht.
Das verstehe ich.
ICH WEISS, DU sagst, daß du das verstehst. Doch die Zeit mag kommen – sogar noch bevor dieser Dialog zu Ende ist –, wo du mir vorwerfen wirst, daß ich zu streng mit euch ins Gericht gehe.
Das würde ich dir nie vorwerfen. Ich weiß es besser.
DIESES »BESSERE WISSEN« hat die Menschen nicht davon abgehalten, mich in der Vergangenheit einen richtenden Gott zu nennen.
Aber es wird mich davon abhalten.
WIR WERDEN SEHEN.
Du wolltest über Erziehung sprechen.
IN DER TAT. Ich beobachte, daß die meisten von euch den Sinn, den Zweck und die Funktion der Erziehung mißverstanden haben, vom Prozeß ihrer optimalen Durchführung ganz zu schweigen.
Das ist eine umfassende Aussage, und ich brauche hier etwas Hilfe.
IN DEN MEISTEN Fällen hat die Menschheit entschieden, daß Sinn, Zweck und Funktion der Erziehung in der Weitergabe von Wissen bestehen, – daß Menschen zu erziehen bedeutet, ihnen Wissen zu vermitteln – im allgemeinen verstehen sie darunter das angesammelte Wissen der jeweiligen Familie, des Klans, des Stammes, der Gesellschaft, der Nation und der Welt.
Doch Erziehung hat sehr wenig mit Wissen zu tun.
Oh? Mit was hat sie denn zu tun?
MIT WEISHEIT.
Weisheit.
JA.
Okay, ich gebe auf. Was ist der Unterschied?
WEISHEIT IST ANGEWANDTES Wissen.
Wir sollen also nicht versuchen, unserer Nachkommenschaft Wissen zu vermitteln. Wir sollen versuchen, ihr Weisheit zu übermitteln.
ERSTENS EINMAL, »VERSUCHT« nicht, irgend etwas zu tun. Tut es. Zweitens, vernachlässigt nicht das Wissen zugunsten der Weisheit. Das wäre fatal. Vernachlässigt andererseits auch nicht die Weisheit zugunsten des Wissens. Das wäre ebenfalls fatal. Das wäre das Ende der Erziehung. Auf eurem Planeten ist es bereits deren Ende.
Wir vernachlässigen die Weisheit zugunsten des Wissens?
JA, IN DEN meisten Fällen.
Wie machen wir das?
IHR LEHRT EURE Kinder, was sie denken sollen, statt wie man denkt.
Erkläre das bitte.
GERNE. WENN IHR euren Kindern Wissen übermittelt, sagt ihr ihnen, was sie denken sollen. Das heißt, ihr sagt ihnen, was sie wissen sollen, was sie eurem Wunsch nach als wahr begreifen sollen.
Wenn ihr euren Kindern Weisheit übermittelt, dann sagt ihr ihnen nicht, was sie wissen sollen oder was wahr ist, sondern erklärt ihnen vielmehr, wie sie zu ihrer eigenen Wahrheit gelangen.
Aber ohne Wissen kann es keine Weisheit geben.
STIMMT. DESHALB HABE ich gesagt, daß ihr nicht das Wissen zugunsten der Weisheit vernachlässigen sollt. Ein gewisses Maß an Wissen muß ganz offensichtlich von einer Generation an die nächste weitergegeben werden. Doch so wenig Wissen wie möglich. Je geringer die Menge, desto besser.
Laßt das Kind selbst entdecken. Merk dir: Wissen geht verloren. Weisheit wird nie vergessen.
Unsere Schulen sollten also so wenig wie möglich lehren?
EURE SCHULEN SOLLTEN ihre Prioritäten vertauschen. Gegenwärtig konzentrieren sie sich in einem Höchstmaß auf das Wissen und schenken der Weisheit ausgesprochen wenig Aufmerksamkeit. Viele Eltern empfinden einen Unterricht in kritischem Denken, in der Lösung von Problemen und in Logik als bedrohlich. Sie wollen, daß solche Themen aus dem Lehrplan gestrichen werden. Und sie tun gut daran, wenn sie ihre Lebensweise schützen wollen. Denn Kinder, denen eine Entwicklung ihrer eigenen kritischen Denkprozesse zugestanden wird, werden sich sehr wahrscheinlich von den moralischen und sittlichen Normen und der ganzen Lebensart ihrer Eltern abkehren.
Um eure Lebensart zu schützen, müßt ihr ein Erziehungssystem aufbauen, das sich auf die Entwicklung des Gedächtnisses und nicht der Fähigkeiten des Kindes gründet.
Kindern wird beigebracht, sich an Fakten und Fiktionen zu erinnern – Fiktionen, die jede Gesellschaft in bezug auf sich selbst etabliert hat –, statt daß ihnen die Fähigkeit vermittelt wird, ihre eigene Wahrheit zu entdecken und zu erschaffen.
Lehrprogramme, die den Kindern beibringen, wie sie Fähigkeiten und Fertigkeiten statt des Gedächtnisses entwickeln können, werden rundum von jenen verlacht, die sich einbilden, zu wissen, was ein Kind lernen muß. Doch was ihr eure Kinder gelehrt habt, hat eure Welt zu Ignoranz geführt, statt diese aufzuheben.
Unsere Schulen lehren keine Fiktionen, sie lehren Fakten.
JETZT LÜGST DU dir selbst etwas vor, genauso wie ihr eure Kinder anlügt.
Wir lügen unsere Kinder an?
NATÜRLICH MACHT IHR das. Nimm irgendein Geschichtsbuch zur Hand und schau’s dir an. Eure Geschichte wird von Menschen geschrieben, die wollen, daß ihre Kinder die Welt unter einem bestimmten Blickwinkel sehen. Jeder Versuch, die Geschichtsschreibung um eine umfassendere Sicht hinsichtlich der Fakten zu erweitern, wird höhnisch als »revisionistisch« abgetan. Ihr erzählt euren Kindern nicht die Wahrheit über eure Vergangenheit, damit sie nicht erkennen, wie ihr wirklich seid.
In den Vereinigten Staaten wird die Geschichte meist aus der Sicht jenes Segments eurer Gesellschaft geschrieben, das ihr als weiß, angelsächsisch, protestantisch und männlich charakterisiert. Wenn Frauen, Afroamerikaner oder andere Angehörige einer Minderheit sagen: »He, warte mal. So ist das nicht passiert. Ihr habt hier eine ganze Menge ausgelassen«, zuckte ihr zusammen und kreischt und verlangt, daß diese »Revisionisten« mit ihrem Versuch aufhören, eure Schulbücher ändern zu wollen. Ihr wollt nicht, daß eure Kinder erfahren, wie es wirklich passiert ist. Ihr wollt, daß sie wissen, wie ihr aus eurer Sicht das Geschehene rechtfertigt. Soll ich dir ein Beispiel dafür nennen?
Bitte.
IN DEN VEREINIGTEN Staaten lehrt ihr eure Kinder nicht alles, was es über die Entscheidung eures Landes zu wissen gibt, Atombomben auf zwei japanische Städte abzuwerfen, wodurch Hunderttausende von Menschen getötet oder verstümmelt wurden. Vielmehr vermittelt ihr ihnen die Fakten so, wie ihr sie seht – und wie ihr wollt, daß eure Kinder sie sehen.
Wenn der Versucht gemacht wird, diese Sichtweise durch eine andere Sichtweise – in diesem Fall die der Japaner – zu ergänzen und zu objektivieren, brüllt und tobt und geifert und wütet ihr und hüpft auf und ab und verlangt, daß die Schulen noch nicht einmal daran denken, derartige Informationen in ihre historische Darstellung vom Ablauf dieses wichtigen Ereignisses einzubeziehen. Von daher habt ihr gar nicht Geschichte, sondern Politik unterrichtet.
Geschichte sollte einen genauen und vollständigen Bericht über das liefern, was tatsächlich passiert ist. In der Politik geht es immer um jemandes Sichtweise von einem Geschehen.
Geschichte enthüllt, Politik rechtfertigt. Geschichte deckt auf, erzählt alles. Politik deckt zu, spricht nur von einer Seite.
Politiker hassen ehrlich geschriebene Geschichte. Und ehrlich geschriebene Geschichte spricht ihrerseits auch nicht besonders gut von den Politikern.
Doch ihr tragt »des Kaisers neue Kleider«, denn letztlich durchschauen euch eure Kinder. Kinder, die kritisch zu denken gelehrt wurden, schauen sich eure Geschichte an und sagen: »Meine Güte, was sich doch meine Eltern und die ältere Generation vorgemacht haben.« Das könnt ihr nicht tolerieren, also trommelt ihr es aus ihnen heraus. Ihr wollt nicht, daß eure Kinder über die grundlegendsten Fakten informiert werden. Ihr wollt, daß sie sich an eure Fakten halten.
Ich glaube, da übertreibst du. Ich denke, hier bist du ein bißchen zu weit gegangen.
TATSÄCHLICH? DIE MEISTEN Menschen in eurer Gesellschaft wollen doch nicht einmal, daß ihre Kinder über die grundlegendsten Fakten des Lebens aufgeklärt werden. Die Leute drehten durch, als die Schulen einfach anfingen, die Kinder zu lehren, wie der menschliche Körper funktioniert.
Heute darf den Kinder nicht erklärt werden, wie Aids übertragen wird oder wie eine Übertragung vermieden werden kann. Außer es wird ihnen aus einer ganz bestimmten Sichtweise heraus erklärt, dann ist es in Ordnung. Aber ihnen einfach die Fakten vermitteln und sie dann selbst entscheiden lassen? Nur über eure Leiche.
Kinder sind noch nicht bereit, in diesen Dingen selbst zu entscheiden. Sie müssen richtig angeleitet werden.
HAST DU MAL letzthin einen Blick auf eure Welt geworfen?
Was ist damit?
SO HABT IHR eure Kinder in der Vergangenheit angeleitet.
Nein, so haben wir sie mißgeleitet. Wenn sich die Welt heute in einem miserablen Zustand befindet – und das tut sie in vielerlei Hinsicht –, dann nicht, weil wir versucht haben, unsere Kinder die alten Werte zu lehren, sondern weil wir zugelassen haben, daß ihnen all dieses »überspannte neumodische« Zeug beigebracht wird.
DAS GLAUBST DU wirklich, nicht wahr?
Da hast du verdammt recht. Das glaube ich wirklich! Wenn wir unseren Kindern die guten alten Grenzen gesetzt hätten, statt sie mit all diesem Quatsch von »kritischem Denken« zu füttern, wären wir alle heute viel besser dran.
Wenn wir den sogenannten »Sexualunterricht« aus den Klassenzimmern herausgehalten und zu Hause belassen hätten, wo er hingehört, würden wir es heute nicht erleben, daß Teenager Kinder bekommen und 17jährige alleinerziehende Mütter zum Sozialamt gehen und daß die Welt aus den Fugen gerät. Wenn wir darauf bestanden hätten, daß die Jugend nach unseren Moralvorstellungen lebt, statt hinzugehen und sich ihre eigenen zu schaffen, hätte sich unsere starke, energiegeladene Nation nicht in ein jammervolles Abziehbild ihres früheren Selbst verwandelt.
MEINST DU.
Und noch eines. Steh du nicht da und sag mir, daß wir uns plötzlich für das, was wir in Hiroshima und Nagasaki taten, im »Unrecht« fühlen sollen. Wir haben den Krieg beendet.
Wir haben Tausende von Leben gerettet. Auf beiden Seiten.
Das war der Preis des Krieges. Niemand mochte diese Entscheidung, aber sie mußte getroffen werden.
MEINST DU.
Ja, das meine ich. Du bist genauso wie der ganze Rest dieser kommunistisch angehauchten Liberalen. Du willst, daß wir unsere Geschichtsauffassung revidieren. Du willst, daß wir uns so revidieren, daß wir überhaupt nicht mehr existieren. Dann habt ihr Liberale endlich freie Bahn; könnt die Welt übernehmen; eure dekadenten Gesellschaften errichten, – den Reichtum neu verteilen. Alle Macht dem Volk und all diesen Scheiß. Nur daß uns das nie irgendwohin gebracht hat. Was wir brauchen, ist die Rückkehr zur Vergangenheit, zu den Werten unserer Vorväter. Das ist es, was wir brauchen!
BIST DU JETZT fertig?
Ja, ich bin fertig. Wie war ich?
ZIEMLICH GUT. DAS war wirklich gut.
Naja, wenn man sich ein paar Jahre lang mit Radiotalkshows befaßt hat, kommt einem das locker über die Lippen.
SO DENKEN ALSO die Leute auf eurem Planeten, wie?
Darauf kannst du wetten. Und nicht nur in den Vereinigten Staaten. Du könntest auch ein anderes Land und einen anderen Krieg nehmen, irgendeine militärische Offensive irgendeiner Nation zu irgendeinem historischen Zeitpunkt dafür einsetzen. Es spielt keine Rolle. Jeder denkt, daß er recht hat. Jeder weiß, daß der andere im Unrecht ist. Vergiß Hiroshima, nimm statt dessen Berlin. Oder Bosnien.
Jedermann weiß auch, daß die alten Werte funktioniert haben. Jedermann weiß, daß die Welt zum Teufel geht.
Nicht nur in den Vereinigten Staaten. Überall. Überall auf dem Planeten schreit man nach einer Rückbesinnung auf die alten Wert und nach einer Rückkehr zum Nationalismus.
ICH WEISS.
Und ich habe hier versucht, diesem Gefühl, dieser Besorgnis, dieser Wut Ausdruck zu verleihen.
DAS HAST DU gut gemacht. Hast mich beinahe überzeugt.
Nun? Was sagst du jenen, die tatsächlich so denken?
ICH SAGE: DENKT ihr wirklich, daß die Dinge vor 30, 40 oder 50 Jahren besser waren? Ich sage: Das Gedächtnis ist schwach, ihr erinnert euch an das Gute und nicht an das Schlimmste. Das ist natürlich, das ist normal. Aber lasst euch nicht täuschen. Denkt ein bißchen kritisch und erinnert euch nicht nur an das, was auch andere gelten lassen wollen.
Bildet ihr euch, um bei unserem Beispiel zu bleiben, wirklich ein, es sei absolut notwendig gewesen, die Atombombe auf Hiroshima abzuwerfen? Was sagen eure amerikanischen Historiker zu den vielen Berichten derer, die behaupten, mehr über das zu wissen, was wirklich geschah, und wonach das japanische Kaiserreich den Vereinigten Staaten im geheimen seine Bereitschaft zur Beendigung des Krieges signalisiert hatte, bevor die Bombe abgeworfen wurde? Eine wie große Rolle spielte bei dieser Entscheidung die Rache für das schreckliche Geschehen von Pearl Harbor? Und warum war, wenn ihr die Notwendigkeit dieser Bombe auf Hiroshima akzeptiert, eine zweite Bombe nötig?
Es könnte natürlich sein, daß eure eigene Darstellung all dieser Dinge korrekt ist. Es könnte sein, daß die amerikanische Sichtweise die Dinge so wiedergibt, wie sie sich tatsächlich abgespielt haben. Um diesen Punkt geht es hier nicht. Hier geht es darum, daß euer Erziehungssystem kein kritisches Denken zu diesem Thema – oder zu vielen anderen Themen, was das anbelangt – zuläßt.
Könnt ihr euch vorstellen, was mit einem Lehrer der Sozialwissenschaft oder Geschichte in Iowa passieren würde, wenn er einer Klasse die oben erwähnten Fragen stellte und seine Schüler aufforderte und ermutigte, diese Themen in ihrer ganzen Tiefe zu ergründen und zu erforschen und ihre eigenen Schlußfolgerungen zu ziehen?
Das ist der Punkt! Ihr wollt nicht, daß eure Jugend ihre eigenen Schlußfolgerungen zieht. Ihr wollt, daß sie zu denselben Schlußfolgerungen gelangt wie ihr. Auf diese Weise verdammt ihr sie dazu, die Fehler zu wiederholen, zu denen euch eure Schlußfolgerungen geführt haben.
Aber was ist mit den Aussagen so vieler Menschen zu den alten Werten und dem heutigen Zerfall unserer Gesellschaft? Was ist mit dieser unglaublichen Zunahme von Teenagermüttern oder vom Sozialamt abhängigen Müttern oder damit, daß die Welt aus den Fugen gerät?
EURE WELT IST aus den Fugen geraten. Da stimme ich zu.
Aber eure Welt geriet nicht aus den Fugen aufgrund dessen, was ihr eure Schulen eure Kinder habt lehren lassen. Sie geriet aus den Fugen aufgrund dessen, was ihr sie nicht habt lehren lassen.
Ihr habt nicht gestattet, daß eure Schulen sie lehren, daß die Liebe alles ist, was es gibt. Ihr habt nicht erlaubt, daß eure Schulen über die bedingungslose Liebe sprechen.
Zum Teufel, wir erlauben ja nicht einmal, daß in unseren Kirchen darüber gesprochen wird.
DAS IST RICHTIG. Und ihr werdet nicht zulassen, daß man euren Kindern beibringt, wie sie sich selbst und ihren Körper feiern, ihre Menschlichkeit und ihre wunderbare sexuelle Persönlichkeit. Und ihr werdet nicht zulassen, daß eure Kinder erfahren, daß sie in erster Linie und vorrangig Geister sind, die einen Körper bewohnen. Ihr behandelt eure Kinder ja auch nicht als spirituelle Wesen, die sich in einem Körper inkarnieren.
In Gesellschaften, in denen offen über die Sexualität gesprochen und freimütig diskutiert wird, wo sie auf freudvolle Weise erklärt und erlebt wird, gibt es praktisch keine Sexualverbrechen, nur eine sehr geringe Anzahl von unerwünschten Schwangerschaften und keine »illegitimen« Kinder. In hochentwickelten Gesellschaften werden alle Geburten als ein Segen betrachtet, und es wird für das Wohl aller Mütter und aller Kinder gesorgt.
Die Gesellschaft würde es nicht anders haben wollen.
In Gesellschaften, in denen Geschichte nicht den Ansichten der Stärksten und Mächtigsten gemäß verbogen wird, werden die Fehler der Vergangenheit offen eingestanden und nie wiederholt, und einmal ist genug für alles eindeutig selbstzerstörerische Verhalten.
In Gesellschaften, in denen kritisches Denken, Möglichkeiten der Problemlösung und dem Leben dienliche Kenntnisse und Fähigkeiten gelehrt werden, statt daß Fakten einfach nur auswendig gelernt werden, werden auch sogenannte »gerechte« Aktionen der Vergangenheit einer äußerst kritischen Prüfung unterzogen. Nichts wird nur aufgrund des äußeren Scheins akzeptiert.
Wie würde das funktionieren? Nehmen wir unser Beispiel des Zweiten Weltkriegs. Wie würde ein Schulsystem, das dem Leben dienliche Kenntnisse und Fähigkeiten statt bloße Fakten lehrt, an diese historische Episode von Hiroshima herangehen?
EURE LEHRER WÜRDEN ihren Schülern genau beschreiben, was da passiert ist. Sie würden alle Fakten – alle Fakten –, die zu diesem Ereignis geführt haben, einbeziehen. Sie würden sich über die Ansichten der Historiker auf beiden Seiten informieren, da ihnen klar ist, daß alles unter mehr als einem Blickwinkel zu betrachten ist. Sie würden dann ihre Schüler nicht dazu auffordern, die Fakten dieser Angelegenheit auswendig zu lernen. Vielmehr würden sie sie herausfordern und sagen: »Nun habt ihr alles über die Geschichte gehört. Ihr seid über alles informiert, was sich davor und danach abgespielt hat. Wir haben euch alle ›Informationen‹ über diese Angelegenheit gegeben, derer wir habhaft werden konnten. Zu welcher ›Weisheit‹ gelangt ihr nun aufgrund dieser ›Kenntnisse‹? Welche Lösungen würdet ihr finden, wenn ihr ausgewählt würdet, die Probleme zu lösen, mit denen man sich damals konfrontiert sah und die mit dem Abwerfen der Bombe gelöst wurden? Könnt ihr euch einen besseren Weg denken?«
Oh, sicher. Das ist einfach. Jeder kann auf diese Weise mit Antworten aufwarten – wenn er den Vorteil der Rückschau hat. Jeder kann uns über die Schulter schauen und sagen: »Ich hätte es anders gemacht.«
WARUM MACHT IHR es dann nicht?
Wie bitte?
ICH SAGTE, WARUM macht ihr es dann nicht? Warum habt ihr nicht über eure Schulter geblickt, aus der Vergangenheit gelernt und es anders gemacht? Ich sage dir, warum. Wenn ihr zulaßt, daß sich eure Kinder eure Vergangenheit anschauen und sie kritisch analysieren – wenn ihr es von ihnen als Bestandteil ihrer Erziehung tatsächlich verlangtet –, würdet ihr das Risiko eingehen, daß sie mit euch nicht darin einig sind, wie ihr die Dinge macht.
Sie werden natürlich ohnehin anderer Meinung sein. Ihr wollt nur nicht allzuviel von dieser anderen Meinung in den Klassenzimmern zulassen. Also müssen sie auf die Straße gehen. Transparente schwenken. Einberufungsbefehle zerreißen. Büstenhalter und Fahnen verbrennen. Tun, was immer ihnen möglich ist, um eure Aufmerksamkeit zu erlangen, euch dazu zu bringen, daß ihr die Augen aufmacht. Eure jungen Menschen haben euch zugebrüllt: »Es muß einen besseren Weg geben!« Aber ihr hört sie nicht.
Ihr wollt sie nicht hören. Und ganz sicher wollt ihr sie nicht dazu ermuntern, in der Schule kritisch über die Fakten nachzudenken, mit denen ihr sie vollstopft.
Kapiert es einfach, sagt ihr zu ihnen. Kommt nicht hier an und sagt uns, daß wir unrecht getan haben. Kapiert einfach, daß wir das Richtige gemacht haben.
So erzieht ihr eure Kinder. Das nennt ihr Erziehung.
Aber da gibt es die, die sagen, daß es die jungen Leute und ihre verrückten, verschrobenen, liberalen Ideen sind, die dieses Land und die Welt den Bach haben hinuntergehen lassen. Sie zum Teufel geschickt haben. Sie an den Rand des Abgrunds gebracht haben. Unsere wertorientierte Kultur zerstört und sie durch eine Mentalität des »Tu-was-immer-du-tun-willst, was-immer-sich-gut-anfühlt« ersetzt haben, die unserer ganzen Lebensweise ein Ende zu machen droht.
DIE JUNGEN LEUTE zerstören tatsächlich eure Lebensweise.
Die jungen Leute haben das immer getan. Eure Aufgabe ist es, sie dazu zu ermuntern, statt sie zu entmutigen.
Es sind nicht eure jungen Leute, die die Regenwälder vernichten. Sie bitten euch, damit aufzuhören. Es sind nicht eure jungen Leute, die die Ozonschicht zerstören. Sie bitten euch, damit aufzuhören. Es sind nicht eure jungen Leute, die überall auf der Welt die Armen unter miesesten Arbeitsbedingungen in den Betrieben ausbeuten. Sie bitten euch, damit aufzuhören. Es sind nicht eure jungen Leute, die euch zu Tode besteuern und dann das Geld für Kriege und Kriegsmaschinerie ausgeben. Sie bitten euch, damit aufzuhören. Es sind nicht eure jungen Leute, die die Probleme der Schwachen und Unterdrückten ignorieren, die jeden Tag auf der Welt Hunderte von Menschen verhungern lassen, obwohl es mehr als genug gibt, um jeden Menschen zu ernähren. Sie bitten euch, damit aufzuhören. Es sind nicht eure jungen Leute, die eine Politik der Täuschung und Manipulation betreiben. Sie bitten euch, damit aufzuhören. Es sind nicht eure jungen Leute, die sexuell unterdrückt sind, sich ihres eigenen Körpers schämen und genieren und diese Scham und Verlegenheit an ihre Kinder weitergeben. Sie bitten euch, damit aufzuhören. Es sind nicht eure jungen Leute, die ein Wertsystem etabliert haben, wonach »Macht gleich Recht« ist, und die eine Welt aufgebaut haben, die ihre Probleme mit Gewalt löst. Sie bitten euch, damit aufzuhören. Nein, sie bitten euch nicht … sie flehen euch an.
Doch es gibt auch junge Leute, die gewalttätig sind! Junge Leute, die sich Banden anschließsen und sich gegenseitig umbringen! Junge Leute, die sich nicht um Recht und Ordnung scheren – um keinerlei Art von Ordnung. Junge Menschen, die uns zum Wahnsinn treiben!
WENN DIE RUFE und Bitten der jungen Menschen, die Welt zu verändern, nicht gehört und nie beachtet werden; wenn sie sehen, daß ihre Sache verloren ist – daß ihr es auf eure Weise macht, ganz egal was kommt –, werden junge Leute, die nicht dumm sind, das Nächstbeste tun. Wenn sie gegen euch nicht ankommen, dann werden sie so wie ihr.
Eure jungen Leute sind dabei, so wie ihr zu werden. Wenn sie gewalttätig sind, dann weil ihr gewalttätig seid. Wenn sie materialistisch sind, dann weil ihr materialistisch seid.
Wenn sie sich verrückt benehmen, dann weil ihr euch verrückt benehmt. Wenn sie mit der Sexualität manipulativ, unverantwortlich, schändlich umgehen, dann weil sie sehen, daß ihr dasselbe macht. Der einzige Unterschied zwischen den jungen und den älteren Menschen ist der, daß die jungen Leute das, was sie tun, offen tun.
Ältere Menschen verstecken ihr eigentliches Verhalten. Sie denken, junge Leute könnten es nicht sehen. Doch die jungen Menschen sehen alles. Ihnen bleibt nichts verborgen.
Sie sehen die Heuchelei der Älteren und versuchen verzweifelt, das zu ändern. Und nachdem sie es versucht haben und gescheitert sind, sehen sie keine andere Möglichkeit, als sie zu imitieren. Hier irren sie sich, aber sie sind es nie anders gelehrt worden. Es wurde ihnen nicht gestattet, die Taten der älteren Generation kritisch zu analysieren. Es wurde ihnen nur gestattet, sie auswendig zu lernen.
Was du auswendig lernst, dir einprägst, das wird dir schließlich zum Denkmal und zum Vorbild.
Wie sollten wir also unsere jungen Leute erziehen?
ERSTENS, BEHANDELT SIE als Geistwesen. Sie sind Geistwesen, die in einen physischen Körper eintreten. Und das ist nicht leicht für ein Geistwesen; es ist nicht leicht, sich daran zu gewöhnen. Es ist sehr eng, sehr einschränkend. Das Kind wird also aufschreien, weil es sich plötzlich so begrenzt findet. Hört diesen Aufschrei. Versteht ihn. Und gebt euren Kindern sosehr wie möglich das Gefühl von »Unbegrenztheit«.
Zweitens, führt sie mit Sanftheit und Güte und Achtsamkeit in die Welt ein, die ihr erschaffen habt. Achtet sorgsam darauf, was ihr in ihren Gedächtnisspeicher eingebt. Kinder erinnern sich an alles, was sie sehen, an alles, was sie erleben. Warum gebt ihr euren Kindern in dem Moment, in dem sie aus dem Mutterschoß geboren werden, einen Klaps? Denkt ihr wirklich, das sei die einzige Möglichkeit, ihren Motor in Gang zu setzen? Warum nehmt ihr die Babys nur Minuten nachdem sie von der einzigen Lebensform getrennt wurden, die sie in ihrer bisherigen Existenz kannten, von ihren Müttern weg? Kann das Maßnehmen und Wiegen und Stupsen und Pieksen nicht noch einen Moment warten, bis das Neugeborene die Sicherheit und den Trost dessen, was ihm Leben gegeben hat, erfahren hat?
Warum laßt ihr zu, daß zu den frühesten Bildern, denen euer Kind ausgesetzt wird, Bilder von Gewalttätigkeit gehören? Wer hat euch erzählt, daß das für Kinder gut ist?
Und warum versteckt ihr Bilder der Liebe?
Warum lehrt ihr eure Kinder, sich für ihren eigenen Körper und seine Funktionen zu schämen und zu genieren, indem ihr eure eigenen Körper vor ihnen abschirmt und ihnen sagt, daß sie sich nie selbst in einer Weise berühren und betasten dürfen, die ihnen Vergnügen bereitet? Was für Botschaften über Vergnügen übermittelt ihr ihnen? Und welche Lektionen lehrt ihr sie über den Körper?
Warum steckt ihr eure Kinder in Schulen, in denen konkurrierendes Verhalten erlaubt, ja geradezu ermuntert wird, wo jene belohnt werden, die am »besten« sind und am »meisten« lernen, wo »Leistung« gut benotet wird und diejenigen, die in ihrem eigenen Tempo voranschreiten, kaum toleriert werden? Was lernen eure Kinder daraus?
Warum unterrichtet ihr eure Kinder nicht in Bewegung und Musik, lehrt sie nicht, Freude an Kunst, am Geheimnis der Märchen und an den Wundern des Lebens zu finden? Warum bringt ihr nicht nach außen, was sich ganz natürlich im Kind findet, statt etwas in das Kind hineinzustecken, das für es unnatürlich ist?
Und warum erlaubt ihr nicht, daß eure jungen Menschen lernen, kritisch zu denken, Probleme zu lösen und schöpferisch zu sein, das Instrumentarium ihrer eigenen Intuition und ihres tiefsten inneren Wissens zu nutzen, statt sich der Regeln und auswendig gelernter Systeme und Schlußfolgerungen einer Gesellschaft zu bedienen, die sich selbst bereits bewiesen hat, daß sie völlig unfähig ist, sich über diese Methoden weiterzuentwickeln, sie aber dennoch weiterhin anwendet?
Und schließlich, lehrt sie Gedanken und Ideen, nicht Fachwissen.
Entwerft einen neuen Lehrplan und baut ihn um drei Grundbegriffe herum auf:
Bewußtheit – Ehrlichkeit – Verantwortungsgefühl
Lehrt eure Kinder von klein auf, was es mit diesen Begriffen, mit diesen Grundgedanken auf sich hat. Laßt sie bis zum letzten Schultag in allem deutlich werden. Gründet euer gesamtes Erziehungssystem auf diese Grundbegriffe.
Laßt alle Unterweisung tief in ihnen verwurzelt sein.
Ich weiß nicht, was das heißt.
ES HEISST, DASS alles, was ihr lehrt, aus diesen Grundgedanken erwächst.
Kannst du das näher erläutern?
ALLE GESCHICHTEN, ERZÄHLUNGEN und Lehrstoffe von euren Fibeln bis hin zu euren anspruchsvollsten Lehrbüchern würden sich um diese Grundgedanken drehen.
Das heißt, es würde sich um Geschichten über Bewußtheit und Gewahrsein handeln, um Geschichten, die mit Ehrlichkeit und mit Verantwortungsgefühl zu tun haben.
Eure Kinder würden in diese Grundbegriffe eingeführt, sie würden ihnen eingepflanzt, sie würden mit ihnen zutiefst vertraut gemacht werden.
Auch Aufsätze, die sie zu schreiben haben, würden sich um diese Grundbegriffe und andere damit verbundene Themen drehen, in dem Maße, wie die Kinder ihre Fähigkeit des Selbstausdrucks erweitern.
Auch rechnerische Fähigkeiten würden innerhalb dieses Kontexts gelehrt werden. Arithmetik und Mathematik sind nichts Abstraktes, sondern elementare Werkzeuge des Universums, um ein Leben zu leben. Der Unterricht in allen rechnerischen Fähigkeiten würde im Kontext einer umfassenderen Lebenserfahrung erfolgen, und zwar so, daß die Aufmerksamkeit konzentriert auf diese Grundbegriffe und ihre Ableitungen gerichtet wird.
Was sind das für »Ableitungen«?
SIE ERGEBEN SICH sozusagen als »Nebenprodukte«. Das ganze Erziehungssystem kann sich auf diese Nebenprodukte gründen, die ihrerseits die Fächer eures gegenwärtigen Lehrplanes, in denen im Grunde nur Fakten gelehrt werden, ersetzen.
Zum Beispiel?
LASS UNS MAL unsere Vorstellungskraft einsetzen.
Nenn mir einige Grundbegriffe oder Prinzipien, die dir im Leben wichtig sind.
Ah … nun, ich würde sagen … Ehrlichkeit, wie du gesagt hast.
JA, WEITER. DAS ist ein Grundbegriff.
Und, äh … Fairneß. Das ist für mich ein wichtiger Begriff.
GUT. NOCH IRGENDWELCHE andere?
Andere nett zu behandeln. Das gehört dazu. Ich weiß nicht, wie ich das in einen Begriff fassen soll.
MACH WEITER. LASS die Gedanken einfach fließen.
Gut miteinander auskommen. Tolerant sein. Andere nicht verletzen. Andere als gleichwertig ansehen. Das sind alles Dinge, die ich hoffe, meinen Kindern beibringen zu können.
GUT. EXZELLENT! MACH weiter.
Äh … an sich selbst glauben. Das ist gut. Und, hm … warte, warte, da kommt was … ja, das ist es: den Weg in Würde gehen. Ja, ich glaube, so würde ich es benennen. Ich weiß auch nicht, wie ich das in einen besseren Begriff fassen kann, aber es hat damit zu tun, welche Haltung man im Leben bewahrt und wie man anderen und dem Weg, den sie gehen, Achtung entgegenbringt.
DAS SIND GUTE Vorschläge. Das sind alles gute Ideen. Du denkst jetzt wirklich ernsthaft nach. Und es gibt noch viele andere solche Grundgedanken und Prinzipien, die alle Kinder zutiefst verstehen müssen, wenn sie sich weiterentwickeln und zu ganzheitlichen menschlichen Wesen heranwachsen sollen. Doch diese Dinge lehrt ihr nicht in euren Schulen. Diese Dinge, von denen wir jetzt sprechen, sind die wichtigsten Dinge im Leben, aber ihr unterrichtet sie nicht in der Schule. Ihr lehrt nicht, was es heißt, ehrlich zu sein. Ihr lehrt nicht, was Verantwortungsgefühl bedeutet. Ihr lehrt nicht, was es heißt, sich der Gefühle anderer Menschen bewußt zu sein und den Weg unserer Menschen zu respektieren.
Ihr sagt, es sei die Aufgabe der Eltern, diese Dinge zu lehren. Doch Eltern können nur das weitergeben, was an sie weitergegeben worden ist. Denn die Kinder werden von den Sünden der Väter heimgesucht. Also lehrt ihr in eurem Zuhause dasselbe Zeug, das euch eure Eltern in ihrem Zuhause beigebracht haben.
Und? Was ist daran falsch?
WIE ICH DICH schon wiederholte Male fragte: Hast du letzthin mal einen Blick auf die Welt geworfen?
Du bringst uns immer wieder auf diesen Punkt zurück. Lenkst unseren Blick immer wieder darauf. Aber das ist nicht alles unsere Schuld. Wir können nicht für den Zustand der ganzen Welt verantwortlich gemacht werden.
DAS IST KEINE Frage der Schuldzuweisung, es ist eine Frage der Wahl. Und wenn ihr nicht für die Entscheidungen verantwortlich seid, die die Menschheit getroffen hat und weiterhin trifft, wer dann?
Wir können uns nicht selbst die Verantwortung für alles dies zuschreiben!
ICH SAGE DIR dies: Solange ihr nicht bereit seid, die Verantwortung für alles dies zu übernehmen, könnt ihr nichts an irgend etwas ändern.
Ihr könnt nicht ständig sagen, daß die andern das getan haben und daß sie das tun und wenn nur sie es richtig machen würden! Erinnere dich an den wundervollen Spruch von Pogo, der Figur in Walt Kellys Comicstrip, und vergiß ihn nie: »Wir haben den Feind getroffen, und dieser Feind sind wir.«
Wir haben Hunderte von Jahren immer wieder den gleichen Fehler gemacht, nicht wahr …
TAUSENDE VON JAHREN, mein Sohn. Ihr habt Tausende von Jahren die gleichen Fehler gemacht. Die Menschheit hat sich seit der Zeit der Höhlenmenschen in ihren elementarsten Instinkten nicht viel weiterentwickelt. Doch jeder Versuch, das zu ändern, stößt auf Hohn und Spott. Auf jeden Aufruf, sich eure Werte anzuschauen und sie vielleicht sogar umzustrukturieren, wird mit Angst und dann mit Wut reagiert. Und jetzt kommt da der Gedanke von mir, doch tatsächlich höhere Prinzipien und Grundbegriffe in den Schulen zu lehren. Junge, Junge, jetzt begeben wir uns wirklich auf dünnes Eis.
Doch in hochentwickelten Gesellschaften wird genau das getan.
Aber das Problem ist, daß nicht alle Menschen sich auf die inhaltliche Bedeutung dieser Grundbegriffe einigen können. Deshalb können wir sie in unseren Schulen nicht lehren. Die Eltern drehen durch, wenn du versuchst, diese Dinge in den Lehrplan einzuführen. Sie sagen, daß du “Werte« unterrichtest und daß die Schule nicht der Ort dafür ist.
SIE IRREN SICH! Wie ich schon sagte, ausgehend davon, was deiner Aussage nach die Menschheit zu tun versucht, nämlich eine bessere Welt aufzubauen, irren sie sich. Die Schulen sind genau der Ort für solche Unterweisungen. Und zwar weil die Schulen von den Vorurteilen der Eltern getrennt sind. Weil die Schulen von den vorgefertigten Ansichten der Eltern unabhängig sind. Ihr habt gesehen, was es für Folgen für euren Planeten hatte, daß die Eltern ihre Werte an ihre Kinder weitergaben. Euer Planet ist ein Schlamassel.
Ihr versteht die elementarsten Grundgedanken und Prinzipien zivilisierter Gesellschaften nicht.
Ihr wißt nicht, wie ihr Konflikte gewaltlos lösen könnt.
Ihr wißt nicht, wie man ohne Angst lebt.
Ihr wißt nicht, wie man ohne eigensüchtiges Interesse handelt.
Ihr wißt nicht, wie man bedingungslos liebt.
Das sind elementare – elementare – Voraussetzungen, und ihr seid noch nicht einmal ansatzweise zu deren vollem Verständnis gelangt, ganz zu schweigen davon, daß ihr sie eingeführt hättet … nach Tausenden und Abertausenden von Jahren.
Gibt es irgendeinen Weg aus diesem Schlamassel?
JA! ER IST in euren Schulen zu finden! In der Erziehung eurer jungen Leute! Eure Hoffnung liegt bei der nächsten Generation und der folgenden! Aber ihr müßt aufhören, sie mit den Methoden der Vergangenheit zu knebeln. Diese Methoden haben nicht funktioniert. Sie haben euch nicht dahin gebracht, wohin sie euch bringen sollten. Aber wenn ihr nicht aufpaßt, werdet ihr genau dahin gelangen, worauf ihr schon zusteuert!
Also haltet ein! Kehrt endlich um! Setzt euch gemeinsam hin und sammelt eure Gedanken. Schafft euch die großartigste Vision aller großartigen Visionen, die ihr jemals von euch als Menschengeschlecht hattet. Nehmt dann die Werte und Grundgedanken und Prinzipien, die eine solche Vision unterstützen und fördern, und lehrt sie überall in euren Schulen.
Warum nicht Kurse geben wie zum Beispiel …
- Verständnis von Macht
- Friedliche Konfliktlösung
- Elemente liebender Beziehungen
- Persönlichkeit und Selbstschöpfung
- Körper, Geist und Seele: Wie sie funktionieren
- Der Umgang mit Kreativität
- Das eigene Selbst feiern, andere wertschätzen
- Freudvoller Ausdruck der Sexualität
- Fairneß
- Toleranz
- Unterschiede und Gleichheiten
- Ethische Ökonomie
- Kreatives Bewußtsein und Geisteskraft
- Bewußtheit und Wachsamkeit
- Ehrlichkeit und Verantwortungsgefühl
- Sichtbarkeit und Transparenz
- Wissenschaft und Spiritualität
Viel davon wird schon jetzt unterrichtet. Wir nennen es Gesellschafts- oder Gemeinschaftskunde.
ICH SPRECHE NICHT von einer zweitägigen Unterrichtseinheit innerhalb eines Faches. Ich spreche von gesonderten Kursen zu jedem dieser Themen. Ich spreche von einer vollständigen Korrektur eurer Lehrpläne für die Schulen. Ich spreche von einem auf Werte gegründeten Lehrplan, der weitgehend auf die Vermittlung von Fakten ausgerichtet ist.
Ich spreche davon, daß ihr die Aufmerksamkeit der Kinder so sehr auf das Verständnis dieser Grundgedanken und der theoretischen Strukturen, die um ihr Wertsystem aufgebaut werden können, richtet, wie ihr sie derzeit auf die Daten und Fakten und Statistiken lenkt.
In den hochentwickelten Gesellschaften eurer Galaxis und eures Universums (Gesellschaften, über die ich spezifischer in Band 3 sprechen werde), werden die Nachkommen schon von Kindesbeinen an über Lebensprinzipien unterrichtet. Was ihr »Fakten« nennt, die in jenen Gesellschaften für weitaus weniger wichtig gehalten werden, wird erst sehr viel später gelehrt.
Auf eurem Planeten habt ihr eine Gesellschaft geschaffen, in der Hänschen zwar schon lesen gelernt hat, noch bevor er in die Grundschule kommt, aber noch nicht gelernt hat, seinen Bruder nicht zu beißen. Und Susi lernt immer früher, perfekt zu multiplizieren, hat aber immer noch nicht gelernt, daß an ihrem Körper nichts ist, wofür sie sich zu schämen oder zu genieren braucht.
Gegenwärtig dienen eure Schulen hauptsächlich als Lieferant für Antworten. Es wäre sehr viel vorteilhafter, wenn ihre vorrangige Funktion darin bestünde, Fragen zu stellen.
Was heißt es, ehrlich zu sein oder verantwortungsbewußt oder »fair«? Was bedeutet das praktisch? Und was heißt 2 + 2 = 4? Was bedeutet das praktisch? Hochentwickelte Gesellschaften ermuntern alle Kinder dazu, die Antworten für sich selbst zu entdecken und zu erschaffen.
Aber … aber das würde zum Chaos führen!
IM GEGENSATZ zu den unchaotischen Verhältnissen, unter denen ihr jetzt euer Leben lebt …
Okay, okay … es würde also zu noch mehr Chaos führen.
ICH REDE NICHT davon, daß eure Schulen eurer Nachkommenschaft nie irgend etwas von dem, was ihr über diese Dinge gelernt oder beschlossen habt, tatsächlich vermitteln. Ganz im Gegenteil. Schulen dienen ihren Schülern, wenn sie ihnen mitteilen, was die Älteren in der Vergangenheit gelernt und entdeckt, entschieden und gewählt haben. Die Schüler können dann feststellen, wie alles funktioniert hat. In euren Schulen jedoch werden diese Informationen als das präsentiert, Was-Richtig-Ist, statt als das, was sie eigentlich sind, nämlich ganz einfach Informationen und Daten.
Daten der Vergangenheit sollten nicht die
Grundlage für die gegenwärtige Wahrheit bilden. Daten aus früheren
Zeiten oder Erfahrungen sollten stets und nur die Grundlage für
neue Fragen bilden. Der Schatz sollte immer in der Frage, nicht in
der Antwort zu finden sein.
Und die Fragen sind immer die gleichen. »Was die Daten der Vergangenheit angeht, die wir euch vermittelt haben, stimmt ihr zu oder stimmt ihr nicht zu? Was denkt ihr?«
Das ist immer dieselbe Schlüsselfrage. Sie steht immer im Mittelpunkt. Was denkt ihr? Was denkst du! Was denkst du!
Nun werden Kinder in diese Frage ganz offensichtlich die Werte ihrer Eltern einbringen. Eltern werden weiterhin eine wichtige Rolle – die vorrangige Rolle – beim Aufbau des Wertesystems der Kinder spielen. Absicht und Ziel der Schule bestünden darin, die Kinder von frühester Zeit an bis zur Beendigung ihrer formellen Ausbildung darin zu ermuntern, diese Werte zu erforschen, – zu lernen, wie man sie nutzt, sie anwendet, sie funktionalisiert – und ja, auch wie man sie in Frage stellt. Denn Eltern, die nicht wollen, daß ihre Kinder ihre Werte in Frage stellen, sind keine Eltern, die ihre Kinder lieben, sondern Eltern, die sich vermittels ihrer Kinder selbst lieben.
Ich wünschte – oh, wie ich mir wünschte –, es gäbe Schulen, wie du sie beschreibst!
ES GIBT EINIGE, die sich diesem Modell anzunähern versuchen.
Tatsächlich?
JA. LIES DIE Schriften eines Mannes namens Rudolf Steiner. Erforsche die Methoden der Waldorf-Schulen, die er entwickelt hat.
Natürlich weiß ich von diesen Schulen. Ist das jetzt Werbung?
ES IST EINE Beobachtung.
Weil du wußtest, daß ich mit den Waldorf-Schulen vertraut bin. Du wußtest es.
NATÜRLICH WUSSTE ICH es. Alles in deinem Leben war dir dienlich, hat dich zu diesem Augenblick gebracht. Ich habe nicht erst seit Beginn dieses Buches mit dir zu sprechen angefangen. Ich habe seit Jahren, durch all deine Verbindungen und Erfahrungen, mit dir gesprochen.
Du sagst also, die Waldorf-Schule ist die beste?
NEIN. ICH SAGE, sie ist ein Modell, das in Anbetracht dessen funktioniert, was deiner Aussage nach das Menschengeschlecht anstrebt; in Anbetracht dessen, was ihr behauptet, tun zu wollen; in Anbetracht dessen, was ihr eurer Aussage nach sein wollt. Ich sage, sie ist ein Beispiel – eines von mehreren, die ich anführen könnte, obschon diese auf eurem Planeten und in eurer Gesellschaft rar sind –, ein Beispiel dafür, wie die Erziehung so erfolgen könnte, daß sie sich mehr auf »Weisheit« als einfach nur auf »Wissen« konzentriert.
Gut, sie ist ein Beispiel, das ich sehr billige. Es gibt viele Unterschiede zwischen einer Waldorf-Schule und anderen Schulen. Laß mich dir ein Beispiel geben. Es ist ein einfaches Beispiel, illustriert aber überaus deutlich den Punkt, auf den es mir ankommt.
In den Waldorf-Schulen begleitet ein Lehrer oder eine Lehrerin die Kinder durch alle Ebenen ihrer frühen und elementaren Lernerfahrungen. In all diesen Jahren haben sie denselben Lehrer, statt von einer Person zur nächsten zu wechseln. Kannst du dir das enge Band vorstellen, das hier geknüpft wird? Kannst du den Wert erkennen?
Der Lehrer oder die Lehrerin lernen ein Kind kennen, als wäre es das eigene. Das Kind gewinnt eine Ebene des Vertrauens und der Liebe, die Türen öffnet, von denen viele traditionell orientierte Schulen noch nicht einmal zu träumen wagen. Und am Ende dieser Jahre kehren der Lehrer oder die Lehrerin zu einer ersten Klasse zurück, beginnen wieder mit einer anderen Gruppe von Kindern und begleiten diese durch all die Jahre des Lehrplans. So haben engagierte Lehrer an einer Waldorf-Schule am Ende ihrer beruflichen Laufbahn vielleicht insgesamt mit nur vier oder fünf Gruppen von Kindern gearbeitet. Aber sie haben jenen Kindern etwas bedeutet, das mehr ist als alles, was in traditionellen Schulen möglich ist.
Dieses Erziehungsmodell erkennt an und tritt dafür ein, daß die menschliche Beziehung, die innige Verbindung und die Liebe, die unter solchen Bedingungen miteinander hergestellt und entwickelt werden, ebenso wichtig sind wie irgendwelche Fakten, die der Lehrer dem Kind vermitteln mag. Es ist wie ein Unterricht zu Hause, nur außerhalb des Elternhauses.
JA, ES IST ein gutes Modell.
Und gibt es andere gute Modelle?
JA. IHR MACHT hinsichtlich der Erziehung Fortschritte auf eurem Planeten, aber sehr langsam. Allein schon der Versuch, einen zielorientierten, auf die Entwicklung von Fähigkeiten abgestellten Lehrplan in euren öffentlichen Schulen einzuführen, stieß auf enormen Widerstand. Die Leute sahen das als Bedrohung oder als uneffektiv an. Sie wollen, daß die Kinder Fakten lernen. Es sind immerhin an einigen Stellen Durchbrüche erzielt worden. Doch es gibt hier noch viel zu tun.
Und das ist nur ein Bereich menschlicher Erfahrung, der einer Überholung bedarf in Anbetracht dessen, was ihr eurer Aussage nach als menschliche Wesen sein wollt.
Ja, ich könnte mir vorstellen, daß auch der politischen Arena einige Veränderungen guttäten.
GANZ GENAU.