Inferno

Lisa blickte hektisch von einem zum anderen.

»Und was machen wir jetzt?«, stieß sie hervor. In ihren eigenen Ohren klang es kaum verständlicher als ein heiseres Husten.

»Ich hab ’ne Idee«, zischte Chris verbissen. Allerdings verriet sein Tonfall den anderen, dass er selbst kein allzu großes Vertrauen in seinen Einfall hatte.

»Und die wäre?«, fragte Nils.

Aber Chris hatte sich schon herumgeworfen und kletterte an der Karosserie des Mähdreschers hinauf. Augenblicke später saß er hinterm Steuer. Seine Blicke fuhren gehetzt über die Armaturen des Stahlgiganten.

»Kannst du das Ding etwa fahren?«, rief Nils ihm zu.

»Weiß nicht«, gab Chris knapp zurück. »Ich kann’s wenigstens versuchen. Der Schlüssel steckt jedenfalls.«

»Ich denke, du hast früher nur in Großstädten gewohnt?«, sagte Lisa. Sie dagegen hatte ihr ganzes Leben in Giebelstein verbracht und trotzdem keine Ahnung, wie man einen Traktor fuhr. Geschweige denn ein solches Ungetüm.

Chris gab keine Antwort. Bald war jedoch abzusehen, dass auch er an der riesigen Maschine scheitern würde.

Nils kletterte an seine Seite. »Lass mich mal.«

»Dich?«, meinte seine Schwester zweifelnd.

»Der Rasenmäher zu Hause ist doch auch ’ne Art kleiner Traktor«, erwiderte Nils mit gespielter Zuversicht. »Im Grunde ist ein Mähdrescher doch nur der große Bruder von so ’nem Ding, oder?«

Kyra war derweil zum Tor gelaufen und tat ihr Bestes, zumindest die Scheuchen auf dem Vorplatz im Auge zu behalten. Aber es waren zu viele. Immer, wenn sie nach rechts oder links blickte, waren dort schon wieder ein paar von ihnen auf rätselhafte, lautlose Weise näher gekommen.

Von der Rückseite der Scheune ertönte ein lautes, abgehacktes Poltern.

»Das sind sie!«, schrie Lisa. »Sie sind jetzt an der Außenwand.«

»Dann wollen wir doch hoffen, dass sie nicht einfach durch Wände gehen können«, presste Nils hervor. Er fummelte angestrengt am Zünder der Maschine, und schließlich hatte er Erfolg.

Mit ohrenbetäubendem Getöse sprang der Mähdrescher an. Graue Abgaswolken stoben auf und erfüllten die ganze Scheune.

»Vorsicht da vorne!«, brüllte Nils.

Lisa sprang rasch zur Seite, als ihr Bruder oben auf dem Führerstand einen Hebel umlegte. Die gewaltigen Stahlklingen an der Vorderseite des Mähdreschers begannen kreischend zu rotieren.

»Damit müssten wir eine Bresche in die Scheuchen säbeln können«, sagte Chris. Er klopfte Nils auf die Schulter. »Gut gemacht.«

»Los, kommt hier hoch!«, rief Nils den beiden Mädchen zu.

Kyra und Lisa kletterten zu den Jungs hinauf. Auf der Sitzbank aus Kunstleder war viel zu wenig Platz für sie alle. Chris stieg hinter die Lehne, gleich neben den festgeschnallten Ersatzkanister mit Benzin, und klammerte sich daran fest. Die Mädchen zwängten sich neben Nils.

»Das Tor!«, rief Lisa.

Von der Rückseite ertönte abermals Poltern. Jetzt drangen ähnliche Laute auch von den Seitenwänden herüber.

Nils machte ein grimmiges Gesicht. »Wir haben keine Zeit mehr!« Und damit brachte er den Mähdrescher in Fahrt. Hungrig verschlangen die Klingen Wolfs Kerzenzirkel.

»Zieht die Köpfe ein!«, brüllte Chris noch, dann brach die Klingenleiste der Maschine schon durch das morsche Scheunentor. Wie durch ein Wunder wurde keiner der vier von den zusammenstürzenden Torflügeln erschlagen, nur Nils bekam eine Schramme an der Stirn ab. Trotzdem lenkte er das Stahlungeheuer weiter auf den Vorhof.

Ein Ruckeln und Zittern wie von einem Erdbeben fuhr durch die Maschine. Nils überrollte die erste Scheuche. Lautes Bersten und Knirschen hallte durch die Wälder, als die langen Glieder der Kreatur zwischen den Klingen des Mähdreschers verschwanden und zu Kleinholz zerraspelt wurden.

»Es funktioniert!«, rief Kyra aufgeregt.

Weitere Scheuchen wurden niedergewalzt und klein gehäckselt. Während Nils angestrengt nach vorne blickte, schauten die drei anderen zur Seite, um jene Scheuchen, die nicht in der Spur des Mähdreschers standen, in Schach zu halten. Trotzdem konnten sie nicht verhindern, dass immer neue Vogelscheuchen aus dem Dunkel am Waldrand auftauchten oder abrupt vor der Maschine emporwuchsen.

Scheuche um Scheuche wurde von den Klingen erfasst. Holzspäne stoben auf und ergossen sich über die vier Freunde auf dem Führerstand.

»Fahr schneller!«, brüllte Chris in Nils’ Ohr.

»Geht nicht. Es sind zu viele. Die Klingen sind gleich verstopft.«

Tatsächlich rumpelte der Mähdrescher nur noch drei, vier Meter weiter, dann blieb er mit einem letzten Stottern des Motors stehen. Genau im Zentrum des Vorplatzes. Inmitten der Vogelscheuchenarmee.

Schwarzer Qualm drang aus den festgefahrenen Klingen und unter der Motorhaube hervor. Die Maschine war gebaut, um Getreidefelder abzuernten, nicht um einen ganzen Wald aus Vogelscheuchen zu zerkleinern.

Hektisch schauten die vier sich um. Zu drei Seiten waren sie von unzähligen Scheuchen umgeben. Alle hatten ihnen die ausdruckslosen Leinengesichter zugewandt. Unsichtbar blickten leere Augenhöhlen zu den Freunden auf dem Mähdrescher empor.

Sie saßen fest. Die Maschine erhob sich wie eine einsame Insel im Meer der Scheuchen. Die vier hockten etwa zweieinhalb Meter über dem Boden; zumindest befanden sie sich damit hoch über den Köpfen der Wesen. Trotzdem würden die Scheuchen sie auch hier oben früher oder später erreichen.

Sekundenlang waren alle stumm vor Entsetzen. Als Erste fand schließlich Kyra ihre Stimme wieder. »Zurück!«, schrie sie gellend. »Wir müssen zurück zur Scheune!«

»Aber von da kommen wir doch gerade!«, gab Nils aufgebracht zurück.

»Trotzdem sind wir da sicherer als hier draußen.«

Die Schneise, die der Mähdrescher in das Scheuchenheer geschlagen hatte, wurde allmählich wieder schmaler, als mehr und mehr Vogelscheuchen an den Rändern auftauchten.

»Sie versuchen, uns den Rückweg abzuschneiden!«, rief Lisa.

Sie und Kyra glitten von der Maschine auf den Boden, Nils folgte ihnen. Nur Chris verharrte einen Moment länger. Er hatte etwas entdeckt.

Einen Augenblick später sahen es auch die anderen.

Auf dem Waldweg war ein Fahrzeug aufgetaucht. Tante Kassandras alter VW-Käfer!

»Was macht die denn hier?«, schrie Nils, aber keiner gab ihm eine Antwort. Es blieb nicht die Zeit, sich über irgendetwas zu wundern. Sie mussten nur schleunigst zurück in die Scheune.

Der Käfer stoppte abrupt, als die beiden Insassen erkannten, was auf dem Hof vorging. Tante Kassandra hieb auf die Hupe ein, um die Scheuchen von den vier Freunden abzulenken, aber die stummen Kreaturen beachteten sie nicht. Unaufhaltsam verstellten sie den Fluchtweg.

»Lauft!«, brüllte Kyra, dann rannte sie los. Lisa war neben ihr, gefolgt von Nils. Chris wollte gerade vom Mähdrescher klettern, als er sah, wie der alte Herr Fleck aus dem Käfer kletterte.

»Hier, fang das auf.«, rief der Archivar ihm zu und schleuderte mit aller Kraft eine kleine Holzkiste zu Chris hinüber. Wie in Zeitlupe segelte sie über die Köpfe der Scheuchen hinweg und landete sicher in Chris’ Händen. Er prellte sich die Finger an den harten Kanten, erkannte aber gleich, um was es sich handelte: Es war die Kiste mit den Pestnägeln, die Herr Fleck in seinem Archiv entdeckt hatte.

»Was soll ich damit?«, rief Chris hilflos zum Wagen hinüber.

Der Archivar wedelte mit einem alten Buch.

»Hier steht drin, dass ein Nagel magische Macht hat. Aber zwei davon kehren den Prozess um. Schlagt einen zweiten Nagel in jede Scheuche, und sie sterben!«

»Tolle Idee!«, raunzte Chris. »Und wie, bitte, sollen wir das anstellen?«

»Chris!«, kreischte Kyra. Sie und die anderen hatten das zerstörte Scheunentor erreicht. »Beeil dich!«

Die Vogelscheuchen hatten die Schneise fast geschlossen. Mit einem weiten Satz sprang Chris in die Tiefe und rannte gebückt und im Zickzack zwischen den Wesen hindurch. Er erreichte die Scheune im selben Moment, als die erste Vogelscheuche oben auf dem Mähdrescher auftauchte.

Lisa hatte gehört, was Herr Fleck gerufen hatte. Sie lief voraus ins Innere der Scheune und riss die Nagelpistole von Wolfs Werkzeugwand. Normalerweise diente sie dazu, Nägel in Bretter zu schießen, um so das lästige Hämmern zu vermeiden. An einem Regler ließ sich die Größe der benutzten Nägel einstellen.

»Vielleicht klappt’s damit«, keuchte sie, als sie zurück zu den anderen eilte.

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