Das Bücherlabyrinth

Der alte Herr Fleck wohnte zwischen Büchern. Er lebte für seine Bücher. Er atmete ihren Jahrzehnte alten Staub. Und manch ein Witzbold behauptete sogar, er esse Bücher, wenn kein normaler Mensch hinsah.

In mancher Hinsicht ähnelte er dem kauzigen Herrn Mohr, dem Besitzer von Giebelsteins einziger Buchhandlung. In der Tat kursierten im Ort allerlei Scherze, in denen die beiden miteinander verglichen wurden. Beide waren alt, gingen ein wenig gebeugt und sprachen oft mit sich selbst. Und für beide waren Bücher ihr ganzer Lebensinhalt.

Doch während Herr Mohr seinen düsteren Laden durchaus an manchen Tagen verließ, um zur Kirche zu gehen oder lange Spaziergänge über die Hügel zu machen, kam Herr Fleck so gut wie nie ans Tageslicht. Als Giebelsteins Stadtarchivar verbrachte er seine Zeit in den Kellergewölben unter dem Rathaus. Hier wurden halb vergessene Stadtchroniken aufbewahrt, deren älteste Bände bis weit zurück ins Mittelalter reichten. Herr Fleck verwaltete, archivierte und restaurierte Dokumente, die mehr Jahre auf dem Buckel hatten als die meisten Gebäude der Stadt. Er frischte verblasste Tinte auf, klebte brüchige Papierfetzen und sorgte für neue Bindungen, wenn einige der alten Bücher aus dem Leim gingen.

Und, was noch wichtiger war, er kannte jedes Detail aus Giebelsteins Geschichte. Ganz gleich, nach welchem Namen man ihn fragte – ob Persönlichkeit oder einfacher Bauernknecht –, Herr Fleck kannte sie alle. Wenn es Unterlagen über eine Person gab, dann hatte er sie im Kopf. Oder wusste zumindest, wo sie in kürzester Zeit zu finden waren.

Die Archivgewölbe der Stadt erstreckten sich unterhalb des alten Rathauses und – so munkelte man, ohne es allerdings mit völliger Sicherheit zu wissen – auch unter dem gesamten Marktplatz. Außer Herrn Fleck kannte niemand die vollständige Ausdehnung der unterirdischen Bücherkatakomben. Nicht einmal die zahlreichen Bürgermeister, die der alte Mann im Laufe seines Lebens hatte kommen und gehen sehen, hatten je versucht, die verwinkelten Gänge und Regalreihen zu erforschen. Sicher, der eine oder andere war zu Herrn Fleck hinuntergestiegen und hatte sich herumführen lassen. Aber keinem hatte der alte Archivar wirklich alles gezeigt. Die meisten hatten sich ohnehin nach der dritten Abzweigung gelangweilt und waren eilig wieder hinauf ans Licht gestiegen, um sich ihren Amtsgeschäften zu widmen.

Und so kam es, dass Herr Fleck in den Archivgewölben herrschte wie ein König ohne Volk, Herr über tausende und abertausende von Büchern und Dokumenten, deren Erhalt und Katalogisierung er sein ganzes Leben gewidmet hatte.

Vor zwei Jahren hatten Kyra, Lisa und Nils ihn kennen gelernt, als ihre Schulklasse einen Ausflug ins Rathaus unternommen hatte. Sie hatten dort einen Vortrag über den Verwaltungsapparat der Stadt hören sollen, er war ihnen jedoch schon nach ein paar Minuten zu langweilig geworden. Die drei hatten sich von der Gruppe abgesetzt und waren neugierig der Treppe weiter nach unten gefolgt, bis sie plötzlich vor Herrn Fleck gestanden hatten. Der alte Mann hatte ihnen einen gehörigen Schreck eingejagt, als er so unvermittelt aus dem Dämmerlicht der Gewölbe aufgetaucht war. Doch damals hatten sie ihn, ganz im Gegensatz zu seinem Ruf, als freundlichen, wenn auch ein wenig merkwürdigen älteren Herrn kennen gelernt.

Dass Kyra ausgerechnet ihm den Abdruck der Nagelgravur zeigen wollte, war ein spontaner Gedankenblitz gewesen. Falls das Muster in Giebelsteins langer Geschichte schon einmal aufgetaucht war, würde nur Herr Fleck wissen, wann, wo und unter welchen Umständen dies geschehen war.

Heute war Samstag, und Lisa und Nils mussten den Vormittag über ihren Eltern, den Besitzern des Hotels Erkerhof, zur Hand gehen. Deshalb hatten sich Kyra und Chris allein auf den Weg zum Rathaus gemacht. Sie befürchteten, dass man sie gar nicht erst zu Herrn Fleck vorlassen würde, deshalb stahlen sie sich an der wachsamen Empfangsdame am Eingang vorbei. Unbemerkt gelangten sie auf die gewundene Steintreppe, die in die Tiefe der Büchergewölbe führte.

Wenig später klopfte Kyra an die schwere Eichentür, die den Eingang des Archivs verschloss. Chris, der dem Archivar noch nie begegnet war, hatte keine rechte Vorstellung, was sie hier erwartete. Er vertraute Kyras Instinkt.

Die Tür wurde von innen geöffnet. Trockene, staubige Luft wirbelte ihnen entgegen. Ein Geruch breitete sich aus wie in den Tiefen eines alten Kleiderschranks, der zu lange auf dem Dachboden gestanden hatte.

Herr Fleck war klein für einen erwachsenen Mann, nicht größer als Chris, was zum Teil an seiner gebückten Haltung liegen mochte. Er hatte schneeweißes Haar, zu struppig, um gepflegt auszusehen, und sein Gesicht war runzlig wie Fallobst im Spätsommer.

»Was zum Teufel?«, entfuhr es ihm erstaunt.

Einen Moment lang befürchtete Kyra, er würde sie fortschicken. Doch dann schlich sich ein freundliches Lächeln über die Züge des Archivars. »Kyra Rabenson! Ja, natürlich, ich erinnere mich an dich. Du warst sehr wissbegierig bei deinem letzten Besuch. Oder soll ich lieber sagen, vorwitzig?« Er lachte leise. »Wie ich sehe, hast du noch jemanden mitgebracht. Wie ist dein Name, mein Junge?«

»Chrysostomus Guldenmund. Meine Freunde nennen mich Chris.«

Die buschigen weißen Augenbrauen des Alten zuckten nach oben. »Chrysostomus? Wie interessant. Griechisch für ›goldener Mund‹, nicht wahr?«

Chris nickte. Er war in Athen geboren, als sein Vater dort als Diplomat gearbeitet hatte. Damals hatten seine Eltern kurzerhand ihren Nachnamen ins Griechische übersetzt und zum Vornamen ihres Sohnes gemacht.

Fleck bat die beiden herein und schloss die Tür.

Es war düster hier unten, nur über dem großen Schreibtisch des Archivars brannte eine Lampe. Ihr Schein umfasste exakt die Arbeitsfläche des alten Mannes, keine Handbreit mehr. Überall waren Türme aus Büchern und losen Dokumenten aufgestapelt, manche bedeckt mit fingerhohen Staubschichten.

In der umliegenden Dunkelheit konnten Kyra und Chris vage die Mündungen von schmalen Gängen erkennen, die durch deckenhohe Bücherregale voneinander getrennt waren. Sie sahen aus wie Tunneleingänge in einem Tierbau. Aus den finsteren Schlünden zischte ein kalter Luftzug heran, durchsetzt mit den Gerüchen von Alter und Moder. Die hinteren Teile dieser Büchergänge mussten unterhalb des Marktplatzes liegen. Wenn es stimmte, dass der ganze Platz vom Labyrinth der Archivgewölbe unterhöhlt war, musste die Anlage gigantisch sein.

Aus dem Dämmerlicht zog Fleck einen Stuhl heran und setzte sich hinter den Schreibtisch. Dann fragte er die beiden, was sie zu ihm führte.

Auf dem Weg zum Rathaus hatten sie ausführlich darüber gesprochen, wie viel sie dem Archivar erzählen wollten. Die ganze Wahrheit? Nur einen Teil? Oder sollten sie eine gänzlich neue Geschichte erfinden, wie sie an den Abdruck des Nagels gekommen waren?

Schließlich aber hatten sie sich entschlossen, bei der Wahrheit zu bleiben. Sie wollten Herrn Fleck um Hilfe bitten, und es wäre kein guter Anfang gewesen, wenn sie ihn von vornherein belogen hätten. Also berichteten sie ihm alles, was vorgefallen war – lediglich die Sieben Siegel erwähnten sie mit keinem Wort. Außer Tante Kassandra und Kyras Vater, Professor Rabenson, wusste niemand von den magischen Malen.

Nachdem sie mit ihrem Bericht fertig waren, zog Kyra die Lehmkugel hervor. Sie war hart und bröcklig geworden, doch der Abdruck der Nagelgravur war unbeschädigt.

Der Archivar erhob sich von seinem Stuhl und nahm die Kugel vorsichtig entgegen. »Soso«, murmelte er nachdenklich. Und: »Hm, hm.«

Beides fanden Kyra und Chris nicht allzu ergiebig, aber sie warteten geduldig, dass Herrn Fleck noch mehr dazu einfallen würde. Während er noch grübelte, wurde Kyra mit einem Schlag bewusst, wie unangenehm es ihr war, mit dem Rücken zur Dunkelheit der unterirdischen Gänge zu sitzen. Aus den finsteren Mündungen mochte sich ihnen wer weiß was nähern, mit schleichenden, schlurfenden Schritten und blitzenden Fängen.

Nein, wies sie sich eilig zurecht, hier sind wir sicher. Müssen einfach sicher sein.

Trotzdem konnte sie nicht anders: Sie warf einen schnellen Blick über die Schulter, nur um erleichtert festzustellen, dass die Gangmündungen verlassen dalagen. Das war es, was der Fluch der Sieben Siegel mit sich brachte: ewiges Misstrauen, immer auf der Hut sein. Jeder Fehler, jede Unachtsamkeit konnte das Ende bedeuten.

Der Archivar hielt den Abdruck ins Licht der Lampe. Drehte ihn. Betastete ihn. Roch sogar daran.

Dann, endlich, sagte er leise: »Das Zeichen des Schwarzen Todes.«

Chris riss die Augen auf. »Der Schwarze Tod? Meinen Sie damit die –«

»Die Pest, allerdings«, führte Fleck Chris’ Satz zu Ende. »Die schlimmste Seuche, die das mittelalterliche Europa je heimgesucht hat. Millionen von Todesopfern. Endloser Schmerz. Und nicht die Spur eines Heilmittels.«

img6.jpg