Leseprobe: Tessy und die Zärtlichkeit des Kommissars

 

 

Leseprobe

Tessy und die Zärtlichkeit des Kommissars

von Lara Wolf

 

Aus der Erotik-Krimi-Reihe

“Ermittlungen in der Hauptstadt der Liebe”

 

FS-Verlag Edition Störtebeker

eBook Neuerscheinung

ISBN 978-3-932733-21-5

 

 

1

 

Sie zog sich die Bettdecke über den Kopf, aber das nervtötende Geräusch war immer noch deutlich zu hören. Pepper oder Chili, dachte sie und stöhnte. Einer der beiden Kater drehte wahrscheinlich seine übliche Nachtrunde durchs Haus und kickte dabei irgendeinen Gegenstand vor sich her, oder die beiden prügelten sich um den kleinen Gummiball, den sie ihnen mitgebracht hatte … Am Abend zuvor hatten die Katzen ihres Onkels den Ball noch mit hoheitsvoller Missachtung gestraft, aber das musste ja nichts heißen. Tessy warf die Decke mit einer heftigen Bewegung zurück, richtete sich auf und lauschte mit seitlich geneigtem Kopf in die Dunkelheit. Das Geräusch wurde nicht von den Katzen verursacht, dachte Tessy. Sekunden später angelte sie unter dem Bett nach ihrem Baumwollhemd. In der Brusttasche steckte das Handy, bei dem Vibrationsalarm eingestellt war – und der verursachte auf den Holzdielen dieses klappernde Brummen.

Sie zog das Handy hervor und ließ sich wieder in die Kissen sinken – direkt in Gertruds Arme.

„Mach bloß das Teil aus“, nuschelte die, zog Tessy eng an sich und begann an ihrem Ohr zu knabbern.

„Ja, gleich – ich will bloß mal sehen, wer mitten in der Nacht …“

Gertrud packte ihre Hand, entwand ihr das Telefon und stopfte es unters Kopfkissen. Tessy kicherte. Es war kaum eine Stunde her, dass sie nach einer ebenso aufregenden wie anstrengenden Liebesnacht erschöpft eingeschlafen waren. Tessy schmeckte der Erregung nach und spürte ein sanftes Ziehen im Bauch. – Gertrud hat ungemein geschickte Finger und eine Zunge, die länger und agiler ist als mancher Schwanz, dachte Tessy und grinste. Außerdem hat sie ein Faible für Spielchen jeder Art …

Gertrud schob ein Bein über Tessys Oberschenkel und rückte dicht an Tessy heran. Mit einer Hand begann sie, Tessys Nippel zu massieren, die sofort hart wurden.

„Unten oder oben?“, murmelte Gertrud.

„Hm. Was?“

„Willst du unten oder oben liegen?“

Tessy lachte und spürte, dass sie schon wieder feucht wurde. Gertrud legte sich auf Tessy und hielt Tessys Hände fest. Gertruds Körper fühlte sich schwer und warm an, vertraut und aufregend zugleich. Gertrud biss Tessy sanft in den Hals, glitt mit der Zunge in Tessys Ohr und begann, sich träge und selbstvergessen auf ihr zu bewegen. Mit einer Hand tastete sie nach Tessys Schoß und stöhnte leise, als sie die Feuchtigkeit spürte, in die sie mit zwei Fingern hinein glitt. Mit drei. Tessy atmete schneller, als Gertrud begann, ihr Schambein an Tessys Schoß zu reiben und ihr dann die Oberschenkel mit festem Griff auseinander schob.

„Du bist unersättlich“, flüsterte Tessy stöhnend. Unter ihrem Kopf begann das Handy erneut zu vibrieren, aber das war im Moment zweitrangig. Gertrud umfasste mit beiden Händen Tessys Pobacken und begann, sich heftiger zu bewegen, während Tessy die Beine hinter Gertruds Hüften verschränkte und sich zitternd an sie presste. Kurz bevor sie kam, hielt Gertrud kurz inne und schob dann aufreizend langsam mehrere Finger in Tessys Möse. Tessy wurde schwindelig vor Wollust.

„Meine Güte“, stöhnte sie. „Mach schon – stoß mich! Aber richtig!“

„Wer ist hier unersättlich?“, fragte Gertrud mit leisem Lachen, bevor sie kraftvoll zustieß.

Tessy atmete scharf ein. Sie krallte ihre Finger ins Laken, spreizte ihre Beine, soweit es ging, und gierte mit vorgeschobener Hüfte nach jedem Stoß. Dann kam sie, als hätte sie monatelang keinen Sex gehabt, wovon definitiv nicht die Rede sein konnte. Tessy konnte sich an keinen Zeitraum nach ihrem sechzehnten Lebensjahr erinnern, in dem das der Fall gewesen wäre. Minuten später rollte sie sich unter der Decke ein, während Gertrud aufstand und sich nach einem letzten Kuss verabschiedete. „Ich hab heute noch einiges vor und mache mich auf den Weg – wir sehen uns“, sagte sie leise. „Träum was Schönes.“

„Mach ich.“

Die Haustür klappte leise. Im gleichen Moment vibrierte zum dritten Mal das Handy.

Es könnte sich bei dem frühen Anrufer um Edgar handeln, Tessys Onkel, der zur Zeit einen Freund in Bayern besuchte und dem durchaus zuzutrauen war, in aller Herrgottsfrühe anzufragen, ob es seinen Katzen gut ging und das Haus noch stand. Tessy tastete leise stöhnend nach dem Telefon und stellte die Verbindung her. Am anderen Ende erklang eine Frauenstimme, die sie nicht zuordnen konnte. Jedenfalls nicht sofort.

„Tessy? Bist du es?“ Die Stimme war flach und heiser.

„Wer spricht denn da?“ fragte Tessy und gab sich wenig Mühe, ihr Gähnen zu unterdrücken.

„Kerstin.“

Tessy hob den Kopf, rieb sich die Augen und tastete nach dem Schalter der Nachttischlampe. „Kerstin?“ Das Licht blendete. Sie blinzelte in Richtung Wecker. „Bei aller Freundschaft, aber sag mal, weißt du eigentlich, wie spät es ist?“

„Patrick. Es geht um Patrick.“

Tessys Herzschlag beschleunigte sich.

„Du musst kommen – sofort! Bitte!“

 

Patrick Riemer war nach der Trennung von seiner Frau Kerstin vor zwei Jahren nach Berlin Lichterfelde gezogen und wohnte im obersten Stock eines vierstöckigen sanierten Altbaus. Kerstin hatte zwar nicht die Scheidung eingereicht, aber die Beziehung zunächst für beendet erklärt, als Patricks Alkoholprobleme überhand genommen hatten – auch zum Schutz ihrer beiden gemeinsamen Kinder Cindy und Nick. Tessy hatte sich so manche Nacht um die Ohren geschlagen, damit die Freundin sich bei ihr ausheulen konnte. In den letzten Monaten waren sich Patrick und Kerstin wieder näher gekommen, und es hatte Tessy nicht sonderlich überrascht, dass die beiden es noch einmal miteinander versuchen wollten und eifrig Zukunftspläne schmiedeten. Patrick hatte es verdient; Kerstin sowieso. Tessy hielt ihn für einen passablen Typen und engagierten Vater, und die beiden waren ein gutes Team – so lange Patrick sich nicht vom Stress im Job unterkriegen ließ oder ihn mit Alkohol bekämpfen wollte. Aber das spielte jetzt alles keine Rolle mehr. Innerhalb weniger Stunden war alles zusammengebrochen, was für Kerstin und ihre Kinder wichtig und bedeutungsvoll gewesen war. Patrick war tot.

Als Tessy in eine Nebenstraße einbog, um nach einem Parkplatz Ausschau zu halten, sah sie schon von weitem Polizei- und Krankenwagen. Ihre Knie zitterten, als sie ausstieg. Sie konnte immer noch nicht glauben, was Kerstin ihr in abgerissenen Satzfetzen zugeraunt hatte, während sie in ihre Klamotten geschlüpft war.

Die Tür zum Treppenhaus stand auf, und Tessy betrat den Flur. Sie hörte Stimmen, Schritte, Telefonklingeln. Leute standen in Morgenmänteln herum – wahrscheinlich Nachbarn, die die Unruhe aus dem Bett getrieben hatte. Oder die Neugier. Tessy schob sich an ihnen vorbei. Zwei uniformierte Polizisten kamen ihr entgegen, gefolgt von einem Mann und einer Frau in weißer Schutzkleidung. Kriminaltechnik.

Tessy hatte während ihrer Zeit als Journalistin häufig über Kriminalfälle geschrieben, was sie außerordentlich spannend gefunden hatte, aber es wäre ihr nicht im Traum eingefallen, dass sie auch mal ganz privat mit der Kripo zu tun haben könnte und nun einer Freundin zur Seite stehen musste, deren Mann auf grausigste Weise ums Leben gekommen war.

Kerstin saß im Wohnzimmer auf der Couch – das konnte Tessy durch die halbgeöffnete Wohnungstür erspähen. Das Gesicht in den Händen vergraben. Tessy schob die Tür ganz auf und machte den halbherzigen Versuch, sich zu sammeln.

Plötzlich stand ein groß gewachsener Mann in Jeans und Lederjacke vor ihr und verstellte ihr den Weg. Tessy brauchte nur eine Sekunde, um ihn zu erkennen: Kriminalhauptkommissar Dirk Hanter. Bartschatten, blaue, schmale geschnittene Augen unter dunklen Brauen und ein nachdenklicher Mund, der im Moment sehr müde wirkte. Oder erschöpft. Auch Dirk Hanter war offensichtlich erst kürzlich aus dem Bett geholt worden. „Sie können hier im Moment nicht einfach …“ Er brach ab und musterte sie verblüfft. „Heh, Tessy.“

„Doch, ich kann. Hallo Dirk“, gab Tessy zurück.

Hanter war einer von den Kriminalbeamten, mit denen sie noch bis vor kurzem oft zu tun gehabt hatte. Sie mochte ihn, und zwar nicht nur weil er ihr gegenüber trotz seiner berufsbedingten Vorbehalte gegen die schreibende Zunft häufiger mal eine Bemerkung mehr über den einen oder anderen Fall gemacht hatte. Sie fand ihn anziehend. Männer wie er sorgten dafür, dass Tessys Interesse auch am Sex mit dem anderen Geschlecht nicht nachließ. Trotz Gertrud oder Sabine oder Maika oder wie sie gerade hießen. Tessy legte sich nicht gerne fest. So oder so nicht. Warum auch? Sie liebte die Abwechslung und das Spiel mit dem Feuer, sie war neugierig und stets auf der Suche, und so lange sie keine Lust verspürte, eine feste Beziehung einzugehen, mit wem auch immer, oder eine Familie zu gründen, sah sie keinerlei Anlass, ihr Liebesleben in so genannte geordnete Bahnen zu lenken. Wie langweilig. Egal, was andere dazu sagten. Glücklicherweise war Gertrud ganz und gar ihrer Meinung, und die beiden verbrachten aufregende Stunden miteinander, um dann jeweils ihrer Wege zu gehen. Ein wunderbares Arrangement.

Dirk lehnte sich an den Türrahmen. „Du bist früh unterwegs. Hast du Polizeifunk gehört?“

„Nein. Ich bin privat hier. Kerstin hat mich angerufen. Sie ist eine enge Freundin.“

„Ach du Scheiße.“ Hanter sah sie einen Moment schweigend an. „Okay, verstehe. Du kanntest ihren Mann also auch?“

„Ja. Lässt du mich jetzt erst mal zu ihr? Ich glaube, sie braucht mich ziemlich dringend.“

Hanter nickte und gab die Tür frei. „Sag mal, stimmt das eigentlich – ich habe gehört, dass du gar nicht mehr beim Tagesblatt bist?“

Sie hob das Kinn. „Ja, und ich bin heilfroh darüber.“

„Und was machst du jetzt so?“

„Urlaub im sonnigen Süden von Berlin und mich um meine Freundin kümmern.“

„Aha. Na schön – wir reden später noch. Ach, noch was …“ Er nickte in Kerstins Richtung. „Gerade war eine Ärztin hier und hat ihr was gegeben. Nur dass du Bescheid weißt.“ Dann wandte er sich um und schlenderte in die Küche. Tessy blickte ihm kurz hinterher, bevor sie den Raum betrat.

Kerstin sah ihr entgegen. Ihr Gesicht war verquollen und fleckig. Ein frischer Luftzug wehte durch die offene Balkontür herein. Tessy bemerkte die Silhouette eines Mannes – ein Kriminaltechniker nahm Fingerabdrücke, fotografierte und überprüfte das Geländer, über das Patrick irgendwann in der Nacht in die Tiefe gestürzt war, um einen Moment später von den Eisenspitzen des Zauns aufgespießt zu werden. Zwei Passanten hatten ihn entdeckt. Sie setzte sich neben Kerstin und legte den Arm um sie. Die Freundin zitterte, als wäre sie völlig ausgekühlt. Sie roch nach Schweiß und Angst. Tessy strich mit zarten, vorsichtigen Händen über ihren Rücken und spürte, wie die Verzweiflung auf sie übergreifen wollte.

 

 

2

 

Als Tessy fast drei Stunden nach ihrem frühen Aufbruch nach Marienfelde zurückkehrte, hatte sie frische Brötchen dabei. Es kam ihr ziemlich unpassend vor, an ein appetitliches Frühstück zu denken, aber sie hatte Hunger, und mit leerem Bauch war sie zu nichts zu gebrauchen. Außerdem verfügte sie grundsätzlich über einen robusten Magen und einen gesunden Appetit, auch und gerade bei nervlicher Anspannung, was ihre gertenschlanke und diätversessene Mutter stets entsetzte – aber das spielte nun wirklich keine Rolle.

Tessy betrat das Grundstück durch die kleine Gartentür. Direkt hinterm Zaun begannen Wiese und Felder, der südliche Berliner Mauerweg und das Land Brandenburg: ein Paradies für Hundebesitzer, Jogger, Radfahrer, wobei sich die Interessen der einzelnen Gruppen manchmal ein wenig überschnitten …

Onkel Edgar hatte wie einige seiner Nachbarn vor Jahrzehnten begonnen, seine Laube Stück für Stück zu einem festen Wohnsitz auszubauen. Ganz fertig war er nie geworden, zumal seine handwerkliche Begabung gutes Hobbymittelmaß kaum überschritt, und das Haus wirkte weder besonders gepflegt noch schön, erst recht nicht nach dem Tod seiner Frau Martha vor gut zehn Jahren. Benutztes Geschirr musste schon mal zwei, drei Tage im Spülbecken ausharren, und mit dem Putzen nahm er es auch nicht so genau … Kurz und gut: Sein Domizil war nichts für empfindliche Nasen, und bei einer hausfraulichen Begutachtung hätte es außer in der Sparte kauziger Charme kaum Chancen. Es betörte eher durch seine raue Individualität – wie er selbst auch.

Edgar war Tierpfleger im Berliner Zoo gewesen, spezialisiert auf Katzen in jeder Größe und Stimmungslage. Manchmal kam er Tessy selbst wie ein alter zerzauster und ziemlich schlauer Kater vor, aber das sagte sie ihm nicht. Seit er die fünfundsiebzig überschritten hatte, reagierte er hin und wieder etwas empfindlich auf das Wort „alt“.

Vor einigen Wochen, als ihr finanzieller Engpass nach dem Aus beim Tageblatt immer offensichtlicher geworden war, hatte Edgar ihr angeboten, ihre teure Wohnung in Kreuzberg aufzugeben und erstmal in sein Haus zu ziehen. Sie könnte für ein bisschen Ordnung und Sauberkeit sorgen und sich um seine Katzen Pepper und Chili kümmern, während er endlich sein Versprechen einlöste und für einige Monate einen alten Freund besuchte, der sich in Bayern beim Bund Naturschutz in einem Projekt für Wildkatzen engagierte. Wenn Edgar zurückkehrte, würde man weitersehen. Nach seinen letzten Anrufen zu schließen, war er inzwischen so eifrig bei der Sache, dass man ihn gar nicht mehr weglassen wollte. Tessy freute sich für ihn – und war ihm zutiefst dankbar. Nicht zum ersten Mal in ihrem Leben.

Sie schloss die Haustür auf, und die Kater schossen um die Ecke. Pepper war ein dunkelgrauer kräftiger Bursche von mindestens acht, wahrscheinlich sogar zehn Jahren, der sich bei zahllosen Revierkämpfen schon so manche Schramme zugezogen hatte. Wie die jeweiligen Gegner anschließend ausgesehen hatten, darüber schwieg er sich mit unergründlichem Blick aus. Chili war das genaue Gegenteil: ein drahtiger, roter Irrwisch mit mauliger Stimme, kaum drei Jahre alt, den man sich gut als anfeuernden Aufrührer vorstellen konnte. Beide Tiere waren Edgar zugelaufen.

Tessy füllte die Fressnäpfe; Sekunden später ließen es sich die beiden mit lautem Schmatzen gut gehen, und sie kümmerte sich um ihr Frühstück.

Nach zwei Körnerbrötchen, einem Croissant und einer Kanne Kaffee fühlte sie sich genügend gestärkt, um mit Dirk Hanter zu telefonieren und nach den ersten Erkenntnissen zu fragen, worum Kerstin sie ausdrücklich gebeten hatte. Tessy hoffte, dass man mittlerweile genauer nachvollziehen konnte, was eigentlich passiert war.

Sie starrte einen Moment ins Leere, nestelte schließlich ihr Handy aus der Brusttasche und griff aus dem wackligen Regal neben der Anrichte nach Stift und Block. Sie war auch im Job immer ein Fan der handschriftlichen Notizen gewesen und hatte Diktiergeräte selten benutzt. Was sie einmal notiert hatte, war zumindest flüchtig durchdacht und geordnet. Dass sie aufgrund ihrer langjährigen Berufserfahrung einen guten Draht zu Behörden hatte und wusste, wo man ansetzen musste, um Informationen zu erhalten, machte die Sache nicht angenehmer, aber leichter. Rasch schrieb sie unter dem aktuellen Datum einige Stichpunkte auf, dann wählte sie Dirks Mobilnummer. Hanter meldete sich sofort.

„Wisst ihr schon genauer, was passiert sein könnte?“ fiel Tessy gleich mit der Tür ins Haus. Sie wusste, dass auf seinem Display ihr Name aufgeblinkt war.

„Hm“, gab der Kripobeamte mehr als einsilbig zurück.

„Frühstückst du gerade?“

„Nö“, erwiderte Dirk.

„Und?“

Er seufzte. „Hör zu, Tessy, du weißt, dass ich immer so viele Infos wie möglich an dich herausgebe, aber in diesem Fall …“

„Was ist mit diesem Fall?“

„Ach komm, dir müsste doch klar sein, dass ich dir im Grunde genommen gar nichts sagen darf. Du bist ja nicht mal als Journalistin unterwegs …“

Tessy biss sich auf die Unterlippe. „Nun mach mal halblang“, frotzelte sie. „Du hast gesehen, in welcher Verfassung Kerstin ist, und du weißt, dass wir eng befreundet sind und sie mich gebeten hat, alles Mögliche zu erledigen. Dazu gehört auch der Kontakt zur Polizei. Im Übrigen: Wer hat dafür gesorgt, dass du umgehend eine detaillierte Personenliste bekommst, mit der du sofort die Ermittlungen aufnehmen konntest? Du dürftest einige Stunden eingespart haben. Und noch was: Im Fall der Fälle habe ich niemals etwas von dir erfahren. Warum rufe ich wohl sonst auf deinem Handy an?“

„Hm.“ Das klang immer noch zögernd.

„Nun red schon. Hast auch ein Bier bei mir gut.“

„Wenn das kein Angebot ist.“

„Finde ich auch.“ Es muss ja nicht beim Bier bleiben, fügte sie im Stillen hinzu.

„Na schön, weil du es bist. Außerdem kann ich dich ja auch als Zeugin befragen, insofern … Weißt du eigentlich was davon, dass Patrick Riemer häufiger Schlaftabletten genommen hat?“

Tessy, die gerade den kläglichen Kaffeerest aus der Kanne in ihre Tasse tröpfeln ließ, hielt mitten in der Bewegung inne. „Wie bitte?“

„Ja, du hast richtig gehört: Schlaftabletten.“

„Patrick hat so’n Zeug nicht genommen.“ Tessy stellte die Kanne mit Nachdruck ab.

„Legst du dafür deine Hand ins Feuer?“

Tessy gab ein schnaufendes Geräusch von sich. „Ich lege für niemanden die Hand ins Feuer!“

„Aha.“

„Kein Aha. So gut kenne ich keinen Menschen“, betonte Tessy. Nicht mal mich selbst, fuhr es ihr durch den Kopf. „Lass es mich so ausdrücken: Patrick war der Ex und zugleich der zukünftige Mann meiner Freundin, den ich sicherlich ganz gut kannte, aber das war es dann auch schon“, fuhr sie fort. „Allerdings hätte Kerstin ganz sicher gewusst, wenn er regelmäßig Schlaftabletten konsumierte – und mich ins Vertrauen gezogen. Patrick hatte mal vor einiger Zeit massive Alkoholprobleme und …“

„Ach?“

„Ja – er ist trockener Alki und nimmt kaum mal eine Kopfschmerztablette, weil er Schiss vor dem Suchtpotential hat.“

„Interessant.“

„Finde ich auch. Warum fragst du eigentlich so genau nach?“

„Es spricht einiges dafür, dass Riemer jede Menge Tabletten intus hatte.“

Tessy überlegte. „Was willst du damit sagen?“

„Noch nichts Genaues, aber immerhin soviel, dass ich deine Freundin fragen werde, ob ihr Mann als suizidgefährdet eingestuft werden könnte.“

Tessy spürte, dass ihr das Frühstück plötzlich wie ein Zementklotz im Magen lag.

„Bist du noch dran?“ fragte Hanter.

„Ja, ja … Es ist nur – das haut mich um. Außerdem … nein: Das kann nicht sein.“

„Warum nicht?“

„Die beiden sind nach einer langen Trennungsphase wieder ein Paar geworden und planten, ihrer Ehe und der Familie eine neue Chance zu geben. Patrick, der in seiner alten Firma häufig Stress hatte, war es gelungen, einen neuen Job zu finden. Er war bester Dinge. Warum sollte er sich gerade jetzt …?“

„Wir haben Unterlagen von seinem alten Arbeitgeber bei ihm zu Hause gefunden“, fuhr Dirk fort. „Unternehmensberatung BORMAN & Partner, wie du ja wahrscheinlich weißt. Wie es nach einem ersten Gespräch mit der Geschäftsführerin des Unternehmens aussieht, hat er die mitgehen lassen.“

Tessy hielt inne. „Das kann ich nicht glauben.“

„Sobald deine Freundin sich einigermaßen gefasst hat, müssen wir eingehend mit ihr reden“, bemerkte Hanter. „Am besten heute noch. Im Moment sieht es jedenfalls ganz danach aus, als hätte ihr Mann eine Menge Mist gebaut und deshalb kurzen Prozess gemacht. Vielleicht wollte er sich auch nur betäuben und ist nachts auf den Balkon gegangen, wo es dann zu einem unglücklichen Sturz kam … Die Untersuchungen und Analysen der Kriminaltechnik werden uns bald genauer Aufschluss geben. Wusstest du übrigens, dass Riemer eine üppige Lebensversicherung abgeschlossen hatte?“

„Na und? Das machen viele Familienväter, wenn sie es sich leisten können.“

„Ich meine ja nur.“

„Du meinst selten einfach nur so etwas“, widersprach Tessy.

„Nein? Nun gut … Für den Augenblick soll das erst mal reichen. Bis dann.“

„Okay. Tschüss.“

Sie unterbrach die Verbindung und sah einen Augenblick ins Leere. Einige Sonnenstrahlen stahlen sich durchs Küchenfenster. Staubflocken tanzten in ihnen. Draußen schimpfte ein Eichelhäher. Wahrscheinlich hat er die Katzen bemerkt, dachte Tessy. Sie hielt den Gedanken – zumindest in diesem Moment – für völlig absurd.

Später versuchte sie, etwas Schlaf nachzuholen. Erholsam war der nicht. Immer wieder schreckte sie hoch und meinte, Kerstins verzweifelte Stimme zu hören. Schließlich stand sie auf, ging unter die Dusche und fuhr dann ihren Laptop hoch, um ihre Mails durchzusehen. Sie löschte Spam und überflog die Grüße und Mitleidsbekundungen von ehemaligen Kollegen und Kolleginnen – ernst gemeinte und scheinheilige hielten sich die Waage. Eine Nachricht war von ihrer Mutter, die an das im Frühsommer bevorstehende zehnjährige Jubiläum ihres Fitness- und Ernährungsstudios erinnerte und zu einem Fest in die Schlossstraße nach Steglitz einlud. Im Anhang hatte sie eine viele megabyteschwere Fotoserie mitgeschickt, darunter auch ihre so heiß geliebten Vorher-Nachher-Aufnahmen von einst übergewichtigen und nun sportlich schlank gestählten und selbstredend überglücklichen Frauen, die sich neben dem Kalorienzählen, Schlank-Kochen und der Bewegungshysterie offensichtlich zusätzlich einem Wettbewerb im Dauergrinsen verschrieben hatten.

Tessy stöhnte auf. Entweder sie lag mit vierzig Fieber oder zwei gebrochenen Beinen im Bett – oder sie hatte bei diesem Termin anzutreten. Ihre Mutter war eine perfekte Mischung aus Jane Fonda und Hillary Clinton und konnte faule Ausreden drei Meilen gegen den Wind riechen. Das einzig Gute an ihrem Studio war, dass Tessy dort Kerstin bei der Fünfjahresfeier kennen gelernt hatte. Ihre Freundin Kerstin ging nach wie vor eifrig in die völlig beknackten Hopse-Stunden, wie Tessy sie nannte, um etwas für ihre Fitness und gegen eine gewisse Fülligkeit zu tun. Tessys und Kerstins im Übrigen stets platonischen Freundschaft hatte das nie im Weg gestanden.

Eine Mail von Gertrud öffnete Tessy nach kurzem Zögern. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, um herumzuturteln; andererseits konnte sie etwas Aufmunterung und Ablenkung durchaus gebrauchen.

Ich war in einem exklusiven Shop – Du erinnerst Dich hoffentlich, dass wir heute Nacht darüber sprachen“, las sie die ersten Worte von Gertruds Mitteilung. „Das Spielzeug, das ich besorgt habe, wird Dir gefallen.“ Tessy zog eine Augenbraue hoch und fuhr sich mit der Zunge über die Unterlippe. „Apropos besorgen – mir wird schwindelig vor Aufregung, wenn ich nur daran denke, wie Du auf dem Küchentisch vor mir liegst, mit gespreizten Beinen, zwischen denen ich stehe. Ich knete Deine Nippel und versinke in Deinen Augen, Du windest Dich unter mir. Der Schweiß läuft Dir zwischen den Brüsten entlang. Du duftest wie die Königin der Sünde, und deine Augen werden groß, wenn ich mir den Dildo umschnalle. Er ist feuerrot, lang und dick, und ich schiebe ihn Dir rein. Du bist feucht wie Moos nach einem langen Sommerregen, und ich bewege ihn: erst sanft und behutsam vortastend, dann stoßend und pressend und schließlich immer heftiger, bis Dein tiefkehliges Stöhnen in lautes Schreien übergeht und Deine Fingernägel sich in meinen Hintern krallen. „Hör nicht auf“, stammelst Du. „Fick mich weiter“ Das tue ich. Ich stoße so heftig ich kann, bis du das erste Mal gekommen bist. Du beißt mich empört, als ich den Dildo herausziehe: Schwanz war dir schon immer wichtig. Viel Schwanz. Aber es geht auch anders. Ich knie mich zwischen deine Beine. Deine Knospe glänzt. Ich lasse sie in meinen Mund eintauchen, wo sie groß wird wie eine Himbeere und an meiner Zungenspitze vibriert … Lust auf mehr?“

Und ob. Aber nicht jetzt. Tessy ließ die Bilder auf sich wirken. Ihr war heiß, verdammt heiß. Sie wollte gerade eine ähnlich wollüstige Antwort schreiben, als ihr Handy den Eingang einer SMS signalisierte: Kerstin brauchte Tessys Unterstützung, die Kripo stand vor ihrer Tür.

 

 

3

 

Tessy hätte es für eine gewagte Behauptung gehalten, dass Kerstin besser aussah als in den frühen Morgenstunden. Immerhin schien sie sich ein wenig gefasst zu haben, aber der Eindruck konnte auch täuschen: Cindy und Nick waren inzwischen zu Hause, und Kerstin gab sich große Mühe, ihren neun und sieben Jahre alten Kindern kein Bild des Jammers zu bieten. Als Tessy in dem kleinen Einfamilienhaus in Lichtenrade eintraf, duftete es nach frisch aufgebrühtem Kaffee. Zwei Beamte hatten im Wohnzimmer in der Essecke Platz genommen, einer davon war Dirk Hanter, dessen Bartschatten zwischenzeitlich hatte weichen müssen; neben ihm saß eine junge Kollegin – höchstens Ende Zwanzig und sehr attraktiv.

Tessys linke Augenbraue schnellte in die Höhe, als sie grüßend eintrat. Dirk fing Tessys Blick ein und nickte mit leisem Lächeln, während Kerstin Tassen und Kaffee bereitstellte.

„Bitte bedienen Sie sich“, sagte Kerstin leise und setzte sich.

Wie oft haben wir hier schon zusammen gesessen, über Männer und Frauen gelästert, meine Affären durchgehechelt, gelacht oder Probleme gewälzt, fuhr es Tessy durch den Kopf, während sie an ihrem Kaffee nippte. Nun war Patrick tot, und der Schock war so groß, dass Kerstin das einzig Richtige tat: Sie versuchte, weiter zu funktionieren und irgendwie die Zeit zu ertragen. Und Kerstin hatte, abgesehen von Tessys Unterstützung, nicht allzu viel Hilfe. Ihre Eltern führten ein Hotel an der Ostsee und waren nicht von einem Tag auf den anderen abkömmlich. Soweit Tessy es mitbekommen hatte, wollte Kerstins Mutter versuchen, in ein, zwei Tagen nach Berlin zu kommen. Und die Schwiegereltern mussten erst mal selbst mit dem Schock zurechtkommen. Patrick war der einzige Sohn gewesen.

Hanters junge Kollegin Sabrina Kellner ergriff plötzlich das Wort, um sich vorstellen. Sie lächelte, als säße sie in einer Talkshow und würde gleich ihre neue CD in die Kamera halten. Sie war blauäugig und honigblond und hatte einen lupenreinen Teint. Tessy spürte giftige Antipathie hochsteigen. Wie albern. Hanter rührte seinen Kaffee um und sah dann Kerstin an.

„Danke für Ihre Bereitschaft zu diesem Gespräch“, sagte er zu Kerstin. „Ich weiß, dass es schwer ist, in einer solchen Situation auch noch persönliche Fragen zu beantworten. Doch je eher wir die Fakten zusammengetragen haben, desto schneller können wir uns ein Bild machen.“

Seine fast sanft klingende Stimme und die behutsame Art, in die Befragung einzuführen, gefielen Tessy. So hatte sie ihn bisher noch nicht erlebt, was kaum verwundern durfte. Er sah stets die Journalistin in ihr – also eher eine Konkurrentin im Wettstreit um Informationen, bestenfalls eine Art Kollegin aus einer berufsverwandten Sparte, der man, eine Hand wäscht die andere, auch mal auf die Sprünge helfen konnte – und gab sich häufig kurz angebunden oder sogar unwirsch. Und natürlich hatte sie normalerweise bei polizeilichen Ermittlungsgesprächen nichts verloren.

Kerstin nickte. „Das sehe ich ganz ähnlich.“ Sie schlug ein Bein über das andere und legte die Hände in den Schoß.

„Wir haben inzwischen einige Ermittlungsergebnisse vorliegen“, fuhr Dirk fort. „Über die wollen wir mit Ihnen reden.“ Er zog ein Notizheft hervor. „Ihr Mann hatte Schlaftabletten genommen. Welches Medikament in welcher Dosierung erfahren wir frühestens morgen, wahrscheinlich sogar erst am Montag. Können Sie uns dazu etwas sagen?“

Tessy hielt kurz den Atem an. Die Information war neu für Kerstin. Bislang hatte es noch keine Gelegenheit gegeben, die Freundin über ihr morgendliches Telefonat mit Dirk zu informieren.

Kerstin sah ihn einen Moment stumm an und warf Tessy einen Seitenblick zu. Dann schüttelte sie den Kopf.

„Das muss ein Irrtum sein“, sagte sie mit fester Stimme. „Unmöglich. Patrick nimmt … nahm höchstens mal eine Kopfschmerztablette und Schlaftabletten noch nie. Seitdem er Alkoholprobleme hatte, ist er noch vorsichtiger gewesen, auch wenn das jetzt schon eine ganze Weile zurück liegt. Er ist … war völlig trocken.“ Sie schluckte. „Tessy kann das bestätigen – alle können das bestätigen.“

„Ja, ich weiß“, gab Hanter freundlich zurück. „Die Leute, mit denen wir bislang darüber gesprochen haben, erklären das mit großem Nachdruck, dennoch: Ein Irrtum ist ausgeschlossen. Hinzu kommt, dass die Menge erheblich war, wie eine erste gerichtsmedizinische Untersuchung inzwischen ergab, und nun drängt sich die Schlussfolgerung auf, dass Ihr Mann seinem Leben ein Ende setzen wollte.“

Kerstin riss die Augen auf. „Wie bitte?“ Sie ballte die Hände zu Fäusten. „So ein Blödsinn! Warum sollte er das tun?“ Ihre Stimme bebte plötzlich vor Zorn und Empörung.

Tessy wollte ihr beruhigend auf die Schulter klopfen, aber Kerstin schüttelte ihre Hand ab, während Miss Honigblond Sabrina Kellner dankenswerterweise ihr tumbes Lächeln abrupt einstellte. Nur Dirk zuckte mit keiner Wimper. „Das ist eine gute Frage.“

„Quatsch! Er wollte sich nicht umbringen – es gab keinen Grund! Patrick war bester Dinge. Er hatte einen neuen Job, und wir beide haben uns wieder so gut verstanden, dass wir einen Neubeginn planten …“

„Ja, ich weiß, Frau Riemer. Dennoch spricht einiges dafür …“

„Was heißt einiges?“ Kerstins Stimme schraubte sich noch weiter in die Höhe, und einen Augenblick lang befürchtete Tessy, dass sie aufstehen und Dirk irgendetwas um die Ohren hauen würde. Die Kaffeekanne zum Beispiel. Zuzutrauen wäre es ihr – Kerstin hatte ein äußerst aufbrausendes Temperament und entsprach damit der landläufigen Einschätzung, dass Rothaarige zu heftigen Ausbrüchen neigten.

„Hören Sie, Frau Riemer, es geht nicht darum, Ihnen eine schauerliche Geschichte unterzujubeln oder Sie zu verunsichern – ich gebe nur wieder, was wir vorgefunden und dazu bisher ermittelt haben“, erklärte Dirk unvermindert ruhig. „Ich habe Verständnis für Ihre Reaktion, aber ich bin nicht verantwortlich für das, was passiert ist.“

„Nein, natürlich nicht.“ Kerstin atmete tief aus und sah kurz zu Boden. Sie versuchte sich zu beruhigen. „Entschuldigen Sie, aber … Es ist so ungeheuerlich, was Sie sagen.“

Hanter nickte. „Ja, ich weiß, aber ich kann Ihnen das nicht ersparen. Machen wir weiter?“

Kerstin lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Natürlich. Fahren Sie fort.“

„Ihr Mann hatte verschiedene Unterlagen von seinem alten Arbeitgeber zu Hause, bei dem er Mitte der Woche seinen letzten Arbeitstag hatte.“ Dirk warf einen Blick in sein Notizheft. „Dienstag, um genau zu sein.“

Kerstin zuckte mit den Achseln. „Mag sein. Und?“

„Nach Einschätzung seiner Vorgesetzten hat er die mitgehen lassen, um Kunden für seine neue Firma abzuwerben.“

Tessy machte den Mund auf und rasch wieder zu, als Dirk ihr einen scharfen Blick zuwarf. Kerstin war völlig verdattert. Sie starrte ihn an und schüttelte schließlich den Kopf. „Patrick und Unterlagen klauen? Niemals! Vielleicht hatte er noch abschließende Arbeiten zu erledigen und schlicht vergessen, die Sachen wieder abzugeben. Mit wem haben Sie denn gesprochen? Mit Maren Wildorn?“

Dirk nickte.

„Die beiden konnten einander nicht ausstehen! Und die Wildorn ist eine ganz falsche Schlange“, erklärte Kerstin heftig. „Die hat schon so manchen aus der Firma gedrängt. Es würde mich nicht wundern, wenn sie Patrick im Nachhinein was anhängen will.“

Hanter setzte eine nachdenkliche Miene auf, während seine Kollegin beeindruckt schien und die Lippen schürzte.

„Für uns stellt sich das ein wenig anders dar“, hob Dirk erneut an. „Frau Wildorn hat sich am Freitag gegen Abend mit Ihrem Mann in einem Bistro in der Nähe seiner Wohnung getroffen. Sie wollte in aller Ruhe mit ihm reden und ihn um die Herausgabe der Akten bitten – den Verlust und ihren Verdacht hatte sie übrigens zuvor der Geschäftsleitung gemeldet.“

Kerstin wandte Tessy das Gesicht zu und hob die Hände. „Bitte – sag du was dazu! Ich kann nicht glauben, dass hier von Patrick die Rede sein soll.“

Tessy sah Dirk an. „Ich bin sicher, dass sich das alles aufklären wird. Patrick war ein akkurater und aufrechter Typ – der hatte es doch gar nicht nötig zu klauen …“

„Zwischen Frau Wilddorn und Patrick Riemer gab es einen lange schwelenden Konkurrenzkampf um einen Posten in der Geschäftsführung, bei dem Maren Wildorn vor einigen Monaten die Nase vorne hatte“, unterbrach Dirk sie. „Nach dem, was ich dazu erfahren habe, kann es gut sein, dass Patrick ihr noch eins auswischen wollte oder …“

„Quatsch!“ mischte Kerstin sich wieder mit aufgeregter Stimme ein. „Er hat von genau diesen Machenschaften nichts mehr wissen wollen – deshalb hat er sich ja auch einen neuen Job gesucht. Dieses Gezerre um Posten und Macht hat Patrick zum Alkoholiker gemacht und hätte beinahe unsere Ehe zerstört! Es müsste doch auch für Sie absurd klingen, dass jemand optimistisch einem Neubeginn entgegenblickt und im selben Atemzug auf genau die alten hässlichen Spielchen und Intrigen zurückgreift, unter denen er bislang so gelitten hat.“

Hanter runzelte die Stirn. „Frau Riemer, es steht fest, dass Ihr Mann Akten mit nach Hause genommen hatte, die dort nicht hingehörten, schon gar nicht nach dem Ausscheiden aus der Firma. Außerdem haben wir festgestellt, dass auf seinem PC sämtliche Daten gelöscht waren – eine entsprechende CD mit einem professionellen Löschprogramm lag auf dem Schreibtisch. Frau Wildorn erzählt weiterhin, dass Patrick bei ihrem Gespräch fast zusammengebrochen wäre und sie ihn nach Hause begleitet hat, weil es ihm so schlecht ging. Das wird übrigens von einigen Nachbarn und auch Angestellten des Bistros bestätigt …“

„Und warum hat er mich dann nicht angerufen?“ fuhr Kerstin dazwischen.

„Gute Frage – und wenn wir schon dabei sind: Was haben Sie am Freitag gemacht, und wann haben Sie Ihren Mann eigentlich zum letzten Mal gesehen und gesprochen?“

Hanter nahm Kerstins fassungslosen und zugleich entrüsteten Blick gelassen hin. Derlei dürfte er gewohnt sein.

„Komm, reg dich nicht auf – er muss auch danach fragen“, meinte Tessy nach einem Moment unerträglicher Stille beschwichtigend, aber sie wurde das dumme Gefühl nicht los, dass Dirk schon eine ganze Weile auf genau diesen Punkt hingearbeitet hatte.

Kerstin beachtete ihren Einwurf nicht. „Wenn Sie es genau wissen wollen: Ich habe nachmittags Einkäufe erledigt und die Kinder vom Sport abgeholt. Abends waren wir auf dem Geburtstagsfest einer Kollegin – das habe ich übrigens schon heute früh erwähnt –, aber natürlich hatte ich mein Handy dabei, so dass Patrick mich jederzeit hätte erreichen können. Und gesehen habe ich meinen Mann am Tag zuvor, am Donnerstag. Er hatte frei, und die Kinder waren nach der Schule bei ihm. Die drei haben eine Radtour gemacht, und abends waren wir alle vier hier zusammen. Das letzte Mal …“ Sie blickte rasch zur Seite.

„Ist Ihnen etwas Besonderes an ihm aufgefallen? Hat er von einem Termin gesprochen oder etwas in der Richtung angedeutet, was Ihnen im Nachhinein zu denken gibt?“

„Nein, da war nichts. Das heißt …“ Kerstin zögerte auf einmal. „Wissen Sie, wir haben vor einiger Zeit mal vereinbart, dass der ganze Firmenstress nichts mehr in unserer Ehe, in der Familie verloren hat. Deswegen wundert es mich auch kaum, dass Patrick die Verabredung mit Maren Wildorn im Vorfeld nicht erwähnte. Außerdem kannte er meine Meinung zu gerade dieser Kollegin – ich hätte ihm wahrscheinlich abgeraten, sie in privatem Rahmen zu treffen, und empfohlen, das Thema BORMAN endgültig zu beenden, aber das spielt ja jetzt alles keine Rolle mehr … Doch da war etwas anderes, was ihn ziemlich mitgenommen hat und mir jetzt wieder in den Sinn kommt.“ Sie griff nach ihrer Tasse.

Tessy horchte auf, und sie sah, dass Dirk und Sabrina Kellner ebenso reagierten.

„Am Dienstag nach seiner Abschiedsfeier in der Firma wirkte er ziemlich müde, irgendwie fertig“, berichtete Kerstin, nachdem sie einen Schluck Kaffee getrunken hatte. „Wir haben abends telefoniert. Ich dachte, dass ihm der Abschied doch ganz schön zu schaffen machte, aber darum ging es gar nicht. Er hatte erfahren, dass sein ehemaliger Kollege Moritz Sigfeld, der vor einiger Zeit nach Mallorca umgesiedelt war, gestorben ist. Das war auch einer, der sich mit Maren Wildorn überworfen hatte und frühzeitig in den Ruhestand gegangen beziehungsweise geflüchtet ist. Patrick und Moritz haben sich bestens verstanden, obwohl Moritz zwanzig Jahre älter war und schon die sechzig überschritten hatte. Patrick war ganz schön erschüttert …“

„Wissen Sie, woran er gestorben ist?“ fragte Hanter.

„Er lag wohl schon eine ganze Weile mit einer üblen Lebensmittelvergiftung im Krankenhaus, erzählte Patrick. Näheres wusste er nicht.“

Hanter nickte seiner Kollegin zu. „Da werden wir mal nachhaken.“

Sabrina Kellner setzte ein wichtiges Gesicht auf.

„Haben Sie zufällig eine Telefonnummer oder Adresse, wo wir uns hinwenden können“, stellte sie erstmals eine Frage.

„Nein. Tut mir leid. Ich kann nur mit dem Namen dienen: Moritz Sigfeld“, erwiderte Kerstin. „Aber bei BORMAN müsste man Näheres wissen.“

Dirk klappte sein Heft zu und läutete den Aufbruch ein. „Das soll fürs Erste genügen. Wir melden uns, sobald es Neuigkeiten gibt.“

„Was ist mit der Wohnung? Darf ich …?“

„Noch nicht, nein. Wir müssen die Wohnung versiegelt lassen, so lange wir nicht wissen, was für ein Fall hier vorliegt.“ Er schob seinen Stuhl zurück und stand auf. „Wenn Ihnen noch etwas einfällt, melden Sie sich bitte unbedingt bei mir oder meiner Kollegin.“

Sabrina Kellner lächelte wieder und erhob sich ebenfalls. Tessy schlüpfte rasch zur Tür hinaus, während Kerstin die beiden Beamten verabschiedete, und wartete im Flur.

„Geht ihr wirklich von Suizid aus?“ fragte sie und sah ausschließlich Dirk an, als er zu ihr trat.

Hanter legte die Hand auf die Türklinke. Er musterte sie einen Moment. „Einzelheiten zu den Ermittlungen werde ich nicht mit dir diskutieren. Du kennst doch die Regeln.“ Ein verhaltenes Lächeln huschte über sein Gesicht.

Tessy war sicher, dass er vor seiner Kollegin den coolen Cop geben wollte und hätte ihm gerne einen Tritt vors Schienbein verpasst. Oder auch woanders hin. „Willst du übrigens auch von mir wissen, wenn mir was auffällt oder zu denken gibt? Immerhin gehöre ich ja fast zur Familie.“

„Na klar, das weißt du doch.“

„Gut – wie wäre es dann damit: Wenn sich jemand derart mit Tabletten voll gepumpt hat, wie es bei Patrick ja den Anschein hat, und ein Suizid angenommen wird, wie erklärst du dir dann den Ausflug auf den Balkon? Wollte er noch ein bisschen frische Luft schnappen und hat dabei das Gleichgewicht verloren und ist über die Brüstung gestürzt?“

Kollegin Kellner räusperte sich. „Diese Fragen prüfen wir gerade“, bemerkte sie in gestelztem Tonfall.

Tessy antwortete mit einem Lächeln, das ziemlich genau an der Oberlippe endete. Oder auch knapp darunter. Hanter kratzte sich am Hinterkopf und öffnete die Haustür. „Ja, so ist es. Wir wissen noch keine Einzelheiten.“

Tessy nickte. „Na schön. Bis dann also.“

Als die Tür ins Schloss gefallen war, lehnte sie sich mit dem Rücken dagegen und verharrte einen Moment regungslos. Vielleicht sollte ich mich raushalten, dachte sie. Mich um Kerstin kümmern, ganz freundschaftlich, den Rest den Behörden überlassen und mich nicht in deren Job mischen. Vielleicht hat Patrick sich ganz dramatisch verändert oder war krank gewesen. Depressionen, die keiner bemerkte. So was gab es. Natürlich. Alles war möglich. Von nebenan drang Geschirrklappern zu ihr. Dann hörte sie Kerstin mit den Kindern sprechen. Tessy stieß sich von der Tür ab und ging zurück in die Küche.

 

Als sie abends nach Hause kam, hatte sie nur noch einen Wunsch: abschalten und in einen tiefen, traumlosen Schlaf fallen. Ihr Handy klingelte, während sie die Jacke abstreifte und überlegte, ob sie einen Absacker nehmen sollte. Verdient hatte sie ihn allemal. Gertrud stand auf dem Display. Tessy schüttelte den Kopf, stellte aber die Verbindung her.

„Heute Abend nicht“, sagte sie statt einer Begrüßung und erläuterte ihrer Sex-Gespielin in aller Kürze, was passiert war. „Kein guter Zeitpunkt für unsere speziellen Vergnügungen“, fügte sie hinzu.

„Das sehe ich ganz anders“, erwiderte Gertrud leise. „Du brauchst dringend Aufmunterung.“

Tessy lächelte. „Ich weiß, was du meinst, aber …“

„Eine halbe Stunde, und ich verschwinde wieder. Mehr Zeit habe ich ohnehin nicht. Und das hübsche neue Spielzeug heben wir uns für einen anderen Zeitpunkt auf. Außerdem können wir ja auch reden, oder ich massiere dir nur den Nacken …“

Tessy lachte laut auf – zu ihrer eigenen Verblüffung. „Als du mir das letzte Mal nur den Nacken massieren wolltest, haben wir nach sieben Minuten auf dem Teppich gelegen.“

„Ich weiß. War das so schlimm?“

„Nein, aber …“

Gertrud traf zwanzig Minuten später ein. Die athletisch gebaute 50jährige sah auch bei Tageslicht umwerfend und verführerisch aus, fand Tessy. Sie trug ihr weizenblondes Haar raspelkurz und bevorzugte Lederklamotten. Ihren Augen schimmerten in einem unergründlichen Blau-Grau. Gertrud leitete in Berlin-Mitte einen gut gehenden Motorradladen für Frauen und hatte eine tiefe Bariton-Stimme, die Tessy regelmäßig Schauer über den Rücken jagte. Und nicht nur ihr. Sie hatten sich vor gut einem halben Jahr kennen gelernt, als Tessy eine Reportage über Frauen in typischen Männerberufen geschrieben hatte. Gertrud war mit ihr durch die Werkstatt gegangen und hatte plötzlich ganz dicht hinter ihr gestanden. Als Tessy sich umdrehte, küsste Gertrud sie, bis sie keine Luft mehr bekam. Keine zwei Stunden später waren sie im Bett gelandet und hatten es in den nächsten Stunden nur verlassen, um ins Bad zu gehen oder eine neue Flasche Prosecco zu holen.

Sie setzten sich im Wohnzimmer auf das abgewetzte Sofa und tranken ein Glas Wein, dann zog Gertrud Tessy auf ihren Schoß und massierte ihr mit kraftvollen Bewegungen Nacken und Rücken. Beruhigend und entspannend wirkte das nicht, ganz im Gegenteil. Hatte sie etwas anderes erwartet? Nicht wirklich. Tessy umfasste Gertruds Gesicht mit beiden Händen. „Küss mich“, forderte sie leise.

„Ist das alles?“ Gertrud lächelte.

„Hm, mal sehen.“

Gertruds Zungenspitze drang zwischen ihre Lippen, und wenig später gelang es Tessy, die Bilder und Eindrücke dieses fürchterlichen Tages auszuschalten, zumindest für den Augenblick. Sie überließ sich Gertruds Händen, die ihr das Sweatshirt über den Kopf streiften, und ihre Nippel wurden hart, als die Zähne ihrer Geliebten an ihnen zu knabbern begann – zunächst zärtlich verspielt, dann intensiver, derber, um sich schließlich ganz nah an die Schmerzgrenze heran zu wagen. Wohlige Schauer liefen Tessy über den Rücken. Sie warf den Kopf zurück. Plötzlich hielt Gertrud inne. Tessy sah sie irritiert an. „Was ist?“, fragte sie. „Alles in Ordnung?“

Gertrud nickte. „Natürlich.“ Sie schob Tessy jedoch beiseite und stand auf, um dann mit laszivem Lächeln ihre Hose herunterzustreifen.

„Ich finde allerdings, dass du dran bist, die Regie zu übernehmen und es mir so richtig zu besorgen, Herzchen“, sagte Gertrud mit dunkler Stimme und setzte sich wieder aufs Sofa. Langsam öffnete sie ihre Beine.

„Komm, sieh sie dir an. Spiel mit ihr. Und vor allen Dingen: Mach es mir!“

Tessy ließ die unmissverständlichen Worte einen wohligen Augenblick lang nachklingen, dann ging sie auf die Knie und beugte sich zu Gertruds Schoß hinunter. Sie atmete die feuchte Gier ein, die ihr entgegen strömte, strich langsam über die prallen, dunkel schimmernden Lippen, leckte an ihnen und schob schließlich ihre Zunge in Gertruds Möse, während Gertrud Tessys Kopf festhielt und zu stöhnen begann. Rein und wieder raus, rein und wieder raus. Als Gertruds Stöhnen lauter wurde, nahm Tessy ihre Finger zu Hilfe, um mit einer Hand die zitternde Knospe ihrer Geliebten zu bearbeiten und mit der anderen sich selbst zum Höhepunkt zu bringen. Gertrud bäumte sich auf, als sie kam. Sie schrie und lachte hemmungslos, und Tessy genoss ihre heftige Reaktion.

Einige Minuten später zog Gertrud sich wieder an und sagte: „Wie du bemerkt haben dürftest, spricht wirklich höchst selten etwas gegen eine gute Nackenmassage.“

Tessy grinste. Wohl wahr.

 

 

4

 

Fast alle Touristen, insbesondere die Deutschen, hielten Anita Zaldura für eine Spanierin, und sie ließ sie in dem Glauben. Anita sah mit ihrem dunklen Haar und der gebräunten Haut südländisch aus, sie kleidete sich farbenfroh, sprach fließend Spanisch, und sie lebte auf Mallorca. Dass sie größer war als die meisten spanischen Frauen und das Haar gefärbt war, fiel niemandem auf, der nicht darauf achtete. Ihr Deutsch war phantastisch, aber eigentlich erwartete man das auch von jemandem, der in der Touristikbranche arbeitete und sich insbesondere um Urlauber aus Deutschland kümmerte.

Anita war Anfang Fünfzig und stammte aus Helmstedt. Vor fünfundzwanzig Jahren hatte sie Julio Zaldura, einen Spanier, geheiratet und war mit ihm nach Mallorca ausgewandert. Die Ehe war kinderlos geblieben, aber sehr glücklich gewesen. Das Ehepaar hatte eine kleine Pension betrieben, bis Julio vor fünfzehn Jahren überraschend an einem Herzinfarkt gestorben war. Die Möglichkeit, nach Deutschland zurückzukehren, kam für Anita nicht in Frage. Sie verkaufte die Pension und zog sich auf eine kleine Finca nach Bunyola zurück, einem bezaubernden, touristisch nur wenig beachteten Dorf inmitten einer hügeligen Landschaft am Fuß der Serra de Alfàbia im Westen Mallorcas, das bekannt für sein ausgezeichnetes Olivenöl war. Bald merkte sie jedoch, dass es ihr nicht ausreichte, Oliven zu ernten, Bücher zu lesen, um Julio zu trauern und ansonsten den Tag vergehen zu lassen. Da sie regelmäßig die deutschsprachige Mallorca Zeitung las, war sie gut über Deutsche informiert, die nicht nur für zwei Ferienwochen auf die Insel kamen, sondern Monate hier verbrachten oder sogar als Rentner und Pensionäre ihren Ruhestand in den sonnigen Süden verlegt hatten. Erstaunlicherweise beherrschten gerade letztere die Landesprache häufig kaum mehr als bruchstückhaft und waren über die landesüblichen Gepflogenheiten nur unzureichend informiert.

Viele konnten jemanden gebrauchen, der ihren Alltag organisierte, übersetzte, bei Arzt- und Behördengängen hilfreich zur Seite stand, Haushälterinnen, Putzfrauen und Handwerker vermittelte, Tipps gab. Für eine solche Aufgabe war Anita mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung und ihren Kontakten wie geschaffen. Sie brauchte nur kurze Zeit, um ihren Service auf die Beine zu stellen und benötigte schon bald Mitarbeiter, um die vielen Anfragen bewältigen zu können.

Moritz war von Anfang an mehr gewesen als ein Kunde. Er hatte in Deiás gelebt, einem insbesondere bei Künstlern beliebten Ort hoch über der Westküste, und er war Anita auf Anhieb sympathisch gewesen. Manchmal hatten sie sich in der Fischerbucht getroffen, um den Sonnenuntergang zu betrachten und ein bisschen zu reden. Über Deutschland zum Beispiel. Über Abschiede. Das Leben an sich und im Besonderen. Sie waren Freunde geworden. Ein großes Wort, aber in dem Fall angemessen. In letzter Zeit hatte Moritz oft gehetzt gewirkt oder wie jemand, der etwas vergessen wollte. Eine Geliebte vielleicht oder seine Frau, die er vor Jahren verlassen hatte, wie Anita wusste. Sie hatte nie nachgefragt. Das war ein Fehler gewesen, wie sie im Nachhinein feststellte.

Anita hatte schon häufiger miterlebt, dass Touristen Magen- und Darmbeschwerden bekamen; auch eine Lebensmittelvergiftung kam hin und wieder vor, aber Moritz hatte es ungemein übel erwischt. Sie sorgte dafür, dass er ins Krankenhaus kam, wo er tagelang kaum ansprechbar war. Dann ging es allmählich wieder bergauf. Er war nicht mehr ganz so bleich, und er freute sich, sie zu sehen, nicht nur weil sie daran dachte, ihm seine Post mitzubringen, darunter auch ausgedruckte Mails. Eine Nachricht von einem Freund schien ihn erst zu erstaunen, dann nachdenklich zu stimmen und schließlich regelrecht zu beglücken. Anita konnte sich noch genau an seinen Gesichtsausdruck erinnern. Bevor sie ging, bat Moritz sie, seinem Freund in Berlin telefonisch von seiner Erkrankung zu berichten, ihm zu bestellen, dass er bald von ihm hören würde, und einige bereits fertig verpackte Sendungen zur Post zu bringen. Sie versprach ihm, sich sofort darum zu kümmern.

Drei Tage später war er tot. Akutes Herz- und Kreislaufversagen. Da sie nicht zur Familie gehörte, konnte Anita froh sein, überhaupt eine Auskunft zu erhalten. Ein junger übernächtigter Assistenzarzt erbarmte sich schließlich ihrer entsetzt fragenden Augen und bat sie, dafür im Gegenzug Kontakt mit der Familie in Deutschland aufzunehmen. Kurz darauf begleitete eine Krankenschwester sie zum Parkplatz und deutete unter dem Mantel der Verschwiegenheit an, dass Moritz unter Umständen ein falsches Medikament bekommen haben könnte. Aber die Schwester schien ihr nicht besonders vertrauenswürdig – eher ein Tratschweib, das sich wichtig machen wollte. Als sie am gleichen Tag in Moritz Haus nach dem Rechten sah und Spuren eines Einbruchs bemerkte, gab ihr der Hinweis jedoch zu denken.

Es waren nur Kleinigkeiten, die wohl kaum jemandem aufgefallen wären, aber Anita war aufmerksam und hatte ein geschultes Auge. Sie wusste, ob ein Fenster angelehnt gewesen war oder nicht, der Bürostuhl auf eine andere Höhe eingestellt und der Inhalt von Schubladen umsortiert worden war. Dass sich jemand an Schreibtisch und PC zu schaffen gemacht hatte, war offensichtlich – sie kannte sich in Moritz kleinem Büro gut aus und war das letzte Mal dort gewesen, als sie die Post weggebracht und die Einlieferungsscheine in den Ablagekorb gelegt hatte. Die befanden sich nun in einer Schublade. Sie zögerte nur einen Moment, dann schaltete sie den PC wieder aus und stieg auf den Dachboden.

Während eines ihrer vertrauensvollen Gespräche hatte Moritz ihr mal erzählt, dass er ein ziemlicher Kindskopf und schon immer ein leidenschaftlicher Geheimniskrämer gewesen sei. So würde er seine Tagebücher in einer alten Wäschetruhe unter dem Dach aufbewahren. Damals hatte sie über diesen Spleen geschmunzelt und war über seine Offenheit angenehm berührt gewesen. Nun kamen ihr plötzlich ganz andere Gedanken.

Der Zugang zum Dach war gar nicht so einfach zu finden. Anita entdeckte die Luke schließlich im Vorratsraum, wo sich hinter einem Regal auch eine Leiter befand. Die Truhe stand zwischen alten ausrangierten Möbeln und fiel nur ins Auge, wenn man nach ihr Ausschau hielt. Plötzlich hatte Anita es sehr eilig. Schweiß lief ihr den Rücken hinab. Sie blinzelte im trüben Dämmerlicht und hob den Deckel an, der sich, wie ihr schien, nur ungern bewegen ließ. Die Tagebücher waren zusammen mit anderen Papieren in einen Umschlag aus brüchigem Leder gehüllt und lagen unter einem Stoß Fotoalben und Aktenordnern begraben. Anita nahm sie an sich und verließ umgehend das Haus.

 

5

 

Sie fuhr schnell – fast dreißig Kilometer in der Stunde. Das Mountainbike flitzte mit summenden Reifen mühelos über den Mauerweg; Krähen staksten über ein brachliegendes Feld und wurden von einem wild tösenden Hunderudel aufgescheucht. Blitzblauer Himmel. Sprießendes Grün. Nach den vielen trüben Regenmonaten ein Genuss. In dem Tempo benötigte Tessy bis Lichtenrade gerade mal eine Viertelstunde, und normalerweise genoss sie es mit allen Sinnen, sich auf diese Weise auszupowern, zumindest hier draußen. In Richtung Kreuzberg und Mitte war Radfahren der reinste Stress.

Kerstin hatte eine halbe Stunde zuvor angerufen. Ihre Stimme war von Wut, Trauer und Frust erfüllt gewesen, und Tessy hatte sich sofort auf den Weg gemacht. Die kleine Dachkammer, die sie als Schlafzimmer nutzte, konnte sie auch ein anderes Mal streichen.

Patricks Tod lag eine gute Woche zurück. In den vergangenen Tagen hatte Tessy darauf verzichtet, weitere Details über die polizeilichen Ermittlungen in Erfahrung bringen zu wollen – die bislang vorliegenden Ergebnisse klangen immer noch so unvorstellbar, dass sie Mühe hatte, sie zu verdauen. Dafür war sie täglich bei Kerstin gewesen, hatte ihr manche Arbeit und Erledigung abgenommen und sich all den Kummer angehört, der über eine Frau hereinbrach, die plötzlich und unerwartet Witwe geworden war. Noch dazu auf diese Weise. Ansonsten hatte Tessy im Haus gewerkelt. Leider hatte Gertrud wenig Zeit gehabt, so dass sie immer noch nicht dazu gekommen waren, den Dildo auszuprobieren.

Eigentlich müsste ich mich endlich mal um einen Job kümmern, dachte Tessy, als sie in die Straße einbog, in der Kerstin wohnte. Sogar dringend. Sie ließ ihren Blick über die akkuraten Häuser und hübschen Gärten schweifen, während ihr Atem sich allmählich beruhigte. Ihren Kontostand fragte sie schon gar nicht mehr ab, und sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie ihren betagten Renault das letzte Mal voll getankt hatte. Den Notgroschen, den Edgar ihr zurück gelassen hatte, wollte sie nicht anrühren – noch nicht. Blieb also nur ein Job – und sei es zunächst nur irgendeiner, so lange sie noch nicht wusste, wie es beruflich weitergehen sollte.

Dass man sich im Tagesblatt eines Besseren besinnen und die Kündigung zurückziehen würde, war genauso wahrscheinlich wie die Erwartung, ganz zufällig mit Anne Will in einem Bett zu landen. Es war nicht besonders schlau gewesen, den schwelenden Ärger über ihren Chefredakteur in einem heftigen Streit zum Ausdruck zu bringen und sich nach der Betriebsfeier einen knackigen One-Night-Stand mit seiner Freundin zu gönnen, was ihm nicht verborgen geblieben war. Wenn sie ehrlich war, hatte das nicht ohne Folgen bleiben können. Andererseits haderte sie seit geraumer Zeit mit Job und Chef und war bislang nur zu bequem und zu feige gewesen, die Konsequenzen zu ziehen und nach beruflichen Alternativen zu suchen. Schließlich war sie gerade mal fünfunddreißig.

Kerstin lebte mit ihren Kindern in einem schnuckeligen Häuschen mit Garten, das sie sich nach der Trennung von ihrem Mann weiterhin hatte leisten können, weil ihre Eltern zur Finanzierung erheblich beigesteuert hatten und sie in einem gut gehenden Zahntechniklabor überdurchschnittlich verdiente. Patrick hatte den Kindern einen Fonds für deren Ausbildung hinterlassen und schon vor Jahren eine üppige Lebensversicherung abgeschlossen. Geldsorgen hatte sie glücklicherweise keine. Wenigstens etwas.

Tessy schob ihr Fahrrad in den Garten und ging ums Haus herum. Kerstin saß auf der Terrasse. Ihre sonst beim kleinsten Sonnenstrahl aufblitzenden Sommersprossen waren in dem bleichen Gesicht kaum auszumachen. Tessy drückte ihr einen Begrüßungskuss auf die Wange und ließ sich in den zweiten Stuhl fallen. Auf dem kleinen Tisch zwischen ihnen stand das obligatorische Kaffeegeschirr, außerdem Saft und Wasser. Tessy bediente sich unaufgefordert.

„Die Kinder sind bei einer Theateraufführung in der Schule“, erklärte Kerstin. „Ich konnte sie dazu überreden.“

„Gute Idee“, kommentierte Tessy. „Was wolltest du mir am Telefon nicht sagen?“, schob sie kurz darauf hinterher.

„Ich war vorhin noch mal bei der Kripo und habe mit dem Hanter gesprochen.“

„Und? Gibt es was Neues?“

Kerstin räusperte sich. „Wie man es nimmt … Sie werden das Ermittlungsverfahren einstellen.“

Damit war zu rechnen gewesen, dachte Tessy.

„Einstellen müssen“, fuhr Kerstin fort. „Es gibt nach wie vor keinerlei Anzeichen für ein Verbrechen oder Spuren von Fremdeinwirkung. Dafür steht inzwischen endgültig fest, dass Patrick soviel Schlaftabletten geschluckt hatte, dass sie von einem Suizid ausgehen. Man nimmt ja nicht aus Versehen soviel Tabletten, meint Hanter.“

„Ja, schon, aber …“

Kerstin winkte ab. „Der Gerichtsmediziner meint, dass die Menge Schlaftabletten, die Patrick intus hatte, durchaus unmittelbar zum Tod führen kann, aber nicht zwingend muss. Es gibt Leute, die eine solche Dosis überleben beziehungsweise sich sogar selbst hochrappeln. Er hält es demnach für möglich, dass Patrick in der Wohnung umherirrte und schließlich auf dem Balkon landete. Unter Umständen ist er dort gestolpert und dann unglücklich über die Brüstung gestürzt. Eine andere Variante wird allerdings für wesentlich wahrscheinlicher gehalten: Er hat sich hinabgestürzt, weil ihm klar wurde, dass die Tabletten nicht für einen Suizid reichten.“

Tessy atmete tief durch. „Patrick hat also nach Ansicht der Polizei beschlossen, seinem Leben ein Ende zu bereiten, weil man ihn der Untreue überführt hatte? Beweis: geklaute Firmenunterlagen und gelöschte Daten.“

„Genau. Sie gehen nach verschiedenen Gesprächen jetzt sogar von erheblichen firmeninternen Konflikten aus, die ganz und gar nicht ausgeräumt waren – oder nur auf den ersten Blick. Es spricht sehr viel dafür, dass Patrick, als klar war, dass Maren Wildorn den begehrten Job bekommt, seinen Abschied bei BORMAN gut vorbereitet und Material beiseite geschafft hat. Dabei waren die Akten, die man bei ihm fand, unter Umständen nur die Spitze des Eisberges und wichtiges Datenmaterial befand sich auf dem PC“, erläuterte sie in zunehmend leiserem Tonfall. „Scheiße“, flüsterte sie plötzlich. „Patrick. Das soll mein Patrick gewesen sein? Glaubst du, dass er zu solchen Dingen fähig war?“

Nein, das glaubte Tessy nicht. Aber für die Polizei sah es ganz danach aus, als ob die anfänglichen Verdachtsmomente inzwischen durch eindeutige Beweise untermauert worden wären.

Tessy schüttelte langsam den Kopf. „Nein. Irgendwas ist an der Geschichte faul, und das sage ich nicht, um dir nach dem Mund zu reden. Was genau soll denn passiert sein, nachdem Patrick mit seinem Aktenklau aufgeflogen ist? Die Wildorn hat ihn freundlich zum Kaffeeplausch gebeten und ihm auf den Kopf zugesagt, dass man den Diebstahl bemerkt hatte. Okay, und dann?“

Kerstin sah sie schweigend an.

„Patrick mutiert plötzlich zum gebrochenen Mann, der kaum noch alleine nach Hause findet? Ist diese Reaktion nicht ein bisschen heftig?“

Kerstin nickte. „Zumindest wurde es so beobachtet.“

Tessy kratzte sich im Nacken. „Na schön, und weiter? Die hilfsbereite ehemalige Vorgesetzte bringt den schwächelnden Ex-Mitarbeiter freundlicherweise heim. Dort tilgt Patrick alle Spuren von seinem PC, während die BORMAN-Akten liegen bleiben. Anschließend nimmt er eine Überdosis Schlaftabletten, weil er die Wahrheit nicht länger erträgt. Oder so ähnlich. Wie auch immer später der Absturz über den Balkon erfolgte – so in etwa soll sich das Geschehen nach Ansicht der Polizei abgespielt haben, nicht wahr?“

Kerstin hob unschlüssig die Hände und ließ sie wieder sinken. „Ja.“

„Dazu hätte ich aber noch die eine oder andere Frage.“

„Nur zu.“

„Wenn Patrick sein Ausscheiden über längere Zeit vorbereitet hat, warum wird dann erst jetzt bemerkt, dass Vorgänge fehlen? Und warum ließ er die Akten herumliegen, während er sich die Mühe machte, seine Festplatte zu formatieren? Wenn er doch schon dabei ist, Spuren schamvoll zu beseitigen, warum wandern diese Unterlagen nicht wenigstens in die Mülltonne? Waren Sie nicht so wichtig? Oder noch besser gefragt: Warum nimmt er überhaupt Aktenordner mit nach Hause? Das ist verdammt plump, zumal er ja angeblich Interna auf dem PC hatte.“

Tessy biss sich auf die Unterlippe. „Mich würde interessieren, was genau er da mitgehen ließ, aber … egal, im Moment jedenfalls. Ein weiterer Aspekt, der mich beschäftigt, ist folgender: War es wirklich so schlimm, dass man ihn erwischte? Wären die Konsequenzen so dramatisch gewesen, dass er lieber aus dem Leben schied? Schließlich hat die Wildorn ihn zu einem privaten Gespräch eingeladen und ihm nicht die Polizei ins Haus geschickt.“ Tessy schüttelte den Kopf. „Vielleicht hat sie ihm damit gedroht, aber reicht das allein aus, dass ein verantwortungsbewusster Familienvater wie Patrick sein Leben wegwirft? Und was war gleich noch mit diesem Ex-Kollegen?“

„Moritz Sigfeld. Der war mit einer schweren Lebensmittelvergiftung ins Krankenhaus gekommen und ist später an akutem Herz- und Kreislaufversagen gestorben“, erwiderte Kerstin. „Das wurde inzwischen bestätigt.“

„Hm.“ Tessy lehnte sich zurück und schloss die Augen. Einen Moment herrschte Stille. Auf einmal spürte sie Kerstins Hand auf ihrer Schulter. Sie schlug die Augen wieder auf.

„Ich hab’ einen Job für dich“, sagte die Freundin.

„Tatsächlich?“ Tessy war über den abrupten Themenwechsel ein wenig irritiert.

„Du findest heraus, was genau mit Patrick passiert ist, und welche Geschichte hinter all dem steckt.“

„Wie bitte?“ Tessy richtete sich wieder auf.

„Ja, du hast richtig gehört, und warum denn nicht? So groß ist der Unterschied zu deiner bisherigen Arbeit doch gar nicht: Du recherchierst nur nicht für eine Zeitung, sondern für mich, in meinem Auftrag, als, ja: Privatdetektivin, ganz genau! Und selbstverständlich für ein anständiges Honorar. Wie hört sich das an?“

Tessy lachte kurz auf und winkte ab, dann hielt sie inne. Kerstin meinte ihren Vorschlag ernst.

„Oder hast du inzwischen was anderes in Aussicht? Im Lotto gewonnen? Eine Kiste Gold in Edgars Garten entdeckt, von der ich noch nichts weiß?“

„Nein“, wehrte Tessy ab. „Natürlich nicht, aber …“

„Oder will dein Chefredakteur dich zurückhaben, weil ihm klar geworden ist, dass er eine gute Journalistin verloren hat? Eine, die sich nicht beirren ließ, nach dem zu forschen, was tatsächlich geschehen ist.“

„Nein, will er nicht. Ich war ihm schon immer zu forsch – in mancherlei Hinsicht.“ Tessy räusperte sich.

„Und außerdem hast du doch längst die Nase voll von diesem Geschäft – egal, bei welchem Blatt, egal, unter welchem Chefredakteur! Wie oft hast du dich in den letzten Jahren aufgeregt?’“

„Na ja … Da stimmt schon …“ Tessy runzelte die Stirn. „Aber …“

„Kein Aber! Vielleicht solltest du deine Ermittlungsfähigkeiten in einer anderen Branche einsetzen. Ich gebe zu, dass mein Vorschlag für den Moment alles andere als uneigennützig klingt, aber das allein sollte nicht gegen meine Idee sprechen. Vielleicht wird ja sogar eine langfristige Sache daraus.“ Kerstin lächelte aufmunternd. Dann wurde sie wieder ernst. „Ich bin davon überzeugt, dass Patrick sich nicht umbringen wollte, und ich will wissen, was passiert ist. Ich denke, du verstehst mich, außerdem geht es dir doch ganz ähnlich.“ Sie sah Tessy fragend an.

Die nickte langsam.

„So lange die Polizei keine weiteren Hinweise hat, wird sie nicht mehr ermitteln und von Suizid ausgehen – das ist Fakt“, fuhr Kerstin fort. „Aber wenn du dich dahinter klemmst, und das kannst du sehr gut, und neue Ansatzpunkte entdeckst …“ Sie schürzte die Lippen.

„Und wenn ich nichts entdecke?“

„Das kann ich mir nicht vorstellen.“

„Und wenn ich etwas entdecke und sich herausstellt, dass es doch eine Verzweiflungstat war?“

„Dann werde ich es akzeptieren. Aber erst dann.“

Tessy atmete tief durch – was für eine Idee! Andererseits … Die nächste Frage, die ihr sofort durch den Kopf schoss, würde Kerstin nicht schmecken, aber sie musste sie stellen. „Geht es auch um Patricks Lebensversicherung?“

Die Freundin nickte. „Um die geht es auch. Ich muss dir kaum erörtern, dass sie bei Suizid nicht zahlen, aber ich versichere dir, dass ich dir genau den gleichen Vorschlag gemacht hätte, wenn es dieses Geld nicht gäbe.“

Das klang überzeugend.

„Also – wann kannst du anfangen?“

 

Im Grunde genommen hatte sie längst angefangen. Ihr Block war voller Notizen und Anmerkungen, und sobald sie Fragen zu den Ereignissen zuließ, drängten sie so schnell aus ihr heraus, dass sie mit dem Formulieren kaum nachkam. Was sie noch benötigte, war eine Gewerbeanmeldung und Visitenkarten. Ja, warum eigentlich nicht?

Kerstins Idee gefiel ihr außerordentlich gut, die dargelegten Argumente waren stichhaltig, die Aufgabe hatte es ihr längst angetan, und der Fall lag ihr natürlich am Herzen. Privatdetektivin Tessy Ritter. Oder auch: private Ermittlerin. Das hörte sich gut an, ein bisschen abenteuerlich vielleicht, aber auch das passte zu ihr. Ihre Mutter würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Mal wieder. Wenn das kein gutes Omen war.

 

 

6

 

Maren Wildorn war nach Kerstins Beschreibung eine eiskalte Geschäftsfrau, die nur ein Interesse verfolgte: ihre Karriere. Sie sei eine begnadete Mobberin, die Leute ohne mit der Wimper zu zucken ins berufliche Aus oder Abseits kicke oder eben auch in den Alkoholismus treibe. So jedenfalls hatte Kerstin Patricks Standpunkt wiedergegeben, und sie ließ kein gutes Haar an der Frau. Diese Einschätzung war nicht nur verständlicherweise subjektiv gefärbt, sie basierte zum größten Teil auch auf Informationen aus zweiter Hand. Diesem Punkt musste Tessy besondere Aufmerksamkeit widmen, was ihr nicht allzu schwer fiel, denn als Journalistin hatte sie ständig mit Menschen zu tun gehabt, die ihre Überzeugung als objektive Wahrheit begriffen und auch so weitergaben.

Als sie am Abend in Edgars Garten an einem kleinen wackligen Tisch saß, bestaunte sie zunächst mit hochroten Wangen die Gewerbeanmeldung, die sie, sozusagen als erste Amtshandlung, in einem grünen Hefter abgelegt hatte, und die selbst gestalteten und doch professionell wirkenden Visitenkarten, bevor sie ihre weitere Vorgehensweise plante. Den ersten Gedanken, zunächst bei Hanter vorstellig zu werden und ihm von ihrer neuen beruflichen Orientierung zu berichten, verwarf sie sofort wieder. Er würde nicht gesprächiger werden, so lange sie ihm keine Gegenleistung anzubieten hatte, und damit konnte sie erst aufwarten, wenn sie sich selbst auf die Socken machte. Außerdem war sie davon überzeugt, dass er ihr Vorhaben eher amüsiert zur Kenntnis nehmen würde. Vielleicht müsste sie sich sogar einen dummen Spruch anhören – die Gefahr bestand insbesondere, wenn Misses Honigblond Sabrina Kellner in der Nähe war. Umso wichtiger war es, nicht mit leeren Händen auf seiner Matte zu stehen.

Von einem Gespräch mit der Geschäftsführerin versprach Tessy sich zumindest einige erhellende Momente. Es fragte sich nur, ob Maren Wildorn überhaupt dazu bereit war, Licht in das Dunkel ihrer zahlreichen Fragen zu bringen. Warum sollte sie sich mit einer frischgebackenen Privatdetektivin über einen ehemaligen Mitkonkurrenten und Kollegen unterhalten, der Firmeninterna hatte mitgehen lassen und dessen Witwe sie als Hexe beschimpfte? Weil sie vielleicht Lust hatte, ihre Empörung kund zu tun oder noch mal so richtig nach zu treten, überlegte Tessy. Wenn sie eine Selbstdarstellerin war, genoss sie jede Möglichkeit, sich in Szene zu setzen. Und wenn Tessy mit ihrer Einschätzung falsch lag, hatte sie es zumindest versucht und konnte sich in aller Ruhe nach einem anderen Ansatzpunkt umsehen.

Sie klappte den Laptop auf, stellte eine Internetverbindung her und rief die Website der Wirtschafts- und Beratungsgesellschaft auf. BORMAN & Partner engagierte sich europaweit und war schwerpunktmäßig insbesondere im Bereich der Unternehmenssanierung, -Umstrukturierung und -Neugründung tätig. Der deutsche Hauptsitz befand sich in Frankfurt, die Leitung der Berliner Niederlassung hatte Maren Wildorn Anfang des Jahres übernommen. Ein Foto zeigte das markante Gesicht einer attraktiven Frau, die aussah wie Dreißig und sich nicht scheute, ihr wahres Alter, nämlich vierzig, anzugeben. Sie hatte kluge Augen, lächelte freundlich und war durchaus der Typ Frau, nach der sich mancher Mann auf der Straße mit bewundernden Blicken umdrehen dürfte – und manche Frau wahrscheinlich auch. Tessy allemal. Nach kurzem Überlegen entschied sie sich, gleich am nächsten Morgen in die Friedrichstraße zu fahren und sich Maren Wildorn genauer anzusehen. Mehr als rausfliegen konnte sie nicht, und darin hatte sie bereits Übung.

In der Nacht träumte sie von Gertrud, die Dirk Hanter frappierend ähnlich sah. Vielleicht war es auch Dirk Hanter, der Attribute von Gertrud übernommen hatte …. oder ein verwirrendes Mischwesen, das mit Gertruds Augen, aber seinem Lächeln, ihren langen Beinen und blonden Haaren, aber seinen Händen und seiner Stimme ausgestattet war. Gertrud trug Jeans und Baumwollhemd und setzte sich zu Tessy ans Bett. Die rieb sich die Augen, als Gertrud plötzlich den Reißverschluss ihrer Hose öffnete und einen Dildo präsentierte, der verdammt nach echtem Schwanz aussah und ebenso überzeugend roch. Tessy nahm ihn staunend in die Hände, während Gertrud mit Dirks Stimme lachte. Dann beugte sie sich über ihn und ließ ihn in ihren Mund gleiten. Plötzlich hatte sie nur noch einen Wunsch: ihn in ihrer Möse zu spüren – lebendig und heiß, hart stoßend und vibrierend. Sie warf die Bettdecke zurück, um sich auszuziehen, (…)

 

Ende der Leseprobe.

Weiterlesen in

Lara Wolf:

Tessy und die Zärtlichkeit des Kommissars

Aus der Erotik-Krimi-Reihe

“Ermittlungen in der Hauptstadt der Liebe”

eBook Neuerscheinung

ISBN 978-3-932733-21-5