12
Sie war eine gute Stunde einfach durch die Gegend gefahren. Die Unterredung mit den beiden Frauen ging ihr nicht aus dem Kopf. Sie war erschüttert, wie schnell sie bereit war, den beiden Glauben zu schenken. Wie wenig sie an ihrem Verdacht und ihren Schlussfolgerungen zweifelte – aus einem einfachen Grund: Es erklärte so vieles. Und sie musste sich nicht nur entscheiden, auf welcher Seite sie stand – das hatte sie längst –, sondern auch die entsprechenden Konsequenzen ziehen.
Philipp versuchte dreimal, sie über ihr Handy zu erreichen. Sie nahm das Gespräch nicht an. Seine SMS las sie erst gar nicht. Die Mobilbox hörte sie nicht ab. Sie wusste, dass sie sich Ärger einhandelte, denn Philipp erwartete sie längst. Wahrscheinlich hatte Simon ihm berichtet, dass sie in auffälliger Weise bemüht gewesen war, ihn abzuhängen.
Als Charlotte zu Hause eintraf, wurde die Tür von innen geöffnet, bevor sie den Schlüssel herumdrehen konnte. Philipp stand vor ihr. Groß, hager. Er lächelte. Sie erwiderte das Lächeln und wunderte sich nur einen Moment darüber. Er fasste nach ihrem Arm, zog sie ins Haus. Sein Griff war fest. Ein wenig zu fest. Sie blickte ihn fragend an. Die Zeit verging auf einmal langsamer.
„Wo warst du?“
„Ein bisschen unterwegs. Menschen anschauen. Im Museum.“ Das stimmte alles.
„Magst du einen Kaffee?“, fragte er. „Ich habe gerade frischen gekocht.“
Sie gingen in die Küche. Er schenkte ihr Kaffee ein. Charlotte setzte sich. Das Herz schlug kraftvoll an ihre Rippen.
„Hattest du einen guten Tag?“, fragte sie und trank einen Schluck.
„Natürlich. Warum gehst du nicht ans Handy, wenn ich dich anrufe?“
„Ich hatte es im Museum abgestellt.“
„Aha. Und warum hast du später nicht zurückgerufen?“
Ihre Fingerspitzen zitterten. Sie schluckte. „Ich war schon fast zu Hause, als ich bemerkte, dass du mich erreichen wolltest.“
Er starrte sie an. „Magst du noch Kaffee?“
„Nein, danke.“
„Dann lass uns nach nebenan gehen.“
Charlotte nickte und stand auf. Als sie die Tür erreicht hatte, war er plötzlich ganz nah hinter ihr und packte mit einer Hand ihren Nacken, die andere schlang er eng um ihre Taille.
Sie erschrak heftig und unterdrückte einen Schmerzenslaut. Er sagte nichts, schob sie in den Flur, und sie spürte seine Erektion. Im Schlafzimmer stieß er sie aufs Bett und öffnete seine Hose. Die Feuchtigkeit zwischen ihren Schenkeln entsetzte sie. Charlotte schloss die Augen, als die anschwellende Furcht, die sein starrer Blick auslöste, sich wie eine zweite einschmeichelnde Haut um ihren ganzen Körper legte. Sie sehnte sich nach einem Wort von ihm, sei es ein schmutziges, aber er schwieg, kletterte zu ihr aufs Bett und zerrte ihr die Sachen vom Leib. Sie öffnete die Augen. Und erschrak zutiefst über die grenzenlose Wut in seinem Blick. Der erste Schlag war leicht. Ein fast spielerischer Poklatscher. Der zweite schärfer. Der vierte fühlte sich an wie ein Peitschenhieb. Sie versuchte, ihn abzuwehren, aber er packte mit hartem Griff zu.
„Hör auf, Philipp! Du tust mir weh – bist du verrückt geworden?“
Sie war glücklich, die Worte endlich ausgesprochen zu haben, aber er reagierte überhaupt nicht, sondern verdrehte ihr die Arme auf den Rücken, warf sie herum und drängte sich von hinten zwischen ihre Beine. Zum ersten Mal ohne die kleinste Andeutung einer wenn auch derben Verspieltheit. Sein Schwanz drang heftig in sie ein. Jeder Stoß war ein brutaler Schlag in den Bauch hinein. Und er nahm sich Zeit, ihr Schmerz zu bereiten. Richtigen Schmerz.
Charlotte fror. Sie versuchte zu ergründen, ob sie im Verlauf der letzten Minuten geschrieen hatte und konnte sich nicht erinnern. Die Stille, in der nur das leise Quietschen des Bettes und sein angestrengtes Stöhnen zu hören war, legte sich schwer auf ihre Augen. Es tat immer noch weh. Und die kleine, übermütige Angst, die sonst immer mit ihrem sprühenden Charme Charlottes Erregung forciert hatte, war auf einmal groß und wuchtig und niederdrückend. Sie wusste, dass ab jetzt nichts mehr so sein würde wie vorher. Das Spiel war zu Ende. Endgültig.
Eine kleine Ewigkeit später stand Philipp auf und nahm sich frische Wäsche und ein blütenweißes Handtuch aus der Kommode.
„Komm niemals auf die Idee, mich für dumm zu verkaufen, mein Herz. Oder mich zu verlassen. Ich finde dich überall.“ Er lächelte charmant. „Wir sind doch ein ganz reizendes Paar, was meinst du?“
Charlotte antwortete nicht. Sie blieb einfach liegen und atmete leise.
Philipp tat am nächsten Morgen, als sei nichts geschehen, und sie hatte das Gefühl, unter einer Glasglocke zu sitzen. Als Tessy im Büro anrief, um sie über die Mail von Fritz Krüger zu informieren, war er gerade in der Werkstatt.
„Alles klar“, sagte sie leise.
„Bist du okay?“, fragte Tessy.
„Nein.“
„Wenn du Hilfe brauchst …“
„Ich weiß.“ Damit legte Charlotte auf. Die Aussicht, das Wochenende für sich zu haben, erfüllte sie mit tiefer Befriedigung. Sie schwor sich, die Zeit zu nutzen. Sie nahm ihr Handy und überprüfte, ob sie die Nummern von Paula und Tessy aus allen Speichern gelöscht hatte. Sie verfügte glücklicherweise über ein sehr gutes Zahlengedächtnis, notierte sich die Ziffern aber zur Sicherheit auf der Visitenkarte eines Geschäfts für Mal- und Künstlerbedarf.
Während sie den üblichen Bürokram erledigte, resümierte sie, was sie über Philipps Schlüssel wusste: Er allein besaß einen Generalschlüssel, sie hatte lediglich einen Haus- und Wohnungsschlüssel. Nicht mal das kleine Büro durfte sie selbständig betreten. Bin ich verrückt gewesen, mich auf diesen Mann einzulassen, der aller Wahrscheinlichkeit nach ein Schwerverbrecher ist? Eindeutig ja. Sie atmete tief durch. Sie dachte an Robin – an seine laute Musik und sein zerknirschtes Lächeln, wenn sie sich beschwert hatte. Das Leben war an ihm vorbei gegangen. Ich habe Angst, dachte sie. Richtige Angst. Aber es hilft alles nichts: Ich muss an den Schlüssel kommen. Nur so haben wir eine Chance, Beweise zu sichern.
Wo bewahrte Philipp seinen Ersatzschlüssel auf? Wo war der sicherste Ort dafür? Charlotte wusste, dass sich in Philipps Schreibtisch ein kleiner Stahlschrank befand, in dem er Bargeld und wichtige Papiere aufbewahrte. Daraus zumindest hatte er nie ein Geheimnis gemacht – warum auch? Er war felsenfest davon überzeugt, dass sie ihn niemals ohne sein Einverständnis öffnen könnte. Sie war sicher, dass sich dort auch die Ersatzschlüssel befanden. Plötzlich spürte sie, dass ihre Lebensgeister erwachten. Und ihr Kampfgeist.
Am Nachmittag erledigte sie Einkäufe. Nachdem sie hundertprozentig sicher war, dass Simon ihr nicht gefolgt war, ging sie in die Apotheke und kaufte Kopfschmerztabletten und ein leichtes rezeptfreies Schlafmittel. Kaum stand sie wieder auf der Straße, rief Philipp an. „Wo bist du?“
„Auf dem Heimweg.“
„Lass uns nachher zusammen essen“, sagte er in fast herzlichem Ton.
„Ja, gerne“, erwiderte sie und biss sich auf die Unterlippe. Du Schwein.
„Ich bringe von unterwegs was mit.“
„Gut. Bis später.“
Philipp war ein passabler Koch, wenn er sich Zeit dafür nahm. An diesem Abend bereitete er Rehrücken zu. Charlotte spürte, dass er bemüht war, für Entspannung zu sorgen. Vielleicht tat ihm seine heftige Reaktion sogar leid, aber sicher war sie nicht, und es spielte auch keine Rolle mehr. Sie war überraschend gelassen, und das tat ihr gut.
„Der Braten braucht jetzt noch eine gute halbe Stunde“, sagte Philipp und schloss die Ofentür. Er streckte die Hand aus und zog sie an sich. „Wir haben also noch etwas Zeit.“
Er küsste sie und ging plötzlich vor ihr auf die Knie. Charlotte atmete heftig ein. Er öffnete den Reißverschluss ihrer Hose und barg das Gesicht an ihrem Bauch. Nein, nein … Er zog sie zu sich hinab auf die kühlen Fliesen, streifte ihr Jeans und Höschen herunter und drängte mit dem Kopf zwischen ihre Beine.
„Ich weiß, dass du es auch willst“, flüsterte er heiser, und als seine Zunge über ihre Schamlippen wanderte, sie leckte und behutsam teilte, um in ihre Möse einzudringen, begann sie zu stöhnen.
„Tut es noch weh?“, fragte er zwischendurch, und sie schüttelte den Kopf. Im Augenblick tat ihr gar nichts weh. Er leckte und saugte weiter, und sie kam, als hätte es den gestrigen Abend nie gegeben. Das werde ich nie verstehen, dachte sie. Vielleicht muss ich das auch gar nicht. Er drehte sich auf den Rücken, öffnete seinen Reißverschluss, und sie beugte sich über ihn, um seinen Schwanz in den Mund zu nehmen. Er hielt ihren Kopf fest und begann zu zittern. Plötzlich schob er sie zurück und kniete sich zwischen ihre Beine.
„Ich bin vorsichtig“, sagte er, und er hielt sein Versprechen. Er drang in sie ein und brachte sie mit sanften langsamen Stößen zum gemeinsamen Höhepunkt.
Charlotte schlang die Beine um seine Taille und stemmte sich ihm wollüstig entgegen. Das ist das letzte Mal, dass du mich fickst! Und ich dich.
Als sie beim Essen saßen, mischte sie in sein zweites Glas Wein drei Schlaftabletten. Da Philipp niemals derartige Medikamente nahm, würde er sicherlich sehr bald müde werden und gut schlafen. Zwanzig Minuten später streckte er sich auf dem Sofa aus.
„Bin ich satt und … total geschafft.“ Er lächelte. „Machst du uns einen Espresso, damit ich noch mal fit werde?“
„Na klar.“
Sie räumte das Geschirr ab. Als sie fünf Minuten später um die Ecke blickte, schlief er tief und fest. Sie zögerte einen Moment, dann setzte sie sich zu ihm und tastete seine Hosentaschen nach dem Schlüsselbund ab. Er rührte sich nicht. Es klapperte leise, als sie Auto-, General- und einen weiteren Schlüssel hervorzog, von dem sie annahm, dass er zum Schloss des Stahlschranks passte. Sie hielt inne und stand langsam auf. Ihr Herz fing an zu rasen, als ihr plötzlich klar wurde, dass sie es ernst meinte.
Sie eilte nach unten und schlüpfte in Philipps Büro. Sie lehnte die Tür an und zog hastig die Schreibtischtüren auf. Auf der rechten Seite stand weit nach hinten geschoben der Stahlschrank. Der kleinere der Schlüssel passte mühelos, und sie öffnete ihn: Papiere, viel Bargeld, Dokumente, noch mehr Papiere, eine Kassette. Charlotte zitterte vor Anspannung und lauschte kurz in Richtung Flur. Wenn er mich erwischt oder Simon auf einmal in der Tür steht, bin ich tot!
Sie schob den Deckel der Kassette zurück: Mehrere Schlüssel mit säuberlich beschrifteten Anhängern waren ordentlich nebeneinander gelegt, der zweite Generalschlüssel war mit Tesafilm am Deckelboden befestigt. Sie löste ihn vom Klebestreifen, griff in ihre Hosentasche und befestigte statt seiner einen ähnlich aussehenden alten Wohnungsschlüssel. Bei genauerem Hinsehen würde einem aufmerksamen und misstrauischen Typen wie Philipp auffallen, dass er anders aussah, aber die Wahrscheinlichkeit einer intensiven Überprüfung war wohl zumindest in den nächsten Tagen eher gering – hoffte Charlotte zumindest. Sie verschloss Kassette, Stahlschrank, Schreibtisch und Bürotür und schlich atemlos nach oben. In ihrem Atelier versteckte sie den Schlüssel in einem Eimer mit Pinseln.
Als sie ins Wohnzimmer zurückkam, starrte Philipp sie aus rotgeränderten Augen an. Einen Moment lang hatte Charlotte das Gefühl, dass ihr Herz still stand.
„Wo warst du?“, fragte er undeutlich und griff sich verwirrt an den Kopf.
„In der Küche“, sagte sie und trat zu ihm. „Du bist tief und fest eingeschlafen.“
„Ja, scheint so … Ich glaub, ich muss ins Bett. Tut mir leid …“
Er grinste schief, stand auf und taumelte zur Tür. Mit dem zerzausten Haarschopf sah er für einen Moment wie ein kleiner Junge aus. Charlotte atmete tief durch. Später schrieb sie Paula und Tessy eine SMS und löschte sie anschließend aus dem Speicher.