7

 

Tessy hatte sich den Van ihrer Mutter ausgeliehen, weil sie nach tagelangem Parken in direkter Nähe des Antiquitätengeschäfts befürchtete, allmählich mit ihrem Wagen aufzufallen. Sie hatte gerade den Motor abgestellt und ihre Sachen bereit gelegt, als sie Charlotte am Fenster neben der Haustür entdeckte. Sie nahm an, dass es das Küchenfenster war.

Sommers Geliebte hielt eine Tasse in der Hand und spähte hinaus. Die Hoftür stand auf. In der Einfahrt parkte ein nagelneuer, aufdringlich glänzender Benz samt Anhänger. Philipp und ein Mann standen daneben und unterhielten sich angeregt. Tessy nahm ihr Fernglas zur Hand und beobachtete, dass Simon und Holger eine wuchtige Standuhr aufluden. Die Seitentüren des Wagens waren mit einer Werbeaufschrift versehen: Christoph Pohlmann – Kneipe – Café – Bar – Diskothek, darunter war etwas kleiner eine Adresse in Schöneberg angegeben, zu der Tessy Simon in den vergangenen Tagen schon einmal gefolgt war.

Tessy kannte den Laden – da war Tag und Nacht was los. Sie nahm ihre Kamera und machte rasch einige Fotos. Eine Aufnahme fing ein, wie Charlotte mit dunklem Blick dem Treiben auf dem Hof zusah. Als Tessy den Fotoapparat beiseite legte, wandte sich Charlotte plötzlich ab.

Eine Weile später fuhr der Benz mit seiner Ladung vom Hof. Tessy war sicher, dass ihre Auftraggeber dieser Geschäftsabschluss besonders interessieren würde. Sie überlegte gerade, Thomas Gärtner, den Wilmersdorfer Antiquitätenhändler und ihr Hauptansprechpartner bei ihrem Auftrag, vorab anzurufen, als das Tor erneut aufgeschoben wurde und Charlotte mit ihrem Fahrrad herauskam. Sie schwang sich in den Sattel und trat kräftig in die Pedale. Wenige Sekunden später war Simon mit seinem BMW zur Stelle und fuhr ihr langsam hinterher.

Tessy zögerte nur einen kurzen Moment. Dann folgte sie Simon, der Charlotte folgte. Fehlt eigentlich nur noch der junge Typ auf dem Roller, dachte Tessy – dann könnten wir eine Fahrgemeinschaft aufmachen.

 

Am Savignyplatz legte Charlotte eine Pause ein und setzte sich in ein Café. Tessy ergatterte einen Parkplatz auf der anderen Seite, während Philipps Mitarbeiter in einer Seitenstraße hielt. Zehn Minuten später verlor er das Interesse und brauste davon. Tessy überlegte gerade, sich ebenfalls einen Kaffee zu gönnen und einen Versuch zu starten, mit Charlotte ins Gespräch zu kommen, als die junge Frau mit dem aparten Gesicht und den dunklen Haaren das Café wieder verließ. Sie sah sich einige Male unauffällig um und radelte dann weiter.

Vielleicht hat sie tatsächlich noch einen anderen Lover … oder eine Lady, die sie verwöhnt. Das konnte man ihr nur wünschen. Tessy lächelte und grübelte einen Moment darüber nach, ob es sinnvoll oder auch nur vertretbar war, Philipps Freundin zu verfolgen – das war schließlich nicht ihr Auftrag. Andererseits musste man manchmal Umwege in Kauf nehmen, um ans Ziel zu kommen.

Sie gab sich einen Ruck und fuhr dann langsam hinter Charlotte her, die in flottem Tempo über die Bundesallee in Richtung Schöneberg radelte. Tessy pfiff leise vor sich hin, als ihr klar wurde, dass sie auf dem Weg zu Christoph Pohlmanns Lokal war. Dort angelangt, stieg Charlotte vom Rad und schloss es an. Tessy beobachtete im Vorbeifahren, dass sie die Kneipe aber nicht betrat, sondern um das Gebäude herumging. Als Tessy endlich einen Parkplatz gefunden hatte und eilig zurückgelaufen war, stand Charlotte unschlüssig in einer schmalen Toreinfahrt, die zum Hinterhof führte.

Tessy blieb in sicherer Entfernung stehen und beobachtete, wie Charlotte schließlich langsam weiterging. Dann verschwand sie im Hof, und Tessy rückte auf leisen Sohlen nach. Am Ende der Einfahrt blieb sie stehen und schob ihren Kopf vorsichtig um die Ecke.

Der Hof war zugestellt mit Müllcontainern, übereinander gestapelten Plastikstühlen und mehreren Autos. Eines davon war der Benz mit dem Anhänger. Die Standuhr war bereits abgeladen, wie Tessy bemerkte. Charlotte stand halb verdeckt neben einem Lieferwagen und behielt das rückwärtige Gebäude der Kneipe im Auge. Eine Tür schwang gerade auf. Der breite Rücken eines Mannes wurde sichtbar. Nach dem Rücken war zunächst ein Möbelstück erkennbar, das mit einer Decke verhüllt war, und dann ein zweiter Mann, der das andere Ende schleppte. Die beiden richteten ihre schwere Ladung in die Höhe und stellten sie neben die Plastikstühle an die Hauswand. Die Decke rutschte herunter, und Tessy erkannte eine Standuhr. Nein: die Standuhr.

Was soll das denn, fragte sich Tessy perplex, während einer der beiden die Decke mit einem Stück Schnur befestigte und sich dann mit einem beiläufigen Tritt von der Uhr verabschiedete. Ein dunkler Gong hallte durch den Hof, und die beiden lachten schenkelklopfend und verschwanden wieder im Haus.

Vielleicht ist sie kaputt, suchte Tessy nach einer halbwegs einleuchtenden Erklärung, oder sie passt nicht in das vorgesehene Zimmer. Und warum packen die das teure Stück dann einfach in den Hinterhof – noch dazu alles andere als umsichtig? Nur mit einer zerschlissenen Decke versehen? Eine Standuhr, die ganz sicher einige tausend Euro gekostet hatte.

Tessy schüttelte den Kopf und trat den Rückzug an. Als sie die Hofeinfahrt passiert hatte, bog sie um die Ecke zum Eingang des Lokals und blieb dort stehen. Sie musterte die ausgehängte Speise- und Getränkekarte, als Charlotte keine Minute später zu ihrem Rad ging. Tessy musterte sie von der Seite. Die Frau war blass und zutiefst in Gedanken versunken. Sie drehte ihr Fahrrad in die entgegengesetzte Richtung fuhr los.

Tessy sah ihr einen Moment hinterher, dann beschloss sie, eine Pause einzulegen und bei einem Milchkaffee die Geschehnisse Revue passieren zu lassen.

Der Laden war rappelvoll. Tessy ergatterte schließlich einen Platz in der Nähe der ständig auf- und zuklappenden Küchentür. Das war zwar nicht gerade gemütlich, aber besser als gar nichts. Ein junger Typ flitzte ständig zwischen Küche und Café hin und her, sammelte Geschirr ein und stellte saubere Teller und Tassen auf einem Servierwagen bereit. Tessy stutzte, als er zum dritten Mal an ihr vorbeieilte. Irgendetwas an ihm kam ihr bekannt vor.

Beim viertel Mal erhaschte sie einen direkten Blick auf seine Gesichtszüge.

Der Junge war ziemlich bleich und wirkte erschöpft. Plötzlich erkannte Tessy ihn: Das war der Bursche mit dem Motorroller!

Sie war verdutzt und trank eilig ihren Kaffee aus. Dann winkte sie ihm freundlich zu.

„Kannst du mir gleich noch einen bringen?“, fragte sie, als er das nächste Mal an ihr vorbeieilen wollte.

„Klar.“

Fünf Minuten später brachte er Tessys Bestellung. Sie blickte auf sein Namensschild. „Danke, Mark.“

Er lächelte zurückhaltend. „Keine Ursache.“

„Wann ist eigentlich deine Schicht hier zu Ende?“, fragte Tessy.

Er reagierte verdutzt. „Ähm … bald, aber …?“

Tessy grinste. „Keine Sorge. Es ist nichts Persönliches, und ich will dich auch nicht anmachen. Aber ich würde gerne ein paar Worte mit dir wechseln.“

Er trat von einem Bein aufs andere und strich sich eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht. „Worum geht es denn?“

„Um Antiquitäten.“

Die Reaktion war bemerkenswert. Marks Augen weiteten sich, er trat einen Schritt zurück und starrte sie entsetzt an. „Wie bitte?“

Tessy runzelte die Stirn. „Antiquitäten“, wiederholte sie leise und musterte ihn aufmerksam.

„Keine Ahnung, was du willst. Damit kenne ich mich nicht aus“, entgegnete er abweisend.

„Nein? Kennst du den Laden von Philipp Sommer?“

Erneut zuckte Mark zusammen, als hätte sie ihn geohrfeigt. Dann kam er zurück an ihren Tisch und beugte sich zu Tessy herab.

„Lass mich bitte in Ruhe, okay?“, flüsterte er. Er hatte tiefe Ringe unter den Augen, in denen plötzlich Panik stand.

„Wie du willst“, gab Tessy gleichmütig zurück.

Sie bezahlte, stand auf und ging. Draußen stellte sie sich in die Hofeinfahrt und wartete. Sie nahm ihr Handy und rief zunächst Dirk Hanter an.

„Du musst mir einen Gefallen tun“, erklärte sie ohne Umschweife.

„Muss ich?“

„Natürlich. Du kannst dir sicher sein, dass ich mich revanchiere.“ Sie lächelte, als Dirk sich räusperte.

„Christoph Pohlmann hat in Schöneberg eine große gut gehende Kneipe samt Café-, Disko- und Barbetrieb. Kannst du mal nachforschen, was der Knabe sonst noch so macht?“

„Was hast du denn mit dem zu tun? Ich denke, du bist jetzt in den feinen Kreisen der Antiquitätenhändler unterwegs.“

„Mal sehen, wie fein die wirklich sind. Wie es aussieht, ist Pohlmann Kunde bei Antiquitäten-Sommer.“

„Warum auch nicht? Er wird mit seinem Laden wohl gut genug verdienen, um sich was Hübsches leisten zu können. Und auf alt stehen viele.“

„Mag sein“, erwiderte Tessy. „Aber hier stimmt was nicht. Einzelheiten erzähle ich dir später. Noch was: Ist ein junger Typ namens Mark Reitner mal auffällig geworden?“

„Du weißt aber schon, dass ich auch sonst genug zu tun habe …“

„Ich weiß, Herr Kommissar. Du kannst auch gerne zweimal ran. Ich hätte sozusagen rein gar nichts dagegen einzuwenden.“

„Du bist einfach …“

„Unmöglich. Ich weiß. Danke dir schon mal.“ Tessy lächelte. „Ich muss jetzt Schluss machen. Bis später.“

Sie unterbrach die Verbindung, als sie Mark aus dem Lokal kommen sah. Er sah sich kurz um und eilte über die Straße. Tessy wartete einen Moment, dann lief sie ihm hinterher. Er hatte die Hände tief in seine Hosentaschen vergraben. Sie schloss zu ihm auf. „Hey.“

Mark zuckte zusammen und blieb abrupt stehen. Er war kalkweiß im Gesicht. „Scheiße – lass mich in Ruhe!“ Damit ging er eilig weiter.

Tessy blieb neben ihm. „Worum schiebst du so eine Panik? Ich will doch nur eine Auskunft …“

Mark lachte unfroh auf und warf ihr einen unfreundlichen Seitenblick zu.

„Kapierst du immer noch nicht …?“

„Nein! Erklär es mir!“

„Ich erklär dir gar nichts – außer: Verpiss dich und …“

„Ich hab dich vor Sommers Laden gesehen und eben in dem Café: rein zufällig …“

„Zufällig? Willst du mich verarschen? Es gibt keine Zufälle.“

Mark blieb wieder stehen und stellte sich dann vor das Schaufenster einer Drogerie. Er lehnte den Kopf dagegen und schloss kurz die Augen.

„Hau einfach ab“, flüsterte er. „Glaub mir, es bringt Unglück, über Sommer und sein Geschäft zu reden.“

„Wie meinst du das?“

Er wandte ihr das Gesicht zu. „Egal, wie ich das meine. Ich rede nie wieder über …“

„Okay, okay“, unterbrach sie ihn kurzerhand. „Nur damit wir uns nicht missverstehen: Ich weiß nicht viel, aber könnte es sein, dass der Kerl Dreck am Stecken hat? Und Simon genauso.“

Mark schwieg. Sein schneller Atem beruhigte sich ein wenig.

„Vielleicht sind wir auf der selben Seite, ohne es bislang zu wissen“, fügte Tessy hinzu.

Mark schluckte. „Mag sein, aber … Man kann sich schnell die Finger verbrennen – bei den Typen sowieso.“

„Wie meinst du das?“

Er machte eine abwehrende Handbewegung, dann gab er sich einen Ruck und lächelte tieftraurig. „Als ich das letzte Mal über Sommer und seine Geschäfte gequatscht habe, ist kurz darauf mein Freund gestorben.“

Tessy atmete tief durch. „Verstehe ich das richtig: Willst du andeuten, dass dein Freund von denen ermordet wurde?“

Mark biss sich auf die Unterlippe.

„Was sagt denn die Polizei dazu?“

Er schüttelte den Kopf und winkte ab. „So blöd sind die nicht. Sie haben es aussehen lassen, als hätte er sich eine Überdosis verpasst.“

Das glaube ich jetzt nicht, dachte Tessy. Sie starrte Mark sekundenlang perplex an.

„Hör mal gut zu, Mark: Wenn dein Freund Robin hieß, sollten wir uns unbedingt in aller Ruhe unterhalten. Den kenne ich nämlich auch.“