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Seit Jahren bestand Simons Hauptaufgabe darin, dafür Sorge zu tragen, dass alles reibungslos lief. Und wenn Sand ins Getriebe geriet, hatte er es zu beseitigen – effizient und diskret. Nach Möglichkeit ohne Philipp damit zu belästigen. Es gab überall schwarze Schafe, denen auf die Finger geklopft werden musste, damit sie nicht übermütig wurden, auch unter den Partnern in Bulgarien. Oder unter den Stammkunden. Hin und wieder war es nötig, ihnen zu zeigen, wer der Herr im Hause war. Und manchmal tauchte jemand auf, der sich für besonders schlau hielt. So jemand wie Rob zum Beispiel.

In den letzten Tagen war ihm allerdings mehrfach der Gedanke gekommen, dass er mit dem Mord überhastet reagiert hatte. Dieser verwahrloste Lümmel mit seinem aufreizenden Grinsen hatte ihn für Momente konfus gemacht. Statt ihm zunächst die richtigen Fragen zu stellen und ihn dann verschwinden zu lassen, hatte er geglaubt, es sei besser, sofort Nägel mit Köpfen zu machen und den Kerl im nächsten Augenblick zu vergessen. Was war er schon? Ein Junkie, der durch einen dummen Zufall etwas Wichtiges erfahren hatte. Aber es gab keine Zufälle. Schon gar nicht seit Charlotte da war. Sie war nicht gut für Philipp, und Simon traute ihr nicht über den Weg. Aber Philipp wischte seine Bedenken bislang beiseite und behauptete, die Kleine im Griff zu haben. Er wüsste genau, was die brauche, entgegnete er stets anzüglich grinsend. Simon war und blieb misstrauisch. Insgeheim wartete er nur darauf, sie dabei zu erwischen, wie sie Philipp hinterging. Windelweich würde er sie prügeln, bis sie wimmernd vor ihm lag.

Simon hatte schon immer gerne zugeschlagen, und niemand musste ihm erzählen, dass er gewalttätig war, weil er einen prügelnden Vater und eine üble Kindheit gehabt hatte. Das Wissen um den Zusammenhang änderte aber nichts an seinen Gelüsten. Er fühlte sich machtvoll und stark, und sein muskulöser Körper machte ihm besondere Freude, wenn er seine Fäuste gebrauchte.

Bei Chripo hatte er gelernt, sich zu kontrollieren und seine Kräfte nur einzusetzen, wenn es unumgänglich war. Betrunkene Gäste, die herumpöbelten, wurden nicht verprügelt – sie sollten schließlich ihren Rausch ausschlafen und wiederkommen. Doch ein Schuldner, der nach der zweiten Verwarnung immer noch zahlungsunwillig war, durfte nachdrücklich an seine Pflichten erinnert werden.

Der erste gemeinsame Eintreiberjob mit Karsten, den alle nur den Langen nannten, war ein denkwürdiges Erlebnis für Simon gewesen. Chripo hatte sie gemeinsam auf einen jungen Dealer angesetzt, der seine letzten beiden Lieferungen nicht bezahlen konnte oder wollte. Simon war zunächst misstrauisch. Warum traute Chripo ihm nicht zu, alleine mit dem Typen fertig zu werden? Als sie den Burschen dann vor einer Kneipe aufgegabelt und in einen dunklen Hinterhof gezerrt hatten, dämmerte ihm langsam, was es bedeutete, wenn Chripo von der „besonderen Behandlung“ sprach. Nach einigen deftigen Fausthieben blutete der Typ aus Nase und Mund und rappelte sich nur mühsam wieder auf. Der Lange gab ihm einen Schubs, so dass er Simon in die Arme stürzte.

„Halt ihn fest“, sagte der Lange.

Simon drehte ihm die Arme auf den Rücken, weil er dachte, dass sein Partner ihm in den Unterleib schlagen wollte, aber der Lange schüttelte den Kopf. „Nee. Dreh ihn um und halt ihn fest.“

Simon verstand immer noch nicht. Der Lange schüttelte den Kopf, packte den Burschen und warf ihn zu Boden. Dann nahm er ein Messer und schlitzte ihm die Hose am Gesäß auf. Simon blieb stocksteif stehen, als der Lange sich zwischen die Beine des Jungen kniete und ihm den Mund zuhielt. Er drehte sich zu Simon um und grinste. „Na, soll ich dir was übrig lassen?“

Simon spuckte auf den Boden. Aber der Lange lachte nur. Simon drehte sich hastig weg und riskierte dann doch einen langen Seitenblick. Der Junge schrie unterdrückt, während der Lange ihn genussvoll stöhnend fickte. Und sich Zeit ließ. Viel Zeit.

Später ging Simon selbst dazu über, immer mal wieder die „besondere Behandlung“ anzuregen. Meist wurde jungen Kerlen mit dieser im wahrsten Sinne des Wortes eindringlichen Methode auf die Sprünge geholfen, hin und wieder auch Frauen. Der Lange nahm sie sich dann genauso vor wie die Jungen. Häufig filmte Simon die Szene, um sie sich immer wieder anzusehen und die Opfer daran zu erinnern, was ihnen blühte.

Niemand machte sich Simon ungestraft zum Feind. Einige Monate bevor er Philipp zum ersten Mal begegnet war, hatte sich sein damaliger Kollege Rolf, ein smarter Barkeeper, einen bösen Streich mit ihm erlaubt. Er hatte ihm eine junge, zarte Hure empfohlen, die absolute Spitzenklasse sein sollte. Rolf pries sie und ihre Liebesdienste so vollmundig an, dass Simon neugierig wurde und einen Kontakt herstellen ließ.

Maria war in der Tat ungewöhnlich – fast zerbrechlich zart, mit großen dunkelblauen Augen und einem hellen Teint. Sie war bereit, zu ihm ins Auto zu steigen und ihm ohne Aufpreis einen zu blasen. Simon fuhr in eine Nebenstraße, und Maria verstand in der Tat etwas von ihrem Geschäft. Als Simon fertig war, nahm sie ihr Geld, grinste ihn verschmitzt an und stieg aus. Er grinste zurück und kurbelte das Fenster herunter, als sie dagegen klopfte.

„He, Süßer, ich hoffe, wir sehen uns bald mal wieder.“

Simon nickte. „Warum nicht? Du gefällst mir.“

Maria trat zwei Schritte vom Auto zurück und hob plötzlich ihr Kleid.

„Vielleicht hast du ja mal Lust, die Rollen zu tauschen?“

Simon starrte auf Marias Strumpfhose, die sich im Schritt verdächtig ausbeulte. Sie fasste in ihre Hose und brach in brüllendes Gelächter aus. „Nenn mich besser Mario, Kleiner!“

Simon hatte das Gefühl, innerlich zu vereisen. Er kurbelte das Fenster wieder hoch und startete den Wagen. Zeit, lass dir um Himmels willen Zeit, hämmerte es in seinem Kopf. Nichts überstürzen! Knapp drei Wochen später wurde Rolf Opfer eines Überfalls direkt vor seiner Haustür. Papiere und Geld wurden ihm gestohlen, und er war übel zugerichtet. Wie übel wusste nur Simon. Rolf kündigte kurz darauf seine Stelle bei Chripo. Wie es hieß, hatte er neuerdings Angst, allein im Dunkeln nach Hause zu gehen.

Wenn Charlotte ein falsches Spiel trieb, würde es ihr ganz ähnlich ergehen.