15
Simon hatte Philipp zwei Tage vor ihrer Tour nach Süddeutschland den Vorschlag unterbreitet, die Werkstatt mit einer Überwachungskamera zu sichern und die Jungs anzuweisen, ein Auge auf Charlotte zu werfen. Außerdem war er dafür, gleich am Samstag nach Berlin zurückzukehren und die Auktion in Nürnberg sausen zu lassen. Philipp war nicht begeistert gewesen und hatte erst nach einigem Überlegen zugestimmt, ihre Pläne zu ändern und zügig zurückzukehren. Er bestand jedoch darauf, dass er auf dem Rückweg in Dessau noch einen wichtigen Geschäftspartner besuchte, der ihm ein interessantes Möbelstück angeboten hatte. Zudem hätte Simon Charlotte nach dieser Aktion in Ruhe zu lassen.
Kein Problem, hatte Simon gedacht, denn diesmal war sie dran.
Das Geschäft mit Krüger war wie besprochen abgewickelt und Philipp mit dem Transporter längst wieder auf der Autobahn, während Simon auf einen abgelegenen Parkplatz fuhr. Er packte den Bargeldanteil des Kaufpreises in eine Folie, umwickelte diese mit öligen Putzlappen und verstaute das Ganze sorgfältig im Deckel des Werkzeugkoffers. Er wollte gerade den Motor starten, als der Lange anrief, um ihn darüber zu informieren, dass bislang alles ruhig war. Charlotte wäre lediglich einkaufen gewesen. Wir werden sehen, wie lange noch, dachte Simon.
Als er Stunden später auf den Berliner Ring fuhr, meldete sich der Lange erneut. Diesmal mit brisanten Neuigkeiten: Charlotte hatte Besuch bekommen, und außerdem stand jemand vor dem Haus Schmiere. Simon ließ sich die Person beschreiben. Paula, dachte er. Noch so ein Miststück.
„Unsere ehemalige Bürohilfe“, meinte er knapp. „Schnappt sie euch alle und sperrt sie in den Keller!“, befahl er in heiserem Ton. „Überprüft die Handys und schaltet sie dann aus. Aber: keine überstürzte Aktion! Niemand soll was mitkriegen. Lasst euch Zeit und handelt überlegt. Ich informiere Philipp und bin bald da.“ Und dann Gnade euch Gott.
Er kappte die Verbindung und rief Philipp an.
„Ich bin’s“, sagte er leise und sachlich. „Ich bin schon auf dem Berliner Ring. Der Lange hat sie tatsächlich erwischt – Charlotte, Paula und noch eine Freundin. Wie schnell kannst du hier sein?“
Philipp sagte zunächst gar nichts und dann: „Ich brauche zirka eine halbe Stunde länger als du, aber ich beeile mich.“
Simon gab sich Mühe, achtsam zu fahren. Sein Hass war ebenso groß und glühend wie sein Triumph. Er verabscheute Charlotte, und nichts würde ihm größeres Vergnügen bereiten, als Philipp endlich zu beweisen, dass er die ganze Zeit über Recht gehabt hatte.
Plötzlich musste Simon an jene Nacht denken, als sie sich gemeinsam eine Frau gegönnt hatten. Das war viele Jahre her, und sie hatten jede Menge Koks geschnieft, aber die Erinnerung daran war frisch und löste immer noch ein wehmütiges Ziehen in ihm aus. Sie war eine von den teuren Prostituierten gewesen, die Philipp in einer schummrigen Bar an die Wäsche gegangen war. Simon hatte neben seinem Freund gesessen und gesehen, wie seine Zunge in ihr Ohr geschlüpft war und ihre Hand seinen Reißverschluss geöffnet hatte. Philipp hatte sich zu ihm umgedreht und mit leicht geöffnetem Mund gelächelt, direkt in Simons Augen hinein, während die Frau seinen Schwanz rieb.
„Na, was ist – nehmen wir sie uns gemeinsam vor?“, hatte er gefragt.
Simon hatte mit feuerroten Wangen genickt. Wenig später waren sie zu dritt in einem Hinterzimmer der Bar. Die Hure kniete auf dem Bett, und Philipp besorgte es ihr mit aller Kraft von hinten, während Simon ausgestreckt vor ihr lag und sie ihm gleichzeitig einen blies. In Philipps Rhythmus. Danach hatte er sie gefickt, während Philipps Schwanz tief in ihren Mund eintauchte. Simon wischte die eindringlichen Bilder rasch beiseite. Der Lange, dachte er und fing an zittern. Charlotte würde Bekanntschaft mit den Methoden des Langen machen.
Zwanzig Minuten später traf er in Schmargendorf ein. Sicherheitshalber parkte er etwas abseits. Er eilte zum Geschäft. Als er in der Werkstatt die Luke zum Keller öffnete, war ihm schwindelig vor Wut. Die Frauen lagen gefesselt auf dem Boden, drei Augenpaare blickten ihm angstvoll entgegen. Sie hatten allen Grund dazu. Er kletterte nach unten und hockte sich vor Charlotte.
„Du Miststück!“, zischte er. „Wir machen dich fertig. Und deine Freundinnen gleich mit. Dein Schatz wird gleich hier sein. Ich denke, du kannst dir ungefähr vorstellen, was dann so abgeht.“
Sie rührte sich nicht und drehte den Kopf zur Seite. Simon schlug ihr mit voller Kraft ins Gesicht. „Sieh mich an, wenn ich mit dir rede!“
Eine der beiden anderen Frauen trommelte mit den Füßen auf den Boden. Simon hob den Kopf und grinste sie an. „Keine Sorge, um dich kümmern wir uns auch noch. Und Paula wird auch nicht vergessen. Aber alles zu seiner Zeit.“
Er drehte sich um, zog sich einen Schemel heran und nahm Platz. „Glaubst du wirklich, wir lassen uns das Geschäft von einer kleinen Schlampe wie dir kaputt machen? Das hast du nicht tatsächlich angenommen, oder?“
Charlotte schüttelte langsam den Kopf. Sie zuckte heftig zusammen, als Simon plötzlich aufstand. Das gefiel ihm. „Wie wäre es mit einem kleinen Zeitvertreib, während du auf Philipp wartest?“
Der Keller war nicht groß, aber geräumig. An einer Wand standen ein Tisch und zwei hohe Schränke. Simon ging auf einen zu und öffnete die Türen. Dahinter kam ein Fernseher zum Vorschein. In mehreren darüber liegenden Fächern reihten sich DVD’s aneinander. Simon nahm eine zur Hand und legte sie in den Rekorder ein. Er griff nach der Fernbedienung und ging wieder zu Charlotte zurück. Dabei fuhr er sich mit der Zunge über die Unterlippe.
„Damit euch beim Warten nicht so langweilig wird“, erklärte er. „Es sind nette Filme über die verschiedenen Möglichkeiten, was gut gebaute Kerle alles mit einer Frau anstellen können. Und nur so nebenbei bemerkt: Die Aufnahmen sind nicht gestellt.“
Er startete die Wiedergabe und stellte den Ton laut. Zwei Männer machten sich über eine Frau her, die sich heftig wehrte. Simon spürte, dass er einen Ständer bekam, als er ihre Schreie hörte. Er kannte die Sequenzen in und auswendig. Er wusste, dass die Frau in wenigen Minuten einen Schwanz im Mund haben würde und den zweiten im Hintern. Und das gefiel ihr gar nicht … Simon ging schwer atmend nach oben und verschloss die Luke.
Während der Lange und sein Kollege in der Werkstatt zurückblieben, ging Simon nach vorne ins Geschäft, um auf Philipp zu warten. Er war siegesgewiss und aufgeregt zugleich und rieb sich die Hände, als er endlich den Transporter vorfahren hörte. Kurz darauf betrat Philipp mit eiligen Schritten das Haus.
„Wo ist der Wagen?“, fuhr er Simon ohne Begrüßung an. Er sah bleich und abgehetzt aus.
„Ich habe ihn weiter unten an der Straße geparkt, weil ich …“
„Du weißt, dass ich das überhaupt nicht schätze!“
Simon war perplex. Er hatte sich die Begrüßung ein wenig anders vorgestellt.
„Ich hole ihn gleich, mach dir keine Sorgen“, versicherte Simon eilig.
„Ist der Werkzeugkoffer wenigstens schon im Haus?“
Simon schluckte. Er hatte anderes im Kopf gehabt. „Können wir das nicht später erledigen?“
Philipp bekam einen schmalen Mund. Er ließ den Blick kurz über die teuren Möbel schweifen, dann verschränkte er die Arme vor der Brust und nickte langsam. „Okay, also, was ist los? Wo ist Charlotte?“
„Wollen wir nicht in dein Büro gehen?“
„Warum? Sag endlich, was passiert ist.“ Er setzte sich auf einen zweihundert Jahre alten Lehnstuhl.
Simon steckte die Hände in die Hosentaschen und blieb stehen. Das hörte sich verdammt ungeduldig an. Entnervt. Er lächelte betont munter. Gleich wird sich das Blatt wenden.
„Na gut, wie du meinst, bleiben wir eben hier“, sagte er rasch. „Wie ich vorhin schon sagte – der Lange hat sie auf frischer Tat erwischt.“
„Was heißt das im Klartext?“
„Sie ist mit einer Freundin in die Werkstatt geschlichen und hat den Keller entdeckt, während Paula draußen Schmiere gestanden hat.“
Endlich, dachte Simon, als Philipp ihn wortlos anstarrte und tief Luft holte. Jetzt kommst du langsam in Schwung.
„Sie hat die Schlüssel gehabt und wusste sehr genau, wo sie suchen musste. Ich denke, wir werden ihr bei einer intensiven Befragung die Einzelheiten ihrer Suche entlocken können. Und natürlich auch in Erfahrung bringen, wer unter Umständen noch mit von der Partie ist. Das halte ich für besonders wichtig.“ Simon spürte, wie ihm siedend heiß wurde. Seine Wangen brannten. Er lächelte.
„Das ist ja unglaublich“, sagte Philipp leise. Er griff in seine Hosentasche und überprüfte seine Schlüssel. „Ich verstehe das nicht …“
„Ich habe dir von Anfang an geraten, vorsichtig zu sein“, unterbrach Simon ihn und ließ den Triumph in seiner Stimme für einen Moment ungezügelt mitschwingen. „Sie ist eine Wölfin im Schafspelz.“
Philipp erhob sich und begann auf und ab zu gehen. „Nur keine Panik. Wir müssen in Ruhe überlegen, was zu tun ist.“
Simon lachte kurz auf. „Na, du bist gut. Ich schaue ihr seit Monaten auf die Finger. Du wiegelst immer wieder ab, jetzt liefere ich dir den endgültigen Beweis, und du rätst mir immer noch, ruhig zu bleiben. Das ist ja fantastisch!“
Philipp blieb stehen und wandte sich zu ihm um.
„Trotzdem bringt es nichts, jetzt durchzudrehen“, erklärte er. „Wir müssen den Schaden begrenzen, so gut es eben geht.“
Simon lächelte. „Klar, aber um das tun zu können, müssen wir sehr genau wissen, woran wir sind. Ich denke, wir werden sie schon zum Reden bringen.“
Philipp kam näher. „Wie meinst du das?“
„Ich habe ihr gesagt, dass du gleich kommst und …“
„Wo ist sie jetzt?“
„Na, im Keller – hab ich das nicht gesagt? Ich habe alle drei unten einsperren lassen. Dort sind sie gut aufgehoben.“
Philipp wandte den Blick ab, und plötzlich dämmerte es Simon: Der Freund war nicht fähig, seine Kleine ernsthaft unter Druck zu setzen. Nicht mehr jedenfalls. Er fühlte wirklich etwas für sie. Simon wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Das komplizierte die Sache etwas. Aber nur etwas. Und es brachte auch seine Vorteile, wenn Philipp nicht dabei war. Sie wird vor mir auf den Knien liegen und winseln.
„Okay, ich kann es alleine machen, oder auch zusammen mit dem Langen. Überlass sie mir für eine Weile, und wir haben alle Informationen, die wir brauchen. Und ich lasse sie dann auch wegbringen. Du brauchst dich nicht darum zu kümmern.“
Philipp kam noch zwei Schritte näher. Einen Moment lang dachte Simon, dass er ihm auf die Schulter klopfen wollte, aber Philipp stemmte die Hände in die Hüften. „Wie meinst du das? Wohin willst du sie bringen lassen?“
Simon war verdattert. Verstand Philipp wirklich nicht, worum es hier ging? Ihre gesamte Existenz stand auf dem Spiel. Wegen dieser neugierigen Schlampe. Partner, du hast dich wohl um den Verstand gevögelt.
„Ist dir gar nicht klar, was hier los ist?“, fragte Simon leise und hielt Philipps Blick stand. „Wir haben uns gemeinsam mit allen Finten und Finessen ein Geschäft aufgebaut, und nun willst du wegen einer Frau das Risiko eingehen, dass alles wie ein Kartenhaus zusammenkracht? Das kann ich nicht wirklich glauben. Endlich läuft es wie am Schnürchen – das Zeug wird geliefert, ohne dass wir uns großartig die Hände schmutzig machen müssen, die Partner in Bulgarien spuren, wir bleiben die Saubermänner und verkaufen nette Antiquitäten. Alles ist wunderbar arrangiert, und wir verdienen uns goldene Nasen. Es gibt einen Kreis von Stammkunden, und alle sind zufrieden. Sehr zufrieden sogar. Du bist doch sonst nicht so zimperlich, und meine Aufgaben, auch die groben, kennst du doch. Was ist auf einmal in dich gefahren?“
„Ja, ich kenne deine Aufgaben. Du haust ganz gern mal drauf. Das ist auch okay, wenn es nötig ist – wir sind hier schließlich nicht im Kindergarten oder bei der Heilsarmee, aber du kannst doch nicht drei Frauen …“
„Was aber? Wach auf Philipp, wir sind ein richtig gutes Team, und wenn wir es bleiben wollen, müssen wir hart durchgreifen! Jede Schwäche, die wir durchgehen lassen, jeder kleine Aussetzer kann uns zum Verhängnis werden. Wir müssen handeln, bevor es zu spät ist, und das heißt in diesem Fall: sofort.“
Philipp atmete schnell. „Verstehe ich dich richtig – du willst die Frauen über die Klinge springen lassen?“
Simon klopfte das Herz bis zum Hals. „Mann – es bleibt uns doch gar nichts anderes übrig! Sie haben alles gesehen. Worauf willst du denn noch warten?“
„Wie oft hast du das schon gemacht? Wie viel Leichen gibt es denn inzwischen?“
Philipp war auf einmal weiß wie ein Laken, und seine dunklen Augen erschienen unnatürlich groß.
In Simon stieg eine seltsam schwerelose Verzweiflung empor, ein schmerzhafter Schauer, der direkt aus dem Herzen zu kommen schien.
„Da war dieser Junge: Rob – eigentlich Robin, wie ich später seinem Ausweis entnehmen konnte. Er war hier im Geschäft, grinste mich unverschämt an und wollte Stoff haben“, sagte er leise. „Stell dir das mal vor.“ Simon schüttelte den Kopf. „Er muss durch einen dummen Zufall etwas erfahren haben. Das ist noch nicht lange her. Ich habe ihm eine Überdosis verpasst. Es ging nicht anders. Und noch was: Der wohnte in der Friesenstraße, neben Charlotte. Noch so ein Zufall, den ich entdeckt habe, als ich überprüfen wollte, ob Charlotte noch Post an ihre alte Adresse bekommt. Ich wünschte, ich wäre nicht so voreilig gewesen, sondern hätte ihn zunächst genauer unter die Lupe genommen, aber dazu ist es jetzt zu spät.“
Simon ließ sich auf einen Stuhl fallen. Er ertrug Philipps Blick nicht mehr. „Niemand hat etwas gemerkt“, fügte er hinzu.
Philipp fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht.
„Meine Güte, meine Güte“, sagte er leise. „Von all dem hatte ich keine Ahnung. Warum hast du mir nichts gesagt?“
„Es war mein Job, nicht deiner.“ Simon hob den Kopf. „Ich hab’s für dich getan. Für uns, verstehst du?“ Er stand auf und streckte eine Hand nach Philipp aus. „Sag, dass du mich verstehst. Bitte!“
Philipp ließ die Hände sinken und wich zwei Schritte zurück. Er schüttelte den Kopf. „Du bist ja vollkommen irre! Fass mich bloß nicht an!“
Simon atmete schwer. „Sag das nicht noch mal! Das habe ich nicht verdient. So kannst du nicht mit mir reden. Nach allem, was ich für dich, für uns getan und gewagt habe.“
Philipp schüttelte den Kopf. „Und ob ich das noch mal sage – du bist völlig durchgeknallt! Warum habe ich das nur nicht eher gemerkt? Und tu mir einen Gefallen, Kumpel: Mach jetzt bloß nicht auf sentimental!“
„Sentimental?“, wiederholte Simon fassungslos.
„Ja. Und wie. Sentimental und schwul. Das ist ja widerlich!“
Simon blinzelte. Irgendwas brach in ihm entzwei, während es für einen Moment ganz still wurde. Dann schlug er so schnell und hart zu, dass Philipp keine Möglichkeit einer Gegenwehr blieb. Er kippte wie gefällt nach hinten und knallte mit dem Nacken auf den Rand des Kassentresens. Als er zu Boden stürzte, verdrehten sich seine Augen nach oben. Dann war es still.
Was für wunderschönes Gesicht. Und so weich auf einmal. Simon bückte sich nach einem endlosen Moment zu ihm herunter und streichelte es verträumt.
Simon musste es alleine zu Ende bringen. Aber jetzt würde Charlotte für alles bezahlen. Und es würde ein verdammt hoher Preis werden.